Wer als Fußballfan in Deutschland Berichte für ein Fanzine schreibt, hält sich dabei stets an gewisse Regeln, die sich eingebürgert haben. Dazu gehört ein Jargon der Beiläufigkeit, der in jeder Zeile deutlich macht, dass der Verfasser ein alter Hase ist und fast alles so oder so ähnlich schon einmal erlebt hat. Ein Beispiel:
Pünktlich zur Rückkehr des Winters brachen wir in den hohen Norden auf, wobei die zuvor befürchteten Schneechaos-Szenarien zwar Gott sei Dank ausblieben, schweinekalt wars aber trotzdem. Dies nahmen wir zum Anlass einen kleinen aufwärmenden Winterspaziergang zu unternehmen.
Das erste Schlüsselwort ist “pünktlich”, man geht hier also einer Art Pflicht nach, einer Routine. Das zweite Schlüsselwort ist “Spaziergang”. Man ging nicht erwartungsfroh zum großen Spiel, man schaute sich auch nicht die Stadt an, sondern man machte einen Spaziergang. Der war “klein” und wäre das auch gewesen, wenn er 10 Kilometer lang gewesen wäre.
Nun kommen wir zur zweiten Pflicht des Fanzine-Schreibers. Er muss sich abwertend über den Gegner äußern. Das kann am Beispiel der Stadt passieren, an ihren Bewohnern bzw. den Fans des gastgebenden Vereins oder am Verein selber. Ganz wichtig ist, dass man nicht zu emotional wird. Die Beiläufigkeit muss gewahrt werden, man lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zwar schon gar nicht von denen. Falls talentiert genug, kann der Autor jetzt auch ein bisschen Humor aufblitzen lassen. Zum Beispiel so:
So spazierten wir also frohen Mutes und mit nur äußerst geringer Polizeibegleitung durch das Bremer Viertel, das zugegebenermaßen eigentlich ein recht nettes Flair versprüht. Lag wohl daran, dass wir keine einheimischen Ultras ertragen mussten.
Man spazierte, man begutachtete großmütig die fremde Stadt, alles ist lässig, und dann kommt er, der feinsinnige Hinweis auf die einheimischen Ultras. Nachdem diese Formalität erledigt ist, kommt direkt die nächste: die Stadionkritik. Zu beachten ist vorher, dass Gästeblöcke niemals “betreten” oder in das Stadion “gegangen” wird, es wird grundsätzlich “geentert”:
Am Stadion angekommen enterten wir selbiges recht zeitig.
Natürlich auch nicht “zeitig”, das wäre weniger lässig, man geht “recht zeitig”. Während der Gästeblock nicht recht goutiert wurde, fanden die Bremer Spruchbänder mehr Beachtung. Zunächst das erste:
Zu Spielbeginn gaben die Bremer mittels Spruchband schon mal die Marschrichtung vor, indem sie uns wissen ließen dass sie sich auf Fürth, Ingolstadt und Paderborn freuen. Schön dass man realistisch bleibt! Viel Spaß auf den Trips nach Fürth oder Ingolstadt, die dann sicher mal wieder zu weit sind um anzureisen.
Gleich zwei besonders durchdachte Attacken: Einmal die diesmal besonders feine Ironie, mit der dem Gegenüber Vorfreude unterstellt wird, wo tatsächlich Angst ausgedrückt wurde. Und zum anderen der Hinweis darauf, dass die Bremer Fanszene zu manchen Auswärtsspielen nicht besonders zahlreich anreist. Solche Verweise auf die jeweiligen Schwächen der gegnerischen Fans gehören unbedingt in jeden Bericht. Umgekehrt würde man den Münchnern beispielsweise vorwerfen, dass bei ihnen zu Hause in München eine jämmerliche Atmosphäre herrscht. Hamburgern würde man die misslungenen Choreographien vorhalten, Wolfsburgern ihr Werksvereinsdasein und so weiter.
Im vorliegenden Bericht, es handelt sich um den der Schickeria München zum letzten Gastspiel in Bremen, folgt jetzt ein spannender Teil, der so tatsächlich nicht in jedem Spielbericht zu lesen ist.
