November 2014

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Vor zehn Jahren ist Ol‘ Dirty Bastard gestorben. Und das ist uns einen Link, ein Video und ein Zitat wert:

The people that want to cut off the welfare, man, I think that’s terrible. You know how hard it is for people to live without nothin’? You owe me 40 acres and a mule anyway. For real. I’m in this rap game to get money …. I got babies. It’s time to take care of my babies.

Wolfgang Pohrt über die nationale Identität der Deutschen, 1984:

Ohnehin gehen aus dem täglichen Existenzkampf keine strahlenden Sieger hervor, sondern nur mehr oder minder Unterlegene, Kriegsversehrte gewissermaßen in abgestufter Form mit unterschiedlichen, sehr ungerecht geregelten Ansprüchen auf Entschädigung: je geringer die Verletzung, desto besser die Rente. Einen Schaden aber haben alle. Erschwerend kommt nun in Deutschland hinzu, daß jeder nicht nur eines jeden Konkurrent im Existenzkampf, sondern obendrein eines jeden Aufpasser, Oberlehrer, Hausmeister ist. Überall verlangt auch der Erfolg, daß man sich für die Firma ruiniert, gehört auch (…) zum Gipfel der Macht die gescheiterte Ehe, die trunksüchtige Gattin, das debile Kind, die Entziehungskur, die Bypass-Operation und der Herzschrittmacher. Keiner, der nicht wenigstens einen mächtigen Gegner hätte, dessen Schikanen oder was er dafür hält er schlucken und wegstecken muß, ohne sich revanchieren zu können. Hier aber, wo die herrschende Klasse aus Angst vor dem Neid und der Mißgunst der Armen zeitweilig öffentlich Eintopf fraß, zittert jeder vor jedem.

So kann sich die fixe Idee, als Volk zukurzgekommen zu sein, auf die Lebenserfahrungen unzähliger kleiner Niederlagen stützen, die zu erleiden man sich keineswegs erst ins Büro bemühen muß. Einkäufe, ein Cafébesuch und eine Straßenbahnfahrt genügen, um vom Personal zurechtgewiesen und angefahren zu werden – falls man nicht selbst schneller war, womit freilich nur die Rollen vertauscht sind, ohne daß sich an der Sache etwas geändert hätte. In der Wahnvorstellung vereinigen sich die im gehässigen Kleinkrieg gegeneinander allesamt Unterlegenen nun zum nationalen Kollektiv: jeder tritt jeden, gemeinsam treten sie zurück. Angewachsen zur nationalen Schmach, ausgestattet mit deren Rang und Würde, werden die täglichen Nadelstiche erträglich, außerdem ist millionenfaches Leid ein durch Millionen geteiltes. Mit der Bedrohung durch die Supermächte kann man hundert Jahre leben, während der patzige Kollege, dem man im Tran die passende Antwort schuldig blieb, sich in durchwachten Nächten langsam aber sicher durch die Magenwände nagt.

Die Trostlosigkeit der Quellen gerade, aus denen sich die nationale Identität oder das Nationalgefühl der Deutschen speist, gewährleistet dessen Dauerhaftigkeit, dessen Stehvermögen. Es kann weder altern, noch in Vergessenheit geraten, denn jeder Tag, den Gott werden läßt, ist wie ein Jungbrunnen, fast wie ein Geburtstag für dasselbe. Die großen Augenblicke der Menschheitsgeschichte – der Sturm auf die Bastille, die Magna Carta, die Erklärung der Menschenrechte, der 8. Mai 1945 – sind demgegenüber bloß ephemer, Zeiterscheinungen, Eintagsfliegen, einmalig, flüchtig und vergänglich, Dinge also, die nicht dauern, und von denen am Ende nur die Erinnerung übrig bleibt. Sie und ihr Ruhm können mit der Zeit verblassen, und mit ihnen die nationale Begeisterung, die sie zu wecken verstanden. Der deutsche Nationalismus hingegen zehrt nicht von der Erinnerung ans herausspringende historische Datum, sondern er nährt sich, er ist gesättigt vom Alltagserlebnis, von der Lebenserfahrung, er regeneriert sich in jedem Familienkrach, in jedem Zank zwischen Nachbarn, er profitiert von zahllosen kleinen Bürointrigen wie von der einen großen Arbeitslosigkeit. Weil sich der Bürger ums Eigentliche, Wesentliche im Leben letzten Endes doch betrogen fühlt, denn entweder war man glücklich oder erfolgreich, nie beides und meist weder noch; weil es zum Schicksal des Bürgers gehört, nicht von der großen, sondern von den unzähligen kleinen Niederlagen zur Strecke gebracht zu werden; und weil sich schließlich in dies trübe Lebensgefühl hier keine störende Erinnerung an heroische historische Augenblicke, Bruchstellen in der Geschichte und im Alltag gewissermaßen mischt, deshalb wird es eine nationale Identität oder ein Nationalgefühl der Deutschen geben, solange die bürgerliche Gesellschaft dauert. Basierend auf ihren Mißhelligkeiten, dem Einzigen, worauf im Leben wirklich Verlaß ist, was täglich wiederkehrt und ewig dauert, ist dieser Nationalismus gleichsam auf Granit gebaut. Das Unspezifische, Ahistorische ist gerade seine Besonderheit, seine Eigenart, und sie erklärt, wieso er unter wechselnden Bedingungen immer derselbe bleiben konnte und dabei so zeitlos wie modern, von gleichbleibender Antiquiertheit und Aktualität in einem.

Aus Wolfgang Pohrt: Kreisverkehr, Wendepunkt. S. 113ff