Anderes

…alles ist anders.

Dieses mächtige Bild kommt von Jan. Nachdem viel zu lange seine einzigen öffentlich sichtbaren Werke die Headerbilder dieses Blogs waren, hält er sich jetzt endlich auch selbst für gut genug, seine anderen, wesentlich anspruchsvolleren Werke der weltweiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das tut er auf der fabelhaften Plattform ipernity unter dem Namen jst, hier sind die Bilder, hier seine Startseite.

Er liest hier regelmäßig, wenn ihr also keinen Account bei ipernity habt, dürft ihr ihn auch hier in den Weltuntergangshimmel loben.

In Berlin habe ich mir das “Denkmal für die ermordeten Juden Europas” angeschaut. Vorher wurde mir davon erzählt, dass man darin wunderbar bekifft Verstecken spielen könne und das auch täte. Das macht Sinn. Denn dafür ist das Denkmal hervorragend geeignet, ich kann mir das lebhaft vorstellen. Und das zeigt das Problem, das dieses Denkmal hat. Es bringt einfach nichts von dem Grauen, das der Holocaust war, herüber. Im Stelenfeld kann man sich schon unwohl fühlen, wenn man nicht weiss, wer oder was um die nächste Ecke kommt, aber das ist kein Gefühl, das dem Thema des Denkmals gerecht wird. Verfolgung und Unsicherheit sind das eine, systematische Ermordung etwas anderes.

Vielleicht empfiehlt sich ein Besuch im Dokumentationszentrum darunter, vielleicht kann der das leisten, was das Denkmal selbst nicht schafft. Da das Denkmal aus sich selbst heraus nicht funktioniert, passt es so problemlos in die Stadt und lässt sich so gut umfunktionieren.
Es lässt sich eben gut darin Verstecken spielen, weil man den Hintergrund gut ausblenden kann. Das ist zweifellos einer der Gründe gewesen, warum man diesen Entwurf ausgewählt hat. Es ist eben nicht der Schandfleck im Herzen der Nation, als der es von den Neonazis beklagt wird und der völlig angemessen gewesen wäre. Es ist ein spannendes Stück Kunst mit Holocaust-Museum im Keller. Die Berliner und die Touristen merken das und benutzen es auch so. Weil das offenbar manchmal peinlich wird, gibt es ein paar Regeln:

Wer käme ernsthaft darauf, sich “in Badekleidung auf einer Stele zu sonnen”, wenn dieser Ort nur ansatzweise eine Stimmung erzeugen könnte, die an sechs Millionen Morde erinnert?

Ich erinnere mich an einen Zeitzeugenbericht, den es in Yad Vashem auf Video zu sehen gab. Da berichtete eine Frau, wie sie sich in Reihen vor einer Grube aufstellen mussten, um dann erschossen zu werden. In der Grube wimmerten diejenigen, die den Schuss überlebt hatten. Über ihnen lagen die Leichen derer, die nach ihnen kamen. Ab und zu kamen die Deutschen an die Grube und schossen noch einmal in Richtung der noch hörbar Lebenden. Der Bericht endet damit, dass die Frau erzählt, dass sie damals 6 Jahre alt war, als sie in dieser Grube voller Leichen lag.

Nun kann ein Denkmal dieses Grauen unmöglich einfangen. Es muss aber auch nicht so kläglich scheitern wie das Stelenfeld. Bessere Vorschläge gab es durchaus, zwei interessante seien hier erwähnt. Der Vorschlag “Leerstelle” hätte wohl genau das geleistet, was mir beim Stelenfeld fehlt, nämlich den Horror wiederzugeben, indem sich buchstäblich der Abgrund vor dem Betrachter auftut.
Der zweite Vorschlag “Überschrieben” wäre dem Thema auch nicht gerecht geworden, hätte aber die teils sinnlos und leichtfertig gewordene Gedenkkultur hierzulande bloß gestellt.

Aber beide hätten dem im Weg gestanden, worum es den Deutschen beim Erinnern doch hauptsächlich geht: Dem Zurückerlangen der Normalität. Das Stelenfeld ist längst genau dazu geworden, zu einem völlig normalen Teil des Berliner Lebens. Ein riesiges Loch hätte sich diesem Prozess widersetzt.

Neben dem Mahnmal stehen einige Landesvertretungen. Darunter auch die von Niedersachsen. Bei denen im Vorgarten steht ein Elefant und auf ihm steht “Wir sind die Niedersachsen…”. Das ist eine Zeile aus dem faschistoiden “Niedersachsenlied”, in dem man sich als “sturmfest und erdverwachsen” rühmt, weil man schon sovielen Feinden widerstanden habe. Glücklicherweise kamen dann 1945 Feinde, denen selbst die Niedersachsen nichts entgegen zu setzen hatten und befreiten unter anderem Bergen-Belsen. Eigentlich müsste man diesen geradezu offiziellen Bezug auf dieses Lied einmal skandalisieren, gerade in unmittelbarer Nähe eines Denkmals für Opfer des Nationalsozialismus.

