Die Verhältnisse in Deutschland

Kürzlich hat das Simon-Wiesenthal-Zentrum eine Liste mit den “2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs” (PDF-Download) herausgegeben. Platz 9 belegt darauf der Verleger- und Journalistendarsteller Jakob Augstein. Verdient hat er sich den Platz auf dieser Liste durch verschiedene Kolumnen auf Spiegel Online, von denen eine auch hier bereits Thema war.

Während Augsteins antisemitische Tiraden in Deutschland kaum Widerspruch hervorgerufen haben, gibt es nach der Veröffentlichung der Wiesenthal-Liste diverse Reaktionen, in denen er empört in Schutz genommen wird. Zum Beispiel von Frank Drieschner auf Zeit Online und Nils Minkmar in der FAZ, inzwischen gibt es mehrere weitere Zeitungsbeiträge und Wortmeldungen.

Was hier nicht erneut verhandelt werden soll, ist Augsteins Antisemitismus. Seine völlig haltlosen Verleumdnungen gegen Israel in Verbindung mit den dabei verwendeten antisemitischen Stereotypen vom Strippenzieher, kaltblütigem Mörder und rach- und streitsüchtigem Unmenschen lassen daran keinen Zweifel.

Interessant ist vielmehr die Einheitsfront für Augstein und ihr Kontext. Immerhin wurde noch vor wenigen Monaten Günter Grass, der kaum etwas anderes als Augstein geschrieben hatte und von diesem dafür gelobt wurde, ähnlich einhellig für seinen Antisemitismus kritisiert, wie Augstein jetzt für seinen gelobt und verteidigt wird. Verschiedene Erklärungen bieten sich an: Wer Antisemit ist, bestimmen immer noch die Deutschen – die müssen es wissen. So konnte SS-Günter vom deutschen Feuilleton abserviert werden. Der peinliche Behälter seines Pamphlets, das Prosa-Gedicht “Was gesagt werden muss”, machte ohnehin allzu deutlich, dass mit Grass keine deutsche Kultur mehr zu machen sein würde.

Anders bei Augstein: Dessen Antisemitismus bringt Spiegel Online tolle Klickzahlen ein und lange störte sich niemand daran. Bis das Wiesenthal-Zentrum in Person eines amerikanischen Juden, Rabbi obendrein, den Mann auf die besagte Liste schrieb, gut dokumentiert mit einigen Beispielen seiner Schreibkunst. Obschon sich der Inhalt wie gesagt wenig von Grass’ Auslassungen unterschied – die Juden gefährden den Weltfrieden, sie machen ihre mutigen Kritiker mundtot, das von ihnen geknechtete deutsche Vaterland lässt sich zur Beihilfe erpressen, usw. usf. – will dieses Mal nicht nur niemand etwas von Antisemitimus wissen, im Gegenteil wird der Verfasser vehement gegen die Kritik von außen in Schutz genommen. Neben Grass’ kaum mehr bestreitbarer Senilität und dem Umstand, dass die Kritik in diesem Fall von außen, gar aus Amerika und von einem Juden, kommt, dürfte eine Rolle spielen, dass Augstein sich selbst als “kritischer Journalist” inszeniert. Das ist ein Etikett, dass sich alle seine Verteidiger gerne anheften würden, sind sie doch alle bei deutschen Qualitätszeitungen beschäftigt.

In seinem eigenen Statement zur Sache redet Augstein erst gar nicht von sich selbst, nur vom Kampf gegen Antisemitismus und vom kritischen Journalismus:

Fuer die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Um so betrueblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwaecht wird. Das ist zwangslaeufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird.

Wo er sich ganz bescheiden gibt und die Sache in den Vordergrund stellt, macht er schließlich nur deutlich, dass er sich selbst ganz größenwahnsinnig für identisch mit ihr hält: Jakob Augstein ist der kritische Journalismus, und wer ihn, Jakob, kritisiert, ist gegen kritischen Journalismus.

Das Argument selbst, auch von allen Augstein-Verteidigern vorgebracht, ist nicht ohne Witz: Wer Kritik an Augstein übt, macht Kritiker mundtot. Anders gesagt: Man kann immer wieder mehr oder weniger haltlose Attacken gegen eine bestimmte Gruppe veröffentlichen, aber wenn deren Vertreter sich dann selbst in einer Gegenrede äußern, ist das nicht zulässig.

Besonders bizarr ist die Fixierung auf “kritischen Journalismus”, wenn man sich Augsteins publizistisches Schaffen genauer anschaut. Die größte Reichweite seiner Arbeiten dürfte seine Kolumne bei Spiegel Online haben, um die es auch in der aktuellen Debatte geht. Es handelt sich um genau das: eine Kolumne. Augstein konsumiert andere Medien und schreibt seine Meinung dazu auf. Das kommt mir bekannt vor: Wenn Augstein ein kritischer Journalist ist, bin ich es auch.
Aber das von jenem Begriff aufgerufene Bild eines recherchierenden Nachrichten-Arbeiters, der der Öffentlichkeit wichtige Tatsachen präsentiert, von denen sie ohne ihn keine Kenntnis bekommen würde, hat nichts mit Augsteins tatsächlicher Arbeit zu tun. Für sein eigenes Zeitungsprojekt, den “Freitag”, fiel ihm folgerichtig auch nichts Besseres ein, als “das Meinungsmedium” daraus zu machen.

Die Verweise auf Augsteins noble Tätigkeit muten noch ein bisschen skurriler an, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie zeitgleich mit dessen Kritiker Henryk Broder umgegangen wird. Der wird in der Wiesenthal-Liste in der Fußnote zu Augsteins Eintrag zitiert. Aber Broder, der ebenfalls vor allem Kolumnen und Kommentare schreibt, die mit “meinungsstark” sicher nicht unpassend beschrieben sind, wird nicht die Ehre zuteil, zum schützenswerten “Journalisten” geadelt zu werden: Für ihn geht es in die andere Richtung.

“Begnadeter Polemiker … der Bud Spencer unter den deutschen Kommentatoren. … Ihn aber als weisen Experten zu benennen führt in die Irre.

Dass Broder meist sehr genau darlegt, worin und woran er Antisemitismus erkennt – genauer als Augstein seine Anklagen gegen Israel je formulieren konnte – bleibt von Nils Minkmar in der FAZ unerwähnt, es bleibt nur der Polemiker, den man doch nicht ernst nehmen solle. Dabei stehen seine Einlassungen zu Augstein auf der Liste gar nicht als zentrale Begründung, denn als solche reichen schon dessen wörtliche Zitate. Auch wird er nicht als “weiser Experte benannt”, sondern lediglich korrekt wiedergegeben, dass er mal als Experte dem Bundestag Auskunft über Antisemitismus gegeben hat.

Es lohnt sich ein weiterer Blick auf Minkmars Argumentation. Der Feuilletonchef der FAZ behauptet:

Jakob Augstein hat in dieser Reihe nichts verloren: In seinen Texten geht es nicht um die Juden und nicht um den Juden. Er propagiert keine Gewalt, zieht keine Traditionslinien und operiert nicht mit Vorurteilen. Was er kritisiert, ist nicht das Symptom eines in der Existenz der Juden oder Israels wurzelnden Übels, sondern das Resultat politischer Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung.

Die israelischen Atomwaffen – “Resultat politischer Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung”?

Die “jüdische Lobby” kontrolliert die USA und Deutschland, mächtige Juden “führen die ganze Welt am Gängelband” – er “zieht keine Traditionslinien und operiert nicht mit Vorurteilen”?

Und überhaupt: Kann eine Aussage nur antisemitisch motiviert und gemeint sein, wenn sie klar von den Juden als Gruppe spricht? Minkmar hat hier schlicht nicht nachgedacht, bevor er geschrieben hat.

Exemplarisch sei hier auch noch auf den Kommentar von Frank Drieschner für die Zeit eingegangen. Drieschner hat mit der Sache eigentlich nichts am Hut. Bio: “Neben vielen anderen gesellschaftspolitischen Themen bewegen ihn besonders Fragen der Medizinethik – Sterbehilfe, Patientenverfügungen, Pflegenotstand”. Vielleicht auch deshalb hat er vor allem Empörung zu bieten:

Was also hat Augstein verbrochen? Es ist kaum zu glauben: Was ihm vorgehalten wird, geht über triviale Feststellungen kaum hinaus. Wie kann man ernsthaft bestreiten, dass Israel in Gaza seine eigenen Gegner heranzüchtet, wie Augstein beobachtet?

Ja, wie kann man nur? Ein Blick in die Geschichte würde genügen, der Nahost-Konflikt hat schließlich weder 2005 noch 1967 noch 1948 angefangen, Israels Gegner gibt es entsprechend länger – von der mindestens hanebüchenen Behauptung, Antisemitismus werde von den Juden verursacht, mal ganz abgesehen.

Noch mal Drieschner:

Man mag die Isolation der Gaza-Bewohner richtig oder falsch finden; dass sie die Bedingungen für den fortgesetzten Erfolg von Hamas schafft, ist offensichtlich.

Offensichtlich ist hier vor allem des Autors eitle Selbstgewissheit. Wie erfolgreich die Hamas gerade ist, deren Ziel ja nicht weniger als die Eroberung ganz Israels ist, darf dann jeder für sich selbst entscheiden.

Was ist antisemitisch daran, US-Republikaner und die Netanjahu-Regierung als Nutznießer der antiamerikanischen Ausschreitungen in Libyen zu bezeichnen?

Augstein hatte sie nicht nur als Nutznießer bezeichnet, sondern sie auf peinlich verdruckste Art und Weise als treibende Kraft dargestellt. Und ja, was ist antisemitisch daran, ohne jeden Anhaltspunkt über dunkle Intrigen der Juden zu spekulieren, immer und immer wieder? Drieschner teilt anscheinend Augsteins Wahn und fragt nun entgeistert, warum nicht die ganze Welt die Gespenster sieht, die er sieht.

Die traurigste Wortmeldung in der Augstein-Debatte kommt vom Zentralrat der Juden. Dessen Vizepräsident Solomon Korn sagte der FAZ:

Zunächst glaube ich, dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum nicht besonders gut informiert ist über die Verhältnisse in Deutschland. Das Zentrum hat sich in diesem Fall nur auf das verlassen, was der Publizist Henryk Broder ihm gesagt hat, ohne sich Gedanken zu machen, ob das zutrifft.

Wenn man den Antisemitismus allerdings schon so deutlich aus Augsteins Texten lesen kann, welche Rolle spielen dann “die Verhältnisse in Deutschland” bei der Beurteilung? Man kann das vielleicht als Gewöhnung deuten: In Deutschland ist das halt so, hier schreibt man so wie der Augstein, das ist ganz normal. Und wer das Antisemitismus nennt, wird attackiert oder für irre erklärt.

Was bei Drieschner schon spürbar wird, nämlich die hohe Emotionalität, die Wut und die Empörung, bricht sich seit Tagen auch in den Kommentarspalten der Online-Medien Bahn. Es handelt sich, das ist leider so, um antisemitische Ausbrüche. Was diese Leute sich insgeheim wünschen, hat der FR-Redakteur Bommarius, hoffentlich bald arbeitslos, formuliert: “Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft”. Es könnte auch anders sein, lässt Bommarius alle wissen, die es etwas angeht.

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Auch lesenswert:
Stefan Gärtner für die Titanic.
Lizas Welt: Freispruch für Deutschland

  1. war doch was…

  2. Links zu so rechten Internetseiten!? Zu solchen Idioten!?
    Wo bleibt der Weltuntergang?

  3. Ich bitte herzlich darum, Kommentare immer in ganzen, verständlichen Sätzen zu formulieren. Danke!

  4. heplev ist schon sehr rechts. ist seinem blog einfach zu entnehmen. liza auch. verständlich? sagt nichts über deren argumente über antisemitismus, aber deren (oder auch) sonstige weltbrille ist doch schon sehr falsch.
    und dieses ganze gerede vom wahn. das antisemitismus kein wahn, sondern falsche vorstellungen über die welt und ihre juden ist, sollte auch klar sein. aber ist es das?

