Articles by Bonde

Ziemlich hübsch.

Wie die Israelsolidarität, wie man sagt, auf den Hund kommt und die Kreise, die früher mal antiamerikanische Ressentiments in der deutschen Linken kritisiert haben, als Oberkritiker des amerikanischen Präsidenten auftreten, das kann man exemplarisch bei der Gruppe Monaco aus München nachlesen.

Eine wahrscheinlich als sehr elaboriert empfundene Prosa im Einleitungsabsatz lässt sich so zusammenfassen: “Die (deutschen) Menschen mögen keine Überraschungen, trotzdem sind sie für die Anerkennung eines Palästinenserstaates durch die UN!”

Das ist hanebüchener Quatsch in drei Teilen: Erstens hat das eine so überhaupt gar nichts mit dem anderen zu tun, dass es mir ins Lachen gefallen ist. Zweitens ist das mit den Überraschungen Geschwätz über Banalitäten, unter jeder Kritik. Drittens stimmt das mit der Staatsgründung nicht: In Deutschland haben wahrscheinlich weniger Menschen eine Meinung über den neuesten palästinensischen Diplomatie-Move als über die SG Wattenscheid 09. Wer etwas anderes behauptet, müsste es belegen oder zumindest Indizien anbieten, die darauf hindeuten. Ein allgemeines Unbehagen am Judenstaat kann man gewiss konstatieren, eine selbstverständliche Zustimmung zu hier kaum diskutierten diplomatischen Manövern bedeutet das noch lange nicht.

Weiter behauptet die Gruppe Monaco:

“Dass Barack Obama sich neuerdings, abgesehen von einigen Gebietsaustauschen, positiv auf die Grenzen von 1967 bezieht, kann ebenfalls nur als Aufforderung zur Kapitulation vor der neuen palästinensischen Einheitsfront aus Hamas und Fatah verstanden werden. Denn auch wenn Netanjahu immer nur damit zitiert wird, dass Israel ohne die Golanhöhen nicht zu verteidigen sei, hält es keine Zeitung für notwendig, auch nur einmal die Frage zu stellen, ob er nicht Recht haben könnte. Alles, was die israelische Regierung sagt, wird, ohne das geringste Zögern, als „Kriegspropaganda“ denunziert.”

Um hinten anzufangen: Natürlich findet man außerhalb durchgeknallter linker und rechter Kreise niemanden, der alles (!), was die israelische Regierung sagt, Kriegspropaganda nennt. Über dramatisierende Formulierungen wie “ohne das geringste Zögern” muss man fast lachen, wenn sie nur da stehen, um das inhaltliche Desaster zu überdecken. Das hat indes schon zwei Sätze vorher angefangen: Der Golan wird in München verteidigt, und zwar gegen Barack Obama. Dass der, als er von den Grenzen von 67 mit ausgehandelten Gebietsaustauschen sprach, natürlich von den Grenzen zwischen Israel und Palästina sprach, nicht etwa von denen mit Syrien, muss man wissen, bevor man kluge Belehrungen an den amerikanischen Präsidenten ins Internet stellt. Dann wüsste man auch, dass es mitnichten um die Golanhöhen geht, wenn derzeit von Grenzen die Rede ist.

Kaum noch ins Gewicht fällt bei diesem Quatsch die Tatsache, dass die Grenzen von 67 schon lange die Grundlage aller Verhandlungen sind und die Gebietsaustausche, die dafür sorgen würden, dass der Großteil der jüdischen Siedlungen an Israel fiele, ein entscheidendes Element sind und keine Nebensache. Darüber hinaus ist das, was Obama vorgeschlagen hat, keineswegs eine Kapitulation – schon gar nicht vor einer “palästinensischen Einheitsfront”, weil eine solche gar nicht existiert, im Gegenteil. Die Zwei-Staaten-Lösung ist die beste Lösung für Israel, genau genommen ist es die einzige, weil nur sie einen demokratischen Judenstaat sichern kann. Die Zwei-Staaten-Lösung als Ziel zu formulieren ist insofern eine Selbstverständlichkeit für Freunde Israels. Dass sie in absehbarer Zeit nicht funktionieren kann bzw. keinen Frieden bringen wird, weil die Palästinenser sie nicht wollen, ist klar, und auch das spricht gegen die Gruppe Monaco: Sie stellt die Forderung nach etwas, was Fatah und Hamas mehr oder weniger explizit NICHT wollen, als Kapitulation vor denselben dar.

Neben diesem offenkundigen Unsinn sind es die prätentiösen Formulierungen, die den Text so ärgerlich machen. Da ist dann die Rede von “der nur als zweites Seeräuberkommando zu bezeichnenden Free-Gaza-Flotilla”. Ach ja, ist da tatsächlich keine andere Bezeichnung möglich? Warum nicht? Hier werden Begriffe beliebig benutzt, ungeachtet ihrer Bedeutung. Die Behauptung, dass etwas “nur so zu bezeichnen” ist, heißt jetzt nicht mehr, dass man etwas nur so und nicht anders bezeichnen kann, sondern nur, dass der Autor diese seine Formulierung wirklich schmissig findet. Das ist Sprachzerstörung, und die ist ärgerlich.

Im letzten Absatz wird es dann nochmal interessant:

Wenn die Palästinenser im September von der UN einen Staat zugesichert bekommen, könnte dieser widerliche Antisemit und Holocaustleugner tatsächlich insofern Recht haben, als dass die Vernichtung der Juden auf israelischem Boden gelingen kann. Wenn das passiert, dürfte das den durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer noch unter Umständen betroffen machen, ihn aber ebenso wenig wie Barack Obama und die UN überraschen. Was Samanda und Rebecca vom Astrokanal dazu sagen würden, ist uns allerdings nicht bekannt.

Die Vernichtung der Juden kann also gelingen, wenn die UN auf dem Papier einen palästinensischen Staat anerkennen? Das ist grotesker Alarmismus, über dessen Gründe man nur spekulieren kann. Eine iranische Atombombe wäre eine existentielle Bedrohung für Israel, die arabischen Terrorgruppen sind es nicht.
“Die Vernichtung der Juden”, die hier beschrieen wird, soll dann also Barack Obama nicht einmal überraschen. Man muss das noch einmal ausbuchstabieren: Laut der Gruppe Monaco rechnet der amerikanische Präsident insgeheim mit einem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Israels. Das geht leider nicht als Polemik durch, das ist fortgeschrittener Wahnsinn. Aber schön zu sehen, dass man sich an der Rede vom “durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer” – das muss ungefähr so etwas wie Hitlers Reinkarnation sein – so berauscht, dass man sie gleich noch einmal bringt. Was es über die Autoren aussagt, wenn sie nach der Abhandlung über einen nahenden Massenmord einen schalen Witz über Wahrsagerinnen vom Astrokanal machen, darf sich jeder selbst denken.

Herzlich willkommen bei verbrochenes.net, dem Magazin für versteckte Nacktheit und soziale Kälte. Wir beschäftigen uns heute mit verschiedenen Phänomenen und over-usen den entscheidenen Vorteil von Blogs: Da kann man reinschreiben, was man will.

Bei Spiegel Online kann man heute was fürs Ego tun und folgende Frage endlich mal klären: “Wissen Sie mehr als amerikanische Schulkinder? Machen Sie den Test.” Das erinnert an den Einstellungs-Test beim Spiegel, auch dort kann man nur arbeiten, wenn man mehr weiß als ein Schulkind. Tough! Aufhänger des Artikels ist natürlich die absolute Ahnungslosigkeit von amerikanischen Schulkindern inklusive dem wichtigen Hinweis, dass die deutsche Jugend die Nase vorn hat: “In zwei von drei Kompetenzfeldern schlugen deutsche 15-Jährige die amerikanischen Altersgenossen deutlich.” Im Kompetenzfelde unbesiegt, es gibt Hoffnung.

