Erbrochenes

…in Wort und Bild

Die politische Karriere des Josef Fischer ist eine der schillerndsten und aufregendsten der Nachkriegszeit. Waehrend das Gros seiner vormaligen Genossen entweder in die zahllosen Wohngemeinschaftssuempfe und Aussteigerbauernhoefe abgetaucht oder aber in die linksliberale Presselandschaft der Republik herueberoszilliert ist, hat Joschka es dann doch ein gutes Stueck weiter nach oben auf der Karriereleiter gebracht: Statt einer vegetarischen Eckkneipe im Frankfurter Westend fuehrte er – in Turnschuhen – die gruene Partei an die Spitze der Macht, was – der Kampf ging schliesslich weiter – fuer ihn selbst immerhin das Amt eines bundesdeutschen Aussenministers abwarf. Just in dieser Rolle wurde er dann auch der Weltoeffentlichkeit bekannt, als er einem sichtlich nicht amuesierten Verteidigungsminister namens Donald Rumsfeld erklaerte, dass er not convinced sei (in diesem Jahr sollte dann auch noch sein Buch mit gleichlautendem Titel nachgelegt werden – das Auskommen will ja auch im hoeheren Alter noch gesichert sein). Wirklich ueberzeugend hatte Fischer wohl nur die Ausfuehrungen des deutschen Verteidigungsministers Scharping bezueglich der Existenz von Konzentrationslagern in Srebrenica gefunden, getroffen zu einer Zeit, als die rot-gruene Regierung noch sehr viel eher bereit gewesen war, einen Kriegseinsatz zu autorisieren.

Fischers bekannte Muenchner Rede erntete damals in Deutschland vor allem aus zwei Gruenden grosse Zustimmung: Einmal, weil Deutsche in ihrer Selbstwahrnehmung in den allermeisten Faellen Recht haben, denn man hat es hierzulande eigentlich schon immer besser gewusst, da traf es sich noch besser, dass die Amerikaner den Anstand hatten, ihren Fehler offen einzugestehen. Und zweitens, weil, so stand es damals in den Zeitungen dieses Landes zu lesen, endlich mal wieder jemand den USA die Stirn bot – dazu auch noch dem ohnehin ungeliebten Bush und seinem vom militaerisch-industriellen Komplex finanzierten Schattenkabinett. Mutig war der ehemalige Linksradikale da gewesen, der von seinen NATO-Kollegen gern mal comrade genannt wurde, wie im vormals erwaehnten Buechlein zu erfahren ist. Im gleichen Maße, wie sich Fischers Bedenken in diesem Fall als richtig herausstellten, ist die unmittelbare Wirkung seines Auftrittes auch heute noch zu bemerken: Spaetestens seit dem Irakkrieg glaubt man amerikanischen Offiziellen am Besten erst einmal gar nichts mehr.

Und jetzt, wo der Aussenminister a.D. schon lange im Lobbynest der Energieindustrie sitzt, kommen die Amis schon wieder mit so einer Raeuberpistole daher: Ein Mordkomplott unter Beteiligung der iranischen Regierung, das Ziel ausgerechnet der saudische Botschafter – na, so ein Zufall, wo das mit dem Oel doch schon jeder weiss. Wer kann da besser Licht ins Dunkel bringen als die deutsche Presse, Hueterin von Anstand und Moral und in gleichem Maße auch fuer die Vermittlung von stichhaltigen Informationen zustaendig? Routinemaessig beginnt eine sinnvolle Recherche zum Thema Chevrolet diesmal nicht bei Juergen Elsaesser, wohl aber bei der jungen Welt, wo Knut Mellenthin uns versichert: The whole thing has been turned upside down – die Spur fuehrt nach Washington, nicht nach Teheran. Hastig, immer in der Angst, vom US-Geheimdienst auf frischer Tat ertappt zu werden, wird sich der Ex-KB’ler noch ein paar Mal umgeschaut haben, bevor er der Leserschaft die Bedeutung des Begriffs Sting Operation naeherzubringen versuchte:

“(..) eine sogenannte Sting Operation, wie sie in den vergangenen Jahren immer häufiger von FBI, CIA und anderen US-Sicherheitsbehörden praktiziert wurde, um der Öffentlichkeit »muslimische Terroristen« vorführen zu können. Bei dieser Methode werden systematisch labile Individuen aufgespürt, die sich von Polizei- und Geheimdienstagenten in fingierte Verschwörungen verwickeln lassen. Diese entspringen überwiegend der Phantasie und den Aktivitäten eben dieser Behörden.”

Die jW war allerdings auch schon besser aufgelegt, sehnsuechtig erwarten wir also den bald eintreffenden Artikel von Rainer Rupp. Langley und Arlington, die Orte, an denen die Faeden der Macht zusammenlaufen, wenn gerade mal keine Bilderberger-Treffen stattfinden, liegen zwar genau genommen nicht in Washington, D.C. – aber die paar Kilometer schenken wir der Redaktion an diesem Donnerstagmorgen gerne und wenden uns, ein wenig verstoert ob der Frage, wann und ob auch wir von einem Drogenabhaengigen oder Kriminellen kontaktiert werden, dem zu, was fuer Mellenthin vermutlich ein Mainstreammedium ist. Eins davon, die SZ, leistet sich mit Tomas Avenarius einen eigenen Nahost-Korrespondenten, der offenbar auch ueber Irans polykratische Herrschaftsstrukturen und insbesondere dessen Geheimdienst bestens Bescheid weiss:

“Da sind Präsident Mahmud Ahmadinedschad, das Parlament, die schiitische Geistlichkeit, aber auch Technokraten, einflussreiche Händler und Geschäftsleute sowie die mächtigen Revolutionsgarden mit ihren Al-Quds-Brigaden. Gebändigt wird dieses Machtgeschwür mehr oder weniger erfolgreich vom Geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei. “

Aus einem Geschwuer entstehen irgendwann einmal viele, das weiss jeder Medizinstudent, da kann sich die Weltoeffentlichkeit gluecklich schaetzen, dass es Ali Chamenei gibt, der nicht nur das iranische Atomprogramm bestens im Griff hat, sondern auch nachhilft, wenn vor Ort nicht ganz saubere Geschichtswissenschaft betrieben wird. Und, auch das ist fuer einen echten Kenner der Geheimdienstszenerie augenfaellig: Die Al-Quds-Brigaden waren es nicht, dafuer war der Anschlag zu dilettantisch vorbereitet. Vielleicht kann am Ende sogar die hiesige Industrie von der Geschichte profitieren, denn die saudische Monarchie, die nun noch einen Grund hat, neue Panzer und Jets zu bestellen, klopft vielleicht nochmal in Deutschland an. Stirnrunzelnd bleiben wir auf der Seite der SZ haengen und bekommen von Wolfgang Jaschensky erklaert, dass wiederum jemand anderes – kein Mitglied der Al-Quds-Brigaden, dafuer aber von der Stiftung Wissenschaft und Politik – sagt, ebenjene operierten ausschliesslich auf arabischem Boden. Muessen unsere Nachforschungen also wieder bei Null anfangen? In einer guten Krimiserie wird dann immer die Kardinalsfrage nach dem Taetermotiv gestellt: Was wollen die Iraner denn nun? Von ihnen selbst wird nichts Erhellendes zu erfahren sein, denn Sprecher der iranischen Regierung sprechen lapidar von einem konstruierten Szenario – aber das tun sie in Bezug auf Auschwitz auch. Also weiter im Text:

“Vieles spricht dafür, dass Iran an einer Verschärfung des Konflikts mit den USA kein Interesse hat. Doch es scheint auch denkbar, dass das Regime in Teheran den Streit mit Washington eskalieren will, gerade da der Kampf um die Vorherrschaft in der Region mit Saudi-Arabien an Schärfe gewinnt. Möchte das Regime zeigen, dass es aus einer Position der Stärke heraus agiert? Wollen konservative Kreise eine vorsichtige Annäherung an die USA torpedieren? Oder ist es Rache für die Ermordung des Atomwissenschaftlers Massud Ali-Mohammadi, für die Iran die USA verantwortlich macht? “

Denkbar ist alles, auch ein Berg, dessen Kuppe aus reinem Gold besteht. Und wenn die USA einen Atomphysiker um die Ecke gebracht haben, warum soll dann dafuer der saudische Botschafter sterben? Das Geheimdienstgeschaeft ist nicht leicht zu durchblicken. Viele Fragen, und dann ist der Artikel zu Ende. So leicht laesst sich ein Redakteur dieses Blogs nicht abspeisen, also weiter zur Studentenausgabe der Bild, die sich Spiegel nennt. In gewohnter journalistischer Qualitaet stillt die Onlineausgabe des Hamburger Wochenblaettchens gleich mit mehreren Artikeln unseren Wissensdurst. Von Anna Reimann werden wir in die Geheimnisse der Al-Kuds-Brigaden eingefuehrt – doch warum eigentlich, wenn die doch gar nicht dahinterstecken? Schnell klar wird vor allem eines, naemlich, dass man so ziemlich gar nichts ueber diese Kerle weiss – wer haette es gedacht, reden wir doch von einer der effizientesten Spezialeinheiten weltweit. Ploetzlich operieren sie allerdings auch in Bosnien, Nigeria und Afghanistan, die wiederum nun wahrlich nicht zur arabischen Welt gehoeren. So weit, so gut. Ein letzter Versuch beim Spiegel bringt uns wenigstens eine der klassischen Einleitungsphrasen, fuer die wir das Heft so lieben:

“Code-Wörter, konspirative Treffen, verdächtige Telefonate: (..)

Am 28. September schnappt die Falle zu. An jenem Mittwoch fliegt der iranisch-amerikanische Geschäftsmann Manssor Arbabsiar von Mexiko nach New York. Verdeckte US-Ermittler sind bereits mit an Bord. Kaum ist das Flugzeug auf dem Flughafen John F. Kennedy gelandet, zücken sie die Handschellen, nehmen Arbabsiar fest und bringen ihn in ein New Yorker Gefängnis. “

Bei sovielen Unklarheiten kann man sich fast gluecklich schaetzen, dass es auch noch die Zeitung fuer Deutschland gibt. In deren heutiger Printausgabe bringt es Guenther Nonnenmacher, der ansonsten auch schonmal die Loesung des Nahostkonflikts in zwei Spalten bewerkstelligt, auf den Punkt:

“Dass Kraefte in Teheran bei einem mexikanischen Rauschgiftkartell einen Auftragskiller gedungen haben sollen, um den saudiarabischen Botschafter in Washington zu ermorden, das klingt zu phantastisch, als dass es erfunden sein koennte.”

