Articles by Bonde

Ziemlich hübsch.

Es sind schockierende Meldungen, die uns so oft in den Medien erreichen. Vor gut drei Jahren zum Beispiel diese:

News vom 20.02.08

Mike Hanke erneut Papa

Mike Hanke ist in der Nacht vom 20. Februar erneut Vater geworden. Der kleine Bruder für Schwesterchen Janatha-Fay soll Jayron-Cain heißen. Um 1.44 Uhr erblickte er das Licht der Welt, Mutter und Kind sind wohlauf.

Das muss man erstmal verarbeiten. Klar ist: Mike Hanke hat es nie leicht gehabt. Er hat eine Rasenallergie und leidet nach jedem Spiel unter Pusteln und Hautreizungen. Nun perpetuiert sich das Elend in Gestalt seiner Kinder, die es mindestens so schwer haben werden wie ihr Vater. So wie Vater Mike zum Tabellenletzten wechseln musste, so werden Janatha-Fay oder Jayron-Cain vielleicht einmal bei Schlecker landen. Das Wichtigste ist jetzt, dass die beiden eine gute Ausbildung erhalten. Mike weiß das aber auch.

Mit Spott ist es vielleicht nicht getan. Vielleicht muss man da mal was planen, für die Kinder. Oder mal die gesellschaftlichen Umstände kritisieren, unter denen Kinder ihre Namen erhalten. Aber wem würde das helfen? Die Wahrheit ist: Janatha und Jayron zahlen den Preis der Freiheit. Nicht ihrer Freiheit, im Gegenteil, der Freiheit ihrer Eltern. Im selben Akt wird deutlich, dass J-Fay und J-Cain selbst unfrei sind: Andere Menschen entscheiden über ihre Identität. Da hilft nichts. So ist der Mensch, so ist der Mike.

In den “Prenzlauer Berg Nachrichten”, einem Berliner Blog mit irgendwie kommerziellem Anspruch, wird heute das “Alois S.” beworben. Der Beitrag über die Bar, in der man alle Werder-Spiele im Fernsehen sehen kann, ist offensichtlich als Reklame zu verstehen.

Dem Autor ist offenbar nicht einmal bekannt, dass man in der Bundesliga auch Auswärtsspiele hat und es deshalb wenig bringen würde, wenn er “jede Woche” nach Bremen fahren würde. Mit solchen Fehlern könnte man leben, wenn er sein Loblied nicht auf so einen furchtbaren Laden wie das Alois S. singen würde.

Wie im Beitrag beschrieben ist es dort üblich, lange vor Spielbeginn Plätze für Leute zu reservieren, die vielleicht noch kommen. Es hilft also wenig, früh zu kommen, weil die zehn Leute, die um drei schon da sind, sämtliche Plätze irgendwie reserviert haben. Das könnte man noch okay finden, wenn nicht freudig auch für die reserviert würde, die dann am Ende gar nicht oder erst gegen fünf kommen.

Dabei kann man Personal erleben, das selbst in Mitte noch als besonders unfreundlich durchgehen würde. Wer hier gefragt wird, ob er noch etwas möchte, bekommt dabei deutlich signalisiert, dass es nicht um ein Bedürfnis des Kunden, sondern um dessen Pflicht, gefälligst Umsatz zu machen, geht. Dass Gastronomie keine Wohlfahrtsveranstaltung ist, weiß jeder. Der Job eines Kellners ist nur eigentlich, das den Kunden nicht ständig spüren zu lassen.
Mein persönliches Highlight mit dem Personal im Alois S. war, als der Kellner uns nach draußen hinterherkam, weil er zwanzig Cent zu wenig berechnet hatte. Da belästigt man seine Kunden doch gerne noch einmal, bei solchen Summen. Wenn die Kellner nicht zu solcher Hochform auflaufen, muss man an der Theke schon damit zufrieden sein, wenn die Bedienung eine Minute, nachdem sie jemanden bemerkt hat, endlich ihr Gespräch unterbricht, um dem Kunden klar zu machen, dass sie sich gestört fühlt und der Job ohne ihn viel angenehmer wäre.

Diese miese Atmosphäre ließe sich kaum noch verschlechtern, wenn da nicht der Fischmob Berlin wäre. Dieser Fanclub besingt sich selbst als “arrogant”. Das wäre lustig, wenn es nicht stimmen würde. Ihre Arroganz gründet sich in erster Linie darauf, dass sie sehr gut fernsehen und Bier trinken können. Direkt vor der Leinwand plaziert muss man sie den ganzen Nachmittag über sehen und dabei spüren, wie geil man sich als Fan und Stammgast vorkommen kann. Der Laden gehört ihnen, denken sie. Das äußert sich zum Beispiel so, dass sie gerne vor dem Spiel so vor der Leinwand stehen, dass fünf andere Leute, die drei Meter vor ihnen sitzen und ganz offensichtlich das laufende Zweitligaspiel verfolgt haben, nichts mehr sehen können. Wer einen Witz macht, lacht selbst am lautesten, und man müsste nicht einmal zuhören, um zu erfahren, dass diese Menschen sich und ihr samstägliches Tun für unfassbar geil halten. Nur warum?

