Articles by Bonde

Ziemlich hübsch.

Die Bremer Ultra-Gruppe Racaille Verte, mit der diese Webseite weder verwandt noch verschwägert ist, hat einen offenen Brief an Alemannia Aachen geschrieben. Wir dokumentieren:

Sehr geehrte Verantwortliche bei Alemannia Aachen sowie im Aachener Fanprojekt,

wahrscheinlich kommt dieser Brief etwas unerwartet für Sie. Wir, die Mitglieder der Ultragruppierung „Racaille Verte“, schreiben Ihnen bezüglich des Angriffs von „Alemannia Supporters“ und „Karlsbande“ auf die „Aachen Ultras“, weil wir glauben, dass unsere Bremer Erfahrungen im Umgang mit rechtsgerichteten Fans Ihnen durchaus eine Hilfe sein können.

Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass die Schilderungen der „Aachen Ultras“ in irgendeiner Weise falsch oder übertrieben sind. Es ist innerhalb der Ultraszene seit längerem bekannt, dass die „Karlsbande“ nicht nur rechts unterwandert ist, sondern ausdrücklich unter antiprogressivem Vorzeichen gegründet wurde. Die ebenfalls beteiligten „Alemannia Supporters“ können als Tarngruppe für die Aachener Hooligans gesehen werden. Auch diese sind politisch eindeutig rechts einzuordnen.

Es ist uns schleierhaft, wieso Sie den Angreifern auf der offiziellen Vereinsseite eine Plattform gegeben haben, auf der sie ihre Sicht der Dinge quasi unkommentiert darstellen dürfen. Noch viel mehr schockiert uns allerdings Ihre Aufforderung an die „Alemannia Supporters“ und die „Aachen Ultras“, „an der Lösung ihrer Konflikte aktiv zu arbeiten und zur Überwindung des tiefen Risses beizutragen, der die Aachener Fanszene durchzieht“. Wir wollen Ihnen im Detail darlegen, warum wir Ihre Wortwahl und die dahinter stehenden Vorstellungen für völlig abwegig und gefährlich halten.

Dadurch wird eine völlig unangebrachte Äquidistanz zu Opfern und Tätern geschaffen. Es hat hier einen Angriff gegeben, der ganz klar von einem rechtsgerichteten Haufen ausging. Als Verein sind Sie in der Verantwortung, sich hinter diejenigen zu stellen, die sich gegen Diskriminierung und für eine bunte Fankurve einsetzen, und diejenigen zu verurteilen und auszuschließen (nicht nur aus dem Stadion, sondern aus dem gesamten Diskurs), die sich Hass und die gewaltsame Verdrängung andersdenkender Menschen auf die Fahnen geschrieben haben.

Die „Aachen Ultras“ leisten seit einigen Jahren gute Arbeit gegen Diskriminierung. Es ist ein Hohn, nun von dieser Gruppe zu fordern, mit rassistisch, homophob, sexistisch und antisemitisch motivierten Rechtsradikalen zusammenzuarbeiten, um einen Riss in der Fanszene zu kitten. Wenn es zu einem solchen Riss in einer Fanszene kommt, ist die Zeit gekommen, klar Stellung zu beziehen und nicht die Illusion einer Einheit zu wahren.

Eine solche notwendig klare Positionierung mag gerade einem kleineren Verein schwer fallen, doch es lohnt sich. Nachdem unsere Gruppierung vor nunmehr fast fünf Jahren von Neonazis aus der Bremer Hooliganszene angegriffen wurde, erhielten auch wir über die Presse das Angebot des Vereins, sich an einen runden Tisch zu setzen. Wir waren entrüstet ob der Vorstellung, uns mit Nazi-Schlägern zu treffen, die uns erklärtermaßen mit Gewalt loswerden wollten (und bis heute wollen). Nach einiger Zeit sah der Verein seinen verfehlten Ansatz ein und unterstützte unseren Kampf gegen Diskriminierung, den wir trotz aller Drohungen immer weiter intensivierten. Heute kann sich der SV Werder damit rühmen, eine vorbildliche Arbeit gegen Diskriminierung innerhalb und außerhalb des Stadions zu leisten. Durch die kontinuierliche Arbeit der Fans und mit Hilfe der Rückendeckung des Vereins und Fanprojekts hat die Bremer Ostkurve mittlerweile den Ruf, ein offener Ort für alle Menschen zu sein. Das hat nicht nur zur Folge, dass die aktive Fanszene heute größer ist als je zuvor, es sind auch sichtbar mehr Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund anzutreffen. Der Kampf gegen Diskriminierung ist weitgehend Konsens, rechte Schläger sind ein Randphänomen.

Aber nicht nur der Verein, sondern auch das Fanprojekt ist hier in der Pflicht. Eine deutliche, öffentliche und schnelle Positionierung zur Solidarität und Unterstützung der „Aachen Ultras“ wäre das Mindeste. Des Weiteren sollte diese heikle Situation durch ausgebildete Fachkräfte begleitet werden. Die Opfer jetzt alleine zu lassen, würde einer Akzeptanz für den politisch motivierten Angriff gleichkommen. Das Fanprojekt Bremen hat gezeigt, wie eine solche Unterstützung aussehen kann.

Wir wünschen Ihnen in Aachen eine ähnlich erfreuliche Entwicklung. Die „Aachen Ultras“ haben dafür den richtigen Weg eingeschlagen. Unterstützen Sie Ihre Fans auf diesem Weg und verabschieden Sie sich von rechten und rechtsoffenen Ewiggestrigen, denn sie werden Ihnen nicht fehlen!

Herzliche Grüße aus Bremen, Racaille Verte

Obwohl es in Bremen eine große Nazi-Szene gibt, findet man die umtriebigsten Antisemiten in der Hansestadt auf der Linken. Da gibt es den “AK Süd-Nord”, der sich mit Propaganda gegen Israel profiliert hat. Und da gibt es das Bremer Friedensforum, das sich ebenfalls seit Jahren mit abenteuerlichen Geschichten über den jüdischen Staat hervor tut. Dabei greifen sie gerne in den riesigen historischen Fundus der Judenfeindlichkeit und schämen sich nicht, von durch Juden zerstörte Brunnen zu schwadronieren oder einen Boykott jüdischer Betriebe auf die Beine zu stellen. Im Bündnis mit der Linkspartei und türkischen und moslemischen Gruppen lassen sich in Bremen bei gutem Wetter schon einmal 7000 Menschen zu einer offen antisemitischen Demonstration zusammenbringen.

