Januar 2013

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Antisemit will heute kaum noch einer sein, und dass explizit einer sagt, die Juden seien die schlechteren Menschen, kommt auch kaum noch vor. Das ist mit Rassismus, der sich gegen andere Gruppen als die Juden richtet, ganz genauso. Während man aber in manchen Teilen der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür hat, dass Rassismus trotzdem eine mächtige Rolle spielt, wird dasselbe beim Antisemitismus meist bestritten. Während man also das rassistische Ressentiment sofort erkennt, wenn einer etwa vom „faulen Südländer“ redet und zum Beweis seiner These auf die höhere Arbeitslosigkeit unter Nicht-Deutschen verweist, ist das beim Antisemitismus anders. Redet da einer vom „rachsüchtigen Israeli“ und verweist auf Militärschläge in Gaza, fällt das Urteil weniger deutlich aus. Dabei ist die Strategie dieselbe: Das Ressentiment macht sich dadurch plausibel, dass entscheidende Tatsachen weggelassen und durch Projektionen ersetzt werden. Im einen Fall fehlt die Diskriminierung, die die Arbeitslosigkeit befördert; im anderen Fall fehlt meist alles, was palästinensische Akteure in Gaza tun und sagen. Die enstandenen Lücken in der Kausalkette werden gefüllt: Da tötet der Jude, weil er rachsüchtig ist, und der Südländer klaut, weil er faul ist.

Lächerlich

Ein Genosse hat mir auf Facebook vorgeworfen, mein Text zur Augstein-Debatte sei „lächerlich“. Ich und andere würden „sich um die Herleitung dieses [d.h. Augsteins] Antisemitismus einfach herum“ mogeln. Richtig ist, dass ich auf eine solche Herleitung verzichtet habe, weil ich angenommen hatte, dass diese zumindest da, wo man ein Bewusstsein für Antisemitismus hat, angesichts von Augsteins Texten überflüssig sein würde. Interessanter schienen mir seine Verteidiger zu sein. Nun, wo ich um eine ausführliche Antwort ohnehin nicht mehr herum komme, will ich aber gerne noch einmal darlegen, woran man meines Erachtens die antisemitische Motivation des israelkritischen Journalisten erkennen kann.

Der erwähnte Genosse stellt ganz richtig folgendes fest: „Am Ende kann man in Augstein nicht reinschauen, kann seine Beweggründe nur erahnen und kann damit auch nicht ausschließen, dass er Antisemit ist.“ Und das Gegenteil demzufolge natürlich auch nicht. Den Nachweis in die eine oder andere Richtung zu führen wird also: anstrengend. Ich möchte dafür in zwei Schritten vorgehen, wie im alten Text bereits angedeutet. Der erste ist, Augsteins Einlassungen zu Israel als realitätsfern zu entlarven, als unzulässige Darstellung der Tatsachen. Die Behauptung, in bestimmten Äußerungen Augstein könne „man auch unter ganz vernünftigen Erwägungen Sinnvolles entdecken“, möchte ich bestreiten. Im zweiten Schritt wird sich jeweils die Frage stellen, warum der denn dann so etwas schreibt. Diese Frage will ich mit dem Hinweis auf deutlich erkennbare Versatzstücke klassischen Antisemitismus beantworten, die sich in den fraglichen Texten zuhauf finden.

Zionist Occupied Government

Ein erstes Beispiel findet sich in Augsteins Kolumne aus dem Juni 2012. Anlass war ein Spiegel-Titel, der sensationsheischend „enthüllt“ hatte, was man längst wusste: Dass Israel aus Deutschland gelieferte U-Boote sehr wahrscheinlich mit Atomwaffen bestückt, um sich eine Zweitschlagskapazität zu verschaffen. Im Zuge dieser Nachricht schrieb Augstein:

Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.

Das ist offenkundig Unsinn. Keine Übertreibung, sondern Unsinn. Deutschland ist der mächtigste Staat Europas, und die Enthaltung bei der UN-Abstimmung über Palästinas Status im letzten Jahr ist nur ein Beispiel für nicht erfüllte Bitten der israelischen Regierung. Womit Augsteins Schilderung deutlich mehr gemein hat als mit der Wirklichkeit, ist die antisemitische Wahnvorstellung der ZOGs, der „Zionist Occupied Governments“.
Der Begriff beschreibt dabei nur eine sehr moderne Spielart der deutlich älteren Vorstellung, die Regierungen der Welt erhielten von Juden zwingende Anweisungen. Dazu gehört immer, dass die „eigene“ Bevölkerung darunter leidet, in diesem Fall sind es Steuerzahler und, Achtung, Drogistinnen:

Die Regeln der guten Haushaltspolitik und der marktwirtschaftlichen Ordnung, auf die sich die Merkel-Regierung gerne beruft, sind außer Kraft gesetzt. Pech für die Schlecker-Frauen: Mit Putzmitteln und Körperpflegeprodukten lässt sich kein Krieg führen.

Ironischerweise muss Augstein die positiven Effekte der U-Boot-Deals auf den deutschen Arbeitsmarkt verschweigen: Die werden schließlich von deutschen Arbeitern mit deutschem Material gefertigt, es handelt sich wie häufig bei „den Interessen der Rüstungsindustrie“ auch um ein Subventionsprogramm für deutsche High-Tech-Arbeitsplätze. Das deutsche außenpolitische Interesse an einem militärisch starken Partner in einer wichtigen Region dürfte ebenfalls eine Rolle spielen. Derlei handfeste Gründe für die beschriebenen Vorgänge treten zurück, an ihre Stelle treten antisemitische Projektionen. (Die er hier im letzten Satz noch damit ausschmückt, dass die mächtigen Israelis die bittstellenden Deutschen auslachen. Echt.)

It all started when he hit me back

In einer weiteren, auch in der Wiesenthal-Liste zitierten Kolumne ist Augstein Günter Grass beigesprungen:

„Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist.

Die inhaltliche Kritik daran ist einfach: Es gibt keinen Weltfrieden. Der Weltfrieden ist kein gefährdeter Zustand, sondern eine Utopie, eine Hoffnung für die Zukunft. Nun könnte man wohlwollend argumentieren, dass doch trotzdem ein Funke Wahrheit darin stecke. Auf Facebook wurde ich also rhetorisch gefragt: „Wer will bestreiten, dass die propagandistische Mobilmachung der israelischen Regierung in Hinsicht auf die mögliche atomare Bewaffnung Irans durchaus den Frieden in der Region nachhaltig bedrohen kann.“

Hier! Ich! Denn auch der „Frieden in der Region“ ist erfunden: Der letzte große Waffengang in Gaza war da keine drei Jahre her, der letzte Krieg im Libanon sechs Jahre, und in beiden Fällen hatte Israel es mit Verbündeten Irans zu tun. Die Auseinandersetzung ist im vollen Gange, und es ist eine bestenfalls willkürliche Entscheidung, erst einen israelischen Militärschlag (bzw. schon die ‚propagandistische Mobilmachung‘) als Anfang von irgendetwas darzustellen. Was ebenfalls geflissentlich ignoriert wird, ist der offenkundig bedeutsame Umstand, dass es der iranischen Führung erklärtermaßen um die Vernichtung Israels als Staat geht, und dass davon umgekehrt keine Rede sein kann, ganz egal von welchem politischen Standpunkt aus man die Sache betrachtet.

Die Behauptung, Israel gefährde in diesem Fall den Frieden, den Weltfrieden gar, ist also beim besten Willen nicht zu halten. Wiederum aber lässt sie sich plausibel auf ein antisemitisches Ressentiment zurückführen, das man bei so verschiedenen Leuten wie Mel Gibson – „Die Juden sind für alle Kriege auf der Welt verantwortlich!“ – und Adolf Hitler – „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum (…) gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen (…)“ – finden kann. Nein, Augstein ist nicht Hitler und nicht Gibson und auch nicht Streicher, und die Anwürfe gegen Juden haben sich mit der Zeit verändert. Trotzdem sind die Gemeinsamkeiten nicht zu übersehen.

Augstein weiter:

Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs (…)

Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA und Deutschland läuft das also – vielleicht sollte Bibi das mal jemand mitteilen. Es sollte vielleicht auch jemand in Moskau und Peking und Wellington anrufen und den dortigen Regierungen bescheid sagen, dass sie gemeinsam mit dem Rest der Welt am Gängelband der Regierung Netanjahu geführt werden – es könnte ihnen entgangen sein. Und wenn wir mal wieder etwas von zähen Verhandlungen über schärfere Sanktionen gegen Iran lesen, die dann von Russland verhindert oder verwässert werden, wissen wir jetzt, dass alles gelogen war. Netanyahu hat sein Lied gesungen, alle anderen haben gekuscht.
Wiederum also lesen wir grotesken Quatsch, durchsetzt mit altbekannten Vorstellungen über die negativen Auswirkungen der Macht von Juden, deren Ausmaß zu diesem Zweck völlig übertrieben wird.
Über die tatsächlichen Bemühungen der israelischen Regierung um Unterstützung und über die Positionen der anderen beteiligten Mächte kann man vielerlei interessante Dinge lesen, u.a. in amerikanischen Medien. Augsteins Pamphlet wirkt dagegen peinlich.

Der Glaube schämt sich

Alle paar Wochen ist bei Augstein Israelkritikzeit, im September ging es um das Mohammed-Video. Die wurstige Schreibe weiß zu begeistern: „Mit Religion hat das nichts zu tun. Wenn die Straße brennt und der Mob regiert, schämt sich der Glaube.“ Da schämt sich der Glaube, okay.

Bekannt geworden ist die Kolumne jetzt, weil sie ebenfalls vom Wiesenthal-Zentrum zitiert wurde. (Verfälscht zitiert übrigens, die Republikaner und Israel werden im Original zumindest formal nicht den „Wahnsinnigen und Skrupellosen“ zugerechnet.) Sie ist besonders bemerkenswert, weil Augstein hier starke Verrenkungen vollführt, um einen ungeheuren Vorwurf zu machen, für dessen Richtigkeit es keinen einzigen Hinweis gibt: Er insinuiert, Republikaner und/oder die israelische Regierung hätten womöglich das Mohammed-Video produzieren lassen, um die Ausschreitungen und die Ermordung von US-Bürgern zu provozieren, weil das ihre Chancen bei den Präsidentschaftswahlen erhöhen respektive Unterstützung für Netanyahus Iran-Politik befördern würde. Hier erübrigt sich die Frage danach, wie viel das mit der Wirklichkeit zu tun hat, es ist zu 100% Augsteins Phantasie. Und auf die Frage, warum die so aussieht und sich auf extrem niederträchtige Juden und deren finstere Verbündete konzentriert, gibt es wiederum eine sehr plausible Antwort, und zwar nur eine: Antisemitismus, dieses Mal in der verschwörungstheoretischen Spielart. Schlimmes ist geschehen, vielleicht sind die Juden schuld. Bei Rainer Trampert gibt es u.a. dazu noch mehr zu lesen.

Kritik und Gegenstand

Immer wieder wird gefragt, ob es denn eine Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus gibt, auf deren richtiger Seite man dann ja irgendwie bleiben könnte. Henryk Broder hat jetzt ein sehr schönes Kriterium zumindest dafür genannt, was als Kritik gelten darf:

Und ich wiederhole wieder und wieder: Das hat mit Israelkritik nichts zu tun. Kritik muss auch nicht fair, sachlich oder ausgewogen sein. Sie muss nur etwas mit dem Gegenstand zu tun haben, den sie kritisiert.

Ernähren und Brechen

In Augsteins letzter hier zu verhandelnder Kolumne geht es um die jüngste Eskalation in Gaza. Er behauptet:

Die Katastrophe geschieht. Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. (…) Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.

Dazu und zur Kritik daran stellt mein Kritiker auf Facebook nun fest:

Die (…) Feststellung, Israel brütet sich dort den eigenen Feind aus, ist hingegen nicht, wie das bisweilen jetzt gemacht wird mit dem antisemitischen Stereotyp zu verwechseln, der Jude sei schuld am Antisemitismus. Die Repression des israelischen Staates (…) ist nicht zu verwechseln mit dem Juden an sich oder der Demokratie Israel, sie zeigt natürlich ihre Wirkung wie jede Repression, die aus sich heraus Widerstand erzeugt, ob dieser nun gerechtfertigt oder gar gerecht ist oder nicht. Diese Repression kann man folgerichtig kritisieren, ohne damit antisemitisch sein zu müssen.

Nun kann man tatsächlich die Repression gegen Gaza als kontraproduktiv kritisieren. Gegen eine solche Kritik würde die andere Seite dann einwenden, dass eine weniger harte Politik gegen einen derart entschlossenen und radikalen Gegner einem Appeasement gleich käme und dessen Macht nur vergrößern würde. Beide Argumente haben ihre Plausibilität, und um sie herum drehen sich interessante Debatten von Leuten, die an einer erfolgversprechenden Politik in dieser Sache interessiert sind. Augstein gehört nicht dazu. Man muss eine solche Debatte schließlich vor dem Hintergrund der Tatsache führen, dass die Hamas nicht ein Ende der Blockadepolitik zum Ziel hat, sondern die Eroberung des gesamten israelischen Staatsgebiets. Das ist der Kern des Konflikts, unabhängig davon, ob dieses Ziel „nun gerechtfertigt oder gar gerecht ist oder nicht.“ Doch während er diese Realität wie gewohnt ignoriert, erfindet Augstein sich eine andere Erklärung mit „Katastrophe“, dem „Lager“, der „Endzeit des Menschlichen“. Nichts davon ist wahr, es gibt keine Katastrophe in Gaza, Gaza ist kein Lager (Indizes wie Lebenserwartung und Kindersterblichkeit liegen deutlich höher als in vielen Ländern der Region) und die Apokalypse steht auch nicht bevor. Wer die Lage in Gaza verstehen will, muss neben der israelischen Politik auch die palästinensischen Akteure betrachten, insbesondere die beiden Intifadas spielen eine wichtige Rolle beim Verlust der Bewegungsfreiheit der Palästinenser in Gaza und der Westbank. Wer das ignoriert, muss sich fragen lassen, warum.

Angeblich hat Augstein die Formulierung vom Lager bedauert, sie steht aber immer noch da. Und wiederum sehen wir das gleiche Muster: Die Wirklichkeit wird durch in aus dem Antisemitismus bekannten Bildern formulierte Projektionen ersetzt. Das gilt auch für das „Lager“. Der Begriff selbst ist in diesem Zusammenhang unsinnig, weil Gaza eine Jahrtausende alte Siedlung ist und ihm der temporäre Charakter, der ein Lager konstituiert, somit fehlt. Er macht aber andererseits sehr viel Sinn, denn im Kontext, also in einem deutschen Text über Israel und Krieg und Zwang ruft er unweigerlich und unmissverständlich Bilder von Konzentrationslagern auf. Und selbst wenn Augstein das heute peinlich sein sollte, bleibt die Frage bestehen, warum er es dann geschrieben hat – wenn nicht aus dem ihm vorgeworfenen deutschen, gegen die Opfer und ihre Nachfahren gerichteten Abwehrreflex.

Zu bald traditionellen negativen Bildern vom Judentum gehört auch der ihm angeblich inhärente Hang zur Rache. Die findet sich hier als eigentliches Motiv für die israelischen Militärschläge:

Die Hamas feuert Raketen. Israel bombardiert. Das Gesetz der Rache ist grenzenlos. Wer es durchbrechen will, muss ihm die Nahrung entziehen. Will Israel das?

Nebenbei bemerkt: Das Gesetz ist grenzenlos, und wer es durchbrechen will, muss dem Gesetz die Nahrung entziehen. Okay.

Dass, wer das „Gesetz der Rache durchbrechen“ wollte, auch Israel anerkennen, auf Gewalt verzichten und in Verhandlungen über eine Aufteilung des Landes eintreten könnte, kommt hier natürlich nicht vor.

Antisemitismus ohne Antisemiten?

Angesichts seiner Texte ist es meines Erachtens schlichtweg nicht zu bestreiten, dass Augstein antisemitische Stereotype verbreitet. Die Fülle der Beispiele und die Tatsache, dass es keine Kolumne über Israel gibt, in denen sich kein solches finden würde, lassen keinen vernünftigen Zweifel daran.

Wenn Augstein nicht vom Gedanken beeinflusst ist, dass Juden einen schädlichen Einfluss haben, warum schreibt er dann so? Warum schreibt er immer wieder so wie die Leute, die sich noch offensiv zu ihrer Gegnerschaft zu den Juden bekannt haben? Diese Frage müssten diejenigen beantworten, die ihn verteidigen.

Im weiteren stellt sich die Frage, wie man das sinnvoll formuliert und kritisiert. Verbreitet er antisemitische Stereotype? Bedient er sich antisemitischer Sprache? Argumentiert er antisemitisch? Oder ist er Antisemit? Zweifellos besteht ein Unterschied zwischen jemandem, der irgendwo aufgeschnappt und sich gemerkt hat, dass die Juden den Palästinensern das Wasser klauen, und einem überzeugten Neonazi-Kader. Die Frage, wen man seiner antisemitisch beeinflussten Äußerungen wegen als Antisemit bezeichnet, ist nicht so einfach zu beantworten. Ich finde es bei Augstein insofern angemessen, als er die Mittel hätte, es besser zu wissen, und weil er mit so viel Vehemenz und Wiederholung an der Sache arbeitet. Dass ihm selbst sein Antisemitismus gar nicht bewusst ist, ändert daran nichts.

Das verdeutlicht wiederum der Vergleich mit rassistischen Bildern: Bei der deutschen Polizei kann man krass rassistische Kalender drucken lassen, ohne dass sich irgendwer zum Rassismus bekennen müsste. Die tägliche rassistische Diskriminierung in den Ämtern und Betrieben kommt ebenfalls längst ohne erklärte Rassisten aus. Trotzdem sagt mir niemand Sachen wie „Du glaubst doch nicht wirklich, dass er jetzt Osteuropäer für rassisch minderwertig hält, nur weil er von den ‚faulen Rumänen im Park‘ gesprochen hat.“

Allerdings birgt die Personifizierung des Phänomens auch die Gefahr, Antisemitismus grundsätzlich nicht als Problem der Gesellschaft und der Strukturen zu verstehen. Stattdessen produziert man sich die Antisemiten dort und die aufrechten Kritiker hier und ist es dann auch schon zufrieden. Das Problem wirft die Frage auf, was Kritik am modernen Antisemitismus eigentlich leisten kann und soll. Ich weiß es auch nicht recht.

Kürzlich hat das Simon-Wiesenthal-Zentrum eine Liste mit den „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ (PDF-Download) herausgegeben. Platz 9 belegt darauf der Verleger- und Journalistendarsteller Jakob Augstein. Verdient hat er sich den Platz auf dieser Liste durch verschiedene Kolumnen auf Spiegel Online, von denen eine auch hier bereits Thema war.

Während Augsteins antisemitische Tiraden in Deutschland kaum Widerspruch hervorgerufen haben, gibt es nach der Veröffentlichung der Wiesenthal-Liste diverse Reaktionen, in denen er empört in Schutz genommen wird. Zum Beispiel von Frank Drieschner auf Zeit Online und Nils Minkmar in der FAZ, inzwischen gibt es mehrere weitere Zeitungsbeiträge und Wortmeldungen.

Was hier nicht erneut verhandelt werden soll, ist Augsteins Antisemitismus. Seine völlig haltlosen Verleumdnungen gegen Israel in Verbindung mit den dabei verwendeten antisemitischen Stereotypen vom Strippenzieher, kaltblütigem Mörder und rach- und streitsüchtigem Unmenschen lassen daran keinen Zweifel.

Interessant ist vielmehr die Einheitsfront für Augstein und ihr Kontext. Immerhin wurde noch vor wenigen Monaten Günter Grass, der kaum etwas anderes als Augstein geschrieben hatte und von diesem dafür gelobt wurde, ähnlich einhellig für seinen Antisemitismus kritisiert, wie Augstein jetzt für seinen gelobt und verteidigt wird. Verschiedene Erklärungen bieten sich an: Wer Antisemit ist, bestimmen immer noch die Deutschen – die müssen es wissen. So konnte SS-Günter vom deutschen Feuilleton abserviert werden. Der peinliche Behälter seines Pamphlets, das Prosa-Gedicht „Was gesagt werden muss“, machte ohnehin allzu deutlich, dass mit Grass keine deutsche Kultur mehr zu machen sein würde.

Anders bei Augstein: Dessen Antisemitismus bringt Spiegel Online tolle Klickzahlen ein und lange störte sich niemand daran. Bis das Wiesenthal-Zentrum in Person eines amerikanischen Juden, Rabbi obendrein, den Mann auf die besagte Liste schrieb, gut dokumentiert mit einigen Beispielen seiner Schreibkunst. Obschon sich der Inhalt wie gesagt wenig von Grass‘ Auslassungen unterschied – die Juden gefährden den Weltfrieden, sie machen ihre mutigen Kritiker mundtot, das von ihnen geknechtete deutsche Vaterland lässt sich zur Beihilfe erpressen, usw. usf. – will dieses Mal nicht nur niemand etwas von Antisemitimus wissen, im Gegenteil wird der Verfasser vehement gegen die Kritik von außen in Schutz genommen. Neben Grass‘ kaum mehr bestreitbarer Senilität und dem Umstand, dass die Kritik in diesem Fall von außen, gar aus Amerika und von einem Juden, kommt, dürfte eine Rolle spielen, dass Augstein sich selbst als „kritischer Journalist“ inszeniert. Das ist ein Etikett, dass sich alle seine Verteidiger gerne anheften würden, sind sie doch alle bei deutschen Qualitätszeitungen beschäftigt.

In seinem eigenen Statement zur Sache redet Augstein erst gar nicht von sich selbst, nur vom Kampf gegen Antisemitismus und vom kritischen Journalismus:

Fuer die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Um so betrueblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwaecht wird. Das ist zwangslaeufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird.

Wo er sich ganz bescheiden gibt und die Sache in den Vordergrund stellt, macht er schließlich nur deutlich, dass er sich selbst ganz größenwahnsinnig für identisch mit ihr hält: Jakob Augstein ist der kritische Journalismus, und wer ihn, Jakob, kritisiert, ist gegen kritischen Journalismus.

Das Argument selbst, auch von allen Augstein-Verteidigern vorgebracht, ist nicht ohne Witz: Wer Kritik an Augstein übt, macht Kritiker mundtot. Anders gesagt: Man kann immer wieder mehr oder weniger haltlose Attacken gegen eine bestimmte Gruppe veröffentlichen, aber wenn deren Vertreter sich dann selbst in einer Gegenrede äußern, ist das nicht zulässig.

Besonders bizarr ist die Fixierung auf „kritischen Journalismus“, wenn man sich Augsteins publizistisches Schaffen genauer anschaut. Die größte Reichweite seiner Arbeiten dürfte seine Kolumne bei Spiegel Online haben, um die es auch in der aktuellen Debatte geht. Es handelt sich um genau das: eine Kolumne. Augstein konsumiert andere Medien und schreibt seine Meinung dazu auf. Das kommt mir bekannt vor: Wenn Augstein ein kritischer Journalist ist, bin ich es auch.
Aber das von jenem Begriff aufgerufene Bild eines recherchierenden Nachrichten-Arbeiters, der der Öffentlichkeit wichtige Tatsachen präsentiert, von denen sie ohne ihn keine Kenntnis bekommen würde, hat nichts mit Augsteins tatsächlicher Arbeit zu tun. Für sein eigenes Zeitungsprojekt, den „Freitag“, fiel ihm folgerichtig auch nichts Besseres ein, als „das Meinungsmedium“ daraus zu machen.

Die Verweise auf Augsteins noble Tätigkeit muten noch ein bisschen skurriler an, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie zeitgleich mit dessen Kritiker Henryk Broder umgegangen wird. Der wird in der Wiesenthal-Liste in der Fußnote zu Augsteins Eintrag zitiert. Aber Broder, der ebenfalls vor allem Kolumnen und Kommentare schreibt, die mit „meinungsstark“ sicher nicht unpassend beschrieben sind, wird nicht die Ehre zuteil, zum schützenswerten „Journalisten“ geadelt zu werden: Für ihn geht es in die andere Richtung.

„Begnadeter Polemiker … der Bud Spencer unter den deutschen Kommentatoren. … Ihn aber als weisen Experten zu benennen führt in die Irre.

Dass Broder meist sehr genau darlegt, worin und woran er Antisemitismus erkennt – genauer als Augstein seine Anklagen gegen Israel je formulieren konnte – bleibt von Nils Minkmar in der FAZ unerwähnt, es bleibt nur der Polemiker, den man doch nicht ernst nehmen solle. Dabei stehen seine Einlassungen zu Augstein auf der Liste gar nicht als zentrale Begründung, denn als solche reichen schon dessen wörtliche Zitate. Auch wird er nicht als „weiser Experte benannt“, sondern lediglich korrekt wiedergegeben, dass er mal als Experte dem Bundestag Auskunft über Antisemitismus gegeben hat.

Es lohnt sich ein weiterer Blick auf Minkmars Argumentation. Der Feuilletonchef der FAZ behauptet:

Jakob Augstein hat in dieser Reihe nichts verloren: In seinen Texten geht es nicht um die Juden und nicht um den Juden. Er propagiert keine Gewalt, zieht keine Traditionslinien und operiert nicht mit Vorurteilen. Was er kritisiert, ist nicht das Symptom eines in der Existenz der Juden oder Israels wurzelnden Übels, sondern das Resultat politischer Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung.

Die israelischen Atomwaffen – „Resultat politischer Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung“?

Die „jüdische Lobby“ kontrolliert die USA und Deutschland, mächtige Juden „führen die ganze Welt am Gängelband“ – er „zieht keine Traditionslinien und operiert nicht mit Vorurteilen“?

Und überhaupt: Kann eine Aussage nur antisemitisch motiviert und gemeint sein, wenn sie klar von den Juden als Gruppe spricht? Minkmar hat hier schlicht nicht nachgedacht, bevor er geschrieben hat.

Exemplarisch sei hier auch noch auf den Kommentar von Frank Drieschner für die Zeit eingegangen. Drieschner hat mit der Sache eigentlich nichts am Hut. Bio: „Neben vielen anderen gesellschaftspolitischen Themen bewegen ihn besonders Fragen der Medizinethik – Sterbehilfe, Patientenverfügungen, Pflegenotstand“. Vielleicht auch deshalb hat er vor allem Empörung zu bieten:

Was also hat Augstein verbrochen? Es ist kaum zu glauben: Was ihm vorgehalten wird, geht über triviale Feststellungen kaum hinaus. Wie kann man ernsthaft bestreiten, dass Israel in Gaza seine eigenen Gegner heranzüchtet, wie Augstein beobachtet?

Ja, wie kann man nur? Ein Blick in die Geschichte würde genügen, der Nahost-Konflikt hat schließlich weder 2005 noch 1967 noch 1948 angefangen, Israels Gegner gibt es entsprechend länger – von der mindestens hanebüchenen Behauptung, Antisemitismus werde von den Juden verursacht, mal ganz abgesehen.

Noch mal Drieschner:

Man mag die Isolation der Gaza-Bewohner richtig oder falsch finden; dass sie die Bedingungen für den fortgesetzten Erfolg von Hamas schafft, ist offensichtlich.

Offensichtlich ist hier vor allem des Autors eitle Selbstgewissheit. Wie erfolgreich die Hamas gerade ist, deren Ziel ja nicht weniger als die Eroberung ganz Israels ist, darf dann jeder für sich selbst entscheiden.

Was ist antisemitisch daran, US-Republikaner und die Netanjahu-Regierung als Nutznießer der antiamerikanischen Ausschreitungen in Libyen zu bezeichnen?

Augstein hatte sie nicht nur als Nutznießer bezeichnet, sondern sie auf peinlich verdruckste Art und Weise als treibende Kraft dargestellt. Und ja, was ist antisemitisch daran, ohne jeden Anhaltspunkt über dunkle Intrigen der Juden zu spekulieren, immer und immer wieder? Drieschner teilt anscheinend Augsteins Wahn und fragt nun entgeistert, warum nicht die ganze Welt die Gespenster sieht, die er sieht.

Die traurigste Wortmeldung in der Augstein-Debatte kommt vom Zentralrat der Juden. Dessen Vizepräsident Solomon Korn sagte der FAZ:

Zunächst glaube ich, dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum nicht besonders gut informiert ist über die Verhältnisse in Deutschland. Das Zentrum hat sich in diesem Fall nur auf das verlassen, was der Publizist Henryk Broder ihm gesagt hat, ohne sich Gedanken zu machen, ob das zutrifft.

Wenn man den Antisemitismus allerdings schon so deutlich aus Augsteins Texten lesen kann, welche Rolle spielen dann „die Verhältnisse in Deutschland“ bei der Beurteilung? Man kann das vielleicht als Gewöhnung deuten: In Deutschland ist das halt so, hier schreibt man so wie der Augstein, das ist ganz normal. Und wer das Antisemitismus nennt, wird attackiert oder für irre erklärt.

Was bei Drieschner schon spürbar wird, nämlich die hohe Emotionalität, die Wut und die Empörung, bricht sich seit Tagen auch in den Kommentarspalten der Online-Medien Bahn. Es handelt sich, das ist leider so, um antisemitische Ausbrüche. Was diese Leute sich insgeheim wünschen, hat der FR-Redakteur Bommarius, hoffentlich bald arbeitslos, formuliert: „Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft“. Es könnte auch anders sein, lässt Bommarius alle wissen, die es etwas angeht.

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