April 2013

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Mit dem 0:3 gegen Wolfsburg dürfte der SV Werder Bremen seinen sportlichen Tiefpunkt in dieser Saison bereits erreicht haben, viel weniger geht nicht. Das heißt aber nicht, dass das allgemeine Elend, das den Verein derzeit umgibt, sich nicht ähnlich spektakulär auch an anderer Stelle zeigen kann. Die nächtliche Autobahnfahrt von Marko Arnautovic und Eljero Elia, die zu ihrer Suspendierung aus dem Kader führte, eröffnet einige Räume für Spekulationen über den Zustand des Vereins. Die Einstellung der beiden prominentesten Spieler des Kaders ist ganz offensichtlich unter aller Sau – wer nachts um drei noch durch die Gegend fährt, wenn er am nächsten Morgen trainieren soll, der schert sich wenig um jenes Training und den Verein, die Mannschaft und den Trainer, die es veranstalten.

Arnautovic und Elia interessieren sich vor allem für sich selbst, und das Ergebnis ihrer Nabelschau ist stets große Begeisterung. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches, es ist nur sehr schlecht für Werder Bremen. Denn wer so stolz auf das Leben ist, das er führt, wie Elia das gerade wieder dokumentiert hat, der muss auch keine großen Ziele mehr haben. Kann er natürlich, muss er aber nicht. Das ist, wie gesagt, nur allzu verständlich: Wer solche Autos hat, hat erstens ausgesorgt und zweitens eine Menge Spaß. Das ist aber nicht unbedingt der Stoff, aus dem der Ehrgeiz gemacht ist, der Werder Bremen in den Europapokal bringt. Dass er schon der Größte ist, denkt auch Marko Arnautovic. Das hat ihn noch nach der nächtlichen Blamage dazu verleitet, sich auf Facebook beleidigt darüber auszulassen, dass die Polizei die Sache ganz falsch darstelle. Die Problematik dabei, sich als Fußball-Profi nachts auf der Autobahn rumzutreiben, ist ihm gar nicht bewusst. Inzwischen hat sein Bruder und Manager Daniel noch einmal kräftig nachgelegt. Das nennt man dann wohl Chuzpe.

Bemerkenswert ist, was die beiden aus einer relativ kurzen guten Zeit bei Twente Enschede herausgeholt haben. Sie sind reich geworden und anscheinend sehr zufrieden mit sich. Bei Juventus und Inter sind sie gescheitert, aber bei Werder Bremen gab es neue Verträge. Ihre Leistungen hier sind bestenfalls durchwachsen, das Geld für den Verein jedenfalls nicht wert. Das könnte daran liegen, dass man hier im Gegensatz zu früheren Transfers eine andere Mentalität in den Verein gebracht hat. Vielleicht ist es so, dass für die beiden mit dem Wechsel zu Werder schon alles geregelt war. Vielleicht dachten sie, damit wäre der Weg von Diego und Klose, von Özil und Pizarro auch für sie schon vorgezeichnet. An ihrer eigenen Klasse haben die beiden sicher keine Zweifel gehabt. Wie es anders geht, kann man bei Werder ausgerechnet an dem Spieler sehen, der hier keinen Vertrag mehr hat. Kevin de Bruyne merkt man in jeder Minute an, dass sein Ziel die erste Elf beim FC Chelsea ist – so wie man Diego angemerkt hat, dass er seinem Ruf als Supertalent nach der verkorksten Zeit in Porto endlich gerecht werden wollte.

Ein Schlag ins Gesicht ist die nächtliche Prolltour seiner Spieler auch für Thomas Schaaf. Aus beiden konnte er nicht die ihrem Preis angemessene Leistung herausholen, und nun stellt sich für alle sichtbar heraus, dass die beiden daran auch nicht sonderlich hart arbeiten. Passiert ist das wohlgemerkt in der Woche, in der verschiedene Team-Building-Maßnahmen angesetzt waren und allenthalben die Ernsthaftigkeit der Situation, besonders für den Trainer und seine Zukunft, betont wurde. Während dessen Arbeit schon ihrer Erfolglosigkeit wegen in Frage steht, kommt jetzt noch die gefürchtete Disziplinlosigkeit dazu, die Führungskräfte stets schlecht aussehen lässt.

