Oktober 2014

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An den „Krautreportern“ und ihren schwachen ersten Texten gab es einige Kritik. Es ist alles ein bisschen doof und ein bisschen langweilig. Es ist allerdings auch richtig, richtig peinlich. Selten etwa hat man einen so schlechten Artikel über den Nahostkonflikt gelesen wie den von Stefan Schulz. Das liegt zum einen daran, dass er gar nicht über den Nahostkonflikt schreibt, sondern über Tilo Jungs Videos. Und zum anderen daran, dass er gar keine Ahnung hat, wovon er schreibt. Das dürfte alle irritieren, die hier für besonderen Qualitätsjournalismus bezahlt haben und das Gegenteil bekommen. Der Text ist unstrukturiert, hat kein erkennbares Argument, kein Thema und ist schlecht geschrieben. Einige Beispiele:

Der rote Faden der bisher 17 Videos ist ein Fragen aufwerfender Widerspruch: Wieso führte ausgerechnet der Zionismus, die Abkehr von religiösen Lehren, zum erbitterten Kampf um religiöse Stätten?

Der Faden ist ein Widerspruch, damit müssen wir leben. Aber wer den Zionismus nur als „Abkehr von religiösen Lehren“ versteht und den Nahostkonflikt zum „Kampf um religiöse Stätten“ verkürzt, sollte sich vielleicht noch einmal an die Grundsätze der Krautreporter erinnern:

„[Wir nehmen] uns Zeit “ zum Recherchieren, Experimentieren, Diskutieren und natürlich zum Lesen. … Wir wollen es anders machen. Mit Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Über Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert.“

Stattdessen will man sich anscheinend lieber „wenig Mühen“ machen und schreibt auch so. Zum Nahostkonflikt:

„Man braucht sich daher wenig Mühen damit machen, herausfinden zu wollen, was wirklich wahr und wer wirklich schuld ist: Der Konflikt wird nicht weniger mit Worten als mit Waffen ausgetragen.“

Man braucht sich nicht mühen zu wollen, das ist wirklich wahr. Weiter geht es mit hanebüchenen Behauptungen, die teilweise vom locker palavernden Haaretz-Reporter stammen:

„Literaturjournalist Ziffer erinnert an die Briten, als die Urheber der zionistischen Idee, abseits religiöser Lehren und des Wartens auf Messias und Erlösung einen Staat für Juden zu gründen.“

Ja, da ist ein Komma zu viel, auch Tage nach der Veröffentlichung noch, und „die Briten“ sind eine britische Romanautorin, in deren Werk die Idee einer Rückkehr der Juden ins Gelobte Land vorkommt. Diese Idee ist bekanntlich das ein oder andere Jahrtausend älter; weil aber ihre Umsetzung durch die Zionisten ein bisschen später kam, glaubt Stefan Schulz jetzt, dass die Briten den Zionismus erfunden haben.

Die Versprechen der Weltkriegspartei Großbritannien an die Konfliktparteien im Nahen Osten lesen sich so:

„Thomas Edward Lawrence (später berühmt als „Lawrence of Arabia“) versprach den Arabern alle Ländereien für ihren Einsatz an Britanniens Seite gegen das Osmanische Reich. Lord Arthur Balfour nahm ihnen dann per Deklaration ein Stück für Israel wieder weg. Es folgte der erste arabische Aufstand gegen jüdische Siedlungen in Palästina.“

„Die Araber“ werden flugs dergestalt homogenisiert, dass man ihnen als Kollektiv „alle Ländereien“ versprechen kann. Welche „Ländereien“ das sein könnten, wird auch durch den Kontext nicht deutlich, es sind halt „alle“. Was „die Araber“ dann nie erhalten haben, kann ihnen Balfour trotzdem wieder wegnehmen. In der Krautreporter-Darstellung folgen diverse gewaltsame Auseinandersetzungen und die Frage nach deren Ursache. Schulzens Antwort darauf ist so falsch wie sie aufschlussreich ist:

„Aber warum? Theodor Herzl, Autor von ‚Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage‘ (1896), ersann die konkrete Idee, eine Heimat für Juden zu schaffen, um so die Diaspora, und mit ihr Vertreibung und Antisemitismus zu beenden “ allerdings in Uganda. Beim Zionistenkongress in Basel stieß er 1903 auf taube Ohren. Im Jahr darauf erlag er einem Herzleiden.“

Theodor Herzl wollte nie einen Judenstaat in Palästina errichten – das ist in der Tat mal eine Geschichte, die man so nirgendwo anders lesen kann. Natürlich hätte man das alles in wenigen Minuten überprüfen können, Wikipedia und so. Aber dann hätte die Kausalkette nicht mehr funktioniert: Warum schließlich all die Auseinandersetzungen im Nahen Osten? Weil die Juden nicht nach Uganda gegangen sind!

