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Amerika

Ich hab gerade mal ein Blog in die Blogroll aufgenommen, dass da viel zu lange nicht drin war: USA erklärt. Ziel dieser Seite ist es, die Vereinigten Staaten möglichst sachlich zu erklären, und der Autor ist dabei sehr dedicated. Mir gefällt das sehr, und die Frage ist nun, ob dieses Blog in die Kategorie der sehr guten darf. Was meint ihr?

Wenn wir schon bei Amerika sind: Bei Lizas Welt ist ein zweiteiliger Vortrag in Schriftform erschienen, der sich mit dem Pluralismus in den USA befasst. Bitte lesen.

Man kann dieses Buch gar nicht lesen, und erst recht nicht besprechen, ohne es ständig mit den beiden Vorgängern zu vergleichen, ohne immer wieder zu überlegen, wie es in die Geschichte des Bremers Frank passt, der zehn Jahre später Herr Lehmann genannt wird und sich in Berlin dagegen wehrt, einen Lebensinhalt haben zu müssen. Der kleine Bruder beschreibt eine Episode, die zwischen Neue Vahr Süd und Herr Lehmann liegt. Dabei ist die Handlung den Ereignissen in Bremen zeitlich viel näher, und doch schon ganz Berlin, durch und durch. Sven Regener liefert das Endstück seiner Trilogie, indem er einen Mittelteil schreibt, der nicht in der Mitte liegt. Der Roman hat dann auch einen grundsätzlich anderen Charakter als die ersten beiden Bände, es wird aufgeklärt oder zumindest angedeutet, was aus dem Bremer Bundeswehrsoldaten aus Schusseligkeit ohne Zukunft den Berliner Kneipenprofi ohne Zukunft macht - überraschenderweise reichen dazu die ersten zwei Tage in Berlin.

Frank findet Freunde, die zwar alle etwas seltsam sind, aber immer noch besser als die K-Gruppen-Menschen in Bremen. Er lernt die Stadt kennen, in der Punk zwar mal mehr war als am Fluss rumhängen und Bier trinken, aber mittlerweile zum Betätigungsfeld von verrückten Künstlern mit bescheuerten Künstlernamen geworden ist, die sich dann unwürdige Gefechte mit den echten Punks liefern. Das Flair der Berliner Gaslaternen, der langen Wege und der Mauer in der Stadt nimmt Frank ebenso selbstverständlich zur Kenntnis wie ein halbes Jahr zuvor das des Viertels in Bremen - und würde dabei nie von Flair reden. Und am Ende hat er Wohnung und Arbeit, ohne sich wirklich darum gekümmert zu haben.

Das, worum er sich die ganze Zeit kümmert, nämlich die Suche nach seinem Bruder, findet erst ganz zum Schluss ein erfolgreiches Ende, und doch kein Happy End. Letzlich wird das Buch erst mit den letzten beiden Kapiteln ein wirklicher Roman. Bis zu diesem Punkt gewinnt man gelegentlich den Eindruck, Regener hätte einem Schreibroboter den Schreibstil der anderen Bücher beigebracht und wäre dann in die Kneipe gegangen. Das ist dann zwar durchaus amüsant zu lesen, ja, man kann sogar herzhaft lachen angesichts der schnellen Dialoge über Punk, Kunst und Paranoia. Bliebe es dabei, wäre das Buch allerdings nicht wesentlich wertvoller als eine Folge Scrubs - womit Frank Lehmann zweifelsohne zufrieden wäre.

Das Buch kann dann aber letztlich doch einem Anspruch gerecht werden, den es selbst gar nicht unbedingt stellt. Es bietet in sehr offener Weise Ansätze zu den großen Fragen des Lebens. Dabei ist es kein Ratgeber oder so, es doziert nicht, es gibt nichts vor. Sein Ende ist nur ein Ende insofern, als dass die Anfangsbedingungen gesetzt sind. Es scheint alles möglich. Das Leben hält vieles bereit, es gibt viele Entscheidungen zu treffen, Kämpfe auszutragen, und oft genug ist auch alles egal. Für diese oder irgendwelche anderen Erkenntnisse ist dieses Buch, sind alle drei Werke besser geeignet als Thomas Mann und der ganze Familienkram, den man so in der Schule liest. Es gibt kein Ziel, keinen Sinn - aber man kann damit leben.

