Eigenes

Meist bedeutungslos.

Jahresrückblicke riechen immer ein bisschen nach Johannes B. Kerner oder der Bild am Sonntag. Ganz altersmilde schauen das Land und seine Medien auf die letzten Monate, Naturkatastrophen stehen neben Promi-Hochzeiten und Bestechungsskandale neben Sportereignissen. Die Welt hat wieder einmal ihren Lauf genommen, und die Konservative hat vorher gewusst, dass sie das tun würde. Deshalb sind die Jahresrückblicke meist so langweilig. Noch die aufregendsten Ereignisse werden heruntergebrochen auf ihre eine Gemeinsamkeit; darauf nämlich, dass sie schon vorbei sind. So ist es heute eigentlich alles egal, was damals passiert ist, und auf die Auswirkungen der ganzen Geschichte auf die Zukunft, und auf das, was was die Ereignisse über unsere Gegenwart auszusagen vermögen, darauf kommt es jetzt gar nicht mehr so an. Denn jetzt ist Weihnachten, jetzt ist auch mal gut.

Aber Jahresrückblicke haben auch ihren Reiz. Ganz besonders natürlich für den Redakteur, der mit wenig Aufwand einige Seiten oder Stunden seines Mediums füllen kann. Das kann sogar viel Freude machen, wenn man in einem Text über viele verschiedene Ereignisse palavern kann. Aber selbstverständlich kommt es für ein jugendliches Medium wie verbrochenes.net nicht in Frage, einen einfachen Jahresrückblick aufzulegen. Weil das Problem hinlänglich bekannt ist, gibt es auch einige anerkannte Lösungen. Aufregend und lustig kann eine Jahresvorschau auf das kommende Jahr sein, da ist Platz für Phantasie. Immer gern genommen sind auch Listen, Top oder Flop, die besten oder die lustigsten oder die skurrilsten Ereignisse oder Lieder oder Pannen des letzten Jahres. Man muss da kreativ sein, um wahrgenommen zu werden. “Der etwas andere Jahresrückblick” erreicht 94.000 Treffer bei Google, und wieviele von den “etwas anderen” sich gleichen, kann man sich ausmalen.

Umso stolzer ist die Redaktion, einen ganz neuen Blick auf das Jahr anbieten zu können. Als progressive Humanisten sehen wir die Welt mit Spannung und einer gewissen Erwartungshaltung. Wir, jugendlich und stürmisch, fordern die Welt heraus, uns etwas Ungesehenes zu zeigen. Postexistenzialistisch fragen wir: Kann die Sonne nicht einmal auf etwas Neues scheinen? Kann sie? Geht vielleicht doch etwas über die alten Fragen und die alten Antworten? Daran wollen wir das vergangene Jahr messen. Wir wollen sehen, was es zu bieten hatte. Wir wollen bewerten. Wir wollen benoten.

Hier ist es: Das Zeugnis für 2010.

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Sport: Mangelhaft

Es hatte alles so gut angefangen. 2010 ließ den SV Werder durch die Rückrunde spurten, dass es eine Freude war. Am Achten Mai befreite der SVW alle Hamburger von der Angst vor einer neuen Saison im Europapokal und eroberte sich selbst einen Platz in der Champions League, die Quali-Spiele sollten nur noch Formsache sein. Es war ein Rausch, diese Rückrunde. Aber das ist ja nichts Besonderes. In der Rückschau ist es überraschend, dass 2010 in Sport noch die Note 5 erhalten konnte, obwohl es diese wunderbaren Monate im Frühjahr gab.

Etwas Besonderes soll eine WM sein, und 2010 hatte eine zu bieten. Aber was wir dann zu sehen bekamen, war unterirdisch. Gerade für ehrgeizige Fußballfans, die eigentlich soviele Spiele wie möglich sehen wollten, war es schwer zu ertragen. Nahezu alle Spiele waren langweilig, langsam, einschläfernd, frustrierend und öde. In den ersten Gruppenspielen wollten grundsätzlich alle unentschieden spielen. In den letzten Gruppenspielen wollten einige, konnten aber immer noch nicht. Tore sind trotzdem irgendwie gefallen, ich kann mich aber nicht mehr an sie erinnern. Ausnahmen gab es zwei: Einmal die Spanier, die zwar keine Freude, aber immerhin Klasse zeigten. Und dann, ausgerechnet, die Deutschen, die für etwa 90% der guten Spiele zuständig waren und mit einer sympathischen Mannschaft auftraten. Ihr Fanclub war dafür unerträglich wie immer. An der WM war eigentlich alles scheiße, und sie hat dafür gesorgt, dass ich mich auf große Turniere nicht mehr so freue wie früher. Sie haben ihren Zauber verloren.

Für das Elend, dass der SV Werder nach der WM in die Welt gebracht hat und sicher noch eine ganze Weile fortsetzen wird, ist hier nicht genügend Platz. Und 2010 kann auch gar nicht so viel dafür. Es war jetzt halt soweit, und 2011 wird kaum erfolgreicher, nicht in dieser Saison und auch nicht in der nächsten. Leider hat 2010 jetzt keine Zeit mehr, um uns wenigstens von ein paar der Versager zu befreien, es wird keine Entlassungen und Verkäufe mehr geben. Also sehen wir uns im neuen Jahr wieder, Torsten Frings, Klaus Allofs, Aaron Hunt. Bringt Eure Freunde mit.

Hier wird qualifiziert über die Zukunft spekuliert.


Deutsch: Sehr gut

In Deutsch war das vergangene Jahr sehr gut. Alle Deutschen müssen arbeiten, während der Rest Europas mit Arbeitslosigkeit und Rezession zu kämpfen hat. Die Deutschen haben eine Regierung, über die sie morgens beim Zeitunglesen sehr gut schimpfen können. Deutschland liebt seine Fußballmannschaft. In beiden Wintern war und ist es kalt und verschneit wie in Stalingrad. Hitler ist immer noch tot und “Wetten daß…” wird jetzt noch sicherer. Kinderschänder begehen massenweise Selbstmord, und letzte Woche gab es schon den zweiten guten “Tatort” in fünf Jahren. Bayern München, Deutschlands Vorzeigeclub, hat ganz Europa überrannt, bis ihnen die Italiener in den Rücken gefallen sind. Diese Saison werden lauffreudige junge deutsche Männer mit reichlich Neonazis in der Anhängerschaft Deutscher Meister, es wäre dem Führer eine Freude gewesen.

