Mai 2013

You are currently browsing the monthly archive for Mai 2013.

Suchen SIE gerade einen Job? Dann schauen Sie sich doch mal bei REWE um! Dort kann man beruflich machen, was man ohnehin am liebsten macht: Den ganzen Tag an der Theke stehen. An der Frische-Theke!
Klingt langweilig? Ist es auch, deshalb muss Rewe dafür jetzt Werbung machen. So wird die Fleischereifachverkäuferin zur „Ernährungsverbesserin“. Moment mal, „Ernährungsverbesserin“? Ja. Und wem das nicht aufregend genug ist, der kann sich bei Rewe sicher noch für viele andere interessante Stellen bewerben: Als Metzgin, Verkäufin, Türstehin, Kassierin und vielleicht sogar als Werbetextin.


Ach so, ICH bin hier der Idiot.
Das hatte sich ja schon lange angedeutet.

Jürgen Klopp ist stolz, Puma zu tragen. Diese Information kann man heute dem Internet-Angebot der britischen Qualitäts-Zeitung „The Guardian“ entnehmen. Warum ist er stolz darauf, Puma zu tragen, wo deren Produkte doch für kleines Geld an jeder Ecke zu haben sind? Auch darauf findet man eine Antwort im Guardian: Puma ist a partner of Borussia Dortmund. Das alles lesen wir nicht in einer Anzeige, sondern unter einem ausführlichen Bericht, der aus einem Pressegespräch in den Räumlichkeiten von Puma hervorgegangen ist. Die Firma Puma vermietet ihren bezahlten Repräsentanten Jürgen Klopp also an die Presse und lässt sich im Gegenzug versichern, dass unter dem Artikel die zitierten Informationen stehen: Jürgen Klopp is proud to wear PUMA “ who are also a partner of Borussia Dortmund.

Canny Kloppo

Nun würde das Puma noch nicht viel weiterhelfen, würde Jürgen Klopp nicht grundsätzlich positiv gesehen werden. Das ist schon deshalb der Fall, weil er mit seiner Mannschaft ins Endspiel der Champions League gekommen ist. Klopp ist aber auch ein Meister der Außendarstellung. Während er Werbung für Puma macht, macht er brillante Werbung für sich selbst und Borussia Dortmund: Er macht aus dem börsennotierten Großkonzern wieder einen „Arbeiterklub„. Er vergleicht den aktuellen Champions-League-Finalisten mit seinem früheren Verein, dem damaligen Zweitligisten Mainz 05, und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: „it was the same at Mainz“. Die Journalisten bemerken das: „Klopp is canny enough to evoke these romantic roots„. Canny – gerissen, geschickt, erfahren.

Das Interview trieft vor behaupteter Emotionalität. So will Klopp sich vorgenommen haben, seinen Job in Dortmund mit weniger Herzblut als zuvor in Mainz anzugehen, allein: Es war ihm unmöglich, der Verein ist zu toll.
Beim Abschied von Shinji Kagawa, der zwei Jahre in Dortmund gespielt hatte, lagen Klopp und er sich angeblich 20 Minuten in den Armen und weinten. Die Übertreibung ist durchschaubar, trotzdem ist es eine schöne Geschichte. Wo gibt es das schon noch, dass sich zwei Menschen zum Abschied weinend in den Armen liegen? Das gibt es nur bei echter Liebe, und „Echte Liebe“ ist, so ein Zufall, der Claim und damit Markenkern, den sich die Marketing-Strategen für Borussia Dortmund überlegt haben.

Damaged in the heart

Fußballkonzerne verkaufen Emotionen. Der naheliegenden Frage, wie authentisch derart fabrizierte Gefühle denn sein können, begegnet man mit der ständig wiederholten Behauptung, es handle sich um echte Liebe. Das würden die Leute natürlich nicht glauben, wenn sie es nur unter dem Vereinslogo lesen würden. Um das zu transportieren, muss man Geschichten erzählen, und das kann Klopp. Nicht genug mit den Tränen, auch die Schlaflosigkeit der Verliebten wird bemüht. Nämlich zum Abschied von Mario Götze, den einige Mitspieler nicht verarbeiten konnten: „I called six or seven players who I knew were damaged in the heart.“ Und sogar die Selbstzweifel, die zurückgewiesene Verliebte spüren, kommen vor: „They thought they were not good enough (…)“.