Wenn sich jemand auf einen der freien Plätze setzt, die der Fischmob für sich beansprucht, kommt sofort der Hinweis: “Also die gehören eigentlich zum Fischmob, ist auch mit Lothar so abgesprochen…” Mit Lothar, dem Chef, hat man sich arrangiert. Die Sonderstellung, von der sie denken, sie hätten sie verdient, weil sie besonders cool sind, bezahlen sie mit ihrer Bierrechnung. Der Fischmob ist immer da und trinkt viel, weil Trinken bei ihnen wichtig ist. So und nicht anders kommt man zu reservierten Plätzen.

Wer also Ultras oder andere Fans im Stadion für arrogant hält, weil sie sich auf ihr Fan-Dasein etwas einbilden, der würde sich wundern, wenn er einmal Fans vor dem Fernseher erleben würde. Man kann sich auf viel weniger viel mehr einbilden. Besonders keck kommt sich die Belegschaft im Alois S. vor, wenn es Anstoß gibt. Dann ruft einer vorne “Gib den Ball her” bzw. “Mach den Ball rein” und der Rest des Lokals ruft zurück “Aber flott”. Wer das pfiffig findet, ist dumm, und wer das aufregend findet, war noch nie im Stadion.

Nun könnte das Alois S. vielleicht außerhalb der Spieltage ein netter Ort sein. Ist es aber nicht: Das Essen ist auch schlecht. Aber dafür teuer.

Es geht hier um Salat. Und um richtiges Essen. Und um Leute, die diese blöden Nurfleischistrichtigesessen-Witze leid sind. Mich zum Beispiel. Und es geht um Freunde. Man findet keine Freunde mit Salat. Man findet Freunde mit Blattgold, dem wundervollen Produkt, das ich hier gerade bewerbe. Ihr müsst es kaufen. Damit Ihr Freunde findet, Freunde und Freundinnen. Blattgold macht Menschen glücklich. Alle? Nein. Nur Folgende: Mütter, Väter, Kinder, Sportler, Angestellte, Astronauten, Doktoranden, Werber, Berliner, Spargelstecher, Vegetarier, Metzger, Jäger, Sammler, Feministen, Inder, Kinder, Blogger, Schuhverkäufer, Kommunisten, Malermeister, Stewardessen, Vera am Mittag, Islamisten, Staatsanwälte, Verteidigungsminister, Antiimperialisten, Sozialdemokraten, Sänger, Fernsehmoderatoren, Publizisten, Hippies, Yuppies, Pausenbrotschmierer und gelegentliche Passanten. Was mit dem Rest der Menschheit los ist, weiß ich nicht. Sie kaufen Blattgold nicht weil es sie glücklich macht, sondern weil es sie schön macht. Das ist legitim, finde ich.

Blattgold macht glücklich und schön, aber nicht reich. Bis jetzt. Das muss sich ändern. Wenn einer reich wird, müssen andere ihn bezahlt haben. In diesem Fall kommt Euch die etwas unangenehmere Rolle in dieser Transaktion zu. Das macht aber nichts, denn Ihr bekommt etwas dafür. Blattgold. War klar. Blattgold wird verkauft vom Haus der feinen Kost und ist das beste Salatdressing, das man bekommen kann, ohne bei Adam zum Abendessen eingeladen zu sein. Adam stellt jede Flasche Blattgold selbst her und behauptet, das Ergebnis schmecke nicht nur mit Salat, sondern mit Fleisch, Brot, Nudeln und diesem anderen da. Komm nicht drauf. Jedenfalls ist es lecker und wer für sich selbst kein Geld ausgeben will findet in Blattgold ein schönes Geschenk. Auf Wunsch auch ein sehr schönes und sehr teures Geschenk: Blattgold gibt es auch mit – Blattgold. Echtem jetzt. Das sieht geil aus. Echt. Und wenn Ihr wie ich gerade den Link zum Haus der feinen Kost weiterreichen könntet, wäre das eine gute Sache. Gibts natürlich auch bei Facebook.