Letztendlich fällt eine Bewertung der Leistungen in Deutsch aber schwer, denn was ist schon deutsch? Gewöhnlich immer das, was der grob links oder antideutsch gesonnene Autor nicht mag, aber das hat sich als wenig tragfähiges Konzept herausgestellt. Vor allem, da wir nun im Winter ganz heimelig werden und uns fragen, ob Deutsch nicht auch unsere Sprache ist, Teil unseres gemeinsamen kulturellen Erbes, das uns mit Papa, Oma und Adolf Eichmann verbindet. Man sollte da nicht so streng sein.

Nun schreibt man in Deutsch gerne auch mal Texte, genau wie in einem Blog – eine erschreckende Gemeinsamkeit. Und da war es hier nicht weit her, wir wollen das umstandslos einräumen. Da haben wir eine 6 verdient. Andererseits war es draußen auch schön, besonders, als es noch schön war.

Biologie: Ungenügend

Keine Vogelgrippe, keine Epidemie, eigentlich gar keine neue Krankheit. Kein besonderes Artensterben, kein Wal in der Elbe, nur ein schöner Haiangriff vor Ägypten. Was es aber gab: Schleichenden Völkermord. An den Palästinensern sowieso, aber auch an den Deutschen. Keiner von uns hat dieses Jahr eine neue Deutsche oder einen neuen Deutschen gemacht, und Ihr habt auch keine gemacht. Der erste Sex passiert Jugendlichen heute erst ein Jahr später als noch vor ein paar Jahren. Und ohne Ficken gibts kein Vaterland mehr. Aber das begreifen die nicht. Die nicht, ne. Biologie ist eine schwierige Sache, wer schonmal ein Brathähnchen gemacht hat weiß das. Und 2010 hat uns diesbezüglich nicht weitergebracht. Bei 12 Grad Minus fällt “das Leben” schwerer, und es ist ja schon im Frühling nicht einfach gewesen. Hat viel mit Biochemie zu tun, steckste nicht drin.

Werte und Normen: Befriedigend

Werte und Normen sieht man heute ja eher kritisch, Wertkritik und Kritik an der Xyz-normativität waren auch 2010 wieder sehr beliebt. verbrochenes.net, die kritischen Glücksforscher aus Westdeutschland, haben allerdings verwundert feststellen können, dass Kritiker der Normativitäten und der Werte 32% weniger glücklich sind als Fans von Werder Bremen. Im Spätherbst sanken diese Werte etwas, eine Blitzstichprobe ergab aber, dass das nichts mit den Freuden der Kritik zu tun gehabt hatte.

Erstes Ergebnis unserer Beobachtungen war heftige Lektüre der Schriften rechter Kulturkritiker und Gründung mehrerer Familien (Mannfraukind). Das hat geholfen, bringt uns aber schließlich die gleichen Probleme, nur von der anderen Seite betrachtet: Die Welt ist in einem miserablen Zustand, und was uns so zum Spielen zur Verfügung steht, hilft nicht weiter. Wenn jetzt die antiliberale Front aufgebaut werden soll, sind wir gern dabei.


Musik: Ausreichend

Musik hilft schon längst nicht mehr weiter. Da es aber bisher keine Beschwerden gegeben hat, scheint dieser Industriezweig weiterhin zu funktionieren. Begeisterungsfähigkeit ist der entscheidende Faktor, und die muss ohnehin auf Kundenseite erzeugt werden, da kann die Musik ja nichts dafür.

Mathematik: Gut

2010 gab es sehr viele Zahlen, weil die Finanzkrise offenbar am besten in Zahlen transportiert werden kann. Bemerkenswert sind dabei vor allem die (bemerkenswert) großen Zahlen, die besonders medial präsentiert einen Heideneindruck machen konnten. Manche waren so groß, dass man über sie hätte nachdenken müssen, um sie zu verstehen. Die Redaktion hat das stets vermieden, weil das nur Ärger bedeuten würde. Aber immerhin soll hier auch nicht die Redaktion, sondern das Jahr benotet werden. Es hatte auch sehr viele andere Zahlen zu bieten.

Öl im Golf von Mexiko: Sehr viel.

Menschen, die für die FDP stimmen würden, wenn sie jetzt könnten: Wenige.

Besuche in Afghanistan vom großen Mann: Sieben. Davon mit seiner Frau: Einer.

Wölfe in Ostdeutschland: Mehrere.

Sonnentage in Israel: Viele.

Mathe heißt, dass man mit den Zahlen jetzt noch etwas macht. Ein Beispiel:

Sonnentage in Israel geteilt durch Wölfe in Ostdeutschland: Mittelgroße Zahl.

2010 hat nun manchmal so tolle Sachen wie Griechische Staatsausgaben geteilt durch Deutsche Steuereinnahmen. Das hat uns gut gefallen, und deshalb gibt es die Note 2!

Politik: Ungenügend.

Die alten Fragen, die alten Antworten, die gleichen langweiligen Parteien, das alte Gezeter über immer dasselbe, die völlige Bewegungslosigkeit von allem – 2010 war furchtbar. Politik hat nicht stattgefunden, man täte gut daran, auch die trotzdem generierten Meldungen darüber zu ignorieren und ein Buch zu lesen. Wikileaks, wenn ich das schon höre. Nur unverbesserliche Langweiler wenden sich heute noch der Politik zu, coole Leute sind bestenfalls Soziologinnen oder Soldatinnen.

Und eins noch, wo wir dabei sind: Wenn noch einer mehr von Euch scheiß Sozialarbeiter wird, kotz ich. Ehrlich.

Das war das letzte, was es hier zu irgendwelchen politischen Themen zu lesen gegeben hat. Für immer. Ich schwöre.

Kunst: Ausreichend

2010 hatte gute und schlechte Kunst zu bieten. Schon lange wollte ich hier einen umfassenden Überblick über gute Filme und Serien geben, heute tue ich es wieder nicht.

2010 ist “Lost” zuende gegangen, zum Glück. Nachdem es fünf Staffeln lang von sehr hohem Niveau ausgehend bergab gegangen war, war das Ende wieder erträglich und gleichzeitig so unbefriedigend, wie man das seit Jahren erwarten musste.

2010 hatte auch eine fünfte Staffel “Dexter” zu bieten, die eine ehemals großartige Serie ebenfalls endgültig in die Grütze gefahren hat. Dafür gesorgt hat man mit strunzdummen Subplots mit hirnlosen Nebencharakteren. Auch ohne diese Fehler hätte die Serie eine Verjüngung gebraucht, ein neues Setting für ein paar Folgen, einen neuen Ansatz.

2010 ging auch “Mad Men” weiter, eine nahezu perfekt umgesetzte Serie, die Ihr gesehen haben solltet. Die vierte Staffel war sicher nicht die beste, aber das macht nichts.

An der Filmfront gibt es nicht viel zu vermelden – das Internet hat meine Konzentrationsfähigkeit ruiniert und ich kann nur noch Serien gucken. Als ich dachte, dass ich für “Inception” mal ins Kino gehen müsste, hatte ich mich geirrt. Nicht. Gucken. Boah.