So weit, so bekannt. Was neu ist, ist die organisierte Kritik an den genannten Gruppen durch das “Bremer Bündnis gegen Antisemitismus”. Dessen Aufruf könnte man kritisieren, – er könnte deutlicher sein und einige unglückliche Formulierungen weniger enthalten – man kann das aber auch lassen. verbrochenes.net unterstützt das Bremer Bündnis, weil sein Anliegen richtig ist und es die Kritik an Friedensforum und AK Süd-Nord über das Internet heraus trägt.

Erreicht hat sie bereits die taz, die sich umgehend auf die Seite der Antisemiten geschlagen hat: “Philosemiten kämpferisch” überschreibt das linke Blatt seine Kurzmeldung über das Bündnis, und was das heißen soll, kann man sich denken: Kritik am Antisemitismus üben nur Judenfreunde, Philosemiten eben, die ihren Judenknacks weg haben. Dass der Kampf gegen Antisemitismus einer für die Aufklärung, einer für das Eigeninteresse jedes Einzelnen, in einer erträglichen Gesellschaft zu leben, ist, das kann der taz-Lokalredakteur nur deshalb nicht begreifen, weil er selbst einiges für den Antisemitismus übrig hat. Man darf jetzt gespannt sein, ob die taz demnächst über antirassistische Bündnisse unter Zeilen wie “Niggerfreunde machen Alarm” berichten wird.

Adressat des Aufrufs sind “alle Organisationen und Gruppen, die bisher das Friedensforum sowie den AK-Süd-Nord für adäquate Bündnispartner gehalten haben”. Namentlich genannt werden die Linkspartei Bremen – selbst eine Ansammlung skurriler Freaks mit antisemitischer Prägung – und der Asta der Uni Bremen. Nicht genannt, obwohl als Ziel einer solchen Kampagne sehr viel geeigneter, wird die Bremer Landesregierung. Dabei gehört die zu den größten Unterstützern des Bremer Friedensforums: Die Villa Ichon, in der das Forum standesgemäß residiert, gehört dem Land Bremen. Es ist also nicht zu viel gesagt, wenn man der rot-grünen Landesregierung vorwirft, eine antisemitische Organisation zu unterstützen. Und es ist auch nicht zu viel verlangt, wenn man von ihr fordert, diesen Zustand umgehend zu beenden. Belege für antisemitische Plakate und Aktionen gibt es wie erwähnt genug, und so kann die politische Forderung an Politik und Öffentlichkeit nur heißen: Antisemiten raus aus der Villa Ichon!

In den letzten Jahren haben die Medien das Thema “Homosexualität im Fußball” für sich entdeckt. Seitdem kann man immer mal wieder Artikel lesen, in denen dann steht, dass es keinen offen schwulen Profi-Fußballer gibt, gefolgt von einem Zitat eines Spielers oder Funktionärs, dass das aber wirklich gar kein Problem wäre und niemand irgendwas gegen Schwule habe. Allerdings scheinen fast alle, die über Homosexualität im Fußball reden, anschließend über ihre eigene Heterosexualität reden zu müssen, so zum Beispiel Arne Friedrich und Philipp Lahm. Das ist angesichts der Verhältnisse in Gesellschaft und Sport auch nur vernünftig. Denn als Schwuler kann man inzwischen zwar im Show-Business, also als Komiker, Moderator oder als Bürgermeister von Berlin, erfolgreich arbeiten, von den echten Männerberufen hält man sicher aber besser fern. Denn im Fußball will das Volk echte Kämpfer sehen. Und ob jemand das sein kann, hängt in der öffentlichen Wahrnehmung offensichtlich noch davon ab, mit wem er ins Bett geht. Wer sich heute outen würde, müsste deshalb nicht nur mit dem Medienrummel leben, sondern auch mit Gehaltseinbußen und Jobverlust rechnen. Fußball wird von Sponsoren und dem Fernsehen bezahlt, und es ist leicht auszurechnen, dass erstere in aller Regel keinen schwulen Fußballer als Aushängeschild bezahlen wollen. Deshalb gilt bis auf weiteres don´t ask, don´t tell und es ist nicht damit zu rechnen, dass demnächst ein Fußballer gegen seine eigenen wirtschaftlichen Interessen sein coming out plant.

Gleichzeitig schafft Fußball einen öffentlichen Raum, an dem von Millionen von Menschen teilhaben. Es ist also für alle, die Homophobie für ein abzuschaffendes Übel halten, keine Nebensache, wenn dieselbe sich beim Fußball so hartnäckig hält – Fortschritt in den Fankurven ist Fortschritt in der Gesellschaft. Deshalb ist die “Aktion Libero” unbedingt zu unterstützen, die seit heute auf vielen Sportblogs für eine erneute Auseinandersetzung mit dem Thema wirbt. Sie schreibt:

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig:
Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

Das können wir so unterschreiben. Zu hoffen ist, dass die Aktion Wirkung über den Mikrokosmos der Sportblogs hinaus zeigt und auch in den Stadien immer mehr Menschen sich offen gegen Homophobie positionieren. Wie so oft steht die Fanszene des SV Werder Bremen auch hier an der Spitze des Fortschritts und hat sich schon vor anderthalb Jahren mit viel Aufwand klar gegen die herrschende Homophobie geäußert:

Und auch 2011 kann man die Homophoben noch mit einer Regenbogenfahne provozieren. Und wenn man kann, dann soll man auch. Vielleicht ist es dann irgendwann so weit, dass ein Fußballer nicht bereitwillig über seine Heterosexualität Auskunft gibt, sondern einfach verkündet, dass seine Sexualität niemanden etwas angeht. Das wäre ein echter Fortschritt gegenüber dem üblichen “Ich habe nichts gegen Schwule, no homo!”

So oder so ähnlich heißt die beste Party des Jahres, die an diesem Freitag, dem 07.10., im Pier2 in Bremen stattfindet. Dort trifft sich der unbewaffnete Arm der europäischen Ultra-Bewegung und zeigt, dass man nicht viel mehr als Turnschuhe und Techno braucht, um einen guten Abend zu haben. Für mehr Freude in Bremen als Michael Oenning sorgen dann Menschen, die hanne & lore, das taktmodul oder einfach Philipp heißen. Da will man natürlich dabei sein, und verbrochenes.net würde zwei Freikarten verlosen, wenn es sich nicht um eine Soliparty handeln würde, deren Erlöse zu einhundertundzehn Prozent in die Verbesserung der real existierenden Misere gesteckt werden. Gut angelegte acht oder zehn oder neunundneunzig Euro also. Aber, Freundinnen und Freunde, tut mir einen Gefallen: Passt auf Euch auf.

