August 2014

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Thomas Oppermann, SPD-Fraktionschef im Bundestag, hat heute den Erfolg des Islamischen Staates erklärt: „Was wir im Augenblick erleben, ist zu einem großen Teil zurückzuführen auf den zweiten Irak-Krieg.“ Die Formulierung umfasst sehr schön alles, was mit dem Thema zu tun hat: alles, was wir erleben. Inhaltlich passt diese Sichtweise der SPD und den Deutschen in den Kram, denn diesen Krieg haben sie bekanntlich immer abgelehnt.

Die FAZ zitiert Oppermann: „Damals sei das fragile Miteinander der Volksgruppen und Religionen im Irak zerstört worden.“ Dieses fragile Miteinander war bis dahin bekanntlich von Saddam Hussein und Giftgaslieferungen aus Deutschland und Europa zusammengehalten worden. Heute sieht es anders aus, die Bundesregierung möchte Waffen an die Kurden liefern. Nach Oppermanns Verständnis soll mit diesen Waffen der Schlamassel behoben werden, den die Amerikaner hinterlassen haben. Gekämpft wird aber natürlich nicht gegen Amerikaner. Tatsächlich werden die deutschen Waffen mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen nicht weniger interessanten Gegner treffen: deutsche Staatsbürger.

Markus Ströhlein in der Jungle World:

»Mittlerweile sind weit mehr als 400 Leute aus Deutschland nach Syrien gereist«, sagte Hans-Georg Maaßen, der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, in der vergangenen Woche dem WDR. Die Schätzungen der Gesamtzahl an Kämpfern des IS gehen weit auseinander. Nimmt man eine mittlere Zahl von 10.000 an, dann reicht es für Deutschland zwar nicht zum Exportweltmeister für Jihadisten. Doch 400 Kämpfer sind keinesfalls zu vernachlässigen, zumal insgesamt nur 2.000 bis 3.000 Milizionäre des IS aus Europa kommen.

[…]

Angesichts des Vormarschs des IS auf die irakische Stadt Mossul im Juni verwies Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schlicht auf die USA: »Natürlich haben die Amerikaner eine ganz besondere Verantwortung.« Und sie fügte hinzu: »Was Deutschland beitragen kann “ jenseits jedes militärischen Engagements „, das ist sicherlich, zu versuchen, den politischen Prozess mitzubegleiten.« Was so viel heißt wie: Sollen die Amis doch ausbaden, was sie sich im Irak eingebrockt haben “ aus Deutschland gibt es höchstens schlaue Ratschläge. Hierbei handelte es sich offensichtlich um die offiziell beschlossene Regierungspolitik in der Sache.

Diese Politik bekräftigt Oppermann jetzt mit seinem Verweis auf die Verantwortung der USA. Die europäische Dimension des Islamischen Staats wird dabei nicht nur von ihm weiter vernachlässigt. Spätestens seit der Ermordung des Journalisten James Foley durch einen Briten ist sie allerdings nicht mehr zu übersehen. Nimmt man einen Anteil von 3.000 Europäern unter 10.000 IS-Djihadisten an, wird auch deutlich, dass deren Erfolg ohne die Europäer schwerlich möglich gewesen wäre. Angeblich kämpfen mehr muslimische Briten für den IS als für die britische Armee.

Herr Oppermann und Konsorten müssen sich fragen lassen, wieso hunderte Deutsche in ein anderes Land ziehen und dort morden, vergewaltigen und plündern. Sie müssen sich deshalb auch fragen lassen, welche Verantwortung Deutschland für das hat, „was wir im Augenblick erleben“. Und als Politiker darf man sie auch gerne um Lösungsvorschläge bitten.

Dass man keine deutschen Soldaten in den Irak schicken will, scheint derweil verständlich: Es sind ja schon welche da, nur halt keine von der Bundeswehr.

