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“Wanted?”

Dick Cheney wirkt verblüfft, als er das sagt. Gerade hat man ihm die Frage gestellt, ob die US-Administration, in deren Turnus er als Vizepräsident der Vereinigten Staaten gearbeitet hat, den Irak-Krieg gewollt habe. Der ehemalige Kongressabgeordnete des Bundesstaates Wyoming – es ist der einwoehnerärmste des Landes – scheint mit so einer Frage entweder nicht gerechnet zu haben oder für einen Politiker sehr gut schauspielern zu können. Nach einem kurzen Augenblick entscheidet er sich, mit einer Gegenfrage zu antworten: Why, ’cause we liked war?

Es ist eine von vielen merkwürdigen Szenen in R.J. Cutlers Film The World According to Dick Cheney, der zwar schon auf dem Sundance Film Festival Premiere feierte, im US-Fernsehen allerdings erst am vergangenen Freitag ausgestrahlt wurde. Der Sendetermin dürfte kaum zufällig an dieses Datum verlegt worden sein: Den heute 72-Jährigen wird man trotz einer abwechslungsreichen politischen Karriere im Wesentlichen für seine Dienstzeit unter George W. Bush in Erinnerung behalten, und in diesen Tagen jährt sich der Beginn der Operation Iraqi Freedom zum zehnten Mal. Cheney gilt als einer der vehementesten Befürworter des Irak-Kriegs. Selbst bei der Wikipedia lässt sich erfahren, dass er der angeblich mächtigste Vizepräsident in der langen Geschichte seines Landes war, in den Augen seiner Feinde ist er gar so etwas wie die graue Eminenz der Ära Bush, ein skrupelloser Machtpolitiker und Lobbyist, nach dessen Vorbild die Ultra-Hardliner in Agentenserien wie 24 geschnitzt wurden, deren politischer Alltag nur aus dem Erpressen von Foltergeständnissen und dem Vereiteln von ABC-Waffenanschlägen besteht. Wenn in den letzten zehn Jahren in der linksliberalen deutschen Presse von den Falken in der amerikanischen Regierung die Rede war, dann ist Cheney unter ihnen derjenige mit der größten Flügelspannweite.

Genau wie sein engster privater Freund Donald Rumsfeld hat er bereits seine Memoiren verfasst und das aktive Politikerdasein an den Nagel gehängt. Die letzten beiden Präsidentschaftswahlen hat seine Partei, die republikanische, verloren, und es gibt nicht wenige, die das dem Wirken der Bush-Administration ankreiden. Die grand old party galt den US-Bürgern von den 70ern bis zum Ende von George W. Bushs erster Amtszeit als die in Fragen der national security kompententere, ein Vorsprung, den sie schon eingebüßt hatte, bevor Barack Obama die Tötung von Osama bin Laden verkünden konnte. Ihr Kandidat für den Wahlkampf des letzten Jahres, Mitt Romney, hatte die Volksabstimmung gegen einen durchaus amtsmüde wirkenden demokratischen Präsidenten auch deshalb verloren, weil in sicherheitspolitischen Fragen an den Erfolgen der Obama-Administration wenig auszusetzen war.

The Dark Side of the Force

Wer sich die folgenden 110 Minuten in Gänze anschaut, wird danach vorraussichtlich nicht viel an seinem Weltbild ändern müssen. Entweder man sieht in Cheney genau den political darth vader, als den ihn einer der zu Wort kommenden Journalisten gegen Ende beschreiben wird. Und, könnte man fragen, gibt es überhaupt ein oder? Genauere statistische Erhebungen zu dem Thema scheinen nicht angestellt zu werden, aber Cheney dürfte seinem ehemaligen Chef im weissen Haus in Sachen Unbeliebtheit in nichts nachstehen. Der Regisseur Cutler, den wir die ganze Zeit über nicht zu Gesicht bekommen werden, stellt Cheney einige banale Fragen. Was ihm die wichtigste Tugend sei, was das schlimmste Unglück. Und sein Lieblingsessen? Spaghetti. Man meint zu bemerken, dass er die Fragen ein wenig albern findet, da bekommt er gleich die nächste gestellt. Man wird sie in den Trailer schneiden, denn es passt einfach zu gut zu dem Bild, dass man von Cheney schon jetzt bekommen soll: Was sein größter Fehler sei, wird er gefragt, und natürlich hat er keine Antwort parat. Wer könnte so eine Frage schon beantworten, zumal, ohne nachzudenken? Er verbringe nicht viel Zeit mit dem Nachdenken über seine Fehler, sagt er dann, die Kamera blendet aus und – so funktioniert Fernsehen – lässt dem Zuschauer ein paar Sekunden Zeit, über die Fehler eines anderen Menschen zu sinnieren.

Umso genüsslicher und umfangreicher werden andere Cheneys Fehler in den kommenden Tagen noch einmal Revue passieren lassen, auch in Deutschland, wo die Bush-Administration wie in vielen anderen Ländern die mit Abstand unbeliebteste US-Regierung nach 1945 war. Man wird sich an Colin Powells Auftritt vor den Vereinten Nationen erinnern, – so, als habe es vor den dieser Versammlung weder davor, noch danach jemals andere Peinlichkeiten gegeben – an black sites und Guantanamo, an weapons of mass destruction, die sich als inexistent herausstellten, an die axis of evil, old europe und terrorist support. In der Zeit beispielsweise macht Martin Gehlen schon im Titel klar, dass man nach zehn Jahren nur auf ein katastrophales Erbe schauen könne – natürlich das Erbe des George W. Bush, nicht etwa Saddam Husseins. Über 750 Milliarden US-Dollar hat der Krieg bereits verschlungen, einer der Hauptgründe für seine Unbeliebtheit in den Vereinigten Staaten. Barack Obama hat das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur 2008 auch deshalb gewonnen, weil er sich als vehementen Gegner des Kriegs inszenieren konnte, eine Haltung, die seine Hauptkonkurrentin kaum glaubhaft verkaufen konnte.

Denn Hillary Clinton hatte 2003 als Senatorin für den Bundesstaat New York ebenso wie die Hälfte der anderen demokratischen Senatoren für den Krieg gestimmt, wir können das in The World According to Dick Cheney noch einmal sehen. Es ist einer von vielen Film- und Bildschnipseln, die Cutler aus den Archiven der Fernsehsender gegraben hat, um sie im Sinne einer ansatzweise kohärenten Erzählung von Cheneys Leben wieder zusammen zu setzen. Wir sehen viele Bilder aus dem, was man für den Alltag eines Politikers halten könnte: Mal sitzt er vor einem Berg von Akten oder Papieren über dem Schreibtisch, dann schüttelt er die Hand von Richard Nixon oder hält eine Pressekonferenz. Akustisch untermalt wird das Ganze von einer tiefen Erzählerstimme und einer ganzen Armada von Buchautoren und Journalisten, die immer wieder zwischen die Aufnahmen geschaltet werden und mehr oder weniger sinnvolle Kommentare und Erläuterungen abgeben. Eine von ihnen erklärt, wie mächtig der Vizepräsident war, in dem sie allen Ernstes auf seine Anwesenheit bei wichtigen Meetings verweist, ein anderer betont Cheneys Einflussnahme bei der Zusammensetzung des Kabinetts. Unprecedented, beispiellos, wird Cheneys Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 bezeichnet, was nur denjenigen verblüffen dürfte, der sich der Beispiellosigkeit von 9/11 nicht bewusst ist. Als die nicht immer zeitlich stringent verlaufende Timeline dieses Datum erreicht hat, sehen wir einen sorgenvollen Vizepräsidenten in einem Raum des weissen Hauses, umringt von Regierungsmitgliedern wie Condoleeza Rice, hinter ihm ist das Wappen des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sehen. Es stammt tatsächlich vom 11. September, denn der amtierende Präsident war zum Zeitpunkt der Anschläge, auch diese Aufnahmen gehören zu den berühmtesten des Jahrzehnts, in einer Grundschule in Florida damit beschäftigt, aus Kinderbüchern vorzulesen, weshalb Cheney an der Stelle sitzt, die sonst dem Präsidenten vorbehalten ist, darum ist er sein Stellvertreter. Ein Journalist erklärt, Cheney sei nach den Anschlägen, die sein Amtskollege Rumsfeld im Pentagon übrigens aus nächster Nähe erlebt hat, mit einem Helikopter aus dem weissen Haus ausgeflogen worden. Wem diese Annehmlichkeit sonst noch zu Teil wird? Präsidenten. Nur Präsidenten.

The Neoconservative Persuasion

Gäbe es so etwas wie ein politisches Unwort der Bush-Zeit, der Begriff vom neocon landete mit großer Sicherheit in der Endausscheidung. Personen des öffentlichen Lebens inner- und außerhalb der republikanischen Partei, die sich als solche bezeichnen, hat es seit den 1970er Jahren immer wieder gegeben. Die Liste der Verdächtigen ist lang und unvollständig: Neben Rumsfeld und Cheney wären da weitere Mitarbeiter der Regierung wie Paul Wolfowitz und Richard Perle, Intellektuelle und Publizisten wie John und Norman Podhoretz vom Commentary Magazine, der Journalist Charles Krauthammer oder der mittlerweile verstorbene Irving Kristol, den man als den ideologischen Vater der Bewegung bezeichnet hat. Es sagt eine Menge über die Kurzlebigkeit solcher politischer labels aus, dass in The World According to Dick Cheney das Wörtchen vom Neocon kein einziges Mal vorkommt: Weder der geschiedene mächtigste zweitmächtigste Mann der Welt noch irgendein anderer Akteur führt es ein einziges Mal im Mund. Man muss schon darauf warten, von Sebastian Fischer, dem USA-Korrespondenten des Spiegel, zehn Lehren aus dem Irak-Kriegs präsentiert zu bekommen, um mal wieder über diesen geheimbundartigen Zusammenschluss zu stolpern. Dort lässt sich erfahren, dass, sechstens, der Irak-Krieg einer der Neocons war und sie obendrein siebtens daraus wenig gelernt haben, weil sich Kristols Sohn William tatsächlich erdreistet, weiterhin eine Zeitung zu publizieren und die Lebensgeschichte von Donald Rumsfeld käuflich zu erwerben ist. Mit der tatsächlichen politischen Realität in den USA hat das, das weiss Fischer vermutlich selbst, wenig zu tun. In der republikanischen Partei sind die hoffnungsvollsten und beliebtesten Vertreter der Partei keine außenpolitischen Hazardeure mehr: Es bedarf schon einiger inhaltlicher Verrenkungen oder einer gewollten analytischen Unschärfe, um Mitt Romney einen Neokonservativen zu nennen, bei den neuesten shooting stars wie Rand Paul oder Marco Rubio wäre es glatter Unfug. Sie befürworten wie die mit ihnen eng verbundene tea party für eine isolationistisch ausgerichtete Außenpolitik der USA und die Reagonomics der Achtziger würden vor ihren fiskalpolitischen Maßnahmen vermutlich wie ein sozialdemokratisches Reformprogramm wirken.

Dass die Neokonservativen im Urteil des überwiegenden Teils der Nachwelt nicht gerade gut wegkommen, dürfte auch ihrem funktionalistischen Politikverständnis geschuldet sein. It is more important to be successful than to be loved, sagt Cheney in die Kamera, was einerseits stimmen mag, andererseits aber ein schlechter Wahlspruch für demokratisch legitimierte Politiker ist, die auf die Stimmen ihrer Bürger angewiesen sind. In diesen Momenten des Films lässt sich erahnen, warum der Versuch dieses Mannes, sich von seiner Partei als Präsidentschaftskandidat aufstellen zu lassen, gescheitert ist. Beeindruckend viel Neues erfahren wir in den knappen zwei Stunden zwar nicht, aber dem Filmemacher Cutler ist es gelungen, die Ausgangslage einer Ära nachzuzeichnen, die, wie Hank Stuever in der Washington Post ganz richtig feststellte, lang noch nicht an ihrem Ende angelangt - still raw inside - ist. Der Zuschauer taucht noch einmal in die Diskussionen der unmittelbaren Zeit nach 9/11 ein: Es geht um die Behandlung von mutmaßlichen und tatsächlichen Terroristen, um das Abschiessen von Flugzeugen und die Frage, welche Verhörmethoden als Folter zu bezeichnen sind; das waterboarding gehört für Cheney nicht dazu. Man erinnert sich an die Vehemenz, mit der auch in den Feuilletons deutscher Zeitungen über solcherlei Themen gestritten wurde, an Dispute um völkerrechtliche Legitimation und amerikanischen Unilateralismus. Vielleicht war die Opposition zu diesem Krieg in jenen Tagen nicht nur aufgrund seiner fragwürdigen Begründung durch die Bush-Administration so heftig, sondern auch, weil man hierzulande kaum etwas von seinen Folgen spürte. Anders als etwa in Vietnam machte es für das Gros der Protestierenden wenig Sinn, sich gleich auf die Seite des Gegners der Koalition der Willigen zu schlagen: Um Saddam Husseins Baath-Regime irgendwie gutmeinend gegenüber zu stehen, musste es einen schon tief in den Sumpf der Verschwörungstheorien oder aber an den äußersten rechten oder linken Rand des politischen Kompasses verschlagen haben. Umso leichter ging die Anti-Kriegsrhetorik im pazifistischen Elfenbeinturm Bundesrepublik von der Hand, wo sich die in diesen Tagen amtierende Bundesregierung ohnehin gegen eine Beteiligung am Waffengang im Golf ausgesprochen hatte, eine Entscheidung, die die damalige Doppelspitze Schröder-Fischer für immer als ihr politisches Vermächtnis reklamieren wird. Mit Dick Cheneys Resümee sind die Zeitgenossen weniger gnädig: Ob er weiss, dass man ihn im vergangenen Jahr vor dem Kuala-Lumpur-Kriegsverbrechertribunal in Abwesenheit schuldig gesprochen hat, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben?

New world order

Solch negatives Feedback hat eine Menge mit dem zu tun, was in der Folge des schnell beendeten militärischen Auseinandersetzungen und dem Ende von Saddam Husseins Herrschaft nicht passiert ist: Es konnten weder Beweise für die Zusammenarbeit mit Terrororganisationen wie Al Qaida noch Massenvernichtungswaffen gefunden werden, und die Bilanz der freedom agenda, also der Demokratisierung des mittleren Ostens, ist zehn Jahre später längst nicht so bright and shinyf, wie man sich das einmal erhofft hatte. Das Land versinkt zunehmend in innermuslimischen Konflikten und Streitigkeiten um Machtpositionen, hat mit Korruption und Amtsmissbrauch zu kämpfen und obendrein sieht die anfangs von Spöttern als Marionetten-Regierung denunzierte derzeitige politische Führung eine diplomatische Annäherung an Iran als sinnvoll und wünschenswert an. In den ersten fünf Jahren nach Beginn des Krieges begingen über 900 Menschen Selbstmordattentate, denen weit mehr irakische Zivilisten als Angehörige der amerikanischen Streitkräfte zum Opfer fielen. Wer hinter solchen Angriffen auf die öffentliche Ordnung lediglich einen – wie legitim auch immer geführten – nationalistischen Befreiungskampf gegen ausländische Besatzungsmächte vermutet, sieht sich spätestens seit dem weitgehenden Abzug der US-Armee getäuscht: Der Bombenterror hat an Intensität nicht nachgelassen, die Regierung des Landes ist quasi handlungsunfähig. Der Krieg ist zu einem regelrechten PR-Desaster für die mächtigste Nation der Welt mutiert, seine Durchführung hat zum rapiden Anstieg der us-amerikanischen Staatsausgaben ihr Scherflein beigetragen, ohne dabei die erwünschten Erfolge zu zeitigen. Dabei ist es faszinierend zu sehen, dass sich nicht nur viele Prognosen und Behauptungen der berüchtigten Neokonservativen als falsch erwiesen haben, sondern auch die ihrer Gegner. Im Frühjahr des Jahres 2003 konnte man sich in der Presselandschaft vor Artikeln, die über die vermeintlich dunklen Machenschaften hinter den Kulissen berichteten, kaum retten.

