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Die politische Karriere des Josef Fischer ist eine der schillerndsten und aufregendsten der Nachkriegszeit. Waehrend das Gros seiner vormaligen Genossen entweder in die zahllosen Wohngemeinschaftssuempfe und Aussteigerbauernhoefe abgetaucht oder aber in die linksliberale Presselandschaft der Republik herueberoszilliert ist, hat Joschka es dann doch ein gutes Stueck weiter nach oben auf der Karriereleiter gebracht: Statt einer vegetarischen Eckkneipe im Frankfurter Westend fuehrte er – in Turnschuhen – die gruene Partei an die Spitze der Macht, was – der Kampf ging schliesslich weiter – fuer ihn selbst immerhin das Amt eines bundesdeutschen Aussenministers abwarf. Just in dieser Rolle wurde er dann auch der Weltoeffentlichkeit bekannt, als er einem sichtlich nicht amuesierten Verteidigungsminister namens Donald Rumsfeld erklaerte, dass er not convinced sei (in diesem Jahr sollte dann auch noch sein Buch mit gleichlautendem Titel nachgelegt werden – das Auskommen will ja auch im hoeheren Alter noch gesichert sein). Wirklich ueberzeugend hatte Fischer wohl nur die Ausfuehrungen des deutschen Verteidigungsministers Scharping bezueglich der Existenz von Konzentrationslagern in Srebrenica gefunden, getroffen zu einer Zeit, als die rot-gruene Regierung noch sehr viel eher bereit gewesen war, einen Kriegseinsatz zu autorisieren.

Fischers bekannte Muenchner Rede erntete damals in Deutschland vor allem aus zwei Gruenden grosse Zustimmung: Einmal, weil Deutsche in ihrer Selbstwahrnehmung in den allermeisten Faellen Recht haben, denn man hat es hierzulande eigentlich schon immer besser gewusst, da traf es sich noch besser, dass die Amerikaner den Anstand hatten, ihren Fehler offen einzugestehen. Und zweitens, weil, so stand es damals in den Zeitungen dieses Landes zu lesen, endlich mal wieder jemand den USA die Stirn bot – dazu auch noch dem ohnehin ungeliebten Bush und seinem vom militaerisch-industriellen Komplex finanzierten Schattenkabinett. Mutig war der ehemalige Linksradikale da gewesen, der von seinen NATO-Kollegen gern mal comrade genannt wurde, wie im vormals erwaehnten Buechlein zu erfahren ist. Im gleichen Maße, wie sich Fischers Bedenken in diesem Fall als richtig herausstellten, ist die unmittelbare Wirkung seines Auftrittes auch heute noch zu bemerken: Spaetestens seit dem Irakkrieg glaubt man amerikanischen Offiziellen am Besten erst einmal gar nichts mehr.

Und jetzt, wo der Aussenminister a.D. schon lange im Lobbynest der Energieindustrie sitzt, kommen die Amis schon wieder mit so einer Raeuberpistole daher: Ein Mordkomplott unter Beteiligung der iranischen Regierung, das Ziel ausgerechnet der saudische Botschafter – na, so ein Zufall, wo das mit dem Oel doch schon jeder weiss. Wer kann da besser Licht ins Dunkel bringen als die deutsche Presse, Hueterin von Anstand und Moral und in gleichem Maße auch fuer die Vermittlung von stichhaltigen Informationen zustaendig? Routinemaessig beginnt eine sinnvolle Recherche zum Thema Chevrolet diesmal nicht bei Juergen Elsaesser, wohl aber bei der jungen Welt, wo Knut Mellenthin uns versichert: The whole thing has been turned upside down – die Spur fuehrt nach Washington, nicht nach Teheran. Hastig, immer in der Angst, vom US-Geheimdienst auf frischer Tat ertappt zu werden, wird sich der Ex-KB’ler noch ein paar Mal umgeschaut haben, bevor er der Leserschaft die Bedeutung des Begriffs Sting Operation naeherzubringen versuchte:

“(..) eine sogenannte Sting Operation, wie sie in den vergangenen Jahren immer häufiger von FBI, CIA und anderen US-Sicherheitsbehörden praktiziert wurde, um der Öffentlichkeit »muslimische Terroristen« vorführen zu können. Bei dieser Methode werden systematisch labile Individuen aufgespürt, die sich von Polizei- und Geheimdienstagenten in fingierte Verschwörungen verwickeln lassen. Diese entspringen überwiegend der Phantasie und den Aktivitäten eben dieser Behörden.”

Die jW war allerdings auch schon besser aufgelegt, sehnsuechtig erwarten wir also den bald eintreffenden Artikel von Rainer Rupp. Langley und Arlington, die Orte, an denen die Faeden der Macht zusammenlaufen, wenn gerade mal keine Bilderberger-Treffen stattfinden, liegen zwar genau genommen nicht in Washington, D.C. – aber die paar Kilometer schenken wir der Redaktion an diesem Donnerstagmorgen gerne und wenden uns, ein wenig verstoert ob der Frage, wann und ob auch wir von einem Drogenabhaengigen oder Kriminellen kontaktiert werden, dem zu, was fuer Mellenthin vermutlich ein Mainstreammedium ist. Eins davon, die SZ, leistet sich mit Tomas Avenarius einen eigenen Nahost-Korrespondenten, der offenbar auch ueber Irans polykratische Herrschaftsstrukturen und insbesondere dessen Geheimdienst bestens Bescheid weiss:

“Da sind Präsident Mahmud Ahmadinedschad, das Parlament, die schiitische Geistlichkeit, aber auch Technokraten, einflussreiche Händler und Geschäftsleute sowie die mächtigen Revolutionsgarden mit ihren Al-Quds-Brigaden. Gebändigt wird dieses Machtgeschwür mehr oder weniger erfolgreich vom Geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei. “