Irritiert habe ich zur Kenntnis genommen, dass der Test, in dem ich doch die Yankee-Gören übertreffen wollte, mit einer ganz anderen, gar konträren Zeile überschrieben ist: “Wie amerikanisch sind Sie?” Überhaupt nicht, das ist es ja! Der Test ist dann so lausig aus dem Amerikanischen übersetzt, dass schon in der ersten Frage von “kolonialen Frauen” die Rede ist, mit denen wahrscheinlich Amerikanerinnen vor dem Unabhängigkeitskrieg gemeint sind, aber das muss man sich dann schon herleiten. Ein innovativer Vorschlag: die Bildungsmisere in den USA mit der kolonialen Vergangenheit begründen und den Briten die Schuld geben. Ich würds tun. Noch bin ich aber kein Amerikaner, jedenfalls nicht auf dem Papier, aber das wird sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (~2%) ab dem 15. Juli ändern, wenn erneut Green Cards verlost werden. Bis zur Staatsbürgerschaft ist es dann nicht mehr weit, erstmal muss ein Job als Tellerwäscher her. Wobei ich befürchte, dass an diese karriereträchtigen Jobs als Tellerwäscher in den USA kaum noch ein Rankommen ist, logisch.

In other news: Die skurrilen Verschwörungsspinner von der Band “Die Bandbreite” sind mächtig angepisst. Das liegt daran, dass sie ihre Kunst bei den nationalen Sozialisten von der DKP nicht zeigen dürfen. Komplizierte Geschichte, die man hier genauer nachlesen kann. Interessant ist das deshalb, weil man über die Dokumentation im Reflexion-Blog einen Einblick in die Untiefen linker Befindlichkeiten bekommt, in denen Ressentiments gegen die USA und Israel sich noch offener zeigen als im Rest der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es menschlich interessant, wie beleidigt die beiden erfolglosen Musiker jetzt sind und wie verbittert sie sich über die Kritik an ihnen beschweren. Glückwunsch an Reflexion, ich habe sehr gelacht.

Einen eigenen Blog-Eintrag wäre sicherlich die Veranstaltung mit Jonathan Spyer wert, die gestern abend stattgefunden hat und die die bisher beste in einer von SPME und dem Mideast Freedom Forum Berlin Reihe war. In der Reihe war vorher Bassam Tibi da gewesen, der leider vor allem über sich selbst geredet hat. Und dann gab es eine groteske Veranstaltung mit Ralf Fücks und Yaacov Lozowick, in der Fücks immer aggressiver wurde, das Publikum äußerst unangenehm anging und schließlich bekannte, er sei Anhänger der Ein-Staaten-Lösung für den Nahost-Konflikt, auch wenn die “utopisch” sei. Man kann sich das alles hier im Video angucken, muss man aber nicht, jedenfalls nicht, wenn man mit Yaacov Lozowicks Argumentation bereits vertraut ist. Nun jedenfalls war Jonathan Spyer da, der sehr professionell und gut informiert über Syrien sprach. Spyer stellt fest, dass mit Tunesien und Ägypten bisher zwei Machthaber, aber noch kein Regime im “Arabischen Frühling” gestürzt wurden, und dass, wenn Assad sich im Amt hält, das strategische Ergebnis bisher eine Stärkung der antiwestlichen Achse um den Iran ist, eine Schwächung des Westens, der Mubarak verloren hat, und eine allgemeine Destabilisierung des Nahen Ostens. Dass Assad sich wird halten können, ist wahrscheinlich. Einen Teil von Spyers Analyse konnte man schon im April im Guardian lesen.

Interessant ist hier der Fokus auf strategische Fragen, Sicherheits- und Interessenpolitik. Während sich die irgendwie israelsolidarische Szene, ob antideutsch apostrophiert oder nicht, hierzulande vor allem auf eine mehr oder weniger taugliche Ideologiekritik verlegt, gerät in den Hintergrund, dass man mit Ideologie allein in den internationalen Beziehungen wenig erklären kann.
(Hier sollte sich eigentlich ein weiterer Text anschließen, den habe ich jetzt aber in den nächsten Blogpost verlegt.)

Nachdem Millionen Menschen in Deutschland nicht an EHEC gestorben sind, atmet das Land tief durch und erwartet die nächste Katastrophe. verbrochenes.net hat verschiedene Vorschläge.

BANGzin

Durch fehlerhaftes Benzin explodieren immer wieder Autos auf der Straße, es gibt bereits in den ersten beiden Tagen mehr als 70 Tote. Durch Zufall erwischt es erst nur ausländische Autos, weshalb das Ereignis zunächst vorsichtig positiv bewertet wird. Als bald darauf reihenweise Stuttgarter Edel-Autos in Flammen aufgehen, dreht sich die Stimmung. Guido Westerwelle will sich offiziell bei der OPEC beschweren, aber da geht keiner ans Telefon. Es gibt einen Run auf Bio-Benzin, während es überall im Land zu weiteren Explosionen kommt; die Quelle und die Abnehmertankstellen des fehlerhaften Sprits sind nicht ausfindig zu machen. Als sich herausstellt, dass das Problem nur bei Geschwindigkeiten unter 120km/h auftritt, glauben viele, das Gröbste überstanden zu haben. Als nach zehn Tagen aber die 1000er-Marke bei Todesfällen überschritten wird, entschließt sich das Verbraucherschutzministerium zu drastischen Maßnahmen: Es empfiehlt allen Deutschen, vorerst nicht mehr Auto zu fahren. Die Bevölkerung reagiert erleichtert ob dieser Hilfestellung, verbrochenes.net und die FDP sprechen hingegen von “Panikmache”. In Friedrichshain brennt ein Geländewagen. Als die befreite Nation schließlich auf glänzenden Fahrrädern unterwegs Richtung Kommunismus ist, wird sie von einer neuen Bedrohung jäh gestoppt.

Polen macht mobil

An einem schönen Sommermorgen erblicken zwei unschuldige deutsche Touristen auf der polnischen Seite der Oder mehrere junge Männer auf Pferden. Nur sieben Kilometer entfernt werfen möglicherweise unter Alkoholeinfluss stehende Polen Böller in den Fluss. Gleichzeitig ist der Radioempfang in Berlin zeitweise gestört. Obwohl ein Zusammenhang zu den Grenzzwischenfällen weder bewiesen noch vorstellbar ist, wird man in Deutschland unruhig. In Görlitz bauen Beschäftigungslose am größten Zaun der Welt. Überall im Land kommt es zu Hamsterkäufen, sogar Gurken gehen gut. Eine große Zeitung fragt besorgt: “Schon wieder?” KT zu Guttenberg wird von der Landsmannschaft Schlesien wieder zum Verteidigungsminister ernannt und erstürmt mit seinen Getreuen den Bendlerblock. Es gibt keine Gegenwehr. Als ersten Amtsakt verkündet zu Guttenberg die Allgemeine Helmpflicht. Bis tatsächlich alle Deutschen mit den besonders sicheren Kopfbedeckungen ausgestattet werden können, vergehen fünf Wochen. Die polnische Offensive bleibt weiter aus, die CSU reklamiert diesen Erfolg für sich und ihren Minister. Bauernverbände machen Druck auf die Regierung und fordern eine “Versöhnungsoffensive”, da die neue Spargelerntezeit naht. Schließlich geht ein Anruf aus Warschau bei Angela Merkel ein, in dem Polen Deutschland offiziell den Krieg erklärt. Der Anruf stellt sich aber schnell als Scherz heraus. Der BDI ruft die Bürger dazu auf, ihr Leben einfach weiterzuleben und sich keineswegs einzuschränken. Zu Weihnachten soll die Helmpflicht überprüft werden, sie soll aber aus pragmatischen Gründen mindestens bis Silvester beibehalten werden.

