September 2012

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Adele

Sehr geehrte Frau Scharrelmann,

vielen Dank für Ihre Einladung zu der von Ihnen „Veranstaltung gegen Rechts“ genannten Podiumsdiskussion am 10. Oktober im Lagerhaus. Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir diese Veranstaltung nicht besuchen werden, im Gegenteil: Wir möchten Sie dazu auffordern, diese Veranstaltung abzusagen.

Wir fragen uns, wie ausgerechnet die SPD etwas gegen „Rechts“ tun will. Der Bremer Innensenator, ein Sozialdemokrat der alten Schule, hat kürzlich erklärt, es sei „keine politische Tat, wenn jemand alkoholisiert ,Sieg Heil‘ ruft.“ Der rassistisch motivierte Brandanschlag in Woltmershausen ist laut Kamerad Mäurer „kein klassisches Delikt rechtsradikaler Täter“ gewesen. Die Frage ist nun, Frau Scharrelmann, über welches „Rechts“ Sie denn sprechen wollen, wenn Leute, die „Sieg heil!“ und „Ausländer raus!“ rufen und dann versuchen, mitten in Bremen ein Haus voller Menschen anzuzünden, offensichtlich nicht als rechts, nicht einmal als politisch gelten. Gibt es dann überhaupt noch Rechte in Deutschland?

Nun sind Sie nicht Herr Mäurer, Frau Scharrelmann, aber das tut hier wenig zur Sache: Schließlich sind es die Fraktionen der SPD und der Grünen, die diesen Mann im Amt halten.

Und dabei ist die Verharmlosung rechter Möchtegern-Mörder auch in diesem Fall noch nicht alles. Bremer Polizei und Innensenator setzen die spätestens seit den NSU-Morden bekannte deutsche Tradition fort, Opfer rechter Gewalt nicht nur nicht zu schützen, sondern im Anschluss auch noch zu beleidigen. So wurde der Familie aus Woltmershausen empfohlen, doch einen Eimer Wasser als Schutz gegen einen weiteren Brandanschlag bereit zu stellen – mehr wollte die Bremer Polizei für diese Menschen nicht machen. Herr Mäurer bezichtigt die Opfer in dieser Sache nun der Lüge – nachdem er den Brandanschlag zuvor auf die „schwierigen“ Verhältnisse in der Nachbarschaft zurückgeführt und die rassistische Tat damit als irgendwie begründet verharmlost hatte. Nicht zum ersten Mal verteidigte Herr Mäurer das Vorgehen der Polizei, dass man ebenfalls nur als rassistisch bezeichnen kann: Statt die Täterinnen und Täter erst mal in der Zelle schmoren zu lassen, wie es bei einem versuchten Totschlag üblich ist, durften sie nach einer Blutprobe wieder gehen.

So lange die grüne und die sozialdemokratische Fraktion diesen Mann und seine Polizei damit beauftragen, für die Sicherheit der Menschen in Bremen zu sorgen, sollten Sie zumindest den Anstand besitzen, auf die Ausrichtung von „Veranstaltungen gegen Rechts“ zu verzichten, Frau Scharrelmann.

Nun haben Sie sich, und das ist politisch sicher ganz clever, ein anderes Thema als den rassistischen Anschlag in Pusdorf für Ihre Veranstaltung ausgesucht. Sie fragen jetzt: „Wie verhindern, dass Neonazis die Bremer Fanszene unterwandern.“ Wir würden gerne unterstellen, dass das gut gemeint ist, in erster Linie ist es allerdings blanker Unsinn: Die Bremer Fanszene besteht entgegen Ihrer offenkundigen Annahme nicht aus naiven Idioten, die von einer klandestinen „Unterwanderung“ durch perfide Nazi-Kader bedroht sind. Im Gegenteil, die Fanszene und insbesondere die Ultraszene tun seit Jahren, worüber Sie jetzt reden wollen.