Aus einem Geschwuer entstehen irgendwann einmal viele, das weiss jeder Medizinstudent, da kann sich die Weltoeffentlichkeit gluecklich schaetzen, dass es Ali Chamenei gibt, der nicht nur das iranische Atomprogramm bestens im Griff hat, sondern auch nachhilft, wenn vor Ort nicht ganz saubere Geschichtswissenschaft betrieben wird. Und, auch das ist fuer einen echten Kenner der Geheimdienstszenerie augenfaellig: Die Al-Quds-Brigaden waren es nicht, dafuer war der Anschlag zu dilettantisch vorbereitet. Vielleicht kann am Ende sogar die hiesige Industrie von der Geschichte profitieren, denn die saudische Monarchie, die nun noch einen Grund hat, neue Panzer und Jets zu bestellen, klopft vielleicht nochmal in Deutschland an. Stirnrunzelnd bleiben wir auf der Seite der SZ haengen und bekommen von Wolfgang Jaschensky erklaert, dass wiederum jemand anderes – kein Mitglied der Al-Quds-Brigaden, dafuer aber von der Stiftung Wissenschaft und Politik – sagt, ebenjene operierten ausschliesslich auf arabischem Boden. Muessen unsere Nachforschungen also wieder bei Null anfangen? In einer guten Krimiserie wird dann immer die Kardinalsfrage nach dem Taetermotiv gestellt: Was wollen die Iraner denn nun? Von ihnen selbst wird nichts Erhellendes zu erfahren sein, denn Sprecher der iranischen Regierung sprechen lapidar von einem konstruierten Szenario – aber das tun sie in Bezug auf Auschwitz auch. Also weiter im Text:

“Vieles spricht dafür, dass Iran an einer Verschärfung des Konflikts mit den USA kein Interesse hat. Doch es scheint auch denkbar, dass das Regime in Teheran den Streit mit Washington eskalieren will, gerade da der Kampf um die Vorherrschaft in der Region mit Saudi-Arabien an Schärfe gewinnt. Möchte das Regime zeigen, dass es aus einer Position der Stärke heraus agiert? Wollen konservative Kreise eine vorsichtige Annäherung an die USA torpedieren? Oder ist es Rache für die Ermordung des Atomwissenschaftlers Massud Ali-Mohammadi, für die Iran die USA verantwortlich macht? “

Denkbar ist alles, auch ein Berg, dessen Kuppe aus reinem Gold besteht. Und wenn die USA einen Atomphysiker um die Ecke gebracht haben, warum soll dann dafuer der saudische Botschafter sterben? Das Geheimdienstgeschaeft ist nicht leicht zu durchblicken. Viele Fragen, und dann ist der Artikel zu Ende. So leicht laesst sich ein Redakteur dieses Blogs nicht abspeisen, also weiter zur Studentenausgabe der Bild, die sich Spiegel nennt. In gewohnter journalistischer Qualitaet stillt die Onlineausgabe des Hamburger Wochenblaettchens gleich mit mehreren Artikeln unseren Wissensdurst. Von Anna Reimann werden wir in die Geheimnisse der Al-Kuds-Brigaden eingefuehrt – doch warum eigentlich, wenn die doch gar nicht dahinterstecken? Schnell klar wird vor allem eines, naemlich, dass man so ziemlich gar nichts ueber diese Kerle weiss – wer haette es gedacht, reden wir doch von einer der effizientesten Spezialeinheiten weltweit. Ploetzlich operieren sie allerdings auch in Bosnien, Nigeria und Afghanistan, die wiederum nun wahrlich nicht zur arabischen Welt gehoeren. So weit, so gut. Ein letzter Versuch beim Spiegel bringt uns wenigstens eine der klassischen Einleitungsphrasen, fuer die wir das Heft so lieben:

“Code-Wörter, konspirative Treffen, verdächtige Telefonate: (..)

Am 28. September schnappt die Falle zu. An jenem Mittwoch fliegt der iranisch-amerikanische Geschäftsmann Manssor Arbabsiar von Mexiko nach New York. Verdeckte US-Ermittler sind bereits mit an Bord. Kaum ist das Flugzeug auf dem Flughafen John F. Kennedy gelandet, zücken sie die Handschellen, nehmen Arbabsiar fest und bringen ihn in ein New Yorker Gefängnis. “

Bei sovielen Unklarheiten kann man sich fast gluecklich schaetzen, dass es auch noch die Zeitung fuer Deutschland gibt. In deren heutiger Printausgabe bringt es Guenther Nonnenmacher, der ansonsten auch schonmal die Loesung des Nahostkonflikts in zwei Spalten bewerkstelligt, auf den Punkt:

“Dass Kraefte in Teheran bei einem mexikanischen Rauschgiftkartell einen Auftragskiller gedungen haben sollen, um den saudiarabischen Botschafter in Washington zu ermorden, das klingt zu phantastisch, als dass es erfunden sein koennte.”

And the FAZ delivers. Wenn man sich vor Augen haelt, dass in einer mehr oder minder lupenreinen Demokratie wie der Bundesrepublik Staatstrojaner ohne das Wissen aller offiziellen Stellen zum Einsatz gekommen sind, dann faellt es nun wirklich nicht so schwer sich vorzustellen, wie finstere persische Brigadisten ein Mordkomplott aushecken. Vielleicht hilft es den Skeptikern auch, sich an den state terrorism eines Gaddafi zu erinnern, den der notorische Noam Chomsky uebrigens noch Jahre spaeter von jeder Mittaeterschaft an Lockerbie und La Belle freisprechen wollte. Alternativ kann man auch noch etwa zwanzig Jahre warten, bis auf n-tv zum Jahrestag der Festnahme Manssor Arbabsiars eine Dokumentation kommt, bei der zwielichtige Gestalten, deren berufliche Qualifikation mit Ex-Geheimdienstler umschrieben sein wird, das genaue Prozedere der Ermittlungsaktivitaeten preisgeben, dank Wikileaks geht es vielleicht sogar noch etwas schneller. Einstweilen wird die Affaere wohl der Startschuss fuer verschaerfte Sanktionen gegen eines der unangenehmeren politischen Systeme des 21. Jahrhunderts sein – was noch lange nicht heisst, dass das ins Auge gefasste Anschlagsziel der Repraesentant einer offenen Gesellschaft gewesen sei.

Uebrigens, fuer alle, die nicht ganz ohne das big picture auskommen wollen: Die nun entfaltete diplomatische Offensivstrategie der US-Regierung hat Michael Scott Duran schon in der vergangenen Ausgabe des Peridodikums Foreign Affairs unter dem Titel Arab Spring, Persian Winter skizziert. Leg’ dein Ohr auf die Schiene der Publizistik.