Nanopartikel

Als im Sommer zwei Rentnerinnen in Rostock und Garmisch sterben, reagieren die Medien verunsichert. Was war geschehen? Nach drei Wochen Recherche hat “Der Spiegel” das Geheimnis gelüftet. Neben einem Bild vom Führer finden sich auf dem Titel des Blatts drei kleine Punkte, und die Überschrift fragt: “Erst Hitler. Jetzt Nanopartikel. Warum trifft es immer die Deutschen?” Fortan sieht sich die ganze 80plus-Generation durch Nanopartikel bedroht. Seitenlang wird in allen Medien erklärt, was Nanopartikel eigentlich sind, nur in der Redaktion von verbrochenes.net kratzt man sich unentwegt ratlos am Kopf, während die letzten Kriegskinder im gesamten Bundesgebiet fallen wie die Fliegen. “Nanograd” wird zum schmissigen Titel für das Ereignis, das die Rentenkassen alle sieben Sekunden um einen lieben Menschen entlastet. Keinen Tag zu früh wird Sprühsahne als Ursache ausgemacht – ein Produkt, dass es nach dem Tod seiner gesamten Käuferschicht nun nicht mehr geben wird. Die verbliebenen Nanopartikel werden einzeln eingesammelt und zu Raumschiffen verbaut.

verbrochenes.net ruft zur Wahl von Wilko Zicht in die Bremer Bürgerschaft auf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits werden wir dafür von den undurchsichtigen, sehr wohlhabenden Kreisen bezahlt, die hinter der Kandidatur von Wilko stehen. Andererseits ist Wilko einer der besten Menschen, die der Redaktion bis heute bekannt geworden sind. So ergibt sich ein Gesamtbild, das nur einen Schluss und eine Handlungsanweisung an alle Bremer zulässt: Wilko Zicht muss mit allen fünf Stimmen gewählt werden.

“Dieser Zicht”, wie er bei Werder zuweilen liebevoll genannt wird, vertritt durchweg vernünftige Positionen. Deretwegen könnte man ihn wählen, muss man aber nicht. Man muss ihn wählen, erstens weil ihm der wunderbare Arbeitsplatz, der die Bürgerschaft sicher ist, von Herzen zu gönnen ist, und zweitens, weil unbedingt ein richtiger Fußballfan in die Volksvertretung gewählt werden muss. Und drittens, weil Wilko der einzige ist, der groß, stark und entschlossen genug ist, um einem möglichen NPD-Vertreter eine kräftige Ohrfeige zu verpassen.

Da man als Wähler ein gewisses Erpressungspotential gegenüber wiederwahlorientierten Abgeordneten hat, können wir schon jetzt Forderungen für die Zukunft aufstellen. Konkret wäre da der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Hamburg, sowie der Austritt aus der BRD. Die Verstaatlichung des Weserstadions, eine Werder-Steuer, Verbot von HSV-Fanartikeln, all das ließe sich mit einer absoluten Mehrheit für Wilko Zicht vielleicht irgendwann bewerkstelligen. Denn machen wir uns keine Illusionen: Ein Sitz für Wilko mag vorerst reichen, in der Zukunft allerdings sollte dieser Zicht schon in Fraktionsstärke einziehen. Bis dahin sollten wir ihn alle für seine weitsichtige Entscheidung, für die Grünen anzutreten, loben. Die boomende Bürgerpartei ist das perfekte Vehikel für die aktuelle Kampagne.

Um die dahinsiechende Bremer Demokratie zu übernehmen, braucht es nur wenige Wähler, die fünffach das Kreuz an der richtigen Stelle machen. Die ist in diesem Fall auf Liste 3, Platz 28.

ACHTUNG: Wer nicht wählen geht, unterstützt dabei statistisch gesehen die Landung von Außerirdischen, die unsere Gehirne auslöffeln und Florian Silbereisen zum König machen wollen. Es ist deshalb unbedingt nötig, dass Ihr alle zur Wahl geht. Wer fünf Freunde mit ins Wahllokal bringt, bekommt dort Stempel ins neue Bonusheft und darf nächstes Mal einen Abgeordneten für ein Jahr mit nach Hause nehmen. Na, wenn das nichts ist!

Wichtige Fragen:

Ist es wahr, dass Wilko Zicht in seiner Freizeit gerne Katzenbabies aus brennenden Bäumen rettet?

- Ja, das ist wahr, er macht aber keine große Sache draus.

Wird Wilko als Kriegssenator Hamburg den Krieg erklären?

- Nein, denn die Hamburger haben uns längst den Krieg erklärt. Wir werden uns allerdings wehren, wie es unser Recht ist.

Unterstützt Klaus-Dieter Fischer die Kandidatur von Wilko Zicht?

- Nein, das hat ihm seine Frau verboten.

Kann ich auch andere Politiker oder Parteien wählen?

- Nein. Wilko Zicht ist der einzige Politiker.

Sind die Grünen nicht ziemlich uncool?

- Pass mal auf, Du Klapskalli, jetzt auf die Grünen zu schimpfen, nur weil die gerade im Aufwind sind, macht Dich nicht zum kritisch und unabhängig denkenden Supertypen, sondern entlarvt Deine Profilneurose. Kapiert?

Ich möchte jede hier im Verlauf der Saison geäußerte Kritik am SV Werder Bremen oder dessen Angestellten zurücknehmen. Das gilt insbesondere für Thomas Schaaf und Klaus Allofs. Ich bekenne, dass jedes schlechte Wort eine Anmaßung war, die mir nicht zustand und niemals zustehen wird. Ich beantrage nun die Wiederaufnahme in den Kreis der seligen Werder-Fans, also in die große Werder-Familie. Ich glaube ab sofort fest an eine erfolgreiche nächste Saison. Sollte sie nicht so erfolgreich sein wie die anderen seit 2004, glaube ich schon jetzt, dass es an den sportlich Verantwortlichen nicht gelegen hat, sondern dass diese im Gegenteil noch größere Misserfolge verhindert und das Optimale aus den Möglichkeiten des SV Werder gemacht haben.

Weiter glaube ich an das große Potential jedes einzelnen Spielers und warte geduldig darauf, dass es ausgeschöpft wird. Falls hier der Eindruck entstanden sein sollte, dass die Fähigkeiten beispielsweise unseres offensiven Mittelfelds nicht prinzipiell gigantisch sind, möchte ich mich dafür entschuldigen. Ich habe mich selbst zu wichtig genommen und unangemessene Hetzschriften verfasst. Damit werde ich sofort aufhören und hoffe, dass meine Reue mich zurück in die große Familie kommen lässt.

Ich möchte Thomas Schaaf zu meinem Vorbild machen. Nie wieder werde ich ihn als den “Irren von Bremen” bezeichnen oder mir öffentlich oder nichtöffentlich respektlose Gedanken über seinen Geisteszustand machen. Ich werde ab jetzt täglich mehrere eigens dafür aufgezeichnete Jubelbeiträge der örtlichen TV-Anstalten ansehen, in denen Thomas Schaaf als der Held gewürdigt wird, der er für diese Stadt ist und bleibt und bleibt und bleibt.

