März 2013

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Mesut, 17

Im Kurzfilm „Mesut, 17″ kann man nicht nur den jungen Mesut Özil bei einem Hallenturnier sehen, sondern auch einen anderen für Werder-Fans wunderschönen Moment: „Gehalten von Sebastian Mielitz!“ hören wir den Hallensprecher sagen, ein in der Gegenwart sehr selten gewordenes Ereignis. Wertvoll ist der Film auch als Studienmaterial für alle, die wie ich seit Jahren versuchen, sich eine Karriere als Uli-Stielike-Imitatoren aufzubauen.

„Wanted?€

Dick Cheney wirkt verblüfft, als er das sagt. Gerade hat man ihm die Frage gestellt, ob die US-Administration, in deren Turnus er als Vizepräsident der Vereinigten Staaten gearbeitet hat, den Irak-Krieg gewollt habe. Der ehemalige Kongressabgeordnete des Bundesstaates Wyoming “ es ist der einwoehnerärmste des Landes “ scheint mit so einer Frage entweder nicht gerechnet zu haben oder für einen Politiker sehr gut schauspielern zu können. Nach einem kurzen Augenblick entscheidet er sich, mit einer Gegenfrage zu antworten: Why, €™cause we liked war?

Es ist eine von vielen merkwürdigen Szenen in R.J. Cutlers Film The World According to Dick Cheney, der zwar schon auf dem Sundance Film Festival Premiere feierte, im US-Fernsehen allerdings erst am vergangenen Freitag ausgestrahlt wurde. Der Sendetermin dürfte kaum zufällig an dieses Datum verlegt worden sein: Den heute 72-Jährigen wird man trotz einer abwechslungsreichen politischen Karriere im Wesentlichen für seine Dienstzeit unter George W. Bush in Erinnerung behalten, und in diesen Tagen jährt sich der Beginn der Operation Iraqi Freedom zum zehnten Mal. Cheney gilt als einer der vehementesten Befürworter des Irak-Kriegs. Selbst bei der Wikipedia lässt sich erfahren, dass er der angeblich mächtigste Vizepräsident in der langen Geschichte seines Landes war, in den Augen seiner Feinde ist er gar so etwas wie die graue Eminenz der Ära Bush, ein skrupelloser Machtpolitiker und Lobbyist, nach dessen Vorbild die Ultra-Hardliner in Agentenserien wie 24 geschnitzt wurden, deren politischer Alltag nur aus dem Erpressen von Foltergeständnissen und dem Vereiteln von ABC-Waffenanschlägen besteht. Wenn in den letzten zehn Jahren in der linksliberalen deutschen Presse von den Falken in der amerikanischen Regierung die Rede war, dann ist Cheney unter ihnen derjenige mit der größten Flügelspannweite.

Genau wie sein engster privater Freund Donald Rumsfeld hat er bereits seine Memoiren verfasst und das aktive Politikerdasein an den Nagel gehängt. Die letzten beiden Präsidentschaftswahlen hat seine Partei, die republikanische, verloren, und es gibt nicht wenige, die das dem Wirken der Bush-Administration ankreiden. Die grand old party galt den US-Bürgern von den 70ern bis zum Ende von George W. Bushs erster Amtszeit als die in Fragen der national security kompententere, ein Vorsprung, den sie schon eingebüßt hatte, bevor Barack Obama die Tötung von Osama bin Laden verkünden konnte. Ihr Kandidat für den Wahlkampf des letzten Jahres, Mitt Romney, hatte die Volksabstimmung gegen einen durchaus amtsmüde wirkenden demokratischen Präsidenten auch deshalb verloren, weil in sicherheitspolitischen Fragen an den Erfolgen der Obama-Administration wenig auszusetzen war.

