Anderes

…alles ist anders.

Joseph Roth im Frühling 1939:

Der deutsche „Dynamismus“ ist nicht von gestern und auch nicht von heute. Der Nationalsozialismus ist nicht etwa eine überraschende, eine verblüffende Umkehr des deutschen Volkes vom humanistischen und vom christlichen und vom humanen Geist zum barbarischen, gottlosen, unmenschlichen und antichristlichen; sondern der Nationalsozialismus ist die Erfüllung dessen, was die Deutschen selbst ihr „Wesen“ nennen. Ihr sogenanntes „Wesen“ ist nämlich: Protestantismus. Der Protestantismus ist der Dynamismus von Wittenberg. Von Luther über Friedrich den Zweiten, Bismarck, Wilhelm, Ludendorff bis zu Hitler und Rosenberg führt ein gerader Weg. Wer das nicht sieht, ist blinder als ein Blinder: nämlich ein „Realpolitiker“.
Der immanente Haß des Deutschen gegen das Beharrende, Bleibende, gegen das Traditionelle ist mir unbegreiflich: Ich kann ihn also nicht erklären. Aber ich halte es für meine Pflicht, ihn zu konstatieren. Seit dem elften Jahrhundert haben die Deutschen nicht weniger als zweimal ihre Religion gewechselt und nicht weniger als dreimal ihre Muttersprache. […] Wir Gläubigen wissen, daß es keine „Zufälle“ in der Welt gibt. Es ist kein Zufall, daß Wittenberg in Sachsen liegt und nicht etwa in Tirol oder in der Lombardei zum Beispiel. […] Ich kann, was mich betrifft, bei aller Hochachtung vor den Protestanten, die unsere christlichen Dulder sind, keinen Unterschied sehen zwischen den Schriften Luthers, wie die an den deutschen Adel zum Beispiel, und jenen des Herrn Rosenberg. […] Ohne Luther und ohne den Protestantismus wären wahrscheinlich Hegel und Marx in Deutschland nicht möglich gewesen. Und selbst in der „dionysischen“ Abwehr Nietzsches ist noch der als Heide verkleidete Protestant zu erkennen. […] Die törichte, durch die Große Revolution und den Liberalismus töricht gewordene Welt allein ist imstande, den augenblicklich so akuten Antisemitismus der Deutschen für eine überraschende und erschreckende Erscheinung zu halten. Einem Christen erscheint es selbstverständlich, daß ein Volk, das die latente Unfähigkeit hat, kaum länger als dreihundert Jahre christlich zu bleiben, nicht antisemitisch werden könnte. Dieser Haß hat tiefere Gründe, als die Hassenden selbst es wissen. […] Sie hassen nicht die Juden, sondern Jesus Christus, den Sprößling aus Davids Stamm. Sie selbst glauben, sie haßten den Zionsstern, aber sie hassen in Wirklichkeit das Kreuz. Sie selbst glauben, sie haßten an den Juden die Neigung zum Geld und zum Wucher und zur Ausbeutung. Aber sie hassen in Wirklichkeit das Leiden, das Leid, das die Liebe ist.

Joseph Roth: Der fortdauernde „Dynamismus“. In: Derselbe: Die Filiale der Hölle auf Erden. Köln, 2003.

Verteilungspolitik ist super. Denn eigentlich gibt es die ja gar nicht, eigentlich bekommt ja jeder das, was er erwirtschaftet, verdient, erarbeitet. Jetzt hat Arbeitsministerin Andrea Nahles, die beste Politikerin der Welt, ihr frisches Rentenpaket so begründet:

„Wir wollen deutlich machen, dass wir die Leistung der Menschen anerkennen: die Erziehungsleistung und die Arbeitsleistung von Menschen, die hart gearbeitet haben.“

Wir notieren: Für die Menschen ist es wichtig, dass die verteilenden Instanzen ihre Leistung anerkennen. Denn sonst gibt es nichts zu fressen.

Wie der Verein heute mitteilte, ändert sich bei Eintracht Braunschweig die Stadionordnung. In Zukunft werden nur noch Menschen eingelassen, die, so die neue Regelung, „überzeugte Faschisten, degenerierte Idioten und vorbestrafte Gewalttäter“ sind. Mit dieser Maßnahme soll das „Braunschweiger Kernpublikum“ vor der andauernden Diskriminierung durch linke Chaoten geschützt werden. „Wir waren hier zum Handeln gezwungen“, so ein Vereinsvertreter im Gespräch, „weil zum Beispiel die Stadionordnung in Mönchengladbach verbietet, unliebsame Linke einfach aus dem Stadion zu prügeln. Wir haben uns deshalb entschieden, die Sache selbst zu regeln. Auf die Frage, wer in Zukunft das Bild von Eintracht Braunschweig in der Öffentlichkeit prägen wird, sagte er kurz und knapp: „Fette Schweine!“

Mit den Einlasskontrollen erwartet der Verein keine Probleme. Man werde jetzt wieder einmal davon profitieren, dass der dafür zuständige Sicherheitsdienst seit Jahren von gewalttätigen Neonazis gestellt wird. Wer am Eingang nicht gleich als fettes Schwein oder alter Kamerad zu identifizieren sei, könne sich mit einem strammen Hitler-Gruß den Weg ins Stadion freimachen.