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verbrochenes.net, das Event-Magazin für Mitteleuropa und umzu, präsentiert Euch zwei neue Veranstaltungen der Extraklasse, die Ihr nicht verpassen solltet.

Erstens:

Demonstration gegen rechte Gewalt in Bremen. Alles über den Anlass für diese Demo habt Ihr hier längst erfahren. Den ganzen Aufruf findet Ihr hier. Die Demo fängt um 17 Uhr am Ostkurvensaal an und endet vor dem Amtsgericht. Jetzt, wo Justiz und Politik deutlich gemacht haben, dass sie nicht bereit sind, antifaschistische Fans vor der Gewalt der Nazis zu schützen, ist jede Solidaritätsbekundung für die Opfer eine willkommene Unterstützung. Und gerade wenn Gerichtssprecher und andere Arschlöcher verkünden, prügelnde Faschos seien nicht ihr Problem, sondern das der linken Jugendlichen, ist die Restgesellschaft aufgerufen, zusammen mit den Opfern auf die Straße zu gehen. Also los, Mittwoch 17 Uhr, Ostkurvensaal. Alle jetzt, echt mal.

Ich selbst kann leider nicht, ich mach da gerade Urlaub.

Zweitens:

Über Duisburger wird berichtet, sie wären Untermenschen unterbelichtet. Für mich ist sowas Rassismus wie jeder andere auch! Nun, eine schmissige Einleitung ist immer gut, aber die hier beworbene Veranstaltung hat das eigentlich gar nicht nötig. Denn am fünften Oktober führt der famose Alex Feuerherdt durch ein interessantes Programm, in dem es um Antisemitismus in der Linken im allgemeinen und in der Duisburger Linkspartei im besonderen geht. Insofern man also in der Nähe wohnt oder mal was ganz Neues erleben will, ist man in Duisburg bestimmt gut aufgehoben.

Die heutige Medienanalyse gilt folgendem Bild, das ich ohne zu fragen vom Antifaschistischen Netzwerk beziehungsweise der Antifa Westhavelland geklaut habe.

Fangen wir mit der bildlichen Darstellung an: Die Vorfahren der hier aktiven Neonazis haben offensichtlich erst Ende des ersten Jahrtausends den aufrechten Gang gelernt. Als Jesus über den See Genezareth spazierte, schlug sich ein merkwürdiges Mischwesen aus Affe, Katze und Bär durch die später ostdeutsch werdenden Gebiete. Gegen Ende des Mittelalters war aus diesem erstklassigen Genmaterial ein deutscher Wandersmann entstanden, der sich 1945 böse verletzt haben muss, woraufhin er sich einen Stock zulegte und anschließend für einige hundert Jahre unsichtbar wurde. Doch damit nicht genug der merkwürdigen Ereignisse: Weil sich Zeit und Raum etwas gekrümmt haben, sind wir in dieser Zeit nur bis ins Jahr 2011 voran gekommen, und der politische Nachwuchs des eingangs gezeigten Halbaffen hat sich seit 1945 kein Stück verändert. Ab jetzt wird er, wenn das nach 1945 aufgetretene Raum-Zeit-Gelöt hält, noch mehrere Jahrzehnte brauchen, um sich seines Unterleibs zu entledigen, dabei dennoch deutlich zu wachsen, und an seinem Krückstock eine Fahne zu befestigen. Eine Rückkrümmung der Zeit hingegen würde bedeuten, dass er darauf noch mehrere hundert Jahre warten muss.

Was kann nun die ausführliche Beschriftung zum besseren Verständnis des Transparents beitragen? “Vom Schuldkult zur Mitschuld” – ist das zeitlich zu verstehen? Da der “Schuldkult” in der Mitte der Zeitleiste eingeordnet ist, würde das die “Mitschuld” dahinter einordnen. Fraglich ist nun, ob sie sich auf die Revolution bezieht – eine Mitschuld an der Revolution? – oder auf ein noch dahinter liegendes Ereignis, eventuell gar auf das Nachfolgetransparent für die nächste Demonstration, in dem die ganze Sache dann aufgelöst wird. Denkbar wäre dann, dass die Revolution scheitert, vielleicht weil eine Fahne einfach keine hinreichende Waffe mehr ist, so um 2109 rum, und dann hinterher die Mitschuldfrage gestellt wird.

Vielleicht ist die Mitschuld aber auch im Zusammenhang zur gezeigten Evolution zu sehen: Aus dem Affen wird ein sich seiner selbst bewusst seiender Mensch, genau wie Eva und Adam sich ihrer selbst erst bewusst wurden, als sie vom Apfel aßen – der Sündenfall. Selten wurden Evolution und christliche Theologie so gekonnt verzahnt, selten wurde der katholische Schuldkult so subtil kritisiert.

Aber stellen wir uns nicht dumm, lesen wir mal bei den Künstlern selbst nach:

“…darauf aufmerksam zu machen, was der Schuldkult im Laufe der Jahrzehnte mit unserem Volk angerichtet hat. Wir wurden zum ewigen Täter erklärt und fressen jede noch so dreiste Lüge, ohne sie auch nur einmal zu hinterfragen. (…) Mit dieser Ignoranz, trägt ein gesamtes Volk Mitschuld an den Missständen auf der Welt.”

Hört, hört! Die Kollektivschuldthese ist wieder da, unwahrscheinlicherweise vorgetragen von ostdeutschen Neonazis. Die antideutschen Nationalsozialisten sind geboren, und ihr Vorwurf lautet auf nicht weniger als “Mitschuld an den Missständen auf der Welt”. Ein “gesamtes Volk” wird hier angeklagt, und das Rezept gegen den “Schuldkult” der Deutschen ist der Vorwurf an sie, schuldig zu sein. Damit sind die Kameraden schon vor der Revolution bei einer Erkenntnis angelangt, für die der Führer ein ganzes Leben und einen verlorenen Krieg gebraucht hat: Die Deutschen, die taugen nichts.

Werder Bremen hat eine Stellungnahme zu einigen Vorfällen im Hoffenheimer Gästeblock veröffentlicht. Darin heißt es:

“Im Verlauf der Unruhen im Block kam es auf Seiten der Fans zum Einsatz von Stockfahnen als Schlaginstrumente (!).”

Äußerst bedauerlich ist, dass die Stellungnahme uns nicht verrät, welche Schlaginstrumente genau hier emuliert wurden. Waren es Chinabecken? Oder ein Glockenspiel? Vielleicht eine Trommel? Wobei man zum Trommeln ja eigentlich gar keine Stockfahnen – und schon gar keine Fahnenstöcke! – braucht, wenn man eine Trommel hat. Vielleicht erklang in Hoffenheim auch ein Agogô – aber, pardon, spielt das nicht als Linksverteidiger in Hamburg?