Zu verschenken

Werder Bremen spielt schon seit Monaten konstant schlecht, und es sieht nicht so aus, als ob Thomas Schaaf irgendeine Idee hätte, die das ändern könnte. Stattdessen wird von Klaus Allofs verkündet, die Verantwortung liege zu 100% bei den Spielern, was ein Hohn ist, wenn es diejenigen sagen, die die tatsächliche sportliche Verantwortung tragen. Schaaf ändert nichts, sondern benimmt sich auch so, als sei er dafür nicht verantwortlich. Dabei fehlt es nicht einmal an Einsatz bei den Spielern, sie wollen alle, sie können aber im Moment nicht besser. Da wird es nicht helfen, wenn man sie weiter allein verantwortlich macht und im Training anpöbelt.

Jeder kann sehen, dass die Spieler selbst völlig fertig und überfordert mit der Situation sind. Da ist keiner dabei, jedenfalls auf dem Platz nicht, der das locker nimmt und diszipliniert werden müsste. Aaron Hunt sieht wirklich bedenklich aus, ich hoffe, der ist nicht zuviel allein. Arnautovic ist längst vom arroganten CL-Gewinner zum völlig verunsicherten 21jährigen mutiert, was vielleicht einige befriedigt, aber unsere 6,5-Millionen-Investition nicht gerade im Wert steigen lässt. Marin spielt Fehlpässe, die ohne Psychologie gar nicht mehr erklärt werden können. Sandro Wagner, ein etwas ungelenker Spieler und offenbar recht simpler Charakter, wird immer wieder Ziel von Schaafs Verbalattacken, zwischendrin wurde er zu den Amateuren degradiert, wo er sich bei Trainer Wolter bedankte, denn er “brauche das Vertrauen des Trainers”. Bald danach war er wieder im Kader und wurde in Hamburg auch eingewechselt, dafür musste Denni Avdic das ganze Spiel auf der Bank bleiben. Avdic, von dessen Qualitäten wir wenig wissen, dürfte sich längst fühlen wie im Irrenhaus. Es ist völlig klar, dass das, was alle Medien übereinstimmend über Schaaf und das Training berichten, diese Probleme nicht lösen, sondern verschlimmern wird.

Schaaf denkt, dass die Spieler schuld sind, deshalb schreit er sie an. Aber er ist selber schuld.

Werder hatte immer einen überragenden Zehner in den letzten Jahren. Jetzt haben sie keinen mehr und jeder, wirklich jeder, kann sehen, dass das ein großes Problem ist. Allofs und Schaaf leugnen es bis heute, weil sie sonst ihre eigene Verantwortung nicht mehr wegwischen könnten. Wenn sie es wenigstens zugeben und jetzt die Parole, es trotzdem irgendwie zu schaffen, ausgeben würden, könnte man weiter auf sie vertrauen. Aber durch diesen massiven Realitätsverlust werden die Probleme weiter liegen bleiben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Personen, die lange Jahre erfolgreich waren, sich für unfehlbar halten und deshalb aufhören, ihre Fehler zu korrigieren.

Zu den Fehlern gehören die Taktikspielereien, die Schaaf irgendwann angefangen und in dieser Saison dann durchgezogen hat. Die Raute ist abgeschafft. Solange es sie gab, wusste immerhin jeder Spieler, was er wo zu tun hatte. Jetzt hat Schaaf ein Chaos angerichtet und die allgemeine Verunsicherung, die zu den vielen Slapstick-Gegentoren führt, ist eine Konsequenz daraus. Nicht dass ein Systemwechsel grundsätzlich schlecht gewesen wäre, Schaaf hat ihn nur einfach nicht hinbekommen. Jetzt ist die Chance, eine Mannschaft sich einspielen zu lassen, längst dahin. Jetzt müsste er Impulse setzen, etwas verändern, damit der Klassenerhalt geschafft wird.

Fehler macht er auch bei der Aufstellung. Ich weiß selbst, dass sich eh jeder für den besten Trainer hält und man über sowas genauso wie über Geschmack streiten kann. Aber: Mickael Silvestre immer wieder aufzustellen ist eine einfach inakzeptable Entscheidung. In der Hinrunde gab es mehrere Spiele, in denen Silvestre bei jedem Ballkontakt einen peinlichen Fehler gemacht hat, das war unerträglich. Schaaf hat stoisch an ihm festgehalten. Jetzt ist Silvestre immer noch jederzeit für ein Gegentor gut, er spielt weiter, auch wenn die Alternativen gesund sind. Dominik Schmidt wurde derweil genüsslich der Presse vorgeführt, weil sein Berater zuviel Geld gefordert hatte. Das kann man natürlich machen, es ist nur der Atmosphäre nicht sonderlich zuträglich.