Der interessierte Leser lernte in diesen Tagen eine Menge über Privatunternehmen wie Halliburton, die ihre Angestellten für verschiedenste Tätigeiten ins Zweistromland schickten. Schnell war eine Verbindung hergestellt zum omnipräsenten Cheney, der als Vorstandsvorsitzender für den texanischen Konzern gearbeitet hatte, woraus man wiederum die Behauptung ableitete, der Krieg werde in Wahrheit um die reichen Ölvorkommen des Irak geführt. Eine deutsche Ministerin verglich die außenpolitischen Maneuver von Bush junior mit denjenigen Adolf Hitlers, noch schrillere Stimmen prophezeiten die Etablierung einer neuen Weltordnung, deren Installation schon Reagan oder wahlweise Bushs Vater auf ihre Agenda gesetzt hatten. Von all diesen bold predictions hat sich kaum eine bewahrheitet: Die Konzessionen zur Ölforderung hat die irakische Regierung in der weit überwiegenden Mehrheit Firmen aus Ländern wie China und Russland zugeteilt, die sich nicht am Krieg beteiligt hatten. Von einer neuen Epoche us-amerikanischer Hegemonie über die arabische Welt kann genauso wenig gesprochen werden wie von dem Krieg gegen den Islam, den Bush angeblich vom Zaun zu brechen beabsichtigte. Stattdessen attestiert Klaus-Dieter Frankenberger auf der Titelseite der FAZ, dass Iran zehn Jahre später zum geopolitischen Gewinner mutiert ist. Vielleicht ist es absurderweise letztlich dem Unwillen der USA geschuldet, noch viel größere Summen in den Aufbau einer demokratischen Ordnung zu stecken, um das in den letzten Jahren international so wichtig gewordene nation building voranzutreiben.

The Forever War

Wo auch immer die Formulierung von der Nationenbildung zu hören ist, ist der Komplementärbegriff – der failed state – nicht weit. Diese Begrifflichkeit ist nicht erst im Gefolge des letzten Golfkriegs entwickelt worden und der Irak ist nicht das erste Land, dem ein solches Schicksal droht. Somalia beispielsweise fällt in diese Kategorie, Syrien droht dasselbe Schicksal und erst kürzlich hat die internationale Gemeinschaft einen weiteren Zerfallsprozess aufzuhalten versucht, in dem man den territorial größten Staat Afrikas, Sudan, in zwei separate Nationen aufgespalten hat, man kennt ein ähnliches Prozedere aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das mediale Interesse für derartige Vorkommnisse ist üblicherweise sehr kurzlebig, aktuell sieht man das am westafrikanischen Mali, welches kaum ein paar Wochen nach dem raschen militärischen Erfolg der französischen Armee im Kampf gegen radikale Islamisten beeindruckend schnell wieder aus den Nachrichtensendungen und Auslandsspalten verschwunden ist. Dem Irak scheint dieses Schicksal des Vergessenwerdens nach einer verlängerten Latenzzeit ebenfalls zu Teil zu werden, es ist ein scheinbar unaufhaltsamer Prozess, der viel über die medial aufbereitete Informationsgesellschaft, in der wir leben, verrät. Wenn nicht gerade ein runder Jahrestag ansteht, sucht man sogar in der middle east-Rubrik der New York Times vergebens nach aktuellen Artikeln: Aus Bagdad nichts Neues. In der internationalen Presselandschaft hat man sich intensiver mit David Petraeus’ Sex-Affäre beschäftigt als mit seinen Ideen zur Aufstandsbekämpfung, über die Arbeitsfelder von US-Sicherheitsfirmen wie Blackwater ist mehr bekannt als über die Aktivitäten des gegenwärtigen irakischen Kabinetts.

Der Krieg ist nach zehn Jahren ein vergessener Krieg im globalen Gedächtnis, geblieben sind nur noch ein paar zumeist aus traurigen Gründen berühmt gewordene Bilder und die dazu passenden verbalen Formulierungen aus dem ihm eigenen rhetorischen Ideenhimmel. Das Stigma, den Krieg letztlich verloren zu haben, werden sich die USA nicht anheften müssen – das war nach dem Vietnam-Krieg anders, als Kriegsheimkehrer an den Flughäfen des Landes von wütenden Protestlern empfangen und angefeindet wurden. Zwei Veteranen des Krieges sind inzwischen bereits Kongressabgeordnete geworden, ob sie ihre eigene politische Agenda allerdings allzu eng mit diesem Teil ihrer Biographie verknüpfen werden, ist eine andere Frage, denn über den Irak gibt es wenig Erquickliches zu erzählen, was ein grosszügiges Umschiffen des Themas als Gebot der Stunde ausweist. Man sieht diese Vergessenheit auch an der beinahe kompletten Ignoranz, die dem Krieg in der amerikanischen Populärkultur zu Teil geworden ist: Kaum ein Film nimmt sich des Stoffs an, während es sogar schon eine Oscar-prämierte Inszenierung der greatest manhunt in history – der nach Osama bin Laden – gibt. Und nur eine einzige – wenn auch äußerst sehenswerte – TV-Serie beschäftigt sich explizit mit dem Thema, sie wurde von den Machern von The Wire geschaffen und trägt den ziemlich martialischen Namen Generation Kill. Die Protagonisten der Serie sind allesamt Mitglieder einer Aufklärungseinheit des United States Marine Corps, die an den wenigen Kämpfen mit Einheiten der irakischen Volksarmee oder Saddams Revolutionsgarden beteiligt sind und dabei so gar nicht wie die beeindruckenden Elitesoldaten aus den Werbespots wirken. Im Irak kämpften in überwiegender Mehrzahl die Kinder aus den finanziell schlechtergestellten Familien des Landes, für die vorgebliche Verteidigung westlicher Werte zogen im überwiegenden Teil nicht New Yorks und Hollywoods Linksliberale, Ivy League-Absolventen oder gar Berliner Antideutsche in den Krieg, sondern Amerikas Kleinstadt- und trailer park-Bewohner, wie der Kriegsberichtserstatter Dexter Filkins in einem der bedrückendsten Bücher zu diesem frischen Kapitel der Zeitgeschichte festgestellt hat:

“The soldiers and their wives and the moms and the dads: they wanted to talk. Maybe nobody else did but they did. Back in the world, there was a kind of underground conversation about Iraq and Afghanistan. Underground and underclass. The rest of the country didnt much care. In Pearland and Osawatomie and LaGrange, Iraq and Afghanistan lived on, and people wanted to talk.”


The Empire strikes back

In den letzten Minuten von The World According to Dick Cheney begleitet die Kamera den Privatmann beim Fliegenfischen auf einem Fluss in den unendlichen weiten Wyomings. Es ist sein erster Angelausflug, seit ihm ein neues Herz eingepflanzt wurde, er wirkt genauso fokussiert und ernst wie auf den vielen Bildern, die ihn im Oval Office zeigten. Die Welt, seine Welt, die wir laut dem Anspruch des Films nun zu kennen glauben, würde er wieder in diesem Sinne gestalten. I’d do it all over again, das sind in der Erzählreihenfolge des Films Cheneys letzte Worte. Und die Neokonservativen, um die es nach Cheneys Abgang aus dem Staatsdienst so ruhig geworden ist, haben sie alle mit einem Mal ihre politischen Tätigkeiten eingestellt? Bei Irving Kristol, den man als den godfather der Bewegung bezeichnet hat, finden wir einen über dreissig Jahre alten Hinweis, wo die Spurensuche, so sie denn erwünscht ist, weitergehen könnte:

“(…) if the political spectrum moved rightward and we should become ‘neoliberal’ tomorrow, I could accept that too. As a matter of fact, I wouldn’t be too surprised if just that happened.”

Die US-Fernsehserie Newsroom portraitiert die Redaktionsmitglieder eines fiktiven Kabelfernsehsenders in den USA, deren Tagesgeschaeft die Produktion eines Nachrichtenformats ist. In der neunten Folge der ersten Staffel bekommt das Team Besuch von einer Abordnung des Republican National Committee. Newsnight, besagte Nachrichtensendung, hat die Chance eine der Vorabdebatten mit den verschiedenen republikanischen Kandidaten im Praesidentschaftswahlkampf auszurichten. Der Stab um den Anchorman Will McAvoy hat sich gut vorbereitet, um den Parteiapparatschiks einen Ausblick auf ihre Version dieses Medienereignisses zu zeigen. Die Fragen sind ungewoehnlich scharf und direkt, McAvoy fasst keinen der Kandidaten, die von seinen Redaktionsmitgliedern nachgespielt werden, mit Samthandschuhen an und versucht seine imaginaeren Gegenueber auf eindeutige Statements festzulegen. Der Zuschauer sieht immer wieder, wie das dem letzten Endes fuer die Evaluation des Formats verantwortlichen Politikberater gefaellt: ueberhaupt nicht. Nach einer kurzen Pause bekommt McAvoy schliesslich die Absage, alle Vorbereitung des Konzepts war umsonst. Am Ende der Folge bekommen wir einen kurzen Ausschnitt der realen Debatte zu sehen, die beiden Funktionaere der grand old party schauen in einer Bar zu. Anstatt die bissigen Fragen des Newsnight-Team beantworten zu muessen, wird Michele Bachmann gebeten, zum Thema Elvis or Johnny Cash? Stellung zu beziehen.

Gibt es ueberhaupt so etwas wie gescheites Fernsehen? Vielleicht sogar gescheites Fernsehen zu politischen Themen? Das ist eine Frage, um deren Beantwortung sich die Serie The Newsroom, die im Uebrigen im Juni diesen Jahres in ihre zweite Staffel geht, immer wieder dreht. Bis dahin muss man damit leben, dass die Realitaet noch grausamer ist, als das in dieser Fernsehserie ueber das Fernsehen dargestellt wird. Wenn es schon nicht Will McAvoy sein kann, wie waere es dann mit Sandra Maischberger, dachte dieser Autor am vergangenen Dienstagabend und schaltet zum Thema Die Armutseinwanderer: Ist Deutschland ueberfordert? ein. Das ist zwar nicht so schoen entweder – oder wie die Frage, ob mans eher mit Johnny oder eher mit Elvis haelt, aber trotzdem die ideale Chance fuer Qualitaetsfernsehen.

Die Diskussionsrunde wird mit einem Video eingeleitet. Wir sehen ganz normale Deutsche, irgendwo in Duisburg – sie sind in Aufruhr, das ist nach 3 schnellen Schnitten von Buerger zu Buerger klar. Es geht nicht mehr, befindet eine alte Frau. Die Lage sei unbeschreiblich, konstatiert ein anderer, um seine Sprachlosigkeit dann doch in Worte zu fassen: Die Kinder, die lassen die Hosen runter, um ihre Notdurft zu verrichten. Und dann sind wir schon im Studio, Frau Maischberger kündigt an, in den nächsten knapp 75 Minuten (!) mit ihren Gästen über die Frage zu debattieren, ob Deutschland ueberfordert sei.

Wer noch nicht verstanden hat, was er hier gleich vorgesetzt bekommt, bekommt jeden der Diskutanten von Maischberger vorgestellt: Da wäre der Integrationsminister von NRW, Guntram Schneider. Er wird den Technokraten in der Runde spielen, von EU-Verantwortung und der Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen reden, und von Kompromissen. Den Hardliner-Part uebernimmt mit Wilfried Scharnagl ein CSU-Politiker, der direkt etwas grimmig dreinschaut und den man überraschenderweise ausgerechnet mit dem Roma-Aktivisten Hamze Bytyci zusammen auf eine Zweiercouch verfrachtet hat. Zu ihrer Rechten sitzt die gebürtige Bulgarin Lucy Diakovska, die als Teil der Popgruppe No Angels Karriere gemacht hat. Sie hat kein Verständnis für Einwanderer, die sich nicht integrieren, und dabei ist sie selbst Ausländerin – eine bessere Kronzeugin der Anklage ließe sich vermutlich schwer auftreiben. Dann wären da noch Özlem Gezer, eine Journalistin, die für den Spiegel undercover zum Thema Menschenhändler in Suedosteuropa recherchiert hat, und Doktor Michael Willhardt, der einer Bürgerinitiative – sie heisst “Zukunftsstadtteil” – vorsitzt, und findet, dass das Maß (er meint: das Boot) voll sei.

Man kann schon jetzt eine Ahnung bekommen, was passieren wird, sobald der Reigen beginnt: Das Thema ist “brisant” genug, um eine “emotionale Diskussion” – wir werden derlei Formulierungen noch häufiger zu hören bekommen – losbrennen zu lassen, das heisst: keine Argumente, sehr viele Befindlichkeiten. Und Geschichten, persönliche Geschichten aus dem Leben aller Teilnehmer – das ist der Stoff, aus dem die biederen Talk-Formate in den öffentlich-rechtlichen Sendebetrieben gestrickt sind.

Willhardt ist, wir bekommen das nun noch einmal gesagt, wirklich ein Experte und nicht etwa nur ein Schwätzer, der jeden Satz mit Ich sach mal einleitet, nein. Er ist Soziologe und vor allem: Altlinker. Das ist wichtig, denn man hat ihm tatsächlich schon vorgeworfen, rechts zu sein – wer in den nächsten Minuten ein wenig zuhört, wird schnell verstehen, warum. Ohne Europa keine Chance – das ist das Kredo eines Altlinken, der Briefe mit Formulierungen wie Wir moechten mit diesem Brief gegen den Zuzug von Bulgaren protestieren schreibt.

Der Duisburger erlebt eine Menge: Vandalismus und eine größere Frequentierung des öffentlichen Raums – genauer: die Plätze in der Stadt. Wer nicht versteht, worum es hier geht, es sind die Gewohnheiten, das ständige Spucken von Kernen und so weiter. Als der Soziologe, der er ist, findet er derartiges Verhalten befremdlichEuropa habe Gäste eingeladen, aber die Rezeption nicht besetzt. Wenn das mal keine gute Ueberleitung zum naechsten Gast ist, denkt auch Sandra Maischberger und bindet Guntram Schneider ins Gespräch mit ein. Dazu muss man sagen: Talkshows sind, der Name mag da in die Irre fuehren, meistens keine Gespräche zwischen Menschen, sondern nacheinander abgespulte Statements, die man mit einer gewissen Bereitschaft zur Transferleistung manchmal aufeinander beziehen kann. Das wird dem geneigten Zuschauer mit zunehmendem Verlauf allerdings immer schwerer fallen.