Ueber die Existenz eines jenseitigen – und darueber hinaus womoeglich auch noch allmaechtigen – Gottes braucht man mit diesem Autoren nicht zu streiten, denn er haelt auch im Jahr 2011 noch ein bisschen etwas auf Marx und die mit ihm assoziierte politische Stroemung. Wer das nicht wahrhaben mag, sollte die Maer vom barmherzigen Schoepfer spaetestens beim Blick auf die Verteilung von Fussballweltmeisterschaftstiteln ablegen: Nicht nur, dass Argentinien, Zufluchtsort etlicher Nazis nach 1945, zweimal, einmal gar per Gottes Hand, den Cup geschenkt bekam, die Bundesrepublik durfte ganze drei Male zuschlagen: Der erste Sieg war keine zehn Jahre nach Kriegsende faellig (wer war noch gleich Henry Morgenthau?), zum zweiten Mal beinahe zwanzig Jahre spaeter mit einer Mannschaft, aus der einige Mitglieder heute einen nicht unerheblichen Teil der deutschen Fussball-Aristokratie stellen. Und sorry, aber sympathisch ist jemand mit dem Spitznamen Kaiser nun wirklich nicht. Als sei die Welt mit den Spaetfolgen der Abwicklung der DDR im Jahre des Herrn 1990 nicht gestraft genug gewesen, gab es obendrein noch einen Stolpersieg im Finale – na, ueber wen wohl? – fuer die DFB-Auswahl.

Parteiisch und unfair, wie wir verbitterten Anti-Deutschen (diese Begrifflichkeit ist im Wortsinne zu verstehen: Wir von Verbrochenes sind gegen Deutschland, mit realen oder fiktiven politischen Stroemungen haben wir schon alleine aufgrund mangelnden Intellekts nichts zu tun) es nun einmal sind, lassen wir den gewonnenen EM-Titel – der Entscheidungsmodus des Golden Goal ist sowieso aeusserst fragwuerdig, zumal, wenn Oliver Bierhoff eines erzielt – links liegen, muessen aber konstatieren, dass es 2006 und 2010 A.D. mitunter ganz schoen knapp wurde fuer Schlands Nummer vier. Genauso hoch koennten die Deutschen im kommenden Jahr dann allerdings auch den Counter fuer gewonnene Europameisterschaften schrauben, was einer schweren Katastrophe gleichkaeme, deren apokalyptische Ausmasse sich vorzustellen nur muehsam ertragbar ist: Der Konsumguetermarkt wuerde – diesmal mit offenem Ende – vor Schland-Artikeln ueberquellen, die Strassen waeren ueberall dort, wo keine Geisteswissenschaften studierenden supercoolen Antifas nachts Capture the Flag spielten, ein Hort des schwarz-rot-geil beflaggten Wahnsinns, der taegliche Gang zur S-Bahnstation bei dem Gedanken an wangenbemalte Deutschlaenderinnen und die kommenden Bildschlagzeilen der naechsten Wochen mit Spiessrutenlauf noch vorsichtig umschrieben.

Das Frustrierendste ist, dass unsereins die Argumente auszugehen drohen. Klar, man kann immer noch die Nazi-Karte zu spielen, aber das muesste langsam selbst der englischen Yellow Press zu bloede werden. Als die Nati 2002 Saudi-Arabien 8-0 abfertigte, da gab es sie noch, die Blitzkrieganspielungen: Deutsche Panzer rollten wieder, hiess es damals in der internationalen Sportpresse – was man damals nicht ahnte, war die etwa zehn Jahre spaeter bestaetigte Richtigkeit dieser Aussage in einem ganz anderen Sinn, denn das saudische Koenigshaus hatte sich ja tatsaechlich welche bestellt, wenn auch nicht zum Fussballspielen (in der Tuerkei bedient man sich dieses Bildes immer noch sehr gerne, wie sich nach der Heimniederlage in der EM-Quali feststellen liess). Die Spieler mit den am exotischsten anmutenden Namen 1990 beziehungsweise sechs Jahre spaeter hiessen noch Pierre Littbarski oder Mehmet Scholl, doch kann der selbsternannte Integrationsweltmeister im Jahre eins nach Sarrazin auf Cacau, Gündogan, Khedira und den in Polen geborenen Vorzeigekoelner Podolski zurueckgreifen. Wie verhaertet es in diesem Land trotz alldem immer noch denkt, faellt allerdings nur noch den aufmerksamen Zuschauern auf: Als Mesut Özil – noch so einer – gestern abend in der 30. Minute sehenswert zum 1-0 gegen Belgien einnetzte, entlockte das dem ZDF-Reporter Oliver Schmidt einen anerkennenden Kommentar:

 

“Özil macht das was er fuer seine Freunde in der Heimat machen kann”

 

An welche Freunde aus welcher Heimat der ehemalige Jugendspieler von Rot-Weiss Essen (weshalb sonst sollte er so gut Fussball spielen koennen?) – geboren ist Özil in Gelsenkirchen, er ist deutscher Staatsbuerger – beim Treffer gedacht hat, wird vermutlich Schmidts Geheimnis bleiben. Ungleich klarer ist jedoch, dass man auf der spielerischen Ebene nur noch schwerlich gegen die deutsche Elf argumentieren kann, denn kloppte sich die Mannschaft von Berti Vogts noch mit einem so genannten echten Vorstopper und Strafraumstuermern der Marke Kuntz und Bierhoff zum Titel in England, wird der Rekord-Europameister in Polen und der Ukraine mit einer Mannschaft aufspielen, die zum Besten gehoert, was der kleinste Kontinent fussballerisch zu bieten hat: Der notorische Liebling dieses Autors, die Englaender, werden wie immer keine Rolle spielen, Frankreich und Italien sind irgendwie auch nichts mehr. Blieben realistischerweise die Niederlande und Spanien – wir falten besser schonmal jetzt die Haende und beten zum nichtexistenten Fussballgott. Oder nehmen prophylaktisch einen Urlaub in Angriff.

Und, hey: Es ist doch nur Fussball. So lange Schalke 04 nicht Bundesligameister wird. God forgive.