Im Mittelfeld fehlt ein Gestalter, Hunt bringt es nicht und Marin ist bestenfalls ein Stürmer. Das sind alles Probleme, die man sich in der Personalplanung selbst eingebrockt hat, ebenso wie der Mangel im Sturm, nachdem Almeida verkauft wurde. Mit Pizarros Ausfällen war zu rechnen, jetzt schießt keiner mehr Tore. Das geht auf Allofs ebenso wie auf Schaaf. Dabei habe ich auch gedacht, dass man Almeida besser jetzt für Geld abgibt, als ihn zu behalten. Die Realität hat nur leider bewiesen, dass Klaus und ich uns geirrt haben, weshalb es einfach unglaublich ist, dass der sich jetzt vor die Presse stellt und die Schuld für alles den verbliebenen Spielern aufbürdet, um sich selbst schadlos zu halten.

Es gibt wenige Gründe, gegen Leverkusen eine bessere Leistung als zuletzt zu erwarten. Gekämpft wurde schon, das hat aber nicht gereicht. Werder erspielt so gut wie gar keine Torchancen, das letzte herausgespielte Tor war das 1:0 gegen Hoffenheim. Gleichzeitig haben die Konkurrenten am letzten Wochenende gezeigt, was sie können. Stuttgart hat in Leverkusen zwei Tore geschossen und war dem Sieg zeitweise näher als der Gegner, Mönchengladbach hat Schalke an die Wand gekämpft, einen Rückstand aufgeholt und gewonnen. Für Wolfsburg hat Diego ein Weltklassespiel gemacht und selbst Kaiserslautern hat beim 0:3 in Hannover gezeigt, dass sie im Moment besser drauf sind als Werder Bremen. Köln hat seine drei letzten Heimspiele gewonnen, am Wochenende gepunktet und spielt stellenweise richtigen Fußball. Einzig Frankfurt kommt uns ein bisschen entgegen, wirkt dabei aber auch torgefährlicher als Werder. Dass Werder keine Torchancen hat, ist kein neues Phänomen in diesen Wochen, das war schon in der Hinrunde so, beispielsweise bei dem Heimdesaster gegen Kaiserslautern.

Einfacher als in Hamburg wird es nicht mehr werden, Punkte zu holen. Leverkusen ist die zweitbeste Auswärtsmannschaft der Liga und hat acht von elf Auswärtsspielen gewonnen. Selbst wenn Werder auf einmal zu alter Stärke zurückfinden würde, stünden die Chancen, das Spiel zu verlieren, noch sehr gut.
Werder.de verbreitet bis dahin Zuversicht, indem sie die Rückkehr der Verletzten in Aussicht stellen. Die Hoffnung ruht also auf Spielern, die bestenfalls am Mittwoch oder Donnerstag vor dem Spiel wieder in Mannschaftstraining einsteigen können. Der Wichtigste ist da Wesley, dem man tatsächlich zutrauen kann, die Mittelfeldmisere dergestalt zu lindern, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Zu Pizarro muss man nichts mehr sagen; wenn er wieder dauerhaft verletzt sein sollte, sieht es düster aus.

Aber selbst wenn Werder mit Schaaf den Klassenerhalt schafft, woran ich nicht glaube, bleiben die Probleme mit seiner Mentalität, seiner vermeintlichen Unfehlbarkeit, mit Klaus Allofs, mit der ganzen verkorksten Saison und dem Nichteingestehen der eigenen Verantwortung. In vier Wochen ist alles Spekulieren ohnehin überflüssig. Denn dann gelten in Bremen dieselben Regeln wie anderswo: Wenn Schaaf die nächsten Spiele verliert, wird er gehen. Wenn er sie gewinnt, hat er genug Kredit, um mit Werder abzusteigen.

Das Bemerkenswerteste am Skandal um Guttenbergs Doktorarbeit ist die öffentliche Debatte darum und wie seine freche Verteidigungsstrategie tatsächlich funktioniert hat. Es ist von Anfang an klar gewesen, dass absichtlich betrogen wurde, die Sachlage ist völlig eindeutig und für jeden öffentlich nachvollziehbar. Diesen Umstand haben Guttenberg und seine Verteidiger aber erstaunlicherweise verschleiern können. Die Sprachregelung von “fehlenden Fußnoten” verfängt und Angela Merkel hat die Chutzpe, zu verkünden, sie habe Guttenberg ja nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt, sondern als Verteidigungsminister. So wird allenthalben suggeriert, dass er bei seiner Doktorarbeit ein paar Fehler gemacht habe. Die Wahrheit ist, dass er betrogen hat. Die Wahrheit, in diesem Fall so eindeutig und offensichtlich wie selten, ist der Bevölkerung weder vermittelt worden, noch wollte sie sie hören.