„Unsere Vereinsphilosophie ist auf eine gesunde Fankultur ohne Gewalt, ohne Rechtsextremismus und ohne Rassismus ausgerichtet“ heißt es in der Erklärung des Vereins. „Und wenn die Linken weg sind, brauchen wir auch keine Gewalt mehr. Wenn dann nur noch Nazis ins Eintracht-Stadion kommen, kann auch von Extremismus keine Rede mehr sein. Hier im Zonenrandgebiet sind und bleiben wir ein Verein der Mitte.“ Vertreter der örtlichen Faschistenverbände begrüßten die Erklärung: „Für eine ‚gesunde Kultur‘ war ja auch der Führer schon“ grunzte ein dicker Masteber aus Salzgitter.

Was haben Avigdor Lieberman und Claudia Roth gemeinsam? Beide werden von blöden Arschlöchern angefeindet und haben unabhängig von ihren politischen Positionen unsere Solidarität verdient. Leute, die mit der Aufteilung der Welt in Nationalstaaten kein Problem haben, hassen Lieberman, weil er ein nationalistischer Jude ist. Und Leute, die Wolfgang Kubicki für einen echten Typen halten und Jürgen Trittin ohne Schmerzen zuhören können, hassen Claudia Roth, weil sie eine einflussreiche Frau ist. Dabei darf Claudia Roth denselben Schrott reden wie ihre Berufskollegen, sie darf sich bunt anziehen, wenn sie Lust dazu hat, und sie darf genauso Politik für Deutschland machen und Diktatorenhände schütteln wie jeder andere deutsche Politiker.

Andere entscheiden.

Wenn man unsere Aufmerksamkeit für ein schönes Produkt oder eine tolle Dienstleistung haben möchte, schmeichelt man uns. So kennen wir das, so ist das nett. Leider halten sich gerade in diesem Monat viele Menschen nicht daran. Bekanntlich wird in diesen Tagen mit großem Aufwand die Bundestagswahl vermarktet, und ihre Vertreter sind sehr, sehr überzeugt von ihrem Produkt. Wer sich nicht zum Mitmachen entschließen kann, wird verachtet. Mit Kritik hat das wenig zu tun, es herrscht echte Empörung darüber, dass da jemand vom Kreuzchenmachen nicht begeistert ist. Auch positive Argumente für den Urnengang gibt es wenig. Das liegt an den Wahlen selber: Eine Tafel Schokolade kann viel Freude machen, das kann man den Leuten versprechen, eine einzelne Stimme bei einer Bundestagswahl aber ist offensichtlich wertlos. Deshalb kann man die Leuten schlecht damit locken, dass ihr Sonntagsspaziergang ihnen dies oder das einbringen würde. Man muss deshalb umgekehrt behaupten, dass es ohne diese Stimme wirklich ganz schlimm kommen wird.

Dabei ist auch beim Nichtwählen offensichtlich, dass es keinerlei Effekt hat, man kann das ja hinterher nachrechnen, was die eigene Stimme hier oder da gebracht hätte. (Kürzlich las ich, dass in Niedersachsen etwa 340 Stimmen den Unterschied gemacht hätten, und dass man angesichts dieser Zahl jawohl nicht behaupten könne, die eigene Stimme sei wertlos. Dabei zeigt das Beispiel genau das: Es fehlte ja nicht nur eine, sondern über 300 Stimmen.) Weil der Einzelne in diesen Wahlen objektiv machtlos ist, er aber doch die Masse bildet, von deren Beteiligung der Erfolg der Sache abhängt, muss der Parlamentsfreund einen Umweg argumentieren: Wenn das alle machen würden! Was wäre denn dann? Das Argument ist ungefähr so gut wie sein Gegenstück: Ja, und wenn so wie du alle die CDU wählen würden? Einparteienstaat! Diktatur!

