Bremisches

Tourist-Information

Wer als Fußballfan in Deutschland Berichte für ein Fanzine schreibt, hält sich dabei stets an gewisse Regeln, die sich eingebürgert haben. Dazu gehört ein Jargon der Beiläufigkeit, der in jeder Zeile deutlich macht, dass der Verfasser ein alter Hase ist und fast alles so oder so ähnlich schon einmal erlebt hat. Ein Beispiel:

Pünktlich zur Rückkehr des Winters brachen wir in den hohen Norden auf, wobei die zuvor befürchteten Schneechaos-Szenarien zwar Gott sei Dank ausblieben, schweinekalt wars aber trotzdem. Dies nahmen wir zum Anlass einen kleinen aufwärmenden Winterspaziergang zu unternehmen.

Das erste Schlüsselwort ist “pünktlich”, man geht hier also einer Art Pflicht nach, einer Routine. Das zweite Schlüsselwort ist “Spaziergang”. Man ging nicht erwartungsfroh zum großen Spiel, man schaute sich auch nicht die Stadt an, sondern man machte einen Spaziergang. Der war “klein” und wäre das auch gewesen, wenn er 10 Kilometer lang gewesen wäre.

Nun kommen wir zur zweiten Pflicht des Fanzine-Schreibers. Er muss sich abwertend über den Gegner äußern. Das kann am Beispiel der Stadt passieren, an ihren Bewohnern bzw. den Fans des gastgebenden Vereins oder am Verein selber. Ganz wichtig ist, dass man nicht zu emotional wird. Die Beiläufigkeit muss gewahrt werden, man lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zwar schon gar nicht von denen. Falls talentiert genug, kann der Autor jetzt auch ein bisschen Humor aufblitzen lassen. Zum Beispiel so:

So spazierten wir also frohen Mutes und mit nur äußerst geringer Polizeibegleitung durch das Bremer Viertel, das zugegebenermaßen eigentlich ein recht nettes Flair versprüht. Lag wohl daran, dass wir keine einheimischen Ultras ertragen mussten.

Man spazierte, man begutachtete großmütig die fremde Stadt, alles ist lässig, und dann kommt er, der feinsinnige Hinweis auf die einheimischen Ultras. Nachdem diese Formalität erledigt ist, kommt direkt die nächste: die Stadionkritik. Zu beachten ist vorher, dass Gästeblöcke niemals “betreten” oder in das Stadion “gegangen” wird, es wird grundsätzlich “geentert”:

Am Stadion angekommen enterten wir selbiges recht zeitig.

Natürlich auch nicht “zeitig”, das wäre weniger lässig, man geht “recht zeitig”. Während der Gästeblock nicht recht goutiert wurde, fanden die Bremer Spruchbänder mehr Beachtung. Zunächst das erste:

Zu Spielbeginn gaben die Bremer mittels Spruchband schon mal die Marschrichtung vor, indem sie uns wissen ließen dass sie sich auf Fürth, Ingolstadt und Paderborn freuen. Schön dass man realistisch bleibt! Viel Spaß auf den Trips nach Fürth oder Ingolstadt, die dann sicher mal wieder zu weit sind um anzureisen.

Gleich zwei besonders durchdachte Attacken: Einmal die diesmal besonders feine Ironie, mit der dem Gegenüber Vorfreude unterstellt wird, wo tatsächlich Angst ausgedrückt wurde. Und zum anderen der Hinweis darauf, dass die Bremer Fanszene zu manchen Auswärtsspielen nicht besonders zahlreich anreist. Solche Verweise auf die jeweiligen Schwächen der gegnerischen Fans gehören unbedingt in jeden Bericht. Umgekehrt würde man den Münchnern beispielsweise vorwerfen, dass bei ihnen zu Hause in München eine jämmerliche Atmosphäre herrscht. Hamburgern würde man die misslungenen Choreographien vorhalten, Wolfsburgern ihr Werksvereinsdasein und so weiter.

Im vorliegenden Bericht, es handelt sich um den der Schickeria München zum letzten Gastspiel in Bremen, folgt jetzt ein spannender Teil, der so tatsächlich nicht in jedem Spielbericht zu lesen ist.

Im Zuge des internationalen Holocaust-Erinnerungstages am 27. Januar gedachten wir heute Otto Beer, dem ehemaligen Jugendleiter des FC Bayern und Vertrauten unseres verehrten Präsidenten Kurt Landauer, und seinem Einsatz für den FC Bayern. Otto Beer war direkt verantwortlich für die Entwicklung der Münchner Fußballkunst und zahlreiche Erfolge unseres Vereins vor dem zweiten Weltkrieg, welche 1932 im Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft für unsere wunderbare Stadt gipfelten. Doch auch seine Verdienste um München und den FC Bayern konnten ihn nicht davor schützen, wie seine Familie Opfer der rassistischen Mordpolitik der Nationalsozialisten und des Wegsehens viel zu vieler Münchner zu werden. Otto Beer wurde von den Nazis nach der Reichskristallnacht deportiert und schließlich 1941 im KZ Kaunas ermordet. Um diesem großen Mann aus der Geschichte des FC Bayern zu gedenken, zeigten wir mehrere Spruchbänder sowie eine Fahne mit Otto Beers Konterfei und unserem alten Vereinslogo. Die Aussage dürfte klar sein: Wir wollten anhand eines anschaulichen Beispiels die Verbindung aufzeigen zwischen der Geschichte unseres großartigen Vereins und der Notwendigkeit und Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute! Vergesst niemals die Geschichte unseres Vereins, auf die wir stolz sein können! Vergesst nie Eure Menschlichkeit! Kein Fußball den Faschisten!

Abseits vom richtigen und wichtigen Anliegen, an die Morde der Deutschen zu erinnern, haben diese Passage und die Spruchbänder, auf die sie sich beziehen, einige interessante Aspekte. Da wäre zunächst die pathetische Sprache: “verehrten Präsidenten”, “Fußballkunst”, “wunderbare Stadt”, “großer Mann”. Sie erzeugt eine Atmosphäre der Erhabenheit, wo es in Wirklichkeit um millionenfaches Verrecken und Krepieren ging. Otto Beer mag ein guter Trainer gewesen sein, vielleicht auch ein guter Mensch, aber darauf kommt es nicht an: Die Nazis haben alle Juden ohne Unterschied ermordet, die Verbrecher wie die Gerechten, die Arbeiter wie die Fabrikbesitzer, die Greise wie die Säuglinge. Die Opfer des Holocaust waren keine Helden, sie waren Mordopfer. Deshalb taugt die Glorifizierung der Toten nicht, um an die Ereignisse zu erinnern, die naturgemäß ohnehin nicht von den Opfern, sondern von den Tätern vorangetrieben wurden.

Spätestens stutzig werden sollte man, wenn jemand von “Geschichte [...], auf die wir stolz sein können” spricht und damit 33-45 meint. Die Schickeria München praktiziert einen nachholenden Widerstand, der sich mit einer angeblichen “Verbindung zwischen der Geschichte [...] und der Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute” begründet. Mit dem üblichen Antifa-Größenwahn halluzinieren sie die Notwendigkeit antifaschistischen Engagements herbei und begründen das mit der Geschichte, als ob sie Otto Beer noch retten könnten; oder als ob heute jemand von deutschen Gaskammern bedroht wäre und der Hilfe der Münchener Fußballfans bedürfte. So können Ultras die bequemste Form des Antifaschismus genießen. In München gibt es ohnehin kaum Nazis, beim FC Bayern schon gar nicht, und die Geschichte des FC Bayern lässt sich wunderbar als Ticket auf die richtige Seite der Geschichte nutzen. Da passt dann auch die Schutzheilige aller machtlosen Flugblattverteiler, Sophie Scholl, bestens ins Bild und auf den Doppelhalter. Die Geschichte von München als “Hauptstadt der Bewegung” spielt dabei keine Rolle mehr. Nun ist es verständlich, dass man sich nicht in die Traditionslinie der Nazis stellt. Dass man sich aber unbedingt identitätsstiftenderweise in eine Tradition stellen muss, mit der man in Wirklichkeit nichts zu tun hat, weil man damit heute nichts zu tun haben kann, das ist fragwürdig.