Beeindruckend ist dabei, wie dreist gelogen wird und wie verkommen die Regierung und die Politik ist, dass sie den Betrug explizit oder implizit leugnet, obwohl er längst bewiesen ist. Dabei ist es in der Politik üblich, zu lügen. Es ist aber nicht üblich, über eine Wahrheit zu lügen, die längst bekannt ist, und damit dann durchzukommen. Dazu müssen die Unionspolitiker jetzt so tun, als ob sie tatsächlich genervt wären von der Debatte, die sich doch angeblich nur um Fußnoten und Fehler in einer Doktorarbeit dreht. Dieter Wedel sah bei Anne Will gar einen Pogrom gegen Guttenberg aufziehen und auch das ließ man ihm durchgehen. Jetzt wartet man darauf, dass die Uni Bayreuth erklärt, was längst alle wissen, und danach, warum Guttenberg trotzdem Doktor bleiben darf.

Ob er schließlich zurücktreten muss, darf gespannt erwartet werden. Angela Merkel musste ihn stützen, sonst hätte man ihr das politische Ende des bayrischen Messias vorgeworfen, der selbst jetzt noch Zustimmungswerte von über 70% hat. Da wartet Frau Merkel lieber einfach ab, langfristig ist Guttenberg sowieso erledigt. Die FAZ hat ihn längst fallengelassen, zu schmuddelig ist die ganze peinliche Affäre. Jetzt gerade hat Guttenberg erklärt, er wolle seinen Doktortitel dauerhaft nicht mehr führen, nachdem er zuletzt noch betont und wiederholt hatte, dass er ihn nur vorläufig ruhen lassen wolle. Dabei kann er einen Doktortitel gar nicht einfach ruhen lassen, er hat diesen Titel, bis die Universität ihn widerruft – wenn sie das denn tut, wovon jetzt um so mehr auszugehen ist. Seinen Betrug bezeichnet er jetzt als “Blödsinn”, den er geschrieben habe, und auch das ist wieder so verkommen, so dreist, dass kaum zu glauben ist, dass er damit durchkommen könnte.

Derweil wirft die Zuneigung zum Taugenichts Guttenberg ein grelles Schlaglicht auf die deutschen Befindlichkeiten. Der reich geborene Guttenberg war nie außerhalb der Politik beschäftigt, seine akademische Karriere endete mit einem massiven Betrug und seine politische Laufbahn ist frei von bemerkenswerten Taten. Trotzdem wird er gerade von den Kleinbürgern geliebt, die Hartz4-Empfänger für Schmarotzer halten und “Sozialbetrüger” am liebsten ins Gefängnis stecken würden. Gerade der Politiker, in dem sie große alte Werte erkannt haben wollen, erweist sich als dummdreister Betrüger mit Feudalherrenattitüde. Trotzdem und gerade deswegen lieben sie ihn weiter. Deshalb hält sich die Opposition weiter zurück, anstatt die wütenden Attacken zu reiten, die gerechtfertigt wären.

Bei der Vorstellung des neuen HSV-Trainers ist es heute zum Eklat gekommen. Vorstandschef Bernd Hoffmann hatte zur Pressekonferenz geladen und dort Karl-Theodor zu Guttenberg als neuen Trainer vorgestellt. Hoffmann: “Guttenberg verfügt über das gesunde Selbstbewusstsein, das unserem Verein so lange gefehlt hat. Die Affäre, die ihn letztlich zum Rückzug aus der Politik gezwungen hat, sehen wir positiv: Herr Guttenberg ist genau der abgewichste, skrupellose Erfolgsmensch, den der HSV gebraucht hat.” Neben ihm lächelte verschmitzt der neue starke Mann beim HSV und scherzte gut gelaunt in Richtung der Journalisten: “Machen Sie ruhig was mit ‘Verteidigung’ in der Überschrift, das passt gut!”

Kritische Nachfragen nach seiner fußballerischen Kompetenz beantwortete der schnittige Star mit einem Lachen und dem geheimnisvollen Hinweis, dass er erfahren genug sei, man könne “da ruhig jeden von Brasilien bis nach Ost-Europa fragen.” Ein irritierter Reporter bat den immer aufgedrehter wirkenden HSV-Trainer daraufhin, einmal seine Brille abzunehmen, was der auch tat. In das beginnende aufgeregte Gemurmel hinein rief ein sichtlich konsternierter Bernd Hoffmann jetzt, dass die Pressekonferenz beendet sei, man bedanke sich bei allen Teilnehmern. Doch als er seine neben ihm sitzende Neuverpflichtung am Arm nehmen wollte, stieg diese auf einen Stuhl und rief, dass sich niemand mehr Sorgen machen müsse, er habe “alles im Griff! Ich habe die Erfahrung! Ich kann das! Ich habe, meine Güte, ICH HABE 150 LÄNDERSPIELE GEMACHT, ICH BIN EINE LEGENDE, ICH BIN EIN ERFOLGSTRAINER, EIN FACHMANN, ICH BIN LOTHAR MATTHÄUS!!!!!!” Dann rutschte er aus und fiel rücklings in die hinter ihm aufgestellte Werbewand.

