In der aktuellen Jungle World dürfen Deniz Yücel und Gerhard Scheit ihre Meinung zum Begriff der Islamophobie kund tun. Beide tun das so, wie man es erwarten würde. Beeindruckender ist dabei Gerhard Scheit, weshalb sein Text hier ausführlich gewürdigt werden soll. Und mit ausführlich meine ich, dass ich ihn vollständig zitieren werde.
Scheit eröffnet:
Alle Zeichen der Öffentlichkeit deuten darauf hin, dass der Attentäter von Norwegen als Verkörperung des Begriffs »Islamophobie« in die Geschichte der Lügen dieser Öffentlichkeit eingehen soll.
Er benutzt hier einen inzwischen in Veröffentlichungen aller politischen Strömungen beliebten Kniff: Er unterstellt, dass die öffentliche Meinung (oder der Zeitgeist, die politische Klasse, die Medien, usw.) sich einig sei und zu einem bestimmten Thema Konsens herrsche. Und dann wird er selbst die Gegenposition einnehmen, fast alleine gegen den Rest der Welt. Man kennt das von Konservativen, die die Medien in den Händen der 68er sehen, von Sozialdemokraten, die sich von rechten Medienkartellen ignoriert oder verunglimpft sehen und natürlich von Antisemiten, die die Medien in Judenhand wähnen. Kürzlich hat Jan Fleischhauer es im Spiegel fertig gebracht, der Allgemeinheit eine Abneigung gegen Steuersenkungen zu unterstellen – so kann man sich anscheinend selbst mit der Forderung nach Steuersenkungen noch zum einsamen Rufer stilisieren, ohne ausgelacht zu werden.
Die Ironie an dieser Argumentation ist, dass sie, sobald sie veröffentlicht wird, sich damit selbst widerlegt hat. Man kann nicht etwas veröffentlichen und anschließend behaupten, alle (!) Veröffentlichungen würden das Gegenteil der eigenen Meinung vertreten. So geht es Fleischhauer, der für den Spiegel schreibt, und so geht es auch Scheit, obwohl er nur für eine kleine Wochenzeitung schreibt. Schließlich hatte er selbst nicht von “einigen” oder “vielen”, sondern von “allen Zeichen der Öffentlichkeit” gesprochen. Dass Scheit mit diesen “Zeichen der Öffentlichkeit” einen neuen Begriff einführt, muss man entschuldigen, das ist so seine Art; er will originell wirken. Das gelingt ihm umso mehr, als bei ihm die Zeichen “deuten”. Zeichen deuten aber nicht, sie zeigen, deuten muss man sie schon selber.
Beachtlich ist auch das “soll” am Ende des Satzes. Hier wird nicht einfach etwas passieren, sondern es soll passieren, jemand zieht offenbar die Fäden.
Es geht weiter:
Der Anschlag sei demnach nur die logische Konsequenz des »Feindbilds Muslim«.
Wer das behauptet? Da würde man sicher jemanden finden, aber wir müssen uns mit “allen Zeichen der Öffentlichkeit” begnügen, die nicht nur deuten, sondern offenbar relativ konkrete Aussagen machen können.
Dabei zeigen Tat und Manifest in der unsagbaren Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns, dass das Motiv purer Neid auf den Islam war.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Tat zeigt in der Grausamkeit ihres Wahns, dass das Motiv Neid auf den Islam war. Um es vorweg zu nehmen: Das gibt keinen Sinn. Man kann danach suchen, aber man wird keinen finden. Man kann nach der Aussage suchen, um Scheit dann zu widersprechen, aber selbst das bleibt unmöglich, weil der Satz keine in sich logische Aussage enthält. Die Behauptung, Neid auf den Islam sei das Motiv gewesen, ist eine derart spezielle, dass sie unmöglich allein durch das Vorhandensein von Grausamkeit und Methodik belegt werden kann.
