Eigenes

Meist bedeutungslos.

Dank der grandios dämlichen Kampagne gegen eine Verpflichtung von Manuel Neuer und dem sehr bemühten Hass auf den blauen Stadtrivalen steht meine Lieblings-Ultragruppe gerade wieder im Mittelpunkt des Interesses. Deshalb schlagen hier hunderte Nutzer auf, die im Internet nach der Schickeria gesucht haben und sich dann vermutlich etwas ratlos hier auf der Homepage umgucken. Sie folgen bitte diesem Link zu meiner kürzlichen Auseinander-
setzung
mit den Schickeristen. Meine große Liebe zum FC Bayern habe ich hier bekundet. Wer sich fragt, wie das eigentlich war, damals, 2007, beim Münchner Amateur-Derby, dem wird hier geholfen.

Menschen, die Länderspielpausen mögen, mögen auch:

Fußpilz

Werkzeug verleihen

Verständnisvolle Polizisten

Wenn nach dem Shamponieren das warme Wasser alle ist

Hamburger Sportvereine

Drehspieß nach Döner-Art

Preisverleihungen

Handball-Weltmeisterschaften

Eva Braun

Die fünfte Staffel “Lost”

Schuhe kaufen

Sternburg Bier

Fahrkartenkontrollen

Enddarm-Operationen

Ich habe mir etwas ganz Neues einfallen lassen. Bin untergetaucht. Terrorismus. Aber nicht so radikal. Mehr sozialdemokratisch. Sozialdemokratischer Terrorismus will nicht immer gleich Revolution machen. Er will die Lebensumstände der Menschen verbessern. Und, wenn das gerade nicht geht, dann will er angehört werden. Ins Gespräch kommen, auf sich aufmerksam machen. Wozu ein Flugzeug nach Mogadischu entführen und die Freilassung irgendwelcher Verwirrten fordern, wenn man auch den Bürgermeister von Wuppertal entführen und eine Erhöhung des Arbeitslosengelds II fordern kann? Ich rechne mir da ganz gute Chancen aus. Kaufhausbrand nicht als Konsumkritik, auch nicht als Kriegserklärung, sondern als Druckmittel für mehr Kindergartenplätze in Prenzlauer Berg.

Eine Revolution ist sehr anstrengend. Hinterher hat man den ganzen Laden am Hals, und die ganzen Arschlöcher. Da lasse ich mich gar nicht erst drauf ein. Aber die ungerechte Gesellschaft, die macht mir schon zu schaffen. Da muss man was tun, praktisch werden. Und jetzt wird ja auch die Vorratsdatenspeicherung neu verhandelt. Da habe ich mir überlegt, ein paar Telefonzellen abzufackeln. Fordern will ich eine maximal viermonatige Speicherung der Verbindungsdaten. Das wäre eine vernünftige Lösung, das habe ich auch schon ins Internet geschrieben, aber mein Vorschlag hat nicht recht Eindruck gemacht bei der Regierung. Das wird sich jetzt ändern.

Ich will da auch gar nicht unbedingt so gemäßigt bleiben. Man könnte schon auch mal jemanden erschießen, aber da muss dann auch richtig was rausspringen. Ich will kein Richter sein, also Rache-Akte oder blindes Töten gibt es bei mir nicht. Aber für eine richtige soziale Steuerreform, wenn das möglich wäre, dann muss vielleicht auch mal ein korrupter Christdemokrat dran glauben. Also wenn man jetzt zum Beispiel den Steuersatz für mittlere und niedrige Einkommen von 1500 bis 2900 Euro kräftig senken könnte, das wäre doch ein toller Erfolg. Bin aber auch an weniger radikalen Dingern dran, zum Beispiel die Fahrkartenpreise. Ich denke, dass da durch höhere Zuschüsse vom Staat Preissenkungen von bis zu zehn Prozent möglich sind. Jetzt überlege ich noch, wie ich das deutlich machen kann. Gewalt gegen Schaffner halte ich legitim, zweifle aber an der Effektivität. Vielleicht doch besser Scheiben einschmeißen.

Ich habe auch über die Gründung einer Gruppe nachgedacht, das aber verworfen. Gibt doch nur Streit. Jetzt mit den Lokführern weiß ich schon alleine nicht, was ich davon halten soll. Streik ist eine Sache, besser wäre aber doch eine richtige Sozialdemokratie, in der man das alles einvernehmlich mit den Arbeitgebern mal besprechen kann. Denn eigentlich, eigentlich sitzen wir doch alle im selben Boot. Das müssen die jetzt mal begreifen.

Es sind schockierende Meldungen, die uns so oft in den Medien erreichen. Vor gut drei Jahren zum Beispiel diese:

News vom 20.02.08

Mike Hanke erneut Papa

Mike Hanke ist in der Nacht vom 20. Februar erneut Vater geworden. Der kleine Bruder für Schwesterchen Janatha-Fay soll Jayron-Cain heißen. Um 1.44 Uhr erblickte er das Licht der Welt, Mutter und Kind sind wohlauf.

Das muss man erstmal verarbeiten. Klar ist: Mike Hanke hat es nie leicht gehabt. Er hat eine Rasenallergie und leidet nach jedem Spiel unter Pusteln und Hautreizungen. Nun perpetuiert sich das Elend in Gestalt seiner Kinder, die es mindestens so schwer haben werden wie ihr Vater. So wie Vater Mike zum Tabellenletzten wechseln musste, so werden Janatha-Fay oder Jayron-Cain vielleicht einmal bei Schlecker landen. Das Wichtigste ist jetzt, dass die beiden eine gute Ausbildung erhalten. Mike weiß das aber auch.

Mit Spott ist es vielleicht nicht getan. Vielleicht muss man da mal was planen, für die Kinder. Oder mal die gesellschaftlichen Umstände kritisieren, unter denen Kinder ihre Namen erhalten. Aber wem würde das helfen? Die Wahrheit ist: Janatha und Jayron zahlen den Preis der Freiheit. Nicht ihrer Freiheit, im Gegenteil, der Freiheit ihrer Eltern. Im selben Akt wird deutlich, dass J-Fay und J-Cain selbst unfrei sind: Andere Menschen entscheiden über ihre Identität. Da hilft nichts. So ist der Mensch, so ist der Mike.