Im Zuge des internationalen Holocaust-Erinnerungstages am 27. Januar gedachten wir heute Otto Beer, dem ehemaligen Jugendleiter des FC Bayern und Vertrauten unseres verehrten Präsidenten Kurt Landauer, und seinem Einsatz für den FC Bayern. Otto Beer war direkt verantwortlich für die Entwicklung der Münchner Fußballkunst und zahlreiche Erfolge unseres Vereins vor dem zweiten Weltkrieg, welche 1932 im Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft für unsere wunderbare Stadt gipfelten. Doch auch seine Verdienste um München und den FC Bayern konnten ihn nicht davor schützen, wie seine Familie Opfer der rassistischen Mordpolitik der Nationalsozialisten und des Wegsehens viel zu vieler Münchner zu werden. Otto Beer wurde von den Nazis nach der Reichskristallnacht deportiert und schließlich 1941 im KZ Kaunas ermordet. Um diesem großen Mann aus der Geschichte des FC Bayern zu gedenken, zeigten wir mehrere Spruchbänder sowie eine Fahne mit Otto Beers Konterfei und unserem alten Vereinslogo. Die Aussage dürfte klar sein: Wir wollten anhand eines anschaulichen Beispiels die Verbindung aufzeigen zwischen der Geschichte unseres großartigen Vereins und der Notwendigkeit und Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute! Vergesst niemals die Geschichte unseres Vereins, auf die wir stolz sein können! Vergesst nie Eure Menschlichkeit! Kein Fußball den Faschisten!
Abseits vom richtigen und wichtigen Anliegen, an die Morde der Deutschen zu erinnern, haben diese Passage und die Spruchbänder, auf die sie sich beziehen, einige interessante Aspekte. Da wäre zunächst die pathetische Sprache: “verehrten Präsidenten”, “Fußballkunst”, “wunderbare Stadt”, “großer Mann”. Sie erzeugt eine Atmosphäre der Erhabenheit, wo es in Wirklichkeit um millionenfaches Verrecken und Krepieren ging. Otto Beer mag ein guter Trainer gewesen sein, vielleicht auch ein guter Mensch, aber darauf kommt es nicht an: Die Nazis haben alle Juden ohne Unterschied ermordet, die Verbrecher wie die Gerechten, die Arbeiter wie die Fabrikbesitzer, die Greise wie die Säuglinge. Die Opfer des Holocaust waren keine Helden, sie waren Mordopfer. Deshalb taugt die Glorifizierung der Toten nicht, um an die Ereignisse zu erinnern, die naturgemäß ohnehin nicht von den Opfern, sondern von den Tätern vorangetrieben wurden.
Spätestens stutzig werden sollte man, wenn jemand von “Geschichte [...], auf die wir stolz sein können” spricht und damit 33-45 meint. Die Schickeria München praktiziert einen nachholenden Widerstand, der sich mit einer angeblichen “Verbindung zwischen der Geschichte [...] und der Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute” begründet. Mit dem üblichen Antifa-Größenwahn halluzinieren sie die Notwendigkeit antifaschistischen Engagements herbei und begründen das mit der Geschichte, als ob sie Otto Beer noch retten könnten; oder als ob heute jemand von deutschen Gaskammern bedroht wäre und der Hilfe der Münchener Fußballfans bedürfte. So können Ultras die bequemste Form des Antifaschismus genießen. In München gibt es ohnehin kaum Nazis, beim FC Bayern schon gar nicht, und die Geschichte des FC Bayern lässt sich wunderbar als Ticket auf die richtige Seite der Geschichte nutzen. Da passt dann auch die Schutzheilige aller machtlosen Flugblattverteiler, Sophie Scholl, bestens ins Bild und auf den Doppelhalter. Die Geschichte von München als “Hauptstadt der Bewegung” spielt dabei keine Rolle mehr. Nun ist es verständlich, dass man sich nicht in die Traditionslinie der Nazis stellt. Dass man sich aber unbedingt identitätsstiftenderweise in eine Tradition stellen muss, mit der man in Wirklichkeit nichts zu tun hat, weil man damit heute nichts zu tun haben kann, das ist fragwürdig.
Das Selbstverständnis als antifaschistische Ultras, die bei Fußballspielen singen und dabei irgendwie auch mit dem deutschen Widerstand verwandt sein wollen, gibt einige Rätsel auf. So ist die Schickeria stolzes Mitglied vom “Alerta Network”, einem Bündnis für antifaschistische Ultras in Europa. In diesem Netzwerk ist es nicht nur völlig okay, sich für die palästinensische Sache einzusetzen, sondern auch, sich mit den antifaschistischen Genossen zu prügeln. Überhaupt, Prügeln und Feindesein ist ziemlich wichtig für die Münchener. Dabei ist für antifaschistische Gewalt kein Ziel in Sicht, auf die Militanz und ihren Chic will man trotzdem nicht verzichten. In München verteidigen sie deshalb bei Gelegenheit auch mal ein Schwimmbad dagegen, von feindlichen Fans beschwommen zu werden. Und selbst drastische Konsequenzen ihres Tuns haben nie etwas daran geändert, dass die Münchener Ultras sich stets zu den Guten rechnen.