Wir – Schneider meint vermutlich den Staat als politische Entität – unternehmen einiges, aber es reicht nicht aus, ein besseres Politikerstatement kann man sich kaum vorstellen. Er illustriert ein bisschen etwas, was man das Ying und Yang der Zuwanderungsdebatte nennen könnte: Es gehören immer zwei dazu – das ist im gleichen Maße banal wie richtig, aber immerhin schonmal mehr als wir von seinem Vorredner an Differenzierung zu hoeren bekommen haben. Aber das ist eben auch langweilig, irgendwie nicht konfrontativ genug, darum will die Diskussionsleiterin lieber erstmal sortieren. In diesem Fall bedeutet das, dass Maischberger schnell die rassistischen Aeusserungen eines SPD-Genossen von Schneider zitiert. Ob einige Politiker Stimmung machen, wird gefragt. Ja, das machen sie. Um jeglicher Kohaerenzbildung vorzubeugen, redet Schneider jetzt aber erstmal, er kennt sich da gut aus, ueber Rumaenien, wo Roma auf Muellhalden wohnen – wer koennte da ein besserer Ansprechpartner sein als Bytyci? Er ist der Einzige in der Runde, der sich in seinem Eingangsstatement fuer die Einladung bedenkt – sie sei nicht selbstverstaendlich, womit er falscher kaum liegen koennte, denn in der Redaktionsstube von Menschen bei Maischberger wird man sich sehr gefreut haben, ihn in die Runde integrieren zu koennen: Mit ihm laesst sich eine merkwuerdige Form von Authentizitaet simulieren. Man muesse lernen zu differenzieren, und die Kamera springt genau in dem Moment, in dem Bytyci dieses Wort benutzt, in eine andere Perspektive: wir sehen die Popstars-Siegerin Diakovska. Sie verzieht das Gesicht.

Bytyci redet noch etwas ueber verschiedene Gruppen von Einwanderern und versucht zu erklaeren, dass er letztlich nur als Funktionaer – er arbeitet fuer den Bundes Roma-Verband – sprechen kann. Was fuer eine Enttaeuschung, scheint sein Sitznachbar zu denken, der mit nach unten gezogenen Mundwinkeln den Blick durch das Studio schweifen laesst. Bad publicity is good publicity, stellt er noch fest, und er meint damit die Politik eines Nicolas Sarkozy. Der ist im Gegensatz zu Willhardt zwar kein Altlinker, aber ansonsten scheinen sich ihre Positionen in dieser Debatte gar nicht so sehr zu unterscheiden. Komisch. Dass Diakovska unruhig geworden ist, ist auch Maischberger aufgefallen. Sie weiss zu berichten, dass die Roma in Bulgarien es nicht schaffen, sich umsiedeln zu lassen, obwohl die bulgarische Regierung ihr Bestes dafuer tut. Bytyci faellt ihr ins Wort, er wird das leider immer wieder tun. Es gibt ein ganz konkretes Beispiel, sagt die Bulgarin: Da, genauer wird sie nicht, wurden zwei Plattenbauten zur Verfuegung gestellt. Zwei. Plattenbauten. Und zwei, drei Wochen spaeter war da alles raus: sie meint die Fenster und Tuerenalles wurde verkauft. Lucy Diakovska nennt diese Anekdote Wahrheit, Bytyci nennt es absurd.

Wenn es irgendjemanden gibt, der jetzt helfen kann, dann eine Journalistin. Gezer! Sie hat verschiedene Doerfer in Rumaenien und Bulgarien besucht und redet ueber die Lebensbedingungen der so genannten Armutsfluechtlinge in ihren Heimatlaendern. Natuerlich hat auch sie eine Geschichte parat, sie handelt von den Schleppern, die die Menschen gegen Bares zu einer ihrer Wunschadressen befoerdern: Deutschland, ein Land, in dass sie als EU-Buerger sowieso einreisen duerfen, wie Bytyci richtig bemerkt. Er will gerade ausmalen, dass der Zuzug junger Menschen einem ueberalterten Land wie der Bundesrepublik ganz gut tun koennte, da grinst Maischberger versoehnlich, denn das ist eine tolle Vorlage, um Herrn Willhardt, der, Ich sach mal, sich selbst sehr gerne reden hoert, einzubinden. Der Soziologe redet am Liebsten von sich und seinen Landsleuten, die den Kulturschock haben – welchen noch gleich? Brueckenkoepfe haben die Migranten im Ruhrgebiet eroeffnet, jeder kennt immer irgendjemanden, der schon hier ist: Ganz anders die Deutschen, die zwar die Mehrheit in Deutschland stellen, aber, ich sach mal, verhaeltnismaessig vereinzelt sind. So weit, so gut, koennte man meinen, waeren da nicht die Ressentiments, mit uns zu reden, die der Altlinke im Duisburger Problem- und Zukunftsstadtteil erlebt, und er wirkt jetzt, wo wir wissen, dass auch er Opfer ist, der Deutschenfeindlichkeit naemlich, gleich ein wenig menschlicher. Willhardt muss das eine oder andere Voelkerkunde-Seminar besucht haben, wie er berichtet, hat er Kontakt zu einem Raedelsfuehrer aufgebaut. Wie heissen sie noch gleich? Fuersten? Lords.. wie dem auch sei.

Zur Praxis von Talkshows gehoert es auch, die aufgezeichnete Debatte wenn noetig an bestimmten Stellen zu kuerzen, unter Umstaenden ganze Wortbeitraege rauszuschneiden. Das funktioniert deshalb so gut, weil es sowieso kaum einen Zusammenhang zwischen den einzelnen sprachlichen Aeusserungen gibt. Wir sind nun schon seit ueber zwanzig Minuten in der Sendung, und der CSUler hat noch kein Wort gesagt. Nachdem Maischberger die Fuehrung der Debatte in der letzten Sendung zu einem aehnlichen Thema merklich schwergefallen war, bleibt es bisher doch ein gutes Stueck ruhiger. Weniger als eine knappe halbe Stunde also, und man sehnt sich nach der Werbepause, mit der man im oeffentlich-rechtlichen TV zur Abendzeit nie fuers Dranbleiben belohnt wird.

Weil nun auch ohne Scharnagls Statements alle Informationen ausgetauscht sind, darf Lucy von den No Angels etwas aus ihrem Leben erzaehlen. Ob sie es auch in Bulgarien geschafft als Musikerin geschafft haette, fragt Frau Maischberger, und stellt damit eine Frage, die man nicht beantworten kann – Diakovska tut es trotzdem: Ach doch, sagt sie, ich denke schon. Mit ein bisschen Talent und dem richtigen Willen kann man es im Kapitalismus schliesslich immer zu etwas bringen, jeder von uns. Wir erfahren, dass das spaetere Castingband-Mitglied das Glueck hatte, an einer amerikanischen Universitaet, an der sie sowohl deutsch als auch englisch lernen konnte, zu studieren. Die Aehnlichkeit dieser Migrations-Erfahrung zur persoenlichen Biographie eines Armutseinwanderers aus einem rumaenischen Dorf ist frappierend. Maischberger resuemiert: Also, ihnen war das wichtig, dass sie deutsch lernen? Diakovska nickt. Sie hat Freude daran gehabt, viel ueber das Land zu wissen, sich gar ab einem gewissen Punkt wie ein Deutscher anzufuehlen. Womit das etwas zu tun hat? Mit Disziplin und Ordnung. Auftritt Schneider, der ganz viele neue Worte ins Spiel bringt: Soziale Schichtung, Sozialpolitik , soziale Herkunft, Bildungshintergrund – man kann annehmen, dass derlei Begrifflichkeiten in seinem Grundwortschatz eine prominente Position innehaben, und da muessen wir ansetzen. Klingt irgendwie ueberzeugend. Bytyci sagt, dass Integration keine Einbahnstrasse sei, sein Sitznachbar von der CSU scheint mittlerweile zum Oelgoetzen erstarrt. Der Funktionaer verweist nun – es ist ein wenig unpassend an dieser Stelle, das kann man nicht bestreiten, auf Abschiebungen, die allerdings nicht die EU-Buerger betreffen, ueber die vorher lang und breit geredet wurde. 

Das evoziert die erwartete Regung bei Scharnagl. Er nimmt die Haende aus dem Schoß und kratzt sich am Hinterkopf. Es scheint, als wolle er endlich auch etwas sagen. Die Sendung laeuft seit mehr als einer halben Stunde. Nachdem Bytyci von Schneider und Maischberger belehrt wurde, dass das emotionale Thema “Abschiebungen” heute nicht Gegenstand der Diskussion sei, geht es mit einem Tatort-Einspieler aus den eigenen Produktionsstudios weiter: Nichts im Fernsehen ist schlimmer als deutsche Krimiserien.

Wieder kein Scharnagl. Schneider ist dran: Exzesseinakzeptabel, die Staedte sind dabei, etwas zu aendern. Willhardt sieht davon nichts. Im komplexeren Sinne, also ich mein, ist das betreutes Wohnen. Schneider gibt sogar zu: Es passiert etwas, aber es ist passiert zu wenig – das ist eine wunderschoene Variation seines Eingangsstatements, als er sagte, es werde etwas unternommen, aber es reiche nicht aus. Da Schneider Landesminister ist, hat er auch eine tolle Loesung parat, die nur zufaelligerweise gar nicht in seinen Zustaendigkeitsbereich faellt: es geht um Sofortmaßnahmen des Bundes, er will gerade ein wenig ausholen.. da ist es: Scharnagl sagt etwas dazwischen. Einen besseren Einstieg als die Verantwortung der Bundespolitik kann man fuer den Mann nicht mehr finden: seine letzten Buchveroeffentlichung traegt den Titel Bayern kann es auch allein: Plaedoyer fuer den eigenen StaatScharnagl kommt direkt auf law and order zu sprechen. Es wird immer Leute geben, die sich außerhalb des Gesetzes bewegen. Er scheint das nicht troestlich zu meinen. Maischberger, Schneider und Bytyci fangen nun alle gleichzeitig an, etwas zu sagen, Scharnagls Auftritt war kurz. Herrgott, lassen sie mich endlich auch einmal ein Wort sagen, faehrt er ausgerechnet Bytyci an, und setzt wieder an, mit ausladender Gestik ueber Maßnahmen und Gelder zu reden. Den Ball, den Schneider ihm zugespielt hat, als er vom bundespolitischen Zustaendigkeitsbereich spricht, nimmt Scharnagl gekonnt auf, er eskaliert bloss die hierarchische Stufe. Es ist ein großes Versagen der europäischen Politik. Ich fuehle mich endlich umfassend informiert.

Und dann mache ich das, was die Verantwortlichen fuer dieses Schlamassel in der Fernsehserie auch getan haben. Ich schalte einfach aus.

Wer aus Essen kommt, sagt einer seiner beruehmteren Buerger, der notorische Amerikahasser und politische Kabarettist – das ist tatsaechlich ein Berufsstand – Hagen Rether, dem gefaellt es ueberall. Wer das nicht verstehen kann, war vermutlich noch nie hier und kann die Provinzialität dieser nur auf dem Papier so zu nennenden Grossstadt, die zu den zehn bevoelkerungsreichsten in Deutschland gehoert, wohl nicht nachvollziehen. Politische Veranstaltungen sind aehnlich selten zu finden wie sich in Betrieb befindliche Steinkohlebergwerke, da nimmt man jede Ausnahme von dieser Regel gerne wahr. An diesem nasskalten Mittwoch im November hat das Essener Friedensforum den fensterlosen Raum E11 in der lokalen Volkshochschule fuer eine Veranstaltung geblockt, zwei Stunden lang soll es um das erwartungsgemaess einzige Land auf der Welt gehen, fuer das sich deutsche Friedensaktivisten im Jahr 2012 interessieren, Israel.

Als Vortragenden hat man sich einen ausgewiesenen Experten fuer den Nahen Osten eingeladen. Puentklich um sieben Uhr faengt Norman Paech, ehemaliges Linksparteimitglied und Passagier der Mavi Marmara an, vor etwa 100 Interessierten zu sprechen. Das Publikum besteht zum ueberwiegenden Teil aus Menschen, denen man ohne weiteres Abnehmen wuerde, dass ihr letzter bezahlter Job der eines Statisten am Set der US-Fernsehserie Walking Dead war. Es ist derselbe Mittwoch, an dem erst tagsueber eine Bombe im Stadtzentrum von Tel Aviv explodiert ist und etwas spaeter am Abend eine vorlaeufige Waffenruhe zwischen Hamas und Israel verkuendet wurde. Paech weiss vermutlich von beidem, erwaehnen tut er nur Letzteres, seine Zuhoerer danken ihm diese Meldung mit Applaus.

Wer nicht einmal annaehernd eine Idee davon hat, was die politische Agenda des emeritierten Professors ist, bekommt sehr schnell einen Einblick in die Erfahrungs- und Erlebniswelt des 73-Jährigen: In der Mitte seines politischen Weltbilds steht das Völkerrecht, bei dem es sich auf den ersten Blick um eine Ansammlung von Worten zu handeln scheint, die aber in den Haenden aller moralischen Pazifisten der Welt, zu denen sich Paech ganz zweifellos zaehlt, obwohl er noch vor ein paar Jahren ein Schiff bestiegen hat, auf dem sich ganz und gar nicht friedliche Seelen zusammengerottet hatten, zu rhetorischer Munition transformieren. Es dauert nicht lange, da hat sich der Redner schon eindeutig positioniert, obwohl er eingangs noch versprochen hatte, nur objektive Fakten zu referieren, die man jederzeit ueberpruefen koenne.

Bei ausreichender Kenntnis des Jargons der Palaestina-Solidaritaet, die fuer den groessten Teil der Leserschaft dieses Blogs gegeben sein duerfte, wird man alles, worueber Paech in den naechsten eineinhalb Stunden redet, so oder so aehnlich schon einmal gehoert haben. Es ist die uebliche Melange: Zahlen, die irgendwann soviele werden, dass man sie sich ohne Audiomitschnitt der Veranstaltung unmoeglich merken kann. Stimmen und Meinungen, allesamt von anerkannten Fachleuten, einige von ihnen mit israelischem Pass, was in diesen Kreisen absurderweise meist wie ein zusaetzliches Guetezertifikat verwendet wird – denn antisemitisch koenne ein Jude selbst ja wohl kaum sein. Und Zitate, viele Zitate, soviele, dass Paech selbst irgendwann ein bisschen den Ueberblick zu verlieren scheint, wessen Worte er gerade wiedergibt. Diese Presseschau hat vor allem einen Zweck, naemlich den israelischen Staat und seine Institutionen anzuklagen – wir befinden uns auf einer Propagandaveranstaltung reinsten Wassers, und das mitten in einer staedtischen Raeumlichkeit. Mal redet er von einer der sicher fuenfstelligen Zahl unabhaengiger Menschenrechtsorganisationen, die sich merkwuerdigerweise allesamt nur mit dem Stand der Menschenrechte in Israel befassen, nie aber in einem seiner Anrainerstaaten, mal wird ein Urteil des israelischen Gerichtshofes zitiert, auch ein kurzer Exkurs ueber falschetikettierte Datteln ist dabei, woraus man ohne Zweifel schliessen kann, dass Paech, dessen eigene Texte in so unparteiischen Zeitungen wie der jungen Welt erscheinen, gern auch mal die FAZ liest.

