Anderes

…alles ist anders.

…wenn sich nur die CDU seiner annehmen würde!

Weil es in Japan ein Erdbeben gegeben hat, werden jetzt in Deutschland Reaktoren abgeschaltet. Dazu will man mal drei Monate nachdenken, was sich denn jetzt für die Nutzung der Atomkraft hierzulande verändert hat. Die Antwort ist augenfällig: gar nichts. Jedenfalls, wenn man von den Faktoren ausgeht, die tatsächlich in eine Analyse der Vor- und Nachteile der Technologie eingehen müssen. Nicht in der Sache hat sich etwas geändert, sondern in der stets undurchsichtigen Gefühlslage des Volkes. Zwei Wochen vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist Deutschland mal wieder in kollektive Apokalypse-Lust verfallen. Alle fiebern an den Livetickern, wie weit die verschiedenen Kernschmelzen wohl so sind.

Das Blog “Teilnahmebedingungen” kommentierte:

Es ist in Zusammenhang mit dem Katastrophenporno, der durch die Wohnzimmer flimmert, nicht nur hanebüchen, diesen für die Mobilmachung der Demonstrant_innen zu benutzen, sondern auch schlichtweg widerlich, denn wieviel mehr Hohn könnte man den Menschen im Katastrophengebiet jetzt entgegenschleudern, als noch im Moment ihres Unglücks nur das eigene Schicksal vor sich herzutragen, das heute nicht minder gut oder schlecht aussieht als noch vor einer Woche.

Bei der Aussicht, dass Menschen verstrahlt werden könnten, wurden alle ganz kirre. Dass kurz zuvor gerade tausende zu Tode gekommen waren, war da schnell vergessen. Dass bei einem Erdbeben Dinge kaputt gehen, geriet zur bahnbrechenden Erkenntnis. Und obwohl es hier keine Erdbeben gibt, nahm die Anti-Atom-Bewegung die nukleare Katastrophe, die übrigens bis heute noch nicht passiert ist, schon vor einigen Tagen zum Anlass, ihr prinzipiell richtiges Ziel auf die ihr eigene abstoßende Art zu verfolgen. Bei den Grünen dürften sofort die Sektkorken geknallt haben, schließlich würde sich der Fukushima-Effekt am 27. März ziemlich konkret in Wählerstimmen messen lassen. In Baden-Württemberg stehen vier Kernkraftwerke, Biblis in Südhessen ist gleich um die Ecke. Und desto länger und schlimmer es in Japan brodelt, desto wichtiger wird das Thema bei den Landtagswahlen werden.

Nur dumm für die Grünen, dass Angela Merkel das auch weiß und ihnen an Cleverness weit überlegen ist. Die Kanzlerin hat umgehend dekretiert, dass Biblis A und Neckarwestheim sofort heruntergefahren werden. Außerdem soll drei Monate, und damit bis nach den nächsten vier Landtagswahlen (Sachsen-Anhalt und Bremen sind auch noch dran), heftig darüber nachgedacht werden, wie es denn weitergehen soll mit der Atomkraft. Man sollte nicht erwarten, dass dabei irgendetwas herauskommt. Die Grünen haben damals einen Ausstieg beschlossen, der nie passiert ist, und genau so kann es die jetzige Regierung auch machen. Damit sind alle zufrieden, denn der Strom fließt, Geld wird verdient und der Ausstieg bleibt trotzdem in Sicht. Wenn dann in den nächsten zehn Jahren nichts dazwischen kommt, kann man immer noch wieder ein paar Jahre Laufzeit drauflegen. Und wäre es nicht auch besser, sicherer und umweltfreundlicher, man baute neue Atomkraftwerke anstatt die alten weiter zu benutzen? So gibt es immer einen Weg zum Konsens.