Anstatt aber das eigene Verhalten als potenziell viel gefährlicher anzuerkennen, wird Nichtwählern auch noch die Geschichte angekreidet: Früher hatte man kein Wahlrecht, willst du das zurück? Na immerhin gab es vor dem allgemeinen Wahlrecht auch keinen Nationalsozialismus und keine industriell geführten Kriege, aber anstatt das anzuerkennen, stilisiert der gewöhnliche Demokrat sich noch zum Antifaschisten, der in einem komplizierten Rechenprozess der NPD richtig einen auswischt.

Richtig drollig wurde es heute in einem Wahlaufruf vom für mich bis heute einzig gültigem Kanzler Helmut Kohl und seinem Nachfolger Gerhard Schröder. Dort heißt es: „Wer nicht wählt, lässt andere entscheiden!“ Wie bitte? Ist es nicht im Gegenteil das Kennzeichen des Systems, für das die beiden Statesmen werben, dass man andere für sich entscheiden lässt? Und hat das nicht eigentlich ein paar Vorzüge, für die die Herren aktiv werben könnten? Stattdessen ergänzt Schröder seinen autoritären Quatsch: „Wählen ist wichtig, weil nur so Veränderung möglich ist.“ Heißt: Bitte versuchen Sie nicht selbst, die Welt zu verändern, es bringt nichts, setzen Sie Ihr Kreuz bei uns, entscheiden Sie sich für das, was wir ohnehin machen.

Im deutschen demokratischen Chauvinismus bildet man sich viel darauf ein, die „gelenkte Demokratie“ in Moskau entdeckt und kritisiert zu haben. Doch was man als pluralistischen Wettstreit der Konzepte verkauft, ist längst für jeden sichtbar zur Farce geworden. Sich über Wahlplakate lustig zu machen, ist unmöglich geworden, weil ihre völlige Inhaltsleere längst akzeptiert ist. Und doch hängt der Ausgang der Wahl davon ab, wer den schöneren Spot macht, wer die besseren Satzbausteine parat hat und wer am effektivsten die aufgestellten Fettnäpfchen umgeht.

Während in Griechenland die Suizidrate steigt, interessiert man sich hier für den Veggie-Day und die Pädophilen von vor 30 Jahren. (Wie dumm von den Grünen damals, über etwas zu reden, was andere im Verborgenen und bis heute ungestraft einfach gemacht haben.) Inzwischen sind sich natürlich auch in diesen Dingen alle einig: Die CDU hat doch auch einen fleischfreien Tag in der Mensa, die Grünen lassen die Hände von den Kleinen. In Deutschland gibt es keine Kontroversen, die Gegenstand von demokratischen Entscheidungen werden könnten. Es gibt keine nennenswerten Bewegungen, die auf parlamentarische Repräsentation drängen könnten. Das ist auch ein Zeichen für den großen Erfolg der BRD: Die große Maschine frisst alles auf, was für Streit sorgen könnte. Es ist aber auch der Grund für die Lächerlichkeit der Wahlen. Da hat man ein gut funktionierendes Tool, um gesellschaftliche Entscheidungen herbeizuführen. Und dann fällt einem nichts mehr ein, was man damit klären könnte. Weil man am Ritual trotzdem festhält, entsteht die bereits erwähnte Farce, deren Zeugen wir gerade werden.

Was bleibt, sind Detailfragen. Ein Kampf für die gute Sache ist nicht in Sicht, materielles Elend ist vielleicht ein deutscher Exportschlager, ein deutsches Problem ist es nicht. Wer einmal in die toten Augen eines Jobcenter-Fallmanagers geblickt hat, weiß mehr über die soziale Marktwirtschaft als Ludwig Erhard. Und doch ist das Flachbildfernseherelend der deutschen Unterschicht nichts, womit die Linke Leidenschaften wecken könnte. Und eine andere Opposition, so viel muss man Gysi und Co. zugestehen, gibt es nicht. Am nächsten an eine zugespitzte politische Entscheidung kommt man vielleicht beim Betreuungsgeld, aber wen interessiert das?

Nun kann man sein Heil in den ganz großen Fragen suchen, man kann sich als außenpolitischer Beobachter gerieren, man kann sich auf die Suche nach neuen originellen Positionen machen oder die eigene Verachtung für die Wahl in bissige Ironie kleiden – es bleibt doch ein trauriger Umstand, dass Wahlen in Deutschland heute diese Form angenommen haben.