Auch die Ereignisse von 1948 werden packend geschildert:

„Am selben Tag im Mai 1948, an dem die Briten die Region verließen, bombardierte Ägypten Israel. Rund 600.000 Einwanderer lebten damals in Israel, nicht einmal ein Zehntel der heutigen Zahl jüdischer Bürger des Landes. Dies ist der Ursprung der inzwischen historisch und politisch orientierungslosen Konflikte.“


Orientierungslose Konflikte
gibt es wohl nur in Palästina, historisch und politisch orientierungslose Journalisten gibt es beim Krautreporter. Der Krieg des gerade gegründeten Israels gegen nicht weniger als fünf arabische Staaten wird hier als „Bombardierung“ durch Ägypten beschrieben. Und was „dies“ im letzten Satz bedeutet, was also „der Ursprung“ sein soll, bleibt völlig unklar. Fest steht nur, dass er nun ins Jahr 1948 verlegt wird, wie praktisch! Oder sind die „600.000 Einwanderer“ vielleicht das Grundübel Palästinas? Man weiß es nicht.

Ein weiteres Beispiel für die schlampige Schreibe: „Dadurch ist Israel, damit behauptet sich das Land, die einzige Demokratie in der Region.“ Damit behauptet sich das Land?

Ebenso wenig Sinn ergeben hier das Zitat und dessen Einrahmung: „Max Blumenthal ist gänzlich desillusioniert: ‚Dein Land, Deutschland, versorgt Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten.'“ Hatte Max Blumenthal zu einem früheren Zeitpunkt das Gegenteil geglaubt, oder warum deutet das ausgerechnet auf eine Desillusionierung?

Derselbe Blumenthal behauptete in einem der Videos, der israelische Ministerpräsident Netanjahu sei Atheist, was sich binnen Sekunden widerlegen lässt. Netanjahu 2011 bei den UN: „And with God’s help, we’ll find the common ground of peace.“

In Israel glauben scheinbar selbst die Atheisten an Gott.

Die Redaktion Verbrochenes fordert den Aufsichtsrat des SV Werder Bremen auf, umgehend zu erklären, dass der Verein nie wieder einen Trainer beschäftigen wird, der

… noch nie das 6:0 gegen den HSV geschossen hat.
… keinen osteuropäischen Akzent hat.
… weniger als 18 Jahre im Verein ist.
… eine andere Frisur als Willi Lemke hat.
… noch nie für Metalurg Saporischja gespielt hat.

Kurzum: Die Redaktion bekennt sich zu Viktor Skripnik, sie glaubt an ihn und an ihn allein. Und jetzt was für’s Herz:

Damals, 1983, war ich mit meiner ehemaligen Mannschaft zwischen Hamburg und Bremen im Trainingslager. Ich sah einen riesigen Bus in den Farben Grün und Weiß. Es war der Bus von Werder Bremen. Ich als kleiner Mann aus Osteuropa, verliebte mich sofort in diese Farben und in diesen Namen. Hinzu kam, dass in der Saison 1987/88 Spartak Moskau gegen Bremen im UEFA-Pokal spielte. Spartak gewann zu Hause mit 4:1, im Weserstadion verloren sie aber gegen Bremen 6:2. Mein Vater und ich schauten dieses Spiel an und ich war einfach nur begeistert, wie diese Mannschaft funktionierte. Bremen war mein Traumverein, doch leider war die Grenze immer noch zu. Erst nach dem Ende der Sowjetunion kamen internationale Trainer in meine Stadt. Einer dieser Männer war Bernd Stange, der ehemalige Trainer der DDR. Er empfahl mich an den damaligen Werder-Trainer »Dixie« Dörner und ich ging nach Bremen.

Gesellschaft

„Neger und Maulesel sind die Tiere, die mir am meisten verhaßt sind. Wie verehre ich dagegen das weiße Fleisch und die wiehernden Pferde. Faul, heuchlerisch, hinterlistig, undankbar für die beste Behandlung, für das beste Futter und unzuverlässig trotz bedeutsamer physischer Kräfte – so sind Maulesel und Neger und die kouleurten Nachkommen der Schwarzen bis ins dritte Glied. … Wäre ich ein großer Tyrann – was ich leider nicht bin – so würde ich die Neger samt ihrer ganzen kouleurten Sippschaft zur Sklaverei zurückführen und auf jede fernere Vermischung mit Weißen die Todesstrafe setzen. Ich schäme mich, indem ich dieses niederschreibe.“

Georg Weerth an Heinrich Heine, 1853. Zitiert nach Thomas Ebermann/Rainer Trampert: Die Offenbarung der Propheten. Hamburg, 1995. S. 159.

Der ruhmreiche SV Werder Bremen ist auf dem letzten Tabellenplatz angekommen. Sieben Spiele ohne Sieg waren schließlich genug, um sogar am HSV vorbeizuziehen. Die Zahlen sprechen gegen die Verantwortlichen. Ob der Tabellenplatz den gezeigten Leistungen entspricht, darüber streiten die Gelehrten noch. Und ob die sportliche Misere – so es denn eine ist – am Trainer oder am Kader, an den Verantwortlichen oder an den Finanzen liegt, sind weitere Fragen, die seit gestern noch intensiver diskutiert werden.