And the FAZ delivers. Wenn man sich vor Augen haelt, dass in einer mehr oder minder lupenreinen Demokratie wie der Bundesrepublik Staatstrojaner ohne das Wissen aller offiziellen Stellen zum Einsatz gekommen sind, dann faellt es nun wirklich nicht so schwer sich vorzustellen, wie finstere persische Brigadisten ein Mordkomplott aushecken. Vielleicht hilft es den Skeptikern auch, sich an den state terrorism eines Gaddafi zu erinnern, den der notorische Noam Chomsky uebrigens noch Jahre spaeter von jeder Mittaeterschaft an Lockerbie und La Belle freisprechen wollte. Alternativ kann man auch noch etwa zwanzig Jahre warten, bis auf n-tv zum Jahrestag der Festnahme Manssor Arbabsiars eine Dokumentation kommt, bei der zwielichtige Gestalten, deren berufliche Qualifikation mit Ex-Geheimdienstler umschrieben sein wird, das genaue Prozedere der Ermittlungsaktivitaeten preisgeben, dank Wikileaks geht es vielleicht sogar noch etwas schneller. Einstweilen wird die Affaere wohl der Startschuss fuer verschaerfte Sanktionen gegen eines der unangenehmeren politischen Systeme des 21. Jahrhunderts sein – was noch lange nicht heisst, dass das ins Auge gefasste Anschlagsziel der Repraesentant einer offenen Gesellschaft gewesen sei.

Uebrigens, fuer alle, die nicht ganz ohne das big picture auskommen wollen: Die nun entfaltete diplomatische Offensivstrategie der US-Regierung hat Michael Scott Duran schon in der vergangenen Ausgabe des Peridodikums Foreign Affairs unter dem Titel Arab Spring, Persian Winter skizziert. Leg’ dein Ohr auf die Schiene der Publizistik.

Ueber die Existenz eines jenseitigen – und darueber hinaus womoeglich auch noch allmaechtigen – Gottes braucht man mit diesem Autoren nicht zu streiten, denn er haelt auch im Jahr 2011 noch ein bisschen etwas auf Marx und die mit ihm assoziierte politische Stroemung. Wer das nicht wahrhaben mag, sollte die Maer vom barmherzigen Schoepfer spaetestens beim Blick auf die Verteilung von Fussballweltmeisterschaftstiteln ablegen: Nicht nur, dass Argentinien, Zufluchtsort etlicher Nazis nach 1945, zweimal, einmal gar per Gottes Hand, den Cup geschenkt bekam, die Bundesrepublik durfte ganze drei Male zuschlagen: Der erste Sieg war keine zehn Jahre nach Kriegsende faellig (wer war noch gleich Henry Morgenthau?), zum zweiten Mal beinahe zwanzig Jahre spaeter mit einer Mannschaft, aus der einige Mitglieder heute einen nicht unerheblichen Teil der deutschen Fussball-Aristokratie stellen. Und sorry, aber sympathisch ist jemand mit dem Spitznamen Kaiser nun wirklich nicht. Als sei die Welt mit den Spaetfolgen der Abwicklung der DDR im Jahre des Herrn 1990 nicht gestraft genug gewesen, gab es obendrein noch einen Stolpersieg im Finale – na, ueber wen wohl? – fuer die DFB-Auswahl.

Parteiisch und unfair, wie wir verbitterten Anti-Deutschen (diese Begrifflichkeit ist im Wortsinne zu verstehen: Wir von Verbrochenes sind gegen Deutschland, mit realen oder fiktiven politischen Stroemungen haben wir schon alleine aufgrund mangelnden Intellekts nichts zu tun) es nun einmal sind, lassen wir den gewonnenen EM-Titel – der Entscheidungsmodus des Golden Goal ist sowieso aeusserst fragwuerdig, zumal, wenn Oliver Bierhoff eines erzielt – links liegen, muessen aber konstatieren, dass es 2006 und 2010 A.D. mitunter ganz schoen knapp wurde fuer Schlands Nummer vier. Genauso hoch koennten die Deutschen im kommenden Jahr dann allerdings auch den Counter fuer gewonnene Europameisterschaften schrauben, was einer schweren Katastrophe gleichkaeme, deren apokalyptische Ausmasse sich vorzustellen nur muehsam ertragbar ist: Der Konsumguetermarkt wuerde – diesmal mit offenem Ende – vor Schland-Artikeln ueberquellen, die Strassen waeren ueberall dort, wo keine Geisteswissenschaften studierenden supercoolen Antifas nachts Capture the Flag spielten, ein Hort des schwarz-rot-geil beflaggten Wahnsinns, der taegliche Gang zur S-Bahnstation bei dem Gedanken an wangenbemalte Deutschlaenderinnen und die kommenden Bildschlagzeilen der naechsten Wochen mit Spiessrutenlauf noch vorsichtig umschrieben.

Das Frustrierendste ist, dass unsereins die Argumente auszugehen drohen. Klar, man kann immer noch die Nazi-Karte zu spielen, aber das muesste langsam selbst der englischen Yellow Press zu bloede werden. Als die Nati 2002 Saudi-Arabien 8-0 abfertigte, da gab es sie noch, die Blitzkrieganspielungen: Deutsche Panzer rollten wieder, hiess es damals in der internationalen Sportpresse – was man damals nicht ahnte, war die etwa zehn Jahre spaeter bestaetigte Richtigkeit dieser Aussage in einem ganz anderen Sinn, denn das saudische Koenigshaus hatte sich ja tatsaechlich welche bestellt, wenn auch nicht zum Fussballspielen (in der Tuerkei bedient man sich dieses Bildes immer noch sehr gerne, wie sich nach der Heimniederlage in der EM-Quali feststellen liess). Die Spieler mit den am exotischsten anmutenden Namen 1990 beziehungsweise sechs Jahre spaeter hiessen noch Pierre Littbarski oder Mehmet Scholl, doch kann der selbsternannte Integrationsweltmeister im Jahre eins nach Sarrazin auf Cacau, Gündogan, Khedira und den in Polen geborenen Vorzeigekoelner Podolski zurueckgreifen. Wie verhaertet es in diesem Land trotz alldem immer noch denkt, faellt allerdings nur noch den aufmerksamen Zuschauern auf: Als Mesut Özil – noch so einer – gestern abend in der 30. Minute sehenswert zum 1-0 gegen Belgien einnetzte, entlockte das dem ZDF-Reporter Oliver Schmidt einen anerkennenden Kommentar:

 

“Özil macht das was er fuer seine Freunde in der Heimat machen kann”

 

An welche Freunde aus welcher Heimat der ehemalige Jugendspieler von Rot-Weiss Essen (weshalb sonst sollte er so gut Fussball spielen koennen?) – geboren ist Özil in Gelsenkirchen, er ist deutscher Staatsbuerger – beim Treffer gedacht hat, wird vermutlich Schmidts Geheimnis bleiben. Ungleich klarer ist jedoch, dass man auf der spielerischen Ebene nur noch schwerlich gegen die deutsche Elf argumentieren kann, denn kloppte sich die Mannschaft von Berti Vogts noch mit einem so genannten echten Vorstopper und Strafraumstuermern der Marke Kuntz und Bierhoff zum Titel in England, wird der Rekord-Europameister in Polen und der Ukraine mit einer Mannschaft aufspielen, die zum Besten gehoert, was der kleinste Kontinent fussballerisch zu bieten hat: Der notorische Liebling dieses Autors, die Englaender, werden wie immer keine Rolle spielen, Frankreich und Italien sind irgendwie auch nichts mehr. Blieben realistischerweise die Niederlande und Spanien – wir falten besser schonmal jetzt die Haende und beten zum nichtexistenten Fussballgott. Oder nehmen prophylaktisch einen Urlaub in Angriff.

Und, hey: Es ist doch nur Fussball. So lange Schalke 04 nicht Bundesligameister wird. God forgive.

Bremen, die kleine Großstadt in Norddeutschland. Schön gelegen am Fluss, überschaubare Stadtteile und Nachbarschaften, ein überraschend guter Fußballverein. Und hier passiert folgendes: Es hat sich eine gewalttättige Auseinandersetzung zugetragen. Das Ereignis ist inzwischen viereinhalb Jahre her, aber bekanntlich mahlen die Mühlen der Justiz langsam. Noch langsamer, wenn die Stadt, die die Mühlen bezahlt, so gut wie pleite ist. Und insbesondere dann, wenn der Schauplatz des Vorfalls eine Party mit über 100 Gästen war. Die müssen alle erstmal befragt werden, und dann bestehen sie auch noch darauf, alle vor Gericht gehört zu werden.

Das Verfahren beginnt also endlich, wenn auch ohne den Staatsanwalt. Der ist zwar angeblich der beste der Stadt und wurde deshalb für dieses komplizierte Verfahren eingesetzt, aber er ist im Urlaub, angeblich für drei Wochen. Gut, dann wird er halt vertreten, von einem unerfahrenen Kollegen. Das ist nur angemessen, denn immerhin findet der Prozess auch nicht wie ursprünglich geplant vor dem Land-, sondern vor dem Amtsgericht statt. Die aufgrund von Zeugenaussagen vorgeladenen sieben Tatverdächtigen haben ihre Anwälte aber schon gebucht, jeder einen, und da es hochspezialisierte Anwälte sind, behalten sie diese auch. Und sie machen in ihrem Sinne gute Arbeit: Sie sagen: “Wenn ihr 60 Zeugen hören wollt, laden wir 100 ein.” Das imponiert freilich dem Richter, den dieses ganze Riesenverfahren ohnehin nur stresst, er schlägt eine einfache Lösung vor: Die ganzen Zeugen können zu Hause bleiben, die Täter sagen, dass sie Täter sind und zahlen jeweils Geldstrafen. Diejenigen, über die die Akten nichts sagen, dürfen sich noch einmal bewähren. Die to-be-Geständigen grinsen, und der Staatsanwalt ist auch einverstanden. Immerhin hat er ja nicht viereinhalb Jahre auf diesen Prozess hingearbeitet, sondern der Kollege, der sich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Also: Subjektive Wichtigkeit des Riesenverfahrens für die Opfer hin oder her – die Beteiligten des Verfahrens einigen sich auf den Deal.

Was ist eine Provinzposse?

Etwas voreilig, liebe Kandidatin. Ganz so einfach ist es nicht. Es handelte sich hier nicht um eine einfache Schlägerei zwischen trinkfreudigen Friesen. Das machen schon die simplen Zahlen klar: Obwohl den über 100 Gästen der Party, die die antirassistische Fangruppierung Racaille Verte in jener Januarnacht ausrichtete, nur ungefähr 20 Angreifer gegenüberstanden, sind am Ende um die 40 junge Fans verletzt, einer davon so schwer, dass er einige Tage im Krankenhaus verbringen muss. Und so liegt es nicht etwa an der Geltungssucht der Opfer, dass sie alle aussagen wollen, sondern daran, dass sie Angst haben. Angst vor der Rache der Täter. Bei ihnen handelt es sich nämlich um rechtsradikale Hooligans, erprobt im Faustkampf und gefestigt in ihrer Ideologie. Doch all das beziehen Gericht und Staatsanwaltschaft nicht in ihre Erwägungen ein. Für sie ist viel mehr entscheidend, dass das Verfahren so lange gedauert hat. Und das ist für die Angeklagten, von deren Unschuld sie von Rechts wegen ausgehen, nun wirklich eine Zumutung. Denen muss man entgegenkommen, und das drückt sich in Zahlen so aus: 30% gehen nochmal ab von den Strafen, die alle unterhalb von 90 Tagessätzen liegen – der Grenze, ab der eine solche Strafe im polizeilichen Führungszeugnis auftaucht.

