Erbrochenes

…in Wort und Bild

Gesellschaft

„Neger und Maulesel sind die Tiere, die mir am meisten verhaßt sind. Wie verehre ich dagegen das weiße Fleisch und die wiehernden Pferde. Faul, heuchlerisch, hinterlistig, undankbar für die beste Behandlung, für das beste Futter und unzuverlässig trotz bedeutsamer physischer Kräfte – so sind Maulesel und Neger und die kouleurten Nachkommen der Schwarzen bis ins dritte Glied. … Wäre ich ein großer Tyrann – was ich leider nicht bin – so würde ich die Neger samt ihrer ganzen kouleurten Sippschaft zur Sklaverei zurückführen und auf jede fernere Vermischung mit Weißen die Todesstrafe setzen. Ich schäme mich, indem ich dieses niederschreibe.“

Georg Weerth an Heinrich Heine, 1853. Zitiert nach Thomas Ebermann/Rainer Trampert: Die Offenbarung der Propheten. Hamburg, 1995. S. 159.

Thomas Oppermann, SPD-Fraktionschef im Bundestag, hat heute den Erfolg des Islamischen Staates erklärt: „Was wir im Augenblick erleben, ist zu einem großen Teil zurückzuführen auf den zweiten Irak-Krieg.“ Die Formulierung umfasst sehr schön alles, was mit dem Thema zu tun hat: alles, was wir erleben. Inhaltlich passt diese Sichtweise der SPD und den Deutschen in den Kram, denn diesen Krieg haben sie bekanntlich immer abgelehnt.

Die FAZ zitiert Oppermann: „Damals sei das fragile Miteinander der Volksgruppen und Religionen im Irak zerstört worden.“ Dieses fragile Miteinander war bis dahin bekanntlich von Saddam Hussein und Giftgaslieferungen aus Deutschland und Europa zusammengehalten worden. Heute sieht es anders aus, die Bundesregierung möchte Waffen an die Kurden liefern. Nach Oppermanns Verständnis soll mit diesen Waffen der Schlamassel behoben werden, den die Amerikaner hinterlassen haben. Gekämpft wird aber natürlich nicht gegen Amerikaner. Tatsächlich werden die deutschen Waffen mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen nicht weniger interessanten Gegner treffen: deutsche Staatsbürger.

Markus Ströhlein in der Jungle World:

»Mittlerweile sind weit mehr als 400 Leute aus Deutschland nach Syrien gereist«, sagte Hans-Georg Maaßen, der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, in der vergangenen Woche dem WDR. Die Schätzungen der Gesamtzahl an Kämpfern des IS gehen weit auseinander. Nimmt man eine mittlere Zahl von 10.000 an, dann reicht es für Deutschland zwar nicht zum Exportweltmeister für Jihadisten. Doch 400 Kämpfer sind keinesfalls zu vernachlässigen, zumal insgesamt nur 2.000 bis 3.000 Milizionäre des IS aus Europa kommen.

[…]

Angesichts des Vormarschs des IS auf die irakische Stadt Mossul im Juni verwies Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schlicht auf die USA: »Natürlich haben die Amerikaner eine ganz besondere Verantwortung.« Und sie fügte hinzu: »Was Deutschland beitragen kann “ jenseits jedes militärischen Engagements „, das ist sicherlich, zu versuchen, den politischen Prozess mitzubegleiten.« Was so viel heißt wie: Sollen die Amis doch ausbaden, was sie sich im Irak eingebrockt haben “ aus Deutschland gibt es höchstens schlaue Ratschläge. Hierbei handelte es sich offensichtlich um die offiziell beschlossene Regierungspolitik in der Sache.

Diese Politik bekräftigt Oppermann jetzt mit seinem Verweis auf die Verantwortung der USA. Die europäische Dimension des Islamischen Staats wird dabei nicht nur von ihm weiter vernachlässigt. Spätestens seit der Ermordung des Journalisten James Foley durch einen Briten ist sie allerdings nicht mehr zu übersehen. Nimmt man einen Anteil von 3.000 Europäern unter 10.000 IS-Djihadisten an, wird auch deutlich, dass deren Erfolg ohne die Europäer schwerlich möglich gewesen wäre. Angeblich kämpfen mehr muslimische Briten für den IS als für die britische Armee.