Cut

Louis C.K. hat gerade einen Emmy gewonnen für die Folge „So Did the Fat Lady“ seiner somewhat autobiographischen Serie „Louie“. Die letzte Szene der Folge, für die es nun in der Kategorie „Outstanding Writing for a Comedy Series“ einen Preis gab, geht sieben Minuten ohne einen einzigen Schnitt und ist nicht nur deshalb sehr bemerkenswert. Wer kann, schaut die ganze Folge, die gut 20 Minuten lang geht und auch ohne den Rest der Staffel funktioniert.

In der Kategorie „Outstanding Directing for a Drama Series“ hat Cary Fukunaga mit einer Folge von „True Detective“ gewonnen. In der Folge „Who Goes There“ gibt es ebenfalls eine lange Szene ohne Schnitt, fast sechs Minuten, die für einiges Aufsehen sorgten. Wer „True Detective“ noch nicht gesehen hat und das nachholen will, sollte diese Szene nicht vorwegnehmen. Ist aber geil – im Gegensatz zum Ende der Staffel, die meines Erachtens nach fünf von acht Folgen deutlich nachließ.

Wenn der Auftaktsieg des ruhmreichen SV Werder Bremen morgen als „auch in dieser Höhe verdient“ kommentiert wird und die wilde Jagd in die Champions League begonnen hat, gibt es einige Verlierer. Zum Beispiel tausende dann noch nicht existierende Speisetiere, die dank des zu erwartenden Polularitätsschubs von Werder Bremen und seinem Sponsor Wiesenhof ein hartes, aber kurzes Leben als zukünftiges Brathähnchen erwartet. Zum Beispiel aber auch in New York, wo ein KKR-Finanzmanager kurz mit den Schultern zucken und die bei Hertha BSC investierten Euros ein bisschen weniger erwartungsfroh bewerten wird. Der Finanzinvestor hat sich in diesem Sommer neun Prozent der Hertha-Aktien gekauft. Anderswo haben sich nicht amerikanische Finanzinvestoren, sondern heimische Unternehmen engagiert.

Nimmt man die fünf erstplazierten Vereine der letzten Saison, halten bei vier von ihnen wichtige Sponsoren auch Anteile des Vereins. Da ist der FC Bayern, der zu knapp 25% den Sponsoren Adidas, Audi und der Allianz gehört. Bei Borussia Dortmund ist bereits Evonik eingestiegen, Puma und Signal Iduna sollen folgen. Der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen gehören bekanntlich zu Bayer und Volkswagen. Eine Liste der offenkundig um Werder Bremens Wettbewerbsfähigkeit bangenden Kreiszeitung Syke nennt weitere Vereine, in einem anderen Artikel werden auch die Gründe genannt: „Die drei Bayern-Sponsoren wollen sich offensichtlich vor ungeliebter Konkurrenz beim europäischen Top-Club schützen. Mit Anteilseigner adidas ist es nun zum Beispiel undenkbar, dass der FC Bayern plötzlich mit Nike-Trikots aufläuft.“ Genau darum ging es vor einigen Jahren, als Nike angeblich mehr Geld als Adidas geboten hatte, der FC Bayern sich aber wieder für Adidas entschied. Weil der damalige Adidas-Chef zeitlich passend Uli Hoeneß einen Haufen Geld überwiesen hatte, gab es Spekulationen über Korruption, die letztlich Spekulationen blieben. Dass Vereine von Sponsoren abhängig sind, ist dabei nichts neues. Relativ neu ist aber das Phänomen, dass die Sponsoren den Verein direkt übernehmen. Beim FC Schalke, der als einziger der Top-Vereine keine Anteile verkauft und darüber hinaus als eingetragener Verein auch gar nicht die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, ist mit Gazprom ein Sponsor aktiv, der nicht viel weniger mächtig als die Investoren bei Bayern oder Dortmund sein dürfte.

