Juli 2013

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Bei all den moralischen und sozialen Aspekten geht es im Leben natürlich auch um Rekorde. Wenn ich irgendwann sterbe, und das werden wir schliesslich alle, will ich was geleistet haben. Ich will was geschafft haben. Deswegen bin ich auch so hyperaktiv. Ständig habe ich diesen inneren Drang, etwas Neues zu erschaffen und noch mehr zu arbeiten – schnell, schnell, schnell. Ich will der Nachwelt etwas hinterlassen, dass sie an mich erinnert. Meine Vorbilder in dieser Hinsicht sind Menschen wie Galileo, Platon, Einstein, Mandela, Achilles oder Columbus. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich möchte nicht die Welt erobern oder so, aber diese Personen haben schlichtweg eine Vision gehabt und ließen sich von niemandem davon abbringen. Das waren ganz normale Typen wie wir. Ich meine, jeder von uns könnte der nächste Bill Gates sein, der irgendwo in der Garage seiner Eltern etwas erfindet, das in zehn Jahren die Welt verändern wird. Einstein chillte damals auch mit seienn Streber-Kumpels und grübelte über irgendwelche Theorien nach. Wir sitzen halt im Cafe, rauchen Wasserpfeife und überlegen, wie wir noch mehr Platten verkaufen können. Wo liegt der Unterschied? Es gibt keinen.

 

– Ferchichi, Anis Mohammed / Amend, Lars: „Bushido“, München 2008. S. 397f.

Happy I3D!

verbrochenes.net, das Service-Magazin der Deutschen Bahn, wünscht Euch allen einen happy Internationalen Day des Denglish! Vor mittlerweile sechs Jahren legte das awesome Weblog „Greasepaint Mustache“ das Groundwork für den Tag, der heute mit Fug und Recht als der wichtigste politische Kampftag des Interwebs bezeichnet werden darf. Wir waren schon damals mit theoretischem Input zur Stelle, ein Jahr später steppten wir unsere Bemühungen auf und veröffentlichten ein griffiges How-to.

Seitdem eilt die denglishe Bewegung von Erfolg zu Erfolg. In der SZ zum Beispiel, der größten deutschen Tageszeitung, fürchtet man heute nicht mehr um, sondern für die Demokratie in Israel. Bei der Bahn flüchtet man sich in Rückzugsgefechte und benennt die „Service Points“ – ohnehin eine unangenehm einseitig-englische Bezeichnung – in „DB Informationen“ um. Im Zuge dieser Reformen werden auch die „Hotlines“ zu „Service-Nummern“, und wenn das kein Sieg für die Agenten der Sprachvermischung ist, dann sei ich verdammt. Selbst die reaktionärsten Kräfte gestehen ihre Niederlage ein: „Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) – selbst ein Sprachpfleger im eigenen Haus – will den ICE nicht umtaufen. ‚Hier lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen‘ (…)“. Derweil hat es der „Shitstorm“ in den Duden gemacht, der „Flashmob“ auch, und Werder Bremen hat endlich einen zutiefst denglishen Trainer, den schneidigen Robin Dutt (sprich: Robin (deutsch!) Datt (english!).

Mit so viel Rückenwind ist es nun Zeit, die Bemühungen zu internationalisieren. Denglish kann und darf nicht im nationalen Rahmen gefangen bleiben, Denglish ist im besten Sinne nicht Deutsch. Wenn wir heute unseren americanischen Freunden zum Independence-Tag gratulieren, dann nicht ohne die freundliche Einladung, an der Herstellung des Vereins freier Menschen damit mitzuwirken, dass auch sie auf regulärer Basis ein bisschen Denglish schnacken.

Auf arte ist heute die sehenswerte amerikanische Dokumentation „The House I Live In“ gelaufen, ab jetzt kann man sie sieben Tage lang online ansehen. Der Film porträtiert den amerikanischen „war on drugs“ und die dahinterstehende Hysterie.
Auch die rassistische Dimension der Drogenkriminalisierung wird thematisiert: Die Drogengesetze wurden, so der Film, immer wieder auf bestimmte Minderheiten zugeschnitten, am offensichtlichsten wird das bei den harten Strafen für Crack im Vergleich zu (normalem) Kokain und angesichts der Massen von Schwarzen, die für Drogendelikte lange Haftstrafen absitzen. Allerdings sind inzwischen auch Weiße in großer Zahl Opfer der Drogenpolitik geworden, sodass der „war on drugs“ immer mehr als „war on poor people“ erscheint. Im Film macht David Simon, Schöpfer der großartigen Serie „The Wire“, einen seltsamen Holocaust-Vergleich. Das ist ein bisschen ärgerlich, nimmt dem Film aber nicht seine Wirkung. Die Frage, warum Drogennutzer derart hart bekämpft werden, ist schließlich eine weit reichende, an der sich vielleicht einige Erkenntnisse über moderne Gesellschaften entwickeln lassen. Fast nebenbei liefert Eugene Jareckis Film, wie so viele gute Dokumentationen, eine Reihe interessanter kleiner Porträts.

Eine Rezension in der FAZ gibt es hier, den Film wie schon erwähnt hier.

Und der Trailer:

Wenn ich mal in die Klapse komme, möchte ich mir das Zimmer mit Jakob Augstein teilen. Derzeit sieht es so aus, als würde er vor mir da landen, aber vielleicht bin ich ja auch bald so weit. Wenn Jakob und ich dann um 22 Uhr das Licht ausmachen, hör ich ihn leise zischeln*: „Totstellen wird auf Dauer nicht genügen! Sie behandeln uns wie einen Feind. WIR SIND EIN ZIEL!!!!!!“ Und dann dreht er sich um und klopft leise gegen die Wand, während er sagt: „Wer noch nicht überzeugt ist…der möge erklären! Erklären!“

Als auch auf dem Flur das Licht ausgeht, seufzt er und ich verstehe vom Folgenden nur: „…IM DUNKEL DER FDP…“. Wenn ich ihn auffordere, etwas ruhiger zu sein, schimpft er mich einen „Verbündeten dritter Güte.“ Und als ich sage, dass es mir nur um ein paar Stunden Schlaf geht, sonst nichts, da rastet er aus: „Es ist viel schlimmer! Es geht um Kontrolle! Sie kennen unsere Vergangenheit! SIE KRIECHEN IN UNSEREN KOPF! Sie streben die totale Kontrolle an – über jeden einzelnen von uns.“ So geht das die ganze Nacht, ein Hauptsatz nach dem anderen.

Tagsüber ist es nicht besser, da raunt er auf dem Flur den Mitpatienten kryptisches Zeug zu: „Es geht um die Informationen, die nicht in unser Weltbild passen!“ Und, ehrlich verängstigt: „Warum schweigt die Kanzlerin?“ Später, nach mehreren Stunden nachdenklicher Ruhe, weiß er schon weiter: „Düstere Antwort! Düstere Antwort! Protest ist sinnlos, sinnlos, ja: gefährlich!“ Aber in aller Düsternis kann mein Freund Jakob seine Zuversicht bewahren. Ab und zu, an sonnigen Tagen, lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und bemerkt mit wissender Miene: „Die Mauer konnte zum Einsturz gebracht werden.“ Ich sage dann: „Das stimmt, Jakob. Ja, das stimmt.“

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*Als Quelle für Titel und Text diente die aktuelle Kolumne von Jakob Augstein bei Spiegel Online.