Das Selbstverständnis als antifaschistische Ultras, die bei Fußballspielen singen und dabei irgendwie auch mit dem deutschen Widerstand verwandt sein wollen, gibt einige Rätsel auf. So ist die Schickeria stolzes Mitglied vom “Alerta Network”, einem Bündnis für antifaschistische Ultras in Europa. In diesem Netzwerk ist es nicht nur völlig okay, sich für die palästinensische Sache einzusetzen, sondern auch, sich mit den antifaschistischen Genossen zu prügeln. Überhaupt, Prügeln und Feindesein ist ziemlich wichtig für die Münchener. Dabei ist für antifaschistische Gewalt kein Ziel in Sicht, auf die Militanz und ihren Chic will man trotzdem nicht verzichten. In München verteidigen sie deshalb bei Gelegenheit auch mal ein Schwimmbad dagegen, von feindlichen Fans beschwommen zu werden. Und selbst drastische Konsequenzen ihres Tuns haben nie etwas daran geändert, dass die Münchener Ultras sich stets zu den Guten rechnen.

Die eigene Mentalität wurde zuletzt per Spruchband mit “Sometimes antisocial – always antifascist” beschrieben, was aus Bremen dieses Mal umgedeutet wurde in “Sometimes antifascist – always white sausage”. Die Weißwurstmentalität räumt man in München zwar ein, aber die Bezugnahme auf das eigene Spruchband zu erkennen wird konsequent verweigert:

Die Bremer zeigten unter anderem ein kreatives und inhaltlich sinnvolles Spruchband, in dem sie uns als White Sausages
bezeichneten. Ihr könnt machen was ihr wollt und bleibt doch für immer Weißwürste! oder so wäre ja mit viele Augen zudrücken evtl. irgendwo noch so was Ähnliches wie amüsant gewesen, aber White Sausage? Wem zum Teufel fällt so was ein? Und welche Runde von Vollnerds findet so was ernsthaft bombe und lustig? Da is wohl wem der Tee nicht bekommen. Unser Beileid sei ihnen sicher, hat jedenfalls gut für Lacher und Kopfschütteln gesorgt. Armes Bremen.

Hier ist wieder die Ironie zu beachten, mit der eingeleitet wird. Die grundsätzliche Überlegenheit der Münchener zeigt sich dann erneut in Lachern, Kopfschütteln und Mitleid. Ach, die Bremer, schreiben was auf Englisch! Weil er inzwischen in bornierter Selbstverliebtheit ertrunken ist, merkt der Autor auch nicht, wie die eigene Selbstdarstellung schließlich zur Karikatur wird. Auf die Erinnerung an den Holocaust folgt nämlich die ernst gemeinte Aufforderung an die Bremer, nicht mehr mit bestimmten Menschen zu tanzen. Nach dem Spruchband für Otto Beer ging es so weiter:

Wir hingegen teilten den Bremern mit, dass die neu aufkeimende Achse des Nordens Bremen-Hannover-Braunschweig irgendwie lächerlich ist. Zur Erläuterung: Hannoveraner (BN99) besuchten letztens eine Techno-Party von Infamous Youth und anderen Bremer Ultras, zu denen sie seit jeher ein mehr als angespanntes Verhältnis pflegen oder um es deutlich zu sagen: eigentlich sind Hannover und Bremen Erzfeinde! Erst beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften gelang es den Hannoveranern die Fahne einer Bremer Gruppe zu entwenden. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, reisten zu dieser Party die Hannoveraner und einige Braunschweiger (UB01), ebenfalls seit jeher erbitterte Erzfeinde (?), auch noch im selben Zug an!

Ein ungeheurer Vorgang, wenn man als echter Ultra auch echter Hassprediger ist. Ultraideologie heißt schließlich immer noch, dass man genau den Leuten, mit denen man am meisten gemein hat, auf die Fresse hauen muss.

Unsere Auffassung von Ultrà sieht in diesem Punkt mal grundlegend anders aus…oder anders formuliert: bevor wir zusammen mit den Blauen nach Nürnberg auf ein Konzert fahren, schneiden wir uns lieber im Absinth-Rausch die Ohren ab!

Das fasst die Idiotie, die Ultra ausmacht, ganz gut zusammen. Schließlich versuchen die Leute, die sowas sagen, es auch ernst zu meinen. Natürlich ist es großer Quatsch und am Ende sind ihnen doch ihre Ohren wichtiger als ihr Abgrenzungsbedürfnis, aber es ist doch das Ideal, genau so zu sein. Weil man dem Ideal aber nicht nahekommen kann, weil einen nie jemand vor die oben genannte Wahl stellt, muss man die eigene Besonderheit mit Verbalradikalismus und absurden Gewaltausbrüchen dokumentieren.

Da in Bremen ein Ultra-Gesetz, wie es den Münchenern vorschwebt, gebrochen wurde, gibt es auch eine Anklage und die Forderung nach Rechtfertigung.

Die zur Legitimation dieser Geschichte vorgebrachte Argumentation war dann ernsthaft, die Techno-Party sei eine “politische Veranstaltung” gewesen und habe ja mit Fußball nix zu tun gehabt. Da haben wir als explizit politische Ultrasgruppe lieber mal nachgefragt ob es ihre Art von Politik-machen ist, mit fußballerischen ERZFEINDEN fröhlich zu Technobeats durchs Discolicht zu hüpfen…

Die Rechtfertigung wird abgelehnt, denn für Tanzen sieht der große Ultrakodex keine Ausnahmen von der Regel vor. Für die Blockade von Naziaufmärschen erteilen die Ultra-Ayatollahs Genehmigungen, wie wir später lesen können. Für eine Tanzveranstaltung mit Soli-Charakter gilt das aber noch nicht. Wo die Grenze gezogen wird, entscheidet die “explizit politische Ultrasgruppe” je nach Eigenbedarf. Zum Beispiel war es völlig okay, am Rande des BAFF-Kongresses in Bremen mit Bremer Ultras, darunter die Redaktion dieses Telemediums, zu feiern. Natürlich könnte man einwenden, dass es anlässlich des BAFF-Kongresses okay ist, mit anderen Menschen Bier zu trinken. Aber darf man dann das Abendprogramm mitmachen? Gibt es ein Privatleben und ein Ultraleben?

Man kann angesichts dieser hirnrissigen Fragestellungen zu dem Ergebnis kommen, dass die Kontaktsperren und mit ihnen jedes Hass-Theater lächerlich sind und abgeschafft gehören. In München sieht man das anders und doziert weiter über das Verhältnis von Fußball zu Linkssein:

Uns ist der linke Hintergrund der Veranstaltung wohl bekannt. Linkes Engagement is prima! Jede Gruppe mehr, die das so sieht, ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Wenn es extreme Fußballfans gibt, die sich auch politisch links positionieren und ohne ihr Fan-sein aufzugeben politisch agieren absolut Daumen hoch! Nur kann man ne musikalische Veranstaltung wohl kaum als “große politische Aktion” hinstellen, die irgendwas rechtfertigt. Für nen echten Fußballfan schon gar ned das Vergessen bzw. Aufgeben aller Werte, Gepflogenheiten und Rivalitäten aus der Fußballwelt.

Während völlig offen bleibt, was “links” ist, wird immerhin deutlich, was ein “echter Fußballfan” ist und was “alle” seine Werte und Gepflogenheiten zu sein haben. Nämlich, man muss sich das in Erinnerung rufen: Mit bestimmten Menschen nicht dieselbe Abendveranstaltung zu besuchen.

Noch dazu wenn man politisch so standhaft und straight ist, dass man mit rechten Bremern und Essenern kleinlaut in einer Kurve steht ohne sich je wirklich davon distanziert zu haben und so radikal, dass man sich unlängst von ner handvoll dahergelaufener Dorfnazis mit “mehreren hundert” Gutmenschen aus ner Sporthalle vertreiben lässt.

Wenn man das ironische Statement zurückdreht, will der Autor vermutlich sagen, dass man in München doch so “standhaft und straight” ist, dass die Schickeria nicht mit Rechten in einer Kurve steht. Das ist natürlich haltloser Quatsch, ebenso wie die missglückte Unterstellung, die Bremer Ultras hätten sich von – ja von was eigentlich? – nicht ausreichend distanziert. Und wenn die Bremer eine Veranstaltung verlassen, bei der Nazis von den Ordnern geschützt werden, anstatt sich ehrenhaft mit allen zu prügeln, dann ist das der Schickeria in Ferndiagnose nicht radikal genug. Denn dort ist Gewalt noch ein hohes Gut, und wenn sich Heranwachsende nicht mit Dorfnazis und Security-Ogern prügeln wollen, dann ist das kein “ernstzunehmendes Engagement”:

Dürfte sich also doch eher um kuschelige Polit-Folklore zum Wohlfühlen handeln als um ernstzunehmendes Engagement.

