Februar 2014

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Wo wir sind

Bayern München dominiert die Bundesliga, keine Mannschaft kann ihnen das Wasser reichen. Und der letzte Gegner aus Frankfurt hat das gewissermaßen schon vor dem Spiel anerkannt, indem er seine besten Spieler gleich zu Hause gelassen hat. Auch der Gegner aus dem Champions-League-Finale des letzten Jahres ist weit abgeschlagen, und kurz vor dem Spiel gegen Frankfurt war aus Dortmund zu hören gewesen, die Bayern hätten mit den Transfers von Lewandowski und Götze auch die Borussia schwächen wollen:

Jetzt schlagen sie zurück. Sie wollen uns zerstören. Nicht dahingehend, dass sie uns menschlich kaputt machen wollen, weil sie uns nicht mögen, sondern um uns dauerhaft als direkten Konkurrenten auszuschalten, indem sie sich an unseren Spielern bedient haben. Damit wir nie wieder eine Gefahr für sie darstellen. Das ist legitim und damit müssen wir leben.

Nachdem nun schon Paul Breitner Watzke für diese Aussagen kritisiert hatte („Watzke versucht zu hetzen“) springt im Guardian der Journalist Raphael Honigstein für die Bayern in die Bresche. Er bringt dabei einiges durcheinander. Honigstein behauptet: „Bayern’s 5-0 win once more brought accusations of the unfair hoovering up of talent. But that’s not altogether fair or accurate.“ Doch die Behauptung ist in doppelter Hinsicht falsch. Zunächst liegen Watzkes Äußerungen zeitlich vor dem Frankfurt-Spiel, können also nicht wie behauptet eine Reaktion darauf sein. Und außer Watzke hatte sich niemand in dieser Richtung geäußert, Honigstein liefert denn auch kein weiteres Beispiel für die Position, die zu widerlegen er angetreten ist. Falsch ist auch, dass jemand den Bayern „unfair hoovering up of talent“ vorgeworfen habe. Das Gegenteil ist richtig, selbst Watzke hat explizit gesagt, dass das Verhalten der Bayern legitim sei.

Ob die Tatsache, dass Götze und Lewandowski vom BVB kommen, bei den Transfer-Entscheidungen der Bayern eine Rolle gespielt hat, wird sich nicht klären lassen. Die Frage ist aber auch nicht so wichtig, wie Honigstein unterstellt, weil diese Transfers, anders als von ihm suggeriert, in der hiesigen Diskussion gar nicht als Grund für die aktuelle Dominanz der Bayern angeführt werden. So geht auch sein Gegenargument ins Leere: „the current crop consists of exceptionally motivated professionals who are being coached at a level that is in line with their capabilities.“ Die Bayern haben also, Überraschung, eine sehr gute Mannschaft und einen sehr guten Trainer. Deshalb stehen sie also oben! Honigstein widerlegt eine Position, die niemand eingenommen hat, mit einer Wahrheit, die niemand bestreitet. Zuvor hatte er schon das wenig bestreitbare Argument, dass die Bayern aus verschiedenen Gründen sehr viel mehr Geld als der Rest der Liga ausgeben können, angegriffen:

Competitive imbalance in financial terms is still lower in the Bundesliga than in Serie A and in Spain, where Real Madrid and Barcelona will pay about 20 times as much for their squad than the smallest team. In Germany, the factor is closer to 13.

Das ist faktisch richtig, verfehlt aber wieder den Punkt: In Spanien sind es eben Madrid und Barcelona, die oben konkurrieren, während es in Deutschland eine klare Nummer 1 gibt und die Top-Stars nur in eine Richtung wechseln. Und natürlich ist es für die Dominanz der Bayern unerheblich, ob sie nun 20x oder 13x so viel Geld wie Braunschweig ausgeben können, sie werden sie in beiden Fällen fast immer schlagen können. Die Frage müsste viel eher lauten, wie das Geld unter den ersten fünf (oder zwei) verteilt ist.

Fragt man nun, woher die ebenso vehemente wie punktlose Bayern-Verteidigung von Breitner wie Honigstein eigentlich kommt, bietet sich folgende Perspektive an: Die Bayern spielen die womöglich beste Bundesliga-Saison aller Zeiten und niemanden interessiert es. Durch die Abwesenheit eines ernsthaften Konkurrenten verlieren die brillanten Bayern-Spiele ihre Bedeutung. Dass Armin Veh seine besten Spieler gleich zu Hause lässt, verdeutlicht diese Gefahr. Kaum einer, der nicht Bayern-Fan ist, spricht begeistert von den Bayern, obwohl ihr Fußball doch genug Anlass dazu gäbe. Stattdessen reagiert Deutschland mit einem Schulterzucken auf jeden neuen Sieg: „Ja mei, die sind halt saugut.“ Das ist natürlich extrem ungerecht. Und könnte paradoxerweise dazu führen, dass die ganze Saison am Ende als ein Scheitern wahrgenommen wird; dann nämlich, wenn das Champions-League-Finale nicht erreicht wird. Angesichts dieser Umstände wird verständlich, dass jetzt schon deutlich mehr Anerkennung für die Leistung der Bayern eingefordert wird. Die wird es allerdings erst geben, wenn sich zu den starken Leistungen auch starke Geschichten gesellen, etwa bei spektakulären Siegen im Europapokal. Arsene Wenger und Mesut Özil warten schon.