Anschließend entschuldigte Matthäus sich beim weinenden Hoffmann für die Täuschung, aber anders sei “da jawohl nichts zu machen gewesen, in der Bundesliga. Sie werden es nicht bereuen, Herr Hoffmann!” Ob die Sektkorken in Bremen zu früh geknallt haben, wird sich noch zeigen: Hoffmann hat sich Bedenkzeit erbeten und Karl-Theodor zu Guttenberg hat aus München ausrichten lassen, dass er und seine Familie jederzeit für Lothar da seien, wenn der Hilfe brauche.

Man soll nicht auf am Boden Liegende eintreten, schon gar nicht im Fußballzusammenhang. Und doch ist der SV Werder am Samstag eingeladen, genau das zu tun. In Hamburg hatte man vor der Saison zum Isolationismus aufgerufen und behauptet, das einzige richtige Derby finde innerstädtisch gegen St Pauli statt. Das schien taktisch klug, da St Pauli von 15 Bundesliga-Spielen gegen den HSV nur das erste, 1977, hatte gewinnen können. Gegen Werder hingegen hatte der Verein aus der Imtech-Arena in den letzten Jahren nicht viel beschicken können; verständlich, dass man da die Lust am Derby verliert. Nur ist jetzt gegen den anderen Verein aus Hamburg auch wieder alles daneben gegangen.

Man muss nicht aus Bremen kommen, um den HSV für den jämmerlichsten aller Bundesliga-Vereine zu halten. Zu oft sind sie in den letzten Jahren gescheitert, zu wenig haben sie daraus gelernt. Selbst für eine richtig miese Saison, wie sie Werder gerade spielt, wäre der Hamburger Kader zu charakterlos. Ruud van Nistelrooy soll angeboten haben, einen Teil der Ablöse selbst zu zahlen und in Madrid auf ein Gehalt zu verzichten, nur um aus diesem Inferno der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Andere Hochbegabte, etwa Elia, haben für derartige Angebote noch nicht genug verdient, bereuen ihre Unterschrift beim Versagerverein heute aber ganz gewiss. Armin Veh hat angekündigt, nach Hamburg keinen Verein in Deutschland mehr zu übernehmen, und könnte nach einer Niederlage gegen Werder endlich in Rente gehen. Da erinnert man sich gern an Thomas Doll, einen unfähigen Simpel, dem die ganze Hansestadt umso ergebener zu Füßen lag, je mieser er seine Arbeit machte.

Keine Hoffnungen darf man sich darauf machen, dass in Hamburgs Fangemeinde Selbstzweifel aufkommen könnten. Mehr noch als bei allen anderen Vereinen ist hier die Selbstwahrnehmung von der Realität abgekoppelt. Ganz egal, wie erbärmlich die Mannschaft spielt, wie unfähig selbst die für den Platz zuständigen Handlanger arbeiten und wie prolldämlich sich die Fans aufführen – der HSV bleibt für sie ein ganz Großer, die längst viel interessanteren St Paulianer nur der kleine Stadtteilclub und Bremen ein kleines Fischerdorf. Die Produktion von Peinlichkeiten wird erstaunlich ausdauernd betrieben, die eigene Identitätssuche dauert an.
Eine interessante Form des ortstypischen Größenwahns ist der Versuch, Polizisten und Sportfunktionäre für Ultra-Kultur zu begeistern. Das anzuschauen ist quälender als Stromberg, insbesondere da, wo sich der selbsternannte “Leitwolf” an sein Publikum anbiedert, indem er sich von seinen Freunden und ihren absurden Ritualen distanziert.

Man kann sich allerdings sicher sein, dass die Hamburger mal wieder mit großer Sorge ins Derby gehen. Die Tabelle verschweigt das zwar, aber für den HSV wäre eine Niederlage schlimmer als für uns. Beide Derbys in vier Tagen verloren, mal wieder an der Jagd nach dem fünften Platz gescheitert, obwohl man insgeheim vor jeder Saison glaubt, dieses Mal könnte es doch vielleicht gar die Meisterschaft sein – schlechte Aussichten. Werder hingegen wird sich in ein paar Wochen ohnehin aus dem Abstiegskampf gerettet haben und optimistisch an den Neuanfang machen, während der HSV immer noch im alten Dreck hocken und mit den alten Spielern und neuem Trainer darauf hoffen wird, dass es 2012 vielleicht zwei Plätze nach oben geht. Und je frustrierender die sportliche Tristesse wird, umso verbissener werden die Dummerchen auf der Tribüne werden. Vielleicht klappt es dann endlich mit dem neuen Trainer. In diesem Sinne: Mehr Hass!