Was ist ein Justizirrtum?

Nein, die folgenden Fakten werden zeigen, dass auch das nicht die gesuchte Frage ist. Es ist nämlich nicht so, dass die Informationslage undurchsichtig wäre und deshalb ein Irrtum zustande kommen könnte. Dass ein Gericht sich nicht auf den Antifa-Seiten über ihre Klientel informiert scheint normal. Aber wenn die Angeklagten vor Gericht auftreten wie Mafiabosse, ihre Freunde sich vermummen und selbst nach mehrfachen Beschwerden der Betroffenen Unterstützerinnen und Unterstützer der Opfer filmen und fotografieren sowie Medienvertreter beleidigen können, läuft etwas falsch. Es kann nicht angehen, dass Polizisten und Gerichtsdiener sagen: “Vielleicht wäre doch das Landgericht der bessere Ort gewesen.”

Und der Staatsanwalt sollte sich vielleicht schon informieren, gegen wen er vorgeht. Er sollte die Anklage führen, Partei ergreifen, im Sinne der Sicherheit der Bürger des Staates, dessen Anwalt er ist. Das ist genau die Rolle, die dem Staat in Sonntagsreden stets zugeschrieben wird. Vor allem, wenn es gegen Neonazis geht. Gerade junge Menschen werden bei Events wie der Nacht der Jugend für ihr Engagement gegen Diskriminierung gelobt und erhalten Preise. Das bringt materiell meistens nicht so richtig viel, aber die Aussage ist: Ideel steht dieser Staat hinter euch, wir passen auf euch auf. Und genau so biederte sich auch die Staatsanwaltschaft bei den betroffenen Fans an, versuchte ihnen zu verdeutlichen, dass sie in diesem Fall für Gerechtigkeit sorgen würde und dafür, dass sich ein derartiger Vorfall nicht wiederholen würde. Die älteren Hauer, allesamt bekannte Neonazis, sollten endlich mal in den Bau wandern, während die jüngeren einen Schuss vor den Bug kriegen sollten, der ihnen weh tut. Die Fans nahmen dafür in Kauf, sich den Neonazis zu stellen und im Vorfeld des Prozesses immer wieder bedroht zu werden. Auch dies hätten Gericht und Staatsanwaltschaft wissen können und sollen, und spätestens im Gerichtssaal hätten sie es merken müssen.

Der vorliegene Deal bewirkt aber genau das Gegenteil der erhofften Klärung: Die Neonazis wissen jetzt genau, was sie ein Überfall auf junge Linke kostet: Ein paar tausend Euro, die sie leicht aufbringen. Für die entsprechenden Adressaten ist im wörtlichen Sinne gesorgt: Die Justiz hat sie mit ihrem sorgfältigen Apparat an die Nazianwälte gebracht, die sicher Kopierer besitzen. Racheakte sind vorprogrammiert.

Was ist Justizversagen?

Nein, auch das ist nicht die Frage, lieber Kandidat. Wenn nämlich all das sehenden Auges geschieht, ist das mehr als Versagen. Vor allem das Gericht vertritt sehr selbstbewusst einen Standpunkt, der kritisiert werden muss. Die Wortwahl der Beteiligten offenbart ihre Entscheidung, sich falsch zu positionieren: Neonazis werden immer wieder als rechtsgerichtet bezeichnet, als hätte hier eine Gruppe CDUler ihrer Wut auf Grüne Ausdruck verliehen. Der Gerichtssprecher tut so, als stünden sich hier zwei gleichwertige Konfliktparteien gegenüber, indem er sich dafür lobt, kein weiteres Öl ins Feuer gießen zu wollen. Man könnte fast glauben, die Ultras würden auf einer Woge der Begeisterung anfangen, Neonazis zu vermöbeln, wenn die ihre gerechte Strafe bekommen! Der stellvertretende Staatsanwalt schiebt indirekt den Opfern den Verlauf des Verfahrens in die Schuhe, indem er sich in Erinnerung ruft, wie lange sie brauchten, um sich zu Aussagen durchzuringen. Simple Arithmetik ignoriert er einfach: Natürlich machen die dreieinhalb Monate, die die Zeugen brauchten, nicht wirklich den Kohl fett. Am schwersten wiegt aber die Behauptung, es handele sich hier um szeneinterne Streitigkeiten. In Bremen gibt es eben nicht eine Fanszene, sondern mehrere, die nebeneinander und größtenteils unabhängig voneinander existieren: klassische Kuttenfanclubs im Oberrang, teils “unpolitische”, teils progressive Ultras im Unterrang, (Nazi-)Hools auf dem Acker. Das weiß eigentlich auch jeder, nur der Gerichtsprecher behauptet in staatsragendem Ton das Gegenteil und übernimmt dabei fast das Wort der Verteidigung von einem quasi innerfamiliären Konflikt. An dieser Stelle hätte es vielleicht geholfen, wenn vor dem Prozess nicht nur ein anerkannter Experte, sondern auch der Verein, zu dem sich ja in der Tat Angreifer wie Opfer zugehörig fühlen, eindeutig geäußert hätte. Vielleicht, denn es kommt doch der Eindruck auf, dass hier sehr wohl bewusst gehandelt wurde: Der Urlaub, die Wahl des Gerichts, der offenbar vorbereitete Deal, die dummen Begründungen.

Ich möchte lösen. Die Frage lautet: Was ist ein Justizskandal?

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben 8000 Mark gewonnen! Herr Güldner von den Grünen hätte es übrigens auch fast geschafft, er hat nur das Prinzip dieser Sendung nicht verstanden.

In der aktuellen Jungle World dürfen Deniz Yücel und Gerhard Scheit ihre Meinung zum Begriff der Islamophobie kund tun. Beide tun das so, wie man es erwarten würde. Beeindruckender ist dabei Gerhard Scheit, weshalb sein Text hier ausführlich gewürdigt werden soll. Und mit ausführlich meine ich, dass ich ihn vollständig zitieren werde.

Scheit eröffnet:

Alle Zeichen der Öffentlichkeit deuten darauf hin, dass der Attentäter von Norwegen als Verkörperung des Begriffs »Islamophobie« in die Geschichte der Lügen dieser Öffentlichkeit eingehen soll.

Er benutzt hier einen inzwischen in Veröffentlichungen aller politischen Strömungen beliebten Kniff: Er unterstellt, dass die öffentliche Meinung (oder der Zeitgeist, die politische Klasse, die Medien, usw.) sich einig sei und zu einem bestimmten Thema Konsens herrsche. Und dann wird er selbst die Gegenposition einnehmen, fast alleine gegen den Rest der Welt. Man kennt das von Konservativen, die die Medien in den Händen der 68er sehen, von Sozialdemokraten, die sich von rechten Medienkartellen ignoriert oder verunglimpft sehen und natürlich von Antisemiten, die die Medien in Judenhand wähnen. Kürzlich hat Jan Fleischhauer es im Spiegel fertig gebracht, der Allgemeinheit eine Abneigung gegen Steuersenkungen zu unterstellen – so kann man sich anscheinend selbst mit der Forderung nach Steuersenkungen noch zum einsamen Rufer stilisieren, ohne ausgelacht zu werden.

Die Ironie an dieser Argumentation ist, dass sie, sobald sie veröffentlicht wird, sich damit selbst widerlegt hat. Man kann nicht etwas veröffentlichen und anschließend behaupten, alle (!) Veröffentlichungen würden das Gegenteil der eigenen Meinung vertreten. So geht es Fleischhauer, der für den Spiegel schreibt, und so geht es auch Scheit, obwohl er nur für eine kleine Wochenzeitung schreibt. Schließlich hatte er selbst nicht von “einigen” oder “vielen”, sondern von “allen Zeichen der Öffentlichkeit” gesprochen. Dass Scheit mit diesen “Zeichen der Öffentlichkeit” einen neuen Begriff einführt, muss man entschuldigen, das ist so seine Art; er will originell wirken. Das gelingt ihm umso mehr, als bei ihm die Zeichen “deuten”. Zeichen deuten aber nicht, sie zeigen, deuten muss man sie schon selber.
Beachtlich ist auch das “soll” am Ende des Satzes. Hier wird nicht einfach etwas passieren, sondern es soll passieren, jemand zieht offenbar die Fäden.

Es geht weiter:

Der Anschlag sei demnach nur die logische Konsequenz des »Feindbilds Muslim«.

Wer das behauptet? Da würde man sicher jemanden finden, aber wir müssen uns mit “allen Zeichen der Öffentlichkeit” begnügen, die nicht nur deuten, sondern offenbar relativ konkrete Aussagen machen können.

Dabei zeigen Tat und Manifest in der unsagbaren Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns, dass das Motiv purer Neid auf den Islam war.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Tat zeigt in der Grausamkeit ihres Wahns, dass das Motiv Neid auf den Islam war. Um es vorweg zu nehmen: Das gibt keinen Sinn. Man kann danach suchen, aber man wird keinen finden. Man kann nach der Aussage suchen, um Scheit dann zu widersprechen, aber selbst das bleibt unmöglich, weil der Satz keine in sich logische Aussage enthält. Die Behauptung, Neid auf den Islam sei das Motiv gewesen, ist eine derart spezielle, dass sie unmöglich allein durch das Vorhandensein von Grausamkeit und Methodik belegt werden kann.

Was er tatsächlich sagt, ist banal: Die Tat war grausam, der Täter im Wahn, sein Vorgehen methodisch. Aus keiner dieser Tatsachen kann man irgendetwas über seine Motive herauslesen, schon gar nicht eine derart steile These wie die vom Neid auf den Islam damit rechtfertigen. Aber sprachlich ist das interessant. Man kann banale Erkenntnisse schick verpacken, indem man sie in einem Satz durcheinanderwirft und in Beziehung setzt:
Tat und Manifest zeigen etwas, aber sie tun es nicht einfach, sie tun es in ihrer Grausamkeit und ihrer Methodik – nein, noch besser: in der Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns. Das ist nicht etwa ein komplizierter Sachverhalt, das ist Quatsch, prätentiös formuliert. Man beachte auch, dass es nicht nur um Neid, sondern um “puren Neid” geht. Das ist einerseits ein Tick der Antideutschen, jede Formulierung noch einmal zu verschärfen durch Wörter wie “pur”, “notwendig”, “total”, “einzig”, “alle” usw., andererseits macht es noch einmal klar, was Scheit hier für einen Quatsch behauptet: Für Breiviks irren Massenmord bietet er nicht nur den ominösen Neid auf den Islam als Motiv an, er schließt auch alle anderen Motive und Beweggründe, die hier mit reingespielt haben könnten, aus – es ist purer Neid, nicht verunreinigt durch irgendeinen anderen Gedankengang. Angesichts der Tat und ihrer Opfer ist das eine These, die ganz offensichtlich falsch ist.

Wer nun erwartet, vielleicht im nächsten Satz eine zumindest kurze Begründung für Scheits steile These zu lesen, wird natürlich enttäuscht. Es gibt wichtigeres.