Einen Konsens herzustellen vermögen nur wenige so gut wie Angela Merkel. Mit ihr kann sich die CDU bald als Ausstiegspartei gerieren, wie sie es mit der Rede von der “Brückentechnologie” bereits angedeutet hat. Ab sofort ist es vollkommen okay, gegen Atomkraft zu sein und die CDU zu wählen. Das wird einige grüne Veteranen auf die Palme bringen, lässt aber auf eine bitter notwendige Entspannung der nationalen Diskussion hoffen. Die Parolen der professionell gemanagten Anti-Atom-Kampagnen laufen meist auf eine Heimatschutz-Argumentation hinaus, wie “Atomkraft schadet dem Ländle”. Dieses Geblöke würde seinen kritischen, linken Beiklang verlieren, wenn die ganze Volksbewegung endlich da landet, wo sie hingehört: in Deutschlands christlicher Volkspartei.

Ich habe mir etwas ganz Neues einfallen lassen. Bin untergetaucht. Terrorismus. Aber nicht so radikal. Mehr sozialdemokratisch. Sozialdemokratischer Terrorismus will nicht immer gleich Revolution machen. Er will die Lebensumstände der Menschen verbessern. Und, wenn das gerade nicht geht, dann will er angehört werden. Ins Gespräch kommen, auf sich aufmerksam machen. Wozu ein Flugzeug nach Mogadischu entführen und die Freilassung irgendwelcher Verwirrten fordern, wenn man auch den Bürgermeister von Wuppertal entführen und eine Erhöhung des Arbeitslosengelds II fordern kann? Ich rechne mir da ganz gute Chancen aus. Kaufhausbrand nicht als Konsumkritik, auch nicht als Kriegserklärung, sondern als Druckmittel für mehr Kindergartenplätze in Prenzlauer Berg.

Eine Revolution ist sehr anstrengend. Hinterher hat man den ganzen Laden am Hals, und die ganzen Arschlöcher. Da lasse ich mich gar nicht erst drauf ein. Aber die ungerechte Gesellschaft, die macht mir schon zu schaffen. Da muss man was tun, praktisch werden. Und jetzt wird ja auch die Vorratsdatenspeicherung neu verhandelt. Da habe ich mir überlegt, ein paar Telefonzellen abzufackeln. Fordern will ich eine maximal viermonatige Speicherung der Verbindungsdaten. Das wäre eine vernünftige Lösung, das habe ich auch schon ins Internet geschrieben, aber mein Vorschlag hat nicht recht Eindruck gemacht bei der Regierung. Das wird sich jetzt ändern.

Ich will da auch gar nicht unbedingt so gemäßigt bleiben. Man könnte schon auch mal jemanden erschießen, aber da muss dann auch richtig was rausspringen. Ich will kein Richter sein, also Rache-Akte oder blindes Töten gibt es bei mir nicht. Aber für eine richtige soziale Steuerreform, wenn das möglich wäre, dann muss vielleicht auch mal ein korrupter Christdemokrat dran glauben. Also wenn man jetzt zum Beispiel den Steuersatz für mittlere und niedrige Einkommen von 1500 bis 2900 Euro kräftig senken könnte, das wäre doch ein toller Erfolg. Bin aber auch an weniger radikalen Dingern dran, zum Beispiel die Fahrkartenpreise. Ich denke, dass da durch höhere Zuschüsse vom Staat Preissenkungen von bis zu zehn Prozent möglich sind. Jetzt überlege ich noch, wie ich das deutlich machen kann. Gewalt gegen Schaffner halte ich legitim, zweifle aber an der Effektivität. Vielleicht doch besser Scheiben einschmeißen.

Ich habe auch über die Gründung einer Gruppe nachgedacht, das aber verworfen. Gibt doch nur Streit. Jetzt mit den Lokführern weiß ich schon alleine nicht, was ich davon halten soll. Streik ist eine Sache, besser wäre aber doch eine richtige Sozialdemokratie, in der man das alles einvernehmlich mit den Arbeitgebern mal besprechen kann. Denn eigentlich, eigentlich sitzen wir doch alle im selben Boot. Das müssen die jetzt mal begreifen.