Ein bisschen weiter entfernt kann man sehen, wie jüdisches Leben in Berlin heute aussieht. Dort steht das Gemeindezentrum der orthodoxen jüdischen Gemeinde unter Polizeischutz, den ganzen Tag.

Das Café daneben weist energisch daraufhin, dass es geöffnet hat.

Auch das scheint ein Stück Normalität zu sein: Juden, die mit der Bedrohung leben.

Les, du Opfer!

Immer wieder stehe ich im Buchladen rum und frage mich, ob ich mir nicht mal das Buch Am Beispiel meines Bruders von Uwe Timm kaufen sollte. Der Autor hat sich mit dem Roman Kerbels Flucht durchaus empfohlen, und auch die Idee, die Geschichte des Bruders, der SS-Soldat war, niederzuschreiben, ist ja nicht von vornherein zu veruteilen. Warum man sie überhaupt verurteilen könnte? Die deutsche Literatur neigt dazu, sehr viel Verständnis für Naziverbrecher aufzubringen und sie nach Möglichkeit irgendwie als Opfer darzustellen.

Dass dies in Timms autobiografischer Familienrecherche nicht der Fall ist, versichert Hannes Heer im fünften Kapitel seiner quellenreichen, aber dennoch äußerst flüssig lesbaren und lesenswerten Geschichtsschreibungskritik “Hitler war´s”. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. In diesem Abschnitt beschäftigt er sich mit den Familenerinnerungen, die in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren den Markt geradezu überschwemmt haben und zweifelsohne häufig das Bedürfnis der Deutschen nach Verständnis für ihre Taten und nach Mitleid für ihr Leiden bedient haben. Und er sortiert den Markt ein wenig, mit guten Argumenten, wie ich finde, weshalb ich die Werke hier einfach mal in den Kategorien aufliste, in die Heer sie implizit einreiht - als Entscheidungshilfe vielleicht.

Konsequente Beschäftigung mit den Tätern in der eigenen Familie:

  • Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders
  • Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land
  • Wibke Bruns: Meines Vaters Land
  • Dagmar Leupold: Nach den Kriegen
  • Monika Jetter: Mein Kriegsvater
  • Martin Pollack: Der Tote im Bunker
  • Claudia Brunner und Uwe von Seltmann: Schweigen die Täter, reden die Enkel

Realistische Romane selbstverschuldeten deutschen Leids:

  • Tanja Dückers: Himmelskörper
  • Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten

Typisch deutsche Geschichtsklitterei:

  • Thomas Medicus: In den Augen meines Großvaters
  • Ulla Hahn: Unscharfe Bilder
  • Günter Grass: Im Krebsgang
  • Arno Surminski: Vaterland ohne Väter

So sieht Heer das jedenfalls. Vielleicht können ja auch einige Leser näheres zu den genannten Büchern sagen.

Nun geht es wieder los. Die besten Deutschen haben ihre deutschen Fähnchen schon an ihrem deutschen Auto, weitere werden folgen. Oder gleich ihr ganzes Haus mit Nationalsymbolen behängen. Andere werden grölend durch die Straßen rennen und wie vor zwei Jahren die zu befürchtenden Siege der deutschen Nationalmannschaft auch mal mit einem lauten “Ausländer raus!” feiern. Diese Siege werden anders heissen, “deutsche Siege” nämlich. Nach solchen dürstet das Volk und das Land, nachdem es in militärischen Vergleichen so oft so bitter verloren hat. Ein massiver Minderwertigkeitskomplex hat sich breit gemacht in der BRD und die Symptome brechen sich nun wieder deutlich vernehmbarer Bahn. Das hat viele Gründe, zum Beispiel die Wiedervereinigung und die schrittweise Wiederherstellung deutscher Souveränität, das Erstarken der BRD auf europäischer und globaler Ebene.

Kurt Tucholsky sagte einmal: „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.“ Dann stehen sie erst auf und anschließend hinter ihren Kämpfern, bevor sie in ihren Volltrottelkostümen beim Sieg durchdrehen.

Aber so richtig ins Massenbewusstsein und nach außen tritt der Wunsch, “wieder wer zu sein” vor allem beim Fußball. Mit der WM in Deutschland wurde die frühere Zurückhaltung aufgegeben. Das ganze Land gab sich dem Volksrausch hin und die Feuilletonisten lieferten das gute Gewissen dazu, indem sie diesen “unbeschwerten” und angeblich “neuen” Patriotismus als völlig gerechtfertigt und unproblematisch schön redeten.