Genau genommen ist es moeglich, sehr viele Dinge – eigentlich alles – zu prognostizieren: Das Ende aller Tage, den Untergang der bekannten Welt, kann man sehr genau mit Hilfe des Maya-Kalenders vorherbestimmen, er faellt auf das zweitausendundzwoelfte Jahr nach christlicher Zeitrechnung und ist dementsprechend schon in drei bis maximal fuenfzehn Monaten faellig. Wer sich in derartig existenziellen Fragen nicht auf die Prophezeiungen untergegangener Hochkulturen verlassen moechte, hat die Moeglichkeit, sich auf aktuellere und weniger weitreichende Prognosen zu verlassen, die das Wetter, Ergebnisse demokratischer Wahlen oder – nicht jeder moechte schliesslich solche unbedeutenden Broetchen backen – weltpolitische Entwicklungen mal mehr, mal weniger akkurat vorhersagen.

Fuer letztere Zwecke gibt es Menschen vom Schlage eines Peter Scholl-Latour, die in ihrem Leben so unendlich viele Saetze dahergeschwafelt haben, dass irgendeine ihrer Aussagen immer zutreffend erscheint. Die US Army wird wahlweise im Irak, in Afghanistan oder sonstwo ihr zweites Vietnam erleben, die Weltwirtschaft wird erst im Zuge der Immobilienkrise, nun eben im Zuge der Finanzkrise untergehen, soviel ist mal klar. Die phantasiereichsten Prognostiker der Linken stehen hierzulande ueblicherweise bei der jungen Welt in Lohn und Brot: Werner Pirker wusste dort schon 2002, dass die Amis ein “totalitaeres Regime ueber die internationale Staatenwelt” errichten werden, dass natuerlich auch vor dem “nuklearen Genozid” nicht zurueckschreckt. Im selben Jahr veroeffentlichte selbiger dann mit Wilhelm Langthaler ein regelrechtes Standardwerk der USA-Prognostik mit dem Untertitel “Zwoelf gute Gruende fuer einen Antiamerikanismus”, in dem der zukunftsinteressierte Leser erfahren konnte, die naechsten militaerischen Ziele der USA seien Pakistan, dass die Amerikaner in den letzten Jahren militaerisch offenbar nur aufruesteten, um nicht wieder einen asymmetrischen Krieg fuehren zu muessen und Saudi-Arabien, dem die Bundesregierung – man hatte das Buch offenbar mit grosser Verspaetung gelesen – noch schnell ein paar Panzer verkauft hat. Unklar bleibt hingegen weiterhin, ob in der jW-Redaktion dieselben Wahrsagekugeln stehen wie in den RAF-Unterschlupfen: Deren Kommando Gudrun Ensslin wusste schon vor dreissig Jahren, dass eine “Intervention im Iran” unmittelbar bevorstuende – hoechstwahrscheinlich unter Einsatz jener legendaeren Neutronenbombe, die der deutschen Friedensbewegung in den Achtzigern schlaflose Jahre bereitete, obwohl sie nie zum Einsatz gebracht wurde.

So ist das mit Prognosen: Die meisten sind entweder schnell wieder hinfaellig (die deutsche Frauenfussballnationalmannschaft feierte den von der Bild erwarteten Triumphzug bei der WM im eigenen Land dann doch nicht), harren noch ihrer Erfuellung (die Maya haben immerhin noch ein paar Monate Zeit) oder waren von vornherein Quatsch. Wie man mit Prognosen Geld verdient, laesst sich an einem Menschen wie Nouriel Roubini zeigen: Der “Wirtschaftsexperte” sagte die Rezession fuer das Jahr 2007 voraus und verkauft seitdem eine Menge Buecher – was sich laut Prognosen positiv  auf seinen Geldbeutel auswirkt. Diese Leistung zeugt allerdings weit weniger von Genialitaet als von der Existenz der beruehmten Stecknadel im Heuhaufen:

“Er prognostizierte unter anderem einen ernsthaften Börsenkrach für 2004, eine scharfe Wachstumsverlangsamung für 2005, einen globalen Einbruch für 2006 und eine Rezession für 2007, die dann endlich kam.”

Wir von verbrochenes sind manchmal auch etwas geschwaetzig, ja. Aber wenigstens reden wir dann ueber des idealtypischen deutschen Wutbuergers liebstes Thema, den Fussball. Bonde hat hier schon einige Male Untergaenge prophezeit, vor allem den des FC Bayern. Dieser ist bisher ausgeblieben und ich prognostiziere an dieser Stelle, dass es auch dieses Jahr nichts wird. Die Muenchner werden in der laufenden Saison souveraen Meister und auch bei allem anderen, was nun kommt, habe ich Recht: Sollte es anders kommen, dann liegt das – natuerlich – an unvorhersehbaren Ereignissen.

Maximal drei Champions League-Plaetze stehen den Bundesligisten dieses Jahr zur Verfuegung, und diese werden an Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und leider auch an Schalke 04 gehen. Dieser Autor wuerde gerne seiner Abneigung gegen die Knappen mehr Gewicht geben, aber was ist schon eine persoenliche Meinung in Anbetracht des Laufes der Geschichte? Wer den besten Sturm der Liga hat, kommt am Ende eben auch unter die Top-Plaetze. Dass Bayer Leverkusen die Saison irgendwo zwischen Platz 2 und 4 beendet ist genauso sicher wie der Nichtaufstieg der Spielvereinigung Greuther Fuerth, und Dortmund spielt einfach zu schoenen Fussball, um dafuer nicht belohnt zu werden. Der Voodoopriester, der Mirko Slomka und Hannover 96 die letzten Monate so vorzuegliche Dienste geleistet hat – denn anders ist der Erfolg des langweiligsten Vereins der Bundesliga nicht zu erklaeren – wird auch noch ans Ende seiner Kraefte kommen, und spaetestens dann stuerzen die Niedersachsen wieder dahin wo sie gehoeren, auf die Plaetze 7 bis 11, wo man am Ende der Saison die Gesellschaft von 1899 Hoffenheim, Mainz 05, dem VfB Stuttgart und Borussia Moenchengladbach geniessen darf – ter Stegen und Reus reichen dann eben doch nicht fuer den ganz grossen Wurf, der dem VfL – sorry an alle Fohlen-Fans – nie wieder gelingen wird. Und: Wer sich von Holger Stanislawski trainieren laesst, braucht mit grossen Anspruechen nun wirklich nicht zu kommen.