Die eigene Mentalität wurde zuletzt per Spruchband mit “Sometimes antisocial – always antifascist” beschrieben, was aus Bremen dieses Mal umgedeutet wurde in “Sometimes antifascist – always white sausage”. Die Weißwurstmentalität räumt man in München zwar ein, aber die Bezugnahme auf das eigene Spruchband zu erkennen wird konsequent verweigert:
Die Bremer zeigten unter anderem ein kreatives und inhaltlich sinnvolles Spruchband, in dem sie uns als White Sausages
bezeichneten. Ihr könnt machen was ihr wollt und bleibt doch für immer Weißwürste! oder so wäre ja mit viele Augen zudrücken evtl. irgendwo noch so was Ähnliches wie amüsant gewesen, aber White Sausage? Wem zum Teufel fällt so was ein? Und welche Runde von Vollnerds findet so was ernsthaft bombe und lustig? Da is wohl wem der Tee nicht bekommen. Unser Beileid sei ihnen sicher, hat jedenfalls gut für Lacher und Kopfschütteln gesorgt. Armes Bremen.
Hier ist wieder die Ironie zu beachten, mit der eingeleitet wird. Die grundsätzliche Überlegenheit der Münchener zeigt sich dann erneut in Lachern, Kopfschütteln und Mitleid. Ach, die Bremer, schreiben was auf Englisch! Weil er inzwischen in bornierter Selbstverliebtheit ertrunken ist, merkt der Autor auch nicht, wie die eigene Selbstdarstellung schließlich zur Karikatur wird. Auf die Erinnerung an den Holocaust folgt nämlich die ernst gemeinte Aufforderung an die Bremer, nicht mehr mit bestimmten Menschen zu tanzen. Nach dem Spruchband für Otto Beer ging es so weiter:
Wir hingegen teilten den Bremern mit, dass die neu aufkeimende Achse des Nordens Bremen-Hannover-Braunschweig irgendwie lächerlich ist. Zur Erläuterung: Hannoveraner (BN99) besuchten letztens eine Techno-Party von Infamous Youth und anderen Bremer Ultras, zu denen sie seit jeher ein mehr als angespanntes Verhältnis pflegen oder um es deutlich zu sagen: eigentlich sind Hannover und Bremen Erzfeinde! Erst beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften gelang es den Hannoveranern die Fahne einer Bremer Gruppe zu entwenden. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, reisten zu dieser Party die Hannoveraner und einige Braunschweiger (UB01), ebenfalls seit jeher erbitterte Erzfeinde (?), auch noch im selben Zug an!
Ein ungeheurer Vorgang, wenn man als echter Ultra auch echter Hassprediger ist. Ultraideologie heißt schließlich immer noch, dass man genau den Leuten, mit denen man am meisten gemein hat, auf die Fresse hauen muss.
Unsere Auffassung von Ultrà sieht in diesem Punkt mal grundlegend anders aus…oder anders formuliert: bevor wir zusammen mit den Blauen nach Nürnberg auf ein Konzert fahren, schneiden wir uns lieber im Absinth-Rausch die Ohren ab!
Das fasst die Idiotie, die Ultra ausmacht, ganz gut zusammen. Schließlich versuchen die Leute, die sowas sagen, es auch ernst zu meinen. Natürlich ist es großer Quatsch und am Ende sind ihnen doch ihre Ohren wichtiger als ihr Abgrenzungsbedürfnis, aber es ist doch das Ideal, genau so zu sein. Weil man dem Ideal aber nicht nahekommen kann, weil einen nie jemand vor die oben genannte Wahl stellt, muss man die eigene Besonderheit mit Verbalradikalismus und absurden Gewaltausbrüchen dokumentieren.
Da in Bremen ein Ultra-Gesetz, wie es den Münchenern vorschwebt, gebrochen wurde, gibt es auch eine Anklage und die Forderung nach Rechtfertigung.
