Februar 2013

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Die US-Fernsehserie Newsroom portraitiert die Redaktionsmitglieder eines fiktiven Kabelfernsehsenders in den USA, deren Tagesgeschaeft die Produktion eines Nachrichtenformats ist. In der neunten Folge der ersten Staffel bekommt das Team Besuch von einer Abordnung des Republican National Committee. Newsnight, besagte Nachrichtensendung, hat die Chance eine der Vorabdebatten mit den verschiedenen republikanischen Kandidaten im Praesidentschaftswahlkampf auszurichten. Der Stab um den Anchorman Will McAvoy hat sich gut vorbereitet, um den Parteiapparatschiks einen Ausblick auf ihre Version dieses Medienereignisses zu zeigen. Die Fragen sind ungewoehnlich scharf und direkt, McAvoy fasst keinen der Kandidaten, die von seinen Redaktionsmitgliedern nachgespielt werden, mit Samthandschuhen an und versucht seine imaginaeren Gegenueber auf eindeutige Statements festzulegen. Der Zuschauer sieht immer wieder, wie das dem letzten Endes fuer die Evaluation des Formats verantwortlichen Politikberater gefaellt: ueberhaupt nicht. Nach einer kurzen Pause bekommt McAvoy schliesslich die Absage, alle Vorbereitung des Konzepts war umsonst. Am Ende der Folge bekommen wir einen kurzen Ausschnitt der realen Debatte zu sehen, die beiden Funktionaere der grand old party schauen in einer Bar zu. Anstatt die bissigen Fragen des Newsnight-Team beantworten zu muessen, wird Michele Bachmann gebeten, zum Thema Elvis or Johnny Cash? Stellung zu beziehen.

Gibt es ueberhaupt so etwas wie gescheites Fernsehen? Vielleicht sogar gescheites Fernsehen zu politischen Themen? Das ist eine Frage, um deren Beantwortung sich die Serie The Newsroom, die im Uebrigen im Juni diesen Jahres in ihre zweite Staffel geht, immer wieder dreht. Bis dahin muss man damit leben, dass die Realitaet noch grausamer ist, als das in dieser Fernsehserie ueber das Fernsehen dargestellt wird. Wenn es schon nicht Will McAvoy sein kann, wie waere es dann mit Sandra Maischberger, dachte dieser Autor am vergangenen Dienstagabend und schaltet zum Thema Die Armutseinwanderer: Ist Deutschland ueberfordert? ein. Das ist zwar nicht so schoen entweder “ oder wie die Frage, ob mans eher mit Johnny oder eher mit Elvis haelt, aber trotzdem die ideale Chance fuer Qualitaetsfernsehen.

Die Diskussionsrunde wird mit einem Video eingeleitet. Wir sehen ganz normale Deutsche, irgendwo in Duisburg “ sie sind in Aufruhr, das ist nach 3 schnellen Schnitten von Buerger zu Buerger klar. Es geht nicht mehr, befindet eine alte Frau. Die Lage sei unbeschreiblich, konstatiert ein anderer, um seine Sprachlosigkeit dann doch in Worte zu fassen: Die Kinder, die lassen die Hosen runter, um ihre Notdurft zu verrichten. Und dann sind wir schon im Studio, Frau Maischberger kündigt an, in den nächsten knapp 75 Minuten (!) mit ihren Gästen über die Frage zu debattieren, ob Deutschland ueberfordert sei.

Wer noch nicht verstanden hat, was er hier gleich vorgesetzt bekommt, bekommt jeden der Diskutanten von Maischberger vorgestellt: Da wäre der Integrationsminister von NRW, Guntram Schneider. Er wird den Technokraten in der Runde spielen, von EU-Verantwortung und der Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen reden, und von Kompromissen. Den Hardliner-Part uebernimmt mit Wilfried Scharnagl ein CSU-Politiker, der direkt etwas grimmig dreinschaut und den man überraschenderweise ausgerechnet mit dem Roma-Aktivisten Hamze Bytyci zusammen auf eine Zweiercouch verfrachtet hat. Zu ihrer Rechten sitzt die gebürtige Bulgarin Lucy Diakovska, die als Teil der Popgruppe No Angels Karriere gemacht hat. Sie hat kein Verständnis für Einwanderer, die sich nicht integrieren, und dabei ist sie selbst Ausländerin “ eine bessere Kronzeugin der Anklage ließe sich vermutlich schwer auftreiben. Dann wären da noch Özlem Gezer, eine Journalistin, die für den Spiegel undercover zum Thema Menschenhändler in Suedosteuropa recherchiert hat, und Doktor Michael Willhardt, der einer Bürgerinitiative “ sie heisst „Zukunftsstadtteil“ “ vorsitzt, und findet, dass das Maß (er meint: das Boot) voll sei.

Man kann schon jetzt eine Ahnung bekommen, was passieren wird, sobald der Reigen beginnt: Das Thema ist „brisant“ genug, um eine „emotionale Diskussion“ “ wir werden derlei Formulierungen noch häufiger zu hören bekommen “ losbrennen zu lassen, das heisst: keine Argumente, sehr viele Befindlichkeiten. Und Geschichten, persönliche Geschichten aus dem Leben aller Teilnehmer “ das ist der Stoff, aus dem die biederen Talk-Formate in den öffentlich-rechtlichen Sendebetrieben gestrickt sind.

Willhardt ist, wir bekommen das nun noch einmal gesagt, wirklich ein Experte und nicht etwa nur ein Schwätzer, der jeden Satz mit Ich sach mal einleitet, nein. Er ist Soziologe und vor allem: Altlinker. Das ist wichtig, denn man hat ihm tatsächlich schon vorgeworfen, rechts zu sein “ wer in den nächsten Minuten ein wenig zuhört, wird schnell verstehen, warum. Ohne Europa keine Chance “ das ist das Kredo eines Altlinken, der Briefe mit Formulierungen wie Wir moechten mit diesem Brief gegen den Zuzug von Bulgaren protestieren schreibt.

Der Duisburger erlebt eine Menge: Vandalismus und eine größere Frequentierung des öffentlichen Raums “ genauer: die Plätze in der Stadt. Wer nicht versteht, worum es hier geht, es sind die Gewohnheiten, das ständige Spucken von Kernen und so weiter. Als der Soziologe, der er ist, findet er derartiges Verhalten befremdlichEuropa habe Gäste eingeladen, aber die Rezeption nicht besetzt. Wenn das mal keine gute Ueberleitung zum naechsten Gast ist, denkt auch Sandra Maischberger und bindet Guntram Schneider ins Gespräch mit ein. Dazu muss man sagen: Talkshows sind, der Name mag da in die Irre fuehren, meistens keine Gespräche zwischen Menschen, sondern nacheinander abgespulte Statements, die man mit einer gewissen Bereitschaft zur Transferleistung manchmal aufeinander beziehen kann. Das wird dem geneigten Zuschauer mit zunehmendem Verlauf allerdings immer schwerer fallen.

Wir “ Schneider meint vermutlich den Staat als politische Entität “ unternehmen einiges, aber es reicht nicht aus, ein besseres Politikerstatement kann man sich kaum vorstellen. Er illustriert ein bisschen etwas, was man das Ying und Yang der Zuwanderungsdebatte nennen könnte: Es gehören immer zwei dazu “ das ist im gleichen Maße banal wie richtig, aber immerhin schonmal mehr als wir von seinem Vorredner an Differenzierung zu hoeren bekommen haben. Aber das ist eben auch langweilig, irgendwie nicht konfrontativ genug, darum will die Diskussionsleiterin lieber erstmal sortieren. In diesem Fall bedeutet das, dass Maischberger schnell die rassistischen Aeusserungen eines SPD-Genossen von Schneider zitiert. Ob einige Politiker Stimmung machen, wird gefragt. Ja, das machen sie. Um jeglicher Kohaerenzbildung vorzubeugen, redet Schneider jetzt aber erstmal, er kennt sich da gut aus, ueber Rumaenien, wo Roma auf Muellhalden wohnen “ wer koennte da ein besserer Ansprechpartner sein als Bytyci? Er ist der Einzige in der Runde, der sich in seinem Eingangsstatement fuer die Einladung bedenkt “ sie sei nicht selbstverstaendlich, womit er falscher kaum liegen koennte, denn in der Redaktionsstube von Menschen bei Maischberger wird man sich sehr gefreut haben, ihn in die Runde integrieren zu koennen: Mit ihm laesst sich eine merkwuerdige Form von Authentizitaet simulieren. Man muesse lernen zu differenzieren, und die Kamera springt genau in dem Moment, in dem Bytyci dieses Wort benutzt, in eine andere Perspektive: wir sehen die Popstars-Siegerin Diakovska. Sie verzieht das Gesicht.