Man soll nicht auf am Boden Liegende eintreten, schon gar nicht im Fußballzusammenhang. Und doch ist der SV Werder am Samstag eingeladen, genau das zu tun. In Hamburg hatte man vor der Saison zum Isolationismus aufgerufen und behauptet, das einzige richtige Derby finde innerstädtisch gegen St Pauli statt. Das schien taktisch klug, da St Pauli von 15 Bundesliga-Spielen gegen den HSV nur das erste, 1977, hatte gewinnen können. Gegen Werder hingegen hatte der Verein aus der Imtech-Arena in den letzten Jahren nicht viel beschicken können; verständlich, dass man da die Lust am Derby verliert. Nur ist jetzt gegen den anderen Verein aus Hamburg auch wieder alles daneben gegangen.

Man muss nicht aus Bremen kommen, um den HSV für den jämmerlichsten aller Bundesliga-Vereine zu halten. Zu oft sind sie in den letzten Jahren gescheitert, zu wenig haben sie daraus gelernt. Selbst für eine richtig miese Saison, wie sie Werder gerade spielt, wäre der Hamburger Kader zu charakterlos. Ruud van Nistelrooy soll angeboten haben, einen Teil der Ablöse selbst zu zahlen und in Madrid auf ein Gehalt zu verzichten, nur um aus diesem Inferno der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Andere Hochbegabte, etwa Elia, haben für derartige Angebote noch nicht genug verdient, bereuen ihre Unterschrift beim Versagerverein heute aber ganz gewiss. Armin Veh hat angekündigt, nach Hamburg keinen Verein in Deutschland mehr zu übernehmen, und könnte nach einer Niederlage gegen Werder endlich in Rente gehen. Da erinnert man sich gern an Thomas Doll, einen unfähigen Simpel, dem die ganze Hansestadt umso ergebener zu Füßen lag, je mieser er seine Arbeit machte.

Keine Hoffnungen darf man sich darauf machen, dass in Hamburgs Fangemeinde Selbstzweifel aufkommen könnten. Mehr noch als bei allen anderen Vereinen ist hier die Selbstwahrnehmung von der Realität abgekoppelt. Ganz egal, wie erbärmlich die Mannschaft spielt, wie unfähig selbst die für den Platz zuständigen Handlanger arbeiten und wie prolldämlich sich die Fans aufführen – der HSV bleibt für sie ein ganz Großer, die längst viel interessanteren St Paulianer nur der kleine Stadtteilclub und Bremen ein kleines Fischerdorf. Die Produktion von Peinlichkeiten wird erstaunlich ausdauernd betrieben, die eigene Identitätssuche dauert an.
Eine interessante Form des ortstypischen Größenwahns ist der Versuch, Polizisten und Sportfunktionäre für Ultra-Kultur zu begeistern. Das anzuschauen ist quälender als Stromberg, insbesondere da, wo sich der selbsternannte “Leitwolf” an sein Publikum anbiedert, indem er sich von seinen Freunden und ihren absurden Ritualen distanziert.

Man kann sich allerdings sicher sein, dass die Hamburger mal wieder mit großer Sorge ins Derby gehen. Die Tabelle verschweigt das zwar, aber für den HSV wäre eine Niederlage schlimmer als für uns. Beide Derbys in vier Tagen verloren, mal wieder an der Jagd nach dem fünften Platz gescheitert, obwohl man insgeheim vor jeder Saison glaubt, dieses Mal könnte es doch vielleicht gar die Meisterschaft sein – schlechte Aussichten. Werder hingegen wird sich in ein paar Wochen ohnehin aus dem Abstiegskampf gerettet haben und optimistisch an den Neuanfang machen, während der HSV immer noch im alten Dreck hocken und mit den alten Spielern und neuem Trainer darauf hoffen wird, dass es 2012 vielleicht zwei Plätze nach oben geht. Und je frustrierender die sportliche Tristesse wird, umso verbissener werden die Dummerchen auf der Tribüne werden. Vielleicht klappt es dann endlich mit dem neuen Trainer. In diesem Sinne: Mehr Hass!

In Ägypten ist Revolution. Jetzt schon seit Wochen. Dabei zeigt sich, dass selbst Revolutionen mal langweilig werden. Längst ist die anfängliche Dynamik abhanden gekommen und das Verhandeln hat begonnen. Es wird eine neue Regierung geben. Aber ob die von denen gestellt wird, die die Revolution angezettelt haben, weiß man noch nicht. Wie man überhaupt nicht viel weiß, jedenfalls nicht über die Zukunft. Die Zukunft, die alte Sau, entzieht sich weiterhin ihrer Verantwortung gegenüber denen, die sie vor ihrer Zeit beschrieben haben. Deshalb lassen wir uns gar nicht erst mit ihr ein und bleiben in der Gegenwart. In der lässt sich, wie immer, die deutsche Medienproduktion kritisieren.

Es wird irgendwann, soviel ist einigermaßen sicher, eine ägyptische Regierung ohne Hosni Mubarak geben. Die Preisfrage ist jetzt, wie diese Regierung aussehen und handeln wird. Dabei entscheidend zu sein scheint heute, wie groß die Rolle der Moslembruderschaft in der Regierung sein wird. Und dazu, ob die Moslembruderschaft sich dann eher moderat oder eher radikal zeigen wird. Man weiß das vorher nicht. Immerhin weiß man, dass die Moslembrüder keine islamische Version der Christdemokraten sind. Also fast jeder weiß das.