Die zur Legitimation dieser Geschichte vorgebrachte Argumentation war dann ernsthaft, die Techno-Party sei eine “politische Veranstaltung” gewesen und habe ja mit Fußball nix zu tun gehabt. Da haben wir als explizit politische Ultrasgruppe lieber mal nachgefragt ob es ihre Art von Politik-machen ist, mit fußballerischen ERZFEINDEN fröhlich zu Technobeats durchs Discolicht zu hüpfen…
Die Rechtfertigung wird abgelehnt, denn für Tanzen sieht der große Ultrakodex keine Ausnahmen von der Regel vor. Für die Blockade von Naziaufmärschen erteilen die Ultra-Ayatollahs Genehmigungen, wie wir später lesen können. Für eine Tanzveranstaltung mit Soli-Charakter gilt das aber noch nicht. Wo die Grenze gezogen wird, entscheidet die “explizit politische Ultrasgruppe” je nach Eigenbedarf. Zum Beispiel war es völlig okay, am Rande des BAFF-Kongresses in Bremen mit Bremer Ultras, darunter die Redaktion dieses Telemediums, zu feiern. Natürlich könnte man einwenden, dass es anlässlich des BAFF-Kongresses okay ist, mit anderen Menschen Bier zu trinken. Aber darf man dann das Abendprogramm mitmachen? Gibt es ein Privatleben und ein Ultraleben?
Man kann angesichts dieser hirnrissigen Fragestellungen zu dem Ergebnis kommen, dass die Kontaktsperren und mit ihnen jedes Hass-Theater lächerlich sind und abgeschafft gehören. In München sieht man das anders und doziert weiter über das Verhältnis von Fußball zu Linkssein:
Uns ist der linke Hintergrund der Veranstaltung wohl bekannt. Linkes Engagement is prima! Jede Gruppe mehr, die das so sieht, ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Wenn es extreme Fußballfans gibt, die sich auch politisch links positionieren und ohne ihr Fan-sein aufzugeben politisch agieren absolut Daumen hoch! Nur kann man ne musikalische Veranstaltung wohl kaum als “große politische Aktion” hinstellen, die irgendwas rechtfertigt. Für nen echten Fußballfan schon gar ned das Vergessen bzw. Aufgeben aller Werte, Gepflogenheiten und Rivalitäten aus der Fußballwelt.
Während völlig offen bleibt, was “links” ist, wird immerhin deutlich, was ein “echter Fußballfan” ist und was “alle” seine Werte und Gepflogenheiten zu sein haben. Nämlich, man muss sich das in Erinnerung rufen: Mit bestimmten Menschen nicht dieselbe Abendveranstaltung zu besuchen.
Noch dazu wenn man politisch so standhaft und straight ist, dass man mit rechten Bremern und Essenern kleinlaut in einer Kurve steht ohne sich je wirklich davon distanziert zu haben und so radikal, dass man sich unlängst von ner handvoll dahergelaufener Dorfnazis mit “mehreren hundert” Gutmenschen aus ner Sporthalle vertreiben lässt.
Wenn man das ironische Statement zurückdreht, will der Autor vermutlich sagen, dass man in München doch so “standhaft und straight” ist, dass die Schickeria nicht mit Rechten in einer Kurve steht. Das ist natürlich haltloser Quatsch, ebenso wie die missglückte Unterstellung, die Bremer Ultras hätten sich von – ja von was eigentlich? – nicht ausreichend distanziert. Und wenn die Bremer eine Veranstaltung verlassen, bei der Nazis von den Ordnern geschützt werden, anstatt sich ehrenhaft mit allen zu prügeln, dann ist das der Schickeria in Ferndiagnose nicht radikal genug. Denn dort ist Gewalt noch ein hohes Gut, und wenn sich Heranwachsende nicht mit Dorfnazis und Security-Ogern prügeln wollen, dann ist das kein “ernstzunehmendes Engagement”:
Dürfte sich also doch eher um kuschelige Polit-Folklore zum Wohlfühlen handeln als um ernstzunehmendes Engagement.
Dementgegen steht der Antifaschismus ohne Faschisten, den die Bayern so gekonnt zelebrieren. Deren Feinde stehen nicht in der Kurve, sondern sind seit siebzig Jahren tot und dementsprechend pflegeleicht.
Deshalb haben sie dort genug Zeit, um allgemeingültige Regeln für andere Leute aufzustellen. Die Polit-Folklore hat Anführungsstriche bekommen und der Hahn kräht in Richtung Norden, dass wir alle exkommuniziert sind aus der Familie der Fußballfans:
Wenn sowohl die einen als auch die anderen in die Stadt XY fahren und dort nen Naziaufmarsch blockieren und ansonsten jeder seiner Wege geht, kräht danach kein Hahn. Aber wenn man in der Hauptsache Ultras beim Fußball ist, macht man reine “Polit-Folklore” als Bremer Ultra nicht in Hannover und als Hannoveraner Ultra nicht in Bremen oder Braunschweig. Und schon gar nicht zusammen. Sonst hat man mit FUSSBALLFANS nix mehr zu tun! E basta!
Jetzt lebt es sich doch ganz ungeniert, wenn man endlich aus dem Kreis der Sportfreunde und Menschenfeinde ausgeschlossen ist. Doch so leicht kommt man dem Großinquisitor mit kleinem Herzen nicht davon. Schließlich schadet das gemeinsame Tanzen der gemeinsamen Sache:
Die Leute sollten sich vielleicht mal überlegen, dass sie damit auch jegliches ernsthaftes politisches Engagement innerhalb der
Fußballwelt und der mit ihr verbundenen Subkultur diskreditieren, einfach weil sie von anderen Fans nicht mehr ernst genommen werden können. Wir Ultras sind in erster Linie FANS und als solche irrationale Fanatiker unserer Städte und Vereine. Linke Ultrasgruppen sind also Fußballfanatiker mit linker politischer Einstellung, keine in irgendner Form (auch) fußballaffinen Politaktivisten. Eine eigentlich selbstverständliche Grundkonstante des Movimento Ultras, die bedauerlicherweise bei einigen anscheinend in Vergessenheit geraten ist.
Was hier als Irrweg geschildet wird, ist in Wirklichkeit genau das Richtige. Man muss politisches Engagement bei denen diskreditieren, gegen die es ohnehin gerichtet ist. Die autoritären Männergruppen, die rechtsoffenen Alkoholiker, die alteingesessenen Platzhirsche und die Nazis sowieso – sie alle sollten wissen, dass ernsthaftes politisches Engagement sich auch gegen ihre Bräuche richtet und mit dem traditionellen, von reaktionären Münchenern verteidigten Verständnis von Fansein nicht vereinbar ist.
Der verzweifelte Versuch, eine Trennlinie zwischen linken Fans und fußballaffinen Linken zu ziehen, kann nicht erfolgreich sein. Der Geist ist aus der Flasche, Politik und Reflexion sind in der Ultrawelt angekommen. Wenn jetzt aus der Südkurve gerufen wird, dass man das alles nicht so gemeint habe und jetzt gefälligst alle wieder Fußballfans sein sollen, rennt die Schickeria längst der Entwicklung hinterher. “Zurück zum Fussball” soll es für die Ultras gehen. Kein Zufall, dass sie sich dabei einer Sprache bedient, die aus einem ZDF-Bericht über die Love Parade in den Neunzigern entnommen sein könnte: “Zu Beats stampfen”.
Abseits dieser grundsätzlichen Probleme gibt es für den Fanzineschreiber schlussendlich noch zwei Pflichtübungen zu absolvieren. Zunächst muss man sich des Sieges in einer körperlichen Auseinandersetzung rühmen, falls keine stattgefunden hat geht das auch im Konjunktiv.
Nach dem Spiel wurden wir dann von drei netten Herrschaften und einer Dame in blauen Leibchen erneut völlig unstressig und locker zum Bahnhof zurück begleitet und 15 oder 20 Bremer Spinner (O-Ton des Deeskalations-Teams hehe) mussten in der eigenen Stadt noch die Beine in die Hand nehmen.
Und schließlich gilt es noch, sich verwundert über die örtlichen Gepflogenheiten zu zeigen. Das kann anhand der Gastronomie, des Nahverkehrs und vieler anderer Gegebenheiten passieren. Hauptsache, es passiert etwas Ungewöhnliches und man kommentiert das dann im Hinblick auf den Ort: “Na, das ist aber komisch hier!”
Absolutes Tageshighlight war allerdings ein Schild in der Bremer Innenstadt, auf dem uns bildlich mitgeteilt wurde, dass zwischen 20 Uhr und 8 Uhr die Benutzung von Schusswaffen, Messern und Baseballschlägern untersagt sei. Wir haben Tränen gelacht, hier ist die Welt echt noch in Ordnung. Morden bitte nur vor 20 Uhr!
Ob das Schild tatsächlich nicht verstanden wurde oder für die bessere Belachbarkeit absichtlich falsch gelesen wurde, bleibt offen. Bei Ultras sind Waffen immerhin verboten – abgesehen von Flaschen und Leuchtspur.
* Der Spielbericht erschien im “skb-online”, einem Newsletter der Schickeria München





Letzte Kommentare