Herr Oppermann und Konsorten müssen sich fragen lassen, wieso hunderte Deutsche in ein anderes Land ziehen und dort morden, vergewaltigen und plündern. Sie müssen sich deshalb auch fragen lassen, welche Verantwortung Deutschland für das hat, „was wir im Augenblick erleben“. Und als Politiker darf man sie auch gerne um Lösungsvorschläge bitten.

Dass man keine deutschen Soldaten in den Irak schicken will, scheint derweil verständlich: Es sind ja schon welche da, nur halt keine von der Bundeswehr.

Der Vorteil der Demokratie ist, dass man von Leuten mit Abitur beherrscht wird. Kein grobes Herumgebelle stört mehr das eigene kultivierte Leben; stattdessen schwirren intellektuelle Elaborate erster Güte direkt aus den guten Stuben der Mächtigen zu uns herab. Denn vor der Wahl kommt die Debatte und die Kandidaten müssen beweisen, dass sie sehr angestrengt über die Fragen nachdenken, die uns alle bewegen. Vordenken und nachdenken, das können unsere Top-Entscheider. Die Interessanteren unter ihnen sind die Progressiven. Sie müssen besonders hart und gleichzeitig phantasievoll nachdenken, damit sie uns alle paar Jahre etwas neues, frisches, intellektuell stimulierendes präsentieren können. Ein gutes Thema dafür ist das Internet. Das Internet ist die Zukunft höchstpersönlich, und darin sind sie alle versammelt: der Staat, das Kapital, der Mensch. Gibt’s im Internet, gibt’s in der Zukunft. Wer progressiv ist und vor einer Wahl steht, sollte da unbedingt mal etwas zu sagen. Am besten im Internet.

Auftritt: Katrin Göring-Eckardt.

KGE: „Abends, im Winter, wenn die Bäume vor dem Haus keine Blätter tragen, kann ich in das Zimmer der Nachbarn von gegenüber schauen. Ich kenne sie nicht.“

Szenischer Einstieg, wir befinden uns in KGEs Haus. Privatsphäre füllt den Raum. Die Natur hat den Blick freigegeben. Den Blick auf das Fremde.

KGE: „Sie haben keine Gardinen. Sie schützen ihr Wohnzimmerleben nicht vor Blicken, ich kann sehen, wie Sie sich abends über die Fernsehzeitschrift beugen.“

Bürgeridylle. Zusammenleben. Vertrauen. Im Winter, wenn die Bäume keine Blätter tragen. Doch was passiert, wenn die Sonne, der runde, wärmende Ball des Himmels, aufgeht?

Auftritt: Das Internet.

KGE: „Morgens um sieben erhalte ich einen Morgengruß von @Ralf_Stegner, meistens aus Bordesholm. (…) Ich grüße nicht zurück. (…) Ralf Stegner ist Politiker. Manchmal frage ich mich, ob all die Menschen, die seine Grüße morgens lesen, sich wohl ernsthafte Sorgen machen würden, wenn er sich einmal um 8 Uhr noch nicht gemeldet hätte.“

Stegner twittert. Die digitale Welt betritt Göring-Eckardts Wohnzimmer. Diese Frau lebt neben ihren Nachbarn genauso wie neben Ralf Stegner. Ralf Stegner ist Politiker. Katrin Göring-Eckardt ist im Internet. Ich bin im Internet. Du bist im Internet. Doch wer, wer ist eigentlich Katrin Göring-Eckardt? Als Mensch? Was macht sie, wenn sie sich nicht – wie „manchmal“ – fragt, ob sich Menschen Sorgen um Ralf Stegner machen würden, wenn, ja wenn?

KGE: „Ich lese in der Bahn auf dem Tablet, was in den Feuilletons steht. Ich erfahre, was Leuten wichtig erscheint, die ich wichtig finde.“

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen liest in den Feuilletons. Sie ist eine ganze Bürgerin, und sie findet Leute wichtig. Wichtige Leute, vermutlich. Ist sie neugierig?