Stattdessen lehnen sie, wie viele Ägypter, zum Beispiel den Frieden mit Israel ab. Selbst bei den Demonstrationen in Kairo, bei denen viele säkulare und gebildete Menschen auf der Straße sind, ist Antisemitismus weit verbreitet. Und dann ist da ja auch noch ein Friedensnobelpreisträger, der für den Frieden nicht viel übrig hat. Mohammed ElBaradei, eines der Fernsehgesichter der ägyptischen Opposition, stellt den Frieden mit Israel zur Disposition. Ob er das aus Überzeugung tut oder aus politischem Kalkül, spielt keine Rolle. Wenn ElBaradei sich nicht zum Frieden mit Israel bekennt, ist unwahrscheinlich, dass es irgendein anderer politischer Akteur tun wird. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht früher oder später eine demokratische Regierung geben kann, die sich an das Friedensabkommen hält, aus welchen Gründen auch immer. Alles ist möglich.

Europäern und Amerikanern, also dem größten Teil der Kommentatoren, kann es relativ egal sein, was am Ende herauskommt. Anders geht es den Israelis, die gerade erleben, wie der moderate Teil der ägyptischen Revolution ihnen indirekt mit Krieg droht. Nicht wegen eines ägyptischen Disputs mit Israel wohlgemerkt, sondern wegen der “Lage der Palästinenser”. Die muss meistens herhalten, wenn Antisemitismus verschleiert werden soll.
Die Demokratisierungsenthusiasten, die aller Welt versichern, dass es schon gutgehen wird, und den westlichen Regierungen bittere Vorwürfe machen, sie werden sich daran messen lassen müssen, wie die nächste Regierung in Kairo es mit Israel hält.

Auch wenn jetzt eine Demokratisierung stattfindet, kann diese sich schnell selbst beenden. Mit der Zulassung der Hamas zu den Wahlen und ihrem anschließenden Wahlsieg hat sich die junge Demokratie in den palästinensichen Autonomiegebieten mit ihren eigenen Mitteln wieder abgeschafft. Islamisten sind per definitionem keine Demokraten. Ob in Ägypten die Islamisten oder die Demokraten schließlich gewinnen werden, oder ob am Ende ein neues säkulares autoritäres Regime die Macht übernimmt, werden wir sehen. Weil Ägypten das mit Abstand größte arabische Land ist, wird seine Zukunft Auswirkungen auf die ganze Region haben.

Liberalismus oder Islam – das sind die vordergründigen Alternativen. Doch bis sich eine der beiden Ideologien durchsetzt, kann es dauern. Und was passiert eigentlich, wenn morgen ein Selbstmordattentäter in Kairo 100 Leute umbringt? Man weiß das alles nicht.

Wer als Fußballfan in Deutschland Berichte für ein Fanzine schreibt, hält sich dabei stets an gewisse Regeln, die sich eingebürgert haben. Dazu gehört ein Jargon der Beiläufigkeit, der in jeder Zeile deutlich macht, dass der Verfasser ein alter Hase ist und fast alles so oder so ähnlich schon einmal erlebt hat. Ein Beispiel:

Pünktlich zur Rückkehr des Winters brachen wir in den hohen Norden auf, wobei die zuvor befürchteten Schneechaos-Szenarien zwar Gott sei Dank ausblieben, schweinekalt wars aber trotzdem. Dies nahmen wir zum Anlass einen kleinen aufwärmenden Winterspaziergang zu unternehmen.

Das erste Schlüsselwort ist “pünktlich”, man geht hier also einer Art Pflicht nach, einer Routine. Das zweite Schlüsselwort ist “Spaziergang”. Man ging nicht erwartungsfroh zum großen Spiel, man schaute sich auch nicht die Stadt an, sondern man machte einen Spaziergang. Der war “klein” und wäre das auch gewesen, wenn er 10 Kilometer lang gewesen wäre.

Nun kommen wir zur zweiten Pflicht des Fanzine-Schreibers. Er muss sich abwertend über den Gegner äußern. Das kann am Beispiel der Stadt passieren, an ihren Bewohnern bzw. den Fans des gastgebenden Vereins oder am Verein selber. Ganz wichtig ist, dass man nicht zu emotional wird. Die Beiläufigkeit muss gewahrt werden, man lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zwar schon gar nicht von denen. Falls talentiert genug, kann der Autor jetzt auch ein bisschen Humor aufblitzen lassen. Zum Beispiel so:

So spazierten wir also frohen Mutes und mit nur äußerst geringer Polizeibegleitung durch das Bremer Viertel, das zugegebenermaßen eigentlich ein recht nettes Flair versprüht. Lag wohl daran, dass wir keine einheimischen Ultras ertragen mussten.

Man spazierte, man begutachtete großmütig die fremde Stadt, alles ist lässig, und dann kommt er, der feinsinnige Hinweis auf die einheimischen Ultras. Nachdem diese Formalität erledigt ist, kommt direkt die nächste: die Stadionkritik. Zu beachten ist vorher, dass Gästeblöcke niemals “betreten” oder in das Stadion “gegangen” wird, es wird grundsätzlich “geentert”:

Am Stadion angekommen enterten wir selbiges recht zeitig.

Natürlich auch nicht “zeitig”, das wäre weniger lässig, man geht “recht zeitig”. Während der Gästeblock nicht recht goutiert wurde, fanden die Bremer Spruchbänder mehr Beachtung. Zunächst das erste:

Zu Spielbeginn gaben die Bremer mittels Spruchband schon mal die Marschrichtung vor, indem sie uns wissen ließen dass sie sich auf Fürth, Ingolstadt und Paderborn freuen. Schön dass man realistisch bleibt! Viel Spaß auf den Trips nach Fürth oder Ingolstadt, die dann sicher mal wieder zu weit sind um anzureisen.

Gleich zwei besonders durchdachte Attacken: Einmal die diesmal besonders feine Ironie, mit der dem Gegenüber Vorfreude unterstellt wird, wo tatsächlich Angst ausgedrückt wurde. Und zum anderen der Hinweis darauf, dass die Bremer Fanszene zu manchen Auswärtsspielen nicht besonders zahlreich anreist. Solche Verweise auf die jeweiligen Schwächen der gegnerischen Fans gehören unbedingt in jeden Bericht. Umgekehrt würde man den Münchnern beispielsweise vorwerfen, dass bei ihnen zu Hause in München eine jämmerliche Atmosphäre herrscht. Hamburgern würde man die misslungenen Choreographien vorhalten, Wolfsburgern ihr Werksvereinsdasein und so weiter.