Neben den Topklubs sind auch einige andere Vereine nicht mehr Geschäftspartner von Unternehmen, sondern gehören Unternehmen oder Unternehmern. Bekannt sind Hoffenheim und Hannover, aber auch Eintracht Frankfurt hält nur noch 62,5% der eigenen Fußballabteilung. Seit einigen Jahren neu im Klub der fremdbestimmten Klubs ist der HSV, der unangenehmerweise von einem verrückten Milliardär übernommen wurde, gegen den Dietmar Hopp und Ulrich Mateschitz wie seriöse Funktionäre wirken. Die Übernahme von Anteilen steht zwar noch aus, aber über umfangreiche Kredite ist Klaus-Michael Kühne längst der starke Mann beim HSV, sein Generalbevollmächtigter führt den Aufsichtsrat, ohne Kühne wäre der Verein in der zweiten Liga. Der reiche Mann hat anscheinend keine finanziellen Interessen beim HSV, er macht das als Hobby.

Damit unterscheidet er sich von den Investoren, die entweder als Sponsoren ihre Produkte bei Fußballfans vermarkten wollen oder, wie KKR bei Hertha, direkt Geld aus dem Geschäft der Vereine selbst erwirtschaften wollen. Unter erstere fällt das Unternehmen Red Bull, das sich nicht wie Adidas oder Evonik in einen bestehenden Verein einkauft, sondern mit RB Leipzig einen eigenen aufbaut und dafür massiv angefeindet wird.

Und was bedeutet das jetzt alles? Gute Frage. Es bedeutet zunächst, dass die Strukturen, innerhalb derer die Sponsoren Einfluss nehmen, sich geändert haben. Unternehmen und Vereine sind enger verbunden, die Vereine haben auf ihre schon vorher bestehende Abhängigkeit von externen Geldgebern reagiert. Der Blick auf die Vereinsstrukturen ermöglicht auch einen genaueren Blick auf den Fußball im Ganzen: Da treten Mannschaften gegeneinander an, damit man über die Aufmerksamkeit der Zuschauer Produkte vermarkten kann. Gleichzeitig bleiben die Eintrittsgelder und das Pay-TV wichtige finanzielle Faktoren, ebenso wie die öffentlich-rechtlichen – vulgo: staatlichen – Gelder für das Fernsehen. Dazu kommen weitere staatliche Zuwendungen, der 1. FC Kaiserslautern beispielsweise lebt seit Jahren davon, dass die Kommune sich zu seinen Gunsten ruiniert. Dass die unter diesen Einflüssen entstehenden Bedingungen noch nie einen in irgendeiner Form gerechten Wettbewerb ermöglicht haben, in dem unter gleichen Voraussetzungen derjenige gewinnt, der am besten arbeitet, versteht sich von selbst. Ohnehin ist dieses Idealbild eines fairen Wettbewerbs in erster Linie das Produkt einer ideologisch verbrämten, vermeintlichen Marktwirtschaft.

Trotzdem darf man sich Gedanken darüber machen, unter welchen Voraussetzungen in der Bundesliga gespielt wird. Ob man dann eher den Vereinen zuneigt, die für namhafte Industrieunternehmen auflaufen oder denen, die unfähig waren, ein solches an Land zu ziehen, bleibt jedem selbst überlassen. Dabei scheint es in der Debatte stets wichtig zu sein, dass es sich um deutsche Unternehmen handelt, eine korporatistische Note ist nicht zu überhören. So wird der „deutschen Wirtschaft“ gerne zugestanden, im deutschen Ballsport Geld zu verdienen, mit österreichischer Brause oder amerikanischem Geld sieht es anders aus. Wirklich schlimm wird es allerdings erst, wenn keine finanziellen Interessen im Spiel sind. Denn unzweifelhaft dürfte doch sein, dass der absolute worst case wie immer in Hamburg eingetreten ist. Dreißig Millionen geschenkt von Klaus-Michael Kühne, das wünscht man seinen ärgsten Feinden nicht.