Der ueberwiegende Teil des Publikums kann seine Zufriedenheit mit dem Dargebotenen nicht einmal bis zum Ende der Vortragszeit verhehlen; immer wieder wird der Redner von Beifallbekundungen fuer seine Statements unterbrochen. Etwa dann, wenn er das Wort Apartheid in den Mund nimmt, das einige gewiss nicht hoeren wollen. Ein zustimmendes Raunen geht durchs Publikum, drei Stuehle rechts vom Sitzplatz dieses Autors hat sich einer der aeusserst zahlreichen Claqueure eingenistet, aus dem es alle paar Minuten regelrecht herausbricht: Jawohl, ja, voellig richtig – endlich sagt einer mal das, was man seit 1968 in den Texten jeder Antiimp-Gruppe des Landes, einschliesslich denen der Roten Armee Fraktion, nachlesen kann. Ueberhaupt, die Geraeuschkulisse: Spoettisches und veraechtliches Lachen, wenn Paech ein Urteil israelischer Richter bezueglich der Mauer wiedergibt. Getuschel, als selbiger das Woertchen vom Antisemitismus im Munde fuehrt – selbstverstaendlich nur, um jeden seiner wohlfeilen Kronzeugen der Anklage aus diesen oder jenen Gruenden von jedem Verdacht desselbigen freizusprechen.

Paechs weiteres Elaborat arbeitet sich muehsam an den klassischen Themenbloecken ab: Es geht um die Militaerkaste, die Israel im Griff hat – so, als waere es das einzige Land auf der Welt, in dem die Armee eine ausgepraegte Macht innerhalb des Staates besitzt. Es geht um die Siedler, die den Friedensprozess blockieren, obwohl sie oft genug, darueber verliert er kein Wort, in offenen Konflikt mit dem Staat, den sie bewohnen, treten. Die rhetorische Schleife, die der Hobby-Seefahrer nun betritt, dreht sich weiter ueber die UNO-Vollversammlung, die, man ahnt es, von den USA jeder Machtfuelle beraubt wird. Wie eine Monstranz traegt Paech dabei das Voelkerrecht vor sich her, dass in seiner Wahrnehmung offenbar laengst materielle Form angenommen hat. Es scheint fast so, als haette der Jurist es irgendwo, vor vielen Jahren, aus dem Boden gegraben und sei nun bereit, diesen heiligen Gral im Sinne einer Messlatte zu benutzen: Man lege das Voelkerrecht an Sachverhalt x an und beurteile, inwiefern dieses x den Vorgaben des Pruefungsgegenstandes gerecht wird. Dass sich Paech dabei auch nicht zu bloed wird, sogar das osmanische Recht, das Recht eines imperialistischen Akteurs also, der seit einhundert Jahren aufgehoert hat zu existieren, ins Feld zu fuehren, kann eigentlich keinen mehr schockieren. Laengst geht es um Rassismus und die rechtsradikale Regierung des Staates Israel, der ideale Zeitpunkt, um die Wartezeit bis zum Beginn der Fragerunde mit dem Lesen des Flugblattes des Bundesausschusses Friedensratschlag, dass fuer alle Besucher zur Mitnahme ausliegt, zu ueberbruecken. Dieser Zusammenschluss friedensbewegter Deutscher liefert gleich eine besonders interessante Analyse der geopolitischen Verfasstheit des Nahen Ostens in Kombination mit einer historischen Neubewertung antiker Geschichte quasi als Begleittext zur heutigen Veranstaltung mit, setzt das Woertchen radikalislamisch vor Hamas in Anfuehrungszeichen und verbreitet eine steile These:

“Der Name der israelischen Operation ‘Wolkensaeule’ duerfte nicht zufaellig gewaehlt sein. Er verweist auf eine Episode aus dem Alten Testament, in der Gott sein auserwaehltes Volk vor den Aegyptern rettet. Die israelische Militaeraktion zielt offenbar ueber Hamas hinaus auf die neue Fuehrung in Aegypten, die sich bisher demonstrativ hinter ihre “Brueder” im Gazastreifen gestellt hat.”

Nun ist natuerlich das aegyptische Volk aus der Bibel ein sowohl ethnisch, sozial und religioes voellig anders verfasstes als die Einwohnerschaft des heutigen Aegyptens, und ob aegyptische Kopten etwa die Bewohner des Gazastreifens als ihre Brueder bezweifeln, sei dahingestellt. Das gesamte Flugblatt ist in all seiner inhaltlichen Unverdaulichkeit allerdings kaum mehr als ein geeigneter Vorgeschmack auf die nun folgende Publikumsrunde.

Wer schon einmal politische Vortraege und Podiumsdiskussionen besucht hat, weiss, dass es in den allermeisten Faellen noch viel schlimmer wird, sobald die Zuhoererschaft selbst das Wort ergreift, und das ist auch heute der Fall, denn nun hat jeder die Gelegenheit, seine Expertise vor Publikum vorzutragen. Es kommt nicht von ungefaehr, dass viele Diskutanten ihre Beitraege mit der Bitte beenden, Paech moege ihnen doch mitteilen, ob sie Recht haetten. Hier sind heute viele Menschen versammelt, die sich selbst vermutlich als einsame Rufer wahrnehmen. Wer schon einmal bei einer Veranstaltung von Verschwoerungstheoretikern war oder Videos davon im Internet gesehen hat, fuehlt sich schnell an die Atmosphaere, die dort herrscht, erinnert. Ein Mann, der waehrend des Vortrags neben Paech gesessen hat und in der Folge die Moderation der Diskussion uebernimmt, fragt unverbluemt, ob der Menschenrechtler seine Einschaetzung teile, dass ihn das Gehoerte sehr an die Lehren von Carl Schmitt erinnere. Das sei eine Seminarfrage, erwidert dieser, und erklaert, was er damit meint. Dafuer muesse man naemlich erst einmal sagen, wer dieser Schmitt gewesen sei: Es handele sich, so Paech, um den Chefideologen des Dritten Reiches, und man merkt, wie vorsichtig der Herr Professor nun wird: Es gebe solche Vergleiche, die Israel in die Naehe des Faschismus rueckten, er koenne das nun nicht soviel weiter ausfuehren, wuerde es aber nicht in dieser Deutlichkeit sagen wollen. Und dann ist es wieder da, jenes spoettische Raunen und dieses ekelhafte Geraeusch, wenn viele Menschen gleichzeitig besonders bestimmt durch die Nase einatmen: Es herrscht weitgehende Einigkeit.

Dieser Einstieg in die Diskussion ist deshalb so faszinierend, weil Paech ganz zu Recht erkennt, dass er vor einem Publikum, dessen Altersdurchschnitt an diesem Abend jenseits der 45 Jahre liegen duerfte, nicht vorraussetzen kann, dass der Grossteil weiss, wer Carl Schmitt war, wohl aber, dass jeder ein dezidiertes Bild von der Konfliktlage in Nahost hat. Das kann er deshalb, weil seine Zuhoererschaft vermutlich an jedem Abend, an dem er irgendwohin eingeladen wird, aus selbstgefaelligen Idioten besteht, die zwar die Geschichte israelischer Besatzungspolitik und us-amerikanischer Wirtschaftskriege en detail kennen, sonst aber von nichts eine Ahnung haben. Eine Frau leitet ihre Frage zur Zwei-Staaten-Loesung ein, in dem sie klarstellt, viele Texte zu dem Thema gelesen zu haben. Ein juengerer Herr moechte von Paech genauer wissen, wie es eigentlich um die Interessenlage der amerikanischen Oelindustrie bestellt sei, so, als ob der Gazastreifen wegen seines hohen Aufkommens an fossilen Brennstoffen in den Medien Erwaehnung faende. Der Referent spricht ueber seine Besuche im Gaza-Streifen, erwidert auf eine kritische Nachfrage zur Charta der Hamas, das sei nur Schriftwerk und solle nicht so grosse Beachtung finden, die Terrororganisation wolle in Wahrheit Frieden mit Israel. Es gibt kaum einen Widerspruch zu dieser Aeusserung, dabei hatte Paech sich zuvor in Fragen des Voelkerrechts noch auf der Seite der Buchstabengetreuen verortet. So geht die Runde weiter, es geht um Israels Existenzrecht und ob es so etwas ueberhaeupt gaebe, bis ein VHS-Angestellter um eine baldige Beendung des Ganzen bitten muss, und dann kommt sie endlich, als allerletzte, die Frage aller Fragen, so, als haette es dieser Steigerung noch bedurft: Was, fragt ein junger Mann von ganz hinten, hat das eigentlich alles mit Iran zu tun, dem Land also, dem Oelindustrie und Militaerkasten voellig fremd sind?

Paech wird jetzt nachdenklich. Er scheint zu merken, dass nun sehr salbungsvolle Worte folgen muessen, um dem Abend einen allerletzten Stempel aufzudruecken. Pakistan habe eine Atomwaffe, Indien auch, dies habe man hingenommen – was natuerlich Quatsch ist, denn vor allem Pakistan werden etliche Sanktionen von der internationalen Staatengemeinschaft auferlegt – warum es bei Iran, dass sowieso nur an einer zivilen Nutzung der Atomenergie interessiert sei, anders waere, das habe etwas mit geopolitischen Verwicklungen zu tun. Ohnehin ist Israel, soviel kann uns Paech zum Abschluss versichern, gefaehrlicher fuer den Weltfrieden als die islamische Republik. Wir haben das tatsaechlich alles schon einmal gehoert.

Wo allerdings Juergen Elsaesser heute abgeblieben war, wurde nicht mehr aufgeklaert.

Darauf hat die fussballinteressierte Oeffentlichkeit gewartet: Philipp Köster, der sich paradoxerweise gleichzeitig Chefredakteur eines Magazins fuer Fussballkultur und Sportjournalist des Jahres 2010 nennen lassen darf, geht auf Spurensuche. Wer sich an Kösters Volten gegen die tatsaechlich manchmal ziemlich nervigen Ultras erinnert, hat es schon geahnt: Es wird zuenftig, ein klein bisschen ironisch und vor allem unglaublich erhaben und souveraen – das ist der sprachliche Duktus, an den man sich bei Autoren, die ihren Lebensunterhalt mit der Inszenierung von Fussballkultur verdienen, laengst gewoehnt hat. Weil man im Tagesgeschaeft der Print- und Onlinemedien um eine griffige Schlagzeile gar nicht herumkommt, erklaeren schon die beiden fettgedruckten Saetzchen sofort, worum es geht: Das Gay-Interview, der Scoop des fluter-magazins, sieht aus wie ein Fake. Was sich hinter diesem zugegebenermassen ziemlich eindrucksvollen Denglisch verbirgt, erklaert uns der gebuertige Schwabe in zwoelf bissigen Absaetzen:

Dem vermeintlich echten Interview fehlt unter Umstaenden die Authentizitaet, das wichtigste Gut journalistischer Arbeit. Moeglich ist das durchaus, und das waere ziemlich unschoen, nicht nur, weil es journalistisch nicht gerade integer waere, sondern auch, weil es die Meinung all derer mit zusaetzlicher Munition beliefern wuerde, die das Thema “Homosexualitaet und Profifussball” ins Reich der Urban Legends verlegen – was genau genommen heisst, dass es gar keines ist. Zum Glueck gibt es die detektivische Spuernase Köster, die keine Muehen gescheut hat, das Interview von vorne bis hinten zu analysieren.

Da waeren zunaechst einmal die W-Fragen, deren Beantwortung der ueberforderte 11 Freunde-Leser dankenswerterweise abgenommen bekommt. Das Setting fuer den Scoop ist, ganz klar, eine Spur zu dramatisch, und der Interviewer ist gerade mal 25 Jahre alt und damit ganze fuenfzehn juenger als der designierte Sherlock (und im Uebrigen damit ziemlich genau so alt wie Köster es war, als die 11 Freunde das Licht der publizistischen Oeffentlichkeit erblickten). Was ebenfalls nicht passt: natuerlich ist der gefakte Fussballer ein echter Star – wie jeder Fussballer, der von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern interviewed wird, so wie etwa Christian Streich oder jeder andere Bundesliga-Trainer, dessen Statements man samstag abends im Aktuellen Sport-Studio zu hoeren bekommt.

In Zeiten religioeser Zwistigkeiten wird ein derart gesettetes Interview ziemlich schnell unkoscher, was in diesem Fall nichts anderes heisst, als dass es auf jahrelanger Recherche beruht und nicht in der 11 Freunde erscheint. Dass Kösters eigenes Heftchen zur Zeit mit Aufmachern wie Gassi gehen mit Lumpi und Bello um Leser buhlt und vom historischen Sieg Libanons ueber Iran – realpolitisch sieht es ein wenig anders aus – zu berichten weiss, geschenkt: Der Chefredakteur hat gerade ein groesseres Ganzes im Blick. Das Interview mit dem grossen schwulen Incognito-Sportler bestuende ausnahmslos aus Klischees und strotze vor eklatanten Widerspruechen, sowas ist man von Fussballern gar nicht gewohnt, elaborieren doch die Mainstream-Heteros in 11 Freunde, kicker und Sport-Bild zumeist ueber die ethischen Implikationen der Genom-Forschung und die geopolitischen Dimensionen des Drohnen-Kriegs in Pakistan. Weil sich die vermutlich ohnehin inexistente Schwuchtel dann auch gar nicht entscheiden kann, wovor sie mehr Angst hat, vorm enthemmten Mob in den Stadien oder vor den Medien (als sei das ein Widerspruch) – Köster ist da gluecklicherweise wunderbar exakt – und darueber hinaus auch noch erst reflektiert spricht, um dann das uebliche Fussballerlatein zu dreschen, also genau das tut, womit die 11 Freunde seit Jahren ihr Geld verdienen, muss die Story einen Haken haben.

Ob es diesen oder irgendeinen anderen schwulen Fussballer ueberhaupt gibt, spielt genau genommen laengst keine Rolle mehr. Wer eins und eins zusammenzaehlen kann, weiss, dass die Inexistenz eines solchen eigentlich ziemlich unrealistisch ist. Ronny Blaschke hat schon vor einigen Jahren ein Buch ueber Marcus Urban veroeffentlicht, einen Fussballer, der sich erst nach seiner Karriere oeffentlich zu seiner sexuellen Orientierung geaeussert hat und das von sovielen Klischees und unangenehmen Situationen erzaehlt, dass einem Angst und Bange werden kann. Nur, die oeffentliche Debatte hat eine Erwartungshaltung erzeugt, der vermutlich niemand mehr gerecht wird: Wortgewandt und nicht klischeeschwul – was auch immer das heisst, bei Heteros ist es auf jeden Fall in Ordnung – muesste dieser grosse Unbekannte sein, bitte auch kein Bankdruecker bei einem Mittelklasseclub oder gar Abstiegskandidaten – bloss kein ganz normaler Mensch. Weil es so jemanden nicht gibt und – darueber hat man irgendwie noch nie nachzudenken versucht – mancher Fussballer eventuell auch einfach lieber wegen seiner beruflichen Leistungen als durch seine sexuelle Orientierung in der Oeffentlichkeit stehen moechte, bleibt die Suche nach der Spinne in der Bananenkiste erfolglos. Vielleicht recherchieren die elf Freunde aber auch schon seit mehr als zwei Jahren und praesentieren uns bald ihr eigenes Exklusiv-Interview mit einem garantierten schwulen Sportler, der auch noch sein Gesicht und seinen Namen oben drauflegen wuerde – Transparenz ist unerlaesslich. Köster koennte sich vermutlich ueber eine ziemlich gut verkaufte Auflage freuen.

