Nothing new in E-11

Wer aus Essen kommt, sagt einer seiner beruehmteren Buerger, der notorische Amerikahasser und politische Kabarettist – das ist tatsaechlich ein Berufsstand – Hagen Rether, dem gefaellt es ueberall. Wer das nicht verstehen kann, war vermutlich noch nie hier und kann die Provinzialität dieser nur auf dem Papier so zu nennenden Grossstadt, die zu den zehn bevoelkerungsreichsten in Deutschland gehoert, wohl nicht nachvollziehen. Politische Veranstaltungen sind aehnlich selten zu finden wie sich in Betrieb befindliche Steinkohlebergwerke, da nimmt man jede Ausnahme von dieser Regel gerne wahr. An diesem nasskalten Mittwoch im November hat das Essener Friedensforum den fensterlosen Raum E11 in der lokalen Volkshochschule fuer eine Veranstaltung geblockt, zwei Stunden lang soll es um das erwartungsgemaess einzige Land auf der Welt gehen, fuer das sich deutsche Friedensaktivisten im Jahr 2012 interessieren, Israel.

Als Vortragenden hat man sich einen ausgewiesenen Experten fuer den Nahen Osten eingeladen. Puentklich um sieben Uhr faengt Norman Paech, ehemaliges Linksparteimitglied und Passagier der Mavi Marmara an, vor etwa 100 Interessierten zu sprechen. Das Publikum besteht zum ueberwiegenden Teil aus Menschen, denen man ohne weiteres Abnehmen wuerde, dass ihr letzter bezahlter Job der eines Statisten am Set der US-Fernsehserie Walking Dead war. Es ist derselbe Mittwoch, an dem erst tagsueber eine Bombe im Stadtzentrum von Tel Aviv explodiert ist und etwas spaeter am Abend eine vorlaeufige Waffenruhe zwischen Hamas und Israel verkuendet wurde. Paech weiss vermutlich von beidem, erwaehnen tut er nur Letzteres, seine Zuhoerer danken ihm diese Meldung mit Applaus.

Wer nicht einmal annaehernd eine Idee davon hat, was die politische Agenda des emeritierten Professors ist, bekommt sehr schnell einen Einblick in die Erfahrungs- und Erlebniswelt des 73-Jährigen: In der Mitte seines politischen Weltbilds steht das Völkerrecht, bei dem es sich auf den ersten Blick um eine Ansammlung von Worten zu handeln scheint, die aber in den Haenden aller moralischen Pazifisten der Welt, zu denen sich Paech ganz zweifellos zaehlt, obwohl er noch vor ein paar Jahren ein Schiff bestiegen hat, auf dem sich ganz und gar nicht friedliche Seelen zusammengerottet hatten, zu rhetorischer Munition transformieren. Es dauert nicht lange, da hat sich der Redner schon eindeutig positioniert, obwohl er eingangs noch versprochen hatte, nur objektive Fakten zu referieren, die man jederzeit ueberpruefen koenne.

Bei ausreichender Kenntnis des Jargons der Palaestina-Solidaritaet, die fuer den groessten Teil der Leserschaft dieses Blogs gegeben sein duerfte, wird man alles, worueber Paech in den naechsten eineinhalb Stunden redet, so oder so aehnlich schon einmal gehoert haben. Es ist die uebliche Melange: Zahlen, die irgendwann soviele werden, dass man sie sich ohne Audiomitschnitt der Veranstaltung unmoeglich merken kann. Stimmen und Meinungen, allesamt von anerkannten Fachleuten, einige von ihnen mit israelischem Pass, was in diesen Kreisen absurderweise meist wie ein zusaetzliches Guetezertifikat verwendet wird – denn antisemitisch koenne ein Jude selbst ja wohl kaum sein. Und Zitate, viele Zitate, soviele, dass Paech selbst irgendwann ein bisschen den Ueberblick zu verlieren scheint, wessen Worte er gerade wiedergibt. Diese Presseschau hat vor allem einen Zweck, naemlich den israelischen Staat und seine Institutionen anzuklagen – wir befinden uns auf einer Propagandaveranstaltung reinsten Wassers, und das mitten in einer staedtischen Raeumlichkeit. Mal redet er von einer der sicher fuenfstelligen Zahl unabhaengiger Menschenrechtsorganisationen, die sich merkwuerdigerweise allesamt nur mit dem Stand der Menschenrechte in Israel befassen, nie aber in einem seiner Anrainerstaaten, mal wird ein Urteil des israelischen Gerichtshofes zitiert, auch ein kurzer Exkurs ueber falschetikettierte Datteln ist dabei, woraus man ohne Zweifel schliessen kann, dass Paech, dessen eigene Texte in so unparteiischen Zeitungen wie der jungen Welt erscheinen, gern auch mal die FAZ liest.