The Dark Side of the Force

Wer sich die folgenden 110 Minuten in Gänze anschaut, wird danach vorraussichtlich nicht viel an seinem Weltbild ändern müssen. Entweder man sieht in Cheney genau den political darth vader, als den ihn einer der zu Wort kommenden Journalisten gegen Ende beschreiben wird. Und, könnte man fragen, gibt es überhaupt ein oder? Genauere statistische Erhebungen zu dem Thema scheinen nicht angestellt zu werden, aber Cheney dürfte seinem ehemaligen Chef im weissen Haus in Sachen Unbeliebtheit in nichts nachstehen. Der Regisseur Cutler, den wir die ganze Zeit über nicht zu Gesicht bekommen werden, stellt Cheney einige banale Fragen. Was ihm die wichtigste Tugend sei, was das schlimmste Unglück. Und sein Lieblingsessen? Spaghetti. Man meint zu bemerken, dass er die Fragen ein wenig albern findet, da bekommt er gleich die nächste gestellt. Man wird sie in den Trailer schneiden, denn es passt einfach zu gut zu dem Bild, dass man von Cheney schon jetzt bekommen soll: Was sein größter Fehler sei, wird er gefragt, und natürlich hat er keine Antwort parat. Wer könnte so eine Frage schon beantworten, zumal, ohne nachzudenken? Er verbringe nicht viel Zeit mit dem Nachdenken über seine Fehler, sagt er dann, die Kamera blendet aus und “ so funktioniert Fernsehen “ lässt dem Zuschauer ein paar Sekunden Zeit, über die Fehler eines anderen Menschen zu sinnieren.

Umso genüsslicher und umfangreicher werden andere Cheneys Fehler in den kommenden Tagen noch einmal Revue passieren lassen, auch in Deutschland, wo die Bush-Administration wie in vielen anderen Ländern die mit Abstand unbeliebteste US-Regierung nach 1945 war. Man wird sich an Colin Powells Auftritt vor den Vereinten Nationen erinnern, “ so, als habe es vor den dieser Versammlung weder davor, noch danach jemals andere Peinlichkeiten gegeben “ an black sites und Guantanamo, an weapons of mass destruction, die sich als inexistent herausstellten, an die axis of evil, old europe und terrorist support. In der Zeit beispielsweise macht Martin Gehlen schon im Titel klar, dass man nach zehn Jahren nur auf ein katastrophales Erbe schauen könne “ natürlich das Erbe des George W. Bush, nicht etwa Saddam Husseins. Über 750 Milliarden US-Dollar hat der Krieg bereits verschlungen, einer der Hauptgründe für seine Unbeliebtheit in den Vereinigten Staaten. Barack Obama hat das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur 2008 auch deshalb gewonnen, weil er sich als vehementen Gegner des Kriegs inszenieren konnte, eine Haltung, die seine Hauptkonkurrentin kaum glaubhaft verkaufen konnte.

Denn Hillary Clinton hatte 2003 als Senatorin für den Bundesstaat New York ebenso wie die Hälfte der anderen demokratischen Senatoren für den Krieg gestimmt, wir können das in The World According to Dick Cheney noch einmal sehen. Es ist einer von vielen Film- und Bildschnipseln, die Cutler aus den Archiven der Fernsehsender gegraben hat, um sie im Sinne einer ansatzweise kohärenten Erzählung von Cheneys Leben wieder zusammen zu setzen. Wir sehen viele Bilder aus dem, was man für den Alltag eines Politikers halten könnte: Mal sitzt er vor einem Berg von Akten oder Papieren über dem Schreibtisch, dann schüttelt er die Hand von Richard Nixon oder hält eine Pressekonferenz. Akustisch untermalt wird das Ganze von einer tiefen Erzählerstimme und einer ganzen Armada von Buchautoren und Journalisten, die immer wieder zwischen die Aufnahmen geschaltet werden und mehr oder weniger sinnvolle Kommentare und Erläuterungen abgeben. Eine von ihnen erklärt, wie mächtig der Vizepräsident war, in dem sie allen Ernstes auf seine Anwesenheit bei wichtigen Meetings verweist, ein anderer betont Cheneys Einflussnahme bei der Zusammensetzung des Kabinetts. Unprecedented, beispiellos, wird Cheneys Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 bezeichnet, was nur denjenigen verblüffen dürfte, der sich der Beispiellosigkeit von 9/11 nicht bewusst ist. Als die nicht immer zeitlich stringent verlaufende Timeline dieses Datum erreicht hat, sehen wir einen sorgenvollen Vizepräsidenten in einem Raum des weissen Hauses, umringt von Regierungsmitgliedern wie Condoleeza Rice, hinter ihm ist das Wappen des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sehen. Es stammt tatsächlich vom 11. September, denn der amtierende Präsident war zum Zeitpunkt der Anschläge, auch diese Aufnahmen gehören zu den berühmtesten des Jahrzehnts, in einer Grundschule in Florida damit beschäftigt, aus Kinderbüchern vorzulesen, weshalb Cheney an der Stelle sitzt, die sonst dem Präsidenten vorbehalten ist, darum ist er sein Stellvertreter. Ein Journalist erklärt, Cheney sei nach den Anschlägen, die sein Amtskollege Rumsfeld im Pentagon übrigens aus nächster Nähe erlebt hat, mit einem Helikopter aus dem weissen Haus ausgeflogen worden. Wem diese Annehmlichkeit sonst noch zu Teil wird? Präsidenten. Nur Präsidenten.