Einem der gescheiteren Politiker der letzten Dekaden bleibt es da, ein passendes Schlusswort zu liefern:

There are known knowns. These are things we know that we know. There are known unknowns. That is to say, there are things that we know we don’t know. But there are also unknown unknowns. There are things we don’t know we don’t know.

Fast ein Wochenende ist die fuenfzigste Bundesliga-Saison nun alt, und wer vergessen hatte, was in diesem halben Jahrhundert bisher so passiert ist, konnte sich zur Eroeffnung des ersten Spieltags am Freitag nochmal in einem Video-Zusammenschnitt informieren, was man alles verpasst hat – zum Beispiel Martin Luther King und John F Kennedy, die ehemaligen Mittelstuermer des SV Werder. Der Zweite der ewigen Tabelle ist bekanntermassen auch das Team, dem diese Redaktion in unterschiedlicher Intensitaet die Treue haelt, und erwartungsgemaess eroeffnete Gruen-Weiss die Saison mit einer Auswaertsniederlage beim Vorjahresmeister. Wieviele Rueckschluesse man auf die nun folgenden 33 Spieltage (Pokalspiele brauchen uns ja nicht mehr zu interessieren, zumal der glorreiche RWE in diesem Wettbewerb ebenfalls die Segel gestrichen hat) ziehen kann, ist zumindest einmal fragwuerdig: Ja, die Abwehr sah nicht sonderlich gut aus, aber sie wird auch nicht die ganze Saison lang gegen Robert Lewandowski und Marco Reus verteidigen muessen. Und das Unwort der Saison duerfte dieses Jahr Bundesligadino heissen, ein Begriff, der hoffentlich nach dem vierunddreissigsten Spieltag obsolet geworden ist, weil es kein Subjekt mehr gibt, auf das diese Bezeichnung passt.

 

Vor Anstoss jeder der bisher 7 Partien, die stattfanden, oblag es einem Spieler der Heimmannschaft, ein Grusswort an die Fans im Stadion zu richten. Dort durften die Zuschauer – wenn das Ganze nicht in einem gellenden Pfeifkonzert unterging, wie etwa am Samstag in Frankfurt, wo die Eintracht ihre Saison vor einer leeren Nordwestkurve eroeffnete – erfahren, dass sich die DFL und die sie konstituierenden Vereine, wer haette es gedacht, klar gegen Rassismus und Diskriminierung stellen und auch von Pyrotechnik und Fan-Randalen nichts halten. Derlei Bekenntnisse wurden in vielen Stadien von Sprechchoeren flankiert, in denen der DFB als Fussballmafia bezeichnet wurde. Man kennt solch trotzige Reaktionen sonst zum Beispiel fuer den Fall, dass ein hochrangiger Politiker ein Fussballspiel besucht: Die Pfiffe der Fans, von denen sicherlich eine Menge ganz brave Wahlbuerger sind, sind ihm oder ihr sicher, aendern tut sich durch diese spontane Unmutsbekundung natuerlich ueberhaupt nichts. Doch es ist genau dieser trotzige Ton, den organisierte Fanbewegungen in den deutschen Stadien auch in diesem Jahr wieder anschlagen, wenn es um ihre eigenen Belange geht.

 

Das ist auch gar nicht so unverstaendlich, hat doch die DFL ihren Dialog ueber die Verwendung von Feuerwerkskoerpern in den Kurven unilateraler gestaltet als die Bush-Administration die Debatte um den Irak-Krieg. Eine Diskussionsbasis ist nicht (mehr) vorhanden, soviel haben mittlerweile alle Beteiligten verstanden, weshalb sich jeder Fernsehkommentator ein paar Standardsaetze ueber “Dinge, die wir im Stadion nicht sehen wollen” zurecht gelegt hat und die meisten Vereinsoffiziellen mittlerweile fein zwischen Fans und Stoerenfrieden zu differenzieren wissen. In den Fankurven sieht das noch ein wenig anders aus, denn zumindest in der ersten Liga befinden sich die Befuerworter dessen, was sie selbst eine aktive Fankultur nennen, in der numerischen Unterzahl gegenueber den Normalos und Konsumenten, die das Gros der Besucher eines Bundesligaspiels ausmachen. Diese scheren sich im Normalfall weder um polizeiliche Repression, geklaute Zaunfahnen, Spruchbaender, Derbytreffpunkte und Drittortauseinandersetzungen, weshalb die Ernsthaftigkeit, mit denen vor allem die hiesigen Ultragruppierungen immer wieder auf unterschiedlichste Belange aufmerksam machen, bei ihnen vor allem auf Unverstaendnis stoesst.

 

Dabei koennte alles so einfach sein, denn eigentlich moechten die Ultras gar nicht soviel – die meisten ihrer Forderungen passen auf ein paar Meter beschrifteter Tapetenrolle. Je nach Vereinszugehoerigkeit, Organisationsgrad, politischer Orientierung und Machtfuelle innerhalb des eigenen Vereins werden diese Forderungen artikuliert, dass es ueberall dieselben seien, waere eine unzulaessige Vereinfachung, so zu tun, als laegen zwischen den Gruppen geradewegs Welten, waere allerdings genauso falsch. Die medialen Mittel moegen differieren, denn manchmal erreicht uns die Ultra-Botschaft in Form eines Instruktionsvideos oder eines Indianerhaeuptlingzitats, manchmal in Form gegenderter Texte von erstaunlicher Laenge oder in tiefschuerfenden Ausfuehrungen, die Medienkritik und Selbstvergewisserung zusammenzubringen versuchen. Man taete Gruppen wie den Deviants von Preussen Muenster, der Infamous Youth vom SV Werder und all den anderen Zusammenschluessen, die etwas gegen so manche Haesslichkeiten des Stadionalltags unternehmen, auch Unrecht, schmisse man sie alle in denselben Topf. Auch im Jahr 2012 finden sich in vielen deutschen Stadien zum Teil gar nicht so unerhebliche und im Notfall mit der groesseren Muskelkraft ausgestattete Holzkoepfe, die sich das Faustrecht zu Nutze machen zu wissen, das mussten zuletzt einige Ultras von Alemannia Aachen erfahren.

 

Aber das Problem der Ultras und ihrer Suborganisationen ist tiefliegender als ein paar Spruchbaender, Karikaturen und Absichtserklaerungen es vermuten lassen: Sie kaempfen gegen einen gesellschaftlichen Prozess, den die meisten von ihnen entweder partout nicht als solchen begreifen wollen oder derart vereinfachen, dass am Ende wenig Erbauliches herauskommt. Man koennte sich auch an dieser Stelle das Leben sehr leicht machen und entweder die x-te Solidaritaetserklaerung abgeben oder mit dem Bashing beginnen. Letzteres faellt, falls gewuenscht, nicht gerade schwer, es genuegt ein Blick auf die oben verlinkten Artikel um zu erkennen, dass die Analyse der Lage in den meisten Faellen immer noch auf ein simples us versus them hinauslaeuft: Die Bonzen vom DFB, die natuerlich sichtbar sattgegessen sind, pressen den echten Fans die Luft zum Atmen aus dem Koerper. Waere es allerdings so einfach, wuerde ein anderer Fussball also tatsaechlich von einer 99 zu 1-Mehrheit gefordert, wie wir das in einem ziemlich analogen Fall zuletzt von der Occupy-Bewegung gehoert haben, warum ist er dann nicht laengst zur Realitaet geworden?

 

Eine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage uebersteigt vermutlich sowohl den Rahmen eines Blogbeitrags als auch die Kompetenzen dieses Autors, aber zumindest eine Naeherung laesst sich versuchen: Wenn man versucht, Melancholie und Pathos zu vermeiden, kann man vom deutschen Nachkriegsfussball schwerlich etwas anderes als eine Erfolgsgeschichte erzaehlen: Steigende Zuschauerzahlen, Einnahmen und vermutlich auch eine deutliche Verbesserung der sportlichen Qualitaet praegen das Bild im fuenfzigsten Jahr der Liga. In der FAZ bestaetigte Michael Horeni diese Einschaetzung mit einer interessanten Beobachtung, die man auch als Fingerzeig in Richtung all derer lesen kann, die vom Millionengeschaeft und den davon profitierenden Bonzen fabulieren:

 

Und trotz aller Veränderungen und dem Sturm der Globalisierung – die mittelständischen Fußball-Unternehmen haben sich auch wirtschaftlich als weitaus robuster erwiesen als ihre Kollegen aus dem Dax. Alle sechzehn Klubs der ersten Bundesligasaison spielen noch heute in den drei Profiligen, trotz aller Skandale um gekaufte Spiele, Spieler und Schiedsrichter. Von den damals sechzehn größten deutschen Unternehmen sind jedenfalls einige wie Gutehoffnungshütte, Farbwerke Hoechst, Gelsenkirchener Bergwerk oder Badische Anilin längst vom Markt oder den Kurszetteln verschwunden.

 

Sieht man naemlich von den Branchen-Riesen ab, ist der Fussball noch immer eine mittelstaendische Angelegenheit. Es mag sein, dass Grossunternehmen wie Volkswagen oder Bayer den Etat mancher Vereine finanzieren, und ja, es gibt Faelle von unterschiedlich stark ausgepraegtem Maezenatentum, aber Maenner mit einer gut gefuellten Brieftasche haben auch den Aufstieg von Vereinen wie Rot-Weiss Essen in die Wege geleitet, sind also mitnichten eine neue Entwicklung. Die Bundesliga als weltweit vermarktungsfaehiges Produkt ist ein Phaenomen der letzten zwanzig Jahre, einer Zeit, in der sich viele Vereine neue Stadien gebaut haben, in denen TV-Rechte einen immer wesentlicheren Teil der prognostizierten Einnahmen der Liga ausmachten und in der eine amorphe Masse von neuen Stadionbesuchern entstanden ist. Wer vom Fussball als Sport des kleinen Mannes redet – lustigerweise tun es gerne die, die selbst einen akademischen Abschluss anstreben oder bereits erreicht haben und ganz sicher nicht zu den unteren 10 Prozent gehoeren – und mit dieser Formulierung auf dessen Kontostand abzielt, verliert die Funktionsmechanismen des Vergnuegungsangebots innert einer kapitalistischen Gesellschaft aus den Augen: Es richtet sich immer an einen wie auch immer umgrenzten Markt und muss notwendigerweise auf Profitmaximierung zielen, um sich selbst zu erhalten oder im besten Fall auch noch zu wachsen. Kritik an der Art und Weise, wie eben diese erreicht wird, formulieren vor allem sich selbst als aktiv verstehende Fans: Verkaufte Stadionnamen geraten dann genauso ins Visier wie Trikots, die nicht in Vereinsfarben gehalten sind.

 

Die positiven Effekte dieser Wachstumsprozesse aber nimmt man – verstaendlicherweise – gern mit: Bessere Spieler, unterhaltsamerer Sport, groessere Aufmerksamkeit, unter Umstaenden auch mehr Erfolg. Wer sich nun als Bewahrer altehrwuerdiger Traditionen und mithin als moralischen Sieger versteht, muss aber auch mit augenfaelligen Widerspruechlichkeiten leben: Stefan Kuntz, Vereinsverantwortlicher beim letztjaehrigen Absteiger aus Kaiserslautern, hat darauf in der letzten Saison aufmerksam gemacht. Die Pfaelzer absolvierten eine katastrophale Spielzeit, die mit einem der verdientesten Abstiege der letzten Dekade belohnt wurde, und waehrenddessen machten ihre Fans ein paar Mal durch das Abbrennen von Feuerwerkskoerpern auf sich aufmerksam. Sichtlich erzuernt erklaerte Kuntz in einem Interview, es seien ja eben diese Leute, die sich als Sachwalter von Fritz Walters Erbe verstuenden, obwohl in dessen aktiver Zeit das verbotene Abbrennen von Feuerwerk ueberhaupt nicht stattgefunden habe. In eine aehnliche Richtung gehend koennte man auch fragen, ob Max Morlock – oder irgendeine andere Spielerlegende bei einem anderen Verein – tatsaechlich auf den Erhalt oder gar die Umbenennung eines Stadionnamens gepocht haette, wenn gleichzeitig die Moeglichkeit bestanden haette, die Rechte an selbigem an den Meistbietenden zu verkaufen, um damit vielleicht noch einen oder zwei Transfers mehr zu ermoeglichen.

 

Die unzufriedenen Fans und Ultras sind letztlich also ein Ergebnis des Prozesses, den sie zu bekaempfen vorgeben: Entstanden sind sie naemlich, zumindest in Deutschland, nie vor der grossen Expansion des nationalen Fussballs, sondern irgendwann mittendrin. Die aeltesten noch nennenswerten Gruppen datieren sich auf die Mitte der 90er Jahre, viele sind erst im 21. Jahrhundert gegruendet worden. Sie formulieren ihre Wuensche nach einem anderen Fussball also nicht aus der Perspektive einer realen Erfahrung des Vergangenen, sondern aus einer Geschichte darueber, wie es einmal gewesen sein soll. Wie die englischen Maschinenstuermer im fruehen 19. Jahrhundert macht ihre Kritik ueberhaupt nur dann Sinn, ist ihre Wut erst verstehbar, wenn man sie als Reaktion auf bereits Geschehenes versteht. So, wie man eine Maschine nicht kaputtmachen kann, bevor sie gebaut wurde, so braucht man auch nicht gegen “Kommerzialisierung” zu kaempfen, ohne dass sie stattgefunden hat. Dass man sich dabei, manchmal in bester Böhse Onkelz-Manier, als Vertreter einer verschworenen Minderheit inszeniert, mag ein enormes Satisfaktionspotenzial haben, schuetzt aber nicht vor inneren Widerspruechen. Den kleinen Mann jedenfalls, fuer den so viele Organisationen in der Menschheitsgeschichte schon vorgegeben haben, zu kaempfen, wird das alles vermutlich nicht sonderlich stoeren. Er schaltet auch naechstes Wochenende wieder den Fernseher ein, mancher aus Faulheit oder zu grosser Distanz zum Austragungsort, ein anderer, weil er sich die Karten nicht mehr leisten kann oder will, oder weil er seit 4 Jahren auf der Warteliste seines Vereins steht.

 

Und die Maschine, sie rattert weiter.

“Wachsam nach hinten, vorne die Chancen nutzen” – Fussball ist eine einfache Geschichte, wenn man haushoher Favorit ist, das weiss auch der Kapitaen der deutschen Fussball-Nationalmannschaft. Fussballinteressierte erkennen die tatsaechliche Botschaft von derartigen Aussagen sowieso, es ist das uebliche Gerede des Favoriten: Man fragt sich fast, ob Lahm, dem man neben ausserordentlichen fussballerischen Faehigkeiten auch ein gewisses Talent in Public Relations zugestehen muss, bei der Aussprache dieser einstudierten Saetze ein bisschen schmunzeln musste. Genau genommen ist es naemlich nicht einmal realistisch, dass die Deutschen in der Defensive allzu viele Anlaesse bekommen werden, ihre Wachsamkeit unter Beweis zu stellen: Alles andere als ein deutlicher Sieg von Jogis Spiessbuergertruppe ist kaum zu erwarten.