Marko Arnautovic‘ Vertrag läuft 2014 aus, eine Verlängerung schien bisher schon nicht besonders klug, jetzt dürfte die letzte Chance zum Verkauf genutzt werden. Elia hat noch einen Vertrag bis 2016, da könnte Werder auf eine Wertsteigerung spekulieren. Neben den beiden Edel-Gockeln hat Werder aber noch ein anderes Problem im Kader, nämlich die mangelnde Qualität. Spieler wie Sebastian Mielitz und Assani Lukimya können froh sein, überhaupt einen Platz bei Werder Bremen bekommen zu haben. Daneben gibt es zum Glück eine Reihe von Spielern, die können und wollen. Die werden auch in der Lage sein, in den letzten Spielen der Saison die nötigen Punkte zu holen. Die große Frage ist, ob Thomas Eichin mit oder ohne Schaaf in den kommenden Jahren eine Mannschaft zusammenstellen kann, die die Qualität und die Mentalität hat, um in Bremen wieder erfolgreichen Fußball zu zeigen.

Demonstrativ aufgeklärt

In Wien wurde gerade wieder gegen Homöopathie protestiert. Das ist einerseits berechtigt: Homöopathie ist der reine Aberglaube, aufgeklärte Menschen wissen das. Nicht nur ist ihre Nicht-Wirksamkeit bewiesen, es gibt noch nicht einmal eine ansatzweise plausible Idee davon, wie das Zeug überhaupt funktionieren könnte. Ich kenne neben mir selbst noch verschiedene andere Leute, die bereits kurz davor waren, zu lieben Menschen äußerst grob zu werden, weil die nicht von ihrem Aberglauben abrücken wollten. Es ärgert uns, wenn jemand eine offensichtlich unhaltbare Position nicht verlassen will und sich dabei nicht einmal genötigt sieht, überhaupt ein Argument anzuführen. Diesem Ärger wollten auch die Demonstranten Luft machen, man muss da Verständnis haben. Dabei ist es bedenklich, wenn man nichts Besseres zu tun hat, als solche Happenings zu inszenieren, ebenso wie wenn man in Diskussionen mit den Gläubigen zur Wut sich hinreißen lässt. Letztendlich muss man sich damit arrangieren, dass wir nicht in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Und überhaupt, wie Adorno schon sagte: Mit der Aufklärung ist es so eine Sache.

Super Sache

Ich schlage deshalb eine andere Haltunf vor: Homöopathie ist eine ziemlich tolle Sache. Denn sie hilft, das bezweifelt niemand, tatsächlich. Das ist vor allem dem Placebo-Effekt zu verdanken. Mit dem Placebo-Effekt ist es so, dass er, das liegt in der Natur der Sache, nicht explizit genutzt werden kann. Erklärt man dem Patienten, dass er eine völlig wirkungslose Pille schlucken wird, dann bleibt das Kügelchen tatsächlich wirkungslos. Erzählt man ihm dagegen, dass er durch einen vielfach verdünnten Wirkstoff seinem Körper die entscheidenden Signale schicken wird – dann gibt es den Placebo-Effekt, der erheblich sein kann.

Meta-contrarianism

Man kommt deshalb schwerlich umhin, die Homöopathie zu bewundern: Sie ist die geradezu geniale Nutzbarmachung des Placebo-Effekts in einer nicht aufgeklärten Gesellschaft. Irgendeine Tarnung braucht das Placebo immer. Die Hahnemannsche Zauberei liefert eine sehr schöne und ist dazu frei von Nebenwirkungen. Ich werde ihren Einsatz deshalb ab sofort begeistert befürworten. Bei mir selbst natürlich nicht, ich habe die Sache schließlich längst durchschaut. Das hat für mich den Vorteil, dass ich mich dabei sehr klug fühlen kann. Allgemein hat diese Art der Befürwortung der Homöopathie den Vorteil, dass man in der Debatte noch einen Schritt weiter ist als alle anderen. Kritiker gibt es schon zu viele (Cover-Story im Spiegel!), als dass man damit noch besonders kritisch und aufgeklärt wirken könnte. Um wirklich cool zu sein, muss man die Schraube noch einen Schritt weiter drehen – und wieder dafür sein.