Michael Oenning ist seinen Job am kommenden Sonntag los, nachdem seine Mannschaft in Bremen, dass die Saison als Fuenfter beendet, mit 3 zu 0 unter die Raeder gekommen ist. Ohne Mertesacker, dafuer aber mit einem bald wieder einsatzfaehigen Naldo kommt man in der Bundesliga nicht in die Champions League, vor allem dann nicht, wenn man sich im Sturm neben Pizarro auf Arnautovic und Wagner verlassen muss, was ohne Zweifel schade, aber so leicht nicht zu aendern ist, da an der Weser offensichtlich das Geld fuer einen Hochkaraeter im Sturm nicht vorhanden ist. In Anbetracht des Pokal-Auftritts in Heidenheim und einer Vorbereitung, bei der man gegen Southampton die Segel streichen musste, ist das aber immer noch ganz in Ordnung. Den UEFA-Pokalplatz teilt man sich mit dem etwa ab Mitte der Saison wiedererstarkenden VfB Stuttgart, ein strukturstarker Verein mit neuem Stadion, dessen Kader einfach zu stark aufgestellt ist, um nochmal im Niemandsland der Tabelle zu versauern, zumal eben dieses von Freiburg, Wolfsburg und Nuernberg bevoelkert wird.

Das sind zwar sehr unterschiedliche Vereine mit ganz unterschiedlich gelagerten Problemen, aber sie haben eine zu gute Mannschaft um abzusteigen, und eine zu schlechte, um auch nur in die Naehe der Euroleague-Quali zu kommen. Der Club hat eine Menge guter Leute abgegeben und trotzdem noch eine der besseren Innenverteidigungen der Liga, vorne aber keine Durchschlagskraft mehr, Wolfsburg implementiert unter Magath das so genannte Essener Modell (“Man muss nur genug Spieler kaufen, deren Zenit ueberschritten ist, und daraus formt sich dann von alleine ein starker Kader”) und kaempft nochmal um den Nichtabstieg, Freiburg ist ohnehin eine Fahrstuhlmannschaft, deren seltene Ausreisser auf einen einstelligen Tabellenplatz am Saisonende die Regel, dass es in Schwaben zwar keine guten Menschen, in Baden dafuer aber einfach keine guten Fussballvereine gibt, nur bestaetigt.

Womit wir beim echten Abstiegskampf waeren. Den tragen die Aufsteiger Augsburg und Hertha, der Effzeh aus Koeln, Kaiserslautern und natuerlich der HSV aus. Vermutlich schafft der Dino den Klassenerhalt auch dieses Jahr und der alberne Counter im Volkspark bleibt in Betrieb. Vor allem deshalb, weil andere Mannschaften einfach noch schlechter sind – das hat auch Werder Bremen und den VfL Wolfsburg vor dem Abstieg in der letztjaehrigen Saison bewahrt. Lief es in der Rueckrunde auch noch so schlecht, auf die Eintracht aus Frankfurt war genauso Verlass wie auf den zweiten Hamburger Verein. Die Hamburger Morgenpost wird sich am Ende bei Kaiserslautern und Augsburg bedanken koennen, deren Kader zwar auch nur ein Drittel von dem des HSV kosten, dafuer aber auch eindeutig schlechter sind. Wie der letztjaehrige Neunte aus der Pfalz bisher in der Liga aufspielt, laesst jedenfalls nichts Gutes erahnen, zumal fuer die diesjaehrigen Relegationsspiele ein ganz besonderer Leckerbissen ansteht: Die Geissboecke duerfen dort die Fortuna aus Duesseldorf in zwei Spielen mit einer 9-1 Torbilanz deklassieren, ein spaetes Highlight in einer mittelmaessig interessanten Bundesliga-Saison. 2011/12.

Und wer es noch nicht geahnt hat: Den Pokal holt der RWE. Die Rache der Mayas moege sich also noch bis mindestens Ende Mai verzoegern.

Juergen Elsaesser wird einmal sagen koennen, er habe sie alle gehabt. Gemeint ist nicht sein libidinöses, sondern sein journalistisches Engagement: Neues Deutschland, konkret, junge Welt, Freitag, Bahamas und Jungle World – bei einem Streifzug durch die linke Publizistik der letzten fuenfzehn Jahre wird man immer wieder bei dem unvermeidlichen Pforzheimer landen. Die ideologischen und auch inhaltlichen Stunts, die er dabei vollfuehrt hat, moegen abenteuerlich anmuten, doch in Wahrheit hat sich Elsaesser nie veraendert: In der Zeit seiner Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund hatte er sich das analytische Ruestzeug erworben, dessen dogmatische Methodik sein Weltbild fortan praegen sollte: Hinter der Reaktion – das war einmal der (vermeintlich wiederkehrende) Faschismus, heute sind es die USA – steckt das Kapital. Und die letzte Trutzburg im Kampf gegen – ja, was eigentlich? – stellt nach dem Untergang des realsoziliaistischen Blocks nunmal der souveraene Nationalstaat dar. Dass eine derartige Position, konsequent weitergedacht, letztlich auch eine Anerkennung der machtpolitischen Interessen Deutschlands impliziert, so weit war Elsaesser nach dem Mauerfall nicht, noch nicht.

Er, nicht etwa Marlene Dietrich, erfand lieber den Slogan “Nie wieder Deutschland” und schrieb so lange im antideutschen Publikationsflaggschiff Bahamas, wie man dort das Wort antikapitalistisch noch nicht abwertend gebrauchte. Weil “eine Linke ohne Antimilitarismus undenkbar” sei – die Sowjetunion also keine Kriege gegen Afghanistan oder Finnland gefuehrt, die KPD keine Putschversuche gestartet, die RAF keine Menschen erschossen habe – verabschiedete sich Elsässer 2002 aus den Redaktionen der bellizistischen konkret und jungle world, fand beim Neuen Deutschland und auch bei der Islamischen Zeitung zwischenzeitlich dankbare Abnehmer fuer seine journalistischen Arbeiten und widmete sich – bis heute – dem Betrieb eines eigenen Blogs. Als haette die Welt darauf gewartet, traegt es einen ebenso verheißungsvollen wie phantasielosen Namen: Juergen Elsaesser spricht. Und dieser Sprecher moechte nicht nur eine Menge Daten-, sondern auch einiges an Papiermuell in die Verwertungsmaschinerie einspeisen, deshalb startet der Mitbegründer der Volksinitiative seine publizistische Gegenaufklaerung neuerdings zusätzlich mit einem Printmedium namens Compact.