Buchkunst gab es auch, ich würde da Jonathan Franzen empfehlen, aber weil Ihr ja alle “Die Korrekturen” noch nicht gelesen habt, lest doch erstmal das. Für “Freiheit” bekommt 2010 die befriedigende Note, das hat Spaß gemacht.

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Das ist ja alles schön und gut, aber wann gibts denn mal wieder richtige Beiträge auf verbrochenes.net? Nicht nur dieses selbstbezogene belanglose Gelaber? Eine gute Frage, auf die folgende Antworten möglich sind:

1. Wenn Joinsen vom Einsatz auf der Bohrinsel zurück ist.

2. Wenn die Jerusalemer Straßenbahn ihren Dienst aufnimmt.

3. Wenn wir genug Geld und Freizeit haben.

4. Wenn ich mich für ein neues Thema begeistern kann.

5. Wenn Ihr nett fragt.

Zuletzt möchte ich noch meine Mama grüßen. Und den Preis für den skurrilsten Ort der Welt vergeben: Er geht an das “Guesthouse Jenin”, ein von einem neokolonialistischen Regime aus der deutschen Linken besetztes Haus, das mitten in Jenin steht, einer ehemaligen Hochburg des islamischen Terrors, und von der deutschen Regierung finanziert wird. Wie gesagt, wenn Ihr nett fragt…

:)

Nazareth

Wer Tel Aviv verlassen möchte, muss mit einiger Wahrscheinlichkeit den zentralen Busbahnhof aufsuchen. Das ist praktisch für Tel Aviv, weil es wahrscheinlich einige tausend Menschen im Jahr davon abhält, die Stadt zu verlassen. Der Busbahnhofsmonsterbau war der weltweit grösste seiner Art und versprueht den Charme eines rumänischen Einkaufszentrums. Man kann lange staunend darin auf und ab laufen und die unglaubliche Hässlichkeit schliesslich nur noch bewundern. Abseits der schäbigen kleinen Shops, die den grössten Teil des Gebäudes belegen, fahren hier aber auch noch Busse in alle Richtungen ab. Fuer 10 Euro kommt man eigentlich überall hin, das Land ist klein und der Bus das gängige Verkehrsmittel.

Der Weg in den Norden fuehrt durch die Sharon-Ebene, den fruchtbarsten und deshalb am dichtesten besiedelten Teil Israels. Bald wird es huegelig, die Siedlungen werden kleiner und seltener, was die Landschaft gleichzeitig schoener macht. Man kann den Pioniersgeist erahnen, mit dem viele der Kleinstaedte einst auf die Huegel gesetzt wurden, elektrifiziert und ausgebaut wurden, bis schliesslich so etwas wie europaeische Standards eingekehrt sind, wo vorher nur Sand oder Sumpf war. Und dadurch, dass sie auf Hügeln liegen, springen sie ins Auge, anders als in der norddeutschen Tiefebene.

Bei meiner Fahrt wurde mir bald klar, dass ich nicht merken wuerde, wann wir wohl in Nazareth angekommen waeren, der Bus hielt an den Hauptstrassen und die Beschilderung half mir nicht weiter. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mit den Eingeborenen zu kommunizieren. Ein junger Soldat gewann schnell mein Herz, indem er sich mir annahm. Er empfahl mir den besten Imbiss (der sich allerdings als geschlossen herausgestellt hat), wies mir den Weg und warb noch ein bisschen dafuer, doch besser im juedischen Teil der Stadt nach einem Quartier zu suchen. Ich aber war schon festgelegt und spazierte schliesslich den Berg hinauf in die Altstadt.

Nazareth ist die “Hauptstadt der arabischen Israelis”, der groesste Teil der Stadt wird von Arabern bewohnt, christlichen wie moslemischen, auf dem oestlichen Huegel daneben steht ein juedisches Wohnviertel. Oben drauf thront das Gerichtsgebaeude, das durch Lage und Architektur den Anspruch des Staates beeindruckend deutlich macht. Gegenueber, in der Altstadt, liegt das erste richtige Hostel der Stadt, das Fauzi Azar Inn, in dem ich mich aufhalte. Das Gebaeude ist wunderschoen, das Hostel auch, und deshalb bin ich nun schon ein bisschen laenger hier als geplant. Die Altstadt von Nazareth ist genau so, wie man sich eine arabische alte Stadt vorstellt, baulich mit den engen Gassen und dem hellen Stein durchaus mit Jerusalem zu vergleichen, aber laengst nicht so gut restauriert, dafuer von echten Menschen bewohnt, mit echten Geschaeften, in denen die Einwohner der Stadt und nicht in erster Linie die Touristen einkaufen. Wenn man gerade von einem laengeren Aufenthalt in Tel Aviv kommt, ist die Ruhe geradezu himmlisch, ebenso wie die Luft und auf was man sonst noch so Wert legt im Alter.

Himmlisch – diese miese, falsche Ueberleitung sei gestattet – geht es natuerlich auch im Rest von Christussens Heimatstadt zu. Die größte Kirche im Nahen Osten steht hier, über der Grotte, in der der Erzengel Gabriel angeblich der Jungfrau Maria erschien und behauptete, sie werde den Sohn Gottes auf die Welt bringen. Das ist, obwohl Jesus hier auch seine ganze Jugend verbracht hat, anscheinend das wichtigste Ereignis in der christlichen Geschichte Nazareths. Die dazugehörige Kirche wurde erst in den Fünfzigern aus Beton gebaut, ist von innen dementsprechend hässlich und wurde angeblich zu einem guten Teil von Frank Sinatra bezahlt, was nun auch nicht jede Kirche von sich behaupten kann. Wobei Kirchen in der Regel gar nichts über sich selbst behaupten, aber ein bisschen Metaphernversagen hier und da, das finde ich schön. Schön ist auch, dass ich eben auf die Idee kam, den Computer auf deutsche Tastatur umzustellen, Ihr werdet es gemerkt haben. Über der Grotte standen zuvor viele andere Kirchen, die mit schöner Regelmäßigkeit wieder zerstört wurde, der Nahe Osten war schon immer eine harte Wohngegend.

Neben der Kirche gibt es ein Kloster, daneben eine weitere Kirche, die auf Ausgrabungen aus der Zeit Jesu steht, von denen man irgendwann angefangen hat zu behaupten, es handle sich um Josephs Werkstatt. Es gibt hier viele Ausgrabungen, die die Besiedlung zur fraglichen Zeit belegen, die Behauptungen allerdings, die daraus schließlich christliche Wallfahrtsorte gemacht haben, sind meist eher fragwuerdig. Wobei es meistens fragwürdig ist, wenn jemand behauptet, einer Frau sei ein Engel erschienen und ein paar Monate später habe sie den Sohn Gottes geboren. Ich sehe das kritisch, klar.