Dementgegen steht der Antifaschismus ohne Faschisten, den die Bayern so gekonnt zelebrieren. Deren Feinde stehen nicht in der Kurve, sondern sind seit siebzig Jahren tot und dementsprechend pflegeleicht.

Deshalb haben sie dort genug Zeit, um allgemeingültige Regeln für andere Leute aufzustellen. Die Polit-Folklore hat Anführungsstriche bekommen und der Hahn kräht in Richtung Norden, dass wir alle exkommuniziert sind aus der Familie der Fußballfans:

Wenn sowohl die einen als auch die anderen in die Stadt XY fahren und dort nen Naziaufmarsch blockieren und ansonsten jeder seiner Wege geht, kräht danach kein Hahn. Aber wenn man in der Hauptsache Ultras beim Fußball ist, macht man reine “Polit-Folklore” als Bremer Ultra nicht in Hannover und als Hannoveraner Ultra nicht in Bremen oder Braunschweig. Und schon gar nicht zusammen. Sonst hat man mit FUSSBALLFANS nix mehr zu tun! E basta!

Jetzt lebt es sich doch ganz ungeniert, wenn man endlich aus dem Kreis der Sportfreunde und Menschenfeinde ausgeschlossen ist. Doch so leicht kommt man dem Großinquisitor mit kleinem Herzen nicht davon. Schließlich schadet das gemeinsame Tanzen der gemeinsamen Sache:

Die Leute sollten sich vielleicht mal überlegen, dass sie damit auch jegliches ernsthaftes politisches Engagement innerhalb der
Fußballwelt und der mit ihr verbundenen Subkultur diskreditieren, einfach weil sie von anderen Fans nicht mehr ernst genommen werden können. Wir Ultras sind in erster Linie FANS und als solche irrationale Fanatiker unserer Städte und Vereine. Linke Ultrasgruppen sind also Fußballfanatiker mit linker politischer Einstellung, keine in irgendner Form (auch) fußballaffinen Politaktivisten. Eine eigentlich selbstverständliche Grundkonstante des Movimento Ultras, die bedauerlicherweise bei einigen anscheinend in Vergessenheit geraten ist.

Was hier als Irrweg geschildet wird, ist in Wirklichkeit genau das Richtige. Man muss politisches Engagement bei denen diskreditieren, gegen die es ohnehin gerichtet ist. Die autoritären Männergruppen, die rechtsoffenen Alkoholiker, die alteingesessenen Platzhirsche und die Nazis sowieso – sie alle sollten wissen, dass ernsthaftes politisches Engagement sich auch gegen ihre Bräuche richtet und mit dem traditionellen, von reaktionären Münchenern verteidigten Verständnis von Fansein nicht vereinbar ist.

Der verzweifelte Versuch, eine Trennlinie zwischen linken Fans und fußballaffinen Linken zu ziehen, kann nicht erfolgreich sein. Der Geist ist aus der Flasche, Politik und Reflexion sind in der Ultrawelt angekommen. Wenn jetzt aus der Südkurve gerufen wird, dass man das alles nicht so gemeint habe und jetzt gefälligst alle wieder Fußballfans sein sollen, rennt die Schickeria längst der Entwicklung hinterher. “Zurück zum Fussball” soll es für die Ultras gehen. Kein Zufall, dass sie sich dabei einer Sprache bedient, die aus einem ZDF-Bericht über die Love Parade in den Neunzigern entnommen sein könnte: “Zu Beats stampfen”.

Abseits dieser grundsätzlichen Probleme gibt es für den Fanzineschreiber schlussendlich noch zwei Pflichtübungen zu absolvieren. Zunächst muss man sich des Sieges in einer körperlichen Auseinandersetzung rühmen, falls keine stattgefunden hat geht das auch im Konjunktiv.

Nach dem Spiel wurden wir dann von drei netten Herrschaften und einer Dame in blauen Leibchen erneut völlig unstressig und locker zum Bahnhof zurück begleitet und 15 oder 20 Bremer Spinner (O-Ton des Deeskalations-Teams hehe) mussten in der eigenen Stadt noch die Beine in die Hand nehmen.

Und schließlich gilt es noch, sich verwundert über die örtlichen Gepflogenheiten zu zeigen. Das kann anhand der Gastronomie, des Nahverkehrs und vieler anderer Gegebenheiten passieren. Hauptsache, es passiert etwas Ungewöhnliches und man kommentiert das dann im Hinblick auf den Ort: “Na, das ist aber komisch hier!”

Absolutes Tageshighlight war allerdings ein Schild in der Bremer Innenstadt, auf dem uns bildlich mitgeteilt wurde, dass zwischen 20 Uhr und 8 Uhr die Benutzung von Schusswaffen, Messern und Baseballschlägern untersagt sei. Wir haben Tränen gelacht, hier ist die Welt echt noch in Ordnung. Morden bitte nur vor 20 Uhr!

Ob das Schild tatsächlich nicht verstanden wurde oder für die bessere Belachbarkeit absichtlich falsch gelesen wurde, bleibt offen. Bei Ultras sind Waffen immerhin verboten – abgesehen von Flaschen und Leuchtspur.

* Der Spielbericht erschien im “skb-online”, einem Newsletter der Schickeria München

verbrochenes.net, das Fachmagazin für Initiationsriten und Segelschiffe, nimmt zur Lage der Welt wie folgt Stellung:


Der kleine Samstag
schafft es, das Weserstadion noch kleiner zu machen als es jetzt ohnehin schon ist. So kann man es in der Tasche mitnehmen und muss auch die Zumutungen der aktuellen Mannschaft nicht mehr hinnehmen. Der Große Samstag folgt morgen, wenn Werder gegen den wiederauferstandenen FC Hollywood spielt. Die Konstellation verspricht Spannung, mindestens bis zum 0:1.

Einen noch größeren Samstag plant die ägyptische Spaßgesellschaft, die gerade Medienjunkies und Polit-Experten in aller Welt Freude bereitet. Keiner ist dagegen, schließlich weiß man noch nicht so recht, was die eigentlich wollen, und Mubarak mag niemand. Ob der bald abtreten muss, ob dann sein Sohn, das Militär, die Muslim-Bruderschaft oder eine demokratische Regierung den ganzen Schlamassel übernehmen – das weiß leider keiner. Wenn es die Islamisten werden, sollen sie wenigstens endlich den Gazastreifen übernehmen, bitte.

Wenn Ihr den kleinen Samstag schon erworben habt und der Dispo immer noch 22 Euro hergibt, dann gibt es gar keine andere Wahl, als Wolfgang Pohrt zu kaufen, beziehungsweise sein Buch. Pohrt hat brilliant gedacht, noch brillianter geschrieben, und schon beim Lesen möchte man eigentlich nur eins: ihn ständig nur zitieren. Im Blog, im Gespräch, in Gedanken. Das schickt sich natürlich nicht, und es bringt auch niemanden weiter, das wiederzukauen, was schon längst gesagt wurde, aber anderswo oder gar besser ist es halt nicht zu haben. Leider schreibt Pohrt nicht mehr viel, und schon lange keine hasserfüllten Polemiken mehr. Das liegt auch daran, dass mit dem Ende der deutschen Linken, die sich schließlich im nationalen Brei aufgelöst hat, kein Bedarf mehr an derlei Textproduktion mehr da war. Nun sitzen wir hier fest und langweilen uns mit den anderen linken Autoren, deren Mittelmäßigkeit man erst richtig begreift, wenn man vorher Pohrt gelesen hat.

Zuletzt ist hinzuweisen auf Israelkritik in der Jungle World. Stefan Vogt bewirbt sich zum wiederholten Male für eine Stelle bei der taz, indem er ganz ausgewogen schildert, warum die Israelis das mit dem Frieden verpatzt haben und aus ihrem Parlament bestenfalls noch “Lebenszeichen” zu hören sind.

Gestern abend beim Einschlafen habe ich wie immer über den SV Werder nachgedacht, und wie immer hatte ich einen genialen Einfall, der alle Probleme des besten Vereins der Welt lösen wird: Thomas Schaaf darf Urlaub machen, mindestens ein halbes Jahr. Die Maßnahme beginnt sofort. Als Ersatz wird ein gestandener Bundesliga-Trainer verpflichtet, das dürfte so schwer nicht werden, auch wenn Friedhelm Funkel und Jörg Berger gleichermaßen verhindert sind. Unter dem neuen Trainer wird das beschädigte Spielermaterial wieder flott gemacht, neue Besen kehren gut, die Rückrunde wird mit unansehnlichem aber solidem Arbeitsfußball ohne größere Probleme zuende gespielt. Thomas Schaaf, der zweifellos beste Trainer, den Werder Bremen haben kann, erholt sich derweil mehrere Monate lang, unter anderem auf einer Kreuzfahrt und einer Safari. Er schießt einen Löwen, liest ein Buch, verbringt Zeit mit seiner Familie und schaut hier und da ein Fußballspiel, aber keines von Werder Bremen. Vielleicht darf er auch selbst entscheiden, was er in der Zeit macht, mal sehen.