Als einer, der in einem Interview mit Gerhard Wisnewski offenherzig zugibt, “bei allen Zeitungsprojekten der Linken angeeckt” – vulgo: rausgeflogen – zu sein, laesst man sich eben “den Mund nicht verbieten”. Das ist im Sinne der geltenden Presse- und Publikationsfreiheit auch wuenschenswert, zumal dann, wenn sich der Verfasser durch das Geaeusserte selbst blamiert. Und auf Derartiges braucht man nicht lange zu warten: Weil die Reichweite seiner Kritik der politischen Oekonomie mittlerweile nicht mehr ueber eine zwanghafte Obsession bezueglich geheimdienstlicher Machenschaften hinausgeht und beim militaerisch-industriellen Komplex, also Halliburton und Lockheed Martin, stehenbleibt, kann Compact auch “demokratische Linke und demokratische Rechte im offenen Dialog” zusammenbringen. Das Resultat von derlei Experimenten sind Titelstories wie “Das besetzte Land” und “Die Oeko-Diktatur kommt”, stilecht wahlweise mit Renate Künast im Soldatenoutfit oder Angela Merkel mit demütigem Blick auf Barack Obama.

Mindestens genauso beachtenswert ist das mittlerweile zum Grossteil mit Werbung fuer Compact ueberladene Blog. Hier lassen sich interessante Einblicke in die Psyche eines Mannes gewinnen, der seine Orientierung irgendwo zwischen 9/11 und dem Beginn der Operation Iraqi Freedom verloren hat. Ein politischer Kompass, der nur links und rechts kennt, kann solche Figuren nicht mehr sinnvoll verorten: Mahmoud Ahmadinejads Wahlsieg 2009 begiesst Elsaesser “ganz unislamisch” mit einem “Slivovitz”, hinter der Strauss-Kahn-Affaere stecken neben “finanzkapitalistischen Interessen”, das sind die “Yankee-Banker”, auch “hartgesottene Feministinnen”, die “Hass auf Maenner” verbreiten. Der Anschlag auf den iranischen Praesidenten fand zwar nur vermeintlich statt, aber wenn er sich ereignet hat, kommen nur “Dschundallah, Volksmudschahedin und der iranische Ableger der kurdischen PKK” in Frage – und, wer hätte es gedacht, sie alle werden “von US-Geheimdiensten finanziert”. Weil, wer “keine antiamerikanischen Reflexe hat, hirntot” ist, geht es, wenn einer wie Elsaesser digital spricht, immer auch um die USA, “Weltsheriff” der Staatengemeinschaft und Triebfeder der Globalisierung, des ultimativen Feindes eines jeden Nationalstaats.

Und wenn einer gegen die Amis ist, dann ist die halbe Miete schonmal eingefahren: Darum heisst “Libyen verteidigen JETZT Gaddafi unterstuetzen” (sic!), da ist “Freiheit fuer Ratko Mladic” das Motto der Stunde und auch als am 4. Mai 2011 selbst islamistische Organisationen den Tod bin Ladins bestaetigt hatten, konnte man auf dem Blog noch von “zwei anderen Hypothesen” lesen: Entweder, der Chef von Al-Qaeda sei “schon vor Jahren liquidiert” worden, belegt mit dem laengst widerrufenen Statement eines franzoesischen – na, was wohl? – Geheimdienstlers. Oder aber: Ussama “lebt immer noch, und zwar mit neuen Papieren in einem CIA-Beach Ressort am Indischen Ozean”, der wahrgewordene “wohlverdiente[r] Ruhestand” eines “bewaehrten Agenten”. So verrueckt, wie das alles klingt, ist es aber gar nicht. Ob er da beispielsweise schon ahnte, dass sein einstiger Kollege und konkret-Herausgeber Hermann Gremliza im aktuellen Editorial des Blattes bin Ladins Tod zwar als Tatsache anerkennen, gleichwohl aber ebenso behaupten wuerde, bin Ladin sei ‘einst einem Laboratorium der CIA entwichen’?

Elsaesser ist weder ein pathologischer Fall, noch ist es der erste seiner Art, denn auch andere Journalisten sind seit 9/11 in die Ecke der Verschwoerungstheoretiker gekippt. Aus der Not, dass man bei halbwegs serioesen Zeitschriften und Zeitungen keine Artikel mehr platziert kriegt, sobald man eine gewisse inhaltliche Absurditaetsgrenze ueberschritten hat, haben schon einige vor ihm eine Tugend gemacht, Matthias Broeckers beispielsweise. Der ehemalige Leiter des taz-Kulturressorts schreibt naemlich nicht nur ueber die vielfaeltigen Nutzungsmoeglichkeiten von Marihuana, sondern hat auch mehrere Buecher ueber 9/11-Komplottstories vorgelegt, die sich gut verkauft haben. Broeckers, Wisnewski, Andreas von Buelow, jetzt eben auch Juergen Elsaesser – Deutschland hat seine eigenen Versionen von Alex Jones hervorgebracht, dem Macher von Loose Change und schaetzungsweise zweihundertdreiundneunzig weiteren Filmen ueber den inside job.

In einer politischen Wirklichkeit, in der das Individuum gerne bereit ist, die Komplexitaet globaler Zusammenhaenge auf das Wirken einiger weniger Entscheidungstraeger zu reduzieren, ist das ein guter Absatzmarkt – eine schnelle Mark, Elsaessers Lieblingswaehrung, ist da gewiss. Und wenn sich 2011 die Anschlaege zum zehnten Mal jaehren, was ist da naheliegender, als die crackpot-Theorien nochmal aufzuwaermen? So eine Moeglichkeit laesst ein findiger Geschaeftsmann nicht aus und so hat die Compact-Redaktion sich entschlossen, in Leipzig am 10.9. diesen Jahres eine Konferenz abzuhalten, die “einige der bestinformierten Kritiker der offiziellen Version” zusammenbringen wird. Fuer 45 Euro, Compact-Abonnenten bekommen natuerlich Prozente, ist man dabei, geladen wird in das “Globana Trade Center”, und man kann sich die verlegenen Scherze, die auf der Konferenz darueber gemacht werden duerften, bereits lebhaft vorstellen. Das Podium ist bereits mit einer deutschen creme de la creme selbst ernannter kritischer Journalisten besetzt: der Chef des notorischen antiamerikanischen Portals infokrieg.tv ist genauso dabei wie zwei Compact-Mitarbeiter – einer davon ist Elsaesser selbst – und ein Hoerbuch-Autor, der wohlgemerkt mit fiktionaler vertonter Literatur sein Geld verdient. Man kann also eine lebhafte und kontroverse Debatte erwarten.

