Oktober 2013

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Steile These

Die Empörung über die Überwachungsmaßnahmen der NSA spiegelt die tiefe Sehnsucht derjenigen, die sie äußern, nach jemandem, der ihnen zuhört. Besonders ausgeprägt ist die Empörung in den sozialen Netzwerken und bei denen, die sich als „Netzgemeinde“ verstehen, ihre Internetnutzung also als identitätsbildende Maßnahme sehen. In diesen Medien wird massenhaft Text produziert, der niemanden interessiert – erst recht nicht diejenigen, die politische Entscheidungen fällen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Nachricht, die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika überwache die Telefone der Deutschen, elektrisierend besonders auf die Intensiv-Nutzer dieser Medien wirkt. Auf einmal ist da jemand, der zuhört, der sich interessiert, der seine Schlüsse aus dem Gesagten zieht und in der Lage ist, wirklich bedeutende Schritte in der wirklichen Welt zu unternehmen. Das ist für die immer machtlosen und oft gründlich vereinzelten Menschen von 2013 eine tolle Perspektive: Auf einmal befindet sich der deutsche Normalverbraucher mitten im Weltgeschehen.

Denselben Gedanken hat sich die Satire-Seite „Der Postillon“ zunutze gemacht und die NSA als neue Gottheit beschrieben: Allmächtig, zuhörend, unergründlich. Die ausschließlich medial vermittelte Geschichte vom NSA-Skandal füllt gleich mehrere Leerstellen, spirituelle ebenso wie soziale. Persönliche Bedeutung bekommen die Empörten dabei auch, indem sie ihre Überlegenheit dokumentieren. Sie sind Angela Merkel moralisch überlegen, weil die stets abgewiegelt hat. Sie sind den Amerikanern politisch überlegen, weil die das friedliche und vertrauensvolle Zusammenleben der Völker – ein altes Anliegen der Deutschen – sabotieren. Und sie sind denen in der Disziplin „Demokratie“ überlegen, die andere Sorgen haben als die Aktivitäten ausländischer Geheimdienste. Gäbe es die NSA nicht, die Deutschen würden sie erfinden.

Freunde, es gibt Grund zur Freude: Die liebevollste Ultragruppe der Welt, CAILLERA, hat keine Kosten und Mühen gescheut, die interessanteste Veranstaltungsreihe Bremens zu organisieren. Es geht um drei Veranstaltungen zum Thema Fußballfans gegen Antisemitismus. Den Anfang macht am 30.10. Ingo Elbe mit einem Vortrag über Formen des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart, am 7.11. folgt ein Film zur jüdischen Arbeiterbewegung in den USA. Und schließlich, endlich sprechen am 16.11. der famose Alex Feuerherdt und jemand, der mir sehr ähnlich sieht, über Fußball und Antisemitismus. Los geht es um 18 Uhr im Ostkurvensaal, im Anschluss an den Vortrag ist Zeit für eine Diskussion.

Im März 2006 hinterließen Fussballfans aus Hannover bei ihrem Besuch in Bremen eindeutige Aufkleber: Sie hatten das Wappen des SV Werder zu einem orangefarbenen Davidstern verfremdet. Ganz ähnlich traten Anhänger von Energie Cottbus Ende 2005 in Dresden auf, als sie ebenfalls das Vereinsemblem des Gastgebers grafisch veränderten, um die Dresdner als »Juden« zu beschimpfen. In der Kreisliga B in Berlin wurde man im September 2006 noch deutlicher. »Vergast die Juden« und »Synagogen müssen brennen« riefen etwa 30 Neonazis beim Spiel von Alt-Glienicke gegen den jüdischen Verein Makkabi Berlin. Deren Mannschaft verließ schließlich aus Protest den Platz.

Antisemitismus ist nicht nur hierzulande nach wie vor präsent, und das zeigt sich auch und gerade im Fussball. Wie er sich darin äußert und wie er funktioniert, wollen wir im Vortrag zeigen. Dabei soll es nicht nur um Vorfälle wie die genannten gehen, denn der Antisemitismus erschöpft sich nicht in solchen offenkundigen Angriffen. Vielmehr spiegelt er sich auch in anderen Bereichen wider, beispielsweise in der Debatte um die Kommerzialisierung des Fussballs oder in den Boykottaktivitäten, die sich gegen Mannschaften aus dem jüdischen Staat richten. Und was haben die Deutschen eigentlich gegen den FC Bayern, der von den Nazis als »Judenklub« verfemt wurde?

Alex Feuerherdt ist freier Publizist und ehemaliger Schiedsrichter, Enno Wöhler ist großer Fan des SV Werder Bremen.

Alle Veranstaltungen sind Teil der Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung, auf deren Webseite ich eigentlich mit einem Überblick über alle geplanten Veranstaltungen gerechnet hatte.

Doch Nachtigallen hin oder her, ich möchte keine Geschichte von Nachtigallen schreiben, obwohl die Tagespresse es schätzt, wenn Autoren über Dinge schreiben, von denen sie nichts verstehen. Tiefe Unkenntnis wirkt auf weite Kreise der Leserschaft überzeugend, auf weitere Kreise liebenswert. Dem kritischen Rest stärkt sie das Selbstbewußtsein, bestätigt ihm seine Überlegenheit und ermöglicht ihm Protestaktionen, die sein geistiges Muskelgewebe vor Erschlaffung bewahren. Ich nehme auch an, daß Nachtigallenthemen kontrollrätlich erlaubt sind und von der Mehrzahl unserer augenblicklichen deutschen Diktaturen nicht beanstandet würden. Aus Gründen der Sittlichkeit wird heute vieles beanstandet. Diktaturen sind immer sehr streng in bezug auf das, was sie unter sittlich und Volksmoral verstehen. Die ehemalige deutsche Diktatur hat sich, nach Art niederer Lebewesen, durch Spaltung fortgepflanzt und heißt jetzt Demokratie.

Irmgard Keun: Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen. Düsseldorf, 1981. S. 13f. Erstveröffentlichung 1950.