Während die musikalische Rollenverteilung im Fanblock also noch unklar ist, weiß man beim Bremer Vorstand immer ganz genau, was man zu hören kriegt. Klaus-Dieter Fischer ist nämlich nicht nur Geschäftsführer und Vorsitzender des Vereins, auch er spielt ein Schlaginstrument: die Arschgeige. Auf der hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht, und so darf man davon ausgehen, dass er keine Strafanzeige gegen das inzwischen bundesweit bekannte Hoffenheimer Stadionpersonal im Sinne hat, wenn er sagt: „Werder Bremen verurteilt die Benutzung von Pyrotechnik und die Anwendung von Gewalt. Wir sind zuversichtlich, die Schläger durch die entsprechenden Bilder identifizieren und belangen zu können”.

TeeShee

Bald kommt der Sommer, und dann habt Ihr nichts anzuziehen. Muss das sein? Nein! Es ist Zeit, sich modisch mit den coolsten Girls und Boys des Planeten gemein zu machen und gleichzeitig vom Rest der Welt abzusetzen. Die Leserinnen und Leser von verbrochenes.net haben jetzt die einmalige Möglichkeit, mit einem folgendermaßen bedruckten Gesinnungs-Shirt auf sich aufmerksam zu machen.

Kleinere Geister als die abgebildeten werden einwenden, dass Ailton doch keine Zeile Marx gelesen und Sharon kein einziges Bundesligator erzielt habe, und irgendwo stimmt das ja auch. Aber, Freunde, stellt Euch bitte folgende Fragen: Ist das wichtig? Ist es nicht viel wichtiger, dass wir, die pro-zionistischen Kommunisten aus Bremen, Gelsenkirchen, Istanbul, Hamburg, Belgrad, Zürich, Duisburg, Donezk, Altach, Campinense, Chongqing, Krefeld und Oberneuland, eine unzertrennliche und doch weit verstreute Shirtgemeinschaft bilden können?

Gedruckt wird schwarz auf ein weißes Shirt von anständiger Qualität – koste es, was es baumwolle. Pardon: Die Kosten sind abhängig von der Anzahl der Menschen, die eine eMail mit “Ja, ich will!” und der gewünschten Größe an teeshee@verbrochenes.net schicken. Alles weitere wird auf konspirativen Treffen geklärt, und wenn sie fertig sind, können die Hemden in Berlin und Bremen überreicht werden oder überall hin verschickt werden. Profit findet selbstverständlich nicht statt, und weiblich sozialisierte Menschen dürfen die von ihnen gesellschaftlich erwartete Variante wählen: Das “Girlie-Shirt”. Ja, gibts. Heißt so, kann ich auch nichts für. “Girlie”. Hm-mh.

Es ist zwar offensichtlich, aber ich spreche es gerne noch einmal aus: Wenn jemand professionelles Grafik-Design benötigt – ich kenne da jemanden!

In der aktuellen Jungle World dürfen Deniz Yücel und Gerhard Scheit ihre Meinung zum Begriff der Islamophobie kund tun. Beide tun das so, wie man es erwarten würde. Beeindruckender ist dabei Gerhard Scheit, weshalb sein Text hier ausführlich gewürdigt werden soll. Und mit ausführlich meine ich, dass ich ihn vollständig zitieren werde.

Scheit eröffnet:

Alle Zeichen der Öffentlichkeit deuten darauf hin, dass der Attentäter von Norwegen als Verkörperung des Begriffs »Islamophobie« in die Geschichte der Lügen dieser Öffentlichkeit eingehen soll.

Er benutzt hier einen inzwischen in Veröffentlichungen aller politischen Strömungen beliebten Kniff: Er unterstellt, dass die öffentliche Meinung (oder der Zeitgeist, die politische Klasse, die Medien, usw.) sich einig sei und zu einem bestimmten Thema Konsens herrsche. Und dann wird er selbst die Gegenposition einnehmen, fast alleine gegen den Rest der Welt. Man kennt das von Konservativen, die die Medien in den Händen der 68er sehen, von Sozialdemokraten, die sich von rechten Medienkartellen ignoriert oder verunglimpft sehen und natürlich von Antisemiten, die die Medien in Judenhand wähnen. Kürzlich hat Jan Fleischhauer es im Spiegel fertig gebracht, der Allgemeinheit eine Abneigung gegen Steuersenkungen zu unterstellen – so kann man sich anscheinend selbst mit der Forderung nach Steuersenkungen noch zum einsamen Rufer stilisieren, ohne ausgelacht zu werden.

Die Ironie an dieser Argumentation ist, dass sie, sobald sie veröffentlicht wird, sich damit selbst widerlegt hat. Man kann nicht etwas veröffentlichen und anschließend behaupten, alle (!) Veröffentlichungen würden das Gegenteil der eigenen Meinung vertreten. So geht es Fleischhauer, der für den Spiegel schreibt, und so geht es auch Scheit, obwohl er nur für eine kleine Wochenzeitung schreibt. Schließlich hatte er selbst nicht von “einigen” oder “vielen”, sondern von “allen Zeichen der Öffentlichkeit” gesprochen. Dass Scheit mit diesen “Zeichen der Öffentlichkeit” einen neuen Begriff einführt, muss man entschuldigen, das ist so seine Art; er will originell wirken. Das gelingt ihm umso mehr, als bei ihm die Zeichen “deuten”. Zeichen deuten aber nicht, sie zeigen, deuten muss man sie schon selber.
Beachtlich ist auch das “soll” am Ende des Satzes. Hier wird nicht einfach etwas passieren, sondern es soll passieren, jemand zieht offenbar die Fäden.

Es geht weiter:

Der Anschlag sei demnach nur die logische Konsequenz des »Feindbilds Muslim«.

Wer das behauptet? Da würde man sicher jemanden finden, aber wir müssen uns mit “allen Zeichen der Öffentlichkeit” begnügen, die nicht nur deuten, sondern offenbar relativ konkrete Aussagen machen können.

Dabei zeigen Tat und Manifest in der unsagbaren Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns, dass das Motiv purer Neid auf den Islam war.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Tat zeigt in der Grausamkeit ihres Wahns, dass das Motiv Neid auf den Islam war. Um es vorweg zu nehmen: Das gibt keinen Sinn. Man kann danach suchen, aber man wird keinen finden. Man kann nach der Aussage suchen, um Scheit dann zu widersprechen, aber selbst das bleibt unmöglich, weil der Satz keine in sich logische Aussage enthält. Die Behauptung, Neid auf den Islam sei das Motiv gewesen, ist eine derart spezielle, dass sie unmöglich allein durch das Vorhandensein von Grausamkeit und Methodik belegt werden kann.