Wahrscheinlich, weil sie an einer bestimmten Zeitabfolge festhält – erst der Terrorakt, dann die Reaktion des Staates, schließlich die Berichterstattung der Medien. Demgegenüber definiere ich Terrorismus nicht nur als die terroristische Tat selbst. Neben den (Selbst-)Stilisierungen der Akteure wird das Phänomen durch strafrechtliche, politische und mediale Diskurse konstituiert. Dieses Verständnis von Terrorismus geht davon aus, dass das, was als Reaktion, als Maßnahme auf vorangegangene Terrorakte erscheint, maßgeblich daran beteiligt ist, den Terrorismus hervorzubringen.

Gerade den letzten Satz kann man ruhig öfter lesen, er wird mit der Zeit noch besser. Fragt sich nur, wer oder was bloß die “vorangegangenen Terrorakte” hervorgebracht hat – das Huhn oder das Ei?

Quelle

Es sind schockierende Meldungen, die uns so oft in den Medien erreichen. Vor gut drei Jahren zum Beispiel diese:

News vom 20.02.08

Mike Hanke erneut Papa

Mike Hanke ist in der Nacht vom 20. Februar erneut Vater geworden. Der kleine Bruder für Schwesterchen Janatha-Fay soll Jayron-Cain heißen. Um 1.44 Uhr erblickte er das Licht der Welt, Mutter und Kind sind wohlauf.

Das muss man erstmal verarbeiten. Klar ist: Mike Hanke hat es nie leicht gehabt. Er hat eine Rasenallergie und leidet nach jedem Spiel unter Pusteln und Hautreizungen. Nun perpetuiert sich das Elend in Gestalt seiner Kinder, die es mindestens so schwer haben werden wie ihr Vater. So wie Vater Mike zum Tabellenletzten wechseln musste, so werden Janatha-Fay oder Jayron-Cain vielleicht einmal bei Schlecker landen. Das Wichtigste ist jetzt, dass die beiden eine gute Ausbildung erhalten. Mike weiß das aber auch.

Mit Spott ist es vielleicht nicht getan. Vielleicht muss man da mal was planen, für die Kinder. Oder mal die gesellschaftlichen Umstände kritisieren, unter denen Kinder ihre Namen erhalten. Aber wem würde das helfen? Die Wahrheit ist: Janatha und Jayron zahlen den Preis der Freiheit. Nicht ihrer Freiheit, im Gegenteil, der Freiheit ihrer Eltern. Im selben Akt wird deutlich, dass J-Fay und J-Cain selbst unfrei sind: Andere Menschen entscheiden über ihre Identität. Da hilft nichts. So ist der Mensch, so ist der Mike.

In den “Prenzlauer Berg Nachrichten”, einem Berliner Blog mit irgendwie kommerziellem Anspruch, wird heute das “Alois S.” beworben. Der Beitrag über die Bar, in der man alle Werder-Spiele im Fernsehen sehen kann, ist offensichtlich als Reklame zu verstehen.

Dem Autor ist offenbar nicht einmal bekannt, dass man in der Bundesliga auch Auswärtsspiele hat und es deshalb wenig bringen würde, wenn er “jede Woche” nach Bremen fahren würde. Mit solchen Fehlern könnte man leben, wenn er sein Loblied nicht auf so einen furchtbaren Laden wie das Alois S. singen würde.

Wie im Beitrag beschrieben ist es dort üblich, lange vor Spielbeginn Plätze für Leute zu reservieren, die vielleicht noch kommen. Es hilft also wenig, früh zu kommen, weil die zehn Leute, die um drei schon da sind, sämtliche Plätze irgendwie reserviert haben. Das könnte man noch okay finden, wenn nicht freudig auch für die reserviert würde, die dann am Ende gar nicht oder erst gegen fünf kommen.

Dabei kann man Personal erleben, das selbst in Mitte noch als besonders unfreundlich durchgehen würde. Wer hier gefragt wird, ob er noch etwas möchte, bekommt dabei deutlich signalisiert, dass es nicht um ein Bedürfnis des Kunden, sondern um dessen Pflicht, gefälligst Umsatz zu machen, geht. Dass Gastronomie keine Wohlfahrtsveranstaltung ist, weiß jeder. Der Job eines Kellners ist nur eigentlich, das den Kunden nicht ständig spüren zu lassen.
Mein persönliches Highlight mit dem Personal im Alois S. war, als der Kellner uns nach draußen hinterherkam, weil er zwanzig Cent zu wenig berechnet hatte. Da belästigt man seine Kunden doch gerne noch einmal, bei solchen Summen. Wenn die Kellner nicht zu solcher Hochform auflaufen, muss man an der Theke schon damit zufrieden sein, wenn die Bedienung eine Minute, nachdem sie jemanden bemerkt hat, endlich ihr Gespräch unterbricht, um dem Kunden klar zu machen, dass sie sich gestört fühlt und der Job ohne ihn viel angenehmer wäre.

Diese miese Atmosphäre ließe sich kaum noch verschlechtern, wenn da nicht der Fischmob Berlin wäre. Dieser Fanclub besingt sich selbst als “arrogant”. Das wäre lustig, wenn es nicht stimmen würde. Ihre Arroganz gründet sich in erster Linie darauf, dass sie sehr gut fernsehen und Bier trinken können. Direkt vor der Leinwand plaziert muss man sie den ganzen Nachmittag über sehen und dabei spüren, wie geil man sich als Fan und Stammgast vorkommen kann. Der Laden gehört ihnen, denken sie. Das äußert sich zum Beispiel so, dass sie gerne vor dem Spiel so vor der Leinwand stehen, dass fünf andere Leute, die drei Meter vor ihnen sitzen und ganz offensichtlich das laufende Zweitligaspiel verfolgt haben, nichts mehr sehen können. Wer einen Witz macht, lacht selbst am lautesten, und man müsste nicht einmal zuhören, um zu erfahren, dass diese Menschen sich und ihr samstägliches Tun für unfassbar geil halten. Nur warum?

Wenn sich jemand auf einen der freien Plätze setzt, die der Fischmob für sich beansprucht, kommt sofort der Hinweis: “Also die gehören eigentlich zum Fischmob, ist auch mit Lothar so abgesprochen…” Mit Lothar, dem Chef, hat man sich arrangiert. Die Sonderstellung, von der sie denken, sie hätten sie verdient, weil sie besonders cool sind, bezahlen sie mit ihrer Bierrechnung. Der Fischmob ist immer da und trinkt viel, weil Trinken bei ihnen wichtig ist. So und nicht anders kommt man zu reservierten Plätzen.

Wer also Ultras oder andere Fans im Stadion für arrogant hält, weil sie sich auf ihr Fan-Dasein etwas einbilden, der würde sich wundern, wenn er einmal Fans vor dem Fernseher erleben würde. Man kann sich auf viel weniger viel mehr einbilden. Besonders keck kommt sich die Belegschaft im Alois S. vor, wenn es Anstoß gibt. Dann ruft einer vorne “Gib den Ball her” bzw. “Mach den Ball rein” und der Rest des Lokals ruft zurück “Aber flott”. Wer das pfiffig findet, ist dumm, und wer das aufregend findet, war noch nie im Stadion.

Nun könnte das Alois S. vielleicht außerhalb der Spieltage ein netter Ort sein. Ist es aber nicht: Das Essen ist auch schlecht. Aber dafür teuer.