 

 

 

(Alle in Anfuehrungszeichen markierten Textteile, mit Ausnahme des konkret-Zitats, stammen von Juergen Elsaesser selbst, aus Interviews, Blogeintraegen und Artikeln.)

Als David Villa in der 69. Minute des Champions League-Finals gestern das 3-1 erzielte, musste ich kurz danach an jemand ganz anderes denken: An Roberto Carlos. Dessen Freistoss-Tor bei der Weltmeisterschaft 1998, jahrelang als eins der spektakulaersten Tore der Fussballgeschichte gehandelt, wirkt im Vergleich zu Villas gefuehlvollem Heber beinahe antiquiert und brachial – so spielt man doch heute keinen Fussball mehr, oder? Barcas Gegner gestern war vermutlich niemand Geringeres als die zweitbeste Mannschaft der Welt, und trotzdem hatte sie zu keinem Zeitpunkt eine Chance zu gewinnen, nicht bis zum 1-0, und auch nicht in den 20 Spielminuten, in denen das Spiel durch einen Treffer Wayne Rooneys zwischenzeitlich wieder ausgeglichen wurde. Die Szenerie in Wembley wirkte ein bisschen wie die Spiele Roger Federers in seiner absoluten Hochphase: Gewiss, in den weissen Trikots spielte der nunmehr alleinige englische Rekordmeister auf, eine Mannschaft, die in der Saison und in der Champions League ihren groessten englischen Rivalen, Chelsea, beinahe muehelos in die Schranken verwiesen hatte – aber das ManU seinen Gegner besiegen koennte, das schien so unrealistisch wie eine Wimbledon-Finalniederlage des Schweizers zwischen 2003 und 2007.

Als ich in die Grundschule ging, wurde auf dem Schulhof gerne ein Spiel namens Schweinchen gespielt. Ein Kind musste in die Mitte, in einem Kreis drumherum standen ungefaehr vier oder fuenf andere und spielten sich den Ball zu – der Einzelne hatte die mit viel Laufaufwand verbundene Aufgabe, den Ball irgendwo abzufangen. Seinen Unterhaltungswert bezog das Ganze dabei aus dem zahlenmaessigen Ungleichverhaeltnis zwischen verteidigendem und ballfuehrendem Team – aber gestern hatte man den Eindruck, Barcelona spielt Schweinchen mit Manchester United – und das bei gleichgrosser Spieleranzahl. Fast schon putzig wirkte es, wie oft die Regie von Sat1 die Statistik ueber die abgegebenen Paesse und das Ballbesitz-Verhaeltnis der beiden Mannschaften einspielte – dabei konnte man, ohne in seinem Leben zehn Fussballspiele gesehen zu haben, die Deutlichkeit der Ueberlegenheit des spanischen Meisters erkennen. Obwohl der Autor dogmatischer Atheist ist, kommt auch er bei der Beschreibung dieses Spielstils nicht umhin, die religioese Sphaere zumindest zu streifen: Diese 90 Minuten in Wembley gestern waren tatsaechlich magisch und zauberhaft, wie von einem anderen Stern. Totale Dominanz ala FC Bayern, das waere ein Sprachverbrechen am Spielstil von Messi, Pedro und Xavi. Wie sich die Spieler dieser Mannschaft ueber den Rasen bewegen, das hat nichts mit dominieren – mithin also beherrschen – zu tun, es ist weniger ein Spiel mit dem Gegner (dass manchmal auch arrogante Zuege tragen kann, wenn eine Mannschaft deutlich ueberlegen ist), als vielmehr ein Spiel an ihm vorbei. Wie sich die Offensive von Barcelona am Strafraum den Ball zuspielte, das erinnerte bisweilen mehr an Handball – eine scheinbar nicht zu unterbrechende Pass-Stafette folgte der naechsten – und einige der besten Verteidiger der Welt wie Vidic und Ferdinand schauten insgesamt nur hilflos dabei zu.

Fussball ist in den letzten Jahren zu einem zunehmend aesthetisch ansprechenderen Sport geworden, zumindest an der Weltspitze, immer mehr aber auch in den nationalen Ligen Englands, Spaniens oder Deutschlands. Mit einer hierzulande so gerne als rustikal bezeichneten Spielweise alleine – graetschen, beissen, rennen – holt man auf internationaler Ebene und auch im jeweils nationalen Meisterschaftskampf keinen Blumentopf mehr. Dieses Jahr wurde die Bundesliga-Saison nicht nur von der juengsten Mannschaft der Liga, sondern auch von ihrer technisch staerksten gewonnen. Ein Ticket fuer ein Champions League-Spiel der Oberklasse kostet gerne 55 Euro, in guten Kategorien noch mehr und auf dem Schwarzmarkt wurden gestern vermutlich astronomische Summen verlangt. Es ist richtig, dass das ausserhalb der finanziellen Moeglichkeiten einkommensschwacher Bevoelkerungsschichten liegt – aber es ist genauso logisch. Weil Fussball so viel besser geworden ist, soviel interessanter, ansehnlicher und schoener – deshalb interessieren sich auch mehr Leute fuer einen Stadionbesuch, und das wiederum treibt die Eintrittskartenpreise in die Hoehe. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sind in dieser Saison nochmals angestiegen – vermutlich auch deshalb, weil die abgelaufene Saison sicherlich die meisten guten Fussballspiele der letzten fuenfzehn Jahre beinhaltete. In einer Welt, in der die Kulturbetriebe vor allem mit der bestaendigen Wiederkaeuerei ewig gleicher Motive und Stories langweilen, liefern der Spitzensport und vor allem seine prononciertesten Professionellen ein Surrogat fuer das aesthetische Beduerfnis, das Musik, Film und Prosa oft nicht mehr zu stillen in der Lage sind. Lionel Messis Ballbehandlung sorgt da mitunter fuer mehr Entzueckung als das neueste Album von Phil Collins, kann mehr Magie verspruehen als Dan Browns Fliessbandthriller und Joanne K. Rowlings Zauberschueler zusammen.