Gestern kam eine große Gruppe von französischen Pilgern an, putzige Leute, wie soviele Christen stets beseelt und liebenswert. Ebenso wie ein Kanadier, geboren in Ägypten, der sämtliche hier gesprochenen Sprachen spricht, Arabisch, Englisch, Deutsch, Französisch und wer weiß was noch. Mit ihm und einer in Seattle ansäßigen Britin saß ich gestern auf dem Balkon und unterhielt mich etwa zwei Stunden sehr gut über Gott und die Welt, bis ich nach ihren Berichten über die Situation in der Westbank anmerkte, dass es Gründe für Zäune und Checkpoints gibt. Das war für die dahin wirklich nette Frau offenbar schon zuviel, und dann brach sich der blanke Hass ein Bahn. Sie fiel mir sofort ins Wort, und auf meinen Einwand, dass die Selbstmordattentate tatsächlich stattgefunden hätten, rotzte sie mir verächtlich hin, dass mehr Israelis an Erdnussallergie gestorben seien als durch Terroranschläge. Nun, da fehlen einem die Worte. Anmerkungen, dass das pointless sei, wischte sie beiseite. Sie war inzwischen wirklich wütend und beschied mir in der Folge, dass ich nicht in Tel Aviv auf meinem Arsch sitzen solle – wir befinden uns in Nazareth – sondern in die Gebiete fahren und mit den Leuten sprechen. Als ob also das Elend der Palästinenser aufzurechnen sei gegen die Opfer von Selbstmordattentaten. In dem Allergievergleich steckt gleichzeitig, dass sich in die Luft sprengende Araber einfach hinzunehmen sind: Manchen machen Erdnüsse krank, und manchen sprengt ein Araber in die Luft – da kann man nichts machen, tja.
Nachdem sie mir nahezu schreiend vorgehalten hat, ich müsse da mal hinfahren, sage ich nichts mehr und wende mich schließlich wieder dem Kanadier und einer französischen Krankenschwester zu, die uns dann passenderweise fragt, wie denn die israelische Position sei, mit einem Palästinenser habe sie schon gesprochen. Ich lege das gerne und nervös dar, benutze eine Formulierung wie “die Palästinenser wollten…”, da fällt mir von hinten die schon einpackende Britin ins Wort: Die Palästinenser wollen Freiheit! Gaza sei ein Konzentrationslager, und, unvermeidlich: Die Juden hätten aus Warschau nichts gelernt. Mir bleibt nur noch der Hinweis, dass sie keine Ahnung habe, was ein Konzentrationslager ist, da rauscht sie davon.

Es fällt schwer, mit diesem Hass umzugehen. Dabei habe ich das alles schon oft gelesen, darüber geschrieben, das waren keine neuen Positionen. Und doch schockiert es, wenn einem nach einem längeren lockeren Gespräch auf einmal so etwas entgegenschlägt, natürlich frei von jedem Wissen, dafür mit viel Selbstbewusstsein. Dabei glaubt sie mit ganzem Herzen, was sie sagt. Sie spielt die Humanistin nicht nur, sie hält sich selbst für eine, wenn sie das Leid der Palästinenser beklagt, die unter Checkpoints leiden. Gleichzeitig begegnet sie der Tatsache, dass Israelis in diesem Konflikt sterben, mit Schulterzucken. Es ist ihr bestenfalls egal. Geschichte zählt nicht, von Warschau und Auschwitz und Treblinka weiß sie nichts, es interessiert sie auch nicht. Was sie interessiert, und das ist eine entlarvende Bemerkung, sind ihre Steuergelder. Sie arbeitet in Amerika und übertreibt, dass “jeder Steuer-Dollar”, den sie bezahlt, an “those fuckers” gehe. Wenn es ein paar Cent sind, die jeder Amerikaner anteilig nach Israel schickt, würde mich das schon wundern, aber der Antisemitin ist wirklich gar kein Argument zu schade, um sich selbst endlich persönlich in den Konflikt zu befördern, damit sie auch unter den Juden leiden kann.

Ich brauchte Stunden, um einzuschlafen. Jetzt gerade ruft mich der Kanadier nach draußen: Der Mond geht hinter den Hügeln der Stadt auf, was für ein Anblick. Die Franzosen bevölkern das Haus, ich gehe nach draußen, etwas essen, ohne das hier vorher Korrektur zu lesen. Morgen fahre ich nach Tiberias.

verbrochenes.net, das Fachmagazin für humanistische Katastrophen, nimmt verspätet Stellung zu Gaza-Guido und seinem mutigen Besuch in Hamastan. Soweit uns bekannt ist, ist er der erste Außenminister, der einen aktuellen Kriegsgegner eines befreundeten Staates besucht und ihm logistische Hilfe verspricht. Auch die Logik des deutschen Heilsbringers ist bestechend: Wenn man für wirtschaftlichen Aufschwung sorgt, festigt man nicht etwa das Regime, sondern schwächt es. Die Redaktion schätzt, dass der Zweite Weltkrieg schon 1940 hätte beendet werden können, wenn die Briten den Deutschen ein paar schöne Klärwerke gebaut und die deutsche Industrie gefördert hätten. Doch leider musste erst ein Politiker von Westentaschenformat kommen, um diese Taktik zu entwickeln. Spannend daran ist auch, dass die westliche Welt ein paar Kilometer weiter östlich eine gegenteilige Strategie verfolgt: Beim Iran geht man davon aus, dass wirtschaftliche Sanktionen weiterhelfen würden, die Regierung auf Linie zu bringen.