Mitreden müsste der Trainer auch bei der Festlegung der Länge seiner Auszeit. Zwar können echte Fans fast alles auf der Welt auch von außen und ohne wichtige Informationen sehr gut beurteilen, das macht sie aus, aber in diesem Falle würde ich mir Rat holen wollen. Vielleicht reicht ein halbes Jahr nicht, vielleicht sollte Schaaf bis zur nächsten Winterpause oder gar bis Sommer 2012 Pause machen. Spätestens dann aber muss er Werder Bremen wieder übernehmen. Die Mannschaft müsste bis zu Schaafs Rückkehr, egal wann die erfolgt, in jedem Fall schon deutlich verändert worden sein. Eine deutliche Veränderung ist nicht nur in der Anzahl der Spieler zu messen, sondern auch in der Auswahl derjenigen, die gehen und vor allem derjenigen, die da kommen sollen. Mit der neuen Mannschaft könnte Thomas dann konzentriert arbeiten, und wir alle warten geduldig darauf, dass sich der Erfolg wieder einstellt.

Warum das jetzt hilft? Weil sich nichts mehr tut, weil die Phrasen immer dieselben sind und selbst ein erfolgreicher Rückrundenauftakt daran nichts ändern kann. Mannschaft und Trainer ergeben keinen guten Fußball mehr. Die Mannschaft kann man aber auf die Schnelle nicht austauschen. Den Trainer sollte man nicht austauschen, weil er der beste Mann für Werder Bremen ist. Deshalb muss eine kreative Lösung her, die die aktuellen Probleme löst und gleichzeitig eine langfristige Perspektive bietet. Ob bei der unvermeidbaren Trennung schon verkündet werden sollte, dass Schaaf zurückkehren wird, ist schwer zu sagen. Vermutlich ist es besser, die Öffentlichkeit im Dunklen darüber zu lassen und auch dem Interims-Trainer trotz kurzen Vertrags falsche Hoffnungen auf einen längeren Verbleib zu machen. Damit es dann 2012 auch heißen kann: “Meistertrainer Möhlmann gefeuert – Schaaf zurück!”

Wenn eine Party, die nur einmal im Jahr stattfindet, ihr tausendstes Jubiläum feiert, dann hat das etwas zu bedeuten. Nur die wenigsten schaffen es, so zeitgemäß zu feiern und dabei dem eigenen Stil stets so treu zu bleiben wie die Bremer Jugendbewegung “Infamous Youth”. Wenn die Genossinnen und Genossen gerade nicht zusammen durch die Straßen rennen, nehmen sie harte Drogen oder singen Lieder beim Sportsport. Diese unvergleichliche Kombination von Freizeitaktivitäten hat sich als Erfolgsrezept erwiesen und alle konkurrierenden Jugendkulturen in der Hansestadt Bremen zu Tode gefeiert.

Nachdem es in Bremen jetzt nur noch Ultras gibt, alle Punker, Sprayer, Emos, Jusos und Kommunisten sich in den SV Werder verliebt haben und sich ULTRAS hinter die Ohren haben tätowieren lassen, greift die Fußball-Jugend den letzten Feind an: Das Christentum muss sterben, damit wir feiern können. Deshalb kommt das intellektuelle Drogenproletariat am 25.12. erneut im Zucker-Club zusammen, um sich bei sehr guter und sehr schlechter Musik sehr wohl zu fühlen. Ziel der Feier ist es, dass nächstes Jahr im Sommer wieder weniger gedacht und mehr gelacht wird. Wir wollen uns alle besser fühlen.

Und Ihr seid eingeladen.

Aber natürlich gibt es einen Haken. Mit den Erlösen werden nicht nur Repressionsopfer unterstützt, sondern auch linke Projekte. Wer das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, sollte am Einlass darauf bestehen, dass sein Geld nur für Menschen verwendet wird, die wegen hedonistischer Betätigung vom Staat verfolgt werden.

Menschen wie diese:

Natürlich gibt es auch einen richtigen Ankündigungstext und ein Lineup, das man bei lauschiger Weihnachtsmusik hier nachlesen kann. Zu beachten ist, dass bei weitem nicht alle Errungenschaften der Zivilisation im Laufe des Abends aufgegeben werden:

wir wollen, dass sich alle auf unseren partys wohlfühlen, deshalb haben wir keinen bock auf sexismus, rassismus, faschismus, antisemitismus, nationalismus und mackerscheisse!

♥ infamous youth:: escalate with us!

Werder Bremen hat viele Probleme, das weiß seit ein paar Stunden jeder. Dabei ist diese Niederlage zu verkraften, ein schlechter Saisonstart auch, sogar das Ausscheiden in der Champions League ist in dieser Gruppe durchaus keine Schande. Aber Werder Bremen hat ganz andere Probleme, und die fangen nicht auf dem Fußballplatz an, sondern bei Klaus Allofs und Thomas Schaaf. Augenfällig wurde das, als man den Spielern im September nur das halbe Gehalt überwies – eine lächerliche Aktion, die deutlich Zeugnis über die eigene Überheblichkeit ablegt. Es zeigt sich die Hilflosigkeit der Vereinsführung, wenn sie bessere Leistungen über das Zurückhalten vertraglich vereinbarter Zahlungen zu erpressen versucht.

Ähnlich bedenklich waren die letzten Interviews, die Allofs und Schaaf gegeben haben. Allofs sah sich und seine Leistung durch den Erfolg vom FSV Mainz gefährdet und merkte an, dass man das, was Mainz jetzt macht, schon seit zehn Jahren mache. Allofs ist ein verbitterter Mann, für den Erfolg nicht mehr das große Ziel, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Wenn er sich dann aber nicht einstellt, ist Werders Vorstandsvorsitzender beleidigt. Seine Haltung, die früher mal Souveränität und Gelassenheit vermittelt hat, hat sich in Richtung Arroganz verändert. Da nimmt es nicht Wunder, wenn er in Zeiten des Misserfolgs schlecht aussieht.

Bei Thomas Schaaf fällt noch mehr als bei Allofs die völlige Unfähigkeit auf, Kritik zu ertragen. Das Bremer Umfeld, in dem Journalismus nur als Abschreiben der vorgefertigten Häppchen auf werder.de vorkommt, hat unseren Trainer zu einem Mann gemacht, der sich vor niemandem rechtfertigen muss. Und obwohl es eigentlich müßig ist, über einzelne sportliche Entscheidungen zu streiten, muss man den Fall Silvestre hier hervorheben. Mikael Silvestre spielt unterirdisch schlecht, soviel ist unstrittig. Allerdings darf man das laut Schaaf nicht aussprechen. Schon vor zwei Wochen sagte Schaaf, dass ihm Silvestre von außen zu schlecht bewertet würde. Damit hat er die Gelegenheit verpasst, sich für den Spieler und seine Aufstellung zu rechtfertigen, sich zu erklären und die Fans, die sich die Slapstick-Auftritte jede Woche angucken müssen, mit ins Boot zu holen. Das aber hat Schaaf nicht nötig, er ist unantastbar. Ob er Silvestres rufschädigende Leistungen tatsächlich nicht so schlecht findet oder ob er aus Prinzip für den vom kicker schlechtestbewerteten Spieler der Liga Partei nimmt, bleibt rätselhaft. Fest steht, dass Schaaf das Pfeifkonzert, mit dem Silvestre gegen Nürnberg vom Platz geschickt wurde, selbst zu verantworten hat. Man kann die Leute nicht für dumm verkaufen, und wenn man nur einen miesen Spieler für die Position zu bieten hat, dann sollte man durchblicken lassen, dass man selbst das auch nicht so cool findet. Stattdessen hat Schaaf die Fans massiv angegriffen, nach dem Motto “Zahlen und Fresse halten”. Heute, weit weg vom Bremer Publikum, durfte der nervöse Franzose wieder ran und spielte dann wie immer.

