Twitter, Ihr habt vielleicht davon gehört, ist ein schönes schnelles neues Medium, das wir hier ausgiebig für Euch getestet haben. Nun zum Ergebnis: Twitter ist ganz geil, aber auch viel doof.
Ganz geil: Twitter ist komfortabel und schnell. Aber wofür eigentlich? Für die Informationen natürlich. Man “folgt” denjenigen Twitterern, für deren Beiträge man sich interessiert. Ein hoher Prozentsatz besteht aus dem einfachen Herumreichen von Links. In dieser Funktion unterscheidet sich Twitter wenig von Foren und Blogs, wo interessante Links ebenfalls die Runde machen. Es ist aber viel schneller, weil alles viel kürzer beschrieben wird und weil alle Leser dieselbe Plattform benutzen, Twitter eben. Mit einem Klick reicht man einen interessanten Tweet an seine eigenen Leser weiter, mit maximal 140 Anschlägen gibt man seinen eigenen Senf dazu. So wird der Twitterstream zur niemals endenden Linklawine für alle daran Beteiligten.
Twitter kann auch sehr lustig sein. Mit vielen Witzen und Sprüchen ist es so, dass sie sich auf 140 Zeichen runterbrechen lassen und dadurch eher besser als schlechter werden. Das gilt übrigens auch anderswo, und das ist der heutige gute Tipp der Redaktion: Wenn Ihr was schreibt, lest es hinterher durch und streicht jedes überflüssige Wort.
Sehr lustig ist zum Beispiel Tim Siedell.
Über Twitter liefern Experten und Idioten, die man sich jeweils aussuchen kann, Informationen zu allen möglichen Themen. Es ist auch unterhaltsam, ein großer Teil der gesammelten Links führt schließlich zu lustigen Videos und irgendwelchen OMFG-Geschichten.
Aber! Wie wirklich jeder andere Twitter-Nutzer auch bin ich davon überzeugt, zu wenige Leser (Follower) zu haben. Es sind jetzt gut 150 registrierte Leser, einige andere rufen die Seite bestimmt auch ohne Account auf. Andererseits sind viele der Follower sicher Karteileichen oder Spamaccounts. Das reduziert die Leserschaft auf einen sehr überschaubaren Kreis. Noch mauer wird es, wenn es um die verlinkten Beiträge geht. Der Blog-Eintrag über den neuen HSV-Trainer wurde an den ersten beiden Tagen offenbar keine zehn Mal angeklickt. Vielleicht verrechne ich mich da auch gerade, aber unterm Strich bleibt, dass der Nutzen für das Blog hart gegen null geht. Dazu kommt, dass ich mit knapp 700 Tweets (Einträgen) relativ aktiv war, auch ab und zu von deutlich besser besuchten Twitterern erwähnt wurde und inhaltlich natürlich nur Highlights geboten habe. Es liegt also nahe zu vermuten, dass mein Potential dort annähernd ausgereizt ist.
Während der Nutzen des Twitterns für das Blog (!) also überschaubar ist, ist der Schaden erheblich. Denn in den 700 Tweets stecken bestimmt 200 Blogeinträge, die nie geschrieben wurden. Es ist viel bequemer, einen Link zur Taz mit dem Hinweis “Antisemitisches Pamphlet in der taz” bei Twitter zu verlinken, als einen Blogeintrag zu schreiben, in dem die antisemitischen Elemente herausgearbeitet werden. Schließlich schreibt diesen Blogeintrag meist auch noch jemand anders in einem anderen Blog – den verlinkt man dann auch noch bei Twitter. Dem Mitteilungsbedürfnis und der Empörung sind damit Genüge getan. Die eigene inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema fällt aber weitaus weniger ertragreich aus, wenn der Blogeintrag ausfällt. Und die eigene Eitelkeit leidet mit, wenn statt 100 Kommentaren im Blog nur ein Re-tweet von Niels Ruf herausspringt.
Kurz: Ich blogge weniger, weil ich Twitter nutze, und anschließend leide ich darunter, dass ich weniger gebloggt habe. Das geht nicht nur mir so, andere Blogger berichten dasselbe und es ist ohnehin naheliegend. Unsere Zeit ist begrenzt, und man muss sich entscheiden, welche Medien man konsumieren und welche man machen möchte. Das ist hier soeben geschehen, womit ein monatelanger Entscheidungsprozess zu seinem Ende kommt. Das Twittern wird weitgehend eingestellt; was vorher nur getwittert wurde, findet nun wieder im Blog statt. Das wird dazu führen, dass hier gerne mal Einzeiler auftauchen oder wieder mehr Videos unkommentiert eingebunden werden. An mancher Stelle und für manchen User mag das auch weniger komfortabel zu konsumieren sein als vorher, aber das dürfte die Minderheit sein. Der Rest kann über die Kommentare teilhaben, und das ist super. Für mich bedeutet es, dass ich mehr schreiben werde, was ziemlich genau das ist, was ich gerade machen will. Für Pommes “Joinsen” Gerhard bedeutet es, dass er sich nicht länger auf seinen Lorbeeren ausruhen kann und in der Pflicht ist, hier in Zukunft ebenfalls wieder deutlich mehr zu leisten.
Für die Welt, und um nichts weniger geht es hier schließlich, bedeutet dieser Schritt nur Gutes. Twitter, ich will das betonen, bleibt ein wirklich schönes Medium. Probiert das ruhig mal aus, Freunde.
Entschuldigt mich an dieser Stelle, ich muss für das Derby trainieren. Auf dem Schießstand.

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