The Neoconservative Persuasion

Gäbe es so etwas wie ein politisches Unwort der Bush-Zeit, der Begriff vom neocon landete mit großer Sicherheit in der Endausscheidung. Personen des öffentlichen Lebens inner- und außerhalb der republikanischen Partei, die sich als solche bezeichnen, hat es seit den 1970er Jahren immer wieder gegeben. Die Liste der Verdächtigen ist lang und unvollständig: Neben Rumsfeld und Cheney wären da weitere Mitarbeiter der Regierung wie Paul Wolfowitz und Richard Perle, Intellektuelle und Publizisten wie John und Norman Podhoretz vom Commentary Magazine, der Journalist Charles Krauthammer oder der mittlerweile verstorbene Irving Kristol, den man als den ideologischen Vater der Bewegung bezeichnet hat. Es sagt eine Menge über die Kurzlebigkeit solcher politischer labels aus, dass in The World According to Dick Cheney das Wörtchen vom Neocon kein einziges Mal vorkommt: Weder der geschiedene mächtigste zweitmächtigste Mann der Welt noch irgendein anderer Akteur führt es ein einziges Mal im Mund. Man muss schon darauf warten, von Sebastian Fischer, dem USA-Korrespondenten des Spiegel, zehn Lehren aus dem Irak-Kriegs präsentiert zu bekommen, um mal wieder über diesen geheimbundartigen Zusammenschluss zu stolpern. Dort lässt sich erfahren, dass, sechstens, der Irak-Krieg einer der Neocons war und sie obendrein siebtens daraus wenig gelernt haben, weil sich Kristols Sohn William tatsächlich erdreistet, weiterhin eine Zeitung zu publizieren und die Lebensgeschichte von Donald Rumsfeld käuflich zu erwerben ist. Mit der tatsächlichen politischen Realität in den USA hat das, das weiss Fischer vermutlich selbst, wenig zu tun. In der republikanischen Partei sind die hoffnungsvollsten und beliebtesten Vertreter der Partei keine außenpolitischen Hazardeure mehr: Es bedarf schon einiger inhaltlicher Verrenkungen oder einer gewollten analytischen Unschärfe, um Mitt Romney einen Neokonservativen zu nennen, bei den neuesten shooting stars wie Rand Paul oder Marco Rubio wäre es glatter Unfug. Sie befürworten wie die mit ihnen eng verbundene tea party für eine isolationistisch ausgerichtete Außenpolitik der USA und die Reagonomics der Achtziger würden vor ihren fiskalpolitischen Maßnahmen vermutlich wie ein sozialdemokratisches Reformprogramm wirken.

Dass die Neokonservativen im Urteil des überwiegenden Teils der Nachwelt nicht gerade gut wegkommen, dürfte auch ihrem funktionalistischen Politikverständnis geschuldet sein. It is more important to be successful than to be loved, sagt Cheney in die Kamera, was einerseits stimmen mag, andererseits aber ein schlechter Wahlspruch für demokratisch legitimierte Politiker ist, die auf die Stimmen ihrer Bürger angewiesen sind. In diesen Momenten des Films lässt sich erahnen, warum der Versuch dieses Mannes, sich von seiner Partei als Präsidentschaftskandidat aufstellen zu lassen, gescheitert ist. Beeindruckend viel Neues erfahren wir in den knappen zwei Stunden zwar nicht, aber dem Filmemacher Cutler ist es gelungen, die Ausgangslage einer Ära nachzuzeichnen, die, wie Hank Stuever in der Washington Post ganz richtig feststellte, lang noch nicht an ihrem Ende angelangt – still raw inside – ist. Der Zuschauer taucht noch einmal in die Diskussionen der unmittelbaren Zeit nach 9/11 ein: Es geht um die Behandlung von mutmaßlichen und tatsächlichen Terroristen, um das Abschiessen von Flugzeugen und die Frage, welche Verhörmethoden als Folter zu bezeichnen sind; das waterboarding gehört für Cheney nicht dazu. Man erinnert sich an die Vehemenz, mit der auch in den Feuilletons deutscher Zeitungen über solcherlei Themen gestritten wurde, an Dispute um völkerrechtliche Legitimation und amerikanischen Unilateralismus. Vielleicht war die Opposition zu diesem Krieg in jenen Tagen nicht nur aufgrund seiner fragwürdigen Begründung durch die Bush-Administration so heftig, sondern auch, weil man hierzulande kaum etwas von seinen Folgen spürte. Anders als etwa in Vietnam machte es für das Gros der Protestierenden wenig Sinn, sich gleich auf die Seite des Gegners der Koalition der Willigen zu schlagen: Um Saddam Husseins Baath-Regime irgendwie gutmeinend gegenüber zu stehen, musste es einen schon tief in den Sumpf der Verschwörungstheorien oder aber an den äußersten rechten oder linken Rand des politischen Kompasses verschlagen haben. Umso leichter ging die Anti-Kriegsrhetorik im pazifistischen Elfenbeinturm Bundesrepublik von der Hand, wo sich die in diesen Tagen amtierende Bundesregierung ohnehin gegen eine Beteiligung am Waffengang im Golf ausgesprochen hatte, eine Entscheidung, die die damalige Doppelspitze Schröder-Fischer für immer als ihr politisches Vermächtnis reklamieren wird. Mit Dick Cheneys Resümee sind die Zeitgenossen weniger gnädig: Ob er weiss, dass man ihn im vergangenen Jahr vor dem Kuala-Lumpur-Kriegsverbrechertribunal in Abwesenheit schuldig gesprochen hat, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben?