Was er tatsächlich sagt, ist banal: Die Tat war grausam, der Täter im Wahn, sein Vorgehen methodisch. Aus keiner dieser Tatsachen kann man irgendetwas über seine Motive herauslesen, schon gar nicht eine derart steile These wie die vom Neid auf den Islam damit rechtfertigen. Aber sprachlich ist das interessant. Man kann banale Erkenntnisse schick verpacken, indem man sie in einem Satz durcheinanderwirft und in Beziehung setzt:
Tat und Manifest zeigen etwas, aber sie tun es nicht einfach, sie tun es in ihrer Grausamkeit und ihrer Methodik – nein, noch besser: in der Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns. Das ist nicht etwa ein komplizierter Sachverhalt, das ist Quatsch, prätentiös formuliert. Man beachte auch, dass es nicht nur um Neid, sondern um “puren Neid” geht. Das ist einerseits ein Tick der Antideutschen, jede Formulierung noch einmal zu verschärfen durch Wörter wie “pur”, “notwendig”, “total”, “einzig”, “alle” usw., andererseits macht es noch einmal klar, was Scheit hier für einen Quatsch behauptet: Für Breiviks irren Massenmord bietet er nicht nur den ominösen Neid auf den Islam als Motiv an, er schließt auch alle anderen Motive und Beweggründe, die hier mit reingespielt haben könnten, aus – es ist purer Neid, nicht verunreinigt durch irgendeinen anderen Gedankengang. Angesichts der Tat und ihrer Opfer ist das eine These, die ganz offensichtlich falsch ist.

Wer nun erwartet, vielleicht im nächsten Satz eine zumindest kurze Begründung für Scheits steile These zu lesen, wird natürlich enttäuscht. Es gibt wichtigeres.

Der Attentäter teilt diesen Neid in äußerster Steigerung mit bestimmten politischen Kräften, wie sie sich auf unmittelbar postnazistischem Grund etwa in der FPÖ zusammenfinden. Von Islamophobie ist nicht nur die Rede, um eine diesen Kräften entgegengesetzte, auf die Aufklärung sich berufende Kritik des Islam zu denunzieren. Der Begriff wurde vielmehr erfunden, um eben jenen Neid als ein ­Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen.

Zwar spricht es nicht gerade für die Postnazismus-Theorie von Scheit und seinen Konsortionalpartnern, wenn ein Norweger in Norwegen norwegische Sozialdemokraten ermordet und dabei sein Motiv mit der FPÖ teilt, aber es ist auch verständlich, dass Scheit diese Theorie als sein Kerngeschäft hier doch irgendwie bewerben will.
Viel wichtiger ist die Aussage danach: Der Begriff der Islamophobie wurde erfunden, um den Neid auf den Islam als ein Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen. Man darf sich das also so vorstellen, dass irgendwo jemand sitzt, der gemerkt hat, dass aus Antisemitismus ein Neid auf den Islam wird, und der sich ob dieser Entdeckung dann entschlossen hat, diesen Umstand zu verschleiern. Flugs hat er Stift und Zettel zur Hand genommen und den Begriff der Islamophobie erfunden, mit der er jetzt den Antifaschisten und Küchentischpsychologen Scheit denunziert und so davon abhält, die FPÖ zu Tode zu kritisieren. Wer da nun wann so vorsätzlich gehandelt hat, bleibt unklar. Dafür darf sich Scheit nun höchstpersönlich in der Opferrolle wiederfinden, und das ist ja auch was wert.

“Neid auf den Islam” – was soll das eigentlich heißen? Neid verspürt man, weil jemand anders etwas hat oder etwas ist, was man selbst gerne hätte oder wäre. Nun kann eine Person eine andere um etwas beneiden, es ist aber schlechterdings unmöglich, dass eine Person eine Religion oder eine Weltanschauung um etwas beneidet. “Ich beneide den Islam” ist eine unsinnige Formulierung. Ich kann zwar die Muslime beneiden, weil sie so eine schöne Umma haben, oder einen christlichen Freund, weil er Trost in der Religion findet, ich kann sogar einen Baum beneiden, weil der echt die Ruhe weg hat – ich kann aber nicht “den Islam” beneiden, weil ich als Person seine Eigenschaften gar nicht übernehmen könnte. Aber womöglich wird das die psychische Erkrankung des 21. Jahrhunderts: “Herr Doktor, ich wäre gerne eine Weltanschauung!”

Gerhard Scheit könnte einfach vom Neid auf die Muslime sprechen, aber das tut er nicht. Es scheint da nicht unplausibel, dass die ständige Rede von “dem Islam” als einer irgendwie homogenen Einheit, einem monolithischen Block, sich inzwischen dahingehend weiterentwickelt hat, dass “der Islam” tatsächlich als eine Art Person wahrgenommen und beschrieben wird, die dann folgerichtig auch beneidet werden kann.

Im folgenden Absatz, der aus einem einzigen Satz besteht, bleibt dann auch unklar, wer denn nun beneidet wird.

Beneidet wird nämlich, dass der Islam verwirklicht, wozu man selbst nicht imstande ist oder woran man relativ erfolgreich gehindert wird; dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist; dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.

Der erste Punkt ist genau der, den ich oben gemacht habe: Menschen und Religionen sind verschiedene Dinge, und das meiste, wozu eine Religion im Stande ist, kann ein Mensch nicht. Scheit schreibt einen absolut banalen Umstand auf, als habe er eine Riesenerkenntnis zu präsentieren. Der zweite Punkt, dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist, ist ebenfalls banal, oder falsch. Gehen wir davon aus, dass die Behauptung ist, der Islam sei gemeinschaftsbildend im politischen Sinne, und Breivik und die Postnazisten beneideten die Muslime darum. Dann ist anzumerken, dass natürlich auch das Christentum gemeinschaftsbildend wirkt, in vielerlei Hinsicht und an verschiedenen Orten vom Vatikan bis in die USA, selbstredend auch in Mitteleuropa. Wie diese Gemeinschaften keine “im politischen Sinne” sein sollen, müsste der Politikwissenschaftler Scheit – wie so vieles – schon noch ausführen, um irgendwie sinnvoll argumentieren zu können. Dass einzig der Islam in der Lage sei, gemeinschaftsbildend im politischen Sinne zu wirken, ist aber ohnehin Unsinn. Andere Religionen sind dazu in der Lage, vermutlich fast alle, und andere Ideologien sind es auch, der Nationalismus ist nur die prominenteste.