Der ueberwiegende Teil des Publikums kann seine Zufriedenheit mit dem Dargebotenen nicht einmal bis zum Ende der Vortragszeit verhehlen; immer wieder wird der Redner von Beifallbekundungen fuer seine Statements unterbrochen. Etwa dann, wenn er das Wort Apartheid in den Mund nimmt, das einige gewiss nicht hoeren wollen. Ein zustimmendes Raunen geht durchs Publikum, drei Stuehle rechts vom Sitzplatz dieses Autors hat sich einer der aeusserst zahlreichen Claqueure eingenistet, aus dem es alle paar Minuten regelrecht herausbricht: Jawohl, ja, voellig richtig – endlich sagt einer mal das, was man seit 1968 in den Texten jeder Antiimp-Gruppe des Landes, einschliesslich denen der Roten Armee Fraktion, nachlesen kann. Ueberhaupt, die Geraeuschkulisse: Spoettisches und veraechtliches Lachen, wenn Paech ein Urteil israelischer Richter bezueglich der Mauer wiedergibt. Getuschel, als selbiger das Woertchen vom Antisemitismus im Munde fuehrt – selbstverstaendlich nur, um jeden seiner wohlfeilen Kronzeugen der Anklage aus diesen oder jenen Gruenden von jedem Verdacht desselbigen freizusprechen.

Paechs weiteres Elaborat arbeitet sich muehsam an den klassischen Themenbloecken ab: Es geht um die Militaerkaste, die Israel im Griff hat – so, als waere es das einzige Land auf der Welt, in dem die Armee eine ausgepraegte Macht innerhalb des Staates besitzt. Es geht um die Siedler, die den Friedensprozess blockieren, obwohl sie oft genug, darueber verliert er kein Wort, in offenen Konflikt mit dem Staat, den sie bewohnen, treten. Die rhetorische Schleife, die der Hobby-Seefahrer nun betritt, dreht sich weiter ueber die UNO-Vollversammlung, die, man ahnt es, von den USA jeder Machtfuelle beraubt wird. Wie eine Monstranz traegt Paech dabei das Voelkerrecht vor sich her, dass in seiner Wahrnehmung offenbar laengst materielle Form angenommen hat. Es scheint fast so, als haette der Jurist es irgendwo, vor vielen Jahren, aus dem Boden gegraben und sei nun bereit, diesen heiligen Gral im Sinne einer Messlatte zu benutzen: Man lege das Voelkerrecht an Sachverhalt x an und beurteile, inwiefern dieses x den Vorgaben des Pruefungsgegenstandes gerecht wird. Dass sich Paech dabei auch nicht zu bloed wird, sogar das osmanische Recht, das Recht eines imperialistischen Akteurs also, der seit einhundert Jahren aufgehoert hat zu existieren, ins Feld zu fuehren, kann eigentlich keinen mehr schockieren. Laengst geht es um Rassismus und die rechtsradikale Regierung des Staates Israel, der ideale Zeitpunkt, um die Wartezeit bis zum Beginn der Fragerunde mit dem Lesen des Flugblattes des Bundesausschusses Friedensratschlag, dass fuer alle Besucher zur Mitnahme ausliegt, zu ueberbruecken. Dieser Zusammenschluss friedensbewegter Deutscher liefert gleich eine besonders interessante Analyse der geopolitischen Verfasstheit des Nahen Ostens in Kombination mit einer historischen Neubewertung antiker Geschichte quasi als Begleittext zur heutigen Veranstaltung mit, setzt das Woertchen radikalislamisch vor Hamas in Anfuehrungszeichen und verbreitet eine steile These:

“Der Name der israelischen Operation ‘Wolkensaeule’ duerfte nicht zufaellig gewaehlt sein. Er verweist auf eine Episode aus dem Alten Testament, in der Gott sein auserwaehltes Volk vor den Aegyptern rettet. Die israelische Militaeraktion zielt offenbar ueber Hamas hinaus auf die neue Fuehrung in Aegypten, die sich bisher demonstrativ hinter ihre “Brueder” im Gazastreifen gestellt hat.”

Nun ist natuerlich das aegyptische Volk aus der Bibel ein sowohl ethnisch, sozial und religioes voellig anders verfasstes als die Einwohnerschaft des heutigen Aegyptens, und ob aegyptische Kopten etwa die Bewohner des Gazastreifens als ihre Brueder bezweifeln, sei dahingestellt. Das gesamte Flugblatt ist in all seiner inhaltlichen Unverdaulichkeit allerdings kaum mehr als ein geeigneter Vorgeschmack auf die nun folgende Publikumsrunde.

