Themen, mit denen wir uns auskennen

An den „Krautreportern“ und ihren schwachen ersten Texten gab es einige Kritik. Es ist alles ein bisschen doof und ein bisschen langweilig. Es ist allerdings auch richtig, richtig peinlich. Selten etwa hat man einen so schlechten Artikel über den Nahostkonflikt gelesen wie den von Stefan Schulz. Das liegt zum einen daran, dass er gar nicht über den Nahostkonflikt schreibt, sondern über Tilo Jungs Videos. Und zum anderen daran, dass er gar keine Ahnung hat, wovon er schreibt. Das dürfte alle irritieren, die hier für besonderen Qualitätsjournalismus bezahlt haben und das Gegenteil bekommen. Der Text ist unstrukturiert, hat kein erkennbares Argument, kein Thema und ist schlecht geschrieben. Einige Beispiele:

Der rote Faden der bisher 17 Videos ist ein Fragen aufwerfender Widerspruch: Wieso führte ausgerechnet der Zionismus, die Abkehr von religiösen Lehren, zum erbitterten Kampf um religiöse Stätten?

Der Faden ist ein Widerspruch, damit müssen wir leben. Aber wer den Zionismus nur als „Abkehr von religiösen Lehren“ versteht und den Nahostkonflikt zum „Kampf um religiöse Stätten“ verkürzt, sollte sich vielleicht noch einmal an die Grundsätze der Krautreporter erinnern:

„[Wir nehmen] uns Zeit “ zum Recherchieren, Experimentieren, Diskutieren und natürlich zum Lesen. … Wir wollen es anders machen. Mit Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Über Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert.“

Stattdessen will man sich anscheinend lieber „wenig Mühen“ machen und schreibt auch so. Zum Nahostkonflikt:

„Man braucht sich daher wenig Mühen damit machen, herausfinden zu wollen, was wirklich wahr und wer wirklich schuld ist: Der Konflikt wird nicht weniger mit Worten als mit Waffen ausgetragen.“

Man braucht sich nicht mühen zu wollen, das ist wirklich wahr. Weiter geht es mit hanebüchenen Behauptungen, die teilweise vom locker palavernden Haaretz-Reporter stammen:

„Literaturjournalist Ziffer erinnert an die Briten, als die Urheber der zionistischen Idee, abseits religiöser Lehren und des Wartens auf Messias und Erlösung einen Staat für Juden zu gründen.“

Ja, da ist ein Komma zu viel, auch Tage nach der Veröffentlichung noch, und „die Briten“ sind eine britische Romanautorin, in deren Werk die Idee einer Rückkehr der Juden ins Gelobte Land vorkommt. Diese Idee ist bekanntlich das ein oder andere Jahrtausend älter; weil aber ihre Umsetzung durch die Zionisten ein bisschen später kam, glaubt Stefan Schulz jetzt, dass die Briten den Zionismus erfunden haben.

Die Versprechen der Weltkriegspartei Großbritannien an die Konfliktparteien im Nahen Osten lesen sich so:

„Thomas Edward Lawrence (später berühmt als „Lawrence of Arabia“) versprach den Arabern alle Ländereien für ihren Einsatz an Britanniens Seite gegen das Osmanische Reich. Lord Arthur Balfour nahm ihnen dann per Deklaration ein Stück für Israel wieder weg. Es folgte der erste arabische Aufstand gegen jüdische Siedlungen in Palästina.“

„Die Araber“ werden flugs dergestalt homogenisiert, dass man ihnen als Kollektiv „alle Ländereien“ versprechen kann. Welche „Ländereien“ das sein könnten, wird auch durch den Kontext nicht deutlich, es sind halt „alle“. Was „die Araber“ dann nie erhalten haben, kann ihnen Balfour trotzdem wieder wegnehmen. In der Krautreporter-Darstellung folgen diverse gewaltsame Auseinandersetzungen und die Frage nach deren Ursache. Schulzens Antwort darauf ist so falsch wie sie aufschlussreich ist:

„Aber warum? Theodor Herzl, Autor von ‚Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage‘ (1896), ersann die konkrete Idee, eine Heimat für Juden zu schaffen, um so die Diaspora, und mit ihr Vertreibung und Antisemitismus zu beenden “ allerdings in Uganda. Beim Zionistenkongress in Basel stieß er 1903 auf taube Ohren. Im Jahr darauf erlag er einem Herzleiden.“

Theodor Herzl wollte nie einen Judenstaat in Palästina errichten – das ist in der Tat mal eine Geschichte, die man so nirgendwo anders lesen kann. Natürlich hätte man das alles in wenigen Minuten überprüfen können, Wikipedia und so. Aber dann hätte die Kausalkette nicht mehr funktioniert: Warum schließlich all die Auseinandersetzungen im Nahen Osten? Weil die Juden nicht nach Uganda gegangen sind!

Auch die Ereignisse von 1948 werden packend geschildert:

„Am selben Tag im Mai 1948, an dem die Briten die Region verließen, bombardierte Ägypten Israel. Rund 600.000 Einwanderer lebten damals in Israel, nicht einmal ein Zehntel der heutigen Zahl jüdischer Bürger des Landes. Dies ist der Ursprung der inzwischen historisch und politisch orientierungslosen Konflikte.“


Orientierungslose Konflikte
gibt es wohl nur in Palästina, historisch und politisch orientierungslose Journalisten gibt es beim Krautreporter. Der Krieg des gerade gegründeten Israels gegen nicht weniger als fünf arabische Staaten wird hier als „Bombardierung“ durch Ägypten beschrieben. Und was „dies“ im letzten Satz bedeutet, was also „der Ursprung“ sein soll, bleibt völlig unklar. Fest steht nur, dass er nun ins Jahr 1948 verlegt wird, wie praktisch! Oder sind die „600.000 Einwanderer“ vielleicht das Grundübel Palästinas? Man weiß es nicht.

Ein weiteres Beispiel für die schlampige Schreibe: „Dadurch ist Israel, damit behauptet sich das Land, die einzige Demokratie in der Region.“ Damit behauptet sich das Land?

Ebenso wenig Sinn ergeben hier das Zitat und dessen Einrahmung: „Max Blumenthal ist gänzlich desillusioniert: ‚Dein Land, Deutschland, versorgt Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten.'“ Hatte Max Blumenthal zu einem früheren Zeitpunkt das Gegenteil geglaubt, oder warum deutet das ausgerechnet auf eine Desillusionierung?

Derselbe Blumenthal behauptete in einem der Videos, der israelische Ministerpräsident Netanjahu sei Atheist, was sich binnen Sekunden widerlegen lässt. Netanjahu 2011 bei den UN: „And with God’s help, we’ll find the common ground of peace.“

In Israel glauben scheinbar selbst die Atheisten an Gott.

  1. Stefan Schulz’s avatar

    Ok, mein Text sei „unstrukturiert“, habe „kein erkennbares Argument“, „kein Thema“ und sei „schlecht geschrieben“. Zudem ruhe er nur auf „Palaver“.

    Soll ich mich damit jetzt auseinandersetzen???

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  2. Bonde’s avatar

    Von „Palaver“ habe ich nichts geschrieben. Und womit Du Dich auseinandersetzt, ist mir egal. Wobei ich natürlich Ideen genug hätte: Die Palästina-Politik der europäischen Weltkriegsparteien und ihre Auswirkungen auf die zionistische Bewegung, die Rolle Jerusalems in der jüdischen Geschichte der Neuzeit, religiöse Stätten im Nahostkonflikt, das Leben und Wirken Theodor Herzls, der Uganda-Plan und sein Scheitern? Oder auch die politische Geographie Tel Aviv-Yafos in digitalen deutschen Bildunterschriften. Sowas vielleicht?

    Wenn Du mit dem Text zufrieden bist, ist ja alles gut. Ich finds halt echt unter aller Sau. Dabei kann ich, glaube ich, sogar verstehen, wie das zustande kommt: Da hat man 17 Stunden talking heads und verläuft sich in dem ganzen, pardon: Palaver. Kann passieren, ist auch gar nicht schlimm, blamiert sich aber an den hehren Zielen des Krautreporter-Projekts.

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  3. Sim’s avatar

    Stefan Schulz on 29. Oktober 2014 at 14:39

    „Ok, mein Text sei „unstrukturiert€, habe „kein erkennbares Argument€, „kein Thema€ und sei „schlecht geschrieben€. Zudem ruhe er nur auf „Palaver€.

    Soll ich mich damit jetzt auseinandersetzen???“

    Nein, bloß nicht! Dann könnte man noch auf die Idee kommen Journalisten würden sich wirklich mal mit einer Materie beschäftigen, bevor sie darüber schreiben und dann zum nächsten Aufmacher weiterhetzen.

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  4. Rough NinJa’s avatar

    Was für eine peinliche Type, heult hier auch noch rum.

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  5. Nazienkel’s avatar

    Hehe, schön dass sich jemand die Mühe macht diesen Stuss auseinanderzunehmen. Und lustig ist, dass der Texterbrecher flatterig wird.

    Mich würde eine ausführliche Stellungnahme zu offensichtlichen, journalistischen Schnitzern interessieren.

    Aber dazu ist er wohl nicht fähig, oder zu stolz. Oder beides.

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  6. DerTyp’s avatar

    Max Blumenthal ist ein Faschist. Es gibt wohl keinen Menschen den man mehr verachten kann.

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  7. kalimero’s avatar

    Hallo Enno, liebe Grüße aus dem Ruhrpott. Mir geht es gut!

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  8. TL’s avatar

    No tears for Krautreporters! What the fuck is it, anyway?

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