Zur Selbstreinigung werde ich drei Wochen fasten. Ich werde in dieser Zeit darüber nachdenken, was mich dazu getrieben hat, so schlecht über das große Ganze zu sprechen, das Werder Bremen ist. Ich werde alle bösen Gedanken exorzieren und mich wieder dem Licht zuwenden. Ich bin den Streit leid. Ich möchte mich ausruhen im warmen Schoße der großen Gemeinschaft.

Osama bin Laden ist tot, und er war auch nur ein Mensch. Deshalb ist auf jeder deutschen Nachrichtenseite mindestens ein nachdenklicher Beitrag zu finden, der sich in moralischen Erwägungen über die angemessene Reaktion auf den Tod des Massenmörders ergeht. Bei der FAZ macht das Frank Schirrmacher, und er zitiert zunächst zustimmend einen Vatikanvertreter: „Ein Christ sollte niemals den Tod eines Menschen begrüßen.“ So geht katholische Seelsorge, die noch den schlimmsten Peiniger in Schutz nimmt, ob im Alltag oder im Falle des bekanntesten Terroristen der Welt. Es ist offensichtlich, dass eine solche Niemals-Regel vielleicht im Leben eines Kirchenfunktionärs funktioniert, in der echten, gewalttätigen Welt aber wenig nützt. Weil sich nun nicht alle, die nach moralischen Grundsätzen suchen, unbedingt ausgerechnet an die katholische Kirche wenden, hat Schirrmacher ein anderes Beispiel parat:

Wem das zu christlich ist, der mag sich der Worte Gandalfs in „Herr der Ringe“ erinnern: „Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand.“

Und wenn Du keinen Apfel hast, dann iss auch keine Birne. Oder: Der Mensch kann nicht fliegen, dann soll er auch nicht schwimmen. Derlei pseudo-philosophischen Quatsch aus einem Abenteuerroman führt Schirrmacher ernsthaft an, um zu begründen, warum man sich über Osamas Tod nicht freuen soll. Dabei hält er, im Gegensatz zu anderen Kommentatoren, immerhin die Tötung des Terroristen für richtig. Er versagt sich und uns nur die Freude darüber, dass das Richtige geschehen ist. Das sind Spitzfindigkeiten, aber er ist nicht der einzige, der sich auf diesem Wege über die jubelnden Amerikaner erhebt.

Bei Spiegel Online fühlt sich Stefan Kuzmany schon persönlich belästigt: “Offensichtlich soll man den Tod Osama Bin Ladens feiern.” Er sagt zwar nicht, wer ihn da nötigen oder moralisch in die Pflicht nehmen wollte, aber auf jeden Fall fühlt er sich mächtig unter Druck und schreibt aus schwerer Bedrängnis das, was gerade alle schreiben. Mit der Weisheit einer debilen Schildkröte verkündet er:

Osama Bin Laden ist tot. Und, da gibt es kein Vertun, es ist eine gute Nachricht, dass er kein Unheil mehr anrichten kann. Die Frage ist nur, wie wir mit dieser Nachricht umgehen.

Das ist die entscheidende Frage für SpOn-Redakteure, egal bei welchem Ereignis: Wie geht der SpOn-Redakteur damit um? Schlecht, ist die Antwort, und was als moralische Meditation beginnt, geht bald in plumpen Antiamerikanismus über.

Hierzulande gilt Resozialisierung als Ziel von staatlicher Strafe – in den USA ist es die Vergeltung, bis hin zur Todesstrafe.

“Hierzulande” gegen “in den USA” in Stellung zu bringen, das ist Kuzmanys Motivation. Da darf der letztendlich antijüdische Quatsch vom “alttestamentarischen Gott” nicht fehlen. Dass es derzeit gleich zwei Artikel mit diesem Argument beim Spiegel gibt, ist ein bisschen entlarvend.

Genauso entlarvend ist es, wenn jemand, der über Leben und Tod räsonieren wollte, schließlich darüber nachdenkt, ob der Massenmörder nicht noch islamischer hätte bestattet werden können. Jeder hat so seine Prioritäten, hier ist es also das korrekte Begräbnis eines fanatischen Irren.

Ein anderes Lieblingsthema bringt Alt-Kanzler Helmut Schmidt ins Spiel. Die Aktion der Amerikaner sei “eindeutig ein Verstoß gegen das geltende Völkerrecht.” Das Völkerrecht verteidigt Schmidt stellvertretend für alle Deutschen, und er ist dafür wie prädestiniert. Schließlich war Wehrmacht-Helmut 1941 und 1942 an der Ostfront als Offizier tätig, also beim ganz großen Menschenschlachten vorne dabei. Schmidt bringt so auf den Punkt, wie verkommen der ständig in Richtung USA erhobene Zeigefinger vieler deutscher Kommentatoren ist, er repräsentiert die dieser Haltung zugrunde liegende Selbstgerechtigkeit perfekt.

Von links kommt der leicht senile Christian Ströbele herbei und sagt, was er immer sagt: Die USA haben das Völkerrecht missachtet, die Bundeswehr soll nach Hause kommen. Seine Logik: Der Einsatz der Amerikaner sei mit dem Völkerrecht und mit dem Grundgesetz (!!!) nicht vereinbar, habe aber dem völkerrechtlichen Grund für den Afghanistan-Einsatz genüge getan, weshalb dieser jetzt zu beenden sei. Nur, dass da bei Ströbele kein “aber” drin ist, und er die Komplexität und die Problematik des Völkerrechts anscheinend nicht versteht.

Dass Ströbele außerdem an das Grundgesetz denkt, wenn Amerikaner in Pakistan einen staatenlosen gebürtigen Saudi erschießen, weist den Genossen als echten Deutschen aus. Dass das sogenannte Völkerrecht nichts taugt, müsste eigentlich augenfällig werden, wenn Flugzeuge in Hochhäuser in New York fliegen und die Drahtzieher sich anschließend in Pakistan verstecken. Dem Ruf nach dem Völkerrecht wohnt aber die Sehnsucht inne, sich nicht mit moralischen und politischen Fragen beschäftigen zu müssen und stattdessen einfach im Gesetzbuch nachlesen zu können. Das funktioniert, wenn die moralischen und politischen Fragen vorher geklärt wurden und das Gesetz nur Ausdruck dieser Klärung ist. Das funktioniert nicht, wenn die Fragen völlig offen sind und verschiedene Akteure verschiedene Interessen bei ihrer Beantwortung haben.

Amerikaner sind eigensinnig, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, das weiß “hierzulande” jeder. Auch Jörg Schönenborn, der lustige Mann mit den Hochrechnungen, hat das erkannt und setzt zum “Cui bono?” an:

Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt? Zivilisierte Nationen haben einst das Völkerrecht geschaffen. Sie verständigten sich darauf, dass Verbrecher vor Gericht gestellt und nicht einfach getötet werden. Die Welt ist mit dem Tod Bin Ladens nicht sicherer geworden, meint Jörg Schönenborn. Aber Präsident Obama ist seiner Wiederwahl näher gekommen.

Zivilisierte Nationen versus USA, darum geht es hier, und dabei vor allem um die Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen. Auf der falschen steht Obama, der sich anrüchigerweise seinen Wählern dadurch empfiehlt, dass er ihre Wünsche erfüllt und den Mann erschießen lässt, der seit Jahren an der Ermordung möglichst vieler von ihnen gearbeitet hat.