Was er tatsächlich sagt, ist banal: Die Tat war grausam, der Täter im Wahn, sein Vorgehen methodisch. Aus keiner dieser Tatsachen kann man irgendetwas über seine Motive herauslesen, schon gar nicht eine derart steile These wie die vom Neid auf den Islam damit rechtfertigen. Aber sprachlich ist das interessant. Man kann banale Erkenntnisse schick verpacken, indem man sie in einem Satz durcheinanderwirft und in Beziehung setzt:
Tat und Manifest zeigen etwas, aber sie tun es nicht einfach, sie tun es in ihrer Grausamkeit und ihrer Methodik – nein, noch besser: in der Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns. Das ist nicht etwa ein komplizierter Sachverhalt, das ist Quatsch, prätentiös formuliert. Man beachte auch, dass es nicht nur um Neid, sondern um “puren Neid” geht. Das ist einerseits ein Tick der Antideutschen, jede Formulierung noch einmal zu verschärfen durch Wörter wie “pur”, “notwendig”, “total”, “einzig”, “alle” usw., andererseits macht es noch einmal klar, was Scheit hier für einen Quatsch behauptet: Für Breiviks irren Massenmord bietet er nicht nur den ominösen Neid auf den Islam als Motiv an, er schließt auch alle anderen Motive und Beweggründe, die hier mit reingespielt haben könnten, aus – es ist purer Neid, nicht verunreinigt durch irgendeinen anderen Gedankengang. Angesichts der Tat und ihrer Opfer ist das eine These, die ganz offensichtlich falsch ist.
Wer nun erwartet, vielleicht im nächsten Satz eine zumindest kurze Begründung für Scheits steile These zu lesen, wird natürlich enttäuscht. Es gibt wichtigeres.
Der Attentäter teilt diesen Neid in äußerster Steigerung mit bestimmten politischen Kräften, wie sie sich auf unmittelbar postnazistischem Grund etwa in der FPÖ zusammenfinden. Von Islamophobie ist nicht nur die Rede, um eine diesen Kräften entgegengesetzte, auf die Aufklärung sich berufende Kritik des Islam zu denunzieren. Der Begriff wurde vielmehr erfunden, um eben jenen Neid als ein Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen.
Zwar spricht es nicht gerade für die Postnazismus-Theorie von Scheit und seinen Konsortionalpartnern, wenn ein Norweger in Norwegen norwegische Sozialdemokraten ermordet und dabei sein Motiv mit der FPÖ teilt, aber es ist auch verständlich, dass Scheit diese Theorie als sein Kerngeschäft hier doch irgendwie bewerben will.
Viel wichtiger ist die Aussage danach: Der Begriff der Islamophobie wurde erfunden, um den Neid auf den Islam als ein Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen. Man darf sich das also so vorstellen, dass irgendwo jemand sitzt, der gemerkt hat, dass aus Antisemitismus ein Neid auf den Islam wird, und der sich ob dieser Entdeckung dann entschlossen hat, diesen Umstand zu verschleiern. Flugs hat er Stift und Zettel zur Hand genommen und den Begriff der Islamophobie erfunden, mit der er jetzt den Antifaschisten und Küchentischpsychologen Scheit denunziert und so davon abhält, die FPÖ zu Tode zu kritisieren. Wer da nun wann so vorsätzlich gehandelt hat, bleibt unklar. Dafür darf sich Scheit nun höchstpersönlich in der Opferrolle wiederfinden, und das ist ja auch was wert.
“Neid auf den Islam” – was soll das eigentlich heißen? Neid verspürt man, weil jemand anders etwas hat oder etwas ist, was man selbst gerne hätte oder wäre. Nun kann eine Person eine andere um etwas beneiden, es ist aber schlechterdings unmöglich, dass eine Person eine Religion oder eine Weltanschauung um etwas beneidet. “Ich beneide den Islam” ist eine unsinnige Formulierung. Ich kann zwar die Muslime beneiden, weil sie so eine schöne Umma haben, oder einen christlichen Freund, weil er Trost in der Religion findet, ich kann sogar einen Baum beneiden, weil der echt die Ruhe weg hat – ich kann aber nicht “den Islam” beneiden, weil ich als Person seine Eigenschaften gar nicht übernehmen könnte. Aber womöglich wird das die psychische Erkrankung des 21. Jahrhunderts: “Herr Doktor, ich wäre gerne eine Weltanschauung!”