Wer nicht so auf tiefsinnige Deutungen steht, kann Der kleine Bruder auch einfach als einen humorvollen Rückblick in die Zeit Anfang der 80er nehmen, mit “so Kunst und Punk und New Wave und Neue Deutsche Welle und Postpunk und sonst was”. Und sich dabei ausmalen, wie herrlich sich dieses Buch verfilmen ließe. Anders als bei Neue Vahr Süd bietet Der kleine Bruder einen Elfmeter in dieser Hinsicht, gegen einen Torwart, der nur eine Chance hat, wenn der Soundtrack schlecht ist. Es wäre ein Film mit tollen Dialogen und schönen langen stillen Szenen im dunklen Berlin.

Egal, welchen der letzten beiden Absätze man nun als das Fazit dieser Rezension ansehen möchte, folgendes Zitat aus dem Buch passt zu beiden: “So geht´s natürlich auch, dachte Frank, daß man Straßenlaternen aufstellt, die nur dafür gut sind, sich selbst zu beleuchten.”

Das Zitat oben mit der Kunst und dem Punk und dem ganzen Kram kommt aus einem Interview mit Sven Regener, das der Eichborn Verlag zur Verfügung stellt, neben vielen anderen Infos zum Buch. Bei dem ist Der kleine Bruder nämlich erschienen, es kostet 19,95€ und hat 282 Seiten.

“Wenn es Ihnen gelingt, Hitler zu beseitigen, werde ich aufspringen und ‘Hoch, Müller!’ rufen, im nächsten Moment aber ‘Nieder mit Müller!’ Ich werde ihre Tat als ungeheuren Dienst am Vaterland schätzen, aber ich werde bedauern, daß sie im Namen der Generäle die Macht übernehmen. Wenn Sie Hitler beseitigen, werde ich landauf, landab das deutsche Volk bitten, Ihnen ein Denkmal zu errichten. Ich werde aber nicht zulassen, daß sie die Macht übernehmen.”

Diese Sätze gab Willi Elfes nach seiner Befreiung dem amerikanischen Offizier Saul K. Padover zu Protokoll, der im Auftrag der Abteilung für Psychologische Kriegsführung hinter der Front Interviews mit allen möglichen Menschen in Deutschland führte - Zwangsarbeitern, Soldaten, Widerstandskämpfern, Hausfrauen, Kommunisten, Sozialdemokraten, Nazis, Jugendlichen. Elfes war für den Interviewer besonders interessant, da dieser als katholischer Prediger immer wieder Stellung gegen die Nazis bezogen hatte, Nazigegner vernetzt hatte und sich zuletzt in einem Pfarrhaus in der Provinz verstecken musste - und weil er in die Pläne der militärischen Verschwörer gegen Hitler eingeweiht war. Der Müller, an den die oben wiedergegebenen Sätze gerichtet waren, war ein Gesandter des Leipziger Oberbürgermeisters Karl Goerdeler, der ihn über die Anschlags- und Umsturzpläne informierte und anfragte, wen Elfes für fähig hielte, in einer künftigen Regierung mitzuarbeiten und ob er selbst ein Amt übernehmen wolle. Er wollte nicht.

Die Verschwörer des 20. Juli waren gegen Hitler, und sie haben ihr Leben gewagt, und verloren. Dennoch muss es nachdenklich stimmen, dass ihr Anschlag der Anlass für die Bundesrepublik ist, des deutschen Widerstands zu gedenken. Den Militärs ging es in erster Linie darum, die deutsche Ehre zu retten. Und obwohl sie keine Demokraten waren, militaristisch dachten und nahezu vollständig ganz begeisterte Nazis waren, bis sie vor Stalingrad standen und geschlagen wurden, reicht ihre Liebe zum Vaterland bis heute als Grund für die Deutschen, ihrer zu gedenken.

Auch bei Elfes klingt dies durch: Es ist ihm ein Anliegen, dass das Vaterland wieder gut dasteht. Und trotz dieses Umstands, dass ihm Deutschland etwas bedeutet (die Kommunisten waren wohl die einzigen, die Nationalismus konsequent ablehnten, und selbst da wurden in der volkstümlichen Variante häufig Abstriche gemacht), wollte er mit den Generälen nichts zu tun haben.