Der Attentäter teilt diesen Neid in äußerster Steigerung mit bestimmten politischen Kräften, wie sie sich auf unmittelbar postnazistischem Grund etwa in der FPÖ zusammenfinden. Von Islamophobie ist nicht nur die Rede, um eine diesen Kräften entgegengesetzte, auf die Aufklärung sich berufende Kritik des Islam zu denunzieren. Der Begriff wurde vielmehr erfunden, um eben jenen Neid als ein ­Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen.

Zwar spricht es nicht gerade für die Postnazismus-Theorie von Scheit und seinen Konsortionalpartnern, wenn ein Norweger in Norwegen norwegische Sozialdemokraten ermordet und dabei sein Motiv mit der FPÖ teilt, aber es ist auch verständlich, dass Scheit diese Theorie als sein Kerngeschäft hier doch irgendwie bewerben will.
Viel wichtiger ist die Aussage danach: Der Begriff der Islamophobie wurde erfunden, um den Neid auf den Islam als ein Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen. Man darf sich das also so vorstellen, dass irgendwo jemand sitzt, der gemerkt hat, dass aus Antisemitismus ein Neid auf den Islam wird, und der sich ob dieser Entdeckung dann entschlossen hat, diesen Umstand zu verschleiern. Flugs hat er Stift und Zettel zur Hand genommen und den Begriff der Islamophobie erfunden, mit der er jetzt den Antifaschisten und Küchentischpsychologen Scheit denunziert und so davon abhält, die FPÖ zu Tode zu kritisieren. Wer da nun wann so vorsätzlich gehandelt hat, bleibt unklar. Dafür darf sich Scheit nun höchstpersönlich in der Opferrolle wiederfinden, und das ist ja auch was wert.

“Neid auf den Islam” – was soll das eigentlich heißen? Neid verspürt man, weil jemand anders etwas hat oder etwas ist, was man selbst gerne hätte oder wäre. Nun kann eine Person eine andere um etwas beneiden, es ist aber schlechterdings unmöglich, dass eine Person eine Religion oder eine Weltanschauung um etwas beneidet. “Ich beneide den Islam” ist eine unsinnige Formulierung. Ich kann zwar die Muslime beneiden, weil sie so eine schöne Umma haben, oder einen christlichen Freund, weil er Trost in der Religion findet, ich kann sogar einen Baum beneiden, weil der echt die Ruhe weg hat – ich kann aber nicht “den Islam” beneiden, weil ich als Person seine Eigenschaften gar nicht übernehmen könnte. Aber womöglich wird das die psychische Erkrankung des 21. Jahrhunderts: “Herr Doktor, ich wäre gerne eine Weltanschauung!”

Gerhard Scheit könnte einfach vom Neid auf die Muslime sprechen, aber das tut er nicht. Es scheint da nicht unplausibel, dass die ständige Rede von “dem Islam” als einer irgendwie homogenen Einheit, einem monolithischen Block, sich inzwischen dahingehend weiterentwickelt hat, dass “der Islam” tatsächlich als eine Art Person wahrgenommen und beschrieben wird, die dann folgerichtig auch beneidet werden kann.

Im folgenden Absatz, der aus einem einzigen Satz besteht, bleibt dann auch unklar, wer denn nun beneidet wird.

Beneidet wird nämlich, dass der Islam verwirklicht, wozu man selbst nicht imstande ist oder woran man relativ erfolgreich gehindert wird; dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist; dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.

Der erste Punkt ist genau der, den ich oben gemacht habe: Menschen und Religionen sind verschiedene Dinge, und das meiste, wozu eine Religion im Stande ist, kann ein Mensch nicht. Scheit schreibt einen absolut banalen Umstand auf, als habe er eine Riesenerkenntnis zu präsentieren. Der zweite Punkt, dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist, ist ebenfalls banal, oder falsch. Gehen wir davon aus, dass die Behauptung ist, der Islam sei gemeinschaftsbildend im politischen Sinne, und Breivik und die Postnazisten beneideten die Muslime darum. Dann ist anzumerken, dass natürlich auch das Christentum gemeinschaftsbildend wirkt, in vielerlei Hinsicht und an verschiedenen Orten vom Vatikan bis in die USA, selbstredend auch in Mitteleuropa. Wie diese Gemeinschaften keine “im politischen Sinne” sein sollen, müsste der Politikwissenschaftler Scheit – wie so vieles – schon noch ausführen, um irgendwie sinnvoll argumentieren zu können. Dass einzig der Islam in der Lage sei, gemeinschaftsbildend im politischen Sinne zu wirken, ist aber ohnehin Unsinn. Andere Religionen sind dazu in der Lage, vermutlich fast alle, und andere Ideologien sind es auch, der Nationalismus ist nur die prominenteste.

Dass man diese Basisbanalitäten referieren muss, um Scheit zu widerlegen, das ist das wirklich Ärgerliche an ihm.

Vielleicht ist es aber auch der apodiktische Stil, mit dem der größte Quatsch aufgetischt wird. Laut Scheit wird beneidet, “dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.”

Um das kurz festzuhalten: “Der (!) gläubige Muslim” ist arbeitslos und erträgt das gut. “Der gläubige Muslim” gewinnt aus seiner Arbeitslosigkeit – neben Stolz und Würde – Kampfgeist. Gegen: die abstrakte Seite des Kapitals. Allerdings muss er dafür seine Gestalt verändern. Er verwandelt sich dann in den ideellen Gesamt-Osama: das jihadistische Kollektiv. Nochmal: “Der gläubige Muslim” und das “jihadistische Kollektiv” sind ein und dasselbe, in unterschiedlicher Gestalt.
Da kann man kaum mehr etwas hinzufügen, obwohl ich eingestehen muss, dass mein Motiv für diesen Text der Neid auf Scheit ist: Er darf “zersetzten” als Konjunktiv von “zersetzen” benutzen, wo wir anderen alle “zersetzen würden” schreiben müssen, um nicht mit dem Imperfekt in Konflikt zu geraten. Dabei sehen wir aus wie Oberschüler, und Scheit steht da wie Adorno.

Es geht weiter, Satz für Satz, es lohnt sich.

So ist aber der als Hass hervortretende Neid auf den Islam letztlich nur von dessen eigenem antisemitischen Potential aus zu verstehen.

Dass Scheit die Existenz von Hass hier einräumt, wenn auch nicht explizit als Hass auf den Islam, sollte man im Hinterkopf behalten, schließlich ist der Titel des Texts “Es gibt keine Islamophobie”. Dass nun etwas “nur von XY aus zu verstehen” sei, ist eine der antideutschen Phrasen, die stets gut aussehen, aber selten halten, was sie versprechen. Was sagt Scheit uns also? Bis eben war der Neid auf den Islam noch “ein Derivat des Antisemitismus”. In Kombination mit obigem Satz lässt sich also schließen: Das Derivat des Antisemitismus ist nur von seinem antisemitischen Potential aus zu verstehen.

Handelt es sich vielleicht um eine Art Kreislauf?
Dass das Derivat des Antisemitismus auch noch ein antisemitisches Potential hat, ist beachtlich; dass es von diesem aus zu verstehen sei, immerhin tröstlich, wo es doch sonst nichts zu verstehen gibt.

Der folgende Absatz enthält nur einen Punkt am Ende, dafür gibt es zwei aufeinander folgende Doppelpunkte sowie einen Gedankenstrich – Scheit ist nicht zu stoppen, erst recht nicht von Scheit.

Die Mus­lime stellen für den Antisemiten des Abendlands nämlich eine einzige große narzisstische Kränkung dar, wie sie keine andere der von ihm sonst noch verachteten und physisch bedrohten Gruppen von Immigranten bereithält: Er sieht sich durch sie herausgefordert, das Abendland als das »konkrete«, das »schaffende Kapital« nicht vor »fremden Rassen« als der einbrechenden Natur oder was auch immer zu verteidigen (darum ist der oft als Alternative zur »Islamophobie« vorgeschlagene Begriff »antimuslimischer Rassismus« irreführend), sondern vor der wachsenden Macht einer religiösen Gemeinschaft, die gleichermaßen beargwöhnt wie beneidet wird, weil sie ganz ohne eigenes »schaffendes Kapital«, oder anders gesagt: ohne europäische Werte triumphieren kann – und der man, wegen ihres ausgeprägt judenfeindlichen Charakters, beim besten Willen nicht zu unterstellen vermag, dass sie ein Instrument des »raffenden Kapitals«, der Weltverschwörung des Judentums, sei.

Um das wieder zu entzerren: Der Antisemit des Abendlandes will das schaffende Kapital gegen die Muslime verteidigen, die ihrerseits ganz ohne schaffendes Kapital auskommen.
Wer argwöhnt, Scheit werfe hier zusammenhanglos ein paar Phrasen-Bruchstücke aus dem antikapitalistischen Fundus in die Islam-Runde, hat recht. Aber auch davor ist es interessant: “Die Muslime stellen (…) eine einzige große narzisstische Kränkung dar”. Es ist nicht etwa so, dass sie den Antisemiten kränken würde, nein, sie selbst stellen eine Kränkung dar. Vielleicht muss man in der Lage sein, seinen Namen zu tanzen, um zu wissen, wie ein Mensch eine Kränkung darstellt.

Dass Scheit das, was er zitierend “schaffendes Kapital” nennt, “anders gesagt” auch als “europäische Werte” bezeichnen kann, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er längst seine eigene, ganz private Sprache spricht und schreibt. (Genau genommen gehört auch noch “das Abendland” in diese Reihe: “das Abendland als (…) das »schaffende Kapital«”, es ist halt alles irgendwie dasselbe.)

Wenn das auch alles gar keinen Sinn gibt, so kann man immerhin zwei weitere Häkchen auf der Liste antideutscher Phrasen machen: Die narzisstische Kränkung und das konkrete (Kapital) haben ihren Auftritt gehabt, wobei letzteres in diesem Fall auch für Martin Heidegger einspringen muss, der verblüffenderweise keine Rolle in Scheits Text spielt.

Beim Attentäter von Norwegen hat dieser Neid sich offenkundig ins psychopathische Extrem gesteigert – wobei deutlich wird, dass es bei ihm genau die nichtstaatliche Gewalt selber ist, die ihn so sehr fasziniert, als das, was die Antisemiten des Abendlands der Zivilisation opfern und ans Gewaltmonopol abgeben mussten, damit das Kapitalverhältnis überhaupt durchgesetzt werden konnte. Der Jihad schafft, was man selbst nicht mehr vermag: terroristische Rackets zu formieren. Und so verkleidete sich dieser Führer, der keine Masse mehr hinter sich vereinen kann, mit den seltsamsten Phantasie-Uniformen.