Dass man diese Basisbanalitäten referieren muss, um Scheit zu widerlegen, das ist das wirklich Ärgerliche an ihm.

Vielleicht ist es aber auch der apodiktische Stil, mit dem der größte Quatsch aufgetischt wird. Laut Scheit wird beneidet, “dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.”

Um das kurz festzuhalten: “Der (!) gläubige Muslim” ist arbeitslos und erträgt das gut. “Der gläubige Muslim” gewinnt aus seiner Arbeitslosigkeit – neben Stolz und Würde – Kampfgeist. Gegen: die abstrakte Seite des Kapitals. Allerdings muss er dafür seine Gestalt verändern. Er verwandelt sich dann in den ideellen Gesamt-Osama: das jihadistische Kollektiv. Nochmal: “Der gläubige Muslim” und das “jihadistische Kollektiv” sind ein und dasselbe, in unterschiedlicher Gestalt.
Da kann man kaum mehr etwas hinzufügen, obwohl ich eingestehen muss, dass mein Motiv für diesen Text der Neid auf Scheit ist: Er darf “zersetzten” als Konjunktiv von “zersetzen” benutzen, wo wir anderen alle “zersetzen würden” schreiben müssen, um nicht mit dem Imperfekt in Konflikt zu geraten. Dabei sehen wir aus wie Oberschüler, und Scheit steht da wie Adorno.

Es geht weiter, Satz für Satz, es lohnt sich.

So ist aber der als Hass hervortretende Neid auf den Islam letztlich nur von dessen eigenem antisemitischen Potential aus zu verstehen.

Dass Scheit die Existenz von Hass hier einräumt, wenn auch nicht explizit als Hass auf den Islam, sollte man im Hinterkopf behalten, schließlich ist der Titel des Texts “Es gibt keine Islamophobie”. Dass nun etwas “nur von XY aus zu verstehen” sei, ist eine der antideutschen Phrasen, die stets gut aussehen, aber selten halten, was sie versprechen. Was sagt Scheit uns also? Bis eben war der Neid auf den Islam noch “ein Derivat des Antisemitismus”. In Kombination mit obigem Satz lässt sich also schließen: Das Derivat des Antisemitismus ist nur von seinem antisemitischen Potential aus zu verstehen.

Handelt es sich vielleicht um eine Art Kreislauf?
Dass das Derivat des Antisemitismus auch noch ein antisemitisches Potential hat, ist beachtlich; dass es von diesem aus zu verstehen sei, immerhin tröstlich, wo es doch sonst nichts zu verstehen gibt.

Der folgende Absatz enthält nur einen Punkt am Ende, dafür gibt es zwei aufeinander folgende Doppelpunkte sowie einen Gedankenstrich – Scheit ist nicht zu stoppen, erst recht nicht von Scheit.

Die Mus­lime stellen für den Antisemiten des Abendlands nämlich eine einzige große narzisstische Kränkung dar, wie sie keine andere der von ihm sonst noch verachteten und physisch bedrohten Gruppen von Immigranten bereithält: Er sieht sich durch sie herausgefordert, das Abendland als das »konkrete«, das »schaffende Kapital« nicht vor »fremden Rassen« als der einbrechenden Natur oder was auch immer zu verteidigen (darum ist der oft als Alternative zur »Islamophobie« vorgeschlagene Begriff »antimuslimischer Rassismus« irreführend), sondern vor der wachsenden Macht einer religiösen Gemeinschaft, die gleichermaßen beargwöhnt wie beneidet wird, weil sie ganz ohne eigenes »schaffendes Kapital«, oder anders gesagt: ohne europäische Werte triumphieren kann – und der man, wegen ihres ausgeprägt judenfeindlichen Charakters, beim besten Willen nicht zu unterstellen vermag, dass sie ein Instrument des »raffenden Kapitals«, der Weltverschwörung des Judentums, sei.

Um das wieder zu entzerren: Der Antisemit des Abendlandes will das schaffende Kapital gegen die Muslime verteidigen, die ihrerseits ganz ohne schaffendes Kapital auskommen.
Wer argwöhnt, Scheit werfe hier zusammenhanglos ein paar Phrasen-Bruchstücke aus dem antikapitalistischen Fundus in die Islam-Runde, hat recht. Aber auch davor ist es interessant: “Die Muslime stellen (…) eine einzige große narzisstische Kränkung dar”. Es ist nicht etwa so, dass sie den Antisemiten kränken würde, nein, sie selbst stellen eine Kränkung dar. Vielleicht muss man in der Lage sein, seinen Namen zu tanzen, um zu wissen, wie ein Mensch eine Kränkung darstellt.

Dass Scheit das, was er zitierend “schaffendes Kapital” nennt, “anders gesagt” auch als “europäische Werte” bezeichnen kann, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er längst seine eigene, ganz private Sprache spricht und schreibt. (Genau genommen gehört auch noch “das Abendland” in diese Reihe: “das Abendland als (…) das »schaffende Kapital«”, es ist halt alles irgendwie dasselbe.)

Wenn das auch alles gar keinen Sinn gibt, so kann man immerhin zwei weitere Häkchen auf der Liste antideutscher Phrasen machen: Die narzisstische Kränkung und das konkrete (Kapital) haben ihren Auftritt gehabt, wobei letzteres in diesem Fall auch für Martin Heidegger einspringen muss, der verblüffenderweise keine Rolle in Scheits Text spielt.

Beim Attentäter von Norwegen hat dieser Neid sich offenkundig ins psychopathische Extrem gesteigert – wobei deutlich wird, dass es bei ihm genau die nichtstaatliche Gewalt selber ist, die ihn so sehr fasziniert, als das, was die Antisemiten des Abendlands der Zivilisation opfern und ans Gewaltmonopol abgeben mussten, damit das Kapitalverhältnis überhaupt durchgesetzt werden konnte. Der Jihad schafft, was man selbst nicht mehr vermag: terroristische Rackets zu formieren. Und so verkleidete sich dieser Führer, der keine Masse mehr hinter sich vereinen kann, mit den seltsamsten Phantasie-Uniformen.