Krampfhaft unverkrampft kam das alles daher, so, als würden sich die Fahnenträger, Bäckchenbemaler und Trikotbesitzer selbst nicht recht trauen. Doch je unbefangener, desto bedrohlicher wird die Lage für den, der nicht mitspielen kann oder will.

“Warum denn nicht?” fragen die Nachfahren der Mörder, und sie meinen diese Frage ernst. Warum deutscher Nationalismus problematisch ist, warum er anders ist als äußerlich ähnlich daherkommende Begeisterung in anderen Ländern, das verstehen sie nicht. Sie seien doch keine Nazis, lassen die stolzen Deutschen jeden wissen, der sie nicht mag.

Als guter Deutscher ist man heute einfach kein Nazi mehr – weniger aus Einsicht, sondern weil es kontraproduktiv für die Pläne des Vaterlands ist.

Was deutschen Nationalismus ausmacht, wie deutsche Vergangenheitsbeseitigung funktioniert und warum Deutschland das Vorrundenaus zu wünschen ist, das hat Alex Feuerherdt in seinem Vortrag “‘Schwarz-rot-geil’ Reloaded?” (pdf) dargelegt, aus dem auch die Zitate in diesem Eintrag sind.
Der Vortrag ist einerseits einfach lesenswert, praktischerweise liefert er andererseits auch einige Argumente für die verbale Auseinandersetzung mit uneinsichtigen Kartoffeln, die sich für viele von uns in den nächsten vier Wochen sicher nicht immer wird vermeiden lassen.

Durch Zufall bin ich auf dieses beeindruckende Video gestoßen:

Im Originalzusammenhang gibt es das Video hier, die Homepage selbst ist ebenfalls durchaus sehenswert. Dieses Bild hatte ich glaube ich schon mal verlinkt. Dennoch immer wieder toll.

Dass in Deutschland etwas falsch läuft, merkt man mittlerweile bei jeder Fahrt zur Tankstelle.

Das teilte mir eben irgendein Politiker im Radio mit, wohl einer von der FDP. Ich würde ihn gerne fragen, wo man hinfahren muss, um das nicht zu merken.

Dirac

Über Paul Dirac in der Frage, die hier neulich schon Thema war:

“Er war der einzige von uns, der die Vorläufigkeit unseres Wissens ertragen konnte. Selbst die Vermutung der großen Zahl war eher ein Spiel, eine Veranstaltung mit offenem Ende als ein Programm, das einen Abschluss will. Strenger Formalist, nie auf Abschluß aus, immer nur das nächste Puzzlestück finden, einpassen. Er wollte kein Gott werden, er wußte, anders als Einstein, Bohr, Heisenberg, daß es nicht unsere Aufgabe als Vernunftmenschen ist, die Religion zu ersetzen, sondern die Leute an einen Ort zu führen, wo sie merken, daß sie das nicht mehr brauchen: ein System von Aussagesätzen, das bereits das Ganze enthält. Die vorab gewusste, offenbarte Wahrheit: Darauf müssen wir verzichten.”

Oppenheimer in Dirac von Dietmar Dath

Statistik und Berge

Zwei wunderbare Beispiele für falsche Benutzung von Statistiken:

1. Die schlicht dämliche Variante: “Wir sind sehr stolz darauf, dass es in Hamburg mehr Werder-Fanclubs gibt als es in Bremen HSV-Fanclubs gibt.
In Hamburg gibt es ziemlich viele Sachen öfter als in Bremen. Wundersamerweise oftmals gut drei Mal so viel wie in Bremen. Schuhe zum Beispiel. Oder Kochtöpfe. Autos. Friseure. Supermärkte. Balkone. Es gibt sogar über drei Mal soviele Hamburger wie Bremer! Aber sag das mal einer dem Dachverband Bremer Fanclubs.

2. Die tendenziöse Variante: ‘Golan belongs to the Jewish people’
Heads of Golan communities: We’ll keep building in Golan; 80% of Israelis against ceding Golan Heights.

Kurze Erklärung: Die Golanhöhen sind strategisch wichtig im Norden Israels gelegen, wurden 1967 erobert und Syrien abgenommen, später dann annektiert und besiedelt. Nun steht theoretisch wieder die Möglichkeit einer Rückgabe an Syrien im Raum, gegen die natürlich von der israelischen Rechten Front gemacht wird. Bei der Jerusalem Post sieht das dann so aus, dass diejenigen, die ein unmittelbares Interesse daran haben, dass der Golan israelisch bleibt, nämlich vor allem die Juden, die dort leben, ausführlich zu Wort kommen. So schafft es die Aussage, dass 80% der Israelis gegen eine Rückgabe seien, bis in den Teaser auf der Hauptseite. Im Text liest man dann, wie diese Zahl zustande kommt:

We have been living on Israel’s quietest border for many years and the Israelis who come here to visit say in opinion polls that 80 percent of them are not willing to make concessions on the Golan.