Eine richtige Entscheidung, und doch ist auch er gescheitert. Laut Padover hielt er im Rheinland Versammlungen mit bis zu hundert Teilnehmern ab, er hatte Kontakt zu Adenauer und weiteren demokratischen Hitler-Gegnern. Sie verfassten eine Proklamation, die sie nach einem erfolgreichen Anschlag veröffentlichen wollten. Nichts ist daraus geworden.

Die Deutschen haben sich entschieden, einen “Immerhin”-Gedenktag abzuhalten. Immerhin gab es ein paar Leute, die bemüht waren, die Ehre des Vaterlandes zu retten. Angemessener wäre ein Gedenken des Scheiterns: Das bisschen deutscher Widerstand war alles andere als fortschrittlich, es war unfassbar klein, und die ganz wenigen, die fortschrittlich dachten und den Willen entwickelten, etwas zu tun, haben gar nichts hingekriegt.

Das Buch, aus dem ich die meisten Informationen und das Zitat oben habe, ist bei Econ erschienen. Dort hat man 2001 das 1946 auf amerikanisch erschienene Buch Experiment in Germany. The Story of an American Intelligence Officer übersetzt. Saul K Padover: Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45.

Anlässlich des heutigen 2. Internationalen Day des Denglish fragen sich viele, wie sie besser Denglish sprechen können. Sie haben eingesehen, dass das eine gute Sache ist, wollen mitmachen, aber es fehlen ihnen die Worte. Dabei ist die denglishe Sprache so reich an Möglichkeiten. Ein paar davon sollen hier mit wenig Wissen und ohne den Anspruch auf Vollständigkeit vorgestellt werden. Ergänzungen sind herzlich willkommen.

  • Die einfachste Methode, Denglish in seinen Sprachalltag aufzunehmen, ist die Verwendung von ganz normalen englischen Wörtern. Besonders simpel zu handhaben sind die Adjektive: Kopieren, einfügen, fertig - ganz easy. Ebenfalls einfach machen es einem die Substantive, sie können genauso verwendet werden wie ihre deutschen Entsprechungen, bei der Pluralbildung orientiert man sich meistens an der Herkunftssprache und hängt ein s an. Die Artikel richten sich meistens nach den deutschen Entsprechungen. Damit ist man dann noch kein Pro, aber man kann die Chicks auf jeden Fall beeindrucken. Bei Verben sollte man berücksichtigen, dass sie sich nur gut einfügen, wenn man sie auch entsprechend konjugiert, ansonsten kann man auch gleich Englisch sprechen, wogegen natürlich auch nichts einzuwenden ist. Manchmal kann man auch konsidieren, die Wörter ganz in eine deutsche Schreibweise zu übertragen. Wenn man dann den Girlfriend an der Station aufpickt und mit ihr zum Date cruist, ist man in Sachen Freshness kaum noch zu toppen.
  • Die zweite Möglichkeit, die deutsche Sprache mit englischer zu bereichern ist die Übernahme von Wendungen und Sprichwörtern. Diese werden entweder direkt in den sonstigen Sprachbrei eingestreut oder vorher ins Deutsche übersetzt. Insbesondere Ausrufe der Verwunderung (”Gosh!”) wirken auf Englisch authentischer, manchmal macht es aber auch Sinn, zu übersetzen. Dann ist es Zeit, keinen Fick mehr zu geben auf althergebrachte Gleichgültigkeitsbekundungen.
  • Eine Mischform stellt das sogenannte ingen da. Hierbei nimmt man einen beliebigen Substantiv aus dem Englischen und hängt das bekannte -ing an, das man normalerweise an Verben anhängt, wenn man etwas gerade in diesem Moment tut. Ticketing ist zur Zeit das einzige Beispiel, das mir einfällt, aber dieses Feld ist bei weitem noch nicht abgeerntet.
  • Wem diese Sourcen der Vielfalt noch nicht reichen, muss selbst kreativ werden und sich englische Wörter ausdenken. Das ist ein anspruchsvolles Unterfangen, und man kann gehörig auf die Nase fallen, wenn man ein Fußballevent mit dem amerikanischen Wort für eine öffentliche Leichenschau belegt. Daher sind solche Scheinanglizismen auch sehr selten und bieten eine große Angriffsfläche für Sprachnazis.