New world order

Solch negatives Feedback hat eine Menge mit dem zu tun, was in der Folge des schnell beendeten militärischen Auseinandersetzungen und dem Ende von Saddam Husseins Herrschaft nicht passiert ist: Es konnten weder Beweise für die Zusammenarbeit mit Terrororganisationen wie Al Qaida noch Massenvernichtungswaffen gefunden werden, und die Bilanz der freedom agenda, also der Demokratisierung des mittleren Ostens, ist zehn Jahre später längst nicht so bright and shinyf, wie man sich das einmal erhofft hatte. Das Land versinkt zunehmend in innermuslimischen Konflikten und Streitigkeiten um Machtpositionen, hat mit Korruption und Amtsmissbrauch zu kämpfen und obendrein sieht die anfangs von Spöttern als Marionetten-Regierung denunzierte derzeitige politische Führung eine diplomatische Annäherung an Iran als sinnvoll und wünschenswert an. In den ersten fünf Jahren nach Beginn des Krieges begingen über 900 Menschen Selbstmordattentate, denen weit mehr irakische Zivilisten als Angehörige der amerikanischen Streitkräfte zum Opfer fielen. Wer hinter solchen Angriffen auf die öffentliche Ordnung lediglich einen “ wie legitim auch immer geführten “ nationalistischen Befreiungskampf gegen ausländische Besatzungsmächte vermutet, sieht sich spätestens seit dem weitgehenden Abzug der US-Armee getäuscht: Der Bombenterror hat an Intensität nicht nachgelassen, die Regierung des Landes ist quasi handlungsunfähig. Der Krieg ist zu einem regelrechten PR-Desaster für die mächtigste Nation der Welt mutiert, seine Durchführung hat zum rapiden Anstieg der us-amerikanischen Staatsausgaben ihr Scherflein beigetragen, ohne dabei die erwünschten Erfolge zu zeitigen. Dabei ist es faszinierend zu sehen, dass sich nicht nur viele Prognosen und Behauptungen der berüchtigten Neokonservativen als falsch erwiesen haben, sondern auch die ihrer Gegner. Im Frühjahr des Jahres 2003 konnte man sich in der Presselandschaft vor Artikeln, die über die vermeintlich dunklen Machenschaften hinter den Kulissen berichteten, kaum retten.