Eigentlich wollte ich mich gerade über Guido Westerwelle auslassen, von dem ich immer gedacht hatte, dass er selbstverliebt genug wäre, um sein Amt als Außenminister irgendwann noch einmal für einen ganz großen Wurf nutzen zu wollen. Nun ist die Gelegenheit ganz offensichtlich da, die Revolutionen im Nahen Osten bleiben wahrscheinlich das interessanteste Ereignis in der internationalen Politik, das in Guidos Amtszeit stattgefunden haben wird. Doch Guido rührt sich nicht, er bleibt betont zweitklassig und sagt im ZDF allen Ernstes, man dürfe nicht den Anschein erwecken, die Gerüchte über einen vom Westen orchestrierten Aufstand könnten wahr sein. Was für eine erbärmliche und verlogene Begründung, man kann es kaum glauben.

Anscheinend hat Westerwelle sich entschieden, seine Profilsuche aufzugeben, diesen Schritt einfach zu überspringen und stattdessen gleich auf alten Haudegen zu machen, der alles schon erlebt hat und deshalb ganz ruhig bleiben kann. Das ist für ihn selbst schade, weil er mit dieser andauernden Leistungsverweigerung die immensen Chancen auf Ruhm und Glanz verspielt, die das Amt ihm bietet. Vor allem ist es aber für die Freiheit und die Demokratie, also die nominalen Werte der FDP, schlecht, dass niemand für sie eintritt, der genug Geld und Einfluss hätte, um etwas zu erreichen. Es wäre nicht schwer, jetzt die demokratischen Bewegungen zu unterstützen, sich lautstark an ihre Seite zu stellen und Freiheit im Nahen Osten zu fordern. Das hieße beileibe nicht, sich grenzenlos optimistisch mit der Revolution gemein zu machen, im Gegenteil: Es hieße, die Sorge um den Ausgang der Revolution nicht im Raum stehen zu lassen, sondern Einfluss zu nehmen. In Ägypten hieße das auch, Gruppen unter der Bedingung zu stärken, dass sie offen für den Frieden mit Israel eintreten.

Jedenfalls, eigentlich wollte ich mich so über den Außenminister auslassen, aber was bringt das – er ist schließlich der deutsche Außenminister. Seine Amtskollegen machen inhaltlich nicht viel anders, wenn sie auch eine bessere Figur dabei machen und zumindest die Amerikaner die tatsächliche Möglichkeit einer Demokratisierung des Nahen Ostens wieder in ihre Überlegungen einbezogen und sie teilweise gar eingefordert haben.

In oben erwähnter ZDF-Sendung kam neben den Diktatoren und Islamisten auch das wirkliche, das tatsächliche, das einzige Problem im Nahen Osten zur Sprache. Hamed Abdel-Samad, Liebling der Deutschen Islamkritik, forderte von den Israelis beleidigt “mehr Verständnis” für die Ägypter ein, nachdem ebenjene ihren Antisemitismus in Kairo auf die Straße getragen haben. Und überhaupt, ein Problem seien die Checkpoints – er kann nur die in der Westbank gemeint haben – und “die Belagerung”. Weiter: “Die Checkpoints müssen auch aus den Köpfen entfernt werden”. Mit diesem Sozialpädagogengequatsche lässt sich noch jedes deutsche Showpublikum zum Applaus hinreißen.

Michael Lüders, als “Nahostexperte” vorgestellter Feind Israels aus Bremen-Nord, hat schon längst alle Checkpoints in seinem Kopf abgebaut und sagt, wohlgemerkt angesprochen auf den Frieden zwischen Israel und Ägypten, dass es Frieden im Nahen Osten nicht geben werde ohne die Perspektive auf einen palästinensischen Staat, und auch nicht, solange “die Menschen im Gaza-Streifen ausgehungert werden und eine israelische Siedlung nach der anderen gebaut wird”.

Lüders, der beruflich die “Ursachen islamistischer Gewalt” (kurz: Israel) erforscht, ignoriert, dass es bereits Frieden zwischen Ägypten und Israel gibt. Und er behauptet das Gegenteil: Dass ein Frieden gar nicht möglich wäre, bevor Israel nicht dies und das unternähme. Inzwischen ist es soweit, dass, wer über die Einhaltung des Friedensvertrages durch die Ägypter sprechen möchte, sich mit Forderungen an Israel konfrontiert sieht, die zu erfüllen wären, damit der Friedensvertrag eingehalten werden kann. Das ist nichts weniger als die Androhung bzw. die Legitimierung eines neuen Krieges. Während sich früher hinter dem Ruf nach Frieden die Mörder verschanzen konnten, ist es jetzt der Ruf nach Frieden selbst, der in Wirklichkeit ein Ruf nach Krieg ist, Krieg gegen Israel – damit es Frieden geben kann.

Dass der Frieden unbedingt erhalten werden muss, das hatte am Ende nur einer gesagt: Guido Westerwelle.