Der Verweis auf die Zivilisation ist besonders perfide, weil er die Rollen in dem Krieg, in dem Osama gestorben ist, vertauscht: Zivilisation gegen Islamismus und Scharia. Stattdessen geht man auf Äquidistanz zu den USA auf der einen und den Mördern auf der anderen Seite. Das geht, weil die deutsche Leserschaft sich ohnehin nicht gemeint fühlt, wenn in Bali, Madrid oder New York Menschen ermordet werden oder Bin Laden aus einer Höhle oder einer Luxusvilla ankündigt, den Liberalismus zu bekämpfen und die Juden, die Amerikaner und alle anderen Ungläubigen umzubringen. Dass Osama bin Laden als “Erzfeind” bezeichnet und erschossen wird, stört nur diejenigen, die ihn nicht für ihren Feind halten, obwohl sie genauso unbeschwert Bier trinken, Sex haben und Musik hören wie all die anderen, die von den Djihadisten dafür gehasst werden. Islamistische Ideologie interessiert hier zu wenig, als dass die Leute schon ernsthaft etwas dagegen haben könnten. Nur so können sich Leute, die jeden CSU-Innenminister für den Leibhaftigen halten, sich in Geschwafel über das korrekt islamische Begräbnis eines fanatischen Antisemiten ergehen.

Die nationalsozialistische Linke vertauscht gleich ganz die Rollen und hält sich dabei wahrscheinlich für sehr pfiffig.

Erneut zum Spiegel: Wo sonst die Verfehlungen von Amerikanern und Israelis sowie das Privatleben von Nazi-Größen für Auflage sorgen, ist man bemüht, dem Leser auch den Menschen bin Laden ganz nahe zu bringen: “Olivenöl, getrockneten Thymian, ein paar Oliven, etwas Brot: Mehr brauchte Osama Bin Laden nicht zum Frühstück.” Man muss diesen Satz ein paar Mal lesen, bis die ganze Lächerlichkeit dieses Geschmieres voll zu Tage tritt.

“Olivenöl, getrockneten Thymian, ein paar Oliven, etwas Brot: Mehr brauchte Osama Bin Laden nicht zum Frühstück.”

Was für ein genügsamer Mann, und wie grausam muss man sein, um ihm etwas anzutun? Er hat die Zivilisation verlassen, um bescheiden auf dem Land zu leben; die Amerikaner haben die Zivilisation verlassen, weil sie schlimme Mörder sind. Im WDR wurde der Massenmörder, der sich offenbar mit mehreren Komplizen verschanzt hielt, allen Ernstes zum “54-jährigen Familienvater”.

Ich kann in meinem eigenen Sicherheitsinteresse nur inständig hoffen, dass dieses romantische Bild von islamistischen Terroristen nicht irgendwann von der Realität erschüttert wird. Derweil teile ich die Freude der Amerikaner.

In meiner Garage steht eine schwarze Betonwand, die mit unzähligen Eisenstreben noch verstärkt ist. Und nach einem Spiel wie beispielsweise dem 0:3 in Köln nehme ich dann den Hammer und versuche, die Wand kaputtzuklopfen. Mach‘ ich natürlich nicht, und diese Wand habe ich auch nicht.

Und – um im Bild zu bleiben – dann macht man sich die Gedanken: Warum geht diese Wand nicht kaputt, sondern nur der Hammer? Und warum steht diese Wand überhaupt da?

Nur dass dann keine Betonwand in der Garage steht, sondern – auch im übertragenen Sinn – ein bunt bemaltes Plakat, über das man sich freuen kann, das aber noch längst nicht fertig ist, auf dem Fragen stehen, die man als nächstes angehen möchte.

Wie sieht es in unserer Gesellschaft aus?

Stellen Sie sich vor, sie müssten fünf Tafeln nebeneinander gleichzeitig bemalen, und die Farbe tropft. Sie rennen nur hin und her und werden nicht fertig. Sind aber zwei Felder trocken, haben sie automatisch mehr Zeit, sich auf die anderen zu konzentrieren und die intensiver zu bearbeiten. So ist das auch im Fußball.

Wenn man sich Gedanken darüber macht, warum der SV Werder so mies da steht, sollte man diese Zeilen im Hinterkopf haben. Gesagt hat diese, nun ja, bedenklichen Dinge unser heiß geliebter Trainer, Thomas Schaaf. Das war im März, und seitdem hat Werder es wieder zu einer durchschnittlichen Bundesliga-Mannschaft gebracht. Alle Spieler geben alles, und das reicht dann für ein paar Unentschieden. Gegen Wolfsburg konnte man sehen, wie groß der Abstand von Werders Personal zu Klasse-Leuten ist, von denen Wolfsburg ein paar mehr im Kader hat. Gerade im Mittelfeld ließ sich die Entwicklung der letzten Jahre nachvollziehen, Diego und Marin im direkten Vergleich, da wurde das ganze Elend greifbar.

Fast hätte ich geschrieben “das ganze Elend dieser Saison”, aber es lässt sich langsam abschätzen, dass die nächste nicht viel besser werden wird. Zunächst einmal ist die Abstiegsgefahr zwei Spieltage vor Schluss konkreter denn je geworden. Gegen Dortmund und in Kaiserslautern kann man verlieren, das ist nicht einmal sonderlich unwahrscheinlich. Frankfurt spielt zunächst zu Hause gegen Köln, so könnte selbst Christoph Daum, der gerade dabei ist, seine Karriere in Deutschland unfreiwillig zu beenden, mal einen Sieg holen. Gladbach spielt zu Hause gegen Freiburg, auch das ist machbar, und dann werden wir einen spannenden letzten Spieltag erleben. Warten wir das ab, wahrscheinlich wird es am Ende doch irgendwie reichen, selbst eine Relegation gegen Bochum oder Fürth wäre ja ziemlich machbar. Lustig wäre, wenn uns der HSV mit einem Sieg gegen Gladbach rettet, aber danach sieht es nicht aus. Überhaupt, meine Zukunftsprognose für den HSV macht mir deutlich mehr Freude als die für Werder.

Was kommt nächstes Jahr? Der Kader ist mieser, als wir die letzten Wochen hoffen durften. Das kann besser werden, aber viel Anlass zur Hoffnung gibt es nicht. Der letzte richtig gute Einkauf war – ich weiß es nicht. Pizarro gar? Allofs wird viel Glück und Geschick brauchen, wenn Werder nächstes Jahr um die ersten fünf Plätze mitspielen soll. Mit Marin, Wagner, Prödl und Konsorten als zentralen Leistungsträgern werden wir jedenfalls nie wieder Champions League, soviel steht fest. Aber zurück zum Anfang: Thomas Schaaf ist offenkundig total urlaubsreif geschossen. Ich hatte schon im Januar, also vor dem oben verlinkten irren Interview, Urlaub für den Mann gefordert. Jetzt endlich hat er es auch begriffen und sagt Sätze wie diesen:

Das schließt aber doch nicht aus, vielleicht mal etwas anderes zu machen, vielleicht sogar mal eine Pause einzulegen, abzuschalten und dann wieder neu einzugreifen.

In den Interviews anlässlich seines 50. Geburtstags deutet Schaaf mehrfach eine gewisse Amtsmüdigkeit an:

Und dieser Arbeit, diesem Beruf kann man bei einem anderen Verein genauso nachgehen.

Außerdem bin ich in dem glücklichen Zustand sagen zu können, dass es uns privat trotzdem gut gehen würde, wenn ich zwei, drei Jahre mal nicht als Trainer arbeiten würde.