Gerhard Scheit könnte einfach vom Neid auf die Muslime sprechen, aber das tut er nicht. Es scheint da nicht unplausibel, dass die ständige Rede von “dem Islam” als einer irgendwie homogenen Einheit, einem monolithischen Block, sich inzwischen dahingehend weiterentwickelt hat, dass “der Islam” tatsächlich als eine Art Person wahrgenommen und beschrieben wird, die dann folgerichtig auch beneidet werden kann.
Im folgenden Absatz, der aus einem einzigen Satz besteht, bleibt dann auch unklar, wer denn nun beneidet wird.
Beneidet wird nämlich, dass der Islam verwirklicht, wozu man selbst nicht imstande ist oder woran man relativ erfolgreich gehindert wird; dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist; dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.
Der erste Punkt ist genau der, den ich oben gemacht habe: Menschen und Religionen sind verschiedene Dinge, und das meiste, wozu eine Religion im Stande ist, kann ein Mensch nicht. Scheit schreibt einen absolut banalen Umstand auf, als habe er eine Riesenerkenntnis zu präsentieren. Der zweite Punkt, dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist, ist ebenfalls banal, oder falsch. Gehen wir davon aus, dass die Behauptung ist, der Islam sei gemeinschaftsbildend im politischen Sinne, und Breivik und die Postnazisten beneideten die Muslime darum. Dann ist anzumerken, dass natürlich auch das Christentum gemeinschaftsbildend wirkt, in vielerlei Hinsicht und an verschiedenen Orten vom Vatikan bis in die USA, selbstredend auch in Mitteleuropa. Wie diese Gemeinschaften keine “im politischen Sinne” sein sollen, müsste der Politikwissenschaftler Scheit – wie so vieles – schon noch ausführen, um irgendwie sinnvoll argumentieren zu können. Dass einzig der Islam in der Lage sei, gemeinschaftsbildend im politischen Sinne zu wirken, ist aber ohnehin Unsinn. Andere Religionen sind dazu in der Lage, vermutlich fast alle, und andere Ideologien sind es auch, der Nationalismus ist nur die prominenteste.
Dass man diese Basisbanalitäten referieren muss, um Scheit zu widerlegen, das ist das wirklich Ärgerliche an ihm.
Vielleicht ist es aber auch der apodiktische Stil, mit dem der größte Quatsch aufgetischt wird. Laut Scheit wird beneidet, “dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.”
Um das kurz festzuhalten: “Der (!) gläubige Muslim” ist arbeitslos und erträgt das gut. “Der gläubige Muslim” gewinnt aus seiner Arbeitslosigkeit – neben Stolz und Würde – Kampfgeist. Gegen: die abstrakte Seite des Kapitals. Allerdings muss er dafür seine Gestalt verändern. Er verwandelt sich dann in den ideellen Gesamt-Osama: das jihadistische Kollektiv. Nochmal: “Der gläubige Muslim” und das “jihadistische Kollektiv” sind ein und dasselbe, in unterschiedlicher Gestalt.
Da kann man kaum mehr etwas hinzufügen, obwohl ich eingestehen muss, dass mein Motiv für diesen Text der Neid auf Scheit ist: Er darf “zersetzten” als Konjunktiv von “zersetzen” benutzen, wo wir anderen alle “zersetzen würden” schreiben müssen, um nicht mit dem Imperfekt in Konflikt zu geraten. Dabei sehen wir aus wie Oberschüler, und Scheit steht da wie Adorno.
Es geht weiter, Satz für Satz, es lohnt sich.
So ist aber der als Hass hervortretende Neid auf den Islam letztlich nur von dessen eigenem antisemitischen Potential aus zu verstehen.
Dass Scheit die Existenz von Hass hier einräumt, wenn auch nicht explizit als Hass auf den Islam, sollte man im Hinterkopf behalten, schließlich ist der Titel des Texts “Es gibt keine Islamophobie”. Dass nun etwas “nur von XY aus zu verstehen” sei, ist eine der antideutschen Phrasen, die stets gut aussehen, aber selten halten, was sie versprechen. Was sagt Scheit uns also? Bis eben war der Neid auf den Islam noch “ein Derivat des Antisemitismus”. In Kombination mit obigem Satz lässt sich also schließen: Das Derivat des Antisemitismus ist nur von seinem antisemitischen Potential aus zu verstehen.