Im vorliegenden Bericht, es handelt sich um den der Schickeria München zum letzten Gastspiel in Bremen, folgt jetzt ein spannender Teil, der so tatsächlich nicht in jedem Spielbericht zu lesen ist.

Im Zuge des internationalen Holocaust-Erinnerungstages am 27. Januar gedachten wir heute Otto Beer, dem ehemaligen Jugendleiter des FC Bayern und Vertrauten unseres verehrten Präsidenten Kurt Landauer, und seinem Einsatz für den FC Bayern. Otto Beer war direkt verantwortlich für die Entwicklung der Münchner Fußballkunst und zahlreiche Erfolge unseres Vereins vor dem zweiten Weltkrieg, welche 1932 im Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft für unsere wunderbare Stadt gipfelten. Doch auch seine Verdienste um München und den FC Bayern konnten ihn nicht davor schützen, wie seine Familie Opfer der rassistischen Mordpolitik der Nationalsozialisten und des Wegsehens viel zu vieler Münchner zu werden. Otto Beer wurde von den Nazis nach der Reichskristallnacht deportiert und schließlich 1941 im KZ Kaunas ermordet. Um diesem großen Mann aus der Geschichte des FC Bayern zu gedenken, zeigten wir mehrere Spruchbänder sowie eine Fahne mit Otto Beers Konterfei und unserem alten Vereinslogo. Die Aussage dürfte klar sein: Wir wollten anhand eines anschaulichen Beispiels die Verbindung aufzeigen zwischen der Geschichte unseres großartigen Vereins und der Notwendigkeit und Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute! Vergesst niemals die Geschichte unseres Vereins, auf die wir stolz sein können! Vergesst nie Eure Menschlichkeit! Kein Fußball den Faschisten!

Abseits vom richtigen und wichtigen Anliegen, an die Morde der Deutschen zu erinnern, haben diese Passage und die Spruchbänder, auf die sie sich beziehen, einige interessante Aspekte. Da wäre zunächst die pathetische Sprache: “verehrten Präsidenten”, “Fußballkunst”, “wunderbare Stadt”, “großer Mann”. Sie erzeugt eine Atmosphäre der Erhabenheit, wo es in Wirklichkeit um millionenfaches Verrecken und Krepieren ging. Otto Beer mag ein guter Trainer gewesen sein, vielleicht auch ein guter Mensch, aber darauf kommt es nicht an: Die Nazis haben alle Juden ohne Unterschied ermordet, die Verbrecher wie die Gerechten, die Arbeiter wie die Fabrikbesitzer, die Greise wie die Säuglinge. Die Opfer des Holocaust waren keine Helden, sie waren Mordopfer. Deshalb taugt die Glorifizierung der Toten nicht, um an die Ereignisse zu erinnern, die naturgemäß ohnehin nicht von den Opfern, sondern von den Tätern vorangetrieben wurden.

Spätestens stutzig werden sollte man, wenn jemand von “Geschichte [...], auf die wir stolz sein können” spricht und damit 33-45 meint. Die Schickeria München praktiziert einen nachholenden Widerstand, der sich mit einer angeblichen “Verbindung zwischen der Geschichte [...] und der Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute” begründet. Mit dem üblichen Antifa-Größenwahn halluzinieren sie die Notwendigkeit antifaschistischen Engagements herbei und begründen das mit der Geschichte, als ob sie Otto Beer noch retten könnten; oder als ob heute jemand von deutschen Gaskammern bedroht wäre und der Hilfe der Münchener Fußballfans bedürfte. So können Ultras die bequemste Form des Antifaschismus genießen. In München gibt es ohnehin kaum Nazis, beim FC Bayern schon gar nicht, und die Geschichte des FC Bayern lässt sich wunderbar als Ticket auf die richtige Seite der Geschichte nutzen. Da passt dann auch die Schutzheilige aller machtlosen Flugblattverteiler, Sophie Scholl, bestens ins Bild und auf den Doppelhalter. Die Geschichte von München als “Hauptstadt der Bewegung” spielt dabei keine Rolle mehr. Nun ist es verständlich, dass man sich nicht in die Traditionslinie der Nazis stellt. Dass man sich aber unbedingt identitätsstiftenderweise in eine Tradition stellen muss, mit der man in Wirklichkeit nichts zu tun hat, weil man damit heute nichts zu tun haben kann, das ist fragwürdig.

Das Selbstverständnis als antifaschistische Ultras, die bei Fußballspielen singen und dabei irgendwie auch mit dem deutschen Widerstand verwandt sein wollen, gibt einige Rätsel auf. So ist die Schickeria stolzes Mitglied vom “Alerta Network”, einem Bündnis für antifaschistische Ultras in Europa. In diesem Netzwerk ist es nicht nur völlig okay, sich für die palästinensische Sache einzusetzen, sondern auch, sich mit den antifaschistischen Genossen zu prügeln. Überhaupt, Prügeln und Feindesein ist ziemlich wichtig für die Münchener. Dabei ist für antifaschistische Gewalt kein Ziel in Sicht, auf die Militanz und ihren Chic will man trotzdem nicht verzichten. In München verteidigen sie deshalb bei Gelegenheit auch mal ein Schwimmbad dagegen, von feindlichen Fans beschwommen zu werden. Und selbst drastische Konsequenzen ihres Tuns haben nie etwas daran geändert, dass die Münchener Ultras sich stets zu den Guten rechnen.

Die eigene Mentalität wurde zuletzt per Spruchband mit “Sometimes antisocial – always antifascist” beschrieben, was aus Bremen dieses Mal umgedeutet wurde in “Sometimes antifascist – always white sausage”. Die Weißwurstmentalität räumt man in München zwar ein, aber die Bezugnahme auf das eigene Spruchband zu erkennen wird konsequent verweigert:

Die Bremer zeigten unter anderem ein kreatives und inhaltlich sinnvolles Spruchband, in dem sie uns als White Sausages
bezeichneten. Ihr könnt machen was ihr wollt und bleibt doch für immer Weißwürste! oder so wäre ja mit viele Augen zudrücken evtl. irgendwo noch so was Ähnliches wie amüsant gewesen, aber White Sausage? Wem zum Teufel fällt so was ein? Und welche Runde von Vollnerds findet so was ernsthaft bombe und lustig? Da is wohl wem der Tee nicht bekommen. Unser Beileid sei ihnen sicher, hat jedenfalls gut für Lacher und Kopfschütteln gesorgt. Armes Bremen.