In der Aufzählung ist es ermüdend, aber bei Klopp lesen sich die Kitschszenen alle sehr spannend. Etwa wenn er seinen Spielern nicht die Spielzüge von Barcelona zeigt, sondern nur die Fotos der ihre Tore feiernden Barca-Spieler. Emotionen! Bis zum Tod! „This is what you should always feel “ until you die.“ Ohne Probleme könnte der BVB-Trainer auch direkt Plakate betexten, etwa mit solchen Sätzen: „You can speak about spirit “ or you can live it.“

Schweden, London, Hamburg

Es folgt eine Episode aus der schwedischen Wildnis (wirklich!), in die er mit den Mainzern zum Teambuilding gezogen war. Man muss sich hier vergegenwärtigen, dass Klopp gerade kurz vor einem Finale im neu gebauten Wembley-Stadion gegen den Hochglanzverein aus München steht. Die Champions League ist eine polierte Welt mit Flutlicht, schönen Menschen und eigener Hymne, mit Trainern in teuren Anzügen – und Klopp erzählt von Moskitos und fünf Tagen Hunger im Wald! Das ist, man muss das zugeben, ziemlich genial.

Klopp weiß natürlich um sein Talent als Entertainer und seinen Erfolg als Trainer. So kokettiert er gelassen damit, dass sich der FC Bayern damals für Jürgen Klinsmann und gegen ihn entschieden hat. Eine Fehlentscheidung, wie der Leser sich grinsend selbst denkt, so dass Klopp es nicht aussprechen muss. Dem HSV hat er abgesagt, weil den Verantwortlichen das Vertrauen in seinen Charakter fehlte. Was für Narren!

It´s the narrative, stupid!

Klopps Gegenüber vom FC Bayern, Jupp Heynckes, hat am Samstag in Sachen Emotionalität schon gut vorgelegt: Er weinte nach dem Spiel, das wohl sein letztes in der Bundesliga war. Die Tränen waren im Gegensatz zu Klopps Aussagen nicht kalkuliert, entfalten aber längst nicht deren Wirkung. Denn die Geschichten von Bayern München und Jupp Heynckes sind andere als die des BVB. Emotionalität steht hier nicht im Mittelpunkt. Klopp, der übrigens bei großer Freude und großem Ärger das gleiche verbissene Gesicht aufsetzt, formuliert das so: „We are a club, not a company, but it depends on which kind of story the neutral fan wants to hear. If he respects the story of Bayern, and how much they have won since the 1970s, he can support them. But if he wants the new story, the special story, it must be Dortmund.“

Es kommt drauf an, welche Geschichte man erzählt. Das lernt man im postmodernen Seminar oder in der Marketing-Agentur oder bei Jürgen Klopp. Dass er es in genau dem Interview ausspricht, in dem er die Geschichte erzählt, die die Leute seiner Vermutung nach hören wollen, zeigt eine entwaffnende Offenheit. Und leider hat er recht: Ein Sieg der Dortmunder wäre einfach die bessere Geschichte. Die Übersaison und das Triple der Heynckes-Bayern sind auch gut, aber letztendlich wollen wir, glaube ich, einen Bruch in der Story, ein echtes Drama. Letztendlich ist es alles Fiktion, alles eine Frage des Narrativs, weiß James Klopp, der das Duell mit den Bayern gleich ganz ins Reich des Films verlegt: „It’s like James Bond “ except they are the other guy [the villain].“

verbrochenes.net, das Webmagazin für Demokratie und Gute Laune, fiebert bereits der Bundestagswahl im September entgegen. Die ersten Parteitage sind absolviert, die Kontrahenten haben sich positioniert, es geht los! Ein guter Zeitpunkt also, um einen ersten Blick auf die Kommunikation der verschiedenen Parteien zu werfen.

Nationale Erneuerung

Die Grünen stellten ihren Parteitag vor einigen Wochen unter das Motto „Deutschland ist erneuerbar!“. Das erinnert einerseits daran, dass die Partei als bürokratischer Arm einer deutschnationalen Erweckungsbewegung entstanden ist. Andererseits ist Deutschland auch einfach die politische Ebene, um die es der Partei hier geht. Die Selbstverständlichkeit, mit der pfiffig-keck aufs Vaterland verwiesen wird, kann trotzdem ein wenig irritieren.

