September 2013

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Wie der Verein heute mitteilte, ändert sich bei Eintracht Braunschweig die Stadionordnung. In Zukunft werden nur noch Menschen eingelassen, die, so die neue Regelung, „überzeugte Faschisten, degenerierte Idioten und vorbestrafte Gewalttäter“ sind. Mit dieser Maßnahme soll das „Braunschweiger Kernpublikum“ vor der andauernden Diskriminierung durch linke Chaoten geschützt werden. „Wir waren hier zum Handeln gezwungen“, so ein Vereinsvertreter im Gespräch, „weil zum Beispiel die Stadionordnung in Mönchengladbach verbietet, unliebsame Linke einfach aus dem Stadion zu prügeln. Wir haben uns deshalb entschieden, die Sache selbst zu regeln. Auf die Frage, wer in Zukunft das Bild von Eintracht Braunschweig in der Öffentlichkeit prägen wird, sagte er kurz und knapp: „Fette Schweine!“

Mit den Einlasskontrollen erwartet der Verein keine Probleme. Man werde jetzt wieder einmal davon profitieren, dass der dafür zuständige Sicherheitsdienst seit Jahren von gewalttätigen Neonazis gestellt wird. Wer am Eingang nicht gleich als fettes Schwein oder alter Kamerad zu identifizieren sei, könne sich mit einem strammen Hitler-Gruß den Weg ins Stadion freimachen.

„Unsere Vereinsphilosophie ist auf eine gesunde Fankultur ohne Gewalt, ohne Rechtsextremismus und ohne Rassismus ausgerichtet“ heißt es in der Erklärung des Vereins. „Und wenn die Linken weg sind, brauchen wir auch keine Gewalt mehr. Wenn dann nur noch Nazis ins Eintracht-Stadion kommen, kann auch von Extremismus keine Rede mehr sein. Hier im Zonenrandgebiet sind und bleiben wir ein Verein der Mitte.“ Vertreter der örtlichen Faschistenverbände begrüßten die Erklärung: „Für eine ‚gesunde Kultur‘ war ja auch der Führer schon“ grunzte ein dicker Masteber aus Salzgitter.

Was haben Avigdor Lieberman und Claudia Roth gemeinsam? Beide werden von blöden Arschlöchern angefeindet und haben unabhängig von ihren politischen Positionen unsere Solidarität verdient. Leute, die mit der Aufteilung der Welt in Nationalstaaten kein Problem haben, hassen Lieberman, weil er ein nationalistischer Jude ist. Und Leute, die Wolfgang Kubicki für einen echten Typen halten und Jürgen Trittin ohne Schmerzen zuhören können, hassen Claudia Roth, weil sie eine einflussreiche Frau ist. Dabei darf Claudia Roth denselben Schrott reden wie ihre Berufskollegen, sie darf sich bunt anziehen, wenn sie Lust dazu hat, und sie darf genauso Politik für Deutschland machen und Diktatorenhände schütteln wie jeder andere deutsche Politiker.

Andere entscheiden.

Wenn man unsere Aufmerksamkeit für ein schönes Produkt oder eine tolle Dienstleistung haben möchte, schmeichelt man uns. So kennen wir das, so ist das nett. Leider halten sich gerade in diesem Monat viele Menschen nicht daran. Bekanntlich wird in diesen Tagen mit großem Aufwand die Bundestagswahl vermarktet, und ihre Vertreter sind sehr, sehr überzeugt von ihrem Produkt. Wer sich nicht zum Mitmachen entschließen kann, wird verachtet. Mit Kritik hat das wenig zu tun, es herrscht echte Empörung darüber, dass da jemand vom Kreuzchenmachen nicht begeistert ist. Auch positive Argumente für den Urnengang gibt es wenig. Das liegt an den Wahlen selber: Eine Tafel Schokolade kann viel Freude machen, das kann man den Leuten versprechen, eine einzelne Stimme bei einer Bundestagswahl aber ist offensichtlich wertlos. Deshalb kann man die Leuten schlecht damit locken, dass ihr Sonntagsspaziergang ihnen dies oder das einbringen würde. Man muss deshalb umgekehrt behaupten, dass es ohne diese Stimme wirklich ganz schlimm kommen wird.

Dabei ist auch beim Nichtwählen offensichtlich, dass es keinerlei Effekt hat, man kann das ja hinterher nachrechnen, was die eigene Stimme hier oder da gebracht hätte. (Kürzlich las ich, dass in Niedersachsen etwa 340 Stimmen den Unterschied gemacht hätten, und dass man angesichts dieser Zahl jawohl nicht behaupten könne, die eigene Stimme sei wertlos. Dabei zeigt das Beispiel genau das: Es fehlte ja nicht nur eine, sondern über 300 Stimmen.) Weil der Einzelne in diesen Wahlen objektiv machtlos ist, er aber doch die Masse bildet, von deren Beteiligung der Erfolg der Sache abhängt, muss der Parlamentsfreund einen Umweg argumentieren: Wenn das alle machen würden! Was wäre denn dann? Das Argument ist ungefähr so gut wie sein Gegenstück: Ja, und wenn so wie du alle die CDU wählen würden? Einparteienstaat! Diktatur!

