Eigenes

Meist bedeutungslos.

fusion 2008

fusion 2008
Ankunft und Ausrüstung:

Eigentlich hatte ich das Festival schon abgeschrieben, dann erreichte mich aber doch noch eine Nachricht und ein Platz in einem Auto. Bliebe das Problem, dass ich natürlich keine Karte hatte. Zu dem Festival gehört aber auch, dass man vor Ort immer noch eine Karte bekommen kann. Bei steigender Besucherzahl in den letzten Jahren könnte das vielleicht einmal ein Problem werden, wenn man nicht das Gelände immer mehr erweitert und dem  Festival damit den mir -und ich denke auch vielen anderen- wichtigen familiären Charakter nehmen würde. Es darf also jeder kommen der nicht Thor Steinar oder Deutschlandfahne trägt. Letztere sah man dann aber doch auf dem Gelände: Gold entfernt und an die Fantasieautos getackert. Diese Autos waren auch der erste Kontakt mit dieser Parallelgesellschaft in die ich für 4 Tage eintauchte: Alte, rostige, bunte, umgeschweißte, entglaste, bemalte und doch noch irgendwie fahrtüchtige Vehikel kamen uns entgegen und die ersten Dreadlock-Träger zeigten uns den Weg. Größtenteils (oder nur?!) sind diese ehrenamtliche Helfer, die sich durch eine Arbeitsschicht die Karte verdienen können. Die Karte kostet nicht viel für das, was man dann geboten bekommt. In der Warteschlange bekommt man das “Fusion-Buch” mit Hinweisen, Lageplan, Spielplan usw. Auf dem Zeltplatz angekommen beginnt die Suche nach dem richtigen Platz für Auto und Zelte. Auto darf nämlich neben dem Zelt stehen. Einer der zahlreichen Pluspunkte. Leider wurden wir bei dieser Suche aber 2x verscheucht, sogar dummdreist und ohne Argumente. Das war schade und gar nicht hippie. Nach 2 Minuten auf unserem “Rückzugs-Ort” (Trancefloor 500m Luftlinie) kam der erste Händler seines Weges und bot uns seine Ware an: Pappe, Vitaminpillen und Grünzeug. Pappe verkaufe er an Erstpapper aber nicht. Ein Keksbauchladen kreuzte kurze Zeit später auf. 

Das Gelände, das Essen: 

Das Gelände gehört dem Kulturkosmos und wird von diesem das ganze Jahr über gepflegt und genutzt. Es ist ein altes Militärgelände, ein ehemaliger Flugplatz mit den charakteristischen Hangars. Der Übergang vom Zeltplatz zur Tanzwiese ist fließend, so dass neben manchem Stand ein Zelt steht und man auch alles mit auf das Gelände nehmen darf. Positiv, gleichzeitig aber auch negativ, da sich so sehr viele Glasflaschen sammeln, die ja bekanntlich aus Scherben zusammengeklebt sind. Die Stände selbst sind holzlastig, ohne viele elektronische Geräte, alles wirkt eher spartanisch und vor allem liebevoll mit dem Wort, das über dem ganzen Gelände schwebt: detailreich. An jeder Ecke kann man neue Dinge entdecken, Lichterspiele in der Nacht, Holzkonstruktionen am Tag, beides zusammen im Halbdunkel - die Tageszeit spielt hier sowieso keine Rolle mehr. Die Straßen haben Namen, man wird sehr freundlich angesprochen, es gibt keine Hektik und kein Gedrängel. “Und was kann ich für dich tun?” “Die Preise kenne ich selber nicht.” - oft gehörte Sätze beim Einkauf der ausschließlich vegetarischen Leckereien. Wagenburger, Spaghetti, Fladen und Chili Sin Carne. Gut genährt kann man zu Workshops gehen, ins Kino, Super Mario spielen, Jonglieren, auf einem großen blauen Ball stehen und nicht runterfallen, auf den Hangar klettern und schauen, sich ins Erdloch legen und alle neidisch machen, weil man einen Teppich unten und eine Plane oben hat. Kurz: alles entdecken und dann natürlich auch noch tanzen!