Von einer Fanszene, die selbst Subjekt antifaschistischer Arbeit ist, ist im Einladungstext aber nichts zu lesen. Stattdessen wollen Sie diskutieren, „wie die Politik die Vereine bei ihrer Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung unterstützen kann“. Sehen wir mal ab davon, dass der maßgebliche Verein in dieser Stadt eine millionenschwere Firma ist und kein kleines, selbstorganisiertes Projekt mit dem Ziel, Sport zu treiben – auch sonst hat die Fragestellung mit der Realität nichts zu tun. Schon bevor der SV Werder nach dem Angriff auf antifaschistische Fans im Ostkurvensaal aufgewacht ist, haben zwei Ultragruppen mit dem angefangen, worüber Sie jetzt diskutieren lassen wollen – genau deswegen sind sie angegriffen worden. Und Ihr bescheuerter Justizapparat hat es auch nach Jahren nicht hingekriegt, die Neonazis für ihr Treiben angemessen zu belangen. Stattdessen liefen die stadtbekannten Neonazis wie die Könige durch das Bremer Amtsgericht und konnten ungehindert weitere Drohungen aussprechen. Sie wissen, dass ihnen vom sozialdemokratischen Establishment in Bremen keine Gefahr droht.

Das Gute ist: Im Stadion von Werder Bremen können Nazis sich schon lange nicht mehr erlauben, was sie sich im Amtsgericht von Mäurer, Picard und Co erlauben. Denn im Stadion ist couragierten Leuten genau das gelungen, worüber Sozialdemokraten jetzt großspurig diskutieren wollen: Während vor zehn Jahren rassistische und homophobe Gesänge bei jedem Spiel im Weserstadion zu hören waren, muss heute mit Gegenwind rechnen, wer sowas anstimmt. Das haben die Fans selbst gemacht, und dafür brauchten sie keine Podiumsdiskussionen im Lagerhaus bei Bier für 2,80‚¬.

Aber ja, es ist nicht das Ding der SPD, wirklich etwas zu machen, sie sitzt lieber im Parlament und redet schön. (Natürlich nicht, wenn Mäurers Bande gerade das Demonstrationsrecht der Nazis schützt. Dann werden alle Genossinnen und Genossen, die etwas mehr Mumm haben als die Sozen und sich nicht nur für’s Foto in die erste Reihe stellen, von der Polizei mit Pfeffer eingedeckt und ein paar Auserwählte ins Krankenhaus geprügelt – Anwerbeversuch vom Geheimdienst inklusive.) Da kommt die antifaschistische Attitüde leicht rüber; die ein, zwei Rechten plus die CDUler stecken Sie locker in die Tasche, und von echten Nazis aufs Maul kriegen eh immer nur die anderen. Aber es wäre schon blöd, wenn die Parlamentsnazis mehr würden, nicht wahr? Was liegt also näher, als die Nazis beim „Stimmenfang“ aufzuhalten, „Rechter Stimmenfang am Stadion“ soll die Veranstaltung heißen. Die Ironie: Ihre Veranstaltung ist nichts anderes als blassrosa Stimmenfang. Es ist die blanke Heuchelei, sich jetzt, pünktlich nach Ende der Ostkurvensaal-Prozesse, an dieses Thema zu hängen. Und Sie entlarven sich und ihre Ignoranz dabei selbst: Es wurde „ein linkes Fanprojekt von Neonazis angegriffen und bedroht“? Nein, es wurde kein linkes Fanprojekt angegriffen, die antifaschistische Ultragruppe Racaille Verte wurde angegriffen und bedroht, in den Räumen des Fan-Projekt Bremen e.V.. Und dieser Überfall liegt bald sechs Jahre zurück, was sie beredt verschweigen.

Während wir ein gewisses Verständnis für Ihr politisches Geltungsbedürfnis haben, empfinden wir Ihr offensichtlich umfassendes Desinteresse an den tatsächlichen Umständen als Beleidigung für alle, die sich in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Fußball gegen Nazis engagiert haben. Ein weiteres Beispiel für Ihre Ignoranz ist, dass niemand aus der Fanszene aufs Podium geladen ist. Und nein, Thomas Hafke ist zwar vom Fan-Projekt, hat auch mit Fans zu tun, ist aber ein von Ihnen bezahlter Sozialarbeiter.

Ronny Blaschke hat sicher einiges zum Thema zu berichten. Allein, wenn die Damen und Herren aus den Regierungsfraktionen auch nur das geringste Interesse daran hätten, hätten sie das schon vor einem knappen Jahr hören können, als Racaille Verte den guten Mann zu einer Lesung eingeladen hatte. Auch damals gab es eine Diskussion im Anschluss, wenn auch ohne als solche erkennbare SPD-Mitglieder und die Polizei. Das haben die Fans selbst gemacht, egalitär und bei Bier für nen Euro.

Wenn Sie und Ihre Partei, Frau Scharrelmann, nun tatsächlich Interesse daran haben sollten, „welche Hilfen die Opfer von rechter Gewalt und Diskriminierung brauchen“, haben wir einen Vorschlag: Sprechen Sie doch einfach mit ihnen statt über sie. Und wenn Sie etwas „gegen Rassismus und Diskriminierung“ tun wollen, dann suchen Sie sich doch einen neuen Innensenator oder eine neue Innensenatorin. Der oder die kann sich dann vielleicht auch ernsthaft mit den Problemen auseinandersetzen, die Vereine wie der KSV Vatan haben.

Mit freundlichen Grüßen,

die Redaktion

Darauf hat die fussballinteressierte Oeffentlichkeit gewartet: Philipp Köster, der sich paradoxerweise gleichzeitig Chefredakteur eines Magazins fuer Fussballkultur und Sportjournalist des Jahres 2010 nennen lassen darf, geht auf Spurensuche. Wer sich an Kösters Volten gegen die tatsaechlich manchmal ziemlich nervigen Ultras erinnert, hat es schon geahnt: Es wird zuenftig, ein klein bisschen ironisch und vor allem unglaublich erhaben und souveraen – das ist der sprachliche Duktus, an den man sich bei Autoren, die ihren Lebensunterhalt mit der Inszenierung von Fussballkultur verdienen, laengst gewoehnt hat. Weil man im Tagesgeschaeft der Print- und Onlinemedien um eine griffige Schlagzeile gar nicht herumkommt, erklaeren schon die beiden fettgedruckten Saetzchen sofort, worum es geht: Das Gay-Interview, der Scoop des fluter-magazins, sieht aus wie ein Fake. Was sich hinter diesem zugegebenermassen ziemlich eindrucksvollen Denglisch verbirgt, erklaert uns der gebuertige Schwabe in zwoelf bissigen Absaetzen:

Dem vermeintlich echten Interview fehlt unter Umstaenden die Authentizitaet, das wichtigste Gut journalistischer Arbeit. Moeglich ist das durchaus, und das waere ziemlich unschoen, nicht nur, weil es journalistisch nicht gerade integer waere, sondern auch, weil es die Meinung all derer mit zusaetzlicher Munition beliefern wuerde, die das Thema „Homosexualitaet und Profifussball“ ins Reich der Urban Legends verlegen – was genau genommen heisst, dass es gar keines ist. Zum Glueck gibt es die detektivische Spuernase Köster, die keine Muehen gescheut hat, das Interview von vorne bis hinten zu analysieren.

Da waeren zunaechst einmal die W-Fragen, deren Beantwortung der ueberforderte 11 Freunde-Leser dankenswerterweise abgenommen bekommt. Das Setting fuer den Scoop ist, ganz klar, eine Spur zu dramatisch, und der Interviewer ist gerade mal 25 Jahre alt und damit ganze fuenfzehn juenger als der designierte Sherlock (und im Uebrigen damit ziemlich genau so alt wie Köster es war, als die 11 Freunde das Licht der publizistischen Oeffentlichkeit erblickten). Was ebenfalls nicht passt: natuerlich ist der gefakte Fussballer ein echter Star – wie jeder Fussballer, der von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern interviewed wird, so wie etwa Christian Streich oder jeder andere Bundesliga-Trainer, dessen Statements man samstag abends im Aktuellen Sport-Studio zu hoeren bekommt.

In Zeiten religioeser Zwistigkeiten wird ein derart gesettetes Interview ziemlich schnell unkoscher, was in diesem Fall nichts anderes heisst, als dass es auf jahrelanger Recherche beruht und nicht in der 11 Freunde erscheint. Dass Kösters eigenes Heftchen zur Zeit mit Aufmachern wie Gassi gehen mit Lumpi und Bello um Leser buhlt und vom historischen Sieg Libanons ueber Iran – realpolitisch sieht es ein wenig anders aus – zu berichten weiss, geschenkt: Der Chefredakteur hat gerade ein groesseres Ganzes im Blick. Das Interview mit dem grossen schwulen Incognito-Sportler bestuende ausnahmslos aus Klischees und strotze vor eklatanten Widerspruechen, sowas ist man von Fussballern gar nicht gewohnt, elaborieren doch die Mainstream-Heteros in 11 Freunde, kicker und Sport-Bild zumeist ueber die ethischen Implikationen der Genom-Forschung und die geopolitischen Dimensionen des Drohnen-Kriegs in Pakistan. Weil sich die vermutlich ohnehin inexistente Schwuchtel dann auch gar nicht entscheiden kann, wovor sie mehr Angst hat, vorm enthemmten Mob in den Stadien oder vor den Medien (als sei das ein Widerspruch) – Köster ist da gluecklicherweise wunderbar exakt – und darueber hinaus auch noch erst reflektiert spricht, um dann das uebliche Fussballerlatein zu dreschen, also genau das tut, womit die 11 Freunde seit Jahren ihr Geld verdienen, muss die Story einen Haken haben.