Die Wahrheit ist natürlich, dass Guido Westerwelle sich nicht dafür interessiert, wie man die Hamas schwächen könnte. Dem eitlen Geck geht das Herz auf, wenn er als Gönner durch die Mädchenschulen laufen kann. Dabei sind die Palästinensergebiete einzigartig, was ihr Angebot an westliche Politiker angeht. Denn während ein Spaziergang mit hungrigen Afrikanerkindern nur eine herzerwärmend gute Tat ist, ist dieselbe Veranstaltung im Gaza-Streifen eine gute Tat und ein weithin beachteter Akt der internationalen Diplomatie noch dazu, ein Spaziergang auf der großen internationalen Bühne. Westerwelle hat sich den langersehnten Platz an der Sonne gesichert, indem er vorgegeben hat, den vermeintlichen Opfern der Juden zu helfen und sich dazu unter den Schutz der antisemitischen Mörder begeben hat. So betreibt die deutsche Regierung das Geschäft der Palästinenser, unterstützt deren absurde Forderungen und legitimiert Schritt für Schritt den “Widerstand” gegen israelische Zivilisten. Immerhin hat Westerwelle als deutscher Klärwerksbeauftragter noch einmal daran erinnert, was die Welt einmal von der Hamas gefordert hat, nämlich die Anerkennung Israels, den Verzicht auf Gewalt und die Anerkennung bestehender Verträge zwischen Palästinensern und Israel. Davon, dass er die Forderung ausspricht, wird sie aber natürlich nicht erfüllt. Und wer auf die Nichterfüllung seiner Forderungen mit großzügiger Entwicklungshilfe antwortet, der wird bald nicht mehr ernst genommen. Insofern sind sich BRD und Hamas einig, weil sie sich gegenseitig nicht ernst nehmen. Das wäre anders, würden die Islamisten Guidos Wählerschaft mit Raketen beschießen, aber soweit ist es noch nicht. Und bis es soweit ist, glauben die Deutschen, dass die Scheiße aus Gazas Abwasser zu fischen ein probates Mittel ist, um mittelfristig den Krieg der Palästinenser gegen Israel zu beenden. Man muss ihnen ob der Originalität fast Respekt zollen.

Derweil wird an der Heimatfront erfolgreich daran gearbeitet, das Bild vom Juden als Täter salonfähig zu machen. Alfred Grosser, bekennender Israel-Hasser, sprach am 9.11. anlässlich des Gedenkens an die Novemberpogrome 1938 in der Frankfurter Paulskirche. Dabei gab es im Vorfeld viel Aufregung und die Befürchtung, Grosser könnte erneut gegen Israel austeilen. Aber was dann geschah, war viel perfider und in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen.

Die FR fasst zusammen:

„Auschwitz ist die Grundlage dafür, dass man an den Anderen denkt. Unsere Werte sind Werte für alle. Israel gehört zu unserem Westen.“ Deswegen müsse man Israel auch wegen der Palästina-Politik kritisieren, sonst mache sich der Westen mit dem Anspruch der Universalität der Menschenrechte in der Welt unglaubwürdig: „Wir können Grundwerte nur wollen, wenn wir sie nicht verletzen“

Und bei tagesschau.de:

Man könne von keinem Palästinenser verlangen, “dass er die Schrecken der Attentate versteht, wenn man nicht ein großes Mitgefühl hat, die Leiden im Gazastreifen zu verstehen”.

Und wenn man sich jetzt fragt, warum Palästinenser das Grauen eines Selbstmordattentates nicht verstehen können sollten, und was mein Mitgefühl mit Gaza damit zu tun haben soll, was ein Palästinenser versteht oder nicht – dann ist man Grosser längst auf den Leim gegangen.

Der Nazi-Mob von 38 hat mit dem Leid der Palästinenser soviel zu tun wie meine Oma mit dem Toten Meer. Wenn am 9. November in einer deutschen Bürgergesellschaft vom Leid der Palästinenser gesprochen wird, dann ist das nichts anderes als eine durch und durch antisemitische Attacke. Die Juden als Täter darzustellen ist Grossers Ziel, und das deutsche Publikum fällt vor Dankbarkeit auf die Knie, indem es sich zu Standing Ovations erhebt. Man schert sich nicht um das Leid der Palästinenser, denn es geht, wie das Datum bezeugt, hier um die Juden. Man ist in Deutschland fertig damit, sich der Juden als Opfer der Deutschen zu erinnern, und jetzt wird zum politischen und diskursiven Angriff geblasen. Als Rechtfertigung kommen die Palästinenser gerade recht, und die Argumentation selbst könnte verlogener kaum sein. Grosser hält ausgerechnet den Universalismus und die Menschenrechte hoch, um mit ihnen gegen Israel und für die Palästinenser zu kämpfen. Im Namen des Universalismus gesteht er den Palästinensern zu, dass sie die Schrecken der Attentate nicht verstehen müssten. Die so – mal wieder – entmündigten Wilden gehören nicht zu Grossers Universum, und so fordert er sein Publikum zur Solidarität mit den Opfern der Juden auf. Und das 72 Jahre, nachdem die deutsche Straße sich gewehrt hat – gewehrt gegen das jüdische Kapital, das zuvor so lange die deutsche Arbeiterschaft hatte leiden lassen. Nächstes Jahr fordert dann vielleicht jemand am gleichen Ort zur gleichen Zeit ein großes Mitgefühl mit den Mitarbeitern von Karstadt, die bis dahin möglicherweise auf der Straße sitzen. Schließlich gälte es dann, “soziale Unruhen” zu verhindern, wie es sie schon am 9. November 1938 gab. Denn da ist man sich einig: Man muss den Anfängen wehren.

Vielleicht erleben wir das nächste Kapitel aber auch schon am 27. Januar. Dann wird der Befreiung von Auschwitz gedacht, und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich den Spin vorzustellen, mit dem dann wieder über das Leid der Palästinenser gesprochen werden könnte.

Links:

Andreas Moser

Juedische.at – Ein Teilnehmer berichtet . Henryk M. Broder antwortet

Lizas Welt im Vorfeld

Wegen der besseren Lesbarkeit will ich gerne in Zukunft ohne Links im Text auskommen, was hält die Leserschaft davon?

Während links im Bild die Israelis nur ans Surfen denken, taumelt in der Mitte die weiße Friedenstaube orientierungslos durch den makellosen Sand am Strand von Tel Aviv. Die Sonne scheint.

Eigentlich verkaufen die swb den Bremern Strom. Weil der aber ziemlich teuer ist, geben sie nebenbei auch reichlich Geld für Werbung und für ein Kundenzentrum aus, in dem sich dann schöne Veranstaltungen machen lassen. Dazu gehört auch das sogenannte “Hörkino”, bei dem man zum Radiohören endlich wieder aus dem Haus gehen muss. Und während im Dezember schon das Thema “Speed-Dating” Gegenstand einer ausführlichen Reportage wird, geht es im November noch bedeutsamer zu. Da geht es um “zwei Welten, zwei Wirklichkeiten”, um “ein Wintermärchen” und die Fragen “Was ist Lüge?” und “Was ist Wahrheit?”.

Aber halt, kann denn so ein transzendentales Thema wirklich die stromverbrauchenden Massen ins Kundenzentrum ziehen, ist das nicht etwas zu philosophisch?

Nein! Denn auf die ganz großen Fragen kommen deutsche Redakteure schließlich erst bei einem Thema, das als Publikumsschlager bekannt ist. Man ahnt es bereits, es geht hier um Israel und Palästina, und darum, wie man mit ganz großen Worten erst einmal gar nichts sagt. Da wird gemutmaßt, ob “beide Völker in einer Glasglocke” leben, nicht wie echte Europäer in der echten Welt und ohne Dach. Da wird rhetorisch gefragt, ob “der Frieden überhaupt erwünscht” ist, und wir kennen die Antwort, weil wir die für das Rührstück Verantwortliche kennen. Die macht sich, wie bei diesen Anlässen üblich, mit ihrer Identität wichtig: Ruth Fruchtman möchte als “jüdische Europäerin” verstanden werden.

Zwischen zwei Welten, zwei Wirklichkeiten, kaum zwanzig Kilometer voneinander entfernt, wird die Autorin als jüdische Europäerin zerrieben. Auch deshalb ein Wintermärchen.

Wenn letztere Phrase ein ganzer Satz wäre, könnte man vielleicht erahnen, was das Wintermärchen ausmacht und ob Heine sich angesichts des äußerst schlechten Ausdrucks von Frau Fruchtman wohl im Grabe umdreht. So bleibt nur zu sehen, dass der identitäre Quatsch dem Israelkritiker so wichtig ist wie seine jüdischen Freunde – man ist entweder “gerade als Deutscher” oder “besonders als Muslim”, “ich als Frau” oder eben als jüdische Europäerin, Linkshänderin, Raucherin oder als Migrant ganz besonders befähigt und betroffen.

Was Ruthie nun erlebt hat, verrät die Ankündigung nicht einmal ansatzweise. Man kann sich aber ungefähr ausrechnen, welchen Spin sie der ganzen Story gegeben hat, wenn man weiß, dass sie die “Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost” mitgegründet hat, und nachdem man ihren offenen Brief an Lala Süskind gelesen hat. Die Frau, die sich als “freie Journalistin” und als “Autorin” ausgibt, obwohl sie zumindest im Internet kaum publizistische Spuren hinterlassen hat, kann keinen Satz geradeaus schreiben. Das hindert sie aber nicht daran, als selbsternannte Stimme der Moral die altbekannten Anwürfe gegen Israel und – damals aktuell – gegen die Jüdische Gemeinde Berlin zu artikulieren.

Schon an wenigen Beispielen aus ihrem Text lässt sich ermessen, was Fruchtman umtreibt. Dankbarer Gegner ist dabei einmal mehr der zweifellos widerliche Avigdor Lieberman:

Keine Erwähnung der Sprache des israelischen Außenministers, Avigdor Lieberman; seiner in der Öffentlichkeit geäußerten Drohung, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Knesset Abgeordnete, hinrichten zu lassen.

Nur dumm, dass der damals nicht Außenminister, sondern einfacher Abgeordneter war, und dass er seiner Hoffnung Ausdruck verliehen hat, es möge so kommen, nicht aber damit gedroht hat. Wie sollte er auch drohen, wenn jeder weiß, dass er nicht in der Position dazu ist. Übrigens ging es um Abgeordnete, die Kontakt zur Hamas haben. Wenn Fruchtman also hier einen drohenden Außenminister beschreibt, wo tatsächlich ein hetzender Abgeordneter stand, ist das mindestens ein gefälschtes Zitat.

Mehrfach scheitert Fruchtman an der Zeichensetzung:

Demnach bestreitet sie [Iris Hefets] nicht die Existenz des Staates – nach Ihrem Informationsblatt: Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ freundlicherweise zur Klärung auf den Sitzplätzen ausgelegt – einer der Punkte, der einen zum Antisemiten macht.

Dabei ist es fast lustig zu lesen, dass Fruchtman offenbar tatsächlich das Bestreiten von Israels Existenz und nicht etwa dessen Existenzrechts für problematisch und diskutabel hält. Mit solchen Leuten kann man auch über die Existenz des Mondes streiten; zumindest aber der Mondlandung.

Vielleicht ist es müßig, sich mit dem sprachlichen Unvermögen der Israelkritikerinnen auseinanderzusetzen, aber bitte, man darf das nicht ignorieren.

Es ist schade, daß Henryk Broder und Prof. Micha Brumlik, der sich auch den Ausdruck „Jüdischer Antisemit“ zu eigen macht, offenbar die jüdische Diskussionskultur in Deutschland – sehr zu deren Ungunsten – beherrschen.

Zu wessen Ungunsten? Der Juden offenbar, aber wieso schreibt sie das bloß nicht? Sie selbst lehnt den Begriff vom jüdischen Antisemitismus “kategorisch ab” und immunisiert sich so selbst. Denn sie möchte gerne alles mögliche behaupten können, ohne dafür kritisiert zu werden, in ihren Worten: “diffamiert zu werden.”

Dann schlägt sie in dieselbe Kerbe wie Iris Hefets. Mit der Erinnerung an den Holocaust muss Schluss sein. Israels Kritiker müssen den Massenmord an den Juden erst entsorgen, damit sie anschließend die Verteidigung des Staates als unnötig herausstellen können. Dabei will Fruchtman die Erinnerung noch zulassen, nur Konsequenzen sollen bitte keine gezogen werden:

Nur ist die Heilige Kuh, der Holocaustkult, etwas angekratzt. Als Jüdin befürworte ich selbstverständlich das Erinnern an den Holocaust, jedoch weder dessen Sakralisierung noch dessen Instrumentalisierung; beide sind Mißbrauch. Auch der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman warnt vor einer Sakralisierung des Holocaust.

Im letzten Satz wird es geradewegs grotesk: Die jüdische Fruchtman sucht sich einen Kronzeugen, den sie wiederum explizit als jüdisch ausweisen muss, damit ihre gemeinsame Position gestärkt wird. Es ist also nicht den Nicht-Juden vorbehalten, auf das Jüdischsein einiger ihrer besten Freunde zu verweisen.

Während Ruth Fruchtman politisch auch von allen guten Geistern verlassen sein mag, kann sie privat ein toller Mensch sein. Allerdings kommt man ins Zweifeln, wenn sie Sätze wie diesen über die Freundschaft sagt:

Besteht wahre Freundschaft nicht vielmehr aus sachlicher Kritik als aus einer unverbindlichen Jasagerei?

Was sind das für Menschen, für die sachliche Kritik die Kerneigenschaft von Freundschaft ist? Wie darf man sich ein Gespräch unter Freunden da vorstellen?

Man darf davon ausgehen, dass die swb einen Abend der Israelkritik veranstalten und bezahlen und eine bisher kaum gelesene ältere Dame, die gerne Journalistin wäre, damit ein Stück salonfähiger machen. Das ist, wie JP Hein richtig anmerkt, ein kleines Ärgernis. Hein weiter: “Dass der “Rundfunk Berlin-Brandenburg” ein Stück der Aktivistin Fruchtman ins Programm nimmt und sie damit zur Journalistin macht, ist ein großes Ärgernis.”