  5. Nein, Antisemitismus ist nicht nur eine eine “falsche Vorstellung” — eine falsche Vorstellung ist so einiges, Antisemitismus tritt als eine Ideologie zu Tage, und die ist nunmal näher am Wahn ist als an einer einfachen Fehleinschätzung — ihr sind die Fakten egal. Es ist das Gerücht, was für wahr befunden wird, weil es die Eltern erzählt haben, oder der Onkel, oder dieses tolle Video im Internet. (Ein guter Beitrag zum Thema stammt übrigens von Henryk M. Broder und wurde in den 80er Jahren unter dem Titel “Der ewige Antisemit” veröffentlicht.)
    Aber wenn neuerdings “Adorno/Horkheimer” und Bücher aus den Verlägen Ca Ira, Konkret Literatur und Die Werkstatt (siehe den Lektüreempfehlungen von Lizas Welt) für “sehr rechts” stehen weiß ich eh nicht ob ich in der Lage bin den richtigen Tonfall gegenüber der Jugend von heute zu treffen.

  6. Nur zum Verständnis: Die Links, die hier zwischen den Kommentaren stehen, sind sogenannte Pingbacks. Sie zeigen an, dass dieser Post von anderen Blogs verlinkt wurde. Dass darunter auch eine Seite ist, die kurioserweise die israelische, die deutsche und die amerikanische Flagge in eine Reihe stellt und auch sonst gelinde gesagt seltsam wirkt, kann man uns bzw. Bonde nur insofern in die Schuhe schieben, als dass die das hier bzw. eine bestimmte Aussage halt irgendwie interessant fanden. Falls das jetzt wirklich an den Aussagen liegen sollte, müssten die hier Thema sein.

  7. So ist es. Was Genossin Liza angeht, so habe ich an ihrer Treue zur kommunistischen Revolution keinen Zweifel. Von derlei Fragen abgesehen hat sie den besten Text zur Augstein-Thematik abgeliefert:

    “Wer künftig behauptet, Israel führe »die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs«, gefährde den Weltfrieden und pferche Palästinenser in einem Lager namens Gaza zusammen, kann sich im Falle von Kritik bequem auf den Freispruch für Augstein berufen – der ein kollektiver Freispruch für Deutschland ist und zudem einem Persilschein für die gesamte »Israelkritik« gleichkommt. Selbst am Zentrum für Antisemitismusforschung ist man schließlich der Ansicht, dass derartige Äußerungen vielleicht »grenzwertig« sind, aber nicht antisemitisch (…)”.

    heplev mag seltsam erscheinen, aber wo sonst kriegt man die wirklich wichtigen News, frage ich Euch: “Eltern verhinderten Propaganda für den Islam durch norwegische Pastorin zu Weinachten”.

  8. Also mal auf Kindergarten-Niveau (oder Altersheim): Ideologie, meinetwegen, aber es ist halt auch eine falsche, eben ideologische, Vorstellung. Und Ideologie ignoriert immer Fakten, sonst wäre sie ja keine. Sie deutet Fakten eben falsch, oder kennt sie gar nicht erst, und sortiert sich dann alles durch eine Brille zurecht.
    Ich wollte auch “nur” darauf hinaus, das dieses Gerede vom “Wahn” immer so nach “das ist pathologisch, sowas kann man nicht erklären” klingt. Und das wäre ja falsch, oder “antideutsche-Ideologie”, wie man es dann halt nennen mag…
    Zur Einleutung: ist Ironie. Es ist doch gleich wie alt jemand ist, um mit ihm zu reden. Das Alter ist doch kein vernünftiges Kriterium um Gedanken zu beurteilen.

  9. Dem politischen Werdegang der “Genossin Liza” kann man hier nachvollziehen:

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/9_11_der_offenbarungseid_nicht_nur_der_linken/

    “Sehr rechts”? Was ein Stuss. Nicht links (genug)? – What’s left?

  10. Gemeint war hauptsächlich heplev, sorry für Unverständlichkeit!
    Die frage what’s left? willst du doch gar nicht beantwortet haben. Und was ist das für ein komischer Artikel? Die achse des guten ist mehr als nur “nich links genug”. Außerdem klingt der Artikel wie eine antiverschwörungsthrorie-verschwörungstheorie :) irgendwie witzig…

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