Ich hätte sicherlich mehr verdienen können. Vielleicht bin ich so geeicht. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

Wenn man das so liest, gerade im Kontext mit den leicht irren Aussagen aus dem März, scheint Schaafs Abschied innerhalb der nächsten zwei Jahre relativ wahrscheinlich. Das Ende der erfolgreichen Jahre dürfte diese Tendenz verstärken, man ist in Bremen nicht mehr mit weniger zufrieden. Nur wie soll das dann alles weitergehen? Das Schöne am Fußball ist, dass man das nie vorher weiß, siehe Dortmund, und dass man den ganzen Tag darüber spekulieren kann, das ist der Luxus der Zuschauerrolle. Ich prophezeie also ein knappes Saisonende und eine mindestens durchwachsene nächste Saison. Aber mittelfristig, und darum ging es mir, geht das mit Schaaf unweigerlich vorbei. Und es wäre schön, wenn man das im Verein im Blick hätte, damit man nicht im nächsten Februar versucht, bei Jörg Berger anzurufen, das sähe gar nicht gut aus.

Dank der grandios dämlichen Kampagne gegen eine Verpflichtung von Manuel Neuer und dem sehr bemühten Hass auf den blauen Stadtrivalen steht meine Lieblings-Ultragruppe gerade wieder im Mittelpunkt des Interesses. Deshalb schlagen hier hunderte Nutzer auf, die im Internet nach der Schickeria gesucht haben und sich dann vermutlich etwas ratlos hier auf der Homepage umgucken. Sie folgen bitte diesem Link zu meiner kürzlichen Auseinander-
setzung
mit den Schickeristen. Meine große Liebe zum FC Bayern habe ich hier bekundet. Wer sich fragt, wie das eigentlich war, damals, 2007, beim Münchner Amateur-Derby, dem wird hier geholfen.

Die Jungle World übt sich diese Woche einmal mehr in Israelkritik. Die kommt immer politisch korrekt daher und versucht ganz sachlich, die großen Fehler des kleinen Landes anzuprangern. Obwohl in der Jungle World oft stramm israelsolidarische Leute wie Stefan Grigat und Thomas von der Osten-Sacken schreiben, lesen sich die Artikel, in denen es in der Hauptsache um Israel geht, stets wie aus der taz gegriffen. In der heutigen Ausgabe verkündet schon die Überschrift, wo Israel heute zu verorten ist: “Auf der schiefen Bahn”. Aber der Artikel von heute, geschrieben von einem Martin Reeh, passt zur Linie der letzten Monate.

Vor einem Jahr klagte Andreas Hartmann sein Leid mit dem jüdischen Staat:

Israel zu verstehen, fällt einem auch immer schwerer. Jüdische Siedlungen zersiedeln das Westjordanland immer weiter, und Ultra­orthodoxe bekommen Wohnungen in Ostjerusalem zugewiesen, wo sie bestimmt nicht wegen der netten Nachbarschaft hinziehen.

Dass Hartmann Israel nicht versteht, ist nicht etwa Hartmanns Schuld. Er versucht es, und zwar “immer wieder”, aber es gelingt nicht. Die Juden “zersiedeln” das Land, und zwar “immer weiter”. Das Vokabular ekelt an, und die Suggestion, dass im großen Stil weitere Siedlungen gebaut würden, ist falsch.
Ultraorthodoxe ziehen nicht etwa um, sie “bekommen Wohnungen in Ostjerusalem zugewiesen”, vom Großen Zionistischen Landraubkomitee vermutlich. Hartmann hat keine Ahnung, was im Westjordanland und in Ostjerusalem passiert, es interessiert ihn auch nicht besonders, er würde es aber trotzdem gerne kritisieren.

Im Januar hat er sich dann bemüht, Antisemitismus-Vorwürfe lächerlich zu machen, indem er erst einer ungenannten, aber doch “bestimmte(n) Fraktion der sogenannten Antideutschen” implizit Rassismus vorwarf, dann die Sorge um Israel und die Angst um dessen Bürger veralberte und schließlich Tom Segev vor Vorwürfen in Schutz nahm, die niemand geäußert hatte. Gegen Antisemitismus-Vorwürfe hat Hartmann also was, ebenso wie gegen sogenannte Antideutsche, die er aber nicht benennen mag. Oder nicht benennen darf – wer weiß, was die mit ihm anstellen könnten, die haben immerhin Keulen.

Die von Segev geäußerte Sorge um die israelische Demokratie ist inzwischen ein Dauerbrenner bei Israelkritikern geworden. Ende Januar hat die Jungle aber zum Glück ein “Lebenszeichen aus der Knesset” vernommen. In seinem Artikel unternahm Stefan Vogt damals einen neuen Versuch, Israel und seine Regierung für das Scheitern des Friedensprozesses verantwortlich zu machen. Er tat das auf atemberaubende Art und Weise.

Nach der Meldung über Baraks Austritt aus der Arbeitspartei folgt ein Rückblick auf dessen Karriere:

1999 löste er Benjamin Netanjahu als Ministerpräsident ab, wurde aber Anfang 2001 von Ariel Sharon aus diesem Amt wieder verdrängt.

Das liest sich, als sei sonst nichts passiert, als sei die Abwahl Baraks vom politischen Personal auf üblichem Wege herbeigeführt worden. Aber war da nicht noch was? 1999 bis 2001?

Als im Sommer 2000 die vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton moderierten Gespräche mit der palästinensischen Führung in Camp David scheiterten, gab Barak die alleinige Schuld dafür den Palästinensern und erklärte, Israel habe keinen Partner für einen Frieden. Dass aber auch die israelische Regierung nicht zu den nötigen Schritten bereit war, zeigte sich spätestens Ende desselben Jahres. Angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen setzte Barak damals die Verhandlungen aus, die zu diesem Zeitpunkt kurz vor einer Einigung standen. Die Wahlen verlor er dennoch haushoch gegen Ariel Sharon. Unterdessen hatten die Palästinenser allerdings mit dem Beginn der zweiten Intifada dazu beigetragen, der Behauptung Baraks nachträglich den Schein der Richtigkeit zu verleihen.

Dass Arafat 2000 ohne Gegenvorschlag abgereist war, obwohl die Lösung, die Clinton hatte diktieren wollen, weithin als sehr großzügig für die Palästinenser betrachtet wurde – geschenkt. Wenn Stefan Vogt meint, die Israelis hätten von sich aus mehr bieten müssen, also “die nötigen Schritte” gehen müssen, dann müsste er formulieren, welche das sein sollten. Und er müsste deutlich machen, dass der Staat und damit der Frieden, den Clinton und Barak den Palästinensern angeboten haben, nicht gut genug gewesen wäre, weshalb die Fortführung des Krieges die richtige Entscheidung von Arafat war.

Der wirklich atemberaubende Teil von Vogts Stück ist aber, wie er dem Terrorkrieg der Palästinenser kaltschnäuzig attestiert, Baraks Schlussfolgerung nach Camp David “nachträglich den Schein der Richtigkeit” verliehen zu haben. Das ist alles, was Vogt zur Intifada und ihrer Rolle im Zusammenbruch der Verhandlungen zu sagen hat. Dabei hatte der Mob in Ramallah schon im Oktober angedeutet, wie die nächsten Monate würden aussehen können. Kurz vor dem Gipfel von Taba starb Ofir Rahum. Vogt behauptet zwar, dass Barak schon 2000 die Verhandlungen ausgesetzt habe, in Wahrheit wurde sowohl im Dezember als auch im Januar 2001 weiter verhandelt. Man wundert sich, wenn ein Journalist über Baraks Zeit als Ministerpräsident schreibt und den Gipfel von Taba offenbar vergessen hat.