…und was sie wirklich dabei denken.

Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsraison!
Am besten fürs Vaterland ist es, wenn wir uns nicht wieder mit denen anlegen, die regieren die Welt!

Das ist die Wiedereinführung der DDR durch die Hintertür!
Ich zahle meine Steuern nur ungern, wenn andere Menschen von ihnen profitieren.

Leistung muss sich wieder lohnen!
Mehr für mich zu fordern fände ich egoistisch und falsch, aber wenn die anderen noch weniger bekommen könnten, das wäre doch eine gute Lösung!

Man muss die Menschen vor diesen Leuten schützen!
Mit “Menschen” meine ich meine Familie, mit “diesen Leuten” alle anderen.

Ich habe eben ein traditionelles Familienbild.
Ich verdiene mehr als die meisten Deutschen und kann deshalb eine Familie ernähren. Außerdem schätze ich die Stabilität und Hingabe, die finanzielle Abhängigkeit in eine Ehe bringt.

Das ist gesamtwirtschaftlich nicht sinnvoll.
Das ist eine Umverteilung, von der ich nicht profitiere.

Zu dieser Reform gibt es keine Alternative.
Das ist eine Umverteilung, von der ich profitiere.

Ach, das bisschen WM-Patriotismus ist doch nicht politisch.
Wer meiner Meinung ist, ist nicht politisch, sondern hat einfach nur recht!

Was damals passiert ist, darf sich auf keinen Fall wiederholen.
Sechs Millionen! Sechs Millionen deutsche Frauen hat der Russe damals vergewaltigt. Ungefähr.

Wer Arbeit sucht, der findet auch welche.
In Deinem Alter war Hitler schon Postkartenzeichner!

Man muss auch über deutsches Leid sprechen können.
Es wäre doch für alle das Beste gewesen, wenn wir den Krieg gewonnen hätten.

Ich bin ein überzeugter Transatlantiker!
Am besten fürs Vaterland ist es, wenn wir uns nicht wieder mit denen anlegen, die regieren die Welt!

Ich bin für eine soziale Marktwirtschaft.
Marktwirtschaft da, wo ich mich durchsetzen kann, sozial da, wo ich es nicht kann.

Das ist nicht zu finanzieren.
Davon würde ich nicht profitieren.

Wir müssen den Gürtel enger schnallen.
Ihr müsst den Gürtel enger schnallen.

Dominik Brunner ist ein Held.
Boah, wie gerne würde ich mal einem Heranwachsenden ins Gesicht schlagen und ein letztes Mal ‘ne Ladung Testosteron und Adrenalin spüren!

Wir hatten ja früher viel weniger als Ihr heute.
Ich halte Produktivitätssteigerung für ein ungerechtes Phänomen.

Wir müssen in Bildung investieren!
Aber nicht von meinem Geld.

Wir müssen mehr Geld für Bildung ausgeben!
Ihr zahlt jetzt Studiengebühren.

Das hat es früher nicht gegeben.
Und jetzt bin ich zu alt, um mitmachen zu können :(

65 Jahre nach…
Das ist jetzt aber wirklich das letzte Mal, dass wir darüber reden! DAS. LETZTE. MAL.

In unserer Gesellschaft geht es gerecht zu.
Ich kann nicht klagen.

Jeder ist seines Glückes Schmied.
Mit der Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Wohlstands bin ich ganz zufrieden.

Ich glaube, ich werde auf meine alten Tage doch noch ein Linker.
Ich habe meinen Job verloren.

Atomkraft ist sicher.
Ich hab zwar keine Ahnung, aber die Grünen gehen mir auf den Sack.

Ich bin gegen anstrengungslosen Wohlstand!
Ich habe keine wirklichen Probleme.

Ich bin für den schlanken Staat.
Solange er mir fette Autobahnen baut.

Ich gehe arbeiten, und die machen sich auf Staatskosten ein schönes Leben!
Ich kann nicht bis 359 zählen.

Die Linkspartei muss ihre Stasi-Vergangenheit aufarbeiten.
Mit den Alt-Nazis in den Spitzen von Union und FDP hatte ich kein Problem. Und 65 Jahre nach…

Wir müssen den Terrorismus entschlossen bekämpfen.
Morgen überweisen wir 500 Millionen Euro nach Ramallah, übermorgen stürmen wir das autonome Jugendzentrum Paderborn mit dem SEK.

Ich bin stolz auf Deutschland.
Andere Länder finde ich doof, weil sie mit ihrer verbrecherischen Vergangenheit nicht so gut umgehen.

Ich bin auch für Gleichberechtigung.
Im Rahmen der gegebenen Fähigkeiten! Frauen sind eben besser am Herd und mit den Kindern.

Der Staat muss verantwortungsbewusst mit den Steuergeldern umgehen.
Ich halte es für unverzichtbar, ein paar Märchenerzähler in komischen Kostümen mit Steuergeldern zu bezahlen.

Deutschland braucht eine starke Armee.
In Frankreich hat ein Jude den Finger am Atombombenknopf und die Tschechen werden auch immer frecher.

Das ist doch blanker Linkspopulismus!
Das weicht von der reinen, wahren Lehre ab. Womöglich glauben das die Leute auch noch!

Daran ist der linke Zeitgeist schuld.
Der Einzelne ist nie schuld. Es sei denn, er ist arbeitslos. Oder linker Politiker. Oder Demonstrant.

Da ist die Politik gefordert.
Irgendwas wird man schon verbieten können.

Hier herrscht noch Recht und Ordnung.
Ich freu mich über jeden, der von einem Polizisten auf die Fresse bekommt.

Mindestlöhne würden der Wirtschaft schaden.
Ich habe keine Lust, am Strand der DomRep meiner Putzfrau zu begegnen.

Das wird man jawohl noch sagen dürfen!
Das steht seit Jahren in jeder Ausgabe jeder Zeitung jeder politischen Richtung.

h/t: Spirit of Entebbe

Bis zu fünf Euro winken jedem, der ein weiteres Hartz IV-Symbolbild für tagesschau.de baut:

Nachtrag, 27. September: Offenbar hat schon jemand einen ganzen Tag lang Symbolfotos gebastelt, die jetzt nach und nach verarbeitet werden:

Hartz IV-Empfänger werden sich von ihrem Geld höchstwahrscheinlich weder Scrabble kaufen noch den ganzen Tag Russisch Brot mampfen (selbst wenn es so schön karg aussieht). Man sollte vielmehr mal illustrieren, was man sich von fünf Euro so kaufen kann (zum Beispiel vier Tüten Russisch Brot), und wie sich ein Kind über ein Spiel für null Euro freut (zum Beispiel einen Stock).

Nachtrag, 28. September: tagesschau.de hat noch lange nicht fertig. Diesmal gibt es soagr schwarzrotgold:

Verbrochenes.net, das sympathische Weblog für alle Menschen, gibt es jetzt auch im Internet! Dabei kann das nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zum Großen Ganzen, das sich sicher nicht von alleine abschafft. Deshalb haben wir jahrelang am Großen Wurf gearbeitet, der uns jetzt wieder nicht gelungen ist. Stattdessen haben wir ein neues Wirtschaftssystem entwickelt. Es heißt Bondismus, weil ich eitel bin und unbedingt in die Geschichtsbücher will. Es basiert auf Enteignungen und ist deshalb geeignet, für großes Aufsehen und Jubel bei den ausgebeuteten Massen zu sorgen. Das beste am Bondismus ist allerdings, dass man ihn auf einem Bierdeckel erläutern kann. Dabei ist das nicht einmal die einzige Eigenschaft des Bondismus, die unseren zahlreichen liberalen Freunden aus dem Parteibuch spricht.

Bondismus ist Enteignung und Kapitalmacht – the best from both worlds. Im Sinne einer offenen Gesellschaft, einem Staat, der das Maul hält und individueller Freiheit wird die Gesellschaft nach unserer Machtergreifung radikal-liberal organisiert. Sozialdemokratische Umtriebe werden verboten und insbesondere das Westoderland vollständig entsozifiziert. Das war es dann aber auch mit den Eingriffen. Ansonsten regiert hier niemand mehr, außer dem Geist der Chicago-Boys.

Aber was ist mit den furchtbaren sozialen Folgen? Was mit den Besitzlosen, den Bildungsfernen und den Beamten? Wer soll für sie sorgen, wenn die libertäre Ideologie regiert und es weder Sozialstaat noch öffentlich-rechtliche Medienanstalten gibt?

Sie selbst natürlich, da sind die kommunistisch-libertären Ideologen des Bondismus sich ganz einig. Und ich verbitte mir Sozialdemokratismusvorwürfe, wenn ich sage, dass diese Menschen natürlich erst einmal in die Lage versetzt werden müssen, sich selbst zu helfen. Zu diesem Zwecke werden wir knallhart durchgreifen: Sämtlicher Privatbesitz wird enteignet. Anschließend wird alles – abzüglich einiger Annehmlichkeiten für die Revolutionäre und ihre Vordenker – vollkommen gleichmäßig auf alle Menschen verteilt. Wie das zu geschehen hat, müssen Leute ausarbeiten, die sich mit Wirtschaft und Politik auskennen, ich bin Visionär, ich habe andere Sorgen. Vermutlich sind Aktien eine gute Idee.

Jedenfalls wird der gesamte Besitz im befreiten Gebiet direkt wieder in Privatbesitz überführt. Nach diesem Neustart des gesellschaftlichen Konkurrenzkampfes kann jede mit ihrem Teil machen, was sie will. Sie kann alles verkaufen und mit dem dann frei gewordenen Kapital eine Pommesbude eröffnen oder alles versaufen und anschließend betteln gehen. Natürlich kann man auch eine Kirche neu gründen, alles ist erlaubt. Und alles macht einen Riesenspaß. Denn das größte Übel des Kapitalismus, dass man selbst meist nämlich gar kein Kapital hat, ist beseitigt.

Nun, wenden die Abiturienten ein, ist doch aber ohne den Sozialstaat und das ganze Gemurkse bald wieder großes Elend angesagt. Hunderttausende unfähige Ex-Privilegierte werden ihr Startkapital längst mit skurrilen Geschäftsideen, die selbst im Bondismus/Kapitalismus zum Scheitern verurteilt sind, durchgebracht haben und schließlich auf den Straßen für Kriminalität ungekannten Ausmaßes sorgen. Und sowieso, die nächste Krise kommt bestimmt, das bringt das freie Wirtschaften so mit sich. Das ist richtig, aber es gibt eine Lösung. Bondismus bedeutet zyklisches Handeln, und Handeln bedeutet stetiges Enteignen. Nach einem stets gleichen Intervall, mir schweben da aktuell etwa 20 Jahre vor, wird erneut totalenteignet. So werden die gesellschaftlichen Besitzverhältnisse wieder gleichgemacht. Wohlgemerkt gleichgemacht, nicht “auf null gesetzt”, wie die reaktionäre Propaganda behaupten wird. Denn schließlich ist der gesamte gesellschaftlich gemachte Reichtum immer noch da, er kann auch weiter genutzt werden, nur die abstrakten Besitzverhältnisse sind wieder andere.

Aber was wird in den Jahren vor der Enteignung passieren? Wer strengt sich noch an, wenn bald sowieso wieder alles enteignet und dem nutzlosen Pöbel gegeben wird? Spannende Frage, finde ich auch! Wahrscheinlich ist, dass die Welt in den Jahren vor der Enteignung zu einem grotesken Konsumfest wird, in dem alles verbraucht und wenig produziert wird. Es werden wilde Jahre, es wird aufregend, und es wird etwas ganz Neues. Nach der Enteignung dagegen wird es an vielen Dingen mangeln, es wird gearbeitet werden wie nach einem Krieg und es wird Vollbeschäftigung geben und eine ungeheure wirtschaftliche Dynamik, einen Fortschrittsschub, eine rasante Jagd in die Zukunft.

Bondismus ist insofern permanente Revolution. Privateigentum wird auf die Spitze getrieben und gleichzeitig de facto abgeschafft. Individuelle Freiheit ist garantiert. Und Krieg gibt es auch, mit dem imperialistischen Ausland natürlich. Die Bewohner der befreiten Republik werden gerne für den Großen Verteidigungskrieg zahlen, wenn die Konterrevolution sie zurückenteignen will.

Für den Anfang würde es reichen, einmal die reichsten Zehntausend zu enteignen. Natürlich nicht im Sinne der DKP, die die wichtigsten Unternehmen gerne von Leuten verwalten lassen würde, die genauso unfähig und erfolglos sind wie sie selbst. Nein, man muss die herrschende Klasse enteignen und das ganze Zeug direkt in den Privatbesitz aller Menschen überführen.

Gestern wollte ich bereits eine Partei gründen, mir wurde beim Amt aber mitgeteilt, dass unsere Bewegung schon erstmal einen Wikipedia-Eintrag haben müsse, bevor Finanzamt oder der Verfassungsschutz da irgendwie tätig werden könnten. Ich habe also eine PR-Agentur damit beauftragt, erst einmal für eine umfassende öffentliche Darstellung der bondistischen Bewegung und ihrer Ziele zu sorgen. Anschließend geht es dann richtig los. Mit Luftballons, Kugelschreibern und Schlüsselbändern. Ich zähl auf Euch.

Sun

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