Der interessierte Leser lernte in diesen Tagen eine Menge über Privatunternehmen wie Halliburton, die ihre Angestellten für verschiedenste Tätigeiten ins Zweistromland schickten. Schnell war eine Verbindung hergestellt zum omnipräsenten Cheney, der als Vorstandsvorsitzender für den texanischen Konzern gearbeitet hatte, woraus man wiederum die Behauptung ableitete, der Krieg werde in Wahrheit um die reichen Ölvorkommen des Irak geführt. Eine deutsche Ministerin verglich die außenpolitischen Maneuver von Bush junior mit denjenigen Adolf Hitlers, noch schrillere Stimmen prophezeiten die Etablierung einer neuen Weltordnung, deren Installation schon Reagan oder wahlweise Bushs Vater auf ihre Agenda gesetzt hatten. Von all diesen bold predictions hat sich kaum eine bewahrheitet: Die Konzessionen zur Ölforderung hat die irakische Regierung in der weit überwiegenden Mehrheit Firmen aus Ländern wie China und Russland zugeteilt, die sich nicht am Krieg beteiligt hatten. Von einer neuen Epoche us-amerikanischer Hegemonie über die arabische Welt kann genauso wenig gesprochen werden wie von dem Krieg gegen den Islam, den Bush angeblich vom Zaun zu brechen beabsichtigte. Stattdessen attestiert Klaus-Dieter Frankenberger auf der Titelseite der FAZ, dass Iran zehn Jahre später zum geopolitischen Gewinner mutiert ist. Vielleicht ist es absurderweise letztlich dem Unwillen der USA geschuldet, noch viel größere Summen in den Aufbau einer demokratischen Ordnung zu stecken, um das in den letzten Jahren international so wichtig gewordene nation building voranzutreiben.

The Forever War

Wo auch immer die Formulierung von der Nationenbildung zu hören ist, ist der Komplementärbegriff “ der failed state „ nicht weit. Diese Begrifflichkeit ist nicht erst im Gefolge des letzten Golfkriegs entwickelt worden und der Irak ist nicht das erste Land, dem ein solches Schicksal droht. Somalia beispielsweise fällt in diese Kategorie, Syrien droht dasselbe Schicksal und erst kürzlich hat die internationale Gemeinschaft einen weiteren Zerfallsprozess aufzuhalten versucht, in dem man den territorial größten Staat Afrikas, Sudan, in zwei separate Nationen aufgespalten hat, man kennt ein ähnliches Prozedere aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das mediale Interesse für derartige Vorkommnisse ist üblicherweise sehr kurzlebig, aktuell sieht man das am westafrikanischen Mali, welches kaum ein paar Wochen nach dem raschen militärischen Erfolg der französischen Armee im Kampf gegen radikale Islamisten beeindruckend schnell wieder aus den Nachrichtensendungen und Auslandsspalten verschwunden ist. Dem Irak scheint dieses Schicksal des Vergessenwerdens nach einer verlängerten Latenzzeit ebenfalls zu Teil zu werden, es ist ein scheinbar unaufhaltsamer Prozess, der viel über die medial aufbereitete Informationsgesellschaft, in der wir leben, verrät. Wenn nicht gerade ein runder Jahrestag ansteht, sucht man sogar in der middle east-Rubrik der New York Times vergebens nach aktuellen Artikeln: Aus Bagdad nichts Neues. In der internationalen Presselandschaft hat man sich intensiver mit David Petraeus€™ Sex-Affäre beschäftigt als mit seinen Ideen zur Aufstandsbekämpfung, über die Arbeitsfelder von US-Sicherheitsfirmen wie Blackwater ist mehr bekannt als über die Aktivitäten des gegenwärtigen irakischen Kabinetts.

Der Krieg ist nach zehn Jahren ein vergessener Krieg im globalen Gedächtnis, geblieben sind nur noch ein paar zumeist aus traurigen Gründen berühmt gewordene Bilder und die dazu passenden verbalen Formulierungen aus dem ihm eigenen rhetorischen Ideenhimmel. Das Stigma, den Krieg letztlich verloren zu haben, werden sich die USA nicht anheften müssen “ das war nach dem Vietnam-Krieg anders, als Kriegsheimkehrer an den Flughäfen des Landes von wütenden Protestlern empfangen und angefeindet wurden. Zwei Veteranen des Krieges sind inzwischen bereits Kongressabgeordnete geworden, ob sie ihre eigene politische Agenda allerdings allzu eng mit diesem Teil ihrer Biographie verknüpfen werden, ist eine andere Frage, denn über den Irak gibt es wenig Erquickliches zu erzählen, was ein grosszügiges Umschiffen des Themas als Gebot der Stunde ausweist. Man sieht diese Vergessenheit auch an der beinahe kompletten Ignoranz, die dem Krieg in der amerikanischen Populärkultur zu Teil geworden ist: Kaum ein Film nimmt sich des Stoffs an, während es sogar schon eine Oscar-prämierte Inszenierung der greatest manhunt in history “ der nach Osama bin Laden – gibt. Und nur eine einzige “ wenn auch äußerst sehenswerte “ TV-Serie beschäftigt sich explizit mit dem Thema, sie wurde von den Machern von The Wire geschaffen und trägt den ziemlich martialischen Namen Generation Kill. Die Protagonisten der Serie sind allesamt Mitglieder einer Aufklärungseinheit des United States Marine Corps, die an den wenigen Kämpfen mit Einheiten der irakischen Volksarmee oder Saddams Revolutionsgarden beteiligt sind und dabei so gar nicht wie die beeindruckenden Elitesoldaten aus den Werbespots wirken. Im Irak kämpften in überwiegender Mehrzahl die Kinder aus den finanziell schlechtergestellten Familien des Landes, für die vorgebliche Verteidigung westlicher Werte zogen im überwiegenden Teil nicht New Yorks und Hollywoods Linksliberale, Ivy League-Absolventen oder gar Berliner Antideutsche in den Krieg, sondern Amerikas Kleinstadt- und trailer park-Bewohner, wie der Kriegsberichtserstatter Dexter Filkins in einem der bedrückendsten Bücher zu diesem frischen Kapitel der Zeitgeschichte festgestellt hat:

„The soldiers and their wives and the moms and the dads: they wanted to talk. Maybe nobody else did but they did. Back in the world, there was a kind of underground conversation about Iraq and Afghanistan. Underground and underclass. The rest of the country didnt much care. In Pearland and Osawatomie and LaGrange, Iraq and Afghanistan lived on, and people wanted to talk.€


The Empire strikes back

In den letzten Minuten von The World According to Dick Cheney begleitet die Kamera den Privatmann beim Fliegenfischen auf einem Fluss in den unendlichen weiten Wyomings. Es ist sein erster Angelausflug, seit ihm ein neues Herz eingepflanzt wurde, er wirkt genauso fokussiert und ernst wie auf den vielen Bildern, die ihn im Oval Office zeigten. Die Welt, seine Welt, die wir laut dem Anspruch des Films nun zu kennen glauben, würde er wieder in diesem Sinne gestalten. I€™d do it all over again, das sind in der Erzählreihenfolge des Films Cheneys letzte Worte. Und die Neokonservativen, um die es nach Cheneys Abgang aus dem Staatsdienst so ruhig geworden ist, haben sie alle mit einem Mal ihre politischen Tätigkeiten eingestellt? Bei Irving Kristol, den man als den godfather der Bewegung bezeichnet hat, finden wir einen über dreissig Jahre alten Hinweis, wo die Spurensuche, so sie denn erwünscht ist, weitergehen könnte:

„(…) if the political spectrum moved rightward and we should become €˜neoliberal€™ tomorrow, I could accept that too. As a matter of fact, I wouldn€™t be too surprised if just that happened.€

Deutschland feiert Geburtstag: Die Agenda 2010 wird zehn Jahre alt! Das ist wirklich ein Grund zum Feiern.

Feiern sollten zum Beispiel alle Kommunisten. Die Vorstellung, dass die alte Konkurrenz aus der Sozialdemokratie eine schrittweise Verbesserung der Lebensverhältnisse der Lohnabhängigen bewirken könnte, dürfte sich mit der Agenda endgültig erledigt haben. Dass die Revolution trotzdem noch nicht in Planung ist, sollte die Laune nicht verschlechtern, es kann sich jetzt nur noch um Jahrzehnte handeln.

Feiern sollten auch die Hausbesitzer und mit ihnen die ganze Wohnungswirtschaft. Während alle denken, der Staat würde nichtsnutzigen Arbeitslosen helfen, überweist der einen Großteil seiner Sozialleistungen doch direkt als Miete an die Besitzenden. Der Rest geht an die Krankenkassen, die es an die Gesundheitsindustrie – Ärzte et al. – weitergeben; an den Einzelhandel, der sein Pferdefleisch sonst kaum loswerden würde; und natürlich an das staatstreue Heer, das die Elendsverwaltung besorgen darf. Wo sonst könnte man verbeamtete Ex-Briefträger noch parken, wenn nicht als bürgerliche Zuhälter im Jobcenter?

Mal richtig einen heben dürfen dieses Jahr auch die Sozialarbeiter. Für ihre Branche ist die Agenda ungefähr das, was die Asbest-Sanierungen für die Baubranche waren. Jetzt wird angepackt! So viele hilflose, verschämte Gestalten mit Beratungsbedarf gab es noch nie, und damit die hilflos und verschämt bleiben, braucht es professionelle Anleitung. Schuldenberatung, Drogenberatung, Mieterberatung, Jugendhilfe, Hartz4-Beratung, Selbstmordtelefon – es herrscht Goldgräberstimmung im sozialen Sektor, zu Recht.