INTERNATIONALER MILITÄRSCHLAG gegen Syrien! Nur 23 Prozent der Deutschen sind dafür! Und Manni Güllner von Forsa ist der einzige, der sie fragt. Von den 23 Prozent wiederum finden auch nur zwei Drittel, dass ihr VATERLAND sich am ersehnten SCHLAG gegen das REGIME des IRREN DIKTATORS beteiligen sollte. Ob das andere Drittel der Befragten aus Mitgliedern und Angehörigen der Bundeswehr besteht, ist nicht überliefert. Anyway: Von den weltweiten Befürwortern eines MILITÄRSCHLAGS sind offenbar knappe 0 Prozent dazu bereit, selbst mit der Waffe in der Hand nach Damaskus zu ziehen, um dort freie Wahlen zu ermöglichen. Aber da gibt’s ja Leute für. Die kann man schicken. Und wie viel Spaß das macht! AUSSENPOLITIK! Da kann man sich einklinken in die ganz großen Dinger: Einhunderttausend Tote! IRAN! Wer da eine Meinung hat, dreht am großen Rad. Es geht um: die Zukunft der Welt. FLÄCHENBRAND nicht ausgeschlossen. Außenpolitische DEBATTEN sind, mal sagen, der Eskapismus des studierten Kleinbürgers. Schickt man die TOMAHAWKS oder REICHT DAS NICHT? Und kommt das nicht alles VIEL ZU SPÄT? Was meinen denn SIE dazu? Sagen Sie schon, heute ZÄHLT IHRE STIMME DOPPELT!

Jürgen Klopp ist stolz, Puma zu tragen. Diese Information kann man heute dem Internet-Angebot der britischen Qualitäts-Zeitung „The Guardian“ entnehmen. Warum ist er stolz darauf, Puma zu tragen, wo deren Produkte doch für kleines Geld an jeder Ecke zu haben sind? Auch darauf findet man eine Antwort im Guardian: Puma ist a partner of Borussia Dortmund. Das alles lesen wir nicht in einer Anzeige, sondern unter einem ausführlichen Bericht, der aus einem Pressegespräch in den Räumlichkeiten von Puma hervorgegangen ist. Die Firma Puma vermietet ihren bezahlten Repräsentanten Jürgen Klopp also an die Presse und lässt sich im Gegenzug versichern, dass unter dem Artikel die zitierten Informationen stehen: Jürgen Klopp is proud to wear PUMA “ who are also a partner of Borussia Dortmund.

Canny Kloppo

Nun würde das Puma noch nicht viel weiterhelfen, würde Jürgen Klopp nicht grundsätzlich positiv gesehen werden. Das ist schon deshalb der Fall, weil er mit seiner Mannschaft ins Endspiel der Champions League gekommen ist. Klopp ist aber auch ein Meister der Außendarstellung. Während er Werbung für Puma macht, macht er brillante Werbung für sich selbst und Borussia Dortmund: Er macht aus dem börsennotierten Großkonzern wieder einen „Arbeiterklub„. Er vergleicht den aktuellen Champions-League-Finalisten mit seinem früheren Verein, dem damaligen Zweitligisten Mainz 05, und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: „it was the same at Mainz“. Die Journalisten bemerken das: „Klopp is canny enough to evoke these romantic roots„. Canny – gerissen, geschickt, erfahren.

Das Interview trieft vor behaupteter Emotionalität. So will Klopp sich vorgenommen haben, seinen Job in Dortmund mit weniger Herzblut als zuvor in Mainz anzugehen, allein: Es war ihm unmöglich, der Verein ist zu toll.
Beim Abschied von Shinji Kagawa, der zwei Jahre in Dortmund gespielt hatte, lagen Klopp und er sich angeblich 20 Minuten in den Armen und weinten. Die Übertreibung ist durchschaubar, trotzdem ist es eine schöne Geschichte. Wo gibt es das schon noch, dass sich zwei Menschen zum Abschied weinend in den Armen liegen? Das gibt es nur bei echter Liebe, und „Echte Liebe“ ist, so ein Zufall, der Claim und damit Markenkern, den sich die Marketing-Strategen für Borussia Dortmund überlegt haben.

Damaged in the heart

Fußballkonzerne verkaufen Emotionen. Der naheliegenden Frage, wie authentisch derart fabrizierte Gefühle denn sein können, begegnet man mit der ständig wiederholten Behauptung, es handle sich um echte Liebe. Das würden die Leute natürlich nicht glauben, wenn sie es nur unter dem Vereinslogo lesen würden. Um das zu transportieren, muss man Geschichten erzählen, und das kann Klopp. Nicht genug mit den Tränen, auch die Schlaflosigkeit der Verliebten wird bemüht. Nämlich zum Abschied von Mario Götze, den einige Mitspieler nicht verarbeiten konnten: „I called six or seven players who I knew were damaged in the heart.“ Und sogar die Selbstzweifel, die zurückgewiesene Verliebte spüren, kommen vor: „They thought they were not good enough (…)“.