Viel interessanter als das unvermeidbare nationale Klimbim ist aber das Wörtchen erneuerbar in diesem Motto. Ob beabsichtigt oder nicht, das ist eine tolle Idee. Denn die Deutschen sind alt, die Wähler der Grünen sind alt, und niemand will alt sein. Erneuerung! versprechen die Grünen dem greisen Wahlvolk. Wir können von vorne anfangen! Es gibt eine Zukunft! Die gibt es für die Menschen natürlich nur bedingt, weshalb sie es umso lieber hören, dass immerhin die Nation erneuert werden kann.

Erektile Alternative

Mit dem Alter kämpfen auch die meisten Anhänger der Alternative für Deutschland, einer Partei, deren Namen die Grünen bei ihrer Gründung auch gut hätten tragen können. Sie besteht zu einer überwältigenden Mehrheit aus alten Männern, und das sieht man in ihrem Logo: Es handelt sich offensichtlich um eine Synthese des jugendlich-dynamischen Nike-Logos mit einem Phallus-Symbol. Die Botschaft: Mit der AfD geht es bald wieder aufwärts, an der Börse und in der Hose. Dieses Versprechen werden andere Parteien kaum überbieten können.

Gut gemacht!

Bei den Versprechen für die Zukunft ist die FDP derweil noch nicht angekommen. Sie ist damit beschäftigt, sich selbst zu beglückwünschen. Das ist, ähnlich wie der ständige Verweis auf Deutschland, eine Gesetzmäßigkeit im Wahlkampf: Die Regierungsparteien müssen kommunizieren, dass sie Großes geleistet haben. Nicht immer aber passiert das so cheesy wie gerade bei den Liberalen. „Gut gemacht, FDP!“ sagt, nunja, die FDP zu sich selbst. Das erinnert an eine Kampagne von arte, bei der sich die Verantwortlichen des TV-Senders ebenfalls so sehr nach Anerkennung gesehnt haben, dass sie einfach Leute erfunden haben, die sich bei ihnen bedanken. Bei der FDP dürfen wir nun gespannt sein, wie und wann die Kommunikation sich mehr auf die Zukunft ausrichtet, wann das „Gut gemacht!“ also durch ein „Noch viel zu tun!“ ergänzt wird.

Wer Wir Was

Bei meiner persönlichen Lieblingspartei, der SPD, geht es bisher wenig spektakulär zu. Der Claim „Das Wir entscheidet“ wurde in den Medien ein paar Tage verspottet, weil ihn eine unbedeutende Leiharbeitsfirma schon länger benutzt. Aber so richtig hat das auch niemanden interessiert. Schon angesichts der für die SPD extrem schwierigen Konstellation stellt sich aber die Frage, mit welchen Themen und in welchem Tonfall sie die Union letztendlich angreifen wird. Peer Steinbrück als starken Mann und Macher darzustellen ist angesichts seiner Person zwar naheliegend, passt aber nicht recht zum „Wir“, das ja jetzt entscheidet.

Ähnlich unauffällig bleibt bisher die CDU. „Starkes Deutschland. Chancen für Alle!“ stand beim Parteitag an der Wand, naja. Für Merkel gilt, dass sie alles richtig macht, so lange sie nichts falsch macht. Insofern dürfte es hier ziemlich langweilig bleiben.

Wahlziel 100%

Den Preis für die uninspirierteste Phrasendrescherei gewinnt trotzdem die Linkspartei: „100 Prozent sozial“ ist ihr Wahlprogramm nämlich betitelt. Da steckt immerhin ein schlechter Witz mit SED-Wahlergebnis-Bezug drin, sonst aber leider überhaupt nichts.

Make no mistake: irony tyrannizes us.

Irony and cynicism were just what the U.S. hypocrisy of the fifties and sixties called for. That€™s what made the early postmodernists great artists. The great thing about irony is that it splits things apart, gets up above them so we can see the flaws and hypocrisies and duplicates. The virtuous always triumph? Ward Cleaver is the prototypical fifties father? „Sure.€ Sarcasm, parody, absurdism and irony are great ways to strip off stuff€™s mask and show the unpleasant reality behind it. The problem is that once the rules of art are debunked, and once the unpleasant realities the irony diagnoses are revealed and diagnosed, „then€ what do we do?

