Mai 2014

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Berlin ist ein Freizeitpark. Und für Linke bietet er ein paar ganz, ganz feine Attraktionen. Schon in einer Woche geht zum Beispiel der tolle Kongress mit dem kecken Namen „Marx is‘ Muss“ los. Die werbetexterisierte Linke wirbt für dieses spannende Event unter anderem mit lesenswerten Flyern, von denen einer den Weg zu mir gefunden hat.

Das Programm ist bunt, sprechen werden unter anderem Christine Buchholz (DIE LINKE), Christina Kaindl (DIE LINKE), Kerstin Köditz (DIE LINKE), Bernd Riexinger (DIE LINKE), Janine Wissler (DIE LINKE) und Thomas Sablowski von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bei den Themen fällt sofort der Klassiker auf, man will auch in diesem Jahr „Marx neu entdecken“ – weil der Mann sich halt immer wieder vor seinen Anhängern versteckt. Neben dieser Entdeckungsreise werden weitere wichtige Themen besprochen. Beim „Kampf um Europa“ geht es um Fragen wie diese: „Rückt Osteuropa nach rechts?“ (Hint: Das muss man differenziert betrachten!) „Ist die Euro-Krise vorbei?“ (Hint: Krise is immer!) „Was steckt hinter den Afrika-Einsätzen der Bundeswehr?“ (Hint: Das Kapital).

Während hier einerseits knallhart aufgedeckt und andererseits analytisch abgewogen wird, geht es in den „Strategien für die Linke“ praxisnäher zu: „Verankern, verbreiten, verbinden“ will zum Beispiel der Verwaltungsversicherungsverständige Bernd Riexinger. Dazu die großen Fragen unserer Zeit: „Wäre Marx ein Blogger?“ „Sexismus, Rassismus, Klassismus?“ Und zwischendrin gibt es „Bewegungsforscher“, die unvermeidliche „Nahostexpertin“ und ganz viele „Menschen“. Von denen kann man nie genug haben. Darum gibt es auch geballte Handlungsanweisungen an die Leser: „Bleib auf dem Laufenden“, „Verfolg alle Kongress-Updates“ und „Twittere mit uns“, „Bestelle ein Plakat und häng es im Unicafé, am schwarzen Brett im Betrieb oder in der Mensa deiner Schule auf“, „Verlinke uns auf Facebook und erzähl deinen Freundinnen und Freunden vom Kongress – it´s time to organize!“ Tu es! Tu es!

Wer weder von der inhaltlichen Tiefe noch von der Aussicht, Teil einer Bewegung zu sein, überzeugt werden kann, muss spätestens vor der Textkunst der Veranstalter kapitulieren: „Auch dieses Jahr wird es ihn wieder geben: den beliebten Seminartag …“, „Der Kongress beginnt gleich mit einem besonderen Highlight: einem Gewerkschafter-Seminartag …“, „Der Kongress beginnt mit einem speziellen Angebot: dem Seminartag“, „Neu im Programm … Aus aktuellem Anlass: 6 zusätzliche Veranstaltungen zur Krise in der Ukraine“, „Früh buchen lohnt sich“. Ist das was? Das ist doch was. Und wem das nicht reicht, der findet auf der Website noch weitere tolle Angebote: „Ein echtes Highlight wartet am Sonntag. … Dietmar Dath spricht auf dem MARXISMUSS Kongress über: ‚Sozialistische-feministische Science Fiction'“

Wer dieses Jahr nicht dabei sein kann, hat also allen Grund, traurig zu sein. Aber im nächsten Jahr geht es sicher weiter, dann auch mit der Podiumsdiskussion zum Thema „Angebote, Highlights, Jetzt & Neu: Was die parteinahe Bewegungslinke mit dem Media-Markt gemeinsam hat“.

Joseph Roth im Frühling 1939:

Der deutsche „Dynamismus“ ist nicht von gestern und auch nicht von heute. Der Nationalsozialismus ist nicht etwa eine überraschende, eine verblüffende Umkehr des deutschen Volkes vom humanistischen und vom christlichen und vom humanen Geist zum barbarischen, gottlosen, unmenschlichen und antichristlichen; sondern der Nationalsozialismus ist die Erfüllung dessen, was die Deutschen selbst ihr „Wesen“ nennen. Ihr sogenanntes „Wesen“ ist nämlich: Protestantismus. Der Protestantismus ist der Dynamismus von Wittenberg. Von Luther über Friedrich den Zweiten, Bismarck, Wilhelm, Ludendorff bis zu Hitler und Rosenberg führt ein gerader Weg. Wer das nicht sieht, ist blinder als ein Blinder: nämlich ein „Realpolitiker“.
Der immanente Haß des Deutschen gegen das Beharrende, Bleibende, gegen das Traditionelle ist mir unbegreiflich: Ich kann ihn also nicht erklären. Aber ich halte es für meine Pflicht, ihn zu konstatieren. Seit dem elften Jahrhundert haben die Deutschen nicht weniger als zweimal ihre Religion gewechselt und nicht weniger als dreimal ihre Muttersprache. […] Wir Gläubigen wissen, daß es keine „Zufälle“ in der Welt gibt. Es ist kein Zufall, daß Wittenberg in Sachsen liegt und nicht etwa in Tirol oder in der Lombardei zum Beispiel. […] Ich kann, was mich betrifft, bei aller Hochachtung vor den Protestanten, die unsere christlichen Dulder sind, keinen Unterschied sehen zwischen den Schriften Luthers, wie die an den deutschen Adel zum Beispiel, und jenen des Herrn Rosenberg. […] Ohne Luther und ohne den Protestantismus wären wahrscheinlich Hegel und Marx in Deutschland nicht möglich gewesen. Und selbst in der „dionysischen“ Abwehr Nietzsches ist noch der als Heide verkleidete Protestant zu erkennen. […] Die törichte, durch die Große Revolution und den Liberalismus töricht gewordene Welt allein ist imstande, den augenblicklich so akuten Antisemitismus der Deutschen für eine überraschende und erschreckende Erscheinung zu halten. Einem Christen erscheint es selbstverständlich, daß ein Volk, das die latente Unfähigkeit hat, kaum länger als dreihundert Jahre christlich zu bleiben, nicht antisemitisch werden könnte. Dieser Haß hat tiefere Gründe, als die Hassenden selbst es wissen. […] Sie hassen nicht die Juden, sondern Jesus Christus, den Sprößling aus Davids Stamm. Sie selbst glauben, sie haßten den Zionsstern, aber sie hassen in Wirklichkeit das Kreuz. Sie selbst glauben, sie haßten an den Juden die Neigung zum Geld und zum Wucher und zur Ausbeutung. Aber sie hassen in Wirklichkeit das Leiden, das Leid, das die Liebe ist.

Joseph Roth: Der fortdauernde „Dynamismus“. In: Derselbe: Die Filiale der Hölle auf Erden. Köln, 2003.