Die Musik, der Tanz:

Dub, Reggae, Dancehall, Elektro, Ska, Punk, Alternative, Techhouse, Minimal, GOA, Trance - mir fallen bestimmt noch mehr Musikrichtungen ein und fast alle könnte man hier aufschreiben. Das Angebot ist vielseitig, es gibt 10 Bühnen von denen die meisten Tag und Nacht Programm haben.
Meine Highlights waren The Notwist, Steve Bug, Dominik Eulberg und ganz viele andere, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, die aber mich und meine Mitreisenden immer mächtig zum hüpfen animieren konnten. Nach einigen Stunden schweißtreibender Arbeit gab es dann Energiebällchen (ohne Zusatzstoffe, wirklich!) oder Chai oder Tee oder Wasser oder Milchshake oder vielleicht auch Bier. Bierwagen darf man hier allerdings nicht suchen. Und natürlich sieht man auch nicht ein einziges Werbebanner.

Die Menschen, das Volk:

Auf der Spieleverpackung zur Fusion wäre wohl eine Familie inklusive Hund abgebildet mit der Altersempfehlung 0-99+. Denn so setzt sich das Publikum zusammen. Vom Althippie über den Normalhippen zum Technogirlie. Alles dabei. Kinder mit auf dieses Festival zu nehmen ist einerseits toll, weil Kinder einfach eine schöne Atmosphäre schaffen können, wenn allerdings das Nichtkinddrumherrum ganz und gar nicht kindgerecht ist, wird es schwierig. Andererseits ist diese bunte Welt so noch bunter gewesen und die Kinder die ich sah hatten auch alle sehr viel Spaß; nur die Hunde, die haben da wirklich nichts zu suchen. Viel zu laut plus Zusatzkot.

Fazit:

Dieses Festival ist für jeden zu empfehlen, der sich darauf einlassen möchte und ich habe tatsächlich zum ersten Mal wirklich das Gefühl gehabt, dass das Festival eine Botschaft hat, etwas vermitteln will und das diese Botschaft auch ankommt. Jedenfalls bei mir. Wie aus dem Reiseheft kann man “fernab vom Alltagsstress und Zivilisationslärm die Seele auftanken” und spüren, dass gerade ohne viel Geld sehr viel Miteinander möglich ist. Ein bisschen Schade finde ich nur, dass für viele diese Erfahrung mit dem Konsum von Drogen einher geht. Die Angebotsvielfalt, das ganze drumherum zeigen aber auch immer wieder, dass dieser nicht im Vordergrund stehen soll. Ich komme wieder!

 

Vor zwei Wochen war ich in Berlin. Da ist es interessant, da trifft man Leute. Ich traf also auf die Freundin einer Freundin, nennen wir sie mal Sabine, und unterhielt mich eine Weile ganz nett mit ihr, u.a. darüber, wie realistisch so ein an den Himmel geworfenes Batman-Zeichen eigentlich ist, über Filme, Geschichten und solche Scherze.

Heute sitze ich mit meinen Eltern im Café 100 Meter von hier entfernt, und wer setzt sich mit fünf Freunden an den Nebentisch? Genau, Sabine. Ab hier beginnen nun meine Überlegungen zu sozialer Verkrüppelung. Ich weiss nämlich gar nicht, wie sowas gesellschaftlich geregelt ist. Grüßt man sich in solchen Fällen? Oder unterhält man sich gar kurz, wenn man sich dann wieder trifft?

Von diesen Fragen abgesehen kann es natürlich auch noch eine unterschiedliche Wahrnehmung geben. Was dem einen eine nette Unterhaltung war, kann dem anderen auch der langweiligste Freitagabend aller Zeiten gewesen sein. Das macht die Sache noch komplizierter. Zumal andere Leute öfter mal gute Unterhaltungen haben, weil’s anderswo (Berlin!) auch zahlreiche interessante Menschen gibt. Solche sind hier erfahrungsgemäß rar.