Es ist keine analytische Meisterleistung, Anders Breivik einen psychopathischen Extremismus zu attestieren. Und einer Privatperson, die gerade 70 Menschen hingemetzelt hat, eine gewisse Faszination mit “nichtstaatlicher Gewalt” nachzusagen, ist auch nicht der ganz große Wurf. Es bleibt die implizite Behauptung, nichtstaatliche Gewalt sei ein Vorrecht der Muslime oder so etwas wie ein konstituierendes Phänomen muslimischer Gesellschaften. Denn auch wenn hier jetzt vom Jihad die Rede ist, sollte es doch der Neid auf “den Islam” sein, der Breivik ganz allein antrieb. So wirft Scheit Begriffe durcheinander, mit dem Ergebnis, dass Islam und Jihad scheinbar dasselbe werden.
Der Jihad ist hier auf einmal Subjekt und schafft es, Rackets zu formieren. Nicht Menschen formen terroristische Banden, der Jihad tut es. Wiederum haben wir hier Menschen auf der einen Seite, die etwas nicht schaffen, und eine Ideologie auf der anderen, die etwas schafft. Das ist schlicht unsinnig. Und führt zu einer einfachen Frage: Warum vermögen die europäischen Antisemiten es nicht, terroristische Banden zu bilden, wo das doch laut Scheit ihr tiefer Wunsch ist? Was hindert sie, aber nicht die Jihadisten?

Mit dieser pathologischen Intensivierung des postnazistischen Charakters hängt zusammen, dass er als Antisemit für Israel Partei ergreift, oder besser gesagt: für die Projektion, die er für Israel ausgibt, eine Art Tempelritter-Ordensgemeinschaft.

Auf einmal wird aus einem Norweger, der mit Deutschland und Österreich nichts zu tun hat, ein postnazistischer Charakter. Dabei war die Postnazismus-Theorie mal darauf ausgelegt, den Begriff des “Antideutschen” dadurch zu begründen, dass hierzulande ein besonderes Bewusstsein herrsche, eben der Postnazismus, der den deutschen Nationalismus von dem anderer Länder unterscheide. Diese Theorie hat seit Jahren mit der Realität zu kämpfen, und wieviel sie noch taugt, könnte man an anderer Stelle diskutieren. Dass mit Scheit einer ihrer Vertreter ohne weiteren Kommentar einem Norweger unterstellt, er weise einen postnazistischen Charakter auf, illustriert die Probleme bereits ganz gut.

Dazu ist es nötig, eine absolute Trennung zwischen Israelis und den Juden in der Diaspora vorzunehmen: Während Breivik in Europa »kein Judenproblem« mehr erspäht, womit er post festum die Shoah bejaht, möchte er für die USA, wo er dieses »Problem« hervorhebt, auch heute den Lösungsversuch Hitlers nicht ausgeschlossen wissen. So sucht er Deckbilder für jene Juden, die seinem israelischen Ritterorden nicht entsprechen, um sie in alter antisemitischer Weise als »Kulturmarxisten« zu verfolgen, und konzen­triert sich hier wohl nicht zufällig auf die Frankfurter Schule, die schon immer als Inbegriff der »Verjudung« galt.

Nun fragen wir uns alle: Was ist denn bitte ein Deckbild? Google verweist uns an die Dachdecker, aber näher kommen wir der Sache über Wikipedia bei Adorno: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ Nun braucht aber ein Antisemit, der offenherzig vom Judenproblem der USA redet, offenkundig kein Deckbild, weil für ihn der Antisemitismus nicht verpönt ist. Und auch wenn der Ausdruck “Kulturmarxist” das Deckbild wäre, würde Scheits Satz mal wieder keinen Sinn geben: “So sucht er Deckbilder für jene Juden,(…) um sie (…) als ‘Kulturmarxisten’ zu verfolgen.” Es müsste heißen: “Er benutzt den Ausdruck “Kulturmarxist” als Deckbild, um sie zu verfolgen.” Wobei der Begriff “verfolgen” hier wiederum falsch ist, weil Breivik zwar antisemitische Texte verfasst, aber keine Juden, sondern Sozialdemokraten verfolgt hat.

Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern.

Die Schlüsselwörter hier sind “wie auch sonst”. Während Gerhard Scheit sich wenigstens die Mühe gemacht hat, Breiviks Antisemitismus zum Thema zu machen und nun in dieser Richtung – wenn auch nicht schlüssig – weiter argumentieren könnte, dass bei Breivik, also “hier”, keine Rede von Islamophobie sein dürfe, so hat er doch über alle anderen möglichen Zusammenhänge, in denen man den Begriff benutzen könnte, kein Wort verloren. Er ignoriert diesen blinden Fleck und dekretiert einfach, dass “auch sonst” niemand von Islamophobie reden könne, nirgends.

Aber auch ohne das wäre sein Satz offenkundiger Blödsinn: Man kann mit allerlei guten oder schlechten Absichten von Islamophobie sprechen, ohne dass das sinnvoll sein muss, zum Beispiel auf naive Art, ganz ungebildet oder auch ganz elaboriert. Die Möglichkeiten sind buchstäblich endlos. Man kann ihn natürlich auch in genau der Absicht benutzen, die Scheit grundsätzlich unterstellt, aber Scheit will nicht einfach sagen, dass er den Begriff unsinnig oder gefährlich findet, er kann nicht benennen, wer ihn in welcher falschen Absicht benutzt und warum man ihn am besten gar nicht benutzen sollte – er kann nur die radikalste und gleichzeitig allgemeinste Variante wählen und sagen: Jeder, der davon spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Offensichtlicher kann man kaum die Unwahrheit sagen.

Es gibt keine Islamophobie.

Auch darüber lässt sich streiten, insbesondere eben im Zusammenhang mit Breivik. Henryk Broder, der im übrigen von denjenigen, die sich stets vor Kühnheit zitternd “Islamkritiker” nennen, heftig verteidigt wird, wurde in Breiviks Manifest mit der Auffassung zitiert, Europas Ethos werde perfekt ausgedrückt durch eine vergewaltigte Frau, die “darüber räsonierte, dass es besser wäre, sich nicht zu wehren, wenn man mit dem Leben davon kommen will.” Nun braucht es für einen Ethos, der das Ertragen einer Vergewaltigung gegenüber dem Riskieren des eigenen Todes bevorzugt, zunächst einmal einen Vergewaltiger, sonst wäre das ganze Bild sinnlos. Das ist in diesem Fall der Islam. Und was anderes als eine irrationale, wahnhafte Angst, eine Phobie also, ist die Vorstellung, Europa werde vom Islam vergewaltigt und habe Angst vor dem Tod? Man muss also nicht so ganz weit ausholen, um eine mögliche Verwendung für den Begriff der Islamophobie zu finden.

Scheit weiter:

Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind.

Das stimmt ausnahmsweise. Und auch wenn Scheit das hier formal nur den Antisemiten zuschreibt, darf man anmerken: Für oder gegen den Islam zu sein ist für jeden einzelnen Menschen ein ziemlich größenwahnsinniges Unternehmen. Der Islam ist Realität, wie andere Religionen auch, es wird nicht helfen, “dagegen” zu sein.

Und was bleibt, ist der Kampf gegen den Antisemitismus. Er schließt umso mehr die radikale Kritik des Islam ein, als dessen politische Theologie von den Antisemiten anderer Religionen und Parteien beneidet wird.

Fight on, Gerhard. Fight on. Mich würde nur interessieren, wie dieser Kampf im Idealfall abläuft. Schreiben Scheit und Genossen noch mehr Artikel, die niemand lesen kann? Und wird der Islam weniger attraktiv für seine autoritären, antisemitischen, frauenfeindlichen und tendenziell faschistischen Anhänger, wenn durch die “radikale Kritik” ans Licht kommt, dass er im Kern autoritär, antisemitisch, frauenfeindlich und tendenziell faschistisch ist?

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Nachtrag: Ich musste oben zwei Sätze durchstreichen, weil mir da ein in diesem Zusammenhang natürlich peinlicher Fehler unterlaufen war. Selbstverständlich können Zeichen auf etwas hindeuten. Sei es drum.

Eine Firma kann nur erfolgreich sein, wenn sie expandiert. Das ist egal, weil wir leider keine Firma haben. Eine andere Geschichte ist diese: Zwei unserer Autoren fotografieren seit einiger Zeit mehr als dass sie ihre durchaus vorhandenen Gedanken in blogbaren Texten zusammentragen. Da auch das manchmal ganz schön anzusehen ist, muss dafür ein Raum her. Und siehe da, es ist noch Platz im Internet, und den nehmen wir uns. Mit einem Klick auf diesen Link könnt ihr euch dort einmal umschauen, und wenn es euch gefällt, macht am besten gleich ein Lesezeichen oder abonniert den Feed. Wer glaubt, eh schon zu viele Blogs zu lesen, kann sich einfach einbilden, dass es ja kein neues Blog ist, indem er oder sie wie gewohnt zu verbrochenes.net kommt und dann rechts auf das entsprechende Banner klickt.

In einem tragikomischen Interview in der SZ beklagt heute ein Martin Forberg, der als Journalist vorgestellt wird und im Internet bisher doch nur als Aktivist aufgetreten ist, die Behandlung durch die israelischen Sicherheitsbehörden.

Wir wollten zunächst einmal den palästinensischen Alltag kennenlernen. Die Idee hinter der Aktion war, auf die Probleme der Menschen in den besetzten palästinensischen Gebieten hinzuweisen. Vor allem auf die mangelnde Bewegungsfreiheit.

Das ist interessant: Forberg und Konsorten wollen auf etwas hinweisen, was sie selbst erst noch kennenlernen müssen. Sie haben also keine Ahnung, wie es in den palästinensischen Gebieten zugeht, wollen aber genau darauf aufmerksam machen. Eine beachtliche Anmaßung, wie man sie bei Leuten, die sich für die Guten halten, öfter findet.

Die Überschrift, die der Interviewer gewählt hat, ist “Es war eng und heiß in der Zelle”. Wer hätte das gedacht, in Israel im Juli, heiß? Eine Zelle, eng? Forberg beschreibt sein Eingesperrtsein als “eine unangenehme Situation.” Tatsächlich? Gefängnis, unangenehm? Und dann: “Der Ton war vorwiegend rau.” Polizei, rauer Ton? Man kann es kaum glauben. Dabei ging dieses ganze Martyrium sogar über vier Stunden lang, bis die Leute von der israelischen Staatsmacht, die anzuklagen sie ja angereist waren, in ein anderes Domizil gebracht wurden:

Das Gebäude war heller und größer, auch der Ton der Beamten wurde deutlich freundlicher. Wir waren in Vierbettzimmern untergebracht, in der Mitte ein Tisch. Die Zellentüren waren von neun bis 21 Uhr geöffnet. Es gab Duschen und etwas zu Essen, wir wurden von Ärzten betreut. Außerdem wurde uns in einem Vortrag erklärt, wir sollten das Gebäude nicht als Gefängnis begreifen, sondern als “unser Haus für die nächsten Stunden oder Tage”.

Der Horror! Denn:

Hier fand aber durchaus eine subtilere Kontrolle statt. Zur Mittagszeit besuchten uns zwei Vertreterinnen der deutschen Botschaft.

Frechheit! Ob diese Sätze überhaupt zusammenhängen oder ob die subtilere Kontrolle etwas anderes meint, bleibt offen. Subtil zeigte sich nun also die hässliche Fratze des Faschismus, und “geschmeidig”:

Allerdings wurden Einzelgespräche vorgeschrieben, Gruppengespräche verhindert. Auch der Austausch mit unseren Kolleginnen, die wir anschließend wiedertrafen, wurde geschmeidig abgeblockt.

Dabei wollte der Mann doch nur nach Palästina, und man hat ihn nicht gelassen. Hat man nicht?