Dass die sich in diesem Fall vor allem im Betroffenheits-Jargon äußern muss, ist ein bisschen schade, da kommt die deutsche Mentalität ins Spiel. :( Die Betroffenheit ist allerdings auf der anderen Seite auch Geschäftsgrundlage der sozialdemokratischen Parteien, die jetzt – what goes around, comes around – als soziale Alternative zu ihrer eigenen Politik sich präsentieren dürfen. Der Zyklus geht so: Zehn Jahre sind vorbei, natürlich regiert nun wieder das andere Lager, schwarz-gelb, brrr! Aber zum Glück stehen soziale Alternativen bereit, die mit Mindestlohnforderungen und Almosenangeboten wieder auf zweistellige Prozentzahlen im September hoffen dürfen. Auch hier also nur Gewinner!

Muss man die Wirtschaft noch erwähnen? Welcher Unternehmer träumt nicht davon, dass der Staat ihm die willigen Arbeitskraftbehälter unter Androhung von Wasser und Brot auf Lebensmittelgutschein direkt in die Drogerie oder Bäckerei prügelt, damit sie dort – wie geil ist das denn??? – für einen Euro in der Stunde arbeiten? Es sind goldene Zeiten, fürwahr.

Vor allem aber sollte der Staat selbst sich einmal kräftig bei sich bedanken. (Vielleicht in Person des Bundespräsidenten?) Denn, so referiert die FAZ, es hat sich gezeigt, „dass die Politik nicht machtlos gegenüber Märkten ist, sondern mit dem beherzten Setzen kluger Regeln erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft nehmen kann.“ Gott sei Dank! Vater S. hat eben doch noch das Sagen bei allen, die die Füße unter seinen Tisch strecken. Ganz besonders natürlich bei den Millionen, deren Leben er direkt zwangsverwaltet. Die müssen heute Anträge stellen auf Waschmaschinen, Schwimmkurse und die Erlaubnis, die Stadt zu verlassen, und Von Der Leyens Finest dürfen darüber entscheiden. Da schauen selbst die Leute von der SED so neidisch, dass sie schon fast dagegen sein könnten.

Vor allem aber, liebe Bürgerinnen und Bürger, ist die Agenda 2010 ein Erfolg für die Freiheit. Und für die Kinder. Freiheit, auch wenn das manchmal schmerzhaft ist, bedeutet Eigenverantwortlichkeit. Bedrückenderweise hatten in Deutschland besonders junge Menschen unter 15 – auch bekannt als „Kinder“ – oft gar keinen Begriff von Freiheit und Eigenverantwortung. Aber jetzt, wo 1,6 Millionen von ihnen von Mutter Ursula versorgt werden, werden sie auch das lernen und sich zu freiheitsbewussten jungen Reinigungskräften und leistungsfähigen Regaleinräumern entwickeln.

The Gatekeepers

Auf arte lief kürzlich die sehenswerte Dokumentation „The Gatekeepers“, die in Deutschland den weniger schönen Titel „Töte zuerst!“ trägt und auf Interviews mit sechs ehemaligen Offizieren des israelischen Inlandsgeheimdienstes aufgebaut ist. Sie ist vollständig im Internet verfügbar, mir ist aber nicht ganz klar, wie lange noch.

Nachtrag: Jetzt ist sie nicht mehr verfügbar, läuft aber am Samstag, den 16.03., um 1220h noch einmal im TV und dürfte danach wieder sieben Tage lang bei arte abrufbar sein.

1.
Gestern habe ich mich im Internet gestritten. I do that sometimes. Die Geschichte dahinter finde ich ziemlich bizarr.

2.
Wie hier bereits zuvor erwähnt schreibe ich eine Kolumne für das Fußball-Magazin Transparent. Die neueste ist auch online verfügbar.

3.
Ganze Bücher voll schreibt Frank Schirrmacher und gilt deshalb als einer der führenden deutschen Intellektuellen. Auf welchem Niveau sich dieses Denken und Schreiben abspielt, hat Joachim Rohloff einmal dargestellt.