Bestürzender als die sportliche Misere ist allerdings, wie die Verantwortlichen den SV Werder heute nach außen verkaufen, welches Bild sie von unserem Verein entwerfen. Denn aus dem Verein, der sich einst mit aberwitzigem Offensivfußball profilierte, soll ein Kämpfer-Klub werden. Dem Verein, der stets ein linksliberal angehauchtes Mittelstandspublikum anlockte, soll kleinbürgerliche Giftigkeit angeheftet werden. Aus dem Verein, der smart und unaufgeregt immer wieder mit den finanziellen Schwergewichten mithalten konnte, soll nach dem Willen von Thomas Eichin und Robin Dutt eine neidbeißerische Fatzke-Vereinigung werden, die vor den Großen erst kapituliert und dann schlecht über sie redet.

Einige Beispiele. Zlatko Junuzovic kennt aktuell „nur eine Devise: Marschieren bis zum Geht-nicht-mehr.“ Dazu hat er doch noch eine andere Idee, nämlich „auch mal ein bisschen unfair“ zu spielen. Werder Bremen: der sympathisch unfaire Marschierverein. Statt schönem Spiel oder modernem Konzeptfußball werden Kampf, Einsatz und Leidenschaft beschworen – und Arbeit. So hat sich Robin Dutt nach der Niederlage in Wolfsburg despektierlich über den VfL geäußert: „Während wir trainieren, um uns zu entwickeln, kaufen die, um sich zu entwickeln. Wir sind ein Trainerverein, Wolfsburg ist ein Managerverein.“ Als ob also Wolfsburg keinen Trainer hätte, und als ob die anderen Bundesliga-Vereine nicht auch jeden Tag nach Kräften an ihrer sportlichen Entwicklung arbeiten würden.

Die Frustration über geringe finanzielle Mittel hat aber nicht nur zu diesem ekligen Kampf-und-Arbeit-Ethos geführt, sondern auch einem Defätismus den Weg geebnet, der nicht minder peinlich ist. Dutt: „Wenn alles passt und noch Glück dazu kommt, dann kannst du was machen. Aber eigentlich ist das Ergebnis immer: Sieg für den anderen. Normalität ist, gegen einen Champions-League-Klub zu verlieren.“ Und noch drastischer Sebastian Prödl, zuletzt Kapitän dieses Vereins: „München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann auch ziemlich weh tun, muss aber nicht…“ Mit dieser Einstellung, also passiv wie ein Zahnarzt-Patient, hat man letztes Jahr die höchste Heimniederlage der Vereinsgeschichte geholt. Robin Dutt sah sich nach dieser historischen Unverschämtheit nah am Spitzenclub aus dem Ruhrgebiet. Die Kreiszeitung: „Wenn Dortmund zu Hause gegen die Bayern 0:3 verlöre, so lautete seine Argumentation, dann sei ‚ein 0:7 für Bremen davon nicht so weit entfernt.'“

Diese Feigheit vor den großen findet ihre Entsprechung in einer Respektlosigkeit vor den kleinen Vereinen, die es in Bremen auch in schlechten Zeiten noch nie gegeben hat. So meinte Thomas Eichin, man könne gegen Freiburg „ohne Probleme drei Punkte holen.“ Bekanntlich hat es mit den drei Punkten nicht geklappt, Probleme gibt es allerdings reichlich. Von denen sollen jetzt einige auf die Schiedsrichter abgewälzt werden. Gegen Freiburg wollte man gleich fünf Mal einen Elfmeter haben, Knut Kircher gab zu recht keinen. Die latente Schiedsrichterschelte passt zu einem Verein, der die Verantwortung für den eigenen Misserfolg immer mehr bei anderen sucht, seien es Manager-Vereine, Champions-League-Vereine oder eben die Schiedsrichter.

Was man bei sich selber lobt, ist derweil der Teamgeist. Selbiger soll nun wirklich super sein bei Werder, und das mag stimmen. Es ist aber der Stolz jedes Dilettanten, es doch wenigstens versucht und sich dabei tüchtig angestrengt zu haben. Es ist der Trost der Verlierer, dass sie im Angesicht der Niederlage wenigstens zusammengehalten haben.

Das Gute ist, dass der Verfall der letzten Jahre uns die zukünftige Entwicklung leichter ertragen lassen wird. Schließlich ist es laut Zeitungsberichten nun denkbar, dass der neu geformte kleinbürgerlich-unfaire Kämpferklub bald von einer Lackfabrik aus Hannover unterstützt wird und dafür nur seinen gewählten Aufsichtsratsvorsitzenden aufgeben muss. Immerhin wird dabei nichts kaputt gehen, was nicht vorher schon gründlich ruiniert worden ist.