Einige hätten nur nach Israel reisen können, andere auch in die Westbank. Bei mir war die Bedingung, dass ich mich nicht in “Unruhebereichen” aufhalten dürfe. Ich habe dies abgelehnt.

Kurz übersetzt: Man hat ihm zu verstehen gegeben, dass er hinreisen könne, wo er wolle, solange er keinen Ärger mache, und er hat das dann abgelehnt. Da fragt dann selbst der hartgesottene Grenzer ungläubig nach:

Als ich erwähnte, das ich es für legitim hielte an gewaltfreien Demonstrationen teilzunehmen, war die Angelegenheit für die Gesprächspartner ohnehin erledigt. Sie haben allerdings noch zweimal nachgefragt.

“Erledigt” heißt in diesem Fall “nicht erledigt”. Weiter mit kruder Logik:

Natürlich hat Israel, wie jeder andere Staat, das Recht, zu bestimmen, wer einreist und wer nicht. Aber der einzige Weg nach Palästina führt eben über Israel. Und wenn dieser Transitkanal dichtgemacht wird, dann ist das ein Problem, auf das man hinweisen muss.

Hier beklagt Forberg ein Problem, dass er und seine Freunde selbst erst verursacht haben. Denn wer nicht großspurig ankündigt, dass er kommt, um zu demonstrieren, der kann ganz einfach in die Westbank reisen. Dass der Transitkanal dichtgemacht wird, war in diesem Fall also eine Reaktion auf die Aktivisten selbst, die es sich dann wiederum zur edlen Aufgabe machen, auf diese Reaktion hinzuweisen.

Mir bleibt auf die tatsächliche Situation hinzuweisen, wie sie im Dezember war und sich nach Nachrichtenlage offenbar nicht geändert hat: Aus Jerusalem erreicht man Jenin, Nablus, Ramallah oder Hebron mit Bussen und Sammeltaxis ganz einfach, und das in der Regel ohne jede Kontrolle. Die Checkpoints sind seltener geworden, und an denen, die noch besetzt sind, werden nur stichprobenartige Kontrollen gemacht. Das heißt, dass Israel den Personenverkehr in die Gebiete kaum kontrolliert. Das ändert sich erst, wenn man zurückkommt, also nach Israel einreist und dabei eine Linie passiert, die nach allgemeiner Überzeugung eine internationale Grenze werden soll.

Bei der SZ muss man sich fragen lassen, warum eigentlich der Interviewer emotionaler bei der Sache zu sein scheint als der etwas naive Palästina-Aktivist, warum der wiederum als Journalist vorgestellt wird und warum man ein solches Interview überhaupt komplett veröffentlicht, anstatt es zu einem Zehnzeiler zu verarbeiten.

Wie die Israelsolidarität, wie man sagt, auf den Hund kommt und die Kreise, die früher mal antiamerikanische Ressentiments in der deutschen Linken kritisiert haben, als Oberkritiker des amerikanischen Präsidenten auftreten, das kann man exemplarisch bei der Gruppe Monaco aus München nachlesen.

Eine wahrscheinlich als sehr elaboriert empfundene Prosa im Einleitungsabsatz lässt sich so zusammenfassen: “Die (deutschen) Menschen mögen keine Überraschungen, trotzdem sind sie für die Anerkennung eines Palästinenserstaates durch die UN!”

Das ist hanebüchener Quatsch in drei Teilen: Erstens hat das eine so überhaupt gar nichts mit dem anderen zu tun, dass es mir ins Lachen gefallen ist. Zweitens ist das mit den Überraschungen Geschwätz über Banalitäten, unter jeder Kritik. Drittens stimmt das mit der Staatsgründung nicht: In Deutschland haben wahrscheinlich weniger Menschen eine Meinung über den neuesten palästinensischen Diplomatie-Move als über die SG Wattenscheid 09. Wer etwas anderes behauptet, müsste es belegen oder zumindest Indizien anbieten, die darauf hindeuten. Ein allgemeines Unbehagen am Judenstaat kann man gewiss konstatieren, eine selbstverständliche Zustimmung zu hier kaum diskutierten diplomatischen Manövern bedeutet das noch lange nicht.

Weiter behauptet die Gruppe Monaco:

“Dass Barack Obama sich neuerdings, abgesehen von einigen Gebietsaustauschen, positiv auf die Grenzen von 1967 bezieht, kann ebenfalls nur als Aufforderung zur Kapitulation vor der neuen palästinensischen Einheitsfront aus Hamas und Fatah verstanden werden. Denn auch wenn Netanjahu immer nur damit zitiert wird, dass Israel ohne die Golanhöhen nicht zu verteidigen sei, hält es keine Zeitung für notwendig, auch nur einmal die Frage zu stellen, ob er nicht Recht haben könnte. Alles, was die israelische Regierung sagt, wird, ohne das geringste Zögern, als „Kriegspropaganda“ denunziert.”

Um hinten anzufangen: Natürlich findet man außerhalb durchgeknallter linker und rechter Kreise niemanden, der alles (!), was die israelische Regierung sagt, Kriegspropaganda nennt. Über dramatisierende Formulierungen wie “ohne das geringste Zögern” muss man fast lachen, wenn sie nur da stehen, um das inhaltliche Desaster zu überdecken. Das hat indes schon zwei Sätze vorher angefangen: Der Golan wird in München verteidigt, und zwar gegen Barack Obama. Dass der, als er von den Grenzen von 67 mit ausgehandelten Gebietsaustauschen sprach, natürlich von den Grenzen zwischen Israel und Palästina sprach, nicht etwa von denen mit Syrien, muss man wissen, bevor man kluge Belehrungen an den amerikanischen Präsidenten ins Internet stellt. Dann wüsste man auch, dass es mitnichten um die Golanhöhen geht, wenn derzeit von Grenzen die Rede ist.

Kaum noch ins Gewicht fällt bei diesem Quatsch die Tatsache, dass die Grenzen von 67 schon lange die Grundlage aller Verhandlungen sind und die Gebietsaustausche, die dafür sorgen würden, dass der Großteil der jüdischen Siedlungen an Israel fiele, ein entscheidendes Element sind und keine Nebensache. Darüber hinaus ist das, was Obama vorgeschlagen hat, keineswegs eine Kapitulation – schon gar nicht vor einer “palästinensischen Einheitsfront”, weil eine solche gar nicht existiert, im Gegenteil. Die Zwei-Staaten-Lösung ist die beste Lösung für Israel, genau genommen ist es die einzige, weil nur sie einen demokratischen Judenstaat sichern kann. Die Zwei-Staaten-Lösung als Ziel zu formulieren ist insofern eine Selbstverständlichkeit für Freunde Israels. Dass sie in absehbarer Zeit nicht funktionieren kann bzw. keinen Frieden bringen wird, weil die Palästinenser sie nicht wollen, ist klar, und auch das spricht gegen die Gruppe Monaco: Sie stellt die Forderung nach etwas, was Fatah und Hamas mehr oder weniger explizit NICHT wollen, als Kapitulation vor denselben dar.

Neben diesem offenkundigen Unsinn sind es die prätentiösen Formulierungen, die den Text so ärgerlich machen. Da ist dann die Rede von “der nur als zweites Seeräuberkommando zu bezeichnenden Free-Gaza-Flotilla”. Ach ja, ist da tatsächlich keine andere Bezeichnung möglich? Warum nicht? Hier werden Begriffe beliebig benutzt, ungeachtet ihrer Bedeutung. Die Behauptung, dass etwas “nur so zu bezeichnen” ist, heißt jetzt nicht mehr, dass man etwas nur so und nicht anders bezeichnen kann, sondern nur, dass der Autor diese seine Formulierung wirklich schmissig findet. Das ist Sprachzerstörung, und die ist ärgerlich.

Im letzten Absatz wird es dann nochmal interessant:

Wenn die Palästinenser im September von der UN einen Staat zugesichert bekommen, könnte dieser widerliche Antisemit und Holocaustleugner tatsächlich insofern Recht haben, als dass die Vernichtung der Juden auf israelischem Boden gelingen kann. Wenn das passiert, dürfte das den durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer noch unter Umständen betroffen machen, ihn aber ebenso wenig wie Barack Obama und die UN überraschen. Was Samanda und Rebecca vom Astrokanal dazu sagen würden, ist uns allerdings nicht bekannt.

Die Vernichtung der Juden kann also gelingen, wenn die UN auf dem Papier einen palästinensischen Staat anerkennen? Das ist grotesker Alarmismus, über dessen Gründe man nur spekulieren kann. Eine iranische Atombombe wäre eine existentielle Bedrohung für Israel, die arabischen Terrorgruppen sind es nicht.
“Die Vernichtung der Juden”, die hier beschrieen wird, soll dann also Barack Obama nicht einmal überraschen. Man muss das noch einmal ausbuchstabieren: Laut der Gruppe Monaco rechnet der amerikanische Präsident insgeheim mit einem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Israels. Das geht leider nicht als Polemik durch, das ist fortgeschrittener Wahnsinn. Aber schön zu sehen, dass man sich an der Rede vom “durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer” – das muss ungefähr so etwas wie Hitlers Reinkarnation sein – so berauscht, dass man sie gleich noch einmal bringt. Was es über die Autoren aussagt, wenn sie nach der Abhandlung über einen nahenden Massenmord einen schalen Witz über Wahrsagerinnen vom Astrokanal machen, darf sich jeder selbst denken.

Nachdem Millionen Menschen in Deutschland nicht an EHEC gestorben sind, atmet das Land tief durch und erwartet die nächste Katastrophe. verbrochenes.net hat verschiedene Vorschläge.

BANGzin

Durch fehlerhaftes Benzin explodieren immer wieder Autos auf der Straße, es gibt bereits in den ersten beiden Tagen mehr als 70 Tote. Durch Zufall erwischt es erst nur ausländische Autos, weshalb das Ereignis zunächst vorsichtig positiv bewertet wird. Als bald darauf reihenweise Stuttgarter Edel-Autos in Flammen aufgehen, dreht sich die Stimmung. Guido Westerwelle will sich offiziell bei der OPEC beschweren, aber da geht keiner ans Telefon. Es gibt einen Run auf Bio-Benzin, während es überall im Land zu weiteren Explosionen kommt; die Quelle und die Abnehmertankstellen des fehlerhaften Sprits sind nicht ausfindig zu machen. Als sich herausstellt, dass das Problem nur bei Geschwindigkeiten unter 120km/h auftritt, glauben viele, das Gröbste überstanden zu haben. Als nach zehn Tagen aber die 1000er-Marke bei Todesfällen überschritten wird, entschließt sich das Verbraucherschutzministerium zu drastischen Maßnahmen: Es empfiehlt allen Deutschen, vorerst nicht mehr Auto zu fahren. Die Bevölkerung reagiert erleichtert ob dieser Hilfestellung, verbrochenes.net und die FDP sprechen hingegen von “Panikmache”. In Friedrichshain brennt ein Geländewagen. Als die befreite Nation schließlich auf glänzenden Fahrrädern unterwegs Richtung Kommunismus ist, wird sie von einer neuen Bedrohung jäh gestoppt.