Hier ist wieder die Ironie zu beachten, mit der eingeleitet wird. Die grundsätzliche Überlegenheit der Münchener zeigt sich dann erneut in Lachern, Kopfschütteln und Mitleid. Ach, die Bremer, schreiben was auf Englisch! Weil er inzwischen in bornierter Selbstverliebtheit ertrunken ist, merkt der Autor auch nicht, wie die eigene Selbstdarstellung schließlich zur Karikatur wird. Auf die Erinnerung an den Holocaust folgt nämlich die ernst gemeinte Aufforderung an die Bremer, nicht mehr mit bestimmten Menschen zu tanzen. Nach dem Spruchband für Otto Beer ging es so weiter:

Wir hingegen teilten den Bremern mit, dass die neu aufkeimende Achse des Nordens Bremen-Hannover-Braunschweig irgendwie lächerlich ist. Zur Erläuterung: Hannoveraner (BN99) besuchten letztens eine Techno-Party von Infamous Youth und anderen Bremer Ultras, zu denen sie seit jeher ein mehr als angespanntes Verhältnis pflegen oder um es deutlich zu sagen: eigentlich sind Hannover und Bremen Erzfeinde! Erst beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften gelang es den Hannoveranern die Fahne einer Bremer Gruppe zu entwenden. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, reisten zu dieser Party die Hannoveraner und einige Braunschweiger (UB01), ebenfalls seit jeher erbitterte Erzfeinde (?), auch noch im selben Zug an!

Ein ungeheurer Vorgang, wenn man als echter Ultra auch echter Hassprediger ist. Ultraideologie heißt schließlich immer noch, dass man genau den Leuten, mit denen man am meisten gemein hat, auf die Fresse hauen muss.

Unsere Auffassung von Ultrà sieht in diesem Punkt mal grundlegend anders aus…oder anders formuliert: bevor wir zusammen mit den Blauen nach Nürnberg auf ein Konzert fahren, schneiden wir uns lieber im Absinth-Rausch die Ohren ab!

Das fasst die Idiotie, die Ultra ausmacht, ganz gut zusammen. Schließlich versuchen die Leute, die sowas sagen, es auch ernst zu meinen. Natürlich ist es großer Quatsch und am Ende sind ihnen doch ihre Ohren wichtiger als ihr Abgrenzungsbedürfnis, aber es ist doch das Ideal, genau so zu sein. Weil man dem Ideal aber nicht nahekommen kann, weil einen nie jemand vor die oben genannte Wahl stellt, muss man die eigene Besonderheit mit Verbalradikalismus und absurden Gewaltausbrüchen dokumentieren.

Da in Bremen ein Ultra-Gesetz, wie es den Münchenern vorschwebt, gebrochen wurde, gibt es auch eine Anklage und die Forderung nach Rechtfertigung.

Die zur Legitimation dieser Geschichte vorgebrachte Argumentation war dann ernsthaft, die Techno-Party sei eine “politische Veranstaltung” gewesen und habe ja mit Fußball nix zu tun gehabt. Da haben wir als explizit politische Ultrasgruppe lieber mal nachgefragt ob es ihre Art von Politik-machen ist, mit fußballerischen ERZFEINDEN fröhlich zu Technobeats durchs Discolicht zu hüpfen…

Die Rechtfertigung wird abgelehnt, denn für Tanzen sieht der große Ultrakodex keine Ausnahmen von der Regel vor. Für die Blockade von Naziaufmärschen erteilen die Ultra-Ayatollahs Genehmigungen, wie wir später lesen können. Für eine Tanzveranstaltung mit Soli-Charakter gilt das aber noch nicht. Wo die Grenze gezogen wird, entscheidet die “explizit politische Ultrasgruppe” je nach Eigenbedarf. Zum Beispiel war es völlig okay, am Rande des BAFF-Kongresses in Bremen mit Bremer Ultras, darunter die Redaktion dieses Telemediums, zu feiern. Natürlich könnte man einwenden, dass es anlässlich des BAFF-Kongresses okay ist, mit anderen Menschen Bier zu trinken. Aber darf man dann das Abendprogramm mitmachen? Gibt es ein Privatleben und ein Ultraleben?

Man kann angesichts dieser hirnrissigen Fragestellungen zu dem Ergebnis kommen, dass die Kontaktsperren und mit ihnen jedes Hass-Theater lächerlich sind und abgeschafft gehören. In München sieht man das anders und doziert weiter über das Verhältnis von Fußball zu Linkssein:

Uns ist der linke Hintergrund der Veranstaltung wohl bekannt. Linkes Engagement is prima! Jede Gruppe mehr, die das so sieht, ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Wenn es extreme Fußballfans gibt, die sich auch politisch links positionieren und ohne ihr Fan-sein aufzugeben politisch agieren absolut Daumen hoch! Nur kann man ne musikalische Veranstaltung wohl kaum als “große politische Aktion” hinstellen, die irgendwas rechtfertigt. Für nen echten Fußballfan schon gar ned das Vergessen bzw. Aufgeben aller Werte, Gepflogenheiten und Rivalitäten aus der Fußballwelt.

Während völlig offen bleibt, was “links” ist, wird immerhin deutlich, was ein “echter Fußballfan” ist und was “alle” seine Werte und Gepflogenheiten zu sein haben. Nämlich, man muss sich das in Erinnerung rufen: Mit bestimmten Menschen nicht dieselbe Abendveranstaltung zu besuchen.

Noch dazu wenn man politisch so standhaft und straight ist, dass man mit rechten Bremern und Essenern kleinlaut in einer Kurve steht ohne sich je wirklich davon distanziert zu haben und so radikal, dass man sich unlängst von ner handvoll dahergelaufener Dorfnazis mit “mehreren hundert” Gutmenschen aus ner Sporthalle vertreiben lässt.

Wenn man das ironische Statement zurückdreht, will der Autor vermutlich sagen, dass man in München doch so “standhaft und straight” ist, dass die Schickeria nicht mit Rechten in einer Kurve steht. Das ist natürlich haltloser Quatsch, ebenso wie die missglückte Unterstellung, die Bremer Ultras hätten sich von – ja von was eigentlich? – nicht ausreichend distanziert. Und wenn die Bremer eine Veranstaltung verlassen, bei der Nazis von den Ordnern geschützt werden, anstatt sich ehrenhaft mit allen zu prügeln, dann ist das der Schickeria in Ferndiagnose nicht radikal genug. Denn dort ist Gewalt noch ein hohes Gut, und wenn sich Heranwachsende nicht mit Dorfnazis und Security-Ogern prügeln wollen, dann ist das kein “ernstzunehmendes Engagement”:

Dürfte sich also doch eher um kuschelige Polit-Folklore zum Wohlfühlen handeln als um ernstzunehmendes Engagement.

Dementgegen steht der Antifaschismus ohne Faschisten, den die Bayern so gekonnt zelebrieren. Deren Feinde stehen nicht in der Kurve, sondern sind seit siebzig Jahren tot und dementsprechend pflegeleicht.

Deshalb haben sie dort genug Zeit, um allgemeingültige Regeln für andere Leute aufzustellen. Die Polit-Folklore hat Anführungsstriche bekommen und der Hahn kräht in Richtung Norden, dass wir alle exkommuniziert sind aus der Familie der Fußballfans:

Wenn sowohl die einen als auch die anderen in die Stadt XY fahren und dort nen Naziaufmarsch blockieren und ansonsten jeder seiner Wege geht, kräht danach kein Hahn. Aber wenn man in der Hauptsache Ultras beim Fußball ist, macht man reine “Polit-Folklore” als Bremer Ultra nicht in Hannover und als Hannoveraner Ultra nicht in Bremen oder Braunschweig. Und schon gar nicht zusammen. Sonst hat man mit FUSSBALLFANS nix mehr zu tun! E basta!

Jetzt lebt es sich doch ganz ungeniert, wenn man endlich aus dem Kreis der Sportfreunde und Menschenfeinde ausgeschlossen ist. Doch so leicht kommt man dem Großinquisitor mit kleinem Herzen nicht davon. Schließlich schadet das gemeinsame Tanzen der gemeinsamen Sache:

Die Leute sollten sich vielleicht mal überlegen, dass sie damit auch jegliches ernsthaftes politisches Engagement innerhalb der
Fußballwelt und der mit ihr verbundenen Subkultur diskreditieren, einfach weil sie von anderen Fans nicht mehr ernst genommen werden können. Wir Ultras sind in erster Linie FANS und als solche irrationale Fanatiker unserer Städte und Vereine. Linke Ultrasgruppen sind also Fußballfanatiker mit linker politischer Einstellung, keine in irgendner Form (auch) fußballaffinen Politaktivisten. Eine eigentlich selbstverständliche Grundkonstante des Movimento Ultras, die bedauerlicherweise bei einigen anscheinend in Vergessenheit geraten ist.

Was hier als Irrweg geschildet wird, ist in Wirklichkeit genau das Richtige. Man muss politisches Engagement bei denen diskreditieren, gegen die es ohnehin gerichtet ist. Die autoritären Männergruppen, die rechtsoffenen Alkoholiker, die alteingesessenen Platzhirsche und die Nazis sowieso – sie alle sollten wissen, dass ernsthaftes politisches Engagement sich auch gegen ihre Bräuche richtet und mit dem traditionellen, von reaktionären Münchenern verteidigten Verständnis von Fansein nicht vereinbar ist.

Der verzweifelte Versuch, eine Trennlinie zwischen linken Fans und fußballaffinen Linken zu ziehen, kann nicht erfolgreich sein. Der Geist ist aus der Flasche, Politik und Reflexion sind in der Ultrawelt angekommen. Wenn jetzt aus der Südkurve gerufen wird, dass man das alles nicht so gemeint habe und jetzt gefälligst alle wieder Fußballfans sein sollen, rennt die Schickeria längst der Entwicklung hinterher. “Zurück zum Fussball” soll es für die Ultras gehen. Kein Zufall, dass sie sich dabei einer Sprache bedient, die aus einem ZDF-Bericht über die Love Parade in den Neunzigern entnommen sein könnte: “Zu Beats stampfen”.

Abseits dieser grundsätzlichen Probleme gibt es für den Fanzineschreiber schlussendlich noch zwei Pflichtübungen zu absolvieren. Zunächst muss man sich des Sieges in einer körperlichen Auseinandersetzung rühmen, falls keine stattgefunden hat geht das auch im Konjunktiv.

Nach dem Spiel wurden wir dann von drei netten Herrschaften und einer Dame in blauen Leibchen erneut völlig unstressig und locker zum Bahnhof zurück begleitet und 15 oder 20 Bremer Spinner (O-Ton des Deeskalations-Teams hehe) mussten in der eigenen Stadt noch die Beine in die Hand nehmen.

Und schließlich gilt es noch, sich verwundert über die örtlichen Gepflogenheiten zu zeigen. Das kann anhand der Gastronomie, des Nahverkehrs und vieler anderer Gegebenheiten passieren. Hauptsache, es passiert etwas Ungewöhnliches und man kommentiert das dann im Hinblick auf den Ort: “Na, das ist aber komisch hier!”

Absolutes Tageshighlight war allerdings ein Schild in der Bremer Innenstadt, auf dem uns bildlich mitgeteilt wurde, dass zwischen 20 Uhr und 8 Uhr die Benutzung von Schusswaffen, Messern und Baseballschlägern untersagt sei. Wir haben Tränen gelacht, hier ist die Welt echt noch in Ordnung. Morden bitte nur vor 20 Uhr!

Ob das Schild tatsächlich nicht verstanden wurde oder für die bessere Belachbarkeit absichtlich falsch gelesen wurde, bleibt offen. Bei Ultras sind Waffen immerhin verboten – abgesehen von Flaschen und Leuchtspur.

* Der Spielbericht erschien im “skb-online”, einem Newsletter der Schickeria München

verbrochenes.net, das Fachmagazin für Initiationsriten und Segelschiffe, nimmt zur Lage der Welt wie folgt Stellung:


Der kleine Samstag
schafft es, das Weserstadion noch kleiner zu machen als es jetzt ohnehin schon ist. So kann man es in der Tasche mitnehmen und muss auch die Zumutungen der aktuellen Mannschaft nicht mehr hinnehmen. Der Große Samstag folgt morgen, wenn Werder gegen den wiederauferstandenen FC Hollywood spielt. Die Konstellation verspricht Spannung, mindestens bis zum 0:1.

Einen noch größeren Samstag plant die ägyptische Spaßgesellschaft, die gerade Medienjunkies und Polit-Experten in aller Welt Freude bereitet. Keiner ist dagegen, schließlich weiß man noch nicht so recht, was die eigentlich wollen, und Mubarak mag niemand. Ob der bald abtreten muss, ob dann sein Sohn, das Militär, die Muslim-Bruderschaft oder eine demokratische Regierung den ganzen Schlamassel übernehmen – das weiß leider keiner. Wenn es die Islamisten werden, sollen sie wenigstens endlich den Gazastreifen übernehmen, bitte.

Wenn Ihr den kleinen Samstag schon erworben habt und der Dispo immer noch 22 Euro hergibt, dann gibt es gar keine andere Wahl, als Wolfgang Pohrt zu kaufen, beziehungsweise sein Buch. Pohrt hat brilliant gedacht, noch brillianter geschrieben, und schon beim Lesen möchte man eigentlich nur eins: ihn ständig nur zitieren. Im Blog, im Gespräch, in Gedanken. Das schickt sich natürlich nicht, und es bringt auch niemanden weiter, das wiederzukauen, was schon längst gesagt wurde, aber anderswo oder gar besser ist es halt nicht zu haben. Leider schreibt Pohrt nicht mehr viel, und schon lange keine hasserfüllten Polemiken mehr. Das liegt auch daran, dass mit dem Ende der deutschen Linken, die sich schließlich im nationalen Brei aufgelöst hat, kein Bedarf mehr an derlei Textproduktion mehr da war. Nun sitzen wir hier fest und langweilen uns mit den anderen linken Autoren, deren Mittelmäßigkeit man erst richtig begreift, wenn man vorher Pohrt gelesen hat.

Zuletzt ist hinzuweisen auf Israelkritik in der Jungle World. Stefan Vogt bewirbt sich zum wiederholten Male für eine Stelle bei der taz, indem er ganz ausgewogen schildert, warum die Israelis das mit dem Frieden verpatzt haben und aus ihrem Parlament bestenfalls noch “Lebenszeichen” zu hören sind.

Seit der letzten Testspiel-Niederlage gegen einen türkischen Durchschnittsverein, bei dem angeblich “mindestens zwei Akteure Übergewicht” hatten, und von denen ein Spieler, vermutlich normalgewichtig, sich nach dem Spiel “überrascht, wie schlecht Werder ist”, zeigte, ist in den Medien und unter den Werder-Fans die Endzeitstimmung angebrochen.

Besonders die Kreiszeitung, die sonst stets auf Vereinslinie war und auch in der Hinrunde immer, wie alle Fans, die stete Hoffnung auf Besserung hatte, zeigt sich nun schockiert. Den Spielbericht auf werder.de bezeichnet ein mutiger Redakteur geradeheraus als “Blödsinn”, was in Bremen geradezu revolutionären Charakter hat. Fraglich ist auch, ob peinliche Selbstentlarvungen wie die von Co-Trainer Matthias Hönerbach vor einem Jahr den Weg in die Medien gefunden hätten. „Du kleine Wurst, bei uns im Hotel ist noch ein Posten als Kellner frei, du Idiot“, soll der jetzt zum türkischen Schiedsrichter gesagt haben. Viel armseliger kann man sich nicht aufspielen. Ein kleiner Co-Trainer, Weisungsempfänger und Hütchenaufsteller, der sein Selbstwertgefühl daraus bezieht, dass immerhin noch andere Leute ihm das Essen bringen müssen, und der ernsthaft daran glaubt, dass er deshalb etwas Besseres wäre. Während wir uns vor Jahren noch Sorgen darum machen mussten, dass Werder zu beliebt werden könnte, wendet man sich nun angeekelt ab.

Sportlich war dem Vernehmen nach alles katastrophal, also wirklich noch schlechter als vorher. Dass es nicht besser werden würde, damit war zu rechnen, zumal nach Almeidas verständlichem Abgang. Dass wir aber noch vor dem ersten Spiel den Abstiegskampf entern, das ist beachtlich. Leider war das neue Elend bisher nicht im Fernsehen zu betrachten, weshalb man sich auf die Pressestimmen verlassen muss, aber die sind wie oben beschrieben außergewöhnlich deutlich in ihrer Alarmstimmung. Was bedeutet sie nun, die bevorstehende Apokalypse, und wie soll man damit umgehen?

Die Redaktion ist tief in sich gegangen und hat die Situation jetzt für sich angenommen wie ein Bundesligaspieler einen Zweikampf. Nach Jahren des Erfolgs, der, auch wenn das heute schon vergessen wird, tatsächlich bis zum Anfang dieser Saison in Genua konstant anhielt, verspüren wir eine Lust an der Niederlage, eine Sehnsucht nach der Apokalypse, nach dem Zusammenbruch. verbrochenes.net ist bereit, emotional Teil der Misere zu werden. Wir sind bereit, schwere Niederlagen einzustecken. Wir sind bereit, ein hart erkämpftes Unentschieden zu bejubeln, wenn es denn nur einen Punkt bringt, einen Punkt, den wir im Kampf gegen den Abstieg bitter benötigen. Wir sind bereit, Freitag abends auf eine Niederlage von Köln oder Nürnberg zu hoffen. Wir sind bereit, einen Anschlusstreffer zu bejubeln, wie wir seit Jahren kein viertes, fünftes oder sechstes Tor bejubelt haben. Und wir sind bereit, den Klassenerhalt zu bejubeln, wie wir keinen Derby- und keinen Finalsieg bejubelt haben.

Die Lust an der Apokalypse rührt vom Unbehagen am Bestehenden, und wir wissen das. Wir sind deshalb bereit, das Bestehende hinweggefegt zu sehen. Schaaf, Allofs, Frings, und alle anderen mit ihnen können verschwinden im Strudel des Niedergangs, im existenziellen Kampf um den Ball und die Zukunft. Wenn alles vorbei ist, ist alles neu, und wenn alles neu ist, ist alles besser. Arroganz und Dekadenz sind eingezogen bei den Herrschenden; Langeweile, Verweichlichung und Gleichgültigkeit bei ihren Anhängern. Dem wird diese Rückserie ein Ende machen, so oder so.

Oder eben auch nicht. Bis zur Testspielkatastrophe war ich davon ausgegangen, dass das schon alles auf Platz 10 enden wird, und vielleicht kommt es doch so. Wenn Pizarro wieder regelmäßig dabei ist und Mertesacker seine Normalform wiederfindet, dann wird alles schon wieder viel besser werden. Dagegen spricht, dass die Dinge nie so bleiben, wie sie sind, sondern sich immer in irgendeine Richtung bewegen. Weit bergauf kann es nicht gehen, dafür ist die Mannschaft zu schlecht. Also geht es bergab. Und das ist auch gut so. Siehe oben, ich freue mich drauf.

Wie man mit dem deutschen Volksempfinden Geld verdient, weiß man am besten beim “Spiegel”. Ende November hatten sie den letzten Hitler-Titel, wenn auch nur mit Goebbels als “Mann, der Hitler machte”. Drei Wochen vorher waren es die “Verzweifelten Staaten von Amerika”, die die deutschen Krisengewinnler am Kiosk freudig glucksen ließen. Als im Dezember “Das letzte Gefecht” um den Euro ausgerufen wurde, kam die Angst um die deutsche Währung dran. Und schließlich wärmte das Blatt die Herzen mit dem “Mythos Mekka”, einem bewunderungsvollen Titel für die Hauptstadt der Antimoderne.

Mit dem aktuellen Titel haben die Magazin-Macher es allerdings geschafft, sich ein weiteres Mal zu übertreffen. Ein feist grinsendes Roboter-Insekt zerrt die Menschen aus ihren bescheidenen Häusern, die Überschrift sagt uns, um wen es sich handelt: “Die Unersättlichen”. Für diejenigen, die noch nicht wissen, welche unersättlichen Insekten es sind, die den Deutschen seit Jahr und Tag an Leib, Leben und Daten wollen, hat man es diesmal fast ausbuchstabiert: “Facebook & Co” wollen mit dem Allerheiligsten des Volkes “Milliarden-Geschäfte” machen. Weil es über Mark Zuckerberg, Facebook-CEO, inzwischen einen Film gibt und er “Person of the Year” im “Time Magazine” war, funktioniert das Bild noch viel schneller. Unersättliches Insekt, amerikanische Judenfirma, und der kleine Mann aus Deutschland fällt aus dem Fenster. Dazu die antimoderne Angst vor dem Fortschritt, fertig ist der Nazi-Titel, besser als jede rührselige Hitler-Story aus dem Bunker.

Dass hier antisemitische Karikaturen unters Volk gebracht werden, würde man beim Hamburger IntellektuellenBürger-”Stürmer” natürlich ehrlich empört von sich weisen. Schließlich geht es hier um Datenschutz, ein ehrbares Anliegen, gegen das wirklich niemand etwas haben kann. Außer den geldgierigen amerikanischen Corporations, natürlich. Die Google-Streetview-Kamera, die das Ungetüm auf dem Kopf hat, ist Tatwaffe des Verbrechens an den Deutschen und ihren Häusern. Während Google frech einfach die Welt fotografierte, obwohl die ihm doch gar nicht gehört, hat Facebook es – Zuckerberg! – viel perfider angestellt. Die deutsche Jugend liefert ihre Daten einfach freiwillig beim amerikanischen Unternehmen ab, das dann damit Geld verdient. Zum Beispiel mit schrecklicher Werbung. Allerdings ist so etwas wie personalisierte Werbung nur die Spitze des Eisbergs für das Social-Media-Opfer. Schlimm genug ist bereits, dass überhaupt jemand im Ausland über Daten verfügt.

Datenschutz ist inzwischen ungefähr so wichtig wie gegen Kinderpornos zu sein. Zwar ist es okay, wenn der deutsche Staat Daten über seine Bürger sammelt, man lässt auch gern mit “Payback-Card” sein Einkaufsverhalten protokollieren, aber wenn die USA Fluggastdaten haben wollen oder amerikanische Firmen kostenlose Dienstleistungen im Internet anbieten, dann empört sich die Nation und der “Spiegel” bekommt antisemitische Aufwallungen. Als ob man durch das Speichern von Namen und Hauswänden die Seelen der Betroffenen einfangen könnte, empören sich die Leute, obwohl sie außer – schrecklich! – Vermarktung nichts zu befürchten haben. Datenschutz wird so ideologisch aufgeblasen, ganz ähnlich wie zuvor der Umweltschutz. Wäre eine deutsche Firma Marktführer in irgendeinem Bereich im Internet, so wäre das Volk begeistert von der neuen Technik. Denn letztendlich sind auch die persönlichen Daten eine nationale Angelegenheit. Weil die fraglichen Firmen aber aus dem kapitalistischen Ausland kommen, möchte das Volk vor ihnen beschützt werden. Dass das in Eigeninitiative recht effektiv zu machen ist, indem man sie einfach nicht benutzt, spielt dabei keine Rolle. Für das Wohl der Deutschen war schon immer der Staat zuständig.

Nachtrag: Der Titel zitiert offenbar diese Lithografie des antisemitischen Zeichners Andreas Paul Weber.

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