Moneyball

Wenn der Auftaktsieg des ruhmreichen SV Werder Bremen morgen als „auch in dieser Höhe verdient“ kommentiert wird und die wilde Jagd in die Champions League begonnen hat, gibt es einige Verlierer. Zum Beispiel tausende dann noch nicht existierende Speisetiere, die dank des zu erwartenden Polularitätsschubs von Werder Bremen und seinem Sponsor Wiesenhof ein hartes, aber kurzes Leben als zukünftiges Brathähnchen erwartet. Zum Beispiel aber auch in New York, wo ein KKR-Finanzmanager kurz mit den Schultern zucken und die bei Hertha BSC investierten Euros ein bisschen weniger erwartungsfroh bewerten wird. Der Finanzinvestor hat sich in diesem Sommer neun Prozent der Hertha-Aktien gekauft. Anderswo haben sich nicht amerikanische Finanzinvestoren, sondern heimische Unternehmen engagiert.

Nimmt man die fünf erstplazierten Vereine der letzten Saison, halten bei vier von ihnen wichtige Sponsoren auch Anteile des Vereins. Da ist der FC Bayern, der zu knapp 25% den Sponsoren Adidas, Audi und der Allianz gehört. Bei Borussia Dortmund ist bereits Evonik eingestiegen, Puma und Signal Iduna sollen folgen. Der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen gehören bekanntlich zu Bayer und Volkswagen. Eine Liste der offenkundig um Werder Bremens Wettbewerbsfähigkeit bangenden Kreiszeitung Syke nennt weitere Vereine, in einem anderen Artikel werden auch die Gründe genannt: „Die drei Bayern-Sponsoren wollen sich offensichtlich vor ungeliebter Konkurrenz beim europäischen Top-Club schützen. Mit Anteilseigner adidas ist es nun zum Beispiel undenkbar, dass der FC Bayern plötzlich mit Nike-Trikots aufläuft.“ Genau darum ging es vor einigen Jahren, als Nike angeblich mehr Geld als Adidas geboten hatte, der FC Bayern sich aber wieder für Adidas entschied. Weil der damalige Adidas-Chef zeitlich passend Uli Hoeneß einen Haufen Geld überwiesen hatte, gab es Spekulationen über Korruption, die letztlich Spekulationen blieben. Dass Vereine von Sponsoren abhängig sind, ist dabei nichts neues. Relativ neu ist aber das Phänomen, dass die Sponsoren den Verein direkt übernehmen. Beim FC Schalke, der als einziger der Top-Vereine keine Anteile verkauft und darüber hinaus als eingetragener Verein auch gar nicht die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, ist mit Gazprom ein Sponsor aktiv, der nicht viel weniger mächtig als die Investoren bei Bayern oder Dortmund sein dürfte.

Neben den Topklubs sind auch einige andere Vereine nicht mehr Geschäftspartner von Unternehmen, sondern gehören Unternehmen oder Unternehmern. Bekannt sind Hoffenheim und Hannover, aber auch Eintracht Frankfurt hält nur noch 62,5% der eigenen Fußballabteilung. Seit einigen Jahren neu im Klub der fremdbestimmten Klubs ist der HSV, der unangenehmerweise von einem verrückten Milliardär übernommen wurde, gegen den Dietmar Hopp und Ulrich Mateschitz wie seriöse Funktionäre wirken. Die Übernahme von Anteilen steht zwar noch aus, aber über umfangreiche Kredite ist Klaus-Michael Kühne längst der starke Mann beim HSV, sein Generalbevollmächtigter führt den Aufsichtsrat, ohne Kühne wäre der Verein in der zweiten Liga. Der reiche Mann hat anscheinend keine finanziellen Interessen beim HSV, er macht das als Hobby.

Damit unterscheidet er sich von den Investoren, die entweder als Sponsoren ihre Produkte bei Fußballfans vermarkten wollen oder, wie KKR bei Hertha, direkt Geld aus dem Geschäft der Vereine selbst erwirtschaften wollen. Unter erstere fällt das Unternehmen Red Bull, das sich nicht wie Adidas oder Evonik in einen bestehenden Verein einkauft, sondern mit RB Leipzig einen eigenen aufbaut und dafür massiv angefeindet wird.

Und was bedeutet das jetzt alles? Gute Frage. Es bedeutet zunächst, dass die Strukturen, innerhalb derer die Sponsoren Einfluss nehmen, sich geändert haben. Unternehmen und Vereine sind enger verbunden, die Vereine haben auf ihre schon vorher bestehende Abhängigkeit von externen Geldgebern reagiert. Der Blick auf die Vereinsstrukturen ermöglicht auch einen genaueren Blick auf den Fußball im Ganzen: Da treten Mannschaften gegeneinander an, damit man über die Aufmerksamkeit der Zuschauer Produkte vermarkten kann. Gleichzeitig bleiben die Eintrittsgelder und das Pay-TV wichtige finanzielle Faktoren, ebenso wie die öffentlich-rechtlichen – vulgo: staatlichen – Gelder für das Fernsehen. Dazu kommen weitere staatliche Zuwendungen, der 1. FC Kaiserslautern beispielsweise lebt seit Jahren davon, dass die Kommune sich zu seinen Gunsten ruiniert. Dass die unter diesen Einflüssen entstehenden Bedingungen noch nie einen in irgendeiner Form gerechten Wettbewerb ermöglicht haben, in dem unter gleichen Voraussetzungen derjenige gewinnt, der am besten arbeitet, versteht sich von selbst. Ohnehin ist dieses Idealbild eines fairen Wettbewerbs in erster Linie das Produkt einer ideologisch verbrämten, vermeintlichen Marktwirtschaft.

Trotzdem darf man sich Gedanken darüber machen, unter welchen Voraussetzungen in der Bundesliga gespielt wird. Ob man dann eher den Vereinen zuneigt, die für namhafte Industrieunternehmen auflaufen oder denen, die unfähig waren, ein solches an Land zu ziehen, bleibt jedem selbst überlassen. Dabei scheint es in der Debatte stets wichtig zu sein, dass es sich um deutsche Unternehmen handelt, eine korporatistische Note ist nicht zu überhören. So wird der „deutschen Wirtschaft“ gerne zugestanden, im deutschen Ballsport Geld zu verdienen, mit österreichischer Brause oder amerikanischem Geld sieht es anders aus. Wirklich schlimm wird es allerdings erst, wenn keine finanziellen Interessen im Spiel sind. Denn unzweifelhaft dürfte doch sein, dass der absolute worst case wie immer in Hamburg eingetreten ist. Dreißig Millionen geschenkt von Klaus-Michael Kühne, das wünscht man seinen ärgsten Feinden nicht.

  1. rgh’s avatar

    Ein kleiner Rechtschreibfehler ganz oben: ‚abstiegsreifen‘ schreibt man: abstiegsreifen; und nicht ‚ruhmreichen‘

    (witzig, nicht?)

    FC BAYERN – FOREVER NUMBER ONE!

    😉

    Antworten

  2. kanacke’s avatar

    Lautern ruiniert sich zugunsten des fck? Also gegen berlin sind wir bonzen

    Antworten

Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>