Das Oktoberfest ist ein großes Besäufnis, überhöht zu einem kulturellen Ereignis von Weltruf: Was schon lange jeder weiß, ist jetzt auch in München bekannt geworden und sorgt dort für Verdruss.
“Der stellvertretende AZ-Lokalchef Timo Lokoschat findet, dass das Oktoberfest ein nerviges Massenbesäufnis ist und mit Volksfest rein gar nichts zu tun hat.”
Nun gibt es in Deutschland kein Volksfest, dessen Kern kein nerviges Massenbesäufnis wäre. Und über den Posten als stellvertretender Lokalchef wird Loko (ich bin sicher, seine Kollegen nennen ihn so) auch nicht hinauskommen, wenn er das mit den Artikeln nicht bald lernt. Dabei bringt er ideologisch schon alles mit, was ein deutscher Boulevard-Redakteur braucht.
Lokoschat beklagt, dass eine “gigantische Lobby” behauptet, das Oktoberfest sei ein Volksfest. Denn:
(Es) ist überhaupt kein Volksfest. Gut, versteht man unter “Volk” vor allem besoffene Neuseeländer und erbrechende Ebersberger (nix gegen den Ebersberger an sich!), dann vielleicht schon. Denkt man aber an den normalen Münchner, dann wirkt dieser Terminus ziemlich deplatziert.
Der publizistische Abwehrkampf ist im vollen Gange: “Normale Münchner” sind das Volk, und alle anderen gehören nicht dazu. Die sind schließlich auch nicht normal, sondern besoffen, und dann erbrechen sie sich auch noch. Und das auf dem Oktoberfest! Fiele keinem Münchner ein.
Wo eine gigantische Lobby und kulturbedrohende Auswärtige unterwegs sind, da ist stets auch das Geld der Autochthonen in Gefahr:
Das geht schon bei den Preisen los. 10 Euro für einen Liter Bier, der – glaubt man dem Verein gegen betrügerisches Einschenken – in Wirklichkeit nur 800 Milliliter sind. Das ist, pardon, einfach maßlos. Von den Steckerlfischen für 28 Euro, den Mandeln für 6 und den Hendln für 12 gar nicht zu reden.
Doch nicht nur teuer ist es, es droht gleich die totale Vertreibung:
Und wenn, dann muss man konsumieren, bis der Arzt kommt – oder eher die Bedienung, die einem auf, nun ja, unnachahmliche Weise klarmacht, dass man jetzt gefälligst eine dritte Maß oder ein zweites Hendl bestellt oder lieber die Fliege macht.
In einer Gesellschaft, die an buchstäblich jeder Ecke Plakate aufstellt, auf denen zum Konsum von irgendetwas aufgefordert wird, überrascht die zur Schau gestellte Empörung ein wenig. Ebenso erstaunlich ist, dass es noch jemand erstaunlich findet, wenn ein Unternehmen möglichst viel Gewinn machen will.
In Timo Lokoschats Kommentar lässt sich geradezu idealtypisch beobachten, wie der unbewusste Hass auf kapitalistische Unannehmlichkeiten sich auf andere Menschen richtet. Denn wer ist daran schuld, dass man so viel konsumieren muss? Na klar:
Zack zack, die sieben Australier warten schon.
Und es hört nicht auf. Die Vergewaltigungen, die Körperverletzungen und die vielen anderen Verbrechen finden zwar in München statt, gehören aber eigentlich ganz woanders hin:
München bekommt während der Wiesn eine Verbrechensrate, die beinahe Kapstadt, Rio und Köln-Porz in den Schatten stellt.
Kriminalität? Ist doch so ein Ausländerphänomen.
Kurzer Blick auf die Checkliste. Was fehlt uns noch auf der Hitliste der deutschen Ressentiments?
Die Reichen.
Von alldem bekommen die Promis, abgeschottet in ihren Boxen in den VIP-Zelten, natürlich nichts mit. Zugegeben: Da ist es tatsächlich gemütlich. … Für Normalsterbliche unerreichbar. Schade.
Im Anschluss: Die Frauen.
Wobei: Will man wirklich riskieren, einen Abend neben dieser blonden Nervensäge – Sie wissen schon – verbringen zu müssen?
Und zurück zu: Den Ausländern.
Da ist einem ja fast der lallende Ire lieber.
Klasse, Lokoschat, klasse! Auf Facebook, wo ich über den Text stolperte, komplettierten findige Einheimische das Schreckenskabinett in den Kommentaren noch mit, na klar, den Italienern. Die sollen für die zahlreichen sexuellen Übergriffe verantwortlich sein, denn auch das machen natürlich nicht die Münchner, sondern nur die Südländer. In Lokoschats Tirade kommt ein Italiener nur am Rande vor, aber auch das ist interessant:
“Mann drückt Zigarette an Wange von Mädchen aus”, “Italiener schleudert Frau Maß an den Kopf”, “17-Jähriger bedroht Ordner”
So lauten die Links zu anderen AZ-Artikeln. Der “Mann” kommt aus Freising, wird hier aber nach seinem Geschlecht benannt. Der “Italiener” schleuderte den Maßkrug nach einer seiner Landsfrauen – das Opfer wird allerdings als “Frau” notiert, der Täter seiner Nationalität nach. (In der Überschrift des Artikels selbst ist es andersrum, auch nicht schlecht.) Beim “17-jährigen” wird das anders gehandhabt, der ist nämlich nicht nur 17, sondern auch Deutscher und hat einen Angestellten rassistisch beleidigt.
Jemand nannte das Oktoberfest kürzlich “Europas größte offene Drogenszene”. Das trifft es gut, zumal am illegalisierten Drogenkonsum und dessen Auswirkungen in Deutschland auch immer die Ausländer schuld sind und deshalb ab und an mit Brechmittel traktiert werden müssen. Prost, Deutschland!
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>”[...] München bekommt während der Wiesn eine Verbrechensrate, die >beinahe Kapstadt, Rio und Köln-Porz in den Schatten stellt. [...]”
>Kriminalität? Ist doch so ein Ausländerphänomen.
Köln-Porz…Ausland!
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Wenn Bürger-Nazis wie Loko von Köln-Porz reden, ist das für sie eine Metapher für Überfremdung und Ausländer, da es sich bei Köln-Porz um einen Stadteil mit einem hohen Anteil von Menschen mit sog. Migrationshintergrund und langer Geschichte von rassistischer Stigmatisierung durch Boulevard- und andere Medien sowie die erfolgreichste deutsche rechtspopulistische Gruppierung, ProKöln, handelt.
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Finde ich ja interessant, dass der Autor hier über die unbewussten seelischen Vorgänge des Herrn Lokus genau bescheid weiß, wenn er Ausländer als Projektionsfläche nutzt. Es ist nämlich der Hass auf kapitalistische Unannehmlichkeiten, wie hier auf beeindruckende Weise belegt wird. Ja genau, so einfach ist das.
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Daß das Oktoberfest das größte Drogenfestival der Welt ist nichts neues und trifft es besser als “Europas größte offene Drogenszene”.




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