Irony€™s useful for debunking illusions, but most of the illusion-debunking in the U.S. has now been done and redone. Once everybody knows that equality of opportunity is bunk and Mike Brady€™s bunk and Just Say No is bunk, now what do we do? All we seem to want to do is keep ridiculing the stuff. Postmodern irony and cynicism€™s become an end in itself, a measure of hip sophistication and literary savvy. Few artists dare to try to talk about ways of working toward redeeming what€™s wrong, because they€™ll look sentimental and naive to all the weary ironists. Irony€™s gone from liberating to enslaving. There€™s some great essay somewhere that has a line about irony being the song of the prisoner who€™s come to love his cage.

The problem is that, however misprised it€™s been, what€™s been passed down from the postmodern heyday is sarcasm, cynicism, a manic ennui, suspicion of all authority, suspicion of all constraints on conduct, and a terrible penchant for ironic diagnosis of unpleasantness instead of an ambition not just to diagnose and ridicule but to redeem. You€™ve got to understand that this stuff has permeated the culture. It€™s become our language; we€™re so in it we don€™t even see that it€™s one perspective, one among many possible ways of seeing. Postmodern irony€™s become our environment.

David Foster Wallace: E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction , Review of Contemporary Fiction. 13:2. 1993 (PDF)

Die Redaktion wünscht einen schönen Tag der Befreiung! Unsere russischen Genossinnen und Genossen feiern bekanntlich erst einen Tag später, dafür aber umso besser. Wir verweisen daher gern auf diese Veranstaltung am Donnerstag, dem Tag des Sieges, der dieses Jahr endlich zum gesetzlichen Feiertag erklärt wurde.

Jeder Blick nach außen und auf andere ist einer in den den Spiegel. Weil das kein erfreulicher Anblick ist, sagen alle: „Das bin nicht ich.“ Wo die Menschen schon zu Lebzeiten so gleich gemacht werden, wie sie es sonst nur vor dem Tode sind, täuscht der falsche Selbstbehauptungswille ihnen vor, sie würden einander immer fremder. Ans Trugbild ihrer Andersartigkeit klammern sie sich, weil sie das Schicksal der Massen weder abwenden noch teilen wollen. Trost finden sie bei begabten und weniger begabten Modedenkern. Dem Publikum und vor allem sich selber reden sie ein, Fremdheit gehöre zu den ersten oder letzten Dingen. Weil sie fremd und anders wären, würden Leute verfolgt, die doch in Wahrheit auf das Allgemeinmenschliche reduziert sind, auf den Hunger und die Sorge um das Dach über dem Kopf. Feindschaft gegen Ausländer, die nicht ausländisch, sondern nur elend sind, ist Feindschaft gegen alle ohne Unterschied.

Wolfgang Pohrt: Abschied ohne Tränen. In: Derselbe: Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand. Berlin, 1993.

Internet contrarianism

Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen und wird dafür wahrscheinlich bestraft werden. So weit, so einfach. In Politik und Medien ist man sich einig, dass das alles sehr bedauerlich ist. Was soll man sonst auch sagen? Die Sache ist eindeutig, und nur Hoeneß‘ Prominenz macht sie zur Meldung. Sie ist allerdings so eindeutig, dass es sich schon wieder lohnt, nach einem Gegenstandpunkt zu suchen. Das garantiert im Internet Aufmerksamkeit und kann ruhig auch um den Preis inhaltlicher Unzulänglichkeiten geschehen. So wird Hoeneß vom gewöhnlichen Steuerhinterzieher zum Objekt einer nationalen Verfolgungsjagd.

Einen Versuch in diese Richtung hat Gideon Böss von der Welt gestartet: „Osama bin Laden kann froh sein, dass er nur das World Trade Center in die Luft sprengte und nicht als deutscher Staatsbürger Gelder in der Schweiz versteckte. Was Steuerflucht angeht, kennt Deutschland nämlich keine Gnade.“

Nanu, wurde Hoeneß bereits erschossen? Wie sieht das aus, wenn „Deutschland“ 2013 „keine Gnade“ kennt? So: „Irgendein SPDler aus Bayern (…) nannte Steuerhinterziehung ‚die schlimmste Form asozialen Verhaltens‘. Das ist eine Ansage, schlimmer geht es nicht.“ Nein, wirklich nicht. Der arme Hoeneß!