Konkret hatte ich nun mehrere Möglichkeiten, die perfekte Junge-Leute-Im-Café-Idylle nebenan zu stören. Ein freudiges “Hallo Sabine, hast du das mit BATMAN eigentlich mal geklärt?????” bietet alle Chancen, eine peinliche Situation für sämtliche Anwesenden zu kreieren. Könnte aber auch ziemlich komisch sein. Abgekürzt ginge auch “Hallo Sabine!”, das könnte im Falle des Nichterinnerns ihrerseits noch viel peinlicher sein, schliesslich entfällt die Möglichkeit für mich, direkt auf entlaufener Behinderter zu machen, die ich bei der Batmanvariante immerhin schon gut vorbereitet hätte.
Für Leute, die nicht sozial behindert sind, wäre das wahrscheinlich das Selbstverständliche, einfach mal Hallo zu sagen. Aber wer ist das schon? Ich würde diesen Eintrag nicht schreiben, wenn ich nicht wüsste, dass es Vielen so geht. Und natürlicherweise auch nicht, wenn sie ihrerseits Hallo gesagt hätte.

Zum Glück hat man immer noch eine weitere Möglichkeit: Nach Hause gehen und alles ins Blog zu schreiben. Das ist zweifellos die peinlichste. Nein, noch peinlicher wäre es, im StudiVZ zu lügen: “Warst du das eigentlich im Café Wolf? Ich war mir nicht sicher! Wie gehts so?”

Falls sich jemand findet, der die Frage mit dem Batmanzeichen klären kann, wäre das super. Braucht es dafür Wolken, an die es geworfen werden kann? Und wie klar können die Konturen eigentlich werden? Ich habe da so meine Zweifel an der Machbarkeit.

Fernweh

“Scheiß auf Kroatien!” war das erste, was ich vom Balkon aus nach dem Elfmeterschiessen eben gehört habe. Eine Handvoll Leute grölt es ihrem Anführer nach, der anschliessend “Türkiye! Türkiye” intoniert. Das deckt sich mit der Erfahrung nach dem Sieg der Türken gegen die Schweiz, wo das erste, was ich aus dem beginnenden Autokorso heraus hörte, “Schweiz kann jetzt nach Hause fahrn!” war. Dass “die Schweiz” es in dem Fall nicht so weit hätte, könnte sie überhaupt irgendwohin fahren, ist gar nicht mal das Bemerkenswerteste daran.
Den Schreihälsen von eben wurde schnell geantwortet. Von gegenüber schrie es ein “Deutschland, Deutschland” zurück. Daraufhin machte sich einer der betrunkenen Halbstarken auf den Weg Richtung Straße, stand dort kurz und wurde zurückgerufen, da seine Kumpel “keinen Bock auf den Stress” hätten, den er offensichtlich mit den zu erwartenden und jetzt zu sehenden Jubeltürken anzufangen plante.
Als die feiernden Deutschen gestern gerade vom fröhlichen Jubel zum zwangsläufig folgenden faschistoiden “Sieg”-Gegröle übergegangen waren, als die mitgebrachten Fußbälle und das mit ihnen zu feiernde Fußballfest nicht mehr gefragt waren, da machten sich am Sielwall die ersten jungen Türken daran, diese Bälle in böser Absicht mal feste in Richtung Kartoffelecke zu schiessen. So nah liegt das beieinander, so ist das eine im anderen angelegt.

Heute nun fiel es schwer, überhaupt einer Mannschaft die Daumen zu halten, wenn man mal über das Sportliche ein wenig hinausdenkt. Slaven Bilic spielt in der Kabine gerne mal ein Lied der ultranationalistischen Band Thompson. (Zu der ich mal einen interessanten Artikel gelesen habe, den ich nicht wiederfinde.) Bei den Türken dagegen titelte eine Zeitung vorher, dass die Mütter der Spieler sie für diesen Tag geboren hätten. Wofür setzt man auch sonst Kinder in die Welt, wenn nicht dafür, dass sie der Nation Ruhm und Ehre bringen? Der Trainer, Fatih Terim, äusserte sich nach dem Spiel in etwa so, jemand hat mir das mal transkribiert:

blabla…es ist ein großer tag für unser volk…blabla…wenn unser volk auf uns stolz ist sind wir auch auf sie stolz…blablabla….das wichtigste ist, dass unsere landsmänner stolz sind…usw.

In all diesem faschistischen Brei fällt es schwer, einfach Fußball zu gucken.