Ob es diesen oder irgendeinen anderen schwulen Fussballer ueberhaupt gibt, spielt genau genommen laengst keine Rolle mehr. Wer eins und eins zusammenzaehlen kann, weiss, dass die Inexistenz eines solchen eigentlich ziemlich unrealistisch ist. Ronny Blaschke hat schon vor einigen Jahren ein Buch ueber Marcus Urban veroeffentlicht, einen Fussballer, der sich erst nach seiner Karriere oeffentlich zu seiner sexuellen Orientierung geaeussert hat und das von sovielen Klischees und unangenehmen Situationen erzaehlt, dass einem Angst und Bange werden kann. Nur, die oeffentliche Debatte hat eine Erwartungshaltung erzeugt, der vermutlich niemand mehr gerecht wird: Wortgewandt und nicht klischeeschwul – was auch immer das heisst, bei Heteros ist es auf jeden Fall in Ordnung – muesste dieser grosse Unbekannte sein, bitte auch kein Bankdruecker bei einem Mittelklasseclub oder gar Abstiegskandidaten – bloss kein ganz normaler Mensch. Weil es so jemanden nicht gibt und – darueber hat man irgendwie noch nie nachzudenken versucht – mancher Fussballer eventuell auch einfach lieber wegen seiner beruflichen Leistungen als durch seine sexuelle Orientierung in der Oeffentlichkeit stehen moechte, bleibt die Suche nach der Spinne in der Bananenkiste erfolglos. Vielleicht recherchieren die elf Freunde aber auch schon seit mehr als zwei Jahren und praesentieren uns bald ihr eigenes Exklusiv-Interview mit einem garantierten schwulen Sportler, der auch noch sein Gesicht und seinen Namen oben drauflegen wuerde – Transparenz ist unerlaesslich. Köster koennte sich vermutlich ueber eine ziemlich gut verkaufte Auflage freuen.

Einem der gescheiteren Politiker der letzten Dekaden bleibt es da, ein passendes Schlusswort zu liefern:

There are known knowns. These are things we know that we know. There are known unknowns. That is to say, there are things that we know we don’t know. But there are also unknown unknowns. There are things we don’t know we don’t know.

1.

Zu wem müssen denn die Werder-Fans morgen halten?

Sebastian Prödl: Wenn sie Vereinspatrioten sind, dann natürlich zu Österreich. Also: Bei wem das Herz eher grün-weiß, statt schwarz-rot-gold schlägt, darf uns die Daumen drücken.

Danke, Basti, dass wir bei Euch mitmachen dürfen! Werder Bremen gewinnt gegen Deutschland, dass wir das noch erleben dürfen! Wobei wir das mit dem Vereinspatriotismus natürlich schon kritisch sehen. Muss man auch.

2.

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff oder Euch-Uwe wird Denen-ihr-Uwe

3.

Die Redaktion wurde auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht.

4.

Die Redaktion benötigt noch Karten für das Spiel in Hannover. Soll hinterher niemand sagen, er habe von nichts gewusst.

5.

Wie weit moderne Demokratien davon entfernt sind, auf vernünftigem Wege gesellschaftliche Entscheidungen zu organisieren, führt der amerikanische Wahlkampf auf beeindruckende Weise vor. Da regiert der absolute Wahnsinn, und mit Romney und Ryan hat man dieses Jahr auch zwei echte Witzfiguren aufgeboten, die sich vor hiesigen Politikern wie Guttenberg, Gauck und Wulff nicht verstecken müssen. Auf der anderen Seite – Amerika hat es bekanntlich besser – gibt es dort immer noch Redner wie Bill Clinton.
Für fundierte Informationen über den Wahlkampf sei der Colbert Report empfohlen. Wir arbeiten derweil weiter an der Weltrevolution.

6.

Tut Euch was Gutes und abonniert dieses Heft. Es lohnt sich.