Juni 2014

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Vergesst den „Taktik-Blick“, hier ist die „Klinsi-Cam“. Sie zeigt während des Spiels USA – Portugal neunzig Minuten lang Jürgen Klinsmann und ist damit eine der wahnsinnigsten Einrichtungen, die das Fußballfernsehen bisher geschaffen hat. Klinsmann wird unfreiwillig zum Gegenstand permanenter Beobachtung gemacht bei einer Tätigkeit, die eigentlich gar nicht zum Zuschauen gedacht ist. Er betreut schließlich die Spieler, die früher die eigentliche Sehenswürdigkeit waren. Vermutlich ist ihm selbst auch nicht bewusst, dass deutsche Internetnutzer ihn nonstop beobachten können. Was man sieht, ist banal: Klinsmann geht auf und ab, Klinsmann schimpft, Klinsmann schaut.

Man muss sich vielleicht den Kameramann bildlich vorstellen, der ausdauernd dem US-Trainer mit der Kamera folgt, um die ganze Irrsinnigkeit des Vorgangs zu erfassen: Kamera nach links, nach rechts, leichter Zoom hinein, wieder heraus, immer nah am Mann. Was noch fehlt, ist eine eigene Kommentierung für die „Klinsi-Cam“. Warum erzählt uns Bela Rethy nicht, was wir von verschiedenen Bewegungen Klinsmanns zu halten haben? Wo bleibt die Analyse seiner Laufwege und seiner Zwischenrufe?

Auf der Webseite des ZDF kann man alle vom Sender übertragenen Spiele auch online live anschauen. Dabei gibt es die Möglichkeit, das Spiel im sogenannten „Taktik-Blick“ aus der Perspektive einer sehr hoch über dem Spielfeld angebrachten Hintertor-Kamera zu verfolgen. In der Tat lassen sich dabei taktische Aspekte besonders gut betrachten: Vierer- und Dreierketten verschieben nach links und rechts, Abwehrspieler rücken vor, Mittelfeldspieler lassen sich fallen und so weiter.

Der „Taktik-Blick“ unterscheidet sich allerdings noch in zwei wesentlichen Punkten von der gewohnten TV-Übertragung. Es fehlt nämlich zum einen der Kommentar, man hört nur das Stadiongeschehen. Zum anderen gibt es keinerlei Schnitte oder Wiederholungen. Die Kamera hat immer alle Feldspieler im Blick und wird nur minimal bewegt und fokussiert. Diese Art der Sportübertragung hat nur noch wenig gemein mit dem gewohnten Event-TV. Es verschwindet die Doppelung von Bild und Ton, in der man immer genau das, was man gerade gesehen hat, noch einmal gesagt bekommt und die jemand mir gegenüber treffend als pornographisch bezeichnet hat. Das Zusammenspiel von Kommentar und Live-Übertragung lässt keine Fragen mehr offen und zielt im Gegenteil darauf, jede Situation so deutlich wie möglich in das Gehirn des Zuschauers zu hämmern. Denselben Effekt haben die ständigen Wiederholungen, die inzwischen einen erheblichen Teil der Übertragung ausmachen. Alle paar Sekunden wird eine Szene wiederholt, das Geschehen wird vergrößert und vereindeutigt, ganz wie im Porno-Film. Dazu kommt die Zeitlupe, die dem Augenblick eine Bedeutung verleiht, die er ohne sie nicht hätte. Denn betrachtet man das Spiel als ein kontinuierliches Geschehen und ohne Kommentar, verlieren die einzelnen Szenen schnell ihre Dramatik. Was passiert nach dem 1:0 für Uruguay? Die englischen Spieler kicken den Ball zur Mitte, das Spiel geht weiter. Im von Regie und Kommentar geleiteten Spiel dürfte derweil die helle Aufregung herrschen: Wiederholungen, Perspektivwechsel, Verweis auf das mögliche Ausscheiden Englands, dieser großen Fußballnation. Wer aus der Vogelperspektive schaut, bekommt davon nichts mit. Dasselbe gilt für Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. Sie werden als solche gar nicht wahrgenommen. Zwar liegt das auch daran, dass die Kamera einfach weit weg ist, die wichtigere Rolle bei der Inszenierung von Dramatik in Fußballübertragungen haben aber Regie und Kommentar. Ohne sie bekommt das Zuschauen am Bildschirm etwas sehr ruhiges und entspanntes, das Spiel wird wieder als solches wahrgenommen. Das ist bisweilen sicher auch langweilig und darf nicht mit dem Betrachten eines Spiels im Stadion verwechselt werden, wo nicht nur tausende andere Eindrücke wahrgenommen werden, sondern auch bereits Wiederholungen auf der Videowand zu sehen sind und die Einordnung des Gesehenen durch dafür bestellte Showmaster vorgenommen wird. Der „Taktik-Blick“ durch die parteilose Kamera hingegen stellt die Frage, was beim Fußball tatsächlich passiert und welche Bedeutung diesen Ereignissen von wem wie gegeben wird.

Und in diesem Moment macht, wenn ich das richtig gesehen habe, Wayne Rooney sein erstes Tor bei einer WM. Endlich, im zehnten Spiel! Davon will ich jetzt aber schon eine Wiederholung sehen.

Der „Taktik-Blick“ lässt sich innerhalb des ZDF-Streams durch einen Klick auf das Kamera-Symbol am oberen rechten Rand einschalten.