Es ist keine analytische Meisterleistung, Anders Breivik einen psychopathischen Extremismus zu attestieren. Und einer Privatperson, die gerade 70 Menschen hingemetzelt hat, eine gewisse Faszination mit “nichtstaatlicher Gewalt” nachzusagen, ist auch nicht der ganz große Wurf. Es bleibt die implizite Behauptung, nichtstaatliche Gewalt sei ein Vorrecht der Muslime oder so etwas wie ein konstituierendes Phänomen muslimischer Gesellschaften. Denn auch wenn hier jetzt vom Jihad die Rede ist, sollte es doch der Neid auf “den Islam” sein, der Breivik ganz allein antrieb. So wirft Scheit Begriffe durcheinander, mit dem Ergebnis, dass Islam und Jihad scheinbar dasselbe werden.
Der Jihad ist hier auf einmal Subjekt und schafft es, Rackets zu formieren. Nicht Menschen formen terroristische Banden, der Jihad tut es. Wiederum haben wir hier Menschen auf der einen Seite, die etwas nicht schaffen, und eine Ideologie auf der anderen, die etwas schafft. Das ist schlicht unsinnig. Und führt zu einer einfachen Frage: Warum vermögen die europäischen Antisemiten es nicht, terroristische Banden zu bilden, wo das doch laut Scheit ihr tiefer Wunsch ist? Was hindert sie, aber nicht die Jihadisten?

Mit dieser pathologischen Intensivierung des postnazistischen Charakters hängt zusammen, dass er als Antisemit für Israel Partei ergreift, oder besser gesagt: für die Projektion, die er für Israel ausgibt, eine Art Tempelritter-Ordensgemeinschaft.

Auf einmal wird aus einem Norweger, der mit Deutschland und Österreich nichts zu tun hat, ein postnazistischer Charakter. Dabei war die Postnazismus-Theorie mal darauf ausgelegt, den Begriff des “Antideutschen” dadurch zu begründen, dass hierzulande ein besonderes Bewusstsein herrsche, eben der Postnazismus, der den deutschen Nationalismus von dem anderer Länder unterscheide. Diese Theorie hat seit Jahren mit der Realität zu kämpfen, und wieviel sie noch taugt, könnte man an anderer Stelle diskutieren. Dass mit Scheit einer ihrer Vertreter ohne weiteren Kommentar einem Norweger unterstellt, er weise einen postnazistischen Charakter auf, illustriert die Probleme bereits ganz gut.

Dazu ist es nötig, eine absolute Trennung zwischen Israelis und den Juden in der Diaspora vorzunehmen: Während Breivik in Europa »kein Judenproblem« mehr erspäht, womit er post festum die Shoah bejaht, möchte er für die USA, wo er dieses »Problem« hervorhebt, auch heute den Lösungsversuch Hitlers nicht ausgeschlossen wissen. So sucht er Deckbilder für jene Juden, die seinem israelischen Ritterorden nicht entsprechen, um sie in alter antisemitischer Weise als »Kulturmarxisten« zu verfolgen, und konzen­triert sich hier wohl nicht zufällig auf die Frankfurter Schule, die schon immer als Inbegriff der »Verjudung« galt.

Nun fragen wir uns alle: Was ist denn bitte ein Deckbild? Google verweist uns an die Dachdecker, aber näher kommen wir der Sache über Wikipedia bei Adorno: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ Nun braucht aber ein Antisemit, der offenherzig vom Judenproblem der USA redet, offenkundig kein Deckbild, weil für ihn der Antisemitismus nicht verpönt ist. Und auch wenn der Ausdruck “Kulturmarxist” das Deckbild wäre, würde Scheits Satz mal wieder keinen Sinn geben: “So sucht er Deckbilder für jene Juden,(…) um sie (…) als ‘Kulturmarxisten’ zu verfolgen.” Es müsste heißen: “Er benutzt den Ausdruck “Kulturmarxist” als Deckbild, um sie zu verfolgen.” Wobei der Begriff “verfolgen” hier wiederum falsch ist, weil Breivik zwar antisemitische Texte verfasst, aber keine Juden, sondern Sozialdemokraten verfolgt hat.

Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern.

Die Schlüsselwörter hier sind “wie auch sonst”. Während Gerhard Scheit sich wenigstens die Mühe gemacht hat, Breiviks Antisemitismus zum Thema zu machen und nun in dieser Richtung – wenn auch nicht schlüssig – weiter argumentieren könnte, dass bei Breivik, also “hier”, keine Rede von Islamophobie sein dürfe, so hat er doch über alle anderen möglichen Zusammenhänge, in denen man den Begriff benutzen könnte, kein Wort verloren. Er ignoriert diesen blinden Fleck und dekretiert einfach, dass “auch sonst” niemand von Islamophobie reden könne, nirgends.

Aber auch ohne das wäre sein Satz offenkundiger Blödsinn: Man kann mit allerlei guten oder schlechten Absichten von Islamophobie sprechen, ohne dass das sinnvoll sein muss, zum Beispiel auf naive Art, ganz ungebildet oder auch ganz elaboriert. Die Möglichkeiten sind buchstäblich endlos. Man kann ihn natürlich auch in genau der Absicht benutzen, die Scheit grundsätzlich unterstellt, aber Scheit will nicht einfach sagen, dass er den Begriff unsinnig oder gefährlich findet, er kann nicht benennen, wer ihn in welcher falschen Absicht benutzt und warum man ihn am besten gar nicht benutzen sollte – er kann nur die radikalste und gleichzeitig allgemeinste Variante wählen und sagen: Jeder, der davon spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Offensichtlicher kann man kaum die Unwahrheit sagen.

Es gibt keine Islamophobie.

Auch darüber lässt sich streiten, insbesondere eben im Zusammenhang mit Breivik. Henryk Broder, der im übrigen von denjenigen, die sich stets vor Kühnheit zitternd “Islamkritiker” nennen, heftig verteidigt wird, wurde in Breiviks Manifest mit der Auffassung zitiert, Europas Ethos werde perfekt ausgedrückt durch eine vergewaltigte Frau, die “darüber räsonierte, dass es besser wäre, sich nicht zu wehren, wenn man mit dem Leben davon kommen will.” Nun braucht es für einen Ethos, der das Ertragen einer Vergewaltigung gegenüber dem Riskieren des eigenen Todes bevorzugt, zunächst einmal einen Vergewaltiger, sonst wäre das ganze Bild sinnlos. Das ist in diesem Fall der Islam. Und was anderes als eine irrationale, wahnhafte Angst, eine Phobie also, ist die Vorstellung, Europa werde vom Islam vergewaltigt und habe Angst vor dem Tod? Man muss also nicht so ganz weit ausholen, um eine mögliche Verwendung für den Begriff der Islamophobie zu finden.

Scheit weiter:

Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind.

Das stimmt ausnahmsweise. Und auch wenn Scheit das hier formal nur den Antisemiten zuschreibt, darf man anmerken: Für oder gegen den Islam zu sein ist für jeden einzelnen Menschen ein ziemlich größenwahnsinniges Unternehmen. Der Islam ist Realität, wie andere Religionen auch, es wird nicht helfen, “dagegen” zu sein.

Und was bleibt, ist der Kampf gegen den Antisemitismus. Er schließt umso mehr die radikale Kritik des Islam ein, als dessen politische Theologie von den Antisemiten anderer Religionen und Parteien beneidet wird.

Fight on, Gerhard. Fight on. Mich würde nur interessieren, wie dieser Kampf im Idealfall abläuft. Schreiben Scheit und Genossen noch mehr Artikel, die niemand lesen kann? Und wird der Islam weniger attraktiv für seine autoritären, antisemitischen, frauenfeindlichen und tendenziell faschistischen Anhänger, wenn durch die “radikale Kritik” ans Licht kommt, dass er im Kern autoritär, antisemitisch, frauenfeindlich und tendenziell faschistisch ist?

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Nachtrag: Ich musste oben zwei Sätze durchstreichen, weil mir da ein in diesem Zusammenhang natürlich peinlicher Fehler unterlaufen war. Selbstverständlich können Zeichen auf etwas hindeuten. Sei es drum.

In einem tragikomischen Interview in der SZ beklagt heute ein Martin Forberg, der als Journalist vorgestellt wird und im Internet bisher doch nur als Aktivist aufgetreten ist, die Behandlung durch die israelischen Sicherheitsbehörden.

Wir wollten zunächst einmal den palästinensischen Alltag kennenlernen. Die Idee hinter der Aktion war, auf die Probleme der Menschen in den besetzten palästinensischen Gebieten hinzuweisen. Vor allem auf die mangelnde Bewegungsfreiheit.

Das ist interessant: Forberg und Konsorten wollen auf etwas hinweisen, was sie selbst erst noch kennenlernen müssen. Sie haben also keine Ahnung, wie es in den palästinensischen Gebieten zugeht, wollen aber genau darauf aufmerksam machen. Eine beachtliche Anmaßung, wie man sie bei Leuten, die sich für die Guten halten, öfter findet.

Die Überschrift, die der Interviewer gewählt hat, ist “Es war eng und heiß in der Zelle”. Wer hätte das gedacht, in Israel im Juli, heiß? Eine Zelle, eng? Forberg beschreibt sein Eingesperrtsein als “eine unangenehme Situation.” Tatsächlich? Gefängnis, unangenehm? Und dann: “Der Ton war vorwiegend rau.” Polizei, rauer Ton? Man kann es kaum glauben. Dabei ging dieses ganze Martyrium sogar über vier Stunden lang, bis die Leute von der israelischen Staatsmacht, die anzuklagen sie ja angereist waren, in ein anderes Domizil gebracht wurden:

Das Gebäude war heller und größer, auch der Ton der Beamten wurde deutlich freundlicher. Wir waren in Vierbettzimmern untergebracht, in der Mitte ein Tisch. Die Zellentüren waren von neun bis 21 Uhr geöffnet. Es gab Duschen und etwas zu Essen, wir wurden von Ärzten betreut. Außerdem wurde uns in einem Vortrag erklärt, wir sollten das Gebäude nicht als Gefängnis begreifen, sondern als “unser Haus für die nächsten Stunden oder Tage”.

Der Horror! Denn:

Hier fand aber durchaus eine subtilere Kontrolle statt. Zur Mittagszeit besuchten uns zwei Vertreterinnen der deutschen Botschaft.

Frechheit! Ob diese Sätze überhaupt zusammenhängen oder ob die subtilere Kontrolle etwas anderes meint, bleibt offen. Subtil zeigte sich nun also die hässliche Fratze des Faschismus, und “geschmeidig”:

Allerdings wurden Einzelgespräche vorgeschrieben, Gruppengespräche verhindert. Auch der Austausch mit unseren Kolleginnen, die wir anschließend wiedertrafen, wurde geschmeidig abgeblockt.

Dabei wollte der Mann doch nur nach Palästina, und man hat ihn nicht gelassen. Hat man nicht?

Einige hätten nur nach Israel reisen können, andere auch in die Westbank. Bei mir war die Bedingung, dass ich mich nicht in “Unruhebereichen” aufhalten dürfe. Ich habe dies abgelehnt.

Kurz übersetzt: Man hat ihm zu verstehen gegeben, dass er hinreisen könne, wo er wolle, solange er keinen Ärger mache, und er hat das dann abgelehnt. Da fragt dann selbst der hartgesottene Grenzer ungläubig nach:

Als ich erwähnte, das ich es für legitim hielte an gewaltfreien Demonstrationen teilzunehmen, war die Angelegenheit für die Gesprächspartner ohnehin erledigt. Sie haben allerdings noch zweimal nachgefragt.

“Erledigt” heißt in diesem Fall “nicht erledigt”. Weiter mit kruder Logik:

Natürlich hat Israel, wie jeder andere Staat, das Recht, zu bestimmen, wer einreist und wer nicht. Aber der einzige Weg nach Palästina führt eben über Israel. Und wenn dieser Transitkanal dichtgemacht wird, dann ist das ein Problem, auf das man hinweisen muss.

Hier beklagt Forberg ein Problem, dass er und seine Freunde selbst erst verursacht haben. Denn wer nicht großspurig ankündigt, dass er kommt, um zu demonstrieren, der kann ganz einfach in die Westbank reisen. Dass der Transitkanal dichtgemacht wird, war in diesem Fall also eine Reaktion auf die Aktivisten selbst, die es sich dann wiederum zur edlen Aufgabe machen, auf diese Reaktion hinzuweisen.

Mir bleibt auf die tatsächliche Situation hinzuweisen, wie sie im Dezember war und sich nach Nachrichtenlage offenbar nicht geändert hat: Aus Jerusalem erreicht man Jenin, Nablus, Ramallah oder Hebron mit Bussen und Sammeltaxis ganz einfach, und das in der Regel ohne jede Kontrolle. Die Checkpoints sind seltener geworden, und an denen, die noch besetzt sind, werden nur stichprobenartige Kontrollen gemacht. Das heißt, dass Israel den Personenverkehr in die Gebiete kaum kontrolliert. Das ändert sich erst, wenn man zurückkommt, also nach Israel einreist und dabei eine Linie passiert, die nach allgemeiner Überzeugung eine internationale Grenze werden soll.

Bei der SZ muss man sich fragen lassen, warum eigentlich der Interviewer emotionaler bei der Sache zu sein scheint als der etwas naive Palästina-Aktivist, warum der wiederum als Journalist vorgestellt wird und warum man ein solches Interview überhaupt komplett veröffentlicht, anstatt es zu einem Zehnzeiler zu verarbeiten.

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