Und nun muss man langsam anfangen, sich das Spektakel nächste Woche auszumalen. Als erstes werden die zu Recht besorgten Politiker zu einem friedlichen Fest aufrufen. Der Imageschaden für Deutschland ist kaum auszumalen, sollte es zu ernsthaften Auseinandersetzungen kommen. Also wird ein fröhliches Multikulti- und/oder Integrationsbild gezeichnet werden, das mit der Straßenrealität, mit dem grölenden Fan, wenig zu tun hat. Zum Glück wird der im Endeffekt von der Staatsmacht in seinen Schranken gehalten, am Ende wollen ja doch alle gute Deutsche sein. Das Theater drumherum verhindert das alles nicht.

Gerade bekomme ich eine SMS, vermutlich wiederum vom Sielwall oder einem anderen zentralen Punkt der Feierlichkeiten: “Es wird alles immer schlimmer.” Das glaube ich gerne. Und würde am liebsten flüchten. Angeblich reicht Skandinavien schon aus, ich würde aber lieber nach Fernost. Mindestens.

Wir sind allesamt Werderfans. Was macht man nun, wenn man bei der EM völlig zurecht für die niederländische Mannschaft cheert, und dann das rechte oder linke Kreuzband von Rafael van der Vaart mit lautem Knall in Stücke reißt? Findige Moralschieber retten sich dann damit, dass er ja ein ganz anderes Trikot trägt, als wenn er für den Verein aus Stellingen spielt, und dass sie sich demzufolge natürlich nicht freuen würden, wenn er sich verletzen würde. Man muss kein besonders großer Freund der Nazikeule sein, um unwillkürlich zu erwidern: Wenn du nun also Adolf Hitler im Hawaiihemd treffen würdest, würdest du auch einen Sex on the Beach mit ihm trinken?

Ist das eine Verharmlosung von Hitler, oder von Hawaiihemden? Nein. Um sich das zu veranschaulichen, genügt es, die zusammengehörigen Teile einmal ins Verhältnis zu setzen, also Quotienten zu bilden. Man kann dann mit Fug und Recht behaupten, dass Hitler geteilt durch Hawaiihemd ungefähr den gleichen Wert ergibt wie Van der Vaart geteilt durch Oranje-Dress. Es ergeben sich interessante Möglichkeiten, durch simples Umstellen der Gleichungen neue Erkenntnisse in fußball- und modemoralischen Fragen zu gewinnen. So lässt sich zum Beispiel sagen, das Van der Vaart identisch ist mit Hitler, wenn man diesen noch mit Hollandtrikot durch Blumenhemd (dem sogenannten Hemdquotienten) multipliziert. Dieser ist aufgrund der relativ verheerenden Wirkung von Hawaiihemden auf die Augen sehr gering. Genaue Werte liegen bisher nicht vor, man schätzt aber, dass Hitler 3 bis 14 Zehnerpotenzen schlimmer ist als Van der Vaart, dies entspricht genau dem Verhältnis zwischen den beiden genannten Kleidungsstücken.

Sprich: Van der Vaart bleibt ein HSVer, wenn er ein anderes Trikot trägt, genau wie Hitler ein Nazi bleibt, wenn er ein Hawaiihemd anhat. Und das, obwohl zwischen beiden Welten liegen, Welten von der gleichen Mächtigkeit wie zwischen den Kleidungsstücken. Was passiert, wenn Hitler ausländische Trikots anzieht, wurde bisher nicht erforscht. Vielleicht könnte man ihn dann liebgewinnen. Dann wird es ganz schwierig für jeden HSVer, da mitzuhalten. Werdertrikots kriegen sie von uns jedenfalls nicht.

Was als nächstes kommt? Ich kann es selbst kaum erwarten!

Nunja, ich fand das Foto schön.

Rumgestoibere

Wer sich in Stockholm, Rom oder Ankara 0,33 Liter Markenbier aus dem Supermarkt holt, bekommt in Bukarest, Amsterdam oder Wien die zwei bis dreifache Menge für das gleiche Geld.

Großartig!

via

Dass in Deutschland etwas falsch läuft, merkt man mittlerweile bei jeder Fahrt zur Tankstelle.

Das teilte mir eben irgendein Politiker im Radio mit, wohl einer von der FDP. Ich würde ihn gerne fragen, wo man hinfahren muss, um das nicht zu merken.

Stylefaschist:

Pfeilstatist:

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