Bytyci redet noch etwas ueber verschiedene Gruppen von Einwanderern und versucht zu erklaeren, dass er letztlich nur als Funktionaer “ er arbeitet fuer den Bundes Roma-Verband “ sprechen kann. Was fuer eine Enttaeuschung, scheint sein Sitznachbar zu denken, der mit nach unten gezogenen Mundwinkeln den Blick durch das Studio schweifen laesst. Bad publicity is good publicity, stellt er noch fest, und er meint damit die Politik eines Nicolas Sarkozy. Der ist im Gegensatz zu Willhardt zwar kein Altlinker, aber ansonsten scheinen sich ihre Positionen in dieser Debatte gar nicht so sehr zu unterscheiden. Komisch. Dass Diakovska unruhig geworden ist, ist auch Maischberger aufgefallen. Sie weiss zu berichten, dass die Roma in Bulgarien es nicht schaffen, sich umsiedeln zu lassen, obwohl die bulgarische Regierung ihr Bestes dafuer tut. Bytyci faellt ihr ins Wort, er wird das leider immer wieder tun. Es gibt ein ganz konkretes Beispiel, sagt die Bulgarin: Da, genauer wird sie nicht, wurden zwei Plattenbauten zur Verfuegung gestellt. Zwei. Plattenbauten. Und zwei, drei Wochen spaeter war da alles raus: sie meint die Fenster und Tuerenalles wurde verkauft. Lucy Diakovska nennt diese Anekdote Wahrheit, Bytyci nennt es absurd.

Wenn es irgendjemanden gibt, der jetzt helfen kann, dann eine Journalistin. Gezer! Sie hat verschiedene Doerfer in Rumaenien und Bulgarien besucht und redet ueber die Lebensbedingungen der so genannten Armutsfluechtlinge in ihren Heimatlaendern. Natuerlich hat auch sie eine Geschichte parat, sie handelt von den Schleppern, die die Menschen gegen Bares zu einer ihrer Wunschadressen befoerdern: Deutschland, ein Land, in dass sie als EU-Buerger sowieso einreisen duerfen, wie Bytyci richtig bemerkt. Er will gerade ausmalen, dass der Zuzug junger Menschen einem ueberalterten Land wie der Bundesrepublik ganz gut tun koennte, da grinst Maischberger versoehnlich, denn das ist eine tolle Vorlage, um Herrn Willhardt, der, Ich sach mal, sich selbst sehr gerne reden hoert, einzubinden. Der Soziologe redet am Liebsten von sich und seinen Landsleuten, die den Kulturschock haben “ welchen noch gleich? Brueckenkoepfe haben die Migranten im Ruhrgebiet eroeffnet, jeder kennt immer irgendjemanden, der schon hier ist: Ganz anders die Deutschen, die zwar die Mehrheit in Deutschland stellen, aber, ich sach mal, verhaeltnismaessig vereinzelt sind. So weit, so gut, koennte man meinen, waeren da nicht die Ressentiments, mit uns zu reden, die der Altlinke im Duisburger Problem- und Zukunftsstadtteil erlebt, und er wirkt jetzt, wo wir wissen, dass auch er Opfer ist, der Deutschenfeindlichkeit naemlich, gleich ein wenig menschlicher. Willhardt muss das eine oder andere Voelkerkunde-Seminar besucht haben, wie er berichtet, hat er Kontakt zu einem Raedelsfuehrer aufgebaut. Wie heissen sie noch gleich? Fuersten? Lords.. wie dem auch sei.

Zur Praxis von Talkshows gehoert es auch, die aufgezeichnete Debatte wenn noetig an bestimmten Stellen zu kuerzen, unter Umstaenden ganze Wortbeitraege rauszuschneiden. Das funktioniert deshalb so gut, weil es sowieso kaum einen Zusammenhang zwischen den einzelnen sprachlichen Aeusserungen gibt. Wir sind nun schon seit ueber zwanzig Minuten in der Sendung, und der CSUler hat noch kein Wort gesagt. Nachdem Maischberger die Fuehrung der Debatte in der letzten Sendung zu einem aehnlichen Thema merklich schwergefallen war, bleibt es bisher doch ein gutes Stueck ruhiger. Weniger als eine knappe halbe Stunde also, und man sehnt sich nach der Werbepause, mit der man im oeffentlich-rechtlichen TV zur Abendzeit nie fuers Dranbleiben belohnt wird.

Weil nun auch ohne Scharnagls Statements alle Informationen ausgetauscht sind, darf Lucy von den No Angels etwas aus ihrem Leben erzaehlen. Ob sie es auch in Bulgarien geschafft als Musikerin geschafft haette, fragt Frau Maischberger, und stellt damit eine Frage, die man nicht beantworten kann “ Diakovska tut es trotzdem: Ach doch, sagt sie, ich denke schon. Mit ein bisschen Talent und dem richtigen Willen kann man es im Kapitalismus schliesslich immer zu etwas bringen, jeder von uns. Wir erfahren, dass das spaetere Castingband-Mitglied das Glueck hatte, an einer amerikanischen Universitaet, an der sie sowohl deutsch als auch englisch lernen konnte, zu studieren. Die Aehnlichkeit dieser Migrations-Erfahrung zur persoenlichen Biographie eines Armutseinwanderers aus einem rumaenischen Dorf ist frappierend. Maischberger resuemiert: Also, ihnen war das wichtig, dass sie deutsch lernen? Diakovska nickt. Sie hat Freude daran gehabt, viel ueber das Land zu wissen, sich gar ab einem gewissen Punkt wie ein Deutscher anzufuehlen. Womit das etwas zu tun hat? Mit Disziplin und Ordnung. Auftritt Schneider, der ganz viele neue Worte ins Spiel bringt: Soziale Schichtung, Sozialpolitik , soziale Herkunft, Bildungshintergrund “ man kann annehmen, dass derlei Begrifflichkeiten in seinem Grundwortschatz eine prominente Position innehaben, und da muessen wir ansetzen. Klingt irgendwie ueberzeugend. Bytyci sagt, dass Integration keine Einbahnstrasse sei, sein Sitznachbar von der CSU scheint mittlerweile zum Oelgoetzen erstarrt. Der Funktionaer verweist nun “ es ist ein wenig unpassend an dieser Stelle, das kann man nicht bestreiten, auf Abschiebungen, die allerdings nicht die EU-Buerger betreffen, ueber die vorher lang und breit geredet wurde. 

Das evoziert die erwartete Regung bei Scharnagl. Er nimmt die Haende aus dem Schoß und kratzt sich am Hinterkopf. Es scheint, als wolle er endlich auch etwas sagen. Die Sendung laeuft seit mehr als einer halben Stunde. Nachdem Bytyci von Schneider und Maischberger belehrt wurde, dass das emotionale Thema „Abschiebungen“ heute nicht Gegenstand der Diskussion sei, geht es mit einem Tatort-Einspieler aus den eigenen Produktionsstudios weiter: Nichts im Fernsehen ist schlimmer als deutsche Krimiserien.

Wieder kein Scharnagl. Schneider ist dran: Exzesseinakzeptabel, die Staedte sind dabei, etwas zu aendern. Willhardt sieht davon nichts. Im komplexeren Sinne, also ich mein, ist das betreutes Wohnen. Schneider gibt sogar zu: Es passiert etwas, aber es ist passiert zu wenig “ das ist eine wunderschoene Variation seines Eingangsstatements, als er sagte, es werde etwas unternommen, aber es reiche nicht aus. Da Schneider Landesminister ist, hat er auch eine tolle Loesung parat, die nur zufaelligerweise gar nicht in seinen Zustaendigkeitsbereich faellt: es geht um Sofortmaßnahmen des Bundes, er will gerade ein wenig ausholen.. da ist es: Scharnagl sagt etwas dazwischen. Einen besseren Einstieg als die Verantwortung der Bundespolitik kann man fuer den Mann nicht mehr finden: seine letzten Buchveroeffentlichung traegt den Titel Bayern kann es auch allein: Plaedoyer fuer den eigenen StaatScharnagl kommt direkt auf law and order zu sprechen. Es wird immer Leute geben, die sich außerhalb des Gesetzes bewegen. Er scheint das nicht troestlich zu meinen. Maischberger, Schneider und Bytyci fangen nun alle gleichzeitig an, etwas zu sagen, Scharnagls Auftritt war kurz. Herrgott, lassen sie mich endlich auch einmal ein Wort sagen, faehrt er ausgerechnet Bytyci an, und setzt wieder an, mit ausladender Gestik ueber Maßnahmen und Gelder zu reden. Den Ball, den Schneider ihm zugespielt hat, als er vom bundespolitischen Zustaendigkeitsbereich spricht, nimmt Scharnagl gekonnt auf, er eskaliert bloss die hierarchische Stufe. Es ist ein großes Versagen der europäischen Politik. Ich fuehle mich endlich umfassend informiert.

Und dann mache ich das, was die Verantwortlichen fuer dieses Schlamassel in der Fernsehserie auch getan haben. Ich schalte einfach aus.