4.
Am 13. März liest der Autor Markus Flohr im Ostkurvensaal aus seinem Buch „Wo samstags immer Sonntag ist“ mit Episoden aus Israel. Vom selben Autor auch erhältlich:

„Australien. Wo im Sommer Winter ist.“

„England. Wo man „Bier“ mit zwei E schreibt.“

„Nachts. Wenn die Sonne woanders ist.“

Und natürlich der große Sammelband: „Woanders ist es anders. Alteritätserfahrungen im Vergleich.“

5. Natürlich: Musik.

Kehrtwenden

Es muss eine Kehrtwende geben. Und die muss 360° sein.
Hält nichts von Veränderungen: Ede Geyer.

Da müssen wir uns um 1000° drehen.
Ob das besser ist, Thomas Schaaf?

Ein Lektor würde sicher anzweifeln, ob etwas würdelos für jemand anders sein kann, aber ich halte das im Gegenteil für die einzig zutreffende Formulierung. Die Pflasterung unserer Städte mit (diesen) Plakaten ist eine entwürdigende Erfahrung für jeden Menschen als Menschen, es steht schlecht um unsere Gattung.

Auf die Werberbeschimpfung versteht man sich auch in unserem famosen Fotoblog: fotos.verbrochenes.net.

Es lohnt sich

Im Gespräch mit der FAZ hat die Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, ihre Marx-Interpretation dargelegt: „Das war ja bei Marx ein zentraler Impuls: Alle müssen gleich sein, und alle müssen das Gleiche machen.“ Genau so hatte er sich das gedacht, der alte Karl. Da muss man kein Schlaufuchs wie KGE sein, um zu erkennen: Das klappt nicht. Wenn wir jetzt alle als Spitzenkandidaten der Grünen arbeiten würden, würden wir schnell verhungern. Gut also, dass manche Leute die Supermarktregale ein- und ausräumen, Klos putzen und Asphalt legen, während andere Leute darüber reden. Bei den Grünen heißt das dann, dass „sehr unterschiedliche Menschen gegenseitig von ihren Erfahrungen profitieren“, und nur so kann eine Gesellschaft „erfolgreich sein.“

Zu einer erfolgreichen Gesellschaft gehören unvermeidlich die sozialen Müllmänner, die sich offenbar in großer Zahl bei den Grünen finden: „Wir haben bei uns viele Sozialarbeiter oder Lehrer, die tagtäglich mit Armutsfragen zu tun haben.“ Denn Gleichmacherei ist nicht nur für die grüne Protestantin keine Option, ein Ende der Armut also nicht in Planung. Aber auch wer arm ist, kann in Deutschland am Warenkreislauf teilnehmen. Er kann zum Beispiel seine Erfahrungen an Frau Göring-Eckardt verkaufen und dafür, quid pro quo, einen Teller Nudeln erhalten: „Entscheidend ist, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Das [die Hartz4-Empfänger] sind ja oft Menschen, von deren Erfahrungen ich viel lernen kann. Wenn ich jemanden um Rat frage, kann ich ihn auch einladen. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Sonst sage ich einfach: Komm bei mir vorbei, ich koche ein paar Nudeln.“ Es ist nichts Ehrenrühriges daran, sich von der erfolgreichen Politfunktionärin einladen zu lassen, denn es ist nichts Ehrenrühriges daran, dass sie reich ist und andere arm sind. You are okay, Katrin. Wichtig ist natürlich, dass die Betroffenen sich, nachdem sie ihre Erfahrungen an die Frau gebracht haben, wieder ordnungsgemäß von den von den Grünen engagierten Kettenhunden im Jobcenter beschimpfen lassen.

Not okay hingegen: „wirklich verfestigte Armut“. Die ist „neu“, früher hat es das nicht gegeben: „Nehmen Sie Leute wie Joschka Fischer oder Gerhard Schröder: Das waren lebende Beispiele für die Bildungsrevolution, die damals stattgefunden hat. So etwas brauchen wir heute wieder.“ Joschka Fischer hat, so weiß Wikipedia, aber Katrin nicht, erst die Schule und dann die Ausbildung abgebrochen, und das ist vermutlich auch nicht die Art von Bildungsrevolution, die KGE vorschwebt. Bildung muss sich wieder lohnen. Denn was lohnt sich schon sonst noch, Katrin Göring-Eckardt? „Es lohnt sich, für den Kapitalismus in Form der Sozialen Marktwirtschaft zu streiten – und den kalten Kapitalismus zu bekämpfen, in dem es nur noch um den persönlichen Vorteil geht.“ Es lohnt sich, für den Kapitalismus zu streiten. Gewiss.