Dass mit den Menschen, die die brutalen Morde von Ramallah begangen haben, und denen, die sich dann in Tel Aviv und Jerusalem in die Luft gesprengt haben, ein Frieden zu machen gewesen wäre, wenn Barak nur gewollt hätte, ist eine infame Behauptung. Darüber hinaus spielt die Intifada bei Vogt keine Rolle und sollte im politischen Prozess wohl am besten ignoriert werden. Denn nicht, dass der vermeintliche Partner dazu übergegangen war, eine größtmögliche Zahl an Juden in die Luft zu sprengen, war für das Ende der Friedensbewegung in Israel verantwortlich. Nein, es war die “These”, die Barak aufgemacht hatte:

Mit der These vom »fehlenden Partner« verbreitete sich Lähmung und Apathie unter Linken und Liberalen.

Was also jeder sehen kann, nämlich dass es am Ende von Oslo keinen Frieden, sondern einen Krieg gegeben hat, und dass die israelische Wählerschaft ihre Schlüsse daraus gezogen hat, das spielt für Vogt keine Rolle. Bei ihm gibt es nur die Verhandlungen irgendwo im luftleeren Raum, keine tatsächlichen Ereignisse, aus denen die “Linken und Liberalen” vielleicht ihre Konsequenzen gezogen haben könnten. Tatsächlich hat sich der ehrenwerte Versuch, einen Frieden durch gegenseitige Zugeständnisse und eine Aufteilung des Landes herbeizuführen, als gescheitert herausgestellt. Tausende sind dabei gestorben. Deshalb sind die einzigen, die euphorisch einen neuen Versuch fordern, Ausländer, die nicht Gefahr laufen, beim nächsten Ausbruch der Gewalt in einem Bus in Jerusalem sitzen zu müssen.

In der Debatte um Ägyptens Revolution durfte kürzlich Thomas Schmidinger in der Jungle schreiben. Er schrieb beeindruckende Sätze. Beeindruckend nicht, dass sie jemand geschrieben hat, sondern dass sie es bis in die Zeitung geschafft haben. Zum Beispiel dieser:

Wer von der heterogenen Protestbewegung Ägyptens erwartet, dass sie auf ihren Demonstrationen antisemitische Äußerungen verhindert, hat leider von der dortigen Realität keine Ahnung.

Als ob diejenigen, die auf die Rolle von Antisemitismus in dieser Revolution aufmerksam machen, naive Idioten wären, doziert Experte Schmidinger daher. Natürlich richtet sich sein Statement nicht gegen Ahnungslose, sondern gegen Kritiker, die ihm seine schöne Revolution madig machen wollen. Er schlägt damit in dieselbe Kerbe wie vormals Hartmann, der denselben Gedanken lächerlich zu machen suchte mit seinem Satz “Und Israel wird es bald übel an den Kragen gehen.” Wer uns so beschwört, Antisemitismus endlich als Normalzustand hinzunehmen, wie Schmidinger das tut, hat natürlich auch zu Israel eine Meinung:

Wenn die israelische Regierung wenigstens bereit wäre, endlich den Ausbau der Siedlungen im Westjordanland zu stoppen, um einer fairen Zweistaatenlösung nicht noch mehr Hindernisse in den Weg zu stellen, wäre dies ein Signal in die richtige Richtung. Ägypten hat derzeit keinerlei Interesse an einem Krieg mit Israel.

Das alte Friedensabkommen reicht also nicht, Schmidinger stellt für die Ägypter schon einmal Nachforderungen: Wenn Israel nur im Westjordanland weniger Wohnungen bauen würde, dann wäre den Menschen in Kairo schon viel wohler. Das ist zwar Quatsch, aber immerhin Quatsch, bei dem Israel schlecht wegkommt. Ägyptens fehlendes Interesse an einem Krieg mit Israel hängt, das muss man hier anmerken, nicht von Friedensgesten, sondern von der israelischen Luftwaffe ab.
Die Frage ist, ob man die Jungle World braucht, um zu erfahren, dass (Neo-)Liberalismus und jüdische Siedlungen die Probleme unserer Zeit sind, oder ob man das vielleicht woanders noch schwungvoller nachlesen kann.

Nachdem wir also seit einigen Wochen auch aus der Jungle wissen, dass Israel am Scheitern des Friedensprozesses schuld ist, dass Antisemitismus ganz normal ist und wer sich darüber aufregt, keine Ahnung hat, und dass Ägypten zum Krieg berechtigt ist, solange Juden in Judäa und Samaria Kinder kriegen – nachdem wir all das wissen, wird heute gleich die ganze israelische Gesellschaft in all ihrem Elend dargestellt. Wir wissen bereits, dass das Volk sich von bösartigen Politikern den wunderbaren Friedensprozess hat ausreden lassen. Wir wissen auch, dass die Linken, also die Guten, nichts mehr zu melden haben.

Nachdem er und sein Interview-Partner, ein israelischer Blogger, genau das ausgiebig betrauert haben und ihrer Hoffnung auf eine neue linke Bewegung Ausdruck verliehen haben, erwähnt Martin Reeh in seinem Artikel einige Beispiele für die “schiefe Bahn”, auf der Israel sich laut Überschrift bewegt.

Im Februar beschloss die Knesset ein Gesetz, das Nichtregierungsorganisationen (NGO) zukünftig verpflichtet, vierteljährlich ihre ausländische Finanzierung offenzulegen. Weitergehende Regelungen, etwa ein parlamentarisches Untersuchungskomitee für Menschenrechtsgruppen, scheiterten zunächst. Kritikern aus den Regierungsparteien, die diese Pläne mit der Kommunistenverfolgung unter McCarthy verglichen hatten, bescheinigte Außenminister Avigdor Lieberman, sie beabsichtigten, die »Interessen des nationalen Lagers in Israel zu opfern«. Liebermans Partei Yisrael Beitenu kündigte bereits weitere Verschärfungen für Ende des Jahres an.

Um hinten anzufangen: Natürlich kann eine Partei keine Verschärfungen ankündigen, sie kann höchstens Gesetzesinitiativen ankündigen, die dann erfolgreich sein können – oder eben nicht.
Was der Zusatz “zunächst” bedeuten soll, ist klar: Zwar ist das Gesetzesvorhaben gescheitert, aber das zu vermelden ist zu langweilig. Wen interessiert ein gescheitertes Gesetzvorhaben zu NGOs aus Israel? Nur die, die daraus den Untergang der israelischen Demokratie konstruieren wollen. Dass die Regierung es selbst hat scheitern lassen und das Gesetz damit nicht nur “zunächst”, sondern endgültig tot ist, passt da nicht ins Bild.