Welche Folgen Allofs’ Unsicherheit schon jetzt hat, kann man an einem von der Bild-Zeitung berichteten Vorfall ablesen. Marko Arnautovic soll nach seiner Auswechslung gegen Nürnberg, nach der er Sandro Wagner den Handschlag verweigert hatte und vom Manager darauf angesprochen worden war, zu Allofs sarkastisch gesagt haben, er könne ihm ja das ganze Gehalt streichen und an seine Familie verteilen.
Es ist nur folgerichtig, dass Allofs den Respekt der Spieler verliert, wenn er deren Gehalt zurückbehält und jeder weiß, dass er das nicht darf. Gleichzeitig kann man in Arnautovic beleidigter Reaktion auch dessen eigene Mentalitätsprobleme erkennen. Er ist ein 21jähriger Neuzugang, der mit Pizarro und Almeida im Sturm starke Konkurrenz hat und dafür relativ viel Einsatzzeit bekommt, die er schon seit Wochen kaum mehr gewinnbringend nutzen kann. Trotzdem ist er bei einer Auswechslung beleidigt und fühlt sich schlecht behandelt. So wird es nichts werden, dabei wäre ein bisschen Demut in Verbindung mit seinem Talent und einem Vertrag bei Werder Bremen ein sicheres Ticket nach ziemlich weit oben. Wenn er das nicht nutzen will, dann ist das ein Problem für ihn und für den Verein.

Ein Mentalitätsproblem hat auch Aaron Hunt. Nachdem er in der 33. Minute des achten Spieltags gegen den SC Freiburg doch tatsächlich mal ein Tor erzielen konnte und den ruhmreichen SV Werder so in der Blitztabelle auf Platz 11 befördert hatte, sah er den Moment für seine Abrechnung gekommen und drehte völlig durch: Er zeigte einmal rundum auf alle Zuschauer und legte dann den Finger auf die Lippen. Wie offenbar viele bei Werder fühlt er sich von den handzahmen Fans schlecht behandelt. Das kann er auch so machen, es ist nur etwas peinlich. Was ihn aber als ganz kleines Licht enttarnt, ist der Zeitpunkt seiner Geste. Größere Geister als Aaron Hunt einer ist spielen erst einmal eine gute Saison, oder sie jubeln nach dem Siegtreffer im Derby oder im Pokalspiel oder zumindest überhaupt nach einem Siegtreffer. Aaron Hunts Anspruch ist aber viel niedriger. Er sieht es als große Leistung an, ein Tor gegen Freiburg zu schießen, als offensiver Mittelfeldspieler noch dazu. Das zeigt, was in Zukunft noch von ihm zu erwarten ist: wenig. Womit wir bei der Qualitätsfrage wären.

Ich habe es so wenig kommen sehen wie Allofs und Schaaf, aber seit einigen Wochen muss man feststellen, dass wir Özils Abgang nicht verkraftet haben. Natürlich musste man ihn verkaufen, da gibt es keine Diskussion. Aber der Glaube, es werde schon wie immer gutgehen, war falsch. Das liegt daran, dass Aaron Hunt und Marko Marin nicht die Qualität und nicht die Einstellung haben, die ihre großen Vorgänger hatten. Bei beiden sah es gut aus, als Diego oder Özil neben ihnen spielten, aber jetzt geht es nicht mehr gut. Sie sind Durchschnitt und gehören nach Hannover oder Bochum. Hunt, den man auch heute noch mit über die Hände gezogenem Trikot spielen sieht, wie ein ängstlicher E-Jugendlicher also, kann die Regie nicht übernehmen. Marin hingegen versucht es noch nicht einmal. Sein zwanghaftes Dribbling ist für jeden Gegner leicht zu durchschauen, und sonderlich gut ist es auch nicht. Marin verliert fast jeden Ball. Das wäre okay, wenn er in den anderen Fällen wenigstens gefährlich werden würde. Es wäre aber auch dann noch problematisch, weil er das Kombinationsspiel verhindert, weil er Werder langsam macht und weil die Gegenangriffe uns immer wieder Gegentore einbringen. Marin kann ein interessanter Teil der Mannschaft sein, gewiss, aber er ist eine Kuriosität und keine tragende Säule.

So spielte Claudio Pizarro zuletzt häufig im Mittelfeld, beziehungsweise ließ sich immer öfter in dasselbe zurückfallen. Allein diese Tatsache zeigt die Misere in Werders Mittelfeld. Wo nun der beste Stürmer aushelfen muss – der im übrigen 32 ist und somit mehr und mehr zum Strafraumstürmer werden sollte als zum Mittelfeldarbeiter – liegen Werders größte Probleme. Wenn man nach vorne nichts Kreatives zustande bringt, sind ständige Konter vorprogrammiert. Werder macht aus seinem Ballbesitz nichts, und das ist das Problem.

Hinten haben wir mit Prödl einen weiteren durchschnittlichen Spieler auf entscheidender Position. Er spielt ordentlich, aber nicht gut. Endgültig demontiert hat ihn Schaaf, als er ihn nach Wochen auf der Innenverteidigerposition gegen Enschede plötzlich auf die rechte Seite degradierte, um ihn durch den dort völlig neuen Torsten Frings zu ersetzen. Prödl sollte irgendwann Stammspieler anstelle Naldos oder Mertesackers werden, jetzt hatte er seine Chance, und seit Enschede kann man ihn als gescheitert betrachten.

Muss man über Silvestre noch reden? Es ist unglaublich, einfach unglaublich.

Einer der wenigen Lichtblicke ist Wesley, der vielleicht sogar in der Lage wäre, die Mittelfeldmisere zu lindern, aber vorerst noch als Außenverteidiger verwendet wird. Von ihm abgesehen fällt es schwer, sich eine Lösung für das Mittelfeld vorzustellen. Ein Transfer wie der von Diego gelingt nicht alle Tage, und bei Marin und Hunt ist es wie erwähnt Zeit, alle Hoffnungen fahren zu lassen.

Das gilt auch für den Europapokal. Alle drei Gegner sind Werder überlegen, sogar Twente, die vor allem körperlich ganz anders zur Sache gehen können als Werder. Nicht einmal die Europa League werden wir erreichen können, und haben so finanziell zwar gut verdient, es hätte aber auch noch viel mehr sein können. Und dann stellt sich automatisch die Frage nach der nächsten Saison, schon jetzt. Mertesacker wird gehen, selbst wenn diese Saison wider Erwarten doch noch gut ausgeht. Frings und Pizarro werden älter und spätestens in der nächsten Saison dann auch deutlich schlechter. Wer bleibt da noch? Wesley und Arnautovic haben zumindest das Zeug zum Star, aber dafür müsste sich einiges in der Mannschaft ändern. Prödl kann nicht der Mertesacker-Ersatz sein, er ist nicht gut genug. Somit besteht dringender Handlungsbedarf auf verschiedenen Positionen. Ob Allofs dabei erfolgreich sein wird, darf man gespannt erwarten. Allzu viel Geld dürfte nicht da sein, schließlich waren Wesley und Arnautovic nicht billig, und außer Mertesacker wird es wohl keinen lukrativen Verkauf geben.

Das ist aber auch alles nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Vereinsführung wieder zurück auf den Boden der Tatsachen kommt; dass sie selbstkritisch ist, dass sie ihre stinkende Selbstgerechtigkeit ablegt und für eine andere Stimmung im Verein sorgt. Dabei wäre ein Ende der Publikumsbeschimpfungen hilfreich, ebenso wie ein anderer Umgang mit den Spielern. Man hat sich eine weinerliche Gruppe von Jungprofis herangezogen, die sich zu wenig mit sich selbst und zu viel mit den anderen beschäftigt. Das kommt nicht von ungefähr, sondern ist gängige Praxis im ganzen Verein. Und das muss aufhören.

Eigentlich verkaufen die swb den Bremern Strom. Weil der aber ziemlich teuer ist, geben sie nebenbei auch reichlich Geld für Werbung und für ein Kundenzentrum aus, in dem sich dann schöne Veranstaltungen machen lassen. Dazu gehört auch das sogenannte “Hörkino”, bei dem man zum Radiohören endlich wieder aus dem Haus gehen muss. Und während im Dezember schon das Thema “Speed-Dating” Gegenstand einer ausführlichen Reportage wird, geht es im November noch bedeutsamer zu. Da geht es um “zwei Welten, zwei Wirklichkeiten”, um “ein Wintermärchen” und die Fragen “Was ist Lüge?” und “Was ist Wahrheit?”.

Aber halt, kann denn so ein transzendentales Thema wirklich die stromverbrauchenden Massen ins Kundenzentrum ziehen, ist das nicht etwas zu philosophisch?

Nein! Denn auf die ganz großen Fragen kommen deutsche Redakteure schließlich erst bei einem Thema, das als Publikumsschlager bekannt ist. Man ahnt es bereits, es geht hier um Israel und Palästina, und darum, wie man mit ganz großen Worten erst einmal gar nichts sagt. Da wird gemutmaßt, ob “beide Völker in einer Glasglocke” leben, nicht wie echte Europäer in der echten Welt und ohne Dach. Da wird rhetorisch gefragt, ob “der Frieden überhaupt erwünscht” ist, und wir kennen die Antwort, weil wir die für das Rührstück Verantwortliche kennen. Die macht sich, wie bei diesen Anlässen üblich, mit ihrer Identität wichtig: Ruth Fruchtman möchte als “jüdische Europäerin” verstanden werden.

Zwischen zwei Welten, zwei Wirklichkeiten, kaum zwanzig Kilometer voneinander entfernt, wird die Autorin als jüdische Europäerin zerrieben. Auch deshalb ein Wintermärchen.

Wenn letztere Phrase ein ganzer Satz wäre, könnte man vielleicht erahnen, was das Wintermärchen ausmacht und ob Heine sich angesichts des äußerst schlechten Ausdrucks von Frau Fruchtman wohl im Grabe umdreht. So bleibt nur zu sehen, dass der identitäre Quatsch dem Israelkritiker so wichtig ist wie seine jüdischen Freunde – man ist entweder “gerade als Deutscher” oder “besonders als Muslim”, “ich als Frau” oder eben als jüdische Europäerin, Linkshänderin, Raucherin oder als Migrant ganz besonders befähigt und betroffen.

Was Ruthie nun erlebt hat, verrät die Ankündigung nicht einmal ansatzweise. Man kann sich aber ungefähr ausrechnen, welchen Spin sie der ganzen Story gegeben hat, wenn man weiß, dass sie die “Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost” mitgegründet hat, und nachdem man ihren offenen Brief an Lala Süskind gelesen hat. Die Frau, die sich als “freie Journalistin” und als “Autorin” ausgibt, obwohl sie zumindest im Internet kaum publizistische Spuren hinterlassen hat, kann keinen Satz geradeaus schreiben. Das hindert sie aber nicht daran, als selbsternannte Stimme der Moral die altbekannten Anwürfe gegen Israel und – damals aktuell – gegen die Jüdische Gemeinde Berlin zu artikulieren.

Schon an wenigen Beispielen aus ihrem Text lässt sich ermessen, was Fruchtman umtreibt. Dankbarer Gegner ist dabei einmal mehr der zweifellos widerliche Avigdor Lieberman:

Keine Erwähnung der Sprache des israelischen Außenministers, Avigdor Lieberman; seiner in der Öffentlichkeit geäußerten Drohung, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Knesset Abgeordnete, hinrichten zu lassen.

Nur dumm, dass der damals nicht Außenminister, sondern einfacher Abgeordneter war, und dass er seiner Hoffnung Ausdruck verliehen hat, es möge so kommen, nicht aber damit gedroht hat. Wie sollte er auch drohen, wenn jeder weiß, dass er nicht in der Position dazu ist. Übrigens ging es um Abgeordnete, die Kontakt zur Hamas haben. Wenn Fruchtman also hier einen drohenden Außenminister beschreibt, wo tatsächlich ein hetzender Abgeordneter stand, ist das mindestens ein gefälschtes Zitat.

Mehrfach scheitert Fruchtman an der Zeichensetzung:

Demnach bestreitet sie [Iris Hefets] nicht die Existenz des Staates – nach Ihrem Informationsblatt: Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ freundlicherweise zur Klärung auf den Sitzplätzen ausgelegt – einer der Punkte, der einen zum Antisemiten macht.

Dabei ist es fast lustig zu lesen, dass Fruchtman offenbar tatsächlich das Bestreiten von Israels Existenz und nicht etwa dessen Existenzrechts für problematisch und diskutabel hält. Mit solchen Leuten kann man auch über die Existenz des Mondes streiten; zumindest aber der Mondlandung.

Vielleicht ist es müßig, sich mit dem sprachlichen Unvermögen der Israelkritikerinnen auseinanderzusetzen, aber bitte, man darf das nicht ignorieren.

Es ist schade, daß Henryk Broder und Prof. Micha Brumlik, der sich auch den Ausdruck „Jüdischer Antisemit“ zu eigen macht, offenbar die jüdische Diskussionskultur in Deutschland – sehr zu deren Ungunsten – beherrschen.

Zu wessen Ungunsten? Der Juden offenbar, aber wieso schreibt sie das bloß nicht? Sie selbst lehnt den Begriff vom jüdischen Antisemitismus “kategorisch ab” und immunisiert sich so selbst. Denn sie möchte gerne alles mögliche behaupten können, ohne dafür kritisiert zu werden, in ihren Worten: “diffamiert zu werden.”

Dann schlägt sie in dieselbe Kerbe wie Iris Hefets. Mit der Erinnerung an den Holocaust muss Schluss sein. Israels Kritiker müssen den Massenmord an den Juden erst entsorgen, damit sie anschließend die Verteidigung des Staates als unnötig herausstellen können. Dabei will Fruchtman die Erinnerung noch zulassen, nur Konsequenzen sollen bitte keine gezogen werden:

Nur ist die Heilige Kuh, der Holocaustkult, etwas angekratzt. Als Jüdin befürworte ich selbstverständlich das Erinnern an den Holocaust, jedoch weder dessen Sakralisierung noch dessen Instrumentalisierung; beide sind Mißbrauch. Auch der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman warnt vor einer Sakralisierung des Holocaust.

Im letzten Satz wird es geradewegs grotesk: Die jüdische Fruchtman sucht sich einen Kronzeugen, den sie wiederum explizit als jüdisch ausweisen muss, damit ihre gemeinsame Position gestärkt wird. Es ist also nicht den Nicht-Juden vorbehalten, auf das Jüdischsein einiger ihrer besten Freunde zu verweisen.

Während Ruth Fruchtman politisch auch von allen guten Geistern verlassen sein mag, kann sie privat ein toller Mensch sein. Allerdings kommt man ins Zweifeln, wenn sie Sätze wie diesen über die Freundschaft sagt:

Besteht wahre Freundschaft nicht vielmehr aus sachlicher Kritik als aus einer unverbindlichen Jasagerei?

Was sind das für Menschen, für die sachliche Kritik die Kerneigenschaft von Freundschaft ist? Wie darf man sich ein Gespräch unter Freunden da vorstellen?

Man darf davon ausgehen, dass die swb einen Abend der Israelkritik veranstalten und bezahlen und eine bisher kaum gelesene ältere Dame, die gerne Journalistin wäre, damit ein Stück salonfähiger machen. Das ist, wie JP Hein richtig anmerkt, ein kleines Ärgernis. Hein weiter: “Dass der “Rundfunk Berlin-Brandenburg” ein Stück der Aktivistin Fruchtman ins Programm nimmt und sie damit zur Journalistin macht, ist ein großes Ärgernis.”

Angesichts der Fandemo, die am kommenden Wochenende in Berlin stattfinden wird, muss die Redaktion einiges klar stellen. Zunächst einmal sollte man in Hamburg und anderswo wissen, dass wir vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche ULTRAS sind. Das wird Samstag nicht anders sein.

Leider können wir den Aufruf zur Demo nicht ernst nehmen. Wir fordern keine Zusammenarbeit mit der Polizei, keine zahmen Polizeihunde, wir fordern die Abschaffung von Polizei, Staat und Kapital. Wir begrüßen jedes neue Stadionverbot als Zeichen dafür, dass der Gegner uns ernst nimmt. Ebenso gilt uns jede weitere Einschränkung der Freiheiten in der Kurve als willkommener Anlass zur Radikalisierung weiterer Teile der Fanszene. verbrochenes.net will nicht Teil der Kulisse sein, wir wollen die Regie übernehmen.

Verweichlichtes Gejammer über Kultur und anderen unaufgeklärten Kram können wir nicht ernst nehmen. Die Kriminalisierung der Ultraszene ist Realität, und eine gute Realität ist sie. Diebstahl, Raub und Gewalt gegen Privateigentum und Staatsmacht sind eine angemessene Reaktion auf den Zustand der Welt.

Angesichts der gewalttätigen und intellektuell unterirdischen Formen, die die Ultrakultur angenommen hat, ist der Wunsch, für selbige “zu werben”, noch absurder als ohnehin schon. Man muss sich diesem Vorhaben entschlossen verweigern. Wer demonstriert, um sich selbst zu bewerben und seine sozialen und kulturellen Verdienste gewürdigt zu sehen, sollte sich besser mal einen Job suchen, da gibts Anerkennung in Zahlen. Euer peinliches Gedaddel nützt niemandem und interessiert keinen. Und wenn Ihr da nicht mehr von Euch aus stolz drauf sein könnt, ohne auf die Straße zu gehen und um Anerkennung zu betteln, dann habt Ihr schon mehr erkannt, als wir dachten.

Schluss mit dem Gejammer! verbrochenes.net will sich allen “Notwendigkeiten verschließen”, die die Aufrufenden anerkennen wollen. Die Redaktion fordert eine “maßlose Entwicklung”, anstatt sie abzulehnen. Wir fordern jeden zu einem langen Waldspaziergang auf, der in sich selbst den Wunsch nach “Identifikationsmerkmalen” bemerkt hat. Die Betreiber der Datei Gewalttäter Sport fordern wir auf, die Datei umzubenennen: Fußball interessiert uns nicht.

“Rechtswidrige Gewalt von Polizisten” ist für uns nicht schlimmer als rechtskonforme Gewalt von Polizisten. Trotzdem wären wir bereit, überlaufende Staatsdiener als unseren bewaffneten Arm aufzunehmen. Bisher sind wir nicht schlagfertig genug, weil wir alle schmächtige Hänflinge und alleinerziehende Mütter sind.

Aus Eitelkeit und Geltungssucht werden wir trotz des bescheuerten Aufrufs am Samstag bei der Demo mit einem eigenen Block zugegen sein und fordern alle Leser auf, sich uns anzuschließen. Ihr findet uns da, wo es brennt und knallt, wo die Besoffenen wanken, im gemeinsamen Block mit den Ultras Red Bull Leipzig. Unsere Forderungen:

Sofortige Auflösung von BAFF und ProFans, gerne mit Abschiedsfeier

Bundesweiter Generalstreik, Massensolidarisierung mit Fußballfans

Entlassung von Dida Zeiffer

Umwandlung des HSV in eine britische Ltd.

Wer sich mit uns messen will, soll eine eMail schreiben. Beachtet bitte, dass wir uns nur noch in Unterzahl und mit älteren Kampfsportlern schlagen. Alles andere wäre unehrenhaft.

In Oldenburg gibt es ein “autonomes Aktions- und Kommunikationszentrum”, in dem sich die örtliche Szene trifft. Weil Autonomie aber einen Haufen Geld kostet, gibt es dort heute abend Techno für die zahlende Feierjugend. Auf diesem Wege treten die tollsten Leute in autonomen Zentren auf. Wie hier nachzulesen ist, kommt mit “DerDeltarocker” ein echter Humanist in den linken Laden.

Der DJ hört auf den Namen „Delta­ro­cker“ und ge­hört zu einer Par­ty­trup­pe na­mens „Terz AG“. Die fei­er­ten 2008 im ört­li­chen Bor­dell und ver­spra­chen neben „dre­cki­gen Beats“ auch „saf­ti­ge Aus­bli­cke“: „ein­tritt frei – fi­cken kost was“, hieß es auf dem Flyer.

“Eintritt frei – ficken kost was”. So sieht zwar kein gutes Leben aus, aber wohl das, was man in Oldenburg unter einer guten Party versteht. Warum solche Leute dann später in einem autonomen Zentrum auftreten dürfen, ist offen: Entweder interessiert es einfach niemanden oder man braucht das Geld. Oder in Oldenburg schätzt auch die linke Szene ein bisschen Prostitution, der “saftigen Ausblicke” wegen.

Dabei lohnt es sich, den netten Deltarocker näher kennenzulernen. Martin Wassermann vom Reflexion-Blog hat ein Gespräch veröffentlicht, das er auf Facebook offenbar mit dem Musiker geführt hat. Auf nervige Fragen hin fragt der Gesprächspartner zurück, ob Wassermann wohl Hartz IV beziehe, er meint das als Beleidigung. Neben dieser Verachtung für arme Leute, die ihn geradezu für einen Auftritt in einem linken Zentrum prädestiniert, hat er aber auch noch interessante Informationen über die deutsche Geschichte – was hatten unsere Großeltern es schwer! – zu bieten. Nichts anderes als der alte Naziklassiker, die Bombardierung Dresdens, liegt ihm am Herzen. Die war nämlich “reiner hass und revanche seitens der engländer und nur gegen die zivil-bevölkerung gerichtet obwohl der krieg schon längst gewonnen war”.

Der antifaschistische Krieg gegen Hitler-Deutschland wird umgelogen zum “reinen Hass der Engländer”; das kommt direkt aus Goebbels Repertoire, jedes Jahr wieder neu vorgetragen von Nazis und ihren Kameraden. Und offenbar von deutschen DJs aus der Mitte der linken Klub-Gesellschaft. Da schließt sich in privater Diskussion der Kreis zum öffentlichen Puff-Auftritt.

Reflexion fasst zusammen:

Die po­li­ti­schen Aus­sa­gen wer­den nicht auf der Tanz­flä­che, dafür aber an­ders­wo ge­trof­fen. Der „Delta­ro­cker“ ist da keine Aus­nah­me. Un­po­li­ti­sche Elek­tro-​Mu­cke als DJ; Ge­schichts­re­vi­sio­nis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus im Pri­vat­le­ben.
Daran schien sich in der Ver­gan­gen­heit nie­mand zu stö­ren. Viel­leicht hat sich aber auch kei­ner der fei­ern­den Dorf­men­schen die Mühe ge­ge­ben, dem „Delta­ro­cker“ ein­fach mal rich­tig zu­zu­hö­ren.

Im Zuge der Umbauarbeiten im Weserstadion kommt es zu größeren Veränderungen als bisher angenommen. Erstmals soll in der Bundesliga das sogenannte “Kabinenmodell” eingeführt werden. Dabei haben sich die Verantwortlichen von Werder Bremen etwas in einer ganz anderen Branche abgeguckt: Ähnlich den in Pornokinos installierten Kabinen sollen nun auch Fußballfans in den Genuss eines ganz privaten Vergnügens kommen. Die Kabinen sind gut 1,20m breit und bieten durch Plexiglasscheiben einen komfortablen Blick auf das Spiel. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, soll das Weserstadion das erste vollständig durchkabinierte Stadion der Welt sein, mit gut 32.000 Einzelkabinen auf allen vier Tribünen.

Ein ehemaliger Erotik-Unternehmer berät den Verein in der Sache und erläutert das Prinzip: “Die Kabine hat den großen Vorteil, dass man ganz alleine ist und in Ruhe das Spiel sehen kann. Alles, was beim Fußball früher unangenehm war, fällt jetzt weg, und das Live-Erlebnis bleibt erhalten.” Der Verein reagiert mit dem Umbau auf Wünsche seiner Fans und auch der Polizei. Viele Fans hatten sich erst kürzlich wieder über Bierbecherwürfe beschwert. Durch gewöhnliche Baumaßnahmen war diese Gefahr nicht zu bannen, so dass die unerträgliche Sicherheitssituation kreative Lösungen verlangte. “Wir können es unseren Fans, gerade den Älteren, nicht länger zumuten, sich in der Nähe von biertrinkenden anderen Fans ein Fußballspiel anzusehen. So ein biertrinkender Fußballfan, und so sehen das auch unsere Fans, der ist ja eine niemals richtig zu beherrschende Gefahr” sagt der Sicherheitsbeauftragte von Werder Bremen.

Ähnlich war es mit der immer noch üblichen Unsitte, anderen Fans die Sicht zu versperren. Wie eine Untersuchung durch den Fanbeauftragten ergab, konnte man in 5% des Stadions oftmals weniger als 92% des Spielgeschehens verfolgen, weil etwa Fahnen geschwenkt wurden oder Menschen wahnhaft auf und ab hüpften. “Das hat wirklich eine bedrohliche Dimension, dieses Hüpfen”, sagt eine Betroffene. Aber auch dafür soll im Weserstadion Platz sein, findet der Fanbeauftragte: “Werder ist ein Verein für alle Menschen, und hier sollen sich auch alle ausleben können.” Das neue Kabinenmodell sorgt jetzt dafür, dass jeder auf seinen 1,2 Quadratmetern so Fan sein kann, wie er das gerne will. Sogar laut singen ist jetzt möglich, ohne andere Fans zu stören: Die Kabinen sind schalldicht. Das heißt aber nicht, dass keine Kommunikation mehr möglich wäre. Denn über ein Lautsprechersystem kann der Verein weiterhin tolle Musik und wertvolle Produkthinweise an seine Gäste weitergeben.

Ein Herzenswunsch der ganz treuen Fans, der Ultras, wurde ebenfalls erfüllt: In zehn mit spezieller Belüftung ausgestatteten Kabinen ist jetzt das Abbrennen von Pyrotechnik möglich. Die Sichtfenster der Kabinen sind im ganzen Stadion so ausgestattet, dass man nur in einer Richtung hindurch schauen kann. So kann in der Kabine das ein oder andere Bengalo gezündet werden, ohne dass andere Fans durch das Licht geblendet werden. “Mit dem neuen Kabinensystem kann der Ultrafan von heute sich richtig ausleben” sagt stolz der Vorsitzende des Dachverbands der Bremer Fanclubs, “das war uns wichtig.” Auch die den Ultras so wichtige Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern, ist nun endlich wieder gegeben. Der Sicherheitschef: “Wir erlauben jetzt sogar wieder Spruchbänder, in denen der Gegner beleidigt wird. Die Ultras wollten das gern, und durch die baulichen Gegebenheiten haben wir dafür gesorgt, dass es auch kein Problem mehr ist.”

Auf Wunsch kann die Scheibe, durch die der Zuschauer das teilweise doch bis zu zwanzig Meter entfernte Spielfeld sieht, auch durch einen modernen Bildschirm ersetzt werden. So sind Werders Fans immer direkt auf Ballhöhe, können Wiederholungen sehen und bei Nichtgefallen des Spiels auch einfach ein anderes gucken. Überhaupt haben die Fans jetzt viel mehr Freiheiten. Sie können in ihrer Kabine machen, was sie wollen. Dauerkabinenbesitzer können sich ihr Domizil auch individuell gestalten und zwischen drei verschiedenen Designs wählen. Mit dem Zusatzpaket “Sound” können die ganz traditionsbewussten Fans sich auch Fangesänge über kleine Lautsprecher einspielen lassen. Diese Gesänge waren vorausschauend schon in der letzten Saison aufgezeichnet worden, um ein echtes Stadionfeeling möglich zu machen. Zahlende Kunden können zwischen den Kanälen “Bremen”, “Italien”, “England” und “Türkei” wählen, welche Atmosphäre in ihrer Kabine herrschen soll.

Finanziert wird die neue Regelung vor allem über die Eintrittspreise. “Ein besseres Produkt darf auch mehr kosten” ist der Gedanke, der hinter der Modernisierung steht. Kurz wurde erwogen, doch noch einen Namenssponsor für das Stadion ins Boot zu holen, das scheiterte aber an den meist frivolen Namen, die die in Frage kommenden Masturbationskino-Unternehmen im Sinne hatten. Werder Bremen ist ein Premiumprodukt und will diesen Ruf auch nicht gefährden. Dabei hofft man auf einen Export der eigenen Idee, Werder hält ein Patent an dem neuen Kabinensystem. “Wir werden in Zukunft darauf drängen, dass in Bremen durchgesetzte Sicherheitsstandards auch in anderen Stadien Wirklichkeit werden” heißt es aus dem Werder-Vorstand.

Die Polizei begrüßt das neue Konzept zwar, hat aber auch einige Bedenken. “Die Kabinen stellen leider nicht sicher, dass es keine Gewalt mehr gibt. Neue Formen sind möglich, Autoaggressivität bis hin zum Selbstmord ist insbesondere bei Niederlagen vorstellbar. Oder Gewalt gegen Dinge, also gegen die Kabine selbst, etwa mit Aufklebern oder Schlüsseln” heißt es in einer Pressemitteilung der Bremer Polizei. Gegen letztere fordern die Polizisten strengere Durchsuchungen der Fans bei der Anreise, außerdem haben die Beamten bereits eine Kameraüberwachung in allen Kabinen durchgesetzt. “Unter dem Strich”, so schließt die Presseerklärung deshalb wohlwollend, “ist das Kabinensystem ein erster kleiner Schritt in eine sicherere Zukunft des Fußballs.”

Die Ultra-Gruppe Infamous Youth geht heute abend nicht zum Champions League Spiel, weil Werder die Preise massiv erhöht hat. Weil ich auch lange mit mir gerungen habe, ob ich zu einem der Spiele hingehe, dokumentiere ich hier gern ihre Begründung. 100 Euro kosteten mich die drei Karten für Enschede, Tottenham und Inter, und es sind die billigsten nicht-ermäßigten Karten, die man kaufen kann. Sie liegen auf der Baustelle der Ostkurve und sind unüberdacht. Ich habe ein paar Sätze zum Thema im Fanszene-Forum geschrieben. Die Wanderers Bremen, eine weitere Bremer Fangruppe, bleibt ebenfalls heute draußen.

Und wie ich jetzt erst sehe: Das UltrA-Team Bremen hat sich der Erklärung von IY angeschlossen.

Stellungnahme zum Boykott der CL-Heimspiele

Mit diesem Schreiben möchten wir den einstweiligen Boykott aller Champions-League-Heimspiele bekannt machen. Angesichts der unerträglichen Preispolitik des Vorstandes bleibt uns keine Alternative zu diesem schweren Schritt, da es nicht mehr allen Mitgliedern bzw. Personen aus unserem Umfeld möglich ist, die Kosten für diese Spiele zu stemmen. Somit ist nun auch unsere Gruppe von einer Entwicklung erreicht worden, die die Dauerkarteninhaber_innen auf den Sitzplätzen bereits im Mai zu spüren bekommen haben und einen Teil des Stammpublikums dazu veranlasst hat, zukünftig auf ihr Saisonabo zu verzichten.

Wir sprechen uns entschieden gegen die astronomischen Preiserhöhungen aus. Der Besuch des Weser-Stadions muss weiterhin auch für weniger zahlungskräftige Menschen möglich sein. Die Preispolitik zeigt auf eindrucksvolle Weise, was “Soziale Verantwortung” für den Vorstand bedeutet. Hierbei geht es ihm nicht um die Identifikation mit und das Handeln nach entsprechenden Werten, sondern vielmehr um den Aufbau eines Images, das durch symbolische Akte aufrecht gehalten wird und ansonsten in entscheidenden Fragen bedeutungslos bleibt.
Denn was nützen Vorträge an Schulen, wenn die Spiele des SV Werder Bremen zu Ereignissen verkommen, die sich Schüler_innen nicht mehr leisten können? Wie überaus selbstgerecht muss ein Vorstand sein, der meint, seine Fangemeinschaft auf einen “Ethik-Kodex” einschwören zu können und gleichzeitig Entwicklungen in Gang setzt, die sozial schwächer gestellte Fans um einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens bringen? Sollen Schlagwörter wie “Werder-Familie” und “Engagement gegen Diskriminierung” nicht zu hohlen Floskeln verkommen, bedarf es einer deutlichen Korrektur der Preispolitik.

Abgesehen von dieser Hauptthematik erhielten wir zudem in der letzen Woche von Seiten des Vorstandes die Ankündigung, dass die seit Einführung der Sitzplatzpflicht bei Europacupspielen etablierte Praxis aller Supportwilligen, sich in einem Teil der Ost einzufinden und zu stehen, in Zukunft behindert werden soll. Der Ordnungsdienst soll diesbezüglich eine spezielle Anweisung erhalten haben, bei den kommenden CL-Spielen in Bereichen der Ostkurve verstärkt und strenger auf gültige Karten für den jeweiligen Platz zu kontrollieren als in vergangenen Spielzeiten. Anstatt endlich ein Konzept zu entwickeln, dass die Zuteilung zusammenhängender Plätze für größere Fangruppen, die während der Spiele zusammenstehen möchten, möglich macht, soll nun scheinbar gegenteilig gehandelt und dafür gesorgt werden, dass jede_r Besucher_in den jeweils zugeteilten Platz aufsucht. Wenn dies zur Praxis wird, wäre ein organisierter Support durch aktive Fans quasi unmöglich oder zumindest stark eingeschränkt. Außerdem zeigt sich, wie gering die Bereitschaft des Vorstandes ist, die speziellen Bedingungen in der Ostkurve und die Bedürfnisse der Fans zu verstehen und zu berücksichtigen. Diese Nachricht bestärkte uns in der Ansicht, dass ein Verzicht auf die Champions-League-Heimspiele bis auf weiteres unumgänglich ist.

Wir hoffen, bald einen Weg zu finden, der uns ein gemeinsames Auftreten als Gruppe bei diesen Spielen wieder möglich macht.

Infamous Youth & Ultra Team Bremen , September 2010

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