Polen macht mobil

An einem schönen Sommermorgen erblicken zwei unschuldige deutsche Touristen auf der polnischen Seite der Oder mehrere junge Männer auf Pferden. Nur sieben Kilometer entfernt werfen möglicherweise unter Alkoholeinfluss stehende Polen Böller in den Fluss. Gleichzeitig ist der Radioempfang in Berlin zeitweise gestört. Obwohl ein Zusammenhang zu den Grenzzwischenfällen weder bewiesen noch vorstellbar ist, wird man in Deutschland unruhig. In Görlitz bauen Beschäftigungslose am größten Zaun der Welt. Überall im Land kommt es zu Hamsterkäufen, sogar Gurken gehen gut. Eine große Zeitung fragt besorgt: “Schon wieder?” KT zu Guttenberg wird von der Landsmannschaft Schlesien wieder zum Verteidigungsminister ernannt und erstürmt mit seinen Getreuen den Bendlerblock. Es gibt keine Gegenwehr. Als ersten Amtsakt verkündet zu Guttenberg die Allgemeine Helmpflicht. Bis tatsächlich alle Deutschen mit den besonders sicheren Kopfbedeckungen ausgestattet werden können, vergehen fünf Wochen. Die polnische Offensive bleibt weiter aus, die CSU reklamiert diesen Erfolg für sich und ihren Minister. Bauernverbände machen Druck auf die Regierung und fordern eine “Versöhnungsoffensive”, da die neue Spargelerntezeit naht. Schließlich geht ein Anruf aus Warschau bei Angela Merkel ein, in dem Polen Deutschland offiziell den Krieg erklärt. Der Anruf stellt sich aber schnell als Scherz heraus. Der BDI ruft die Bürger dazu auf, ihr Leben einfach weiterzuleben und sich keineswegs einzuschränken. Zu Weihnachten soll die Helmpflicht überprüft werden, sie soll aber aus pragmatischen Gründen mindestens bis Silvester beibehalten werden.

Nanopartikel

Als im Sommer zwei Rentnerinnen in Rostock und Garmisch sterben, reagieren die Medien verunsichert. Was war geschehen? Nach drei Wochen Recherche hat “Der Spiegel” das Geheimnis gelüftet. Neben einem Bild vom Führer finden sich auf dem Titel des Blatts drei kleine Punkte, und die Überschrift fragt: “Erst Hitler. Jetzt Nanopartikel. Warum trifft es immer die Deutschen?” Fortan sieht sich die ganze 80plus-Generation durch Nanopartikel bedroht. Seitenlang wird in allen Medien erklärt, was Nanopartikel eigentlich sind, nur in der Redaktion von verbrochenes.net kratzt man sich unentwegt ratlos am Kopf, während die letzten Kriegskinder im gesamten Bundesgebiet fallen wie die Fliegen. “Nanograd” wird zum schmissigen Titel für das Ereignis, das die Rentenkassen alle sieben Sekunden um einen lieben Menschen entlastet. Keinen Tag zu früh wird Sprühsahne als Ursache ausgemacht – ein Produkt, dass es nach dem Tod seiner gesamten Käuferschicht nun nicht mehr geben wird. Die verbliebenen Nanopartikel werden einzeln eingesammelt und zu Raumschiffen verbaut.

Juergen Elsaesser wird einmal sagen koennen, er habe sie alle gehabt. Gemeint ist nicht sein libidinöses, sondern sein journalistisches Engagement: Neues Deutschland, konkret, junge Welt, Freitag, Bahamas und Jungle World – bei einem Streifzug durch die linke Publizistik der letzten fuenfzehn Jahre wird man immer wieder bei dem unvermeidlichen Pforzheimer landen. Die ideologischen und auch inhaltlichen Stunts, die er dabei vollfuehrt hat, moegen abenteuerlich anmuten, doch in Wahrheit hat sich Elsaesser nie veraendert: In der Zeit seiner Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund hatte er sich das analytische Ruestzeug erworben, dessen dogmatische Methodik sein Weltbild fortan praegen sollte: Hinter der Reaktion – das war einmal der (vermeintlich wiederkehrende) Faschismus, heute sind es die USA – steckt das Kapital. Und die letzte Trutzburg im Kampf gegen – ja, was eigentlich? – stellt nach dem Untergang des realsoziliaistischen Blocks nunmal der souveraene Nationalstaat dar. Dass eine derartige Position, konsequent weitergedacht, letztlich auch eine Anerkennung der machtpolitischen Interessen Deutschlands impliziert, so weit war Elsaesser nach dem Mauerfall nicht, noch nicht.

Er, nicht etwa Marlene Dietrich, erfand lieber den Slogan “Nie wieder Deutschland” und schrieb so lange im antideutschen Publikationsflaggschiff Bahamas, wie man dort das Wort antikapitalistisch noch nicht abwertend gebrauchte. Weil “eine Linke ohne Antimilitarismus undenkbar” sei – die Sowjetunion also keine Kriege gegen Afghanistan oder Finnland gefuehrt, die KPD keine Putschversuche gestartet, die RAF keine Menschen erschossen habe – verabschiedete sich Elsässer 2002 aus den Redaktionen der bellizistischen konkret und jungle world, fand beim Neuen Deutschland und auch bei der Islamischen Zeitung zwischenzeitlich dankbare Abnehmer fuer seine journalistischen Arbeiten und widmete sich – bis heute – dem Betrieb eines eigenen Blogs. Als haette die Welt darauf gewartet, traegt es einen ebenso verheißungsvollen wie phantasielosen Namen: Juergen Elsaesser spricht. Und dieser Sprecher moechte nicht nur eine Menge Daten-, sondern auch einiges an Papiermuell in die Verwertungsmaschinerie einspeisen, deshalb startet der Mitbegründer der Volksinitiative seine publizistische Gegenaufklaerung neuerdings zusätzlich mit einem Printmedium namens Compact.

Als einer, der in einem Interview mit Gerhard Wisnewski offenherzig zugibt, “bei allen Zeitungsprojekten der Linken angeeckt” – vulgo: rausgeflogen – zu sein, laesst man sich eben “den Mund nicht verbieten”. Das ist im Sinne der geltenden Presse- und Publikationsfreiheit auch wuenschenswert, zumal dann, wenn sich der Verfasser durch das Geaeusserte selbst blamiert. Und auf Derartiges braucht man nicht lange zu warten: Weil die Reichweite seiner Kritik der politischen Oekonomie mittlerweile nicht mehr ueber eine zwanghafte Obsession bezueglich geheimdienstlicher Machenschaften hinausgeht und beim militaerisch-industriellen Komplex, also Halliburton und Lockheed Martin, stehenbleibt, kann Compact auch “demokratische Linke und demokratische Rechte im offenen Dialog” zusammenbringen. Das Resultat von derlei Experimenten sind Titelstories wie “Das besetzte Land” und “Die Oeko-Diktatur kommt”, stilecht wahlweise mit Renate Künast im Soldatenoutfit oder Angela Merkel mit demütigem Blick auf Barack Obama.

Mindestens genauso beachtenswert ist das mittlerweile zum Grossteil mit Werbung fuer Compact ueberladene Blog. Hier lassen sich interessante Einblicke in die Psyche eines Mannes gewinnen, der seine Orientierung irgendwo zwischen 9/11 und dem Beginn der Operation Iraqi Freedom verloren hat. Ein politischer Kompass, der nur links und rechts kennt, kann solche Figuren nicht mehr sinnvoll verorten: Mahmoud Ahmadinejads Wahlsieg 2009 begiesst Elsaesser “ganz unislamisch” mit einem “Slivovitz”, hinter der Strauss-Kahn-Affaere stecken neben “finanzkapitalistischen Interessen”, das sind die “Yankee-Banker”, auch “hartgesottene Feministinnen”, die “Hass auf Maenner” verbreiten. Der Anschlag auf den iranischen Praesidenten fand zwar nur vermeintlich statt, aber wenn er sich ereignet hat, kommen nur “Dschundallah, Volksmudschahedin und der iranische Ableger der kurdischen PKK” in Frage – und, wer hätte es gedacht, sie alle werden “von US-Geheimdiensten finanziert”. Weil, wer “keine antiamerikanischen Reflexe hat, hirntot” ist, geht es, wenn einer wie Elsaesser digital spricht, immer auch um die USA, “Weltsheriff” der Staatengemeinschaft und Triebfeder der Globalisierung, des ultimativen Feindes eines jeden Nationalstaats.

Und wenn einer gegen die Amis ist, dann ist die halbe Miete schonmal eingefahren: Darum heisst “Libyen verteidigen JETZT Gaddafi unterstuetzen” (sic!), da ist “Freiheit fuer Ratko Mladic” das Motto der Stunde und auch als am 4. Mai 2011 selbst islamistische Organisationen den Tod bin Ladins bestaetigt hatten, konnte man auf dem Blog noch von “zwei anderen Hypothesen” lesen: Entweder, der Chef von Al-Qaeda sei “schon vor Jahren liquidiert” worden, belegt mit dem laengst widerrufenen Statement eines franzoesischen – na, was wohl? – Geheimdienstlers. Oder aber: Ussama “lebt immer noch, und zwar mit neuen Papieren in einem CIA-Beach Ressort am Indischen Ozean”, der wahrgewordene “wohlverdiente[r] Ruhestand” eines “bewaehrten Agenten”. So verrueckt, wie das alles klingt, ist es aber gar nicht. Ob er da beispielsweise schon ahnte, dass sein einstiger Kollege und konkret-Herausgeber Hermann Gremliza im aktuellen Editorial des Blattes bin Ladins Tod zwar als Tatsache anerkennen, gleichwohl aber ebenso behaupten wuerde, bin Ladin sei ‘einst einem Laboratorium der CIA entwichen’?

Elsaesser ist weder ein pathologischer Fall, noch ist es der erste seiner Art, denn auch andere Journalisten sind seit 9/11 in die Ecke der Verschwoerungstheoretiker gekippt. Aus der Not, dass man bei halbwegs serioesen Zeitschriften und Zeitungen keine Artikel mehr platziert kriegt, sobald man eine gewisse inhaltliche Absurditaetsgrenze ueberschritten hat, haben schon einige vor ihm eine Tugend gemacht, Matthias Broeckers beispielsweise. Der ehemalige Leiter des taz-Kulturressorts schreibt naemlich nicht nur ueber die vielfaeltigen Nutzungsmoeglichkeiten von Marihuana, sondern hat auch mehrere Buecher ueber 9/11-Komplottstories vorgelegt, die sich gut verkauft haben. Broeckers, Wisnewski, Andreas von Buelow, jetzt eben auch Juergen Elsaesser – Deutschland hat seine eigenen Versionen von Alex Jones hervorgebracht, dem Macher von Loose Change und schaetzungsweise zweihundertdreiundneunzig weiteren Filmen ueber den inside job.