Handelt es sich vielleicht um eine Art Kreislauf?
Dass das Derivat des Antisemitismus auch noch ein antisemitisches Potential hat, ist beachtlich; dass es von diesem aus zu verstehen sei, immerhin tröstlich, wo es doch sonst nichts zu verstehen gibt.
Der folgende Absatz enthält nur einen Punkt am Ende, dafür gibt es zwei aufeinander folgende Doppelpunkte sowie einen Gedankenstrich – Scheit ist nicht zu stoppen, erst recht nicht von Scheit.
Die Muslime stellen für den Antisemiten des Abendlands nämlich eine einzige große narzisstische Kränkung dar, wie sie keine andere der von ihm sonst noch verachteten und physisch bedrohten Gruppen von Immigranten bereithält: Er sieht sich durch sie herausgefordert, das Abendland als das »konkrete«, das »schaffende Kapital« nicht vor »fremden Rassen« als der einbrechenden Natur oder was auch immer zu verteidigen (darum ist der oft als Alternative zur »Islamophobie« vorgeschlagene Begriff »antimuslimischer Rassismus« irreführend), sondern vor der wachsenden Macht einer religiösen Gemeinschaft, die gleichermaßen beargwöhnt wie beneidet wird, weil sie ganz ohne eigenes »schaffendes Kapital«, oder anders gesagt: ohne europäische Werte triumphieren kann – und der man, wegen ihres ausgeprägt judenfeindlichen Charakters, beim besten Willen nicht zu unterstellen vermag, dass sie ein Instrument des »raffenden Kapitals«, der Weltverschwörung des Judentums, sei.
Um das wieder zu entzerren: Der Antisemit des Abendlandes will das schaffende Kapital gegen die Muslime verteidigen, die ihrerseits ganz ohne schaffendes Kapital auskommen.
Wer argwöhnt, Scheit werfe hier zusammenhanglos ein paar Phrasen-Bruchstücke aus dem antikapitalistischen Fundus in die Islam-Runde, hat recht. Aber auch davor ist es interessant: “Die Muslime stellen (…) eine einzige große narzisstische Kränkung dar”. Es ist nicht etwa so, dass sie den Antisemiten kränken würde, nein, sie selbst stellen eine Kränkung dar. Vielleicht muss man in der Lage sein, seinen Namen zu tanzen, um zu wissen, wie ein Mensch eine Kränkung darstellt.
Dass Scheit das, was er zitierend “schaffendes Kapital” nennt, “anders gesagt” auch als “europäische Werte” bezeichnen kann, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er längst seine eigene, ganz private Sprache spricht und schreibt. (Genau genommen gehört auch noch “das Abendland” in diese Reihe: “das Abendland als (…) das »schaffende Kapital«”, es ist halt alles irgendwie dasselbe.)
Wenn das auch alles gar keinen Sinn gibt, so kann man immerhin zwei weitere Häkchen auf der Liste antideutscher Phrasen machen: Die narzisstische Kränkung und das konkrete (Kapital) haben ihren Auftritt gehabt, wobei letzteres in diesem Fall auch für Martin Heidegger einspringen muss, der verblüffenderweise keine Rolle in Scheits Text spielt.
Beim Attentäter von Norwegen hat dieser Neid sich offenkundig ins psychopathische Extrem gesteigert – wobei deutlich wird, dass es bei ihm genau die nichtstaatliche Gewalt selber ist, die ihn so sehr fasziniert, als das, was die Antisemiten des Abendlands der Zivilisation opfern und ans Gewaltmonopol abgeben mussten, damit das Kapitalverhältnis überhaupt durchgesetzt werden konnte. Der Jihad schafft, was man selbst nicht mehr vermag: terroristische Rackets zu formieren. Und so verkleidete sich dieser Führer, der keine Masse mehr hinter sich vereinen kann, mit den seltsamsten Phantasie-Uniformen.