Eine gewisse Ignoranz braucht man auch, um aus einer linken Perspektive ein Gesetz zu kritisieren, das private Organisationen verpflichtet, ihre Finanzierung teilweise offenzulegen. Dabei ist Reeh zu echter Kritik gar nicht in der Lage, er erwähnt das Gesetz nur und setzt es in den Kontext des Untergangs der Demokratie.
Dabei ist Transparenz ein wichtiger Faktor in einer Demokratie; es hilft zu wissen, wer für die Verbreitung welcher Meinung bezahlt hat. In diesem besonderen Fall ist es zusätzlich so, dass viele NGOs Positionen vertreten, die sich gegen die Meinung der überwältigenden Mehrheit der Israelis und der Regierung wenden. Das wäre an sich noch nichts Besonderes, wenn nicht einige von ihnen aus dem Ausland, indirekt auch von ausländischen Regierungen, finanziert werden würden. Man muss sich keine Illusionen über demokratische Prozesse machen, um zu wissen, dass es problematisch ist, wenn Regierungen anderer Staaten verdeckt versuchen, darauf Einfluss zu nehmen.
Augenfällig wird das, wenn beispielsweise eine norwegische Regierungspartei sich dafür einsetzt, dass die Nato im Krieg zwischen Gaza und Israel militärisch Partei nehmen soll. Wenn eine Regierung, deren Mitglieder Militärschläge gegen Israel befürworten, möglicherweise politische Gruppen in Israel finanziert, dann sollen die Israelis das in Zukunft wissen dürfen. Das ist ein vernünftiges Gesetz, das diese Finanzierung nicht verbietet, sondern sie nur transparent gestaltet.

Reeh geht dann auf einen tatsächlichen Fall von Rassismus in Eilat ein, in dem ein Bürgermeister gegen afrikanische Flüchtlinge gehetzt hat. Ein zweifellos ekelhafter Fall, dem Wesen nach auch kein Einzelfall, nur rechtfertigt auch das nicht die Überschrift und den Grundtenor des Artikels.

Eine weitere Aufzählung von kleinen Meldungen, die dem Blog des Interviewten entstammen, hält ebenfalls nicht, was die Überschrift versprochen hat. Einem antizionistischen Journalisten wird von einem rechten Politiker gesagt, dass er das Land verlassen solle. Ein Immigrant hat Probleme mit den Ämtern. Ein religiöser Funktionär möchte, dass im jüdischen Viertel nur Juden wohnen, und kann sich damit offenbar nicht durchsetzen.

Die Aufzählung ebenso wie das Blog, aus dem sie kommt, funktioniert nur, wenn der Leser vorher schon weiß, dass es um eine zerfallende Demokratie gehen soll. Dann funktioniert die Suggestion, es handle sich hier um Meldungen, die das Land charakterisieren und ein stimmiges Gesamtbild formen könnten. Deshalb ist es ein Hohn, wenn der Autor über den Blogger schreibt:

Shaltiel vermeidet jegliche politische Wertung.

Das Blog heißt “Slippery Slope” und steht unter dem Untertitel “Notes from a Crumbling Democracy”, und genau das ist die politische Wertung, mit der die Kurznachrichten versehen werden.

Die lakonische Aneinanderreihung von Meldungen erzeugt eine Unmittelbarkeit, die analytische Artikel kaum erzielen könnten. Eigentlich will Shaltiel die gesellschaftliche Mitte erreichen, Wähler der Arbeitspartei oder von Kadima, »Leute, die sich selbst als vernünftig und normal betrachten«. »Vielleicht«, so hofft er, »kann der Blog sie zum Nachdenken über das, was hier passiert, bewegen.«

Reeh irrt sich: Nicht die Unmittelbarkeit ist es, mit der das Blog funktioniert, sondern die Illusion, dass diese Nachrichten zusammen mehr aussagen, als sie jede für sich aussagen. In Shaltiels Äußerungen zeigt sich die übliche Arroganz der Linken, die das Große Böse durchschaut haben und darunter leiden, dass die bürgerliche Mitte nicht versteht, “was hier passiert”. Shaltiel, dessen publizistische Tätigkeit sich offenbar auf das Sammeln von Links zu Nachrichtenseiten beschränkt, philosophiert weiter:

“Wenn man aus dem Zentrum der israelischen Politik gedrängt wird, wird man sich bewusst, wer man ist.”

Was auch immer das heißen soll. Die eigene Wichtigkeit übertreiben einige linke Israelis damit, dass sie sich mit ihrer Angst vor dem Staat brüsten.

In der Linken überlegten manche, ob sie nicht aus Israel auswandern sollten, sagt er. Das Phänomen ist nicht unbedingt neu, wohl aber die Begründung, warum man auswandern will: Früher ging man aus Protest gegen den Umgang mit den Palästinensern, heute gäbe es die Sorge, dass man selbst zum Opfer staatlicher Maßnahmen werden könnte.

Die Flucht der Israelis wurde auch schon in der taz behauptet, geflissentlich die Tatsache ignorierend, dass die meisten Israelis nach Berlin und New York kommen, nicht weil sie dort weniger Angst vor der Polizei haben müssen, sondern weil die Partys dort besser und die Jobs besser bezahlt sind.

Auch in Deutschland gibt es Menschen, die das Ende der Demokratie beklagen. Vorratsdatenspeicherung, Laufzeitverlängerung, Krisenpaket, ignorierte Volksentscheide, Korruption, Anti-Extremismus-Programme, Netzsperren – kein politisches Vorhaben, das nicht von der Gegenseite angegriffen würde. In den skurrileren Fällen sehen dann einige die Demokratie in Gefahr, andere sehen in den sich anschließenden Debatten das Wesen der Demokratie. Nur stehen anderswo als in Israel nicht die ausländischen Journalisten Schlange, um jeden linken Gesellschaftskritiker zu interviewen und sein Porträt einer verkommenen Gesellschaft zu übernehmen. Im Gegenteil: Wer in Deutschland die Demokratie retten will, darf sich des Spotts aus der Jungle World sicher sein. Und der Niedergang der Sozialdemokraten wird links von ihnen nicht beklagt, sondern journalistisch begleitet. Wer sich an die Angstzustände der Hamburger und Berliner Bohéme erinnert, als 2002 ein konservativer Bayer Kanzler zu werden drohte, der hat bereits eine Ahnung davon, wie das Klagen eines linken Tel Avivers über seine konservative Regierung einzuordnen ist. Aber nur in vermeintlichen Schurkenstaaten wie Israel wird so jemand als “regierungskritisch” eingeordnet, obwohl in Israel wie in jeder anderen westlichen Demokratie fast jeder irgendwie “regierungskritisch” ist. Die Linken kritisieren, ganz egal wer gerade wie regiert, den Abbau von Bürgerrechten und die Ungerechtigkeit; die Rechten kritisieren, ganz egal wer gerade wie regiert, den Zerfall der traditionellen Werte und die Ungerechtigkeit. Wer durch eine westliche Großstadt geht und dort länger als fünf Minuten braucht, um jemanden zu finden, der ihm ausführlich darlegen kann, warum dort alles den Bach runtergeht, muss taub oder blind sein.

Ohnehin ist Demokratie nichts, was von Linken und Linksradikalen hierzulande hochgehalten wird, auch in der Jungle World nicht. Nur wenn es um Israel geht, dann wird irgendeine imaginäre perfekte Demokratie als Maßstab angelegt und jeder Makel, den die real existierende hat, herausgestellt. Das ist albern, und mit der Überzeugung, mit der das geschieht, ist es auch dümmlich. Dabei gibt es aus Israel genug zu berichten, auch Negatives. Es gibt Rassismus, Polizeigewalt, Korruption, Armut, religiöse Irre, sogar Gentrification – viele kleine Geschichten, die für sich interessant sind. Aber für die kleinen Geschichten interessiert sich niemand, wenn man aus ihnen keine große konstruieren kann – wie etwa das Zerfallen der Demokratie.

Menschen, die Länderspielpausen mögen, mögen auch:

Fußpilz

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Verständnisvolle Polizisten

Wenn nach dem Shamponieren das warme Wasser alle ist

Hamburger Sportvereine

Drehspieß nach Döner-Art

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Eva Braun

Die fünfte Staffel “Lost”

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Sternburg Bier

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Enddarm-Operationen

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