Eigenes

Meist bedeutungslos.

Wolfgang Pohrt über die nationale Identität der Deutschen, 1984:

Ohnehin gehen aus dem täglichen Existenzkampf keine strahlenden Sieger hervor, sondern nur mehr oder minder Unterlegene, Kriegsversehrte gewissermaßen in abgestufter Form mit unterschiedlichen, sehr ungerecht geregelten Ansprüchen auf Entschädigung: je geringer die Verletzung, desto besser die Rente. Einen Schaden aber haben alle. Erschwerend kommt nun in Deutschland hinzu, daß jeder nicht nur eines jeden Konkurrent im Existenzkampf, sondern obendrein eines jeden Aufpasser, Oberlehrer, Hausmeister ist. Überall verlangt auch der Erfolg, daß man sich für die Firma ruiniert, gehört auch (…) zum Gipfel der Macht die gescheiterte Ehe, die trunksüchtige Gattin, das debile Kind, die Entziehungskur, die Bypass-Operation und der Herzschrittmacher. Keiner, der nicht wenigstens einen mächtigen Gegner hätte, dessen Schikanen oder was er dafür hält er schlucken und wegstecken muß, ohne sich revanchieren zu können. Hier aber, wo die herrschende Klasse aus Angst vor dem Neid und der Mißgunst der Armen zeitweilig öffentlich Eintopf fraß, zittert jeder vor jedem.

So kann sich die fixe Idee, als Volk zukurzgekommen zu sein, auf die Lebenserfahrungen unzähliger kleiner Niederlagen stützen, die zu erleiden man sich keineswegs erst ins Büro bemühen muß. Einkäufe, ein Cafébesuch und eine Straßenbahnfahrt genügen, um vom Personal zurechtgewiesen und angefahren zu werden – falls man nicht selbst schneller war, womit freilich nur die Rollen vertauscht sind, ohne daß sich an der Sache etwas geändert hätte. In der Wahnvorstellung vereinigen sich die im gehässigen Kleinkrieg gegeneinander allesamt Unterlegenen nun zum nationalen Kollektiv: jeder tritt jeden, gemeinsam treten sie zurück. Angewachsen zur nationalen Schmach, ausgestattet mit deren Rang und Würde, werden die täglichen Nadelstiche erträglich, außerdem ist millionenfaches Leid ein durch Millionen geteiltes. Mit der Bedrohung durch die Supermächte kann man hundert Jahre leben, während der patzige Kollege, dem man im Tran die passende Antwort schuldig blieb, sich in durchwachten Nächten langsam aber sicher durch die Magenwände nagt.

Die Trostlosigkeit der Quellen gerade, aus denen sich die nationale Identität oder das Nationalgefühl der Deutschen speist, gewährleistet dessen Dauerhaftigkeit, dessen Stehvermögen. Es kann weder altern, noch in Vergessenheit geraten, denn jeder Tag, den Gott werden läßt, ist wie ein Jungbrunnen, fast wie ein Geburtstag für dasselbe. Die großen Augenblicke der Menschheitsgeschichte – der Sturm auf die Bastille, die Magna Carta, die Erklärung der Menschenrechte, der 8. Mai 1945 – sind demgegenüber bloß ephemer, Zeiterscheinungen, Eintagsfliegen, einmalig, flüchtig und vergänglich, Dinge also, die nicht dauern, und von denen am Ende nur die Erinnerung übrig bleibt. Sie und ihr Ruhm können mit der Zeit verblassen, und mit ihnen die nationale Begeisterung, die sie zu wecken verstanden. Der deutsche Nationalismus hingegen zehrt nicht von der Erinnerung ans herausspringende historische Datum, sondern er nährt sich, er ist gesättigt vom Alltagserlebnis, von der Lebenserfahrung, er regeneriert sich in jedem Familienkrach, in jedem Zank zwischen Nachbarn, er profitiert von zahllosen kleinen Bürointrigen wie von der einen großen Arbeitslosigkeit. Weil sich der Bürger ums Eigentliche, Wesentliche im Leben letzten Endes doch betrogen fühlt, denn entweder war man glücklich oder erfolgreich, nie beides und meist weder noch; weil es zum Schicksal des Bürgers gehört, nicht von der großen, sondern von den unzähligen kleinen Niederlagen zur Strecke gebracht zu werden; und weil sich schließlich in dies trübe Lebensgefühl hier keine störende Erinnerung an heroische historische Augenblicke, Bruchstellen in der Geschichte und im Alltag gewissermaßen mischt, deshalb wird es eine nationale Identität oder ein Nationalgefühl der Deutschen geben, solange die bürgerliche Gesellschaft dauert. Basierend auf ihren Mißhelligkeiten, dem Einzigen, worauf im Leben wirklich Verlaß ist, was täglich wiederkehrt und ewig dauert, ist dieser Nationalismus gleichsam auf Granit gebaut. Das Unspezifische, Ahistorische ist gerade seine Besonderheit, seine Eigenart, und sie erklärt, wieso er unter wechselnden Bedingungen immer derselbe bleiben konnte und dabei so zeitlos wie modern, von gleichbleibender Antiquiertheit und Aktualität in einem.

Aus Wolfgang Pohrt: Kreisverkehr, Wendepunkt. S. 113ff

An den „Krautreportern“ und ihren schwachen ersten Texten gab es einige Kritik. Es ist alles ein bisschen doof und ein bisschen langweilig. Es ist allerdings auch richtig, richtig peinlich. Selten etwa hat man einen so schlechten Artikel über den Nahostkonflikt gelesen wie den von Stefan Schulz. Das liegt zum einen daran, dass er gar nicht über den Nahostkonflikt schreibt, sondern über Tilo Jungs Videos. Und zum anderen daran, dass er gar keine Ahnung hat, wovon er schreibt. Das dürfte alle irritieren, die hier für besonderen Qualitätsjournalismus bezahlt haben und das Gegenteil bekommen. Der Text ist unstrukturiert, hat kein erkennbares Argument, kein Thema und ist schlecht geschrieben. Einige Beispiele:

Der rote Faden der bisher 17 Videos ist ein Fragen aufwerfender Widerspruch: Wieso führte ausgerechnet der Zionismus, die Abkehr von religiösen Lehren, zum erbitterten Kampf um religiöse Stätten?

Der Faden ist ein Widerspruch, damit müssen wir leben. Aber wer den Zionismus nur als „Abkehr von religiösen Lehren“ versteht und den Nahostkonflikt zum „Kampf um religiöse Stätten“ verkürzt, sollte sich vielleicht noch einmal an die Grundsätze der Krautreporter erinnern:

„[Wir nehmen] uns Zeit “ zum Recherchieren, Experimentieren, Diskutieren und natürlich zum Lesen. … Wir wollen es anders machen. Mit Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Über Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert.“

Stattdessen will man sich anscheinend lieber „wenig Mühen“ machen und schreibt auch so. Zum Nahostkonflikt:

„Man braucht sich daher wenig Mühen damit machen, herausfinden zu wollen, was wirklich wahr und wer wirklich schuld ist: Der Konflikt wird nicht weniger mit Worten als mit Waffen ausgetragen.“

Man braucht sich nicht mühen zu wollen, das ist wirklich wahr. Weiter geht es mit hanebüchenen Behauptungen, die teilweise vom locker palavernden Haaretz-Reporter stammen:

„Literaturjournalist Ziffer erinnert an die Briten, als die Urheber der zionistischen Idee, abseits religiöser Lehren und des Wartens auf Messias und Erlösung einen Staat für Juden zu gründen.“

Ja, da ist ein Komma zu viel, auch Tage nach der Veröffentlichung noch, und „die Briten“ sind eine britische Romanautorin, in deren Werk die Idee einer Rückkehr der Juden ins Gelobte Land vorkommt. Diese Idee ist bekanntlich das ein oder andere Jahrtausend älter; weil aber ihre Umsetzung durch die Zionisten ein bisschen später kam, glaubt Stefan Schulz jetzt, dass die Briten den Zionismus erfunden haben.

Die Versprechen der Weltkriegspartei Großbritannien an die Konfliktparteien im Nahen Osten lesen sich so:

„Thomas Edward Lawrence (später berühmt als „Lawrence of Arabia“) versprach den Arabern alle Ländereien für ihren Einsatz an Britanniens Seite gegen das Osmanische Reich. Lord Arthur Balfour nahm ihnen dann per Deklaration ein Stück für Israel wieder weg. Es folgte der erste arabische Aufstand gegen jüdische Siedlungen in Palästina.“

„Die Araber“ werden flugs dergestalt homogenisiert, dass man ihnen als Kollektiv „alle Ländereien“ versprechen kann. Welche „Ländereien“ das sein könnten, wird auch durch den Kontext nicht deutlich, es sind halt „alle“. Was „die Araber“ dann nie erhalten haben, kann ihnen Balfour trotzdem wieder wegnehmen. In der Krautreporter-Darstellung folgen diverse gewaltsame Auseinandersetzungen und die Frage nach deren Ursache. Schulzens Antwort darauf ist so falsch wie sie aufschlussreich ist:

„Aber warum? Theodor Herzl, Autor von ‚Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage‘ (1896), ersann die konkrete Idee, eine Heimat für Juden zu schaffen, um so die Diaspora, und mit ihr Vertreibung und Antisemitismus zu beenden “ allerdings in Uganda. Beim Zionistenkongress in Basel stieß er 1903 auf taube Ohren. Im Jahr darauf erlag er einem Herzleiden.“

Theodor Herzl wollte nie einen Judenstaat in Palästina errichten – das ist in der Tat mal eine Geschichte, die man so nirgendwo anders lesen kann. Natürlich hätte man das alles in wenigen Minuten überprüfen können, Wikipedia und so. Aber dann hätte die Kausalkette nicht mehr funktioniert: Warum schließlich all die Auseinandersetzungen im Nahen Osten? Weil die Juden nicht nach Uganda gegangen sind!

Auch die Ereignisse von 1948 werden packend geschildert:

„Am selben Tag im Mai 1948, an dem die Briten die Region verließen, bombardierte Ägypten Israel. Rund 600.000 Einwanderer lebten damals in Israel, nicht einmal ein Zehntel der heutigen Zahl jüdischer Bürger des Landes. Dies ist der Ursprung der inzwischen historisch und politisch orientierungslosen Konflikte.“


Orientierungslose Konflikte
gibt es wohl nur in Palästina, historisch und politisch orientierungslose Journalisten gibt es beim Krautreporter. Der Krieg des gerade gegründeten Israels gegen nicht weniger als fünf arabische Staaten wird hier als „Bombardierung“ durch Ägypten beschrieben. Und was „dies“ im letzten Satz bedeutet, was also „der Ursprung“ sein soll, bleibt völlig unklar. Fest steht nur, dass er nun ins Jahr 1948 verlegt wird, wie praktisch! Oder sind die „600.000 Einwanderer“ vielleicht das Grundübel Palästinas? Man weiß es nicht.

Ein weiteres Beispiel für die schlampige Schreibe: „Dadurch ist Israel, damit behauptet sich das Land, die einzige Demokratie in der Region.“ Damit behauptet sich das Land?

Ebenso wenig Sinn ergeben hier das Zitat und dessen Einrahmung: „Max Blumenthal ist gänzlich desillusioniert: ‚Dein Land, Deutschland, versorgt Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten.'“ Hatte Max Blumenthal zu einem früheren Zeitpunkt das Gegenteil geglaubt, oder warum deutet das ausgerechnet auf eine Desillusionierung?

Derselbe Blumenthal behauptete in einem der Videos, der israelische Ministerpräsident Netanjahu sei Atheist, was sich binnen Sekunden widerlegen lässt. Netanjahu 2011 bei den UN: „And with God’s help, we’ll find the common ground of peace.“

In Israel glauben scheinbar selbst die Atheisten an Gott.

Die Redaktion Verbrochenes fordert den Aufsichtsrat des SV Werder Bremen auf, umgehend zu erklären, dass der Verein nie wieder einen Trainer beschäftigen wird, der

… noch nie das 6:0 gegen den HSV geschossen hat.
… keinen osteuropäischen Akzent hat.
… weniger als 18 Jahre im Verein ist.
… eine andere Frisur als Willi Lemke hat.
… noch nie für Metalurg Saporischja gespielt hat.

Kurzum: Die Redaktion bekennt sich zu Viktor Skripnik, sie glaubt an ihn und an ihn allein. Und jetzt was für’s Herz:

Damals, 1983, war ich mit meiner ehemaligen Mannschaft zwischen Hamburg und Bremen im Trainingslager. Ich sah einen riesigen Bus in den Farben Grün und Weiß. Es war der Bus von Werder Bremen. Ich als kleiner Mann aus Osteuropa, verliebte mich sofort in diese Farben und in diesen Namen. Hinzu kam, dass in der Saison 1987/88 Spartak Moskau gegen Bremen im UEFA-Pokal spielte. Spartak gewann zu Hause mit 4:1, im Weserstadion verloren sie aber gegen Bremen 6:2. Mein Vater und ich schauten dieses Spiel an und ich war einfach nur begeistert, wie diese Mannschaft funktionierte. Bremen war mein Traumverein, doch leider war die Grenze immer noch zu. Erst nach dem Ende der Sowjetunion kamen internationale Trainer in meine Stadt. Einer dieser Männer war Bernd Stange, der ehemalige Trainer der DDR. Er empfahl mich an den damaligen Werder-Trainer »Dixie« Dörner und ich ging nach Bremen.

Der ruhmreiche SV Werder Bremen ist auf dem letzten Tabellenplatz angekommen. Sieben Spiele ohne Sieg waren schließlich genug, um sogar am HSV vorbeizuziehen. Die Zahlen sprechen gegen die Verantwortlichen. Ob der Tabellenplatz den gezeigten Leistungen entspricht, darüber streiten die Gelehrten noch. Und ob die sportliche Misere – so es denn eine ist – am Trainer oder am Kader, an den Verantwortlichen oder an den Finanzen liegt, sind weitere Fragen, die seit gestern noch intensiver diskutiert werden.

Bestürzender als die sportliche Misere ist allerdings, wie die Verantwortlichen den SV Werder heute nach außen verkaufen, welches Bild sie von unserem Verein entwerfen. Denn aus dem Verein, der sich einst mit aberwitzigem Offensivfußball profilierte, soll ein Kämpfer-Klub werden. Dem Verein, der stets ein linksliberal angehauchtes Mittelstandspublikum anlockte, soll kleinbürgerliche Giftigkeit angeheftet werden. Aus dem Verein, der smart und unaufgeregt immer wieder mit den finanziellen Schwergewichten mithalten konnte, soll nach dem Willen von Thomas Eichin und Robin Dutt eine neidbeißerische Fatzke-Vereinigung werden, die vor den Großen erst kapituliert und dann schlecht über sie redet.

Einige Beispiele. Zlatko Junuzovic kennt aktuell „nur eine Devise: Marschieren bis zum Geht-nicht-mehr.“ Dazu hat er doch noch eine andere Idee, nämlich „auch mal ein bisschen unfair“ zu spielen. Werder Bremen: der sympathisch unfaire Marschierverein. Statt schönem Spiel oder modernem Konzeptfußball werden Kampf, Einsatz und Leidenschaft beschworen – und Arbeit. So hat sich Robin Dutt nach der Niederlage in Wolfsburg despektierlich über den VfL geäußert: „Während wir trainieren, um uns zu entwickeln, kaufen die, um sich zu entwickeln. Wir sind ein Trainerverein, Wolfsburg ist ein Managerverein.“ Als ob also Wolfsburg keinen Trainer hätte, und als ob die anderen Bundesliga-Vereine nicht auch jeden Tag nach Kräften an ihrer sportlichen Entwicklung arbeiten würden.

Die Frustration über geringe finanzielle Mittel hat aber nicht nur zu diesem ekligen Kampf-und-Arbeit-Ethos geführt, sondern auch einem Defätismus den Weg geebnet, der nicht minder peinlich ist. Dutt: „Wenn alles passt und noch Glück dazu kommt, dann kannst du was machen. Aber eigentlich ist das Ergebnis immer: Sieg für den anderen. Normalität ist, gegen einen Champions-League-Klub zu verlieren.“ Und noch drastischer Sebastian Prödl, zuletzt Kapitän dieses Vereins: „München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann auch ziemlich weh tun, muss aber nicht…“ Mit dieser Einstellung, also passiv wie ein Zahnarzt-Patient, hat man letztes Jahr die höchste Heimniederlage der Vereinsgeschichte geholt. Robin Dutt sah sich nach dieser historischen Unverschämtheit nah am Spitzenclub aus dem Ruhrgebiet. Die Kreiszeitung: „Wenn Dortmund zu Hause gegen die Bayern 0:3 verlöre, so lautete seine Argumentation, dann sei ‚ein 0:7 für Bremen davon nicht so weit entfernt.'“

Diese Feigheit vor den großen findet ihre Entsprechung in einer Respektlosigkeit vor den kleinen Vereinen, die es in Bremen auch in schlechten Zeiten noch nie gegeben hat. So meinte Thomas Eichin, man könne gegen Freiburg „ohne Probleme drei Punkte holen.“ Bekanntlich hat es mit den drei Punkten nicht geklappt, Probleme gibt es allerdings reichlich. Von denen sollen jetzt einige auf die Schiedsrichter abgewälzt werden. Gegen Freiburg wollte man gleich fünf Mal einen Elfmeter haben, Knut Kircher gab zu recht keinen. Die latente Schiedsrichterschelte passt zu einem Verein, der die Verantwortung für den eigenen Misserfolg immer mehr bei anderen sucht, seien es Manager-Vereine, Champions-League-Vereine oder eben die Schiedsrichter.

Was man bei sich selber lobt, ist derweil der Teamgeist. Selbiger soll nun wirklich super sein bei Werder, und das mag stimmen. Es ist aber der Stolz jedes Dilettanten, es doch wenigstens versucht und sich dabei tüchtig angestrengt zu haben. Es ist der Trost der Verlierer, dass sie im Angesicht der Niederlage wenigstens zusammengehalten haben.

Das Gute ist, dass der Verfall der letzten Jahre uns die zukünftige Entwicklung leichter ertragen lassen wird. Schließlich ist es laut Zeitungsberichten nun denkbar, dass der neu geformte kleinbürgerlich-unfaire Kämpferklub bald von einer Lackfabrik aus Hannover unterstützt wird und dafür nur seinen gewählten Aufsichtsratsvorsitzenden aufgeben muss. Immerhin wird dabei nichts kaputt gehen, was nicht vorher schon gründlich ruiniert worden ist.

Wenn der Auftaktsieg des ruhmreichen SV Werder Bremen morgen als „auch in dieser Höhe verdient“ kommentiert wird und die wilde Jagd in die Champions League begonnen hat, gibt es einige Verlierer. Zum Beispiel tausende dann noch nicht existierende Speisetiere, die dank des zu erwartenden Polularitätsschubs von Werder Bremen und seinem Sponsor Wiesenhof ein hartes, aber kurzes Leben als zukünftiges Brathähnchen erwartet. Zum Beispiel aber auch in New York, wo ein KKR-Finanzmanager kurz mit den Schultern zucken und die bei Hertha BSC investierten Euros ein bisschen weniger erwartungsfroh bewerten wird. Der Finanzinvestor hat sich in diesem Sommer neun Prozent der Hertha-Aktien gekauft. Anderswo haben sich nicht amerikanische Finanzinvestoren, sondern heimische Unternehmen engagiert.

Nimmt man die fünf erstplazierten Vereine der letzten Saison, halten bei vier von ihnen wichtige Sponsoren auch Anteile des Vereins. Da ist der FC Bayern, der zu knapp 25% den Sponsoren Adidas, Audi und der Allianz gehört. Bei Borussia Dortmund ist bereits Evonik eingestiegen, Puma und Signal Iduna sollen folgen. Der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen gehören bekanntlich zu Bayer und Volkswagen. Eine Liste der offenkundig um Werder Bremens Wettbewerbsfähigkeit bangenden Kreiszeitung Syke nennt weitere Vereine, in einem anderen Artikel werden auch die Gründe genannt: „Die drei Bayern-Sponsoren wollen sich offensichtlich vor ungeliebter Konkurrenz beim europäischen Top-Club schützen. Mit Anteilseigner adidas ist es nun zum Beispiel undenkbar, dass der FC Bayern plötzlich mit Nike-Trikots aufläuft.“ Genau darum ging es vor einigen Jahren, als Nike angeblich mehr Geld als Adidas geboten hatte, der FC Bayern sich aber wieder für Adidas entschied. Weil der damalige Adidas-Chef zeitlich passend Uli Hoeneß einen Haufen Geld überwiesen hatte, gab es Spekulationen über Korruption, die letztlich Spekulationen blieben. Dass Vereine von Sponsoren abhängig sind, ist dabei nichts neues. Relativ neu ist aber das Phänomen, dass die Sponsoren den Verein direkt übernehmen. Beim FC Schalke, der als einziger der Top-Vereine keine Anteile verkauft und darüber hinaus als eingetragener Verein auch gar nicht die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, ist mit Gazprom ein Sponsor aktiv, der nicht viel weniger mächtig als die Investoren bei Bayern oder Dortmund sein dürfte.

Neben den Topklubs sind auch einige andere Vereine nicht mehr Geschäftspartner von Unternehmen, sondern gehören Unternehmen oder Unternehmern. Bekannt sind Hoffenheim und Hannover, aber auch Eintracht Frankfurt hält nur noch 62,5% der eigenen Fußballabteilung. Seit einigen Jahren neu im Klub der fremdbestimmten Klubs ist der HSV, der unangenehmerweise von einem verrückten Milliardär übernommen wurde, gegen den Dietmar Hopp und Ulrich Mateschitz wie seriöse Funktionäre wirken. Die Übernahme von Anteilen steht zwar noch aus, aber über umfangreiche Kredite ist Klaus-Michael Kühne längst der starke Mann beim HSV, sein Generalbevollmächtigter führt den Aufsichtsrat, ohne Kühne wäre der Verein in der zweiten Liga. Der reiche Mann hat anscheinend keine finanziellen Interessen beim HSV, er macht das als Hobby.

Damit unterscheidet er sich von den Investoren, die entweder als Sponsoren ihre Produkte bei Fußballfans vermarkten wollen oder, wie KKR bei Hertha, direkt Geld aus dem Geschäft der Vereine selbst erwirtschaften wollen. Unter erstere fällt das Unternehmen Red Bull, das sich nicht wie Adidas oder Evonik in einen bestehenden Verein einkauft, sondern mit RB Leipzig einen eigenen aufbaut und dafür massiv angefeindet wird.

Und was bedeutet das jetzt alles? Gute Frage. Es bedeutet zunächst, dass die Strukturen, innerhalb derer die Sponsoren Einfluss nehmen, sich geändert haben. Unternehmen und Vereine sind enger verbunden, die Vereine haben auf ihre schon vorher bestehende Abhängigkeit von externen Geldgebern reagiert. Der Blick auf die Vereinsstrukturen ermöglicht auch einen genaueren Blick auf den Fußball im Ganzen: Da treten Mannschaften gegeneinander an, damit man über die Aufmerksamkeit der Zuschauer Produkte vermarkten kann. Gleichzeitig bleiben die Eintrittsgelder und das Pay-TV wichtige finanzielle Faktoren, ebenso wie die öffentlich-rechtlichen – vulgo: staatlichen – Gelder für das Fernsehen. Dazu kommen weitere staatliche Zuwendungen, der 1. FC Kaiserslautern beispielsweise lebt seit Jahren davon, dass die Kommune sich zu seinen Gunsten ruiniert. Dass die unter diesen Einflüssen entstehenden Bedingungen noch nie einen in irgendeiner Form gerechten Wettbewerb ermöglicht haben, in dem unter gleichen Voraussetzungen derjenige gewinnt, der am besten arbeitet, versteht sich von selbst. Ohnehin ist dieses Idealbild eines fairen Wettbewerbs in erster Linie das Produkt einer ideologisch verbrämten, vermeintlichen Marktwirtschaft.

Trotzdem darf man sich Gedanken darüber machen, unter welchen Voraussetzungen in der Bundesliga gespielt wird. Ob man dann eher den Vereinen zuneigt, die für namhafte Industrieunternehmen auflaufen oder denen, die unfähig waren, ein solches an Land zu ziehen, bleibt jedem selbst überlassen. Dabei scheint es in der Debatte stets wichtig zu sein, dass es sich um deutsche Unternehmen handelt, eine korporatistische Note ist nicht zu überhören. So wird der „deutschen Wirtschaft“ gerne zugestanden, im deutschen Ballsport Geld zu verdienen, mit österreichischer Brause oder amerikanischem Geld sieht es anders aus. Wirklich schlimm wird es allerdings erst, wenn keine finanziellen Interessen im Spiel sind. Denn unzweifelhaft dürfte doch sein, dass der absolute worst case wie immer in Hamburg eingetreten ist. Dreißig Millionen geschenkt von Klaus-Michael Kühne, das wünscht man seinen ärgsten Feinden nicht.

Der Vorteil der Demokratie ist, dass man von Leuten mit Abitur beherrscht wird. Kein grobes Herumgebelle stört mehr das eigene kultivierte Leben; stattdessen schwirren intellektuelle Elaborate erster Güte direkt aus den guten Stuben der Mächtigen zu uns herab. Denn vor der Wahl kommt die Debatte und die Kandidaten müssen beweisen, dass sie sehr angestrengt über die Fragen nachdenken, die uns alle bewegen. Vordenken und nachdenken, das können unsere Top-Entscheider. Die Interessanteren unter ihnen sind die Progressiven. Sie müssen besonders hart und gleichzeitig phantasievoll nachdenken, damit sie uns alle paar Jahre etwas neues, frisches, intellektuell stimulierendes präsentieren können. Ein gutes Thema dafür ist das Internet. Das Internet ist die Zukunft höchstpersönlich, und darin sind sie alle versammelt: der Staat, das Kapital, der Mensch. Gibt’s im Internet, gibt’s in der Zukunft. Wer progressiv ist und vor einer Wahl steht, sollte da unbedingt mal etwas zu sagen. Am besten im Internet.

Auftritt: Katrin Göring-Eckardt.

KGE: „Abends, im Winter, wenn die Bäume vor dem Haus keine Blätter tragen, kann ich in das Zimmer der Nachbarn von gegenüber schauen. Ich kenne sie nicht.“

Szenischer Einstieg, wir befinden uns in KGEs Haus. Privatsphäre füllt den Raum. Die Natur hat den Blick freigegeben. Den Blick auf das Fremde.

KGE: „Sie haben keine Gardinen. Sie schützen ihr Wohnzimmerleben nicht vor Blicken, ich kann sehen, wie Sie sich abends über die Fernsehzeitschrift beugen.“

Bürgeridylle. Zusammenleben. Vertrauen. Im Winter, wenn die Bäume keine Blätter tragen. Doch was passiert, wenn die Sonne, der runde, wärmende Ball des Himmels, aufgeht?

Auftritt: Das Internet.

KGE: „Morgens um sieben erhalte ich einen Morgengruß von @Ralf_Stegner, meistens aus Bordesholm. (…) Ich grüße nicht zurück. (…) Ralf Stegner ist Politiker. Manchmal frage ich mich, ob all die Menschen, die seine Grüße morgens lesen, sich wohl ernsthafte Sorgen machen würden, wenn er sich einmal um 8 Uhr noch nicht gemeldet hätte.“

Stegner twittert. Die digitale Welt betritt Göring-Eckardts Wohnzimmer. Diese Frau lebt neben ihren Nachbarn genauso wie neben Ralf Stegner. Ralf Stegner ist Politiker. Katrin Göring-Eckardt ist im Internet. Ich bin im Internet. Du bist im Internet. Doch wer, wer ist eigentlich Katrin Göring-Eckardt? Als Mensch? Was macht sie, wenn sie sich nicht – wie „manchmal“ – fragt, ob sich Menschen Sorgen um Ralf Stegner machen würden, wenn, ja wenn?

KGE: „Ich lese in der Bahn auf dem Tablet, was in den Feuilletons steht. Ich erfahre, was Leuten wichtig erscheint, die ich wichtig finde.“

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen liest in den Feuilletons. Sie ist eine ganze Bürgerin, und sie findet Leute wichtig. Wichtige Leute, vermutlich. Ist sie neugierig?

KGE: „Ich weiß nicht, ob ich neugieriger bin als andere oder mitteilsamer.“

KGE geht es nicht um einen Vergleich. Was weiß sie?

KGE: „Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nicht Google bin und das Ergebnis meiner Neugier nicht die Vermarktung und Vermachtung von Daten ist.“

Ich weiß, dass ich nicht Google bin. Das weiß ich ganz sicher. Auch, dass die Vermarktung von Daten das Ergebnis von Googles Neugier ist. Doch wer nun über die korrekte Darstellung von Googles Geschäftsmodell streiten wollte, hat das entscheidende Wort im Satz übersehen: Vermachtung. Hier wird groß gedacht, so groß, dass es neue Begriffe braucht. Google vermachtet Daten, Katrin Göring-Eckardt nicht.

KGE: „Ich lege keine Dossiers an und speichere keine Daten. Ich will gern vieles wissen (können), aber ich will nicht gewusst werden. Ich will nicht preisgeben, was meines ist, aber wenn schon, will ich wissen, wer mich weiß.“

Mit der Vermachtung nicht genug, es muss noch eine sprachliche Innovation her, um die Größe der Gedanken, die hier unter das Volk gebracht werden sollen, überhaupt fassen zu können: jemanden wissen. Göring-Eckardt, wir haben verstanden. Oder: Katrin, ick weiß dir. Ist das schon Heidegger?
Unter den Tisch fällt bei diesen sprachlichen Virtuositäten fast, dass die netzaffine Spitzenpolitikerin glaubt, sie „speichere keine Daten.“ Ein verzeihlicher Fehler, bei all der neuen Technik. Neue Technik, neue Begriffe, neue Ideen. Was hier rhetorisch noch fehlt, ist eine Verankerung in der Tradition, ein bisschen gravitas.

KGE: „‚Meine Seele ist gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei‘, wie es in Psalm 124 heißt. Bin ich erst wieder frei, wenn das Netz zerreißt, wenn es einen Defekt hat, wenn die Verbindung gekappt wird? Ist nur ein zerstörtes Netz ein gutes Netz?“

Oder nur eine vernetzte Zerstörung eine zerstörte Güte? Und wie hat eigentlich der FC am Wochenende gespielt? Im – Achtung! – Netz ist in Übersetzungen die Seele schon im ersten Satz entronnen und nicht gefangen, aber das muss nicht unbedingt auf schlampiges Abtippen einer irrelevanten Bibelstelle hindeuten. Wo Gott ist, ist die Macht nicht fern. Wer? Die Macht? Die Macht:

KGE: „Unser alltägliches Verhalten bestätigt, dass die Macht von außen kommt: Anstatt bei der Buchhändlerin um die Ecke einzukaufen und mit ihr bei einem kleinen Plausch über die neueste Lyrik oder den besten Krimi zu fachsimpeln, lassen wir uns von anonymen Algorithmen durchs Netz lotsen und uns von Amazon beraten.“

Die Buchhändlerin kommt schließlich nicht von außen, sondern vom großen Wir, das jetzt aber bei Amazon einkauft. Heißt das, dass die Buchhändlerin ihre Bücher auch bei Amazon kauft? Egal. Die Macht ist da und mit ihr steigt der Foucault-Faktor und mit ihm wiederum der intellektuelle Wert dieses Textes. Jetzt bloß nicht nachlassen!

KGE: „Amazon hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,535 Milliarden Dollar in Deutschland erwirtschaftet.“

Schnarch.

KGE: „Untersuchungen zeigen, dass die Gruppen im Alter von 45 Jahren an die am stärksten wachsenden Nutzer-Segmente sind.“

Was die alles weiß! Der sollte man mal ein Amt geben!

KGE: „Das Netz ist kein Imperium ohne Außen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem Einzelne Gegenmacht von unten aufbauen können.“

Möglichkeitsraum, nicht schlecht.

KGE: „Es gibt nicht die eine große Verschwörung, denn die Macht muss nicht bei einer Gruppe liegen, sie muss weder oben noch unten konzentriert sein. Sie ist immer in Bewegung, wenn wir sie in Bewegung bringen. Diese Verflüssigung ist die große Möglichkeit an den neuen digitalen Verhältnissen.“

Verflüssigung der Macht! Famos! Wer sich vor den von KGE gedungenen Mitarbeitern der Jobcenter, einem prügelnden Polizisten oder anderen Vollstreckern der real existierenden Herrscher wiederfindet, liquidiert sie einfach mit seinem Twitter-Account! Wir stehen also eigentlich nur vor der Frage, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.

KGE: „Die Frage ist, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.“

Sag ich ja. Aber wer sind eigentlich wir? Wir FAZ-Leser? Wir Deutschen?

KGE: „Die Frage ist, ob wir als Bürgergesellschaft im Netz staatliche Kontrolle verlangen und zugleich staatlichen Schutz vor unsäglicher Schnüffelei durch Geheimdienste und Abgreiferei durch Mega-Unternehmen fordern.“

Die Bürgergesellschaft sind wir! Und wenn wir „die Macht nutzen“ heißt das, dass wir staatliche Kontrolle und staatlichen Schutz fordern. Als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag ist KGE da in der komfortablen Stellung, dass sie das gleich von sich selber fordern und dann gegebenenfalls gewähren kann. Aber ist das nicht alles ziemlich staatsfixiert?

KGE: „Das klassische sozialdemokratische Denken eines Martin Schulz verkennt diese „Liquid Power“, (…) Ja, wenn man so will, zeigt sich in seinem interessanten und informierten Text eine klassische Staatsfixierung (…)“

Genau, staatsfixiert sind immer die anderen. Schulz hat nicht erkannt, dass man sich im Internet doch recht freundlich an den Staat wenden kann. Denn:

KGE: „Er schaut auf die großen Machtblöcke und sieht nicht, was sich im Kleinen zwischen den Menschen tut. Die Macht hat keinen Ort, sie spielt sich in Zwischenräumen ab.“

Macht ist bei Katrin Göring-Eckardt nichts, was Menschen ausüben, schon gar nicht sie und ihre Bande. Macht „spielt sich ab“. Diese Formulierung ist kein Zufall, sondern zweckdienlich: Statt über Herrschaft zu sprechen, kann man bequem über Macht palavern und diese selbst denen zuschreiben, die nichts zu melden haben und von KGE und Konsorten in ausgeklügelte Ausbeutungsverhältnisse geprügelt werden. Das Konzept hat sie sich natürlich nicht selbst ausgedacht, es funktioniert nur sehr gut für sie, es ist ein Konzept für Bürger und Staat. Was „wir“ mit der Macht anfangen können, hat die Politikerin uns, ohne die Ironie zu bemerken, auch schon ausformuliert: „Regulierung“, „Staaten in die Pflicht“, „so etwas wie Mülltrennung“, „Politik, die klare Regelungen setzt“, „Regeln“.

Und wen könnte man damit besser beauftragen als Frau Göring-Eckardt?

Bayern München dominiert die Bundesliga, keine Mannschaft kann ihnen das Wasser reichen. Und der letzte Gegner aus Frankfurt hat das gewissermaßen schon vor dem Spiel anerkannt, indem er seine besten Spieler gleich zu Hause gelassen hat. Auch der Gegner aus dem Champions-League-Finale des letzten Jahres ist weit abgeschlagen, und kurz vor dem Spiel gegen Frankfurt war aus Dortmund zu hören gewesen, die Bayern hätten mit den Transfers von Lewandowski und Götze auch die Borussia schwächen wollen:

Jetzt schlagen sie zurück. Sie wollen uns zerstören. Nicht dahingehend, dass sie uns menschlich kaputt machen wollen, weil sie uns nicht mögen, sondern um uns dauerhaft als direkten Konkurrenten auszuschalten, indem sie sich an unseren Spielern bedient haben. Damit wir nie wieder eine Gefahr für sie darstellen. Das ist legitim und damit müssen wir leben.

Nachdem nun schon Paul Breitner Watzke für diese Aussagen kritisiert hatte („Watzke versucht zu hetzen“) springt im Guardian der Journalist Raphael Honigstein für die Bayern in die Bresche. Er bringt dabei einiges durcheinander. Honigstein behauptet: „Bayern’s 5-0 win once more brought accusations of the unfair hoovering up of talent. But that’s not altogether fair or accurate.“ Doch die Behauptung ist in doppelter Hinsicht falsch. Zunächst liegen Watzkes Äußerungen zeitlich vor dem Frankfurt-Spiel, können also nicht wie behauptet eine Reaktion darauf sein. Und außer Watzke hatte sich niemand in dieser Richtung geäußert, Honigstein liefert denn auch kein weiteres Beispiel für die Position, die zu widerlegen er angetreten ist. Falsch ist auch, dass jemand den Bayern „unfair hoovering up of talent“ vorgeworfen habe. Das Gegenteil ist richtig, selbst Watzke hat explizit gesagt, dass das Verhalten der Bayern legitim sei.

Ob die Tatsache, dass Götze und Lewandowski vom BVB kommen, bei den Transfer-Entscheidungen der Bayern eine Rolle gespielt hat, wird sich nicht klären lassen. Die Frage ist aber auch nicht so wichtig, wie Honigstein unterstellt, weil diese Transfers, anders als von ihm suggeriert, in der hiesigen Diskussion gar nicht als Grund für die aktuelle Dominanz der Bayern angeführt werden. So geht auch sein Gegenargument ins Leere: „the current crop consists of exceptionally motivated professionals who are being coached at a level that is in line with their capabilities.“ Die Bayern haben also, Überraschung, eine sehr gute Mannschaft und einen sehr guten Trainer. Deshalb stehen sie also oben! Honigstein widerlegt eine Position, die niemand eingenommen hat, mit einer Wahrheit, die niemand bestreitet. Zuvor hatte er schon das wenig bestreitbare Argument, dass die Bayern aus verschiedenen Gründen sehr viel mehr Geld als der Rest der Liga ausgeben können, angegriffen:

Competitive imbalance in financial terms is still lower in the Bundesliga than in Serie A and in Spain, where Real Madrid and Barcelona will pay about 20 times as much for their squad than the smallest team. In Germany, the factor is closer to 13.

Das ist faktisch richtig, verfehlt aber wieder den Punkt: In Spanien sind es eben Madrid und Barcelona, die oben konkurrieren, während es in Deutschland eine klare Nummer 1 gibt und die Top-Stars nur in eine Richtung wechseln. Und natürlich ist es für die Dominanz der Bayern unerheblich, ob sie nun 20x oder 13x so viel Geld wie Braunschweig ausgeben können, sie werden sie in beiden Fällen fast immer schlagen können. Die Frage müsste viel eher lauten, wie das Geld unter den ersten fünf (oder zwei) verteilt ist.

Fragt man nun, woher die ebenso vehemente wie punktlose Bayern-Verteidigung von Breitner wie Honigstein eigentlich kommt, bietet sich folgende Perspektive an: Die Bayern spielen die womöglich beste Bundesliga-Saison aller Zeiten und niemanden interessiert es. Durch die Abwesenheit eines ernsthaften Konkurrenten verlieren die brillanten Bayern-Spiele ihre Bedeutung. Dass Armin Veh seine besten Spieler gleich zu Hause lässt, verdeutlicht diese Gefahr. Kaum einer, der nicht Bayern-Fan ist, spricht begeistert von den Bayern, obwohl ihr Fußball doch genug Anlass dazu gäbe. Stattdessen reagiert Deutschland mit einem Schulterzucken auf jeden neuen Sieg: „Ja mei, die sind halt saugut.“ Das ist natürlich extrem ungerecht. Und könnte paradoxerweise dazu führen, dass die ganze Saison am Ende als ein Scheitern wahrgenommen wird; dann nämlich, wenn das Champions-League-Finale nicht erreicht wird. Angesichts dieser Umstände wird verständlich, dass jetzt schon deutlich mehr Anerkennung für die Leistung der Bayern eingefordert wird. Die wird es allerdings erst geben, wenn sich zu den starken Leistungen auch starke Geschichten gesellen, etwa bei spektakulären Siegen im Europapokal. Arsene Wenger und Mesut Özil warten schon.

Geld her!

Das Fan-Projekt Bremen ruft zu Spenden für einen im September im Ostkurvensaal schwer verletzten Mann auf. Radio Bremen berichtete damals so. Der Betroffene äußerte sich kürzlich im Fanszene-Forum.

Dem Spendenaufruf des Fanprojekts schließen wir uns an, der Mann braucht das Geld.

Liebe Werderfans,

wie sicherlich die meisten von euch wissen, gab es im September eine gewalttätige Auseinandersetzung im OstKurvenSaal. Dabei ist ein Rollifahrer schwer verletzt worden. Zur Finanzierung seiner Reha braucht er jede Unterstützung. Dafür haben wir ein Spendenkonto eingerichtet. Wir würden uns freuen, wenn ihr ihm eine Hilfe zukommen lassen könnt.

Sparkasse in Bremen
Kto. 81176448
BLZ 290 501 01

Fan-Projekt Bremen

Freunde, es gibt Grund zur Freude: Die liebevollste Ultragruppe der Welt, CAILLERA, hat keine Kosten und Mühen gescheut, die interessanteste Veranstaltungsreihe Bremens zu organisieren. Es geht um drei Veranstaltungen zum Thema Fußballfans gegen Antisemitismus. Den Anfang macht am 30.10. Ingo Elbe mit einem Vortrag über Formen des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart, am 7.11. folgt ein Film zur jüdischen Arbeiterbewegung in den USA. Und schließlich, endlich sprechen am 16.11. der famose Alex Feuerherdt und jemand, der mir sehr ähnlich sieht, über Fußball und Antisemitismus. Los geht es um 18 Uhr im Ostkurvensaal, im Anschluss an den Vortrag ist Zeit für eine Diskussion.

Im März 2006 hinterließen Fussballfans aus Hannover bei ihrem Besuch in Bremen eindeutige Aufkleber: Sie hatten das Wappen des SV Werder zu einem orangefarbenen Davidstern verfremdet. Ganz ähnlich traten Anhänger von Energie Cottbus Ende 2005 in Dresden auf, als sie ebenfalls das Vereinsemblem des Gastgebers grafisch veränderten, um die Dresdner als »Juden« zu beschimpfen. In der Kreisliga B in Berlin wurde man im September 2006 noch deutlicher. »Vergast die Juden« und »Synagogen müssen brennen« riefen etwa 30 Neonazis beim Spiel von Alt-Glienicke gegen den jüdischen Verein Makkabi Berlin. Deren Mannschaft verließ schließlich aus Protest den Platz.

Antisemitismus ist nicht nur hierzulande nach wie vor präsent, und das zeigt sich auch und gerade im Fussball. Wie er sich darin äußert und wie er funktioniert, wollen wir im Vortrag zeigen. Dabei soll es nicht nur um Vorfälle wie die genannten gehen, denn der Antisemitismus erschöpft sich nicht in solchen offenkundigen Angriffen. Vielmehr spiegelt er sich auch in anderen Bereichen wider, beispielsweise in der Debatte um die Kommerzialisierung des Fussballs oder in den Boykottaktivitäten, die sich gegen Mannschaften aus dem jüdischen Staat richten. Und was haben die Deutschen eigentlich gegen den FC Bayern, der von den Nazis als »Judenklub« verfemt wurde?

Alex Feuerherdt ist freier Publizist und ehemaliger Schiedsrichter, Enno Wöhler ist großer Fan des SV Werder Bremen.

Alle Veranstaltungen sind Teil der Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung, auf deren Webseite ich eigentlich mit einem Überblick über alle geplanten Veranstaltungen gerechnet hatte.

Doch Nachtigallen hin oder her, ich möchte keine Geschichte von Nachtigallen schreiben, obwohl die Tagespresse es schätzt, wenn Autoren über Dinge schreiben, von denen sie nichts verstehen. Tiefe Unkenntnis wirkt auf weite Kreise der Leserschaft überzeugend, auf weitere Kreise liebenswert. Dem kritischen Rest stärkt sie das Selbstbewußtsein, bestätigt ihm seine Überlegenheit und ermöglicht ihm Protestaktionen, die sein geistiges Muskelgewebe vor Erschlaffung bewahren. Ich nehme auch an, daß Nachtigallenthemen kontrollrätlich erlaubt sind und von der Mehrzahl unserer augenblicklichen deutschen Diktaturen nicht beanstandet würden. Aus Gründen der Sittlichkeit wird heute vieles beanstandet. Diktaturen sind immer sehr streng in bezug auf das, was sie unter sittlich und Volksmoral verstehen. Die ehemalige deutsche Diktatur hat sich, nach Art niederer Lebewesen, durch Spaltung fortgepflanzt und heißt jetzt Demokratie.

Irmgard Keun: Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen. Düsseldorf, 1981. S. 13f. Erstveröffentlichung 1950.

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