Böss selbst stellt die großen Fragen: „Was in der deutschen Steuerdebatte völlig fehlt, ist das Interesse am „Warum“. (…) Könnte es vielleicht Gründe geben, weswegen jemand das Risiko eingeht, sein Geld im Ausland zu verstecken, anstatt es ganz normal dem Finanzamt zu melden?“ Ja, warum hinterzieht jemand Steuern? Warum ist mehr Geld in der eigenen Tasche besser als weniger? An der Frage, die jedes Kind, das das erste Mal Taschengeld erhalten hat, beantworten kann, scheitert der Weltkolumnist: „Keine Ahnung, was die genauen Gründe für Leute wie Uli Hoeneß sind, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu schaffen (…)“

Eine Ahnung hat er da aber schon geäußert: „Ist womöglich das Steuersystem nicht so gerecht, wie es sein sollte?“ Hat der Uli also sein Geld in der Schweiz versteckt, um ein Gerechtigkeitsdefizit auszugleichen? Und heißt das dann, dass er oder Böss oder sonst irgendwer eine plausible Idee davon hat, was eine gerechte Verteilung von Wohlstand ist? Was hier kurz davor ist, ausgesprochen zu werden, ist die Tatsache, dass Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft überhaupt kein Kriterium für die Verteilung von Gütern ist. Sie ist einfach nicht vorgesehen und erscheint in den Debatten bestenfalls als ihre eigene Karikatur, als die soziale Gerechtigkeit – als ob es auch eine andere geben könnte. Statt einer gerechten Verteilung wird von denen, denen es nützt, oft eine Art naturwüchsiger Verteilung behauptet, die allerdings durch Umverteilung gefährdet sein soll. Die wiederum ist dann, weil ja die alte Verteilung die richtige war, Diebstahl: „Für die Linke ist Sozialneid ohnehin das Fundament für alles weitere und die Grünen schielen ebenfalls auf das Geld der Reichen, weil sie ja auch gerne umverteilen. Ist dann natürlich ärgerlich, wenn das Geld weg ist, ehe man es den Leuten stehlen kann.“

Dabei ist natürlich diejenige Verteilung eine rein fiktive, die ohne staatliche Eingriffe zustande käme, weil das ganze System ohne den Staat gar nicht denkbar ist. Und schließlich wäre auch jede andere Verteilung eine gesellschaftlich vermittelte, gemachte. Sonst würden Weltjournalisten von Buchstaben leben müssen, während die VW-Arbeiter ab und zu ein neues Auto mit nach Hause nehmen könnten.

Gegen wen die sind, die für reiche Steuerhinterzieher in die Bresche springen, erfahren wir bei Böss auch, wenn er über den namenlosen SPD-Mann spottet: „Da kann man als Fußball-Hooligan Innenstädte zertrümmern, als Mutter das eigene Kind verwahrlosen lassen oder als Stalker anderen das Leben zur Hölle machen, alles kein Vergleich.“ Und am Schlimmsten: „der Schwarzarbeiter, der für erheblich höhere Steuerausfälle verantwortlich ist“. Wer kennt ihn nicht, den Anstreicher, der auf seinen Millionen sitzt und über Ulis Spielgeld lacht? So gewinnt Böss im deutschen Volkssport gegen die Bayern-SPD: Er weiß noch besser als jene, wo die unschädlich zu machenden Asozialen sitzen.

Der Geist ist schwach

Wo Böss „Deutschland“ am Werke sieht, ist es bei seinem Kollegen Richard Herzinger etwas spezifischer der „deutsche Volksgeist“, der Hoeneß ans Leder will. Da sind angeblich „die Gemüter der Republik bis zu Weißglut erregt“, Herzinger beschwört gar eine „ungeheure moralingesättigte Empörungswelle, die wegen Hoeneß über das Land hinwegbraust“. Wo er all das entdeckt haben will, bleibt sein Geheimnis. Der Mann schreibt zwar im Internet, verzichtet in diesem Artikel aber auf Links, und Zitate gibt es auch keine. Dafür steht das Wort „Staatsverbrechen“ in Anführungszeichen, eine Google-Suche führt aber auch hier nur zu Herzinger zurück. Der hat sich offensichtlich einen schönen Strohmann gebaut, und die Hysterie, die er bei anderen behauptet, findet sich vor allem bei ihm selbst.