KGE: „Ich weiß nicht, ob ich neugieriger bin als andere oder mitteilsamer.“

KGE geht es nicht um einen Vergleich. Was weiß sie?

KGE: „Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nicht Google bin und das Ergebnis meiner Neugier nicht die Vermarktung und Vermachtung von Daten ist.“

Ich weiß, dass ich nicht Google bin. Das weiß ich ganz sicher. Auch, dass die Vermarktung von Daten das Ergebnis von Googles Neugier ist. Doch wer nun über die korrekte Darstellung von Googles Geschäftsmodell streiten wollte, hat das entscheidende Wort im Satz übersehen: Vermachtung. Hier wird groß gedacht, so groß, dass es neue Begriffe braucht. Google vermachtet Daten, Katrin Göring-Eckardt nicht.

KGE: „Ich lege keine Dossiers an und speichere keine Daten. Ich will gern vieles wissen (können), aber ich will nicht gewusst werden. Ich will nicht preisgeben, was meines ist, aber wenn schon, will ich wissen, wer mich weiß.“

Mit der Vermachtung nicht genug, es muss noch eine sprachliche Innovation her, um die Größe der Gedanken, die hier unter das Volk gebracht werden sollen, überhaupt fassen zu können: jemanden wissen. Göring-Eckardt, wir haben verstanden. Oder: Katrin, ick weiß dir. Ist das schon Heidegger?
Unter den Tisch fällt bei diesen sprachlichen Virtuositäten fast, dass die netzaffine Spitzenpolitikerin glaubt, sie „speichere keine Daten.“ Ein verzeihlicher Fehler, bei all der neuen Technik. Neue Technik, neue Begriffe, neue Ideen. Was hier rhetorisch noch fehlt, ist eine Verankerung in der Tradition, ein bisschen gravitas.

KGE: „‚Meine Seele ist gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei‘, wie es in Psalm 124 heißt. Bin ich erst wieder frei, wenn das Netz zerreißt, wenn es einen Defekt hat, wenn die Verbindung gekappt wird? Ist nur ein zerstörtes Netz ein gutes Netz?“

Oder nur eine vernetzte Zerstörung eine zerstörte Güte? Und wie hat eigentlich der FC am Wochenende gespielt? Im – Achtung! – Netz ist in Übersetzungen die Seele schon im ersten Satz entronnen und nicht gefangen, aber das muss nicht unbedingt auf schlampiges Abtippen einer irrelevanten Bibelstelle hindeuten. Wo Gott ist, ist die Macht nicht fern. Wer? Die Macht? Die Macht:

KGE: „Unser alltägliches Verhalten bestätigt, dass die Macht von außen kommt: Anstatt bei der Buchhändlerin um die Ecke einzukaufen und mit ihr bei einem kleinen Plausch über die neueste Lyrik oder den besten Krimi zu fachsimpeln, lassen wir uns von anonymen Algorithmen durchs Netz lotsen und uns von Amazon beraten.“

Die Buchhändlerin kommt schließlich nicht von außen, sondern vom großen Wir, das jetzt aber bei Amazon einkauft. Heißt das, dass die Buchhändlerin ihre Bücher auch bei Amazon kauft? Egal. Die Macht ist da und mit ihr steigt der Foucault-Faktor und mit ihm wiederum der intellektuelle Wert dieses Textes. Jetzt bloß nicht nachlassen!

KGE: „Amazon hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,535 Milliarden Dollar in Deutschland erwirtschaftet.“

Schnarch.

KGE: „Untersuchungen zeigen, dass die Gruppen im Alter von 45 Jahren an die am stärksten wachsenden Nutzer-Segmente sind.“

Was die alles weiß! Der sollte man mal ein Amt geben!

KGE: „Das Netz ist kein Imperium ohne Außen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem Einzelne Gegenmacht von unten aufbauen können.“

Möglichkeitsraum, nicht schlecht.

