
Ankunft und Ausrüstung:
Eigentlich hatte ich das Festival schon abgeschrieben, dann erreichte mich aber doch noch eine Nachricht und ein Platz in einem Auto. Bliebe das Problem, dass ich natürlich keine Karte hatte. Zu dem Festival gehört aber auch, dass man vor Ort immer noch eine Karte bekommen kann. Bei steigender Besucherzahl in den letzten Jahren könnte das vielleicht einmal ein Problem werden, wenn man nicht das Gelände immer mehr erweitert und dem Festival damit den mir -und ich denke auch vielen anderen- wichtigen familiären Charakter nehmen würde. Es darf also jeder kommen der nicht Thor Steinar oder Deutschlandfahne trägt. Letztere sah man dann aber doch auf dem Gelände: Gold entfernt und an die Fantasieautos getackert. Diese Autos waren auch der erste Kontakt mit dieser Parallelgesellschaft in die ich für 4 Tage eintauchte: Alte, rostige, bunte, umgeschweißte, entglaste, bemalte und doch noch irgendwie fahrtüchtige Vehikel kamen uns entgegen und die ersten Dreadlock-Träger zeigten uns den Weg. Größtenteils (oder nur?!) sind diese ehrenamtliche Helfer, die sich durch eine Arbeitsschicht die Karte verdienen können. Die Karte kostet nicht viel für das, was man dann geboten bekommt. In der Warteschlange bekommt man das “Fusion-Buch” mit Hinweisen, Lageplan, Spielplan usw. Auf dem Zeltplatz angekommen beginnt die Suche nach dem richtigen Platz für Auto und Zelte. Auto darf nämlich neben dem Zelt stehen. Einer der zahlreichen Pluspunkte. Leider wurden wir bei dieser Suche aber 2x verscheucht, sogar dummdreist und ohne Argumente. Das war schade und gar nicht hippie. Nach 2 Minuten auf unserem “Rückzugs-Ort” (Trancefloor 500m Luftlinie) kam der erste Händler seines Weges und bot uns seine Ware an: Pappe, Vitaminpillen und Grünzeug. Pappe verkaufe er an Erstpapper aber nicht. Ein Keksbauchladen kreuzte kurze Zeit später auf.
Das Gelände, das Essen:
Das Gelände gehört dem Kulturkosmos und wird von diesem das ganze Jahr über gepflegt und genutzt. Es ist ein altes Militärgelände, ein ehemaliger Flugplatz mit den charakteristischen Hangars. Der Übergang vom Zeltplatz zur Tanzwiese ist fließend, so dass neben manchem Stand ein Zelt steht und man auch alles mit auf das Gelände nehmen darf. Positiv, gleichzeitig aber auch negativ, da sich so sehr viele Glasflaschen sammeln, die ja bekanntlich aus Scherben zusammengeklebt sind. Die Stände selbst sind holzlastig, ohne viele elektronische Geräte, alles wirkt eher spartanisch und vor allem liebevoll mit dem Wort, das über dem ganzen Gelände schwebt: detailreich. An jeder Ecke kann man neue Dinge entdecken, Lichterspiele in der Nacht, Holzkonstruktionen am Tag, beides zusammen im Halbdunkel – die Tageszeit spielt hier sowieso keine Rolle mehr. Die Straßen haben Namen, man wird sehr freundlich angesprochen, es gibt keine Hektik und kein Gedrängel. “Und was kann ich für dich tun?” “Die Preise kenne ich selber nicht.” – oft gehörte Sätze beim Einkauf der ausschließlich vegetarischen Leckereien. Wagenburger, Spaghetti, Fladen und Chili Sin Carne. Gut genährt kann man zu Workshops gehen, ins Kino, Super Mario spielen, Jonglieren, auf einem großen blauen Ball stehen und nicht runterfallen, auf den Hangar klettern und schauen, sich ins Erdloch legen und alle neidisch machen, weil man einen Teppich unten und eine Plane oben hat. Kurz: alles entdecken und dann natürlich auch noch tanzen!
Die Musik, der Tanz:
Dub, Reggae, Dancehall, Elektro, Ska, Punk, Alternative, Techhouse, Minimal, GOA, Trance – mir fallen bestimmt noch mehr Musikrichtungen ein und fast alle könnte man hier aufschreiben. Das Angebot ist vielseitig, es gibt 10 Bühnen von denen die meisten Tag und Nacht Programm haben.
Meine Highlights waren The Notwist, Steve Bug, Dominik Eulberg und ganz viele andere, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, die aber mich und meine Mitreisenden immer mächtig zum hüpfen animieren konnten. Nach einigen Stunden schweißtreibender Arbeit gab es dann Energiebällchen (ohne Zusatzstoffe, wirklich!) oder Chai oder Tee oder Wasser oder Milchshake oder vielleicht auch Bier. Bierwagen darf man hier allerdings nicht suchen. Und natürlich sieht man auch nicht ein einziges Werbebanner.
Die Menschen, das Volk:
Auf der Spieleverpackung zur Fusion wäre wohl eine Familie inklusive Hund abgebildet mit der Altersempfehlung 0-99+. Denn so setzt sich das Publikum zusammen. Vom Althippie über den Normalhippen zum Technogirlie. Alles dabei. Kinder mit auf dieses Festival zu nehmen ist einerseits toll, weil Kinder einfach eine schöne Atmosphäre schaffen können, wenn allerdings das Nichtkinddrumherrum ganz und gar nicht kindgerecht ist, wird es schwierig. Andererseits ist diese bunte Welt so noch bunter gewesen und die Kinder die ich sah hatten auch alle sehr viel Spaß; nur die Hunde, die haben da wirklich nichts zu suchen. Viel zu laut plus Zusatzkot.
Fazit:
Dieses Festival ist für jeden zu empfehlen, der sich darauf einlassen möchte und ich habe tatsächlich zum ersten Mal wirklich das Gefühl gehabt, dass das Festival eine Botschaft hat, etwas vermitteln will und das diese Botschaft auch ankommt. Jedenfalls bei mir. Wie aus dem Reiseheft kann man “fernab vom Alltagsstress und Zivilisationslärm die Seele auftanken” und spüren, dass gerade ohne viel Geld sehr viel Miteinander möglich ist. Ein bisschen Schade finde ich nur, dass für viele diese Erfahrung mit dem Konsum von Drogen einher geht. Die Angebotsvielfalt, das ganze drumherum zeigen aber auch immer wieder, dass dieser nicht im Vordergrund stehen soll. Ich komme wieder!
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