In der Aufzählung ist es ermüdend, aber bei Klopp lesen sich die Kitschszenen alle sehr spannend. Etwa wenn er seinen Spielern nicht die Spielzüge von Barcelona zeigt, sondern nur die Fotos der ihre Tore feiernden Barca-Spieler. Emotionen! Bis zum Tod! „This is what you should always feel “ until you die.“ Ohne Probleme könnte der BVB-Trainer auch direkt Plakate betexten, etwa mit solchen Sätzen: „You can speak about spirit “ or you can live it.“

Schweden, London, Hamburg

Es folgt eine Episode aus der schwedischen Wildnis (wirklich!), in die er mit den Mainzern zum Teambuilding gezogen war. Man muss sich hier vergegenwärtigen, dass Klopp gerade kurz vor einem Finale im neu gebauten Wembley-Stadion gegen den Hochglanzverein aus München steht. Die Champions League ist eine polierte Welt mit Flutlicht, schönen Menschen und eigener Hymne, mit Trainern in teuren Anzügen – und Klopp erzählt von Moskitos und fünf Tagen Hunger im Wald! Das ist, man muss das zugeben, ziemlich genial.

Klopp weiß natürlich um sein Talent als Entertainer und seinen Erfolg als Trainer. So kokettiert er gelassen damit, dass sich der FC Bayern damals für Jürgen Klinsmann und gegen ihn entschieden hat. Eine Fehlentscheidung, wie der Leser sich grinsend selbst denkt, so dass Klopp es nicht aussprechen muss. Dem HSV hat er abgesagt, weil den Verantwortlichen das Vertrauen in seinen Charakter fehlte. Was für Narren!

It´s the narrative, stupid!

Klopps Gegenüber vom FC Bayern, Jupp Heynckes, hat am Samstag in Sachen Emotionalität schon gut vorgelegt: Er weinte nach dem Spiel, das wohl sein letztes in der Bundesliga war. Die Tränen waren im Gegensatz zu Klopps Aussagen nicht kalkuliert, entfalten aber längst nicht deren Wirkung. Denn die Geschichten von Bayern München und Jupp Heynckes sind andere als die des BVB. Emotionalität steht hier nicht im Mittelpunkt. Klopp, der übrigens bei großer Freude und großem Ärger das gleiche verbissene Gesicht aufsetzt, formuliert das so: „We are a club, not a company, but it depends on which kind of story the neutral fan wants to hear. If he respects the story of Bayern, and how much they have won since the 1970s, he can support them. But if he wants the new story, the special story, it must be Dortmund.“

Es kommt drauf an, welche Geschichte man erzählt. Das lernt man im postmodernen Seminar oder in der Marketing-Agentur oder bei Jürgen Klopp. Dass er es in genau dem Interview ausspricht, in dem er die Geschichte erzählt, die die Leute seiner Vermutung nach hören wollen, zeigt eine entwaffnende Offenheit. Und leider hat er recht: Ein Sieg der Dortmunder wäre einfach die bessere Geschichte. Die Übersaison und das Triple der Heynckes-Bayern sind auch gut, aber letztendlich wollen wir, glaube ich, einen Bruch in der Story, ein echtes Drama. Letztendlich ist es alles Fiktion, alles eine Frage des Narrativs, weiß James Klopp, der das Duell mit den Bayern gleich ganz ins Reich des Films verlegt: „It’s like James Bond “ except they are the other guy [the villain].“

verbrochenes.net, das Webmagazin für Demokratie und Gute Laune, fiebert bereits der Bundestagswahl im September entgegen. Die ersten Parteitage sind absolviert, die Kontrahenten haben sich positioniert, es geht los! Ein guter Zeitpunkt also, um einen ersten Blick auf die Kommunikation der verschiedenen Parteien zu werfen.

Nationale Erneuerung

Die Grünen stellten ihren Parteitag vor einigen Wochen unter das Motto „Deutschland ist erneuerbar!“. Das erinnert einerseits daran, dass die Partei als bürokratischer Arm einer deutschnationalen Erweckungsbewegung entstanden ist. Andererseits ist Deutschland auch einfach die politische Ebene, um die es der Partei hier geht. Die Selbstverständlichkeit, mit der pfiffig-keck aufs Vaterland verwiesen wird, kann trotzdem ein wenig irritieren.

Viel interessanter als das unvermeidbare nationale Klimbim ist aber das Wörtchen erneuerbar in diesem Motto. Ob beabsichtigt oder nicht, das ist eine tolle Idee. Denn die Deutschen sind alt, die Wähler der Grünen sind alt, und niemand will alt sein. Erneuerung! versprechen die Grünen dem greisen Wahlvolk. Wir können von vorne anfangen! Es gibt eine Zukunft! Die gibt es für die Menschen natürlich nur bedingt, weshalb sie es umso lieber hören, dass immerhin die Nation erneuert werden kann.

Erektile Alternative

Mit dem Alter kämpfen auch die meisten Anhänger der Alternative für Deutschland, einer Partei, deren Namen die Grünen bei ihrer Gründung auch gut hätten tragen können. Sie besteht zu einer überwältigenden Mehrheit aus alten Männern, und das sieht man in ihrem Logo: Es handelt sich offensichtlich um eine Synthese des jugendlich-dynamischen Nike-Logos mit einem Phallus-Symbol. Die Botschaft: Mit der AfD geht es bald wieder aufwärts, an der Börse und in der Hose. Dieses Versprechen werden andere Parteien kaum überbieten können.

Gut gemacht!

Bei den Versprechen für die Zukunft ist die FDP derweil noch nicht angekommen. Sie ist damit beschäftigt, sich selbst zu beglückwünschen. Das ist, ähnlich wie der ständige Verweis auf Deutschland, eine Gesetzmäßigkeit im Wahlkampf: Die Regierungsparteien müssen kommunizieren, dass sie Großes geleistet haben. Nicht immer aber passiert das so cheesy wie gerade bei den Liberalen. „Gut gemacht, FDP!“ sagt, nunja, die FDP zu sich selbst. Das erinnert an eine Kampagne von arte, bei der sich die Verantwortlichen des TV-Senders ebenfalls so sehr nach Anerkennung gesehnt haben, dass sie einfach Leute erfunden haben, die sich bei ihnen bedanken. Bei der FDP dürfen wir nun gespannt sein, wie und wann die Kommunikation sich mehr auf die Zukunft ausrichtet, wann das „Gut gemacht!“ also durch ein „Noch viel zu tun!“ ergänzt wird.

Wer Wir Was

Bei meiner persönlichen Lieblingspartei, der SPD, geht es bisher wenig spektakulär zu. Der Claim „Das Wir entscheidet“ wurde in den Medien ein paar Tage verspottet, weil ihn eine unbedeutende Leiharbeitsfirma schon länger benutzt. Aber so richtig hat das auch niemanden interessiert. Schon angesichts der für die SPD extrem schwierigen Konstellation stellt sich aber die Frage, mit welchen Themen und in welchem Tonfall sie die Union letztendlich angreifen wird. Peer Steinbrück als starken Mann und Macher darzustellen ist angesichts seiner Person zwar naheliegend, passt aber nicht recht zum „Wir“, das ja jetzt entscheidet.

Ähnlich unauffällig bleibt bisher die CDU. „Starkes Deutschland. Chancen für Alle!“ stand beim Parteitag an der Wand, naja. Für Merkel gilt, dass sie alles richtig macht, so lange sie nichts falsch macht. Insofern dürfte es hier ziemlich langweilig bleiben.

Wahlziel 100%

Den Preis für die uninspirierteste Phrasendrescherei gewinnt trotzdem die Linkspartei: „100 Prozent sozial“ ist ihr Wahlprogramm nämlich betitelt. Da steckt immerhin ein schlechter Witz mit SED-Wahlergebnis-Bezug drin, sonst aber leider überhaupt nichts.

Internet contrarianism

Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen und wird dafür wahrscheinlich bestraft werden. So weit, so einfach. In Politik und Medien ist man sich einig, dass das alles sehr bedauerlich ist. Was soll man sonst auch sagen? Die Sache ist eindeutig, und nur Hoeneß‘ Prominenz macht sie zur Meldung. Sie ist allerdings so eindeutig, dass es sich schon wieder lohnt, nach einem Gegenstandpunkt zu suchen. Das garantiert im Internet Aufmerksamkeit und kann ruhig auch um den Preis inhaltlicher Unzulänglichkeiten geschehen. So wird Hoeneß vom gewöhnlichen Steuerhinterzieher zum Objekt einer nationalen Verfolgungsjagd.

Einen Versuch in diese Richtung hat Gideon Böss von der Welt gestartet: „Osama bin Laden kann froh sein, dass er nur das World Trade Center in die Luft sprengte und nicht als deutscher Staatsbürger Gelder in der Schweiz versteckte. Was Steuerflucht angeht, kennt Deutschland nämlich keine Gnade.“

Nanu, wurde Hoeneß bereits erschossen? Wie sieht das aus, wenn „Deutschland“ 2013 „keine Gnade“ kennt? So: „Irgendein SPDler aus Bayern (…) nannte Steuerhinterziehung ‚die schlimmste Form asozialen Verhaltens‘. Das ist eine Ansage, schlimmer geht es nicht.“ Nein, wirklich nicht. Der arme Hoeneß!

Böss selbst stellt die großen Fragen: „Was in der deutschen Steuerdebatte völlig fehlt, ist das Interesse am „Warum“. (…) Könnte es vielleicht Gründe geben, weswegen jemand das Risiko eingeht, sein Geld im Ausland zu verstecken, anstatt es ganz normal dem Finanzamt zu melden?“ Ja, warum hinterzieht jemand Steuern? Warum ist mehr Geld in der eigenen Tasche besser als weniger? An der Frage, die jedes Kind, das das erste Mal Taschengeld erhalten hat, beantworten kann, scheitert der Weltkolumnist: „Keine Ahnung, was die genauen Gründe für Leute wie Uli Hoeneß sind, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu schaffen (…)“

Eine Ahnung hat er da aber schon geäußert: „Ist womöglich das Steuersystem nicht so gerecht, wie es sein sollte?“ Hat der Uli also sein Geld in der Schweiz versteckt, um ein Gerechtigkeitsdefizit auszugleichen? Und heißt das dann, dass er oder Böss oder sonst irgendwer eine plausible Idee davon hat, was eine gerechte Verteilung von Wohlstand ist? Was hier kurz davor ist, ausgesprochen zu werden, ist die Tatsache, dass Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft überhaupt kein Kriterium für die Verteilung von Gütern ist. Sie ist einfach nicht vorgesehen und erscheint in den Debatten bestenfalls als ihre eigene Karikatur, als die soziale Gerechtigkeit – als ob es auch eine andere geben könnte. Statt einer gerechten Verteilung wird von denen, denen es nützt, oft eine Art naturwüchsiger Verteilung behauptet, die allerdings durch Umverteilung gefährdet sein soll. Die wiederum ist dann, weil ja die alte Verteilung die richtige war, Diebstahl: „Für die Linke ist Sozialneid ohnehin das Fundament für alles weitere und die Grünen schielen ebenfalls auf das Geld der Reichen, weil sie ja auch gerne umverteilen. Ist dann natürlich ärgerlich, wenn das Geld weg ist, ehe man es den Leuten stehlen kann.“

Dabei ist natürlich diejenige Verteilung eine rein fiktive, die ohne staatliche Eingriffe zustande käme, weil das ganze System ohne den Staat gar nicht denkbar ist. Und schließlich wäre auch jede andere Verteilung eine gesellschaftlich vermittelte, gemachte. Sonst würden Weltjournalisten von Buchstaben leben müssen, während die VW-Arbeiter ab und zu ein neues Auto mit nach Hause nehmen könnten.

Gegen wen die sind, die für reiche Steuerhinterzieher in die Bresche springen, erfahren wir bei Böss auch, wenn er über den namenlosen SPD-Mann spottet: „Da kann man als Fußball-Hooligan Innenstädte zertrümmern, als Mutter das eigene Kind verwahrlosen lassen oder als Stalker anderen das Leben zur Hölle machen, alles kein Vergleich.“ Und am Schlimmsten: „der Schwarzarbeiter, der für erheblich höhere Steuerausfälle verantwortlich ist“. Wer kennt ihn nicht, den Anstreicher, der auf seinen Millionen sitzt und über Ulis Spielgeld lacht? So gewinnt Böss im deutschen Volkssport gegen die Bayern-SPD: Er weiß noch besser als jene, wo die unschädlich zu machenden Asozialen sitzen.

Der Geist ist schwach

Wo Böss „Deutschland“ am Werke sieht, ist es bei seinem Kollegen Richard Herzinger etwas spezifischer der „deutsche Volksgeist“, der Hoeneß ans Leder will. Da sind angeblich „die Gemüter der Republik bis zu Weißglut erregt“, Herzinger beschwört gar eine „ungeheure moralingesättigte Empörungswelle, die wegen Hoeneß über das Land hinwegbraust“. Wo er all das entdeckt haben will, bleibt sein Geheimnis. Der Mann schreibt zwar im Internet, verzichtet in diesem Artikel aber auf Links, und Zitate gibt es auch keine. Dafür steht das Wort „Staatsverbrechen“ in Anführungszeichen, eine Google-Suche führt aber auch hier nur zu Herzinger zurück. Der hat sich offensichtlich einen schönen Strohmann gebaut, und die Hysterie, die er bei anderen behauptet, findet sich vor allem bei ihm selbst.

Die „kollektive deutsche Volksseele“ wird im Weiteren beschworen, sie soll sich gegen den armen Wurstmann gewendet haben. Derweil glauben 37% der Deutschen, Hoeneß werde vorverurteilt. In der Zeit wurde die vermeintliche Hysterie bereits thematisiert. Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Für Herzinger, Springers Hauptstadtschreiber, sind aber nicht einmal die Medien die eigentlichen Träger der Debatte, er sieht hier die „tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung“ durchscheinen. Wenn nun schon 37% eine Vorverurteilung beklagen, stellt sich die Frage, was wohl die „Volksmeinung“ konstituiert. Ob Herzinger jemanden kennt, der ernsthaft die von ihm beschriebene „teils schäumende, teils kumpelhaft schmollende Vorwurfshaltung“ an den Tag legt? Ob ich auf der Straße jemanden finden würde, der tatsächlich zu echten Emotionen bei diesem Thema in der Lage ist? Wo mag sie sein, „die ganze Republik“, die „wegen Hoeneß´ illegalen Extratouren so voll und ganz aus allen moralischen Wolken fällt“?

In Wirklichkeit ist alles halb so wild und hat mit Hoeneß nichts zu tun. Das erwähnte Ressentiment gegen die Spekulanten ist ein im Stillen gehegtes – selbst bei den „Blockupy“-Protesten gegen die Frankfurter Banken achten die verdrucksten Linken erstens peinlich genau auf ihre Wortwahl, zweitens haben derlei randständige Proteste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Volksgeist nichts zu tun. Dass der existiert, ist keine Frage. Herzinger irrt sich allerdings, wenn er meint, er würde sich gegen den schwerreichen Präsidenten des FC Bayern wenden. Wenn der deutsche Volksgeist sich tatsächlich regt, geht es gegen Leute, die sich nicht wehren können: Asylanten, Obdachlose, Asoziale. Deshalb muss sich keiner Sorgen um die Banker machen, um die Roma aber schon. Deshalb wurden hier Türken und Griechen erschossen, aber bis heute keine Regierung gestürzt. Und vor Fabrikbesitzern werfen sich die Deutschen sowieso jederzeit ehrfürchtig auf den Boden.

Extra time

Inzwischen hat Jörn Schulz in der Jungle World einen Kommentar geschrieben, der Böss erwähnt, (und nun auch online ist). Und Herzinger hat noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass Hoeneß immer noch nicht vom Mob erschlagen wurde, erfordert anscheinend eine Erklärung, und Herzinger findet sie: „Indem sich Steuersünder Uli Hoeneß in einem Interview Erleichterung von seiner Seelenpein verschafft, ist der Weg zurück ins empfindsame Herz der Deutschen frei.“ Um die Sätze, die er meint, so wachsweich und inhaltsleer in einem gut getimeten Interview zu formulieren, brauchen andere eine PR-Agentur, Hoeneß nicht. Es braucht aber schon einen echten Germanisten, um bei Hoeneß – „obwohl selbst Katholik“ – eine „Reue im Sinne Martin Luthers“ auszumachen. Natürlich kennen auch die Katholiken Reue, Gewissensprüfung und Beichte. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten kann sich nicht aufhalten, wer solche Zwischenüberschriften dichtet: „Der Kapitalist muss vor dem Volk zu Kreuze kriechen“. Das ist so weit weg von der gesellschaftlichen Realität, dass man sich schon anderswo nach Herzingers Motiven umsehen muss. Seit es keine Kommunisten mehr gibt, seit es also keine „Freie Welt“ mehr gibt, weil ihr ihr Gegenstück abhanden gekommen ist, muss der Kapitalismus vielleicht von anderer Seite bedroht werden. Aber das ist Spekulation. Ein paar Grundsätze, die auch Herzinger beim politischen Schreiben beachten sollte, kann man hier nachlesen.

Interessant ist, abseits von der Causa Hoeneß, wie Herzinger in einem anderen Blogeintrag seine Idealvorstellung von Gesellschaft formuliert:

Der Werbeslogan einer Bank lautet: „Unterm Strich zähle ich€. Das könnte als Motto einer Bürgergesellschaft gelten, in der sich autonome Individuen in ihre persönliche Lebensgestaltung von möglichst niemandem mehr hineinreden lassen wollen. Dass der Einzelne seinen Lebensweg individuell ausgestaltet und die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Räume schaffen, um diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen, gilt dieser Bürgergesellschaft als Ideal.

Das hat bezeichnenderweise viel mehr mit einer kommunistischen Utopie zu tun als mit jeder jemals existenten Marktwirtschaft.

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Besser als mit seinem gedankenlosen Blogeintrag kommt Gideon Böss übrigens hier weg, und lesenswert ist das auch noch.

Kehrtwenden

Es muss eine Kehrtwende geben. Und die muss 360° sein.
Hält nichts von Veränderungen: Ede Geyer.

Da müssen wir uns um 1000° drehen.
Ob das besser ist, Thomas Schaaf?

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