 

Womit wir beim Problem waeren: Die deutsche Nationalmannschaft ist gut, sie ist sogar – fuer eine Fussball-Nationalmannschaft – sehr gut. Besser als so ziemlich jede Mannschaft, die bei der diesjaehrigen Europameisterschaft sonst noch antritt. Fuer jemanden, der ueber Siege der Nati eher nicht so erfreut ist, ein sehr unschoener Umstand. Neun Punkte aus drei Spielen in einer Gruppe, die im Vorfeld einhellig als die schwerste ausgemacht wurde, unverdient davon war keiner. Und was sich sonst noch so im Turnier befindet, laesst das Schlimmste vermuten: Spanien wirkt nicht so dominant wie 2010, Frankreich konnte nicht ueberzeugen und England, machen wir es kurz, wird auch dieses Jahr garantiert keine Rolle spielen, es sei an die vergangene Weltmeisterschaft erinnert.

 

Es kommt aber noch schlimmer, denn die von besagtem Philipp aufs Feld gefuehrte Mannschaft gibt nicht nur geringen Anlass zur Hoffnung, sie wuerde sich allzu bald aus dem Turnier verabschieden, sondern bietet obendrauf auch wenig Angriffsflaeche fuer die Paradedisziplin der bundesdeutschen Postlinken, die moralisierende Polemik. Man muss schon einen ins Pathologische tendierenden Hass auf alles Deutsche hegen oder ueber eine sehr gestoerte Wahrnehmung verfuegen, um die Spieler der Nationalmannschaft ernsthaft unsympathischer zu finden als diejenigen, die in den Dressen anderer Nationen auflaufen. Waehrend Lahm schon darauf hinwies, dass Homophobie im Fussball ein vernachlaessigtes Thema ist, bevor sich manch politisch aktive Fan- oder Ultrasgruppe der Thematik annahm, aeusserte sich Antonio Cassano zu demselben Thema in eine anderslautende Richtung. Zum Vergleich: Die groesste Entgleisung der Deutschen nimmt sich dagegen ziemlich mau aus: Fuer einen Skandal taugte Flicks duemmliche Stahlhelm-Aussage wirklich nicht, hier einen Querverweis auf das optische Erscheinungsbild der Reichswehr oder ihrer Nachfolgeorganisation erkennen zu wollen, wirkt gelinde gesagt arg konstruiert. Dass Fussballtrainer und Manager eben hauptberuflich Fussballmannschaften koordinieren und weder gelernte Politiker und auch nicht immer Akademiker sind, darf nicht vergessen werden, und Jogi Löw macht allemal eine bessere Figur als Oleg Blochyn.

 

Nicht einmal die deutschen Problemfans sorgen bei dieser EM fuer nennenswertes Aufsehen: Mit Strassenschlachten und rassistisch konnotierten Rufen machten Fans anderer Nationen auf sich aufmerksam. Eine critical mass von den allerfiesesten deutschen Holzkoepfen scheint die Oder-Neiße-Grenze auf jeden Fall nicht passiert zu haben, oder, etwas pessimistischer formuliert, sie macht nicht auf sich aufmerksam. Auch das war schon einmal anders.

 

Und trotzdem: Diese Mannschaft darf nicht Europameister werden. Denn, auch wenn diese Einschaetzung mittlerweile zu einer Trivialitaet verkommen ist, beim Fussball geht es um mehr als das mit dem Auge zu erfassende Geschehen. Es ist, wie alle Zeitvertreibe, die emotionale Involvierung mit dem voelligen Fehlen von Moeglichkeiten zur direkten Einflussnahme verbinden, eine genauso echte wie eigentlich dumme Herzensangelegenheit. Weil das sportliche Ereignis – ein Wettkampf zwischen 22 Menschen – ohne seine irgendwie geartete Interpretation durch andere nichts ist, ein blosses Spiel. Klar, es geht um viel Geld, aber es geht auch um die Geschichten, die man mit dem Fussball erzaehlen kann. Die diejenigen, die irgendwie doch ganz zufrieden mit dem modus vivendi hierzulande sind, mit dem Fussball erzaehlen. Und dafuer wuerde ein EM-Titel einen mehr als passablen Handlungsrahmen abgeben.

 

Da waere die Erzaehlung von der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in diesem Land. Waehrend im Feuilleton im Gefolge der Sarrazin-Debatte ueber die marktwirtschaftliche Verwertbarkeit von tuerkischen Gemueseverkaeufern gestritten wird, beweihraeuchert man sich ein paar Seiten vor- oder nachher ob der Tatsache, dass auf den Trikots der A-Mannschaft 20 Jahre nach der Wende auch Namen wie Özil, Khedira und Boateng stehen. Und in diese Erzaehlung vom weltoffenen Nabel Europas im 21. Jahrhundert wuerde ein EM-Titel aehnlich gut passen, wie das Wunder von Bern im gleichnamigen Kinofilm als Wegmarke fuer das Ende einer sehr kurzen Nachkriegszeit ausgemacht wird.

 

Um dieses Bild der deutschen Gesellschaft zu verifizieren, benoetigt man notwendigerweise auch immer der Blick auf die anderen, im deutschen Fall ist es – wie koennte es anders sein – einer von oben. Das gilt in der Politik wie im Sport: Die blasierte Arroganz, mit der Mehmet Scholl und Olli Kahn als Experten im Gefolge der Kommentatoren die Spiele von Löws Mannschaft fuer das oeffentlich-rechtliche Fernsehen kommentieren, passt sich nahtlos den nahezu einhelligen Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen in den TV-Nachrichten an: Waehrend die eiserne Kanzlerin hart in der Euro-Frage bleibt, erspielt sich Jogis Elf den Titel. Die humoristischen Anspielungen auf diese Gleichzeitigkeit von kulturellem und politischem Grossevent besorgt dann spaetestens Waldis EM-Club, wen schert es da schon, dass diePleitegriechen, die da morgen auf dem Feld stehen, dem hiesigen Fiskus im Zuge ihrer beruflichen Anstellung bei deutschen Vereinen vermutlich mehr Steuergelder abgedrueckt haben als manche kleine Gemeinde.

 

Es gibt auch, wenn man so will, die Erzaehlung von einer veraenderten politisch-aesthetischen Erfahrung. Sie beginnt wohl schon 2006, als der offensichtlich vorhandene Markt bzw seine Teilnehmer mit jeder Art von industriell gefertigtem Schrott – schwarz-rot-goldene Gummibaerchen und Autofaehnchen – bedient wurde. Seitdem muss, wer durch eine ganz normale deutsche Wohnsiedlung zur Turnierzeit geht, meist ziemlich lieblos in die staedtische Architektur integrierte Devotionalien ertragen, und derlei Ornamentik, muss man umformulieren, ist Verbrechen. Und der phonetischen Belastung durch Hupkonzerte im Anschluss an die aeusserst zahlreichen Siege der Nationalelf entkommt man ohnehin nicht, denn in Deutschland, dem Land, dessen Gott des Sports Michael Schumacher heisst, hat jeder ein Auto.

 

Man muss gar kein uebellauniger Linksautonomer sein, um das nervig zu finden, und im Uebrigen kann man diesen Halunken neuerdings eh den Neukoellner Passdeutschen und Kioskbesitzer entgegenhalten, der seine gepachtete Parzelle grosszuegig in den Farben des Vormaerz schmueckt. Der vom Boulevard zum Steinewerfer aufgewerteten Fahnendiebe These, dass ein Autofaehnchen Nationalismus produziere, wuerde Marx, auf den man sich in diesen Kreisen ueblicherweise irgendwie, irgendwann immer beziehen zu koennen hofft, wohl sowieso nicht mitgehen wollen. Weil aber das Abreissen von Fahnen genauso wenig eine schwere Straftat wie ein politischer Akt ist, ist das Problem auch mit zwei sauberen Kiezen pro Grossstadt nicht wirklich geklaert. Und so versackt von der eigentlich notwendigen linken Kritik vieles in einem blossen Habitus des Dagegenseins, einem rein symbolhaften Protest, der sich eher an Sid Vicious als an Karl Marx orientiert: Die Inszenierung der eigenen Haltung ist wichtiger als die mit dieser Haltung verbundene Ueberzeugung. Im Jahr 2012 kann man also die Nazi-Anspielungen ruhig wieder der englischen Yellow Press ueberlassen, die das eh besser kann als Egotronic.

 

Und wir warten. Auf Mario Balotelli.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die politische Karriere des Josef Fischer ist eine der schillerndsten und aufregendsten der Nachkriegszeit. Waehrend das Gros seiner vormaligen Genossen entweder in die zahllosen Wohngemeinschaftssuempfe und Aussteigerbauernhoefe abgetaucht oder aber in die linksliberale Presselandschaft der Republik herueberoszilliert ist, hat Joschka es dann doch ein gutes Stueck weiter nach oben auf der Karriereleiter gebracht: Statt einer vegetarischen Eckkneipe im Frankfurter Westend fuehrte er – in Turnschuhen – die gruene Partei an die Spitze der Macht, was – der Kampf ging schliesslich weiter – fuer ihn selbst immerhin das Amt eines bundesdeutschen Aussenministers abwarf. Just in dieser Rolle wurde er dann auch der Weltoeffentlichkeit bekannt, als er einem sichtlich nicht amuesierten Verteidigungsminister namens Donald Rumsfeld erklaerte, dass er not convinced sei (in diesem Jahr sollte dann auch noch sein Buch mit gleichlautendem Titel nachgelegt werden – das Auskommen will ja auch im hoeheren Alter noch gesichert sein). Wirklich ueberzeugend hatte Fischer wohl nur die Ausfuehrungen des deutschen Verteidigungsministers Scharping bezueglich der Existenz von Konzentrationslagern in Srebrenica gefunden, getroffen zu einer Zeit, als die rot-gruene Regierung noch sehr viel eher bereit gewesen war, einen Kriegseinsatz zu autorisieren.

Fischers bekannte Muenchner Rede erntete damals in Deutschland vor allem aus zwei Gruenden grosse Zustimmung: Einmal, weil Deutsche in ihrer Selbstwahrnehmung in den allermeisten Faellen Recht haben, denn man hat es hierzulande eigentlich schon immer besser gewusst, da traf es sich noch besser, dass die Amerikaner den Anstand hatten, ihren Fehler offen einzugestehen. Und zweitens, weil, so stand es damals in den Zeitungen dieses Landes zu lesen, endlich mal wieder jemand den USA die Stirn bot – dazu auch noch dem ohnehin ungeliebten Bush und seinem vom militaerisch-industriellen Komplex finanzierten Schattenkabinett. Mutig war der ehemalige Linksradikale da gewesen, der von seinen NATO-Kollegen gern mal comrade genannt wurde, wie im vormals erwaehnten Buechlein zu erfahren ist. Im gleichen Maße, wie sich Fischers Bedenken in diesem Fall als richtig herausstellten, ist die unmittelbare Wirkung seines Auftrittes auch heute noch zu bemerken: Spaetestens seit dem Irakkrieg glaubt man amerikanischen Offiziellen am Besten erst einmal gar nichts mehr.

Und jetzt, wo der Aussenminister a.D. schon lange im Lobbynest der Energieindustrie sitzt, kommen die Amis schon wieder mit so einer Raeuberpistole daher: Ein Mordkomplott unter Beteiligung der iranischen Regierung, das Ziel ausgerechnet der saudische Botschafter – na, so ein Zufall, wo das mit dem Oel doch schon jeder weiss. Wer kann da besser Licht ins Dunkel bringen als die deutsche Presse, Hueterin von Anstand und Moral und in gleichem Maße auch fuer die Vermittlung von stichhaltigen Informationen zustaendig? Routinemaessig beginnt eine sinnvolle Recherche zum Thema Chevrolet diesmal nicht bei Juergen Elsaesser, wohl aber bei der jungen Welt, wo Knut Mellenthin uns versichert: The whole thing has been turned upside down – die Spur fuehrt nach Washington, nicht nach Teheran. Hastig, immer in der Angst, vom US-Geheimdienst auf frischer Tat ertappt zu werden, wird sich der Ex-KB’ler noch ein paar Mal umgeschaut haben, bevor er der Leserschaft die Bedeutung des Begriffs Sting Operation naeherzubringen versuchte:

“(..) eine sogenannte Sting Operation, wie sie in den vergangenen Jahren immer häufiger von FBI, CIA und anderen US-Sicherheitsbehörden praktiziert wurde, um der Öffentlichkeit »muslimische Terroristen« vorführen zu können. Bei dieser Methode werden systematisch labile Individuen aufgespürt, die sich von Polizei- und Geheimdienstagenten in fingierte Verschwörungen verwickeln lassen. Diese entspringen überwiegend der Phantasie und den Aktivitäten eben dieser Behörden.”

Die jW war allerdings auch schon besser aufgelegt, sehnsuechtig erwarten wir also den bald eintreffenden Artikel von Rainer Rupp. Langley und Arlington, die Orte, an denen die Faeden der Macht zusammenlaufen, wenn gerade mal keine Bilderberger-Treffen stattfinden, liegen zwar genau genommen nicht in Washington, D.C. – aber die paar Kilometer schenken wir der Redaktion an diesem Donnerstagmorgen gerne und wenden uns, ein wenig verstoert ob der Frage, wann und ob auch wir von einem Drogenabhaengigen oder Kriminellen kontaktiert werden, dem zu, was fuer Mellenthin vermutlich ein Mainstreammedium ist. Eins davon, die SZ, leistet sich mit Tomas Avenarius einen eigenen Nahost-Korrespondenten, der offenbar auch ueber Irans polykratische Herrschaftsstrukturen und insbesondere dessen Geheimdienst bestens Bescheid weiss:

“Da sind Präsident Mahmud Ahmadinedschad, das Parlament, die schiitische Geistlichkeit, aber auch Technokraten, einflussreiche Händler und Geschäftsleute sowie die mächtigen Revolutionsgarden mit ihren Al-Quds-Brigaden. Gebändigt wird dieses Machtgeschwür mehr oder weniger erfolgreich vom Geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei. “

Aus einem Geschwuer entstehen irgendwann einmal viele, das weiss jeder Medizinstudent, da kann sich die Weltoeffentlichkeit gluecklich schaetzen, dass es Ali Chamenei gibt, der nicht nur das iranische Atomprogramm bestens im Griff hat, sondern auch nachhilft, wenn vor Ort nicht ganz saubere Geschichtswissenschaft betrieben wird. Und, auch das ist fuer einen echten Kenner der Geheimdienstszenerie augenfaellig: Die Al-Quds-Brigaden waren es nicht, dafuer war der Anschlag zu dilettantisch vorbereitet. Vielleicht kann am Ende sogar die hiesige Industrie von der Geschichte profitieren, denn die saudische Monarchie, die nun noch einen Grund hat, neue Panzer und Jets zu bestellen, klopft vielleicht nochmal in Deutschland an. Stirnrunzelnd bleiben wir auf der Seite der SZ haengen und bekommen von Wolfgang Jaschensky erklaert, dass wiederum jemand anderes – kein Mitglied der Al-Quds-Brigaden, dafuer aber von der Stiftung Wissenschaft und Politik – sagt, ebenjene operierten ausschliesslich auf arabischem Boden. Muessen unsere Nachforschungen also wieder bei Null anfangen? In einer guten Krimiserie wird dann immer die Kardinalsfrage nach dem Taetermotiv gestellt: Was wollen die Iraner denn nun? Von ihnen selbst wird nichts Erhellendes zu erfahren sein, denn Sprecher der iranischen Regierung sprechen lapidar von einem konstruierten Szenario – aber das tun sie in Bezug auf Auschwitz auch. Also weiter im Text:

“Vieles spricht dafür, dass Iran an einer Verschärfung des Konflikts mit den USA kein Interesse hat. Doch es scheint auch denkbar, dass das Regime in Teheran den Streit mit Washington eskalieren will, gerade da der Kampf um die Vorherrschaft in der Region mit Saudi-Arabien an Schärfe gewinnt. Möchte das Regime zeigen, dass es aus einer Position der Stärke heraus agiert? Wollen konservative Kreise eine vorsichtige Annäherung an die USA torpedieren? Oder ist es Rache für die Ermordung des Atomwissenschaftlers Massud Ali-Mohammadi, für die Iran die USA verantwortlich macht? “

Denkbar ist alles, auch ein Berg, dessen Kuppe aus reinem Gold besteht. Und wenn die USA einen Atomphysiker um die Ecke gebracht haben, warum soll dann dafuer der saudische Botschafter sterben? Das Geheimdienstgeschaeft ist nicht leicht zu durchblicken. Viele Fragen, und dann ist der Artikel zu Ende. So leicht laesst sich ein Redakteur dieses Blogs nicht abspeisen, also weiter zur Studentenausgabe der Bild, die sich Spiegel nennt. In gewohnter journalistischer Qualitaet stillt die Onlineausgabe des Hamburger Wochenblaettchens gleich mit mehreren Artikeln unseren Wissensdurst. Von Anna Reimann werden wir in die Geheimnisse der Al-Kuds-Brigaden eingefuehrt – doch warum eigentlich, wenn die doch gar nicht dahinterstecken? Schnell klar wird vor allem eines, naemlich, dass man so ziemlich gar nichts ueber diese Kerle weiss – wer haette es gedacht, reden wir doch von einer der effizientesten Spezialeinheiten weltweit. Ploetzlich operieren sie allerdings auch in Bosnien, Nigeria und Afghanistan, die wiederum nun wahrlich nicht zur arabischen Welt gehoeren. So weit, so gut. Ein letzter Versuch beim Spiegel bringt uns wenigstens eine der klassischen Einleitungsphrasen, fuer die wir das Heft so lieben:

“Code-Wörter, konspirative Treffen, verdächtige Telefonate: (..)

Am 28. September schnappt die Falle zu. An jenem Mittwoch fliegt der iranisch-amerikanische Geschäftsmann Manssor Arbabsiar von Mexiko nach New York. Verdeckte US-Ermittler sind bereits mit an Bord. Kaum ist das Flugzeug auf dem Flughafen John F. Kennedy gelandet, zücken sie die Handschellen, nehmen Arbabsiar fest und bringen ihn in ein New Yorker Gefängnis. “

Bei sovielen Unklarheiten kann man sich fast gluecklich schaetzen, dass es auch noch die Zeitung fuer Deutschland gibt. In deren heutiger Printausgabe bringt es Guenther Nonnenmacher, der ansonsten auch schonmal die Loesung des Nahostkonflikts in zwei Spalten bewerkstelligt, auf den Punkt:

“Dass Kraefte in Teheran bei einem mexikanischen Rauschgiftkartell einen Auftragskiller gedungen haben sollen, um den saudiarabischen Botschafter in Washington zu ermorden, das klingt zu phantastisch, als dass es erfunden sein koennte.”

And the FAZ delivers. Wenn man sich vor Augen haelt, dass in einer mehr oder minder lupenreinen Demokratie wie der Bundesrepublik Staatstrojaner ohne das Wissen aller offiziellen Stellen zum Einsatz gekommen sind, dann faellt es nun wirklich nicht so schwer sich vorzustellen, wie finstere persische Brigadisten ein Mordkomplott aushecken. Vielleicht hilft es den Skeptikern auch, sich an den state terrorism eines Gaddafi zu erinnern, den der notorische Noam Chomsky uebrigens noch Jahre spaeter von jeder Mittaeterschaft an Lockerbie und La Belle freisprechen wollte. Alternativ kann man auch noch etwa zwanzig Jahre warten, bis auf n-tv zum Jahrestag der Festnahme Manssor Arbabsiars eine Dokumentation kommt, bei der zwielichtige Gestalten, deren berufliche Qualifikation mit Ex-Geheimdienstler umschrieben sein wird, das genaue Prozedere der Ermittlungsaktivitaeten preisgeben, dank Wikileaks geht es vielleicht sogar noch etwas schneller. Einstweilen wird die Affaere wohl der Startschuss fuer verschaerfte Sanktionen gegen eines der unangenehmeren politischen Systeme des 21. Jahrhunderts sein – was noch lange nicht heisst, dass das ins Auge gefasste Anschlagsziel der Repraesentant einer offenen Gesellschaft gewesen sei.

Uebrigens, fuer alle, die nicht ganz ohne das big picture auskommen wollen: Die nun entfaltete diplomatische Offensivstrategie der US-Regierung hat Michael Scott Duran schon in der vergangenen Ausgabe des Peridodikums Foreign Affairs unter dem Titel Arab Spring, Persian Winter skizziert. Leg’ dein Ohr auf die Schiene der Publizistik.

Ueber die Existenz eines jenseitigen – und darueber hinaus womoeglich auch noch allmaechtigen – Gottes braucht man mit diesem Autoren nicht zu streiten, denn er haelt auch im Jahr 2011 noch ein bisschen etwas auf Marx und die mit ihm assoziierte politische Stroemung. Wer das nicht wahrhaben mag, sollte die Maer vom barmherzigen Schoepfer spaetestens beim Blick auf die Verteilung von Fussballweltmeisterschaftstiteln ablegen: Nicht nur, dass Argentinien, Zufluchtsort etlicher Nazis nach 1945, zweimal, einmal gar per Gottes Hand, den Cup geschenkt bekam, die Bundesrepublik durfte ganze drei Male zuschlagen: Der erste Sieg war keine zehn Jahre nach Kriegsende faellig (wer war noch gleich Henry Morgenthau?), zum zweiten Mal beinahe zwanzig Jahre spaeter mit einer Mannschaft, aus der einige Mitglieder heute einen nicht unerheblichen Teil der deutschen Fussball-Aristokratie stellen. Und sorry, aber sympathisch ist jemand mit dem Spitznamen Kaiser nun wirklich nicht. Als sei die Welt mit den Spaetfolgen der Abwicklung der DDR im Jahre des Herrn 1990 nicht gestraft genug gewesen, gab es obendrein noch einen Stolpersieg im Finale – na, ueber wen wohl? – fuer die DFB-Auswahl.

Parteiisch und unfair, wie wir verbitterten Anti-Deutschen (diese Begrifflichkeit ist im Wortsinne zu verstehen: Wir von Verbrochenes sind gegen Deutschland, mit realen oder fiktiven politischen Stroemungen haben wir schon alleine aufgrund mangelnden Intellekts nichts zu tun) es nun einmal sind, lassen wir den gewonnenen EM-Titel – der Entscheidungsmodus des Golden Goal ist sowieso aeusserst fragwuerdig, zumal, wenn Oliver Bierhoff eines erzielt – links liegen, muessen aber konstatieren, dass es 2006 und 2010 A.D. mitunter ganz schoen knapp wurde fuer Schlands Nummer vier. Genauso hoch koennten die Deutschen im kommenden Jahr dann allerdings auch den Counter fuer gewonnene Europameisterschaften schrauben, was einer schweren Katastrophe gleichkaeme, deren apokalyptische Ausmasse sich vorzustellen nur muehsam ertragbar ist: Der Konsumguetermarkt wuerde – diesmal mit offenem Ende – vor Schland-Artikeln ueberquellen, die Strassen waeren ueberall dort, wo keine Geisteswissenschaften studierenden supercoolen Antifas nachts Capture the Flag spielten, ein Hort des schwarz-rot-geil beflaggten Wahnsinns, der taegliche Gang zur S-Bahnstation bei dem Gedanken an wangenbemalte Deutschlaenderinnen und die kommenden Bildschlagzeilen der naechsten Wochen mit Spiessrutenlauf noch vorsichtig umschrieben.

Das Frustrierendste ist, dass unsereins die Argumente auszugehen drohen. Klar, man kann immer noch die Nazi-Karte zu spielen, aber das muesste langsam selbst der englischen Yellow Press zu bloede werden. Als die Nati 2002 Saudi-Arabien 8-0 abfertigte, da gab es sie noch, die Blitzkrieganspielungen: Deutsche Panzer rollten wieder, hiess es damals in der internationalen Sportpresse – was man damals nicht ahnte, war die etwa zehn Jahre spaeter bestaetigte Richtigkeit dieser Aussage in einem ganz anderen Sinn, denn das saudische Koenigshaus hatte sich ja tatsaechlich welche bestellt, wenn auch nicht zum Fussballspielen (in der Tuerkei bedient man sich dieses Bildes immer noch sehr gerne, wie sich nach der Heimniederlage in der EM-Quali feststellen liess). Die Spieler mit den am exotischsten anmutenden Namen 1990 beziehungsweise sechs Jahre spaeter hiessen noch Pierre Littbarski oder Mehmet Scholl, doch kann der selbsternannte Integrationsweltmeister im Jahre eins nach Sarrazin auf Cacau, Gündogan, Khedira und den in Polen geborenen Vorzeigekoelner Podolski zurueckgreifen. Wie verhaertet es in diesem Land trotz alldem immer noch denkt, faellt allerdings nur noch den aufmerksamen Zuschauern auf: Als Mesut Özil – noch so einer – gestern abend in der 30. Minute sehenswert zum 1-0 gegen Belgien einnetzte, entlockte das dem ZDF-Reporter Oliver Schmidt einen anerkennenden Kommentar:

 

“Özil macht das was er fuer seine Freunde in der Heimat machen kann”

 

An welche Freunde aus welcher Heimat der ehemalige Jugendspieler von Rot-Weiss Essen (weshalb sonst sollte er so gut Fussball spielen koennen?) – geboren ist Özil in Gelsenkirchen, er ist deutscher Staatsbuerger – beim Treffer gedacht hat, wird vermutlich Schmidts Geheimnis bleiben. Ungleich klarer ist jedoch, dass man auf der spielerischen Ebene nur noch schwerlich gegen die deutsche Elf argumentieren kann, denn kloppte sich die Mannschaft von Berti Vogts noch mit einem so genannten echten Vorstopper und Strafraumstuermern der Marke Kuntz und Bierhoff zum Titel in England, wird der Rekord-Europameister in Polen und der Ukraine mit einer Mannschaft aufspielen, die zum Besten gehoert, was der kleinste Kontinent fussballerisch zu bieten hat: Der notorische Liebling dieses Autors, die Englaender, werden wie immer keine Rolle spielen, Frankreich und Italien sind irgendwie auch nichts mehr. Blieben realistischerweise die Niederlande und Spanien – wir falten besser schonmal jetzt die Haende und beten zum nichtexistenten Fussballgott. Oder nehmen prophylaktisch einen Urlaub in Angriff.

Und, hey: Es ist doch nur Fussball. So lange Schalke 04 nicht Bundesligameister wird. God forgive.

Genau genommen ist es moeglich, sehr viele Dinge – eigentlich alles – zu prognostizieren: Das Ende aller Tage, den Untergang der bekannten Welt, kann man sehr genau mit Hilfe des Maya-Kalenders vorherbestimmen, er faellt auf das zweitausendundzwoelfte Jahr nach christlicher Zeitrechnung und ist dementsprechend schon in drei bis maximal fuenfzehn Monaten faellig. Wer sich in derartig existenziellen Fragen nicht auf die Prophezeiungen untergegangener Hochkulturen verlassen moechte, hat die Moeglichkeit, sich auf aktuellere und weniger weitreichende Prognosen zu verlassen, die das Wetter, Ergebnisse demokratischer Wahlen oder – nicht jeder moechte schliesslich solche unbedeutenden Broetchen backen – weltpolitische Entwicklungen mal mehr, mal weniger akkurat vorhersagen.

Fuer letztere Zwecke gibt es Menschen vom Schlage eines Peter Scholl-Latour, die in ihrem Leben so unendlich viele Saetze dahergeschwafelt haben, dass irgendeine ihrer Aussagen immer zutreffend erscheint. Die US Army wird wahlweise im Irak, in Afghanistan oder sonstwo ihr zweites Vietnam erleben, die Weltwirtschaft wird erst im Zuge der Immobilienkrise, nun eben im Zuge der Finanzkrise untergehen, soviel ist mal klar. Die phantasiereichsten Prognostiker der Linken stehen hierzulande ueblicherweise bei der jungen Welt in Lohn und Brot: Werner Pirker wusste dort schon 2002, dass die Amis ein “totalitaeres Regime ueber die internationale Staatenwelt” errichten werden, dass natuerlich auch vor dem “nuklearen Genozid” nicht zurueckschreckt. Im selben Jahr veroeffentlichte selbiger dann mit Wilhelm Langthaler ein regelrechtes Standardwerk der USA-Prognostik mit dem Untertitel “Zwoelf gute Gruende fuer einen Antiamerikanismus”, in dem der zukunftsinteressierte Leser erfahren konnte, die naechsten militaerischen Ziele der USA seien Pakistan, dass die Amerikaner in den letzten Jahren militaerisch offenbar nur aufruesteten, um nicht wieder einen asymmetrischen Krieg fuehren zu muessen und Saudi-Arabien, dem die Bundesregierung – man hatte das Buch offenbar mit grosser Verspaetung gelesen – noch schnell ein paar Panzer verkauft hat. Unklar bleibt hingegen weiterhin, ob in der jW-Redaktion dieselben Wahrsagekugeln stehen wie in den RAF-Unterschlupfen: Deren Kommando Gudrun Ensslin wusste schon vor dreissig Jahren, dass eine “Intervention im Iran” unmittelbar bevorstuende – hoechstwahrscheinlich unter Einsatz jener legendaeren Neutronenbombe, die der deutschen Friedensbewegung in den Achtzigern schlaflose Jahre bereitete, obwohl sie nie zum Einsatz gebracht wurde.

So ist das mit Prognosen: Die meisten sind entweder schnell wieder hinfaellig (die deutsche Frauenfussballnationalmannschaft feierte den von der Bild erwarteten Triumphzug bei der WM im eigenen Land dann doch nicht), harren noch ihrer Erfuellung (die Maya haben immerhin noch ein paar Monate Zeit) oder waren von vornherein Quatsch. Wie man mit Prognosen Geld verdient, laesst sich an einem Menschen wie Nouriel Roubini zeigen: Der “Wirtschaftsexperte” sagte die Rezession fuer das Jahr 2007 voraus und verkauft seitdem eine Menge Buecher – was sich laut Prognosen positiv  auf seinen Geldbeutel auswirkt. Diese Leistung zeugt allerdings weit weniger von Genialitaet als von der Existenz der beruehmten Stecknadel im Heuhaufen:

“Er prognostizierte unter anderem einen ernsthaften Börsenkrach für 2004, eine scharfe Wachstumsverlangsamung für 2005, einen globalen Einbruch für 2006 und eine Rezession für 2007, die dann endlich kam.”