Es geht also gar nicht um “die Israelis”, die irgendeine Meinung haben, sondern um diejenigen Israelis, die den Golan besuchen und mit den dort lebenden Menschen sprechen. Dass das bereits eine wichtige Vorauswahl ist, die nur die am Leben auf dem Golan interessierten Menschen einschliesst und alle anderen Israelis aussen vor lässt, scheint der JPost nicht aufzugehen, so sie es nicht ganz oder halb bewusst weggelassen hat. Genauso gut könnte man alle Fans von Werder fragen, ob der SVW für immer Deutscher Meister sein soll und das Ergebnis hinter her mit “94% der deutschen Fussball-Fans wollen, dass Werder für immer Deutscher Meister ist.”

Übrigens halte ich die gerade ins Spiel gebrachte Rückgabe des Golan ohnehin für illusorisch. Die vernünftigen Bedingungen, die daran geknüpft sein müssen, wären im Rahmen eines Friedensvertrags mit Syrien u.a. ein Ende der Unterstützung für Terrorgruppen wie Hisbollah und Hamas, eine Einigung über das Wasser des Jordan und eine Demilitarisierung des Golan. Das alles kann sich Syrien als Juniorpartner des antisemitischen iranischen Regimes aber nicht erlauben.
Sollte Syrien sich in Zukunft aber tatsächlich anders orientieren, wäre es ein guter Tausch. Man gibt den Golan zurück und erhält damit einen Frieden im Norden, wenn die Hisbollah im Libanon nicht mehr durch Syrien gestützt wird. Mit dieser Perspektive vor Augen würde vermutlich eine überwältigende Mehrheit der Israelis einer Räumung zustimmen. Und nicht nur 20%.

Das alles ist aber so unwahrscheinlich, dass die jüdischen Siedler dort ruhig erstmal weiterbauen können, während in ihrer Nähe die Manöver von syrischer und israelischer Armee stattfinden. Vor ein paar Wochen sahen einige schon einen Krieg im Sommer kommen, nun gehen die Bedingungen eines Friedens durch die Medien, ohne dass zwischendrin irgendetwas passiert wäre. Der Nahe Osten wird nie langweilig.

Budapest (2)

Das kann nur gelogen oder sehr alt sein, denn Wikipedia weiss weder beim jetzigen noch beim vorherigen Präsidenten von Ungarn davon. Anyway, ein schönes Bild.

…beisst du besser nicht. Sollte man meinen. Im Gazastreifen sieht man das anders. Heute sind mehrere Terroristen von dort nach Israel eingedrungen und haben einen Terminal angegriffen, von dem aus Benzin in den Gazastreifen gebracht wird. Merkwürdigerweise versorgt Israel nämlich den ganzen Gazastreifen mit Benzin und Strom, während man de facto im Krieg mit Gaza ist. Mit der aus Israel gelieferten Energie arbeiten auch die offenbar zahllosen Terroristen, die dann Kassam-Raketen über die Grenze feuern. Kürzlich führte das zu der spannenden Situation, dass ein Krankenhaus in Ashkelon beschossen wurde, in dem gerade eine Araberin aus Gaza ihre Zwillinge bekommen hatte. Wäre das ein Volltreffer gewesen! Nun also ein Angriff auf die Spritversorgung, bei der man mutmaßlich Israelis entführen wollte. Das gelang nicht, zwei Israelis starben, anschliessend erwischten die IDF ein Auto der Terroristen, über die Anzahl der Getöteten wird noch gestritten.
Wer nun eigentlich nur noch den Kopf schütteln kann über die Dummheit der Hamas, liegt nicht ganz richtig. Sollte Israel nun konsequenterweise endlich die Lieferungen nach Gaza einstellen, wird das altbekannte Geheule von dort wieder lauter werden, und sämtliche Gutmenschen mit oder ohne Amt rund um die Welt werden Israel für seine Rücksichtslosigkeit verurteilen. Das wiederum ist für den Judenstaat offensichtlich noch weniger hinzunehmen als der ständige Beschuss seiner Bürger in der Gegend um den Gazastreifen. Also liefert man weiter, nimmt den Beschuss hin und tötet ab und zu ein paar Terroristen bei Operationen im Gazastreifen.

Mal sehen, wie lange das noch so weitergeht.

Nachtrag: Lozowick hats auch schon kommentiert.

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