Es ist keine analytische Meisterleistung, Anders Breivik einen psychopathischen Extremismus zu attestieren. Und einer Privatperson, die gerade 70 Menschen hingemetzelt hat, eine gewisse Faszination mit “nichtstaatlicher Gewalt” nachzusagen, ist auch nicht der ganz große Wurf. Es bleibt die implizite Behauptung, nichtstaatliche Gewalt sei ein Vorrecht der Muslime oder so etwas wie ein konstituierendes Phänomen muslimischer Gesellschaften. Denn auch wenn hier jetzt vom Jihad die Rede ist, sollte es doch der Neid auf “den Islam” sein, der Breivik ganz allein antrieb. So wirft Scheit Begriffe durcheinander, mit dem Ergebnis, dass Islam und Jihad scheinbar dasselbe werden.
Der Jihad ist hier auf einmal Subjekt und schafft es, Rackets zu formieren. Nicht Menschen formen terroristische Banden, der Jihad tut es. Wiederum haben wir hier Menschen auf der einen Seite, die etwas nicht schaffen, und eine Ideologie auf der anderen, die etwas schafft. Das ist schlicht unsinnig. Und führt zu einer einfachen Frage: Warum vermögen die europäischen Antisemiten es nicht, terroristische Banden zu bilden, wo das doch laut Scheit ihr tiefer Wunsch ist? Was hindert sie, aber nicht die Jihadisten?
Mit dieser pathologischen Intensivierung des postnazistischen Charakters hängt zusammen, dass er als Antisemit für Israel Partei ergreift, oder besser gesagt: für die Projektion, die er für Israel ausgibt, eine Art Tempelritter-Ordensgemeinschaft.
Auf einmal wird aus einem Norweger, der mit Deutschland und Österreich nichts zu tun hat, ein postnazistischer Charakter. Dabei war die Postnazismus-Theorie mal darauf ausgelegt, den Begriff des “Antideutschen” dadurch zu begründen, dass hierzulande ein besonderes Bewusstsein herrsche, eben der Postnazismus, der den deutschen Nationalismus von dem anderer Länder unterscheide. Diese Theorie hat seit Jahren mit der Realität zu kämpfen, und wieviel sie noch taugt, könnte man an anderer Stelle diskutieren. Dass mit Scheit einer ihrer Vertreter ohne weiteren Kommentar einem Norweger unterstellt, er weise einen postnazistischen Charakter auf, illustriert die Probleme bereits ganz gut.
Dazu ist es nötig, eine absolute Trennung zwischen Israelis und den Juden in der Diaspora vorzunehmen: Während Breivik in Europa »kein Judenproblem« mehr erspäht, womit er post festum die Shoah bejaht, möchte er für die USA, wo er dieses »Problem« hervorhebt, auch heute den Lösungsversuch Hitlers nicht ausgeschlossen wissen. So sucht er Deckbilder für jene Juden, die seinem israelischen Ritterorden nicht entsprechen, um sie in alter antisemitischer Weise als »Kulturmarxisten« zu verfolgen, und konzentriert sich hier wohl nicht zufällig auf die Frankfurter Schule, die schon immer als Inbegriff der »Verjudung« galt.
Nun fragen wir uns alle: Was ist denn bitte ein Deckbild? Google verweist uns an die Dachdecker, aber näher kommen wir der Sache über Wikipedia bei Adorno: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ Nun braucht aber ein Antisemit, der offenherzig vom Judenproblem der USA redet, offenkundig kein Deckbild, weil für ihn der Antisemitismus nicht verpönt ist. Und auch wenn der Ausdruck “Kulturmarxist” das Deckbild wäre, würde Scheits Satz mal wieder keinen Sinn geben: “So sucht er Deckbilder für jene Juden,(…) um sie (…) als ‘Kulturmarxisten’ zu verfolgen.” Es müsste heißen: “Er benutzt den Ausdruck “Kulturmarxist” als Deckbild, um sie zu verfolgen.” Wobei der Begriff “verfolgen” hier wiederum falsch ist, weil Breivik zwar antisemitische Texte verfasst, aber keine Juden, sondern Sozialdemokraten verfolgt hat.
Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern.
Die Schlüsselwörter hier sind “wie auch sonst”. Während Gerhard Scheit sich wenigstens die Mühe gemacht hat, Breiviks Antisemitismus zum Thema zu machen und nun in dieser Richtung – wenn auch nicht schlüssig – weiter argumentieren könnte, dass bei Breivik, also “hier”, keine Rede von Islamophobie sein dürfe, so hat er doch über alle anderen möglichen Zusammenhänge, in denen man den Begriff benutzen könnte, kein Wort verloren. Er ignoriert diesen blinden Fleck und dekretiert einfach, dass “auch sonst” niemand von Islamophobie reden könne, nirgends.
Aber auch ohne das wäre sein Satz offenkundiger Blödsinn: Man kann mit allerlei guten oder schlechten Absichten von Islamophobie sprechen, ohne dass das sinnvoll sein muss, zum Beispiel auf naive Art, ganz ungebildet oder auch ganz elaboriert. Die Möglichkeiten sind buchstäblich endlos. Man kann ihn natürlich auch in genau der Absicht benutzen, die Scheit grundsätzlich unterstellt, aber Scheit will nicht einfach sagen, dass er den Begriff unsinnig oder gefährlich findet, er kann nicht benennen, wer ihn in welcher falschen Absicht benutzt und warum man ihn am besten gar nicht benutzen sollte – er kann nur die radikalste und gleichzeitig allgemeinste Variante wählen und sagen: Jeder, der davon spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Offensichtlicher kann man kaum die Unwahrheit sagen.
Es gibt keine Islamophobie.
Auch darüber lässt sich streiten, insbesondere eben im Zusammenhang mit Breivik. Henryk Broder, der im übrigen von denjenigen, die sich stets vor Kühnheit zitternd “Islamkritiker” nennen, heftig verteidigt wird, wurde in Breiviks Manifest mit der Auffassung zitiert, Europas Ethos werde perfekt ausgedrückt durch eine vergewaltigte Frau, die “darüber räsonierte, dass es besser wäre, sich nicht zu wehren, wenn man mit dem Leben davon kommen will.” Nun braucht es für einen Ethos, der das Ertragen einer Vergewaltigung gegenüber dem Riskieren des eigenen Todes bevorzugt, zunächst einmal einen Vergewaltiger, sonst wäre das ganze Bild sinnlos. Das ist in diesem Fall der Islam. Und was anderes als eine irrationale, wahnhafte Angst, eine Phobie also, ist die Vorstellung, Europa werde vom Islam vergewaltigt und habe Angst vor dem Tod? Man muss also nicht so ganz weit ausholen, um eine mögliche Verwendung für den Begriff der Islamophobie zu finden.
Scheit weiter:
Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind.
Das stimmt ausnahmsweise. Und auch wenn Scheit das hier formal nur den Antisemiten zuschreibt, darf man anmerken: Für oder gegen den Islam zu sein ist für jeden einzelnen Menschen ein ziemlich größenwahnsinniges Unternehmen. Der Islam ist Realität, wie andere Religionen auch, es wird nicht helfen, “dagegen” zu sein.
Und was bleibt, ist der Kampf gegen den Antisemitismus. Er schließt umso mehr die radikale Kritik des Islam ein, als dessen politische Theologie von den Antisemiten anderer Religionen und Parteien beneidet wird.
Fight on, Gerhard. Fight on. Mich würde nur interessieren, wie dieser Kampf im Idealfall abläuft. Schreiben Scheit und Genossen noch mehr Artikel, die niemand lesen kann? Und wird der Islam weniger attraktiv für seine autoritären, antisemitischen, frauenfeindlichen und tendenziell faschistischen Anhänger, wenn durch die “radikale Kritik” ans Licht kommt, dass er im Kern autoritär, antisemitisch, frauenfeindlich und tendenziell faschistisch ist?
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Nachtrag: Ich musste oben zwei Sätze durchstreichen, weil mir da ein in diesem Zusammenhang natürlich peinlicher Fehler unterlaufen war. Selbstverständlich können Zeichen auf etwas hindeuten. Sei es drum.
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