Es täte mir gut gefallen, wenn dieser Beitrag hier mehr als 200 Facebook-Möger finden würde. Bloggen ist ein narzisstisches Business, vor allem, wenn es gar kein Business ist. Natürlich ist die deutlich größere Motivation, wieder mehr zu schreiben, dass kürzlich eine Art Blog für 315 Millionen Dollar die Besitzerin gewechselt hat. Eigentlich wollte AOL verbrochenes.net kaufen, aber mein Akku war leer, als der Kasper da angerufen hat. Ich hätte aber, das will ich Euch gestehen, schon verkauft, für soviel Geld.

Eine Alternative zur Arbeitslosigkeit bleibt das Verbrechen. Denn entgegen weit verbreiteter Annahmen kann sich Verbrechen durchaus lohnen. Entführungen zum Beispiel sind eine recht lässige Sache und funktionieren öfter, als man denkt. Ehrenhafter ist natürlich ein Banküberfall. Bei einem Banküberfall – wie auch bei mancher Entführung – kommt der Gewinn meistens direkt von irgendeiner Versicherung und fehlt schlussendlich in Form von tausenden von Centbeträgen auf den Abrechnungen irgendwelcher Aktienbesitzerinnen. Die haben das Geld auch nicht eher verdient als ich. Nicht, dass ich es besonders dolle verdient hätte, aber die ja auch nicht. Vielleicht hol ich mir das mal, das Geld von der Bank.

Wenn in Deutschland ein Übernahmekrieg zwischen zwei Großunternehmen tobt, dann sind die Rivalen meistens miteinander verwandt und haben ihre exponierte Position geerbt. Man erzählt hier immer, dass man sich was erarbeiten müsste. Besser ist es aber, was zu erben. Erstens ist das nicht so anstrengend, und zweitens kann man viel mehr ererben, als man erarbeiten kann. Jakob Augstein hat das richtig gemacht: Der hat kräftig geerbt und sich dann ne kleine Zeitung gekauft. Der Mann muss es also wissen, wenn er sagt:

Es besteht zwischen Verdienst und Leistung keine Verbindung, und Fairness ist in diesem System Zufall.

Das darf er aber bei Spiegel Online auch nur schreiben, weil er so ein putziger kleiner Erbe ist. Für Besserverdiener ist das eine ungeheure Beleidigung, dass ihre Leistung nun doch gar nicht so toll sein soll, dass ihre ganze große Individualität gar nichts mit ihrem ganz großen Einkommen zu tun haben soll. Da fühlen sie schon richtig: Eigentlich kann das ja alles gar nicht angehen. Tut es aber. Es hat auch genau genommen nie jemand behauptet, dass im Kapitalismus Verdienst und Leistung in fester Verbindung stünden. Das wäre auch ganz schön dreist. Wenn das jemand behaupten würde. Eigentlich macht sich einfach keiner mehr die Mühe, irgendwie zu rechtfertigen, warum die einen alles und die anderen gar nichts haben. Die Frage danach ist irgendwie schon anrüchig geworden, da braucht es dann auch keine Antwort mehr.

Ich möchte, dass Dirk von Lowtzow Bundespräsident wird.

Jedenfalls geht mir der Liberalismus auf die Nerven. Kann aber verstehen, wenn die Ägypter das grad noch anders sehen. Ich mein, was will man denn auch stattdessen machen? Trau ich mir nicht zu, die Antwort, dem Dirk aber schon. Deshalb soll der Präsident werden.

Aufrichtig ahnungslos sein, das kann heute auch keiner mehr. “Entschuldigung, aber davon verstehe ich wirklich GAR NICHTS!” Ich muss schon zugeben, eigentlich trau ich mir jedes Thema zu. Google ich das halt mal, und dann weiß ich bescheid. Ich könnte über jedes Thema bei Anne Will diskutieren und dabei keine schlechtere Figur als die Kollegen machen. Also, natürlich müssten die mich erstmal anziehen und zurecht machen, aber dann, dann könnt ich das. Ehrlich gesagt ist das schon ein kleiner Traum von mir, mal bei Anne Will zu sitzen und endlich mal zu sagen, wie es ist! Auch das mit dem Präsidenten, und mit Dirk.

Ich rechne mir das schon hoch an, dass mir der Liberalismus auf die Nerven geht. Ich habe ein gewisses Unbehagen gegenüber Menschen, die den herrschenden Zuständen gegenüber nicht ein gewisses Unbehagen haben. Das gilt jetzt nicht nur für Demokraten, auch für die, die da mehr als ein Unbehagen mit sich rum tragen. Die sind mir ganz unbehaglich, ganz ungemütlich. Gut, das mit der Politik ist und bleibt halt einfach schwierig. Da muss man mit um können.

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