Anstatt aber das eigene Verhalten als potenziell viel gefährlicher anzuerkennen, wird Nichtwählern auch noch die Geschichte angekreidet: Früher hatte man kein Wahlrecht, willst du das zurück? Na immerhin gab es vor dem allgemeinen Wahlrecht auch keinen Nationalsozialismus und keine industriell geführten Kriege, aber anstatt das anzuerkennen, stilisiert der gewöhnliche Demokrat sich noch zum Antifaschisten, der in einem komplizierten Rechenprozess der NPD richtig einen auswischt.

Richtig drollig wurde es heute in einem Wahlaufruf vom für mich bis heute einzig gültigem Kanzler Helmut Kohl und seinem Nachfolger Gerhard Schröder. Dort heißt es: „Wer nicht wählt, lässt andere entscheiden!“ Wie bitte? Ist es nicht im Gegenteil das Kennzeichen des Systems, für das die beiden Statesmen werben, dass man andere für sich entscheiden lässt? Und hat das nicht eigentlich ein paar Vorzüge, für die die Herren aktiv werben könnten? Stattdessen ergänzt Schröder seinen autoritären Quatsch: „Wählen ist wichtig, weil nur so Veränderung möglich ist.“ Heißt: Bitte versuchen Sie nicht selbst, die Welt zu verändern, es bringt nichts, setzen Sie Ihr Kreuz bei uns, entscheiden Sie sich für das, was wir ohnehin machen.

Im deutschen demokratischen Chauvinismus bildet man sich viel darauf ein, die „gelenkte Demokratie“ in Moskau entdeckt und kritisiert zu haben. Doch was man als pluralistischen Wettstreit der Konzepte verkauft, ist längst für jeden sichtbar zur Farce geworden. Sich über Wahlplakate lustig zu machen, ist unmöglich geworden, weil ihre völlige Inhaltsleere längst akzeptiert ist. Und doch hängt der Ausgang der Wahl davon ab, wer den schöneren Spot macht, wer die besseren Satzbausteine parat hat und wer am effektivsten die aufgestellten Fettnäpfchen umgeht.

Während in Griechenland die Suizidrate steigt, interessiert man sich hier für den Veggie-Day und die Pädophilen von vor 30 Jahren. (Wie dumm von den Grünen damals, über etwas zu reden, was andere im Verborgenen und bis heute ungestraft einfach gemacht haben.) Inzwischen sind sich natürlich auch in diesen Dingen alle einig: Die CDU hat doch auch einen fleischfreien Tag in der Mensa, die Grünen lassen die Hände von den Kleinen. In Deutschland gibt es keine Kontroversen, die Gegenstand von demokratischen Entscheidungen werden könnten. Es gibt keine nennenswerten Bewegungen, die auf parlamentarische Repräsentation drängen könnten. Das ist auch ein Zeichen für den großen Erfolg der BRD: Die große Maschine frisst alles auf, was für Streit sorgen könnte. Es ist aber auch der Grund für die Lächerlichkeit der Wahlen. Da hat man ein gut funktionierendes Tool, um gesellschaftliche Entscheidungen herbeizuführen. Und dann fällt einem nichts mehr ein, was man damit klären könnte. Weil man am Ritual trotzdem festhält, entsteht die bereits erwähnte Farce, deren Zeugen wir gerade werden.

Was bleibt, sind Detailfragen. Ein Kampf für die gute Sache ist nicht in Sicht, materielles Elend ist vielleicht ein deutscher Exportschlager, ein deutsches Problem ist es nicht. Wer einmal in die toten Augen eines Jobcenter-Fallmanagers geblickt hat, weiß mehr über die soziale Marktwirtschaft als Ludwig Erhard. Und doch ist das Flachbildfernseherelend der deutschen Unterschicht nichts, womit die Linke Leidenschaften wecken könnte. Und eine andere Opposition, so viel muss man Gysi und Co. zugestehen, gibt es nicht. Am nächsten an eine zugespitzte politische Entscheidung kommt man vielleicht beim Betreuungsgeld, aber wen interessiert das?

Nun kann man sein Heil in den ganz großen Fragen suchen, man kann sich als außenpolitischer Beobachter gerieren, man kann sich auf die Suche nach neuen originellen Positionen machen oder die eigene Verachtung für die Wahl in bissige Ironie kleiden – es bleibt doch ein trauriger Umstand, dass Wahlen in Deutschland heute diese Form angenommen haben.