Auf diesem Hoechstleistungsniveau noch einmal besonders herauszustechen, ist normalerweise etwas, dass Sportlern in Einzelsportarten vorbehalten ist – Roger Federer war im Tennissport fuer etliche Jahre so jemand, Miguel Indurain, der die Tour de France lange vor Dopingskandalen  im Radsport fuenfmal in Folge gewann, ein anderer. Der FC Barcelona hat diese Einzigartigkeit in ein ganzes Team inkorporiert: Josep Guardiola trainiert wahrscheinlich die beste Fussballmannschaft aller Zeiten. Ist das nicht irgendwie auch ein bisschen langweilig? Ja, vielleicht schon. Aber Langeweile kann auch etwas Beruhigendes haben: Vor dem Uruguay-Freundschaftsspiel aeusserte sich der Trainer der schwarz-rot-geilsten aller Fussballtruppen, Joachim Löw, dass Deutschland wieder die Fussball-Nummer 1 in Europa werden sollte. Der Grossteil der spanischen Nationalmannschaft spielt beim FC Barcelona. Und der Rest bei Real Madrid,  der einzigen Mannschaft, die ueberhaupt in der Lage war, die Rot-Blauen in dieser Saison in einem wichtigen Spiel zu schlagen. Jogi soll weitertraeumen. Das gehoert im Fussball naemlich auch dazu.

Der Berliner Rapper Oliver Harris, dessen Nachname schon in der ersten Ermangelung von Kreativität sein Künstlerpseudonym wurde, hat einen Musiktrack über Deutschland und diese ganze Scheisse gemacht:

Harris Nur ein Augenblick

Wer nun erwartet, von einem, der einmal den selbst ernannten Berlin fickt euch in den Arsch-Style repräsentierte und von Gras, Becks und Zärtlichkeit träumte – was nicht viel, aber immerhin mehr als der ganz normale deutsche Mief ist – würde man auch nur ein schlechtes Wort über dieses, über sein Land hören, der hat sich getäuscht. Harris macht lieber gleich von Anfang an klar, wer sein Zielpublikum ist:

Du bist jung, schwarze Haare, braune Augen, dunkle Haut

Menschen mit Migrationshintergrund, die über einen anderen Phänotyp verfügen, brauchen also gar nicht erst hinhören, wenn der gebürtige Kreuzberger etwas über Integrationswillen und dieses Deutschland erzählt. Getragen von einem düsteren, unheilvollen Beat kriegen alle, die es ertragen können, nun fast 5 Minuten lang feinste Ideologie von jemandem ins Gehör gedrückt, der dafür auch von irgendeinem CSU-Kreisverband bezahlt worden sein könnte. Während Harris sich – wie bedeutungsvoll – seinen Weg durch eine Fanmeile bahnt, umringt von hunderten Feierdeutschen und den obligatorischen Migrantenkids mit schwarz-rot-gold auf den Wangen, kommt er direkt zum Punkt: Dir gefällts hier nicht? Dann zieh doch einfach wieder dahin, wo du herkommst!

Wieso wohnst du in diesem Land / über zehn Jahre / vielleicht länger / und sprichst trotzdem nicht die deutsche Sprache? / Du sagst Deutsche sind scheisse / deutsche Frauen sind Dreck / Tu Deutschland bitte einen Gefallen und zieh weg / Dieses Land braucht keine Menschen, die hier nicht sein wollen

Falls doch noch Orientierungsprobleme bei den Auszuweisenden auftauchen, Harris hat die Antwort direkt, denn er zeigt den Deutschlandhassern gerne auch den Weg zum Airport (und, wer sich ein bisschen mit Berliner Musik um die Jahrtausendwende auskennt, wird vielleicht denken: Vielleicht beendet Taktlo$$ dort dann wenigstens den Höhenflug von Harris.), denn der Volkskörper, zu dessen sich geborgen fühlendem Teil Harris selbst genauso geworden ist wie sein Hamburger Kollege Samy Deluxe, der braucht so einen Menschenschlag nicht: Unproduktiv, integrationsunwillig, ja, am Besten noch kriminell – aber bitte nicht hier.

Wie problemlos solch ideologischer Beton angerührt werden kann, wenn man nur lange genug die Schleuder dreht, das sieht man an derlei Beispielen am Allerbesten: Ein paar Fussball-WMs und Integrationsdebatten in Talkshows reichen vollkommen aus, und wenn dann noch ein  Ausländer endlich mal das sagt, was sowieso schon fast alle denken, ist die Szenerie perfekt: Mit ein bisschen Fähigkeit zur theatralischen Inszenierung kriegt man noch die bescheuertesten Meinungen im gesamtgesellschaftlichen Diskurs platziert, und wer eignet sich da besser als jemand, der so aussieht, als wäre er gar nicht das, was er ist – nämlich ein Deutscher? Es ist, als hätte sich Kristina Schröder in der jüngst von ihr angestoßenen Pseudodebatte um Deutschenfeindlichkeit Schützenhilfe erbeten, und Harris griff sofort zu Stift und Papier – Gras und Becks erstmal zur Seite, denn jetzt wirds ernst, wird er sich gedacht haben – um Zeilen wie diese aufzuschreiben:

Du kannst aber hier nicht leben / und alles schlecht reden / und denken dass man dann auch noch nett ist zu dir / vor allem wenn du die Deutschen nicht respektierst

Man bekommt den Eindruck, der zu sich selbst gekommene Harris steigere sich hier langsam in einen Rausch, denn wie anders ist es zu erklären, dass er unter völliger Missachtung des ohnehin nur sehr rudimentär vorhandenen Reimschemas dann auch noch zu folgender Feststellung gelangt – der Ekelschauer ist jedem Zuhörer, der sein kritisches Bewusstsein noch nicht völlig verabschiedet hat, sicher:

Ich weiss es klingt verrückt / ich bin stolz, Deutscher zu sein / bin Patriot und hab ne gute Portion Nationalbewusstsein>

Hätte ein böswilliger Zyniker bessere Figuren schaffen können als jene, die in den letzten Monaten zur Ehrenrettung des deutschen Nationalgefühls herangezogen wurden? Libanesen mit übergroßen Schland-Fahnen mitten in Neukölln, Jogi Löw und jetzt eben Harris. Vorbei sind die Zeiten, wo immerhin noch gut gemeinte, wenn auch nutzlose Musik ala Adriano produziert wurde, denn Nazis gibts hier eh nicht (mehr). Und falls doch, liebe Opfer rassistischer Gewalt: Es ist nur ein Augenblick. Wirklich.