Known and Unknown

Darauf hat die fussballinteressierte Oeffentlichkeit gewartet: Philipp Köster, der sich paradoxerweise gleichzeitig Chefredakteur eines Magazins fuer Fussballkultur und Sportjournalist des Jahres 2010 nennen lassen darf, geht auf Spurensuche. Wer sich an Kösters Volten gegen die tatsaechlich manchmal ziemlich nervigen Ultras erinnert, hat es schon geahnt: Es wird zuenftig, ein klein bisschen ironisch und vor allem unglaublich erhaben und souveraen – das ist der sprachliche Duktus, an den man sich bei Autoren, die ihren Lebensunterhalt mit der Inszenierung von Fussballkultur verdienen, laengst gewoehnt hat. Weil man im Tagesgeschaeft der Print- und Onlinemedien um eine griffige Schlagzeile gar nicht herumkommt, erklaeren schon die beiden fettgedruckten Saetzchen sofort, worum es geht: Das Gay-Interview, der Scoop des fluter-magazins, sieht aus wie ein Fake. Was sich hinter diesem zugegebenermassen ziemlich eindrucksvollen Denglisch verbirgt, erklaert uns der gebuertige Schwabe in zwoelf bissigen Absaetzen:

Dem vermeintlich echten Interview fehlt unter Umstaenden die Authentizitaet, das wichtigste Gut journalistischer Arbeit. Moeglich ist das durchaus, und das waere ziemlich unschoen, nicht nur, weil es journalistisch nicht gerade integer waere, sondern auch, weil es die Meinung all derer mit zusaetzlicher Munition beliefern wuerde, die das Thema “Homosexualitaet und Profifussball” ins Reich der Urban Legends verlegen – was genau genommen heisst, dass es gar keines ist. Zum Glueck gibt es die detektivische Spuernase Köster, die keine Muehen gescheut hat, das Interview von vorne bis hinten zu analysieren.

Da waeren zunaechst einmal die W-Fragen, deren Beantwortung der ueberforderte 11 Freunde-Leser dankenswerterweise abgenommen bekommt. Das Setting fuer den Scoop ist, ganz klar, eine Spur zu dramatisch, und der Interviewer ist gerade mal 25 Jahre alt und damit ganze fuenfzehn juenger als der designierte Sherlock (und im Uebrigen damit ziemlich genau so alt wie Köster es war, als die 11 Freunde das Licht der publizistischen Oeffentlichkeit erblickten). Was ebenfalls nicht passt: natuerlich ist der gefakte Fussballer ein echter Star – wie jeder Fussballer, der von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern interviewed wird, so wie etwa Christian Streich oder jeder andere Bundesliga-Trainer, dessen Statements man samstag abends im Aktuellen Sport-Studio zu hoeren bekommt.

In Zeiten religioeser Zwistigkeiten wird ein derart gesettetes Interview ziemlich schnell unkoscher, was in diesem Fall nichts anderes heisst, als dass es auf jahrelanger Recherche beruht und nicht in der 11 Freunde erscheint. Dass Kösters eigenes Heftchen zur Zeit mit Aufmachern wie Gassi gehen mit Lumpi und Bello um Leser buhlt und vom historischen Sieg Libanons ueber Iran – realpolitisch sieht es ein wenig anders aus – zu berichten weiss, geschenkt: Der Chefredakteur hat gerade ein groesseres Ganzes im Blick. Das Interview mit dem grossen schwulen Incognito-Sportler bestuende ausnahmslos aus Klischees und strotze vor eklatanten Widerspruechen, sowas ist man von Fussballern gar nicht gewohnt, elaborieren doch die Mainstream-Heteros in 11 Freunde, kicker und Sport-Bild zumeist ueber die ethischen Implikationen der Genom-Forschung und die geopolitischen Dimensionen des Drohnen-Kriegs in Pakistan. Weil sich die vermutlich ohnehin inexistente Schwuchtel dann auch gar nicht entscheiden kann, wovor sie mehr Angst hat, vorm enthemmten Mob in den Stadien oder vor den Medien (als sei das ein Widerspruch) – Köster ist da gluecklicherweise wunderbar exakt – und darueber hinaus auch noch erst reflektiert spricht, um dann das uebliche Fussballerlatein zu dreschen, also genau das tut, womit die 11 Freunde seit Jahren ihr Geld verdienen, muss die Story einen Haken haben.

Ob es diesen oder irgendeinen anderen schwulen Fussballer ueberhaupt gibt, spielt genau genommen laengst keine Rolle mehr. Wer eins und eins zusammenzaehlen kann, weiss, dass die Inexistenz eines solchen eigentlich ziemlich unrealistisch ist. Ronny Blaschke hat schon vor einigen Jahren ein Buch ueber Marcus Urban veroeffentlicht, einen Fussballer, der sich erst nach seiner Karriere oeffentlich zu seiner sexuellen Orientierung geaeussert hat und das von sovielen Klischees und unangenehmen Situationen erzaehlt, dass einem Angst und Bange werden kann. Nur, die oeffentliche Debatte hat eine Erwartungshaltung erzeugt, der vermutlich niemand mehr gerecht wird: Wortgewandt und nicht klischeeschwul – was auch immer das heisst, bei Heteros ist es auf jeden Fall in Ordnung – muesste dieser grosse Unbekannte sein, bitte auch kein Bankdruecker bei einem Mittelklasseclub oder gar Abstiegskandidaten – bloss kein ganz normaler Mensch. Weil es so jemanden nicht gibt und – darueber hat man irgendwie noch nie nachzudenken versucht – mancher Fussballer eventuell auch einfach lieber wegen seiner beruflichen Leistungen als durch seine sexuelle Orientierung in der Oeffentlichkeit stehen moechte, bleibt die Suche nach der Spinne in der Bananenkiste erfolglos. Vielleicht recherchieren die elf Freunde aber auch schon seit mehr als zwei Jahren und praesentieren uns bald ihr eigenes Exklusiv-Interview mit einem garantierten schwulen Sportler, der auch noch sein Gesicht und seinen Namen oben drauflegen wuerde – Transparenz ist unerlaesslich. Köster koennte sich vermutlich ueber eine ziemlich gut verkaufte Auflage freuen.

Einem der gescheiteren Politiker der letzten Dekaden bleibt es da, ein passendes Schlusswort zu liefern:

There are known knowns. These are things we know that we know. There are known unknowns. That is to say, there are things that we know we don’t know. But there are also unknown unknowns. There are things we don’t know we don’t know.

Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>