Es geht hier um Salat. Und um richtiges Essen. Und um Leute, die diese blöden Nurfleischistrichtigesessen-Witze leid sind. Mich zum Beispiel. Und es geht um Freunde. Man findet keine Freunde mit Salat. Man findet Freunde mit Blattgold, dem wundervollen Produkt, das ich hier gerade bewerbe. Ihr müsst es kaufen. Damit Ihr Freunde findet, Freunde und Freundinnen. Blattgold macht Menschen glücklich. Alle? Nein. Nur Folgende: Mütter, Väter, Kinder, Sportler, Angestellte, Astronauten, Doktoranden, Werber, Berliner, Spargelstecher, Vegetarier, Metzger, Jäger, Sammler, Feministen, Inder, Kinder, Blogger, Schuhverkäufer, Kommunisten, Malermeister, Stewardessen, Vera am Mittag, Islamisten, Staatsanwälte, Verteidigungsminister, Antiimperialisten, Sozialdemokraten, Sänger, Fernsehmoderatoren, Publizisten, Hippies, Yuppies, Pausenbrotschmierer und gelegentliche Passanten. Was mit dem Rest der Menschheit los ist, weiß ich nicht. Sie kaufen Blattgold nicht weil es sie glücklich macht, sondern weil es sie schön macht. Das ist legitim, finde ich.

Blattgold macht glücklich und schön, aber nicht reich. Bis jetzt. Das muss sich ändern. Wenn einer reich wird, müssen andere ihn bezahlt haben. In diesem Fall kommt Euch die etwas unangenehmere Rolle in dieser Transaktion zu. Das macht aber nichts, denn Ihr bekommt etwas dafür. Blattgold. War klar. Blattgold wird verkauft vom Haus der feinen Kost und ist das beste Salatdressing, das man bekommen kann, ohne bei Adam zum Abendessen eingeladen zu sein. Adam stellt jede Flasche Blattgold selbst her und behauptet, das Ergebnis schmecke nicht nur mit Salat, sondern mit Fleisch, Brot, Nudeln und diesem anderen da. Komm nicht drauf. Jedenfalls ist es lecker und wer für sich selbst kein Geld ausgeben will findet in Blattgold ein schönes Geschenk. Auf Wunsch auch ein sehr schönes und sehr teures Geschenk: Blattgold gibt es auch mit – Blattgold. Echtem jetzt. Das sieht geil aus. Echt. Und wenn Ihr wie ich gerade den Link zum Haus der feinen Kost weiterreichen könntet, wäre das eine gute Sache. Gibts natürlich auch bei Facebook.

Zu verschenken

Das Bemerkenswerteste am Skandal um Guttenbergs Doktorarbeit ist die öffentliche Debatte darum und wie seine freche Verteidigungsstrategie tatsächlich funktioniert hat. Es ist von Anfang an klar gewesen, dass absichtlich betrogen wurde, die Sachlage ist völlig eindeutig und für jeden öffentlich nachvollziehbar. Diesen Umstand haben Guttenberg und seine Verteidiger aber erstaunlicherweise verschleiern können. Die Sprachregelung von “fehlenden Fußnoten” verfängt und Angela Merkel hat die Chutzpe, zu verkünden, sie habe Guttenberg ja nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt, sondern als Verteidigungsminister. So wird allenthalben suggeriert, dass er bei seiner Doktorarbeit ein paar Fehler gemacht habe. Die Wahrheit ist, dass er betrogen hat. Die Wahrheit, in diesem Fall so eindeutig und offensichtlich wie selten, ist der Bevölkerung weder vermittelt worden, noch wollte sie sie hören.

Beeindruckend ist dabei, wie dreist gelogen wird und wie verkommen die Regierung und die Politik ist, dass sie den Betrug explizit oder implizit leugnet, obwohl er längst bewiesen ist. Dabei ist es in der Politik üblich, zu lügen. Es ist aber nicht üblich, über eine Wahrheit zu lügen, die längst bekannt ist, und damit dann durchzukommen. Dazu müssen die Unionspolitiker jetzt so tun, als ob sie tatsächlich genervt wären von der Debatte, die sich doch angeblich nur um Fußnoten und Fehler in einer Doktorarbeit dreht. Dieter Wedel sah bei Anne Will gar einen Pogrom gegen Guttenberg aufziehen und auch das ließ man ihm durchgehen. Jetzt wartet man darauf, dass die Uni Bayreuth erklärt, was längst alle wissen, und danach, warum Guttenberg trotzdem Doktor bleiben darf.