Die „kollektive deutsche Volksseele“ wird im Weiteren beschworen, sie soll sich gegen den armen Wurstmann gewendet haben. Derweil glauben 37% der Deutschen, Hoeneß werde vorverurteilt. In der Zeit wurde die vermeintliche Hysterie bereits thematisiert. Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Für Herzinger, Springers Hauptstadtschreiber, sind aber nicht einmal die Medien die eigentlichen Träger der Debatte, er sieht hier die „tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung“ durchscheinen. Wenn nun schon 37% eine Vorverurteilung beklagen, stellt sich die Frage, was wohl die „Volksmeinung“ konstituiert. Ob Herzinger jemanden kennt, der ernsthaft die von ihm beschriebene „teils schäumende, teils kumpelhaft schmollende Vorwurfshaltung“ an den Tag legt? Ob ich auf der Straße jemanden finden würde, der tatsächlich zu echten Emotionen bei diesem Thema in der Lage ist? Wo mag sie sein, „die ganze Republik“, die „wegen Hoeneß´ illegalen Extratouren so voll und ganz aus allen moralischen Wolken fällt“?

In Wirklichkeit ist alles halb so wild und hat mit Hoeneß nichts zu tun. Das erwähnte Ressentiment gegen die Spekulanten ist ein im Stillen gehegtes – selbst bei den „Blockupy“-Protesten gegen die Frankfurter Banken achten die verdrucksten Linken erstens peinlich genau auf ihre Wortwahl, zweitens haben derlei randständige Proteste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Volksgeist nichts zu tun. Dass der existiert, ist keine Frage. Herzinger irrt sich allerdings, wenn er meint, er würde sich gegen den schwerreichen Präsidenten des FC Bayern wenden. Wenn der deutsche Volksgeist sich tatsächlich regt, geht es gegen Leute, die sich nicht wehren können: Asylanten, Obdachlose, Asoziale. Deshalb muss sich keiner Sorgen um die Banker machen, um die Roma aber schon. Deshalb wurden hier Türken und Griechen erschossen, aber bis heute keine Regierung gestürzt. Und vor Fabrikbesitzern werfen sich die Deutschen sowieso jederzeit ehrfürchtig auf den Boden.

Extra time

Inzwischen hat Jörn Schulz in der Jungle World einen Kommentar geschrieben, der Böss erwähnt, (und nun auch online ist). Und Herzinger hat noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass Hoeneß immer noch nicht vom Mob erschlagen wurde, erfordert anscheinend eine Erklärung, und Herzinger findet sie: „Indem sich Steuersünder Uli Hoeneß in einem Interview Erleichterung von seiner Seelenpein verschafft, ist der Weg zurück ins empfindsame Herz der Deutschen frei.“ Um die Sätze, die er meint, so wachsweich und inhaltsleer in einem gut getimeten Interview zu formulieren, brauchen andere eine PR-Agentur, Hoeneß nicht. Es braucht aber schon einen echten Germanisten, um bei Hoeneß – „obwohl selbst Katholik“ – eine „Reue im Sinne Martin Luthers“ auszumachen. Natürlich kennen auch die Katholiken Reue, Gewissensprüfung und Beichte. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten kann sich nicht aufhalten, wer solche Zwischenüberschriften dichtet: „Der Kapitalist muss vor dem Volk zu Kreuze kriechen“. Das ist so weit weg von der gesellschaftlichen Realität, dass man sich schon anderswo nach Herzingers Motiven umsehen muss. Seit es keine Kommunisten mehr gibt, seit es also keine „Freie Welt“ mehr gibt, weil ihr ihr Gegenstück abhanden gekommen ist, muss der Kapitalismus vielleicht von anderer Seite bedroht werden. Aber das ist Spekulation. Ein paar Grundsätze, die auch Herzinger beim politischen Schreiben beachten sollte, kann man hier nachlesen.

Interessant ist, abseits von der Causa Hoeneß, wie Herzinger in einem anderen Blogeintrag seine Idealvorstellung von Gesellschaft formuliert:

Der Werbeslogan einer Bank lautet: „Unterm Strich zähle ich€. Das könnte als Motto einer Bürgergesellschaft gelten, in der sich autonome Individuen in ihre persönliche Lebensgestaltung von möglichst niemandem mehr hineinreden lassen wollen. Dass der Einzelne seinen Lebensweg individuell ausgestaltet und die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Räume schaffen, um diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen, gilt dieser Bürgergesellschaft als Ideal.

Das hat bezeichnenderweise viel mehr mit einer kommunistischen Utopie zu tun als mit jeder jemals existenten Marktwirtschaft.

____

Besser als mit seinem gedankenlosen Blogeintrag kommt Gideon Böss übrigens hier weg, und lesenswert ist das auch noch.