Als Krautkiller sagen wir dann aber ganz easy: Wir kümmern uns nicht.

Mal ganz abgesehen davon, dass entweder Sicherheitsvorkehrungen streng oder ein Sicherheitsbedürfnis hoch sein kann und diese seltsame Formulierung sehr verbreitet ist: Die Verpflichtung zum Tragen von Helmen sowie Schutzbrillen auf einer Baustelle ist weder für das eine noch für das andere ein Indiz. Aber sowieso ging es bei der Berichterstattung von tagesschau.de über die Eröffnung der neuen amerikanischen Botschaft wohl weniger um eine differenzierte Darstellung des Spannungsfeldes zwischen Architektur und Sicherheitsbedürfnis als um ein Kopfschütteln über letzteres. Diese Amerikaner, was haben die eigentlich? Stellen ein repräsentatives Gebäude an einen der berühmtesten Plätze der Welt und bauen das Haus dann so, dass es sicher ist - ist es zu fassen?

Dieses mächtige Bild kommt von Jan. Nachdem viel zu lange seine einzigen öffentlich sichtbaren Werke die Headerbilder dieses Blogs waren, hält er sich jetzt endlich auch selbst für gut genug, seine anderen, wesentlich anspruchsvolleren Werke der weltweiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das tut er auf der fabelhaften Plattform ipernity unter dem Namen jst, hier sind die Bilder, hier seine Startseite.

Er liest hier regelmäßig, wenn ihr also keinen Account bei ipernity habt, dürft ihr ihn auch hier in den Weltuntergangshimmel loben.

Toleranz

Warum man nicht tolerant sein muss gegenüber Nazis, Islamisten und anderen Arschlöchern? Na, das ist doch klar, weil die selbst intolerant sind. Tausendmal gehört, trotzdem Quatsch. Denn mit diesem einfachen Kriterium lässt man eine an und für sich wertlose Kategorie zum Maßstab werden und hilft so am Ende denjenigen, für die Werte keine Rolle spielen, weil sie Macht haben.

Toleranz bedeutet ja erstmal nur, das man das, was man toleriert, geschehen lässt. Und dass das nicht grundsätzlich gut ist, dürfte sofort klar werden. Ob man einer Sache tolerant gegenüber steht, sollte von der moralischen Qualität dieser Sache abhängen und nicht von deren Toleranzbemühungen. Ansonsten steht man auch ganz schnell selbst dumm da: Dann muss man nämlich tolerant sein, wenn man auf Toleranz angewiesen ist. Letztlich nützt diese einfache Marschregel bei allgemeiner Verwendung also denjenigen, die keine Toleranz brauchen.

Wenn man eine Vereinbarung trifft und diese bricht, redet man wohl kaum von einer Gefährdung der Vereinbarung, sondern von Wortbruch. Wenn freilich der Islamische Dschihad vier Raketen in Richtung Israel abfeuert und dabei immerhin einen Menschen verletzt, ist dies für tagesschau.de (Man achte auf die URL!) lediglich eine Gefährdung des vor einigen Tagen verabredeten Waffenstillstands zwischen Israel und den Palestinensern im Gazastreifen, vertreten durch die Hamas. Das liegt keineswegs daran, dass diese eine gute Begründung haben; der vermeintliche Anlass, die Razzia bei zwei Terroristen im Westjordanland, bei der einer zu Tode kam, ist mit dem Waffenstillstand absolut vereinbar, wie auch aus dem Artikel hervorgeht. Der Bruch der Waffenruhe ist deshalb nur eine Gefährung für die Waffenruhe, weil man wie fast immer damit rechnen kann, dass Israel nicht mit Waffengewalt reagieren wird. Das ist gut so. Aber man könnte das auch ruhig mal so schreiben.

Und in Israel fühlt sich das dann so an.

Wenn ihr in Bremen wohnt, wolltet ihr bestimmt schon immer wissen, wie der Mensch wohl aussieht, der diese Leute mit den ausdrucksstarken Gesichtern auf meist bräunliches Papier malt und dann überall in der Stadt aufhängt. Und was er sich dabei denkt. Einen kleinen Einblick gibt das folgende Video:

Der zweite Teil ist hier zu finden.

Danke für den Tipp an Matthias.

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