In einer politischen Wirklichkeit, in der das Individuum gerne bereit ist, die Komplexitaet globaler Zusammenhaenge auf das Wirken einiger weniger Entscheidungstraeger zu reduzieren, ist das ein guter Absatzmarkt – eine schnelle Mark, Elsaessers Lieblingswaehrung, ist da gewiss. Und wenn sich 2011 die Anschlaege zum zehnten Mal jaehren, was ist da naheliegender, als die crackpot-Theorien nochmal aufzuwaermen? So eine Moeglichkeit laesst ein findiger Geschaeftsmann nicht aus und so hat die Compact-Redaktion sich entschlossen, in Leipzig am 10.9. diesen Jahres eine Konferenz abzuhalten, die “einige der bestinformierten Kritiker der offiziellen Version” zusammenbringen wird. Fuer 45 Euro, Compact-Abonnenten bekommen natuerlich Prozente, ist man dabei, geladen wird in das “Globana Trade Center”, und man kann sich die verlegenen Scherze, die auf der Konferenz darueber gemacht werden duerften, bereits lebhaft vorstellen. Das Podium ist bereits mit einer deutschen creme de la creme selbst ernannter kritischer Journalisten besetzt: der Chef des notorischen antiamerikanischen Portals infokrieg.tv ist genauso dabei wie zwei Compact-Mitarbeiter – einer davon ist Elsaesser selbst – und ein Hoerbuch-Autor, der wohlgemerkt mit fiktionaler vertonter Literatur sein Geld verdient. Man kann also eine lebhafte und kontroverse Debatte erwarten.

 

 

 

(Alle in Anfuehrungszeichen markierten Textteile, mit Ausnahme des konkret-Zitats, stammen von Juergen Elsaesser selbst, aus Interviews, Blogeintraegen und Artikeln.)

Osama bin Laden ist tot, und er war auch nur ein Mensch. Deshalb ist auf jeder deutschen Nachrichtenseite mindestens ein nachdenklicher Beitrag zu finden, der sich in moralischen Erwägungen über die angemessene Reaktion auf den Tod des Massenmörders ergeht. Bei der FAZ macht das Frank Schirrmacher, und er zitiert zunächst zustimmend einen Vatikanvertreter: „Ein Christ sollte niemals den Tod eines Menschen begrüßen.“ So geht katholische Seelsorge, die noch den schlimmsten Peiniger in Schutz nimmt, ob im Alltag oder im Falle des bekanntesten Terroristen der Welt. Es ist offensichtlich, dass eine solche Niemals-Regel vielleicht im Leben eines Kirchenfunktionärs funktioniert, in der echten, gewalttätigen Welt aber wenig nützt. Weil sich nun nicht alle, die nach moralischen Grundsätzen suchen, unbedingt ausgerechnet an die katholische Kirche wenden, hat Schirrmacher ein anderes Beispiel parat:

Wem das zu christlich ist, der mag sich der Worte Gandalfs in „Herr der Ringe“ erinnern: „Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand.“

Und wenn Du keinen Apfel hast, dann iss auch keine Birne. Oder: Der Mensch kann nicht fliegen, dann soll er auch nicht schwimmen. Derlei pseudo-philosophischen Quatsch aus einem Abenteuerroman führt Schirrmacher ernsthaft an, um zu begründen, warum man sich über Osamas Tod nicht freuen soll. Dabei hält er, im Gegensatz zu anderen Kommentatoren, immerhin die Tötung des Terroristen für richtig. Er versagt sich und uns nur die Freude darüber, dass das Richtige geschehen ist. Das sind Spitzfindigkeiten, aber er ist nicht der einzige, der sich auf diesem Wege über die jubelnden Amerikaner erhebt.

Bei Spiegel Online fühlt sich Stefan Kuzmany schon persönlich belästigt: “Offensichtlich soll man den Tod Osama Bin Ladens feiern.” Er sagt zwar nicht, wer ihn da nötigen oder moralisch in die Pflicht nehmen wollte, aber auf jeden Fall fühlt er sich mächtig unter Druck und schreibt aus schwerer Bedrängnis das, was gerade alle schreiben. Mit der Weisheit einer debilen Schildkröte verkündet er:

Osama Bin Laden ist tot. Und, da gibt es kein Vertun, es ist eine gute Nachricht, dass er kein Unheil mehr anrichten kann. Die Frage ist nur, wie wir mit dieser Nachricht umgehen.

Das ist die entscheidende Frage für SpOn-Redakteure, egal bei welchem Ereignis: Wie geht der SpOn-Redakteur damit um? Schlecht, ist die Antwort, und was als moralische Meditation beginnt, geht bald in plumpen Antiamerikanismus über.

Hierzulande gilt Resozialisierung als Ziel von staatlicher Strafe – in den USA ist es die Vergeltung, bis hin zur Todesstrafe.

“Hierzulande” gegen “in den USA” in Stellung zu bringen, das ist Kuzmanys Motivation. Da darf der letztendlich antijüdische Quatsch vom “alttestamentarischen Gott” nicht fehlen. Dass es derzeit gleich zwei Artikel mit diesem Argument beim Spiegel gibt, ist ein bisschen entlarvend.

Genauso entlarvend ist es, wenn jemand, der über Leben und Tod räsonieren wollte, schließlich darüber nachdenkt, ob der Massenmörder nicht noch islamischer hätte bestattet werden können. Jeder hat so seine Prioritäten, hier ist es also das korrekte Begräbnis eines fanatischen Irren.

Ein anderes Lieblingsthema bringt Alt-Kanzler Helmut Schmidt ins Spiel. Die Aktion der Amerikaner sei “eindeutig ein Verstoß gegen das geltende Völkerrecht.” Das Völkerrecht verteidigt Schmidt stellvertretend für alle Deutschen, und er ist dafür wie prädestiniert. Schließlich war Wehrmacht-Helmut 1941 und 1942 an der Ostfront als Offizier tätig, also beim ganz großen Menschenschlachten vorne dabei. Schmidt bringt so auf den Punkt, wie verkommen der ständig in Richtung USA erhobene Zeigefinger vieler deutscher Kommentatoren ist, er repräsentiert die dieser Haltung zugrunde liegende Selbstgerechtigkeit perfekt.

Von links kommt der leicht senile Christian Ströbele herbei und sagt, was er immer sagt: Die USA haben das Völkerrecht missachtet, die Bundeswehr soll nach Hause kommen. Seine Logik: Der Einsatz der Amerikaner sei mit dem Völkerrecht und mit dem Grundgesetz (!!!) nicht vereinbar, habe aber dem völkerrechtlichen Grund für den Afghanistan-Einsatz genüge getan, weshalb dieser jetzt zu beenden sei. Nur, dass da bei Ströbele kein “aber” drin ist, und er die Komplexität und die Problematik des Völkerrechts anscheinend nicht versteht.

Dass Ströbele außerdem an das Grundgesetz denkt, wenn Amerikaner in Pakistan einen staatenlosen gebürtigen Saudi erschießen, weist den Genossen als echten Deutschen aus. Dass das sogenannte Völkerrecht nichts taugt, müsste eigentlich augenfällig werden, wenn Flugzeuge in Hochhäuser in New York fliegen und die Drahtzieher sich anschließend in Pakistan verstecken. Dem Ruf nach dem Völkerrecht wohnt aber die Sehnsucht inne, sich nicht mit moralischen und politischen Fragen beschäftigen zu müssen und stattdessen einfach im Gesetzbuch nachlesen zu können. Das funktioniert, wenn die moralischen und politischen Fragen vorher geklärt wurden und das Gesetz nur Ausdruck dieser Klärung ist. Das funktioniert nicht, wenn die Fragen völlig offen sind und verschiedene Akteure verschiedene Interessen bei ihrer Beantwortung haben.

Amerikaner sind eigensinnig, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, das weiß “hierzulande” jeder. Auch Jörg Schönenborn, der lustige Mann mit den Hochrechnungen, hat das erkannt und setzt zum “Cui bono?” an:

Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt? Zivilisierte Nationen haben einst das Völkerrecht geschaffen. Sie verständigten sich darauf, dass Verbrecher vor Gericht gestellt und nicht einfach getötet werden. Die Welt ist mit dem Tod Bin Ladens nicht sicherer geworden, meint Jörg Schönenborn. Aber Präsident Obama ist seiner Wiederwahl näher gekommen.

Zivilisierte Nationen versus USA, darum geht es hier, und dabei vor allem um die Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen. Auf der falschen steht Obama, der sich anrüchigerweise seinen Wählern dadurch empfiehlt, dass er ihre Wünsche erfüllt und den Mann erschießen lässt, der seit Jahren an der Ermordung möglichst vieler von ihnen gearbeitet hat.

Der Verweis auf die Zivilisation ist besonders perfide, weil er die Rollen in dem Krieg, in dem Osama gestorben ist, vertauscht: Zivilisation gegen Islamismus und Scharia. Stattdessen geht man auf Äquidistanz zu den USA auf der einen und den Mördern auf der anderen Seite. Das geht, weil die deutsche Leserschaft sich ohnehin nicht gemeint fühlt, wenn in Bali, Madrid oder New York Menschen ermordet werden oder Bin Laden aus einer Höhle oder einer Luxusvilla ankündigt, den Liberalismus zu bekämpfen und die Juden, die Amerikaner und alle anderen Ungläubigen umzubringen. Dass Osama bin Laden als “Erzfeind” bezeichnet und erschossen wird, stört nur diejenigen, die ihn nicht für ihren Feind halten, obwohl sie genauso unbeschwert Bier trinken, Sex haben und Musik hören wie all die anderen, die von den Djihadisten dafür gehasst werden. Islamistische Ideologie interessiert hier zu wenig, als dass die Leute schon ernsthaft etwas dagegen haben könnten. Nur so können sich Leute, die jeden CSU-Innenminister für den Leibhaftigen halten, sich in Geschwafel über das korrekt islamische Begräbnis eines fanatischen Antisemiten ergehen.

Die nationalsozialistische Linke vertauscht gleich ganz die Rollen und hält sich dabei wahrscheinlich für sehr pfiffig.

Erneut zum Spiegel: Wo sonst die Verfehlungen von Amerikanern und Israelis sowie das Privatleben von Nazi-Größen für Auflage sorgen, ist man bemüht, dem Leser auch den Menschen bin Laden ganz nahe zu bringen: “Olivenöl, getrockneten Thymian, ein paar Oliven, etwas Brot: Mehr brauchte Osama Bin Laden nicht zum Frühstück.” Man muss diesen Satz ein paar Mal lesen, bis die ganze Lächerlichkeit dieses Geschmieres voll zu Tage tritt.

“Olivenöl, getrockneten Thymian, ein paar Oliven, etwas Brot: Mehr brauchte Osama Bin Laden nicht zum Frühstück.”

Was für ein genügsamer Mann, und wie grausam muss man sein, um ihm etwas anzutun? Er hat die Zivilisation verlassen, um bescheiden auf dem Land zu leben; die Amerikaner haben die Zivilisation verlassen, weil sie schlimme Mörder sind. Im WDR wurde der Massenmörder, der sich offenbar mit mehreren Komplizen verschanzt hielt, allen Ernstes zum “54-jährigen Familienvater”.

Ich kann in meinem eigenen Sicherheitsinteresse nur inständig hoffen, dass dieses romantische Bild von islamistischen Terroristen nicht irgendwann von der Realität erschüttert wird. Derweil teile ich die Freude der Amerikaner.

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