Wir von verbrochenes sind manchmal auch etwas geschwaetzig, ja. Aber wenigstens reden wir dann ueber des idealtypischen deutschen Wutbuergers liebstes Thema, den Fussball. Bonde hat hier schon einige Male Untergaenge prophezeit, vor allem den des FC Bayern. Dieser ist bisher ausgeblieben und ich prognostiziere an dieser Stelle, dass es auch dieses Jahr nichts wird. Die Muenchner werden in der laufenden Saison souveraen Meister und auch bei allem anderen, was nun kommt, habe ich Recht: Sollte es anders kommen, dann liegt das – natuerlich – an unvorhersehbaren Ereignissen.

Maximal drei Champions League-Plaetze stehen den Bundesligisten dieses Jahr zur Verfuegung, und diese werden an Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und leider auch an Schalke 04 gehen. Dieser Autor wuerde gerne seiner Abneigung gegen die Knappen mehr Gewicht geben, aber was ist schon eine persoenliche Meinung in Anbetracht des Laufes der Geschichte? Wer den besten Sturm der Liga hat, kommt am Ende eben auch unter die Top-Plaetze. Dass Bayer Leverkusen die Saison irgendwo zwischen Platz 2 und 4 beendet ist genauso sicher wie der Nichtaufstieg der Spielvereinigung Greuther Fuerth, und Dortmund spielt einfach zu schoenen Fussball, um dafuer nicht belohnt zu werden. Der Voodoopriester, der Mirko Slomka und Hannover 96 die letzten Monate so vorzuegliche Dienste geleistet hat – denn anders ist der Erfolg des langweiligsten Vereins der Bundesliga nicht zu erklaeren – wird auch noch ans Ende seiner Kraefte kommen, und spaetestens dann stuerzen die Niedersachsen wieder dahin wo sie gehoeren, auf die Plaetze 7 bis 11, wo man am Ende der Saison die Gesellschaft von 1899 Hoffenheim, Mainz 05, dem VfB Stuttgart und Borussia Moenchengladbach geniessen darf – ter Stegen und Reus reichen dann eben doch nicht fuer den ganz grossen Wurf, der dem VfL – sorry an alle Fohlen-Fans – nie wieder gelingen wird. Und: Wer sich von Holger Stanislawski trainieren laesst, braucht mit grossen Anspruechen nun wirklich nicht zu kommen.

Michael Oenning ist seinen Job am kommenden Sonntag los, nachdem seine Mannschaft in Bremen, dass die Saison als Fuenfter beendet, mit 3 zu 0 unter die Raeder gekommen ist. Ohne Mertesacker, dafuer aber mit einem bald wieder einsatzfaehigen Naldo kommt man in der Bundesliga nicht in die Champions League, vor allem dann nicht, wenn man sich im Sturm neben Pizarro auf Arnautovic und Wagner verlassen muss, was ohne Zweifel schade, aber so leicht nicht zu aendern ist, da an der Weser offensichtlich das Geld fuer einen Hochkaraeter im Sturm nicht vorhanden ist. In Anbetracht des Pokal-Auftritts in Heidenheim und einer Vorbereitung, bei der man gegen Southampton die Segel streichen musste, ist das aber immer noch ganz in Ordnung. Den UEFA-Pokalplatz teilt man sich mit dem etwa ab Mitte der Saison wiedererstarkenden VfB Stuttgart, ein strukturstarker Verein mit neuem Stadion, dessen Kader einfach zu stark aufgestellt ist, um nochmal im Niemandsland der Tabelle zu versauern, zumal eben dieses von Freiburg, Wolfsburg und Nuernberg bevoelkert wird.

Das sind zwar sehr unterschiedliche Vereine mit ganz unterschiedlich gelagerten Problemen, aber sie haben eine zu gute Mannschaft um abzusteigen, und eine zu schlechte, um auch nur in die Naehe der Euroleague-Quali zu kommen. Der Club hat eine Menge guter Leute abgegeben und trotzdem noch eine der besseren Innenverteidigungen der Liga, vorne aber keine Durchschlagskraft mehr, Wolfsburg implementiert unter Magath das so genannte Essener Modell (“Man muss nur genug Spieler kaufen, deren Zenit ueberschritten ist, und daraus formt sich dann von alleine ein starker Kader”) und kaempft nochmal um den Nichtabstieg, Freiburg ist ohnehin eine Fahrstuhlmannschaft, deren seltene Ausreisser auf einen einstelligen Tabellenplatz am Saisonende die Regel, dass es in Schwaben zwar keine guten Menschen, in Baden dafuer aber einfach keine guten Fussballvereine gibt, nur bestaetigt.

Womit wir beim echten Abstiegskampf waeren. Den tragen die Aufsteiger Augsburg und Hertha, der Effzeh aus Koeln, Kaiserslautern und natuerlich der HSV aus. Vermutlich schafft der Dino den Klassenerhalt auch dieses Jahr und der alberne Counter im Volkspark bleibt in Betrieb. Vor allem deshalb, weil andere Mannschaften einfach noch schlechter sind – das hat auch Werder Bremen und den VfL Wolfsburg vor dem Abstieg in der letztjaehrigen Saison bewahrt. Lief es in der Rueckrunde auch noch so schlecht, auf die Eintracht aus Frankfurt war genauso Verlass wie auf den zweiten Hamburger Verein. Die Hamburger Morgenpost wird sich am Ende bei Kaiserslautern und Augsburg bedanken koennen, deren Kader zwar auch nur ein Drittel von dem des HSV kosten, dafuer aber auch eindeutig schlechter sind. Wie der letztjaehrige Neunte aus der Pfalz bisher in der Liga aufspielt, laesst jedenfalls nichts Gutes erahnen, zumal fuer die diesjaehrigen Relegationsspiele ein ganz besonderer Leckerbissen ansteht: Die Geissboecke duerfen dort die Fortuna aus Duesseldorf in zwei Spielen mit einer 9-1 Torbilanz deklassieren, ein spaetes Highlight in einer mittelmaessig interessanten Bundesliga-Saison. 2011/12.

Und wer es noch nicht geahnt hat: Den Pokal holt der RWE. Die Rache der Mayas moege sich also noch bis mindestens Ende Mai verzoegern.

Juergen Elsaesser wird einmal sagen koennen, er habe sie alle gehabt. Gemeint ist nicht sein libidinöses, sondern sein journalistisches Engagement: Neues Deutschland, konkret, junge Welt, Freitag, Bahamas und Jungle World – bei einem Streifzug durch die linke Publizistik der letzten fuenfzehn Jahre wird man immer wieder bei dem unvermeidlichen Pforzheimer landen. Die ideologischen und auch inhaltlichen Stunts, die er dabei vollfuehrt hat, moegen abenteuerlich anmuten, doch in Wahrheit hat sich Elsaesser nie veraendert: In der Zeit seiner Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund hatte er sich das analytische Ruestzeug erworben, dessen dogmatische Methodik sein Weltbild fortan praegen sollte: Hinter der Reaktion – das war einmal der (vermeintlich wiederkehrende) Faschismus, heute sind es die USA – steckt das Kapital. Und die letzte Trutzburg im Kampf gegen – ja, was eigentlich? – stellt nach dem Untergang des realsoziliaistischen Blocks nunmal der souveraene Nationalstaat dar. Dass eine derartige Position, konsequent weitergedacht, letztlich auch eine Anerkennung der machtpolitischen Interessen Deutschlands impliziert, so weit war Elsaesser nach dem Mauerfall nicht, noch nicht.

Er, nicht etwa Marlene Dietrich, erfand lieber den Slogan “Nie wieder Deutschland” und schrieb so lange im antideutschen Publikationsflaggschiff Bahamas, wie man dort das Wort antikapitalistisch noch nicht abwertend gebrauchte. Weil “eine Linke ohne Antimilitarismus undenkbar” sei – die Sowjetunion also keine Kriege gegen Afghanistan oder Finnland gefuehrt, die KPD keine Putschversuche gestartet, die RAF keine Menschen erschossen habe – verabschiedete sich Elsässer 2002 aus den Redaktionen der bellizistischen konkret und jungle world, fand beim Neuen Deutschland und auch bei der Islamischen Zeitung zwischenzeitlich dankbare Abnehmer fuer seine journalistischen Arbeiten und widmete sich – bis heute – dem Betrieb eines eigenen Blogs. Als haette die Welt darauf gewartet, traegt es einen ebenso verheißungsvollen wie phantasielosen Namen: Juergen Elsaesser spricht. Und dieser Sprecher moechte nicht nur eine Menge Daten-, sondern auch einiges an Papiermuell in die Verwertungsmaschinerie einspeisen, deshalb startet der Mitbegründer der Volksinitiative seine publizistische Gegenaufklaerung neuerdings zusätzlich mit einem Printmedium namens Compact.

Als einer, der in einem Interview mit Gerhard Wisnewski offenherzig zugibt, “bei allen Zeitungsprojekten der Linken angeeckt” – vulgo: rausgeflogen – zu sein, laesst man sich eben “den Mund nicht verbieten”. Das ist im Sinne der geltenden Presse- und Publikationsfreiheit auch wuenschenswert, zumal dann, wenn sich der Verfasser durch das Geaeusserte selbst blamiert. Und auf Derartiges braucht man nicht lange zu warten: Weil die Reichweite seiner Kritik der politischen Oekonomie mittlerweile nicht mehr ueber eine zwanghafte Obsession bezueglich geheimdienstlicher Machenschaften hinausgeht und beim militaerisch-industriellen Komplex, also Halliburton und Lockheed Martin, stehenbleibt, kann Compact auch “demokratische Linke und demokratische Rechte im offenen Dialog” zusammenbringen. Das Resultat von derlei Experimenten sind Titelstories wie “Das besetzte Land” und “Die Oeko-Diktatur kommt”, stilecht wahlweise mit Renate Künast im Soldatenoutfit oder Angela Merkel mit demütigem Blick auf Barack Obama.

Mindestens genauso beachtenswert ist das mittlerweile zum Grossteil mit Werbung fuer Compact ueberladene Blog. Hier lassen sich interessante Einblicke in die Psyche eines Mannes gewinnen, der seine Orientierung irgendwo zwischen 9/11 und dem Beginn der Operation Iraqi Freedom verloren hat. Ein politischer Kompass, der nur links und rechts kennt, kann solche Figuren nicht mehr sinnvoll verorten: Mahmoud Ahmadinejads Wahlsieg 2009 begiesst Elsaesser “ganz unislamisch” mit einem “Slivovitz”, hinter der Strauss-Kahn-Affaere stecken neben “finanzkapitalistischen Interessen”, das sind die “Yankee-Banker”, auch “hartgesottene Feministinnen”, die “Hass auf Maenner” verbreiten. Der Anschlag auf den iranischen Praesidenten fand zwar nur vermeintlich statt, aber wenn er sich ereignet hat, kommen nur “Dschundallah, Volksmudschahedin und der iranische Ableger der kurdischen PKK” in Frage – und, wer hätte es gedacht, sie alle werden “von US-Geheimdiensten finanziert”. Weil, wer “keine antiamerikanischen Reflexe hat, hirntot” ist, geht es, wenn einer wie Elsaesser digital spricht, immer auch um die USA, “Weltsheriff” der Staatengemeinschaft und Triebfeder der Globalisierung, des ultimativen Feindes eines jeden Nationalstaats.

Und wenn einer gegen die Amis ist, dann ist die halbe Miete schonmal eingefahren: Darum heisst “Libyen verteidigen JETZT Gaddafi unterstuetzen” (sic!), da ist “Freiheit fuer Ratko Mladic” das Motto der Stunde und auch als am 4. Mai 2011 selbst islamistische Organisationen den Tod bin Ladins bestaetigt hatten, konnte man auf dem Blog noch von “zwei anderen Hypothesen” lesen: Entweder, der Chef von Al-Qaeda sei “schon vor Jahren liquidiert” worden, belegt mit dem laengst widerrufenen Statement eines franzoesischen – na, was wohl? – Geheimdienstlers. Oder aber: Ussama “lebt immer noch, und zwar mit neuen Papieren in einem CIA-Beach Ressort am Indischen Ozean”, der wahrgewordene “wohlverdiente[r] Ruhestand” eines “bewaehrten Agenten”. So verrueckt, wie das alles klingt, ist es aber gar nicht. Ob er da beispielsweise schon ahnte, dass sein einstiger Kollege und konkret-Herausgeber Hermann Gremliza im aktuellen Editorial des Blattes bin Ladins Tod zwar als Tatsache anerkennen, gleichwohl aber ebenso behaupten wuerde, bin Ladin sei ‘einst einem Laboratorium der CIA entwichen’?

Elsaesser ist weder ein pathologischer Fall, noch ist es der erste seiner Art, denn auch andere Journalisten sind seit 9/11 in die Ecke der Verschwoerungstheoretiker gekippt. Aus der Not, dass man bei halbwegs serioesen Zeitschriften und Zeitungen keine Artikel mehr platziert kriegt, sobald man eine gewisse inhaltliche Absurditaetsgrenze ueberschritten hat, haben schon einige vor ihm eine Tugend gemacht, Matthias Broeckers beispielsweise. Der ehemalige Leiter des taz-Kulturressorts schreibt naemlich nicht nur ueber die vielfaeltigen Nutzungsmoeglichkeiten von Marihuana, sondern hat auch mehrere Buecher ueber 9/11-Komplottstories vorgelegt, die sich gut verkauft haben. Broeckers, Wisnewski, Andreas von Buelow, jetzt eben auch Juergen Elsaesser – Deutschland hat seine eigenen Versionen von Alex Jones hervorgebracht, dem Macher von Loose Change und schaetzungsweise zweihundertdreiundneunzig weiteren Filmen ueber den inside job.

In einer politischen Wirklichkeit, in der das Individuum gerne bereit ist, die Komplexitaet globaler Zusammenhaenge auf das Wirken einiger weniger Entscheidungstraeger zu reduzieren, ist das ein guter Absatzmarkt – eine schnelle Mark, Elsaessers Lieblingswaehrung, ist da gewiss. Und wenn sich 2011 die Anschlaege zum zehnten Mal jaehren, was ist da naheliegender, als die crackpot-Theorien nochmal aufzuwaermen? So eine Moeglichkeit laesst ein findiger Geschaeftsmann nicht aus und so hat die Compact-Redaktion sich entschlossen, in Leipzig am 10.9. diesen Jahres eine Konferenz abzuhalten, die “einige der bestinformierten Kritiker der offiziellen Version” zusammenbringen wird. Fuer 45 Euro, Compact-Abonnenten bekommen natuerlich Prozente, ist man dabei, geladen wird in das “Globana Trade Center”, und man kann sich die verlegenen Scherze, die auf der Konferenz darueber gemacht werden duerften, bereits lebhaft vorstellen. Das Podium ist bereits mit einer deutschen creme de la creme selbst ernannter kritischer Journalisten besetzt: der Chef des notorischen antiamerikanischen Portals infokrieg.tv ist genauso dabei wie zwei Compact-Mitarbeiter – einer davon ist Elsaesser selbst – und ein Hoerbuch-Autor, der wohlgemerkt mit fiktionaler vertonter Literatur sein Geld verdient. Man kann also eine lebhafte und kontroverse Debatte erwarten.

 

 

 

(Alle in Anfuehrungszeichen markierten Textteile, mit Ausnahme des konkret-Zitats, stammen von Juergen Elsaesser selbst, aus Interviews, Blogeintraegen und Artikeln.)

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