Ob er schließlich zurücktreten muss, darf gespannt erwartet werden. Angela Merkel musste ihn stützen, sonst hätte man ihr das politische Ende des bayrischen Messias vorgeworfen, der selbst jetzt noch Zustimmungswerte von über 70% hat. Da wartet Frau Merkel lieber einfach ab, langfristig ist Guttenberg sowieso erledigt. Die FAZ hat ihn längst fallengelassen, zu schmuddelig ist die ganze peinliche Affäre. Jetzt gerade hat Guttenberg erklärt, er wolle seinen Doktortitel dauerhaft nicht mehr führen, nachdem er zuletzt noch betont und wiederholt hatte, dass er ihn nur vorläufig ruhen lassen wolle. Dabei kann er einen Doktortitel gar nicht einfach ruhen lassen, er hat diesen Titel, bis die Universität ihn widerruft – wenn sie das denn tut, wovon jetzt um so mehr auszugehen ist. Seinen Betrug bezeichnet er jetzt als “Blödsinn”, den er geschrieben habe, und auch das ist wieder so verkommen, so dreist, dass kaum zu glauben ist, dass er damit durchkommen könnte.

Derweil wirft die Zuneigung zum Taugenichts Guttenberg ein grelles Schlaglicht auf die deutschen Befindlichkeiten. Der reich geborene Guttenberg war nie außerhalb der Politik beschäftigt, seine akademische Karriere endete mit einem massiven Betrug und seine politische Laufbahn ist frei von bemerkenswerten Taten. Trotzdem wird er gerade von den Kleinbürgern geliebt, die Hartz4-Empfänger für Schmarotzer halten und “Sozialbetrüger” am liebsten ins Gefängnis stecken würden. Gerade der Politiker, in dem sie große alte Werte erkannt haben wollen, erweist sich als dummdreister Betrüger mit Feudalherrenattitüde. Trotzdem und gerade deswegen lieben sie ihn weiter. Deshalb hält sich die Opposition weiter zurück, anstatt die wütenden Attacken zu reiten, die gerechtfertigt wären.

Eigentlich wollte ich mich gerade über Guido Westerwelle auslassen, von dem ich immer gedacht hatte, dass er selbstverliebt genug wäre, um sein Amt als Außenminister irgendwann noch einmal für einen ganz großen Wurf nutzen zu wollen. Nun ist die Gelegenheit ganz offensichtlich da, die Revolutionen im Nahen Osten bleiben wahrscheinlich das interessanteste Ereignis in der internationalen Politik, das in Guidos Amtszeit stattgefunden haben wird. Doch Guido rührt sich nicht, er bleibt betont zweitklassig und sagt im ZDF allen Ernstes, man dürfe nicht den Anschein erwecken, die Gerüchte über einen vom Westen orchestrierten Aufstand könnten wahr sein. Was für eine erbärmliche und verlogene Begründung, man kann es kaum glauben.

Anscheinend hat Westerwelle sich entschieden, seine Profilsuche aufzugeben, diesen Schritt einfach zu überspringen und stattdessen gleich auf alten Haudegen zu machen, der alles schon erlebt hat und deshalb ganz ruhig bleiben kann. Das ist für ihn selbst schade, weil er mit dieser andauernden Leistungsverweigerung die immensen Chancen auf Ruhm und Glanz verspielt, die das Amt ihm bietet. Vor allem ist es aber für die Freiheit und die Demokratie, also die nominalen Werte der FDP, schlecht, dass niemand für sie eintritt, der genug Geld und Einfluss hätte, um etwas zu erreichen. Es wäre nicht schwer, jetzt die demokratischen Bewegungen zu unterstützen, sich lautstark an ihre Seite zu stellen und Freiheit im Nahen Osten zu fordern. Das hieße beileibe nicht, sich grenzenlos optimistisch mit der Revolution gemein zu machen, im Gegenteil: Es hieße, die Sorge um den Ausgang der Revolution nicht im Raum stehen zu lassen, sondern Einfluss zu nehmen. In Ägypten hieße das auch, Gruppen unter der Bedingung zu stärken, dass sie offen für den Frieden mit Israel eintreten.

Jedenfalls, eigentlich wollte ich mich so über den Außenminister auslassen, aber was bringt das – er ist schließlich der deutsche Außenminister. Seine Amtskollegen machen inhaltlich nicht viel anders, wenn sie auch eine bessere Figur dabei machen und zumindest die Amerikaner die tatsächliche Möglichkeit einer Demokratisierung des Nahen Ostens wieder in ihre Überlegungen einbezogen und sie teilweise gar eingefordert haben.

In oben erwähnter ZDF-Sendung kam neben den Diktatoren und Islamisten auch das wirkliche, das tatsächliche, das einzige Problem im Nahen Osten zur Sprache. Hamed Abdel-Samad, Liebling der Deutschen Islamkritik, forderte von den Israelis beleidigt “mehr Verständnis” für die Ägypter ein, nachdem ebenjene ihren Antisemitismus in Kairo auf die Straße getragen haben. Und überhaupt, ein Problem seien die Checkpoints – er kann nur die in der Westbank gemeint haben – und “die Belagerung”. Weiter: “Die Checkpoints müssen auch aus den Köpfen entfernt werden”. Mit diesem Sozialpädagogengequatsche lässt sich noch jedes deutsche Showpublikum zum Applaus hinreißen.

Michael Lüders, als “Nahostexperte” vorgestellter Feind Israels aus Bremen-Nord, hat schon längst alle Checkpoints in seinem Kopf abgebaut und sagt, wohlgemerkt angesprochen auf den Frieden zwischen Israel und Ägypten, dass es Frieden im Nahen Osten nicht geben werde ohne die Perspektive auf einen palästinensischen Staat, und auch nicht, solange “die Menschen im Gaza-Streifen ausgehungert werden und eine israelische Siedlung nach der anderen gebaut wird”.

Lüders, der beruflich die “Ursachen islamistischer Gewalt” (kurz: Israel) erforscht, ignoriert, dass es bereits Frieden zwischen Ägypten und Israel gibt. Und er behauptet das Gegenteil: Dass ein Frieden gar nicht möglich wäre, bevor Israel nicht dies und das unternähme. Inzwischen ist es soweit, dass, wer über die Einhaltung des Friedensvertrages durch die Ägypter sprechen möchte, sich mit Forderungen an Israel konfrontiert sieht, die zu erfüllen wären, damit der Friedensvertrag eingehalten werden kann. Das ist nichts weniger als die Androhung bzw. die Legitimierung eines neuen Krieges. Während sich früher hinter dem Ruf nach Frieden die Mörder verschanzen konnten, ist es jetzt der Ruf nach Frieden selbst, der in Wirklichkeit ein Ruf nach Krieg ist, Krieg gegen Israel – damit es Frieden geben kann.

Dass der Frieden unbedingt erhalten werden muss, das hatte am Ende nur einer gesagt: Guido Westerwelle.

Es täte mir gut gefallen, wenn dieser Beitrag hier mehr als 200 Facebook-Möger finden würde. Bloggen ist ein narzisstisches Business, vor allem, wenn es gar kein Business ist. Natürlich ist die deutlich größere Motivation, wieder mehr zu schreiben, dass kürzlich eine Art Blog für 315 Millionen Dollar die Besitzerin gewechselt hat. Eigentlich wollte AOL verbrochenes.net kaufen, aber mein Akku war leer, als der Kasper da angerufen hat. Ich hätte aber, das will ich Euch gestehen, schon verkauft, für soviel Geld.

Eine Alternative zur Arbeitslosigkeit bleibt das Verbrechen. Denn entgegen weit verbreiteter Annahmen kann sich Verbrechen durchaus lohnen. Entführungen zum Beispiel sind eine recht lässige Sache und funktionieren öfter, als man denkt. Ehrenhafter ist natürlich ein Banküberfall. Bei einem Banküberfall – wie auch bei mancher Entführung – kommt der Gewinn meistens direkt von irgendeiner Versicherung und fehlt schlussendlich in Form von tausenden von Centbeträgen auf den Abrechnungen irgendwelcher Aktienbesitzerinnen. Die haben das Geld auch nicht eher verdient als ich. Nicht, dass ich es besonders dolle verdient hätte, aber die ja auch nicht. Vielleicht hol ich mir das mal, das Geld von der Bank.

Wenn in Deutschland ein Übernahmekrieg zwischen zwei Großunternehmen tobt, dann sind die Rivalen meistens miteinander verwandt und haben ihre exponierte Position geerbt. Man erzählt hier immer, dass man sich was erarbeiten müsste. Besser ist es aber, was zu erben. Erstens ist das nicht so anstrengend, und zweitens kann man viel mehr ererben, als man erarbeiten kann. Jakob Augstein hat das richtig gemacht: Der hat kräftig geerbt und sich dann ne kleine Zeitung gekauft. Der Mann muss es also wissen, wenn er sagt:

Es besteht zwischen Verdienst und Leistung keine Verbindung, und Fairness ist in diesem System Zufall.

Das darf er aber bei Spiegel Online auch nur schreiben, weil er so ein putziger kleiner Erbe ist. Für Besserverdiener ist das eine ungeheure Beleidigung, dass ihre Leistung nun doch gar nicht so toll sein soll, dass ihre ganze große Individualität gar nichts mit ihrem ganz großen Einkommen zu tun haben soll. Da fühlen sie schon richtig: Eigentlich kann das ja alles gar nicht angehen. Tut es aber. Es hat auch genau genommen nie jemand behauptet, dass im Kapitalismus Verdienst und Leistung in fester Verbindung stünden. Das wäre auch ganz schön dreist. Wenn das jemand behaupten würde. Eigentlich macht sich einfach keiner mehr die Mühe, irgendwie zu rechtfertigen, warum die einen alles und die anderen gar nichts haben. Die Frage danach ist irgendwie schon anrüchig geworden, da braucht es dann auch keine Antwort mehr.

Ich möchte, dass Dirk von Lowtzow Bundespräsident wird.

Jedenfalls geht mir der Liberalismus auf die Nerven. Kann aber verstehen, wenn die Ägypter das grad noch anders sehen. Ich mein, was will man denn auch stattdessen machen? Trau ich mir nicht zu, die Antwort, dem Dirk aber schon. Deshalb soll der Präsident werden.

Aufrichtig ahnungslos sein, das kann heute auch keiner mehr. “Entschuldigung, aber davon verstehe ich wirklich GAR NICHTS!” Ich muss schon zugeben, eigentlich trau ich mir jedes Thema zu. Google ich das halt mal, und dann weiß ich bescheid. Ich könnte über jedes Thema bei Anne Will diskutieren und dabei keine schlechtere Figur als die Kollegen machen. Also, natürlich müssten die mich erstmal anziehen und zurecht machen, aber dann, dann könnt ich das. Ehrlich gesagt ist das schon ein kleiner Traum von mir, mal bei Anne Will zu sitzen und endlich mal zu sagen, wie es ist! Auch das mit dem Präsidenten, und mit Dirk.

Ich rechne mir das schon hoch an, dass mir der Liberalismus auf die Nerven geht. Ich habe ein gewisses Unbehagen gegenüber Menschen, die den herrschenden Zuständen gegenüber nicht ein gewisses Unbehagen haben. Das gilt jetzt nicht nur für Demokraten, auch für die, die da mehr als ein Unbehagen mit sich rum tragen. Die sind mir ganz unbehaglich, ganz ungemütlich. Gut, das mit der Politik ist und bleibt halt einfach schwierig. Da muss man mit um können.

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