Wer schon einmal politische Vortraege und Podiumsdiskussionen besucht hat, weiss, dass es in den allermeisten Faellen noch viel schlimmer wird, sobald die Zuhoererschaft selbst das Wort ergreift, und das ist auch heute der Fall, denn nun hat jeder die Gelegenheit, seine Expertise vor Publikum vorzutragen. Es kommt nicht von ungefaehr, dass viele Diskutanten ihre Beitraege mit der Bitte beenden, Paech moege ihnen doch mitteilen, ob sie Recht haetten. Hier sind heute viele Menschen versammelt, die sich selbst vermutlich als einsame Rufer wahrnehmen. Wer schon einmal bei einer Veranstaltung von Verschwoerungstheoretikern war oder Videos davon im Internet gesehen hat, fuehlt sich schnell an die Atmosphaere, die dort herrscht, erinnert. Ein Mann, der waehrend des Vortrags neben Paech gesessen hat und in der Folge die Moderation der Diskussion uebernimmt, fragt unverbluemt, ob der Menschenrechtler seine Einschaetzung teile, dass ihn das Gehoerte sehr an die Lehren von Carl Schmitt erinnere. Das sei eine Seminarfrage, erwidert dieser, und erklaert, was er damit meint. Dafuer muesse man naemlich erst einmal sagen, wer dieser Schmitt gewesen sei: Es handele sich, so Paech, um den Chefideologen des Dritten Reiches, und man merkt, wie vorsichtig der Herr Professor nun wird: Es gebe solche Vergleiche, die Israel in die Naehe des Faschismus rueckten, er koenne das nun nicht soviel weiter ausfuehren, wuerde es aber nicht in dieser Deutlichkeit sagen wollen. Und dann ist es wieder da, jenes spoettische Raunen und dieses ekelhafte Geraeusch, wenn viele Menschen gleichzeitig besonders bestimmt durch die Nase einatmen: Es herrscht weitgehende Einigkeit.

Dieser Einstieg in die Diskussion ist deshalb so faszinierend, weil Paech ganz zu Recht erkennt, dass er vor einem Publikum, dessen Altersdurchschnitt an diesem Abend jenseits der 45 Jahre liegen duerfte, nicht vorraussetzen kann, dass der Grossteil weiss, wer Carl Schmitt war, wohl aber, dass jeder ein dezidiertes Bild von der Konfliktlage in Nahost hat. Das kann er deshalb, weil seine Zuhoererschaft vermutlich an jedem Abend, an dem er irgendwohin eingeladen wird, aus selbstgefaelligen Idioten besteht, die zwar die Geschichte israelischer Besatzungspolitik und us-amerikanischer Wirtschaftskriege en detail kennen, sonst aber von nichts eine Ahnung haben. Eine Frau leitet ihre Frage zur Zwei-Staaten-Loesung ein, in dem sie klarstellt, viele Texte zu dem Thema gelesen zu haben. Ein juengerer Herr moechte von Paech genauer wissen, wie es eigentlich um die Interessenlage der amerikanischen Oelindustrie bestellt sei, so, als ob der Gazastreifen wegen seines hohen Aufkommens an fossilen Brennstoffen in den Medien Erwaehnung faende. Der Referent spricht ueber seine Besuche im Gaza-Streifen, erwidert auf eine kritische Nachfrage zur Charta der Hamas, das sei nur Schriftwerk und solle nicht so grosse Beachtung finden, die Terrororganisation wolle in Wahrheit Frieden mit Israel. Es gibt kaum einen Widerspruch zu dieser Aeusserung, dabei hatte Paech sich zuvor in Fragen des Voelkerrechts noch auf der Seite der Buchstabengetreuen verortet. So geht die Runde weiter, es geht um Israels Existenzrecht und ob es so etwas ueberhaeupt gaebe, bis ein VHS-Angestellter um eine baldige Beendung des Ganzen bitten muss, und dann kommt sie endlich, als allerletzte, die Frage aller Fragen, so, als haette es dieser Steigerung noch bedurft: Was, fragt ein junger Mann von ganz hinten, hat das eigentlich alles mit Iran zu tun, dem Land also, dem Oelindustrie und Militaerkasten voellig fremd sind?

Paech wird jetzt nachdenklich. Er scheint zu merken, dass nun sehr salbungsvolle Worte folgen muessen, um dem Abend einen allerletzten Stempel aufzudruecken. Pakistan habe eine Atomwaffe, Indien auch, dies habe man hingenommen – was natuerlich Quatsch ist, denn vor allem Pakistan werden etliche Sanktionen von der internationalen Staatengemeinschaft auferlegt – warum es bei Iran, dass sowieso nur an einer zivilen Nutzung der Atomenergie interessiert sei, anders waere, das habe etwas mit geopolitischen Verwicklungen zu tun. Ohnehin ist Israel, soviel kann uns Paech zum Abschluss versichern, gefaehrlicher fuer den Weltfrieden als die islamische Republik. Wir haben das tatsaechlich alles schon einmal gehoert.

Wo allerdings Juergen Elsaesser heute abgeblieben war, wurde nicht mehr aufgeklaert.

  1. israelis und palästinenser danken der uno für die erste echte chance eines andauernden friedens während antideutsche vollpfosten mit ihrem ewigen imperialistischen geplärre mehr als dumm aus der wäsche gucken.

    humanismus: 1 – denunziantentum: 0

    schaa lala la laa. :-)

Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>