KGE: „Es gibt nicht die eine große Verschwörung, denn die Macht muss nicht bei einer Gruppe liegen, sie muss weder oben noch unten konzentriert sein. Sie ist immer in Bewegung, wenn wir sie in Bewegung bringen. Diese Verflüssigung ist die große Möglichkeit an den neuen digitalen Verhältnissen.“

Verflüssigung der Macht! Famos! Wer sich vor den von KGE gedungenen Mitarbeitern der Jobcenter, einem prügelnden Polizisten oder anderen Vollstreckern der real existierenden Herrscher wiederfindet, liquidiert sie einfach mit seinem Twitter-Account! Wir stehen also eigentlich nur vor der Frage, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.

KGE: „Die Frage ist, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.“

Sag ich ja. Aber wer sind eigentlich wir? Wir FAZ-Leser? Wir Deutschen?

KGE: „Die Frage ist, ob wir als Bürgergesellschaft im Netz staatliche Kontrolle verlangen und zugleich staatlichen Schutz vor unsäglicher Schnüffelei durch Geheimdienste und Abgreiferei durch Mega-Unternehmen fordern.“

Die Bürgergesellschaft sind wir! Und wenn wir „die Macht nutzen“ heißt das, dass wir staatliche Kontrolle und staatlichen Schutz fordern. Als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag ist KGE da in der komfortablen Stellung, dass sie das gleich von sich selber fordern und dann gegebenenfalls gewähren kann. Aber ist das nicht alles ziemlich staatsfixiert?

KGE: „Das klassische sozialdemokratische Denken eines Martin Schulz verkennt diese „Liquid Power“, (…) Ja, wenn man so will, zeigt sich in seinem interessanten und informierten Text eine klassische Staatsfixierung (…)“

Genau, staatsfixiert sind immer die anderen. Schulz hat nicht erkannt, dass man sich im Internet doch recht freundlich an den Staat wenden kann. Denn:

KGE: „Er schaut auf die großen Machtblöcke und sieht nicht, was sich im Kleinen zwischen den Menschen tut. Die Macht hat keinen Ort, sie spielt sich in Zwischenräumen ab.“

Macht ist bei Katrin Göring-Eckardt nichts, was Menschen ausüben, schon gar nicht sie und ihre Bande. Macht „spielt sich ab“. Diese Formulierung ist kein Zufall, sondern zweckdienlich: Statt über Herrschaft zu sprechen, kann man bequem über Macht palavern und diese selbst denen zuschreiben, die nichts zu melden haben und von KGE und Konsorten in ausgeklügelte Ausbeutungsverhältnisse geprügelt werden. Das Konzept hat sie sich natürlich nicht selbst ausgedacht, es funktioniert nur sehr gut für sie, es ist ein Konzept für Bürger und Staat. Was „wir“ mit der Macht anfangen können, hat die Politikerin uns, ohne die Ironie zu bemerken, auch schon ausformuliert: „Regulierung“, „Staaten in die Pflicht“, „so etwas wie Mülltrennung“, „Politik, die klare Regelungen setzt“, „Regeln“.

Und wen könnte man damit besser beauftragen als Frau Göring-Eckardt?

Früher war alles besser. Jedenfalls bei den deutschen Progressiven, den Sozialdemokraten. Die triste Realität heißt Gabriel, Steinmeiner und Nahles – aber früher! Früher hatten sie Willy Brandt und Helmut Schmidt, der eine Emigrant, der andere Wehrmacht-Offizier. Besonders mit Willy Brandt verbinden sich hehre Ideale, und die hat man seit der Agenda 2010 nötiger denn je. Willy steht für den Fortschritt zu „mehr Demokratie“, er steht für die Zeit vor dem autoritären Helmut Schmidt, und er dient bei sich links verstehenden jungen Menschen als Symbol für die gute Sozialdemokratie. (Ostfront-Helmut bedient derweil die andere Klientel.)

Yasmina Banaszczuk, politisch engagierte Promoventin, ist mit großer Geste aus der SPD ausgetreten. Ihre Geschichte ist die des kraftvollen jungen Menschen, der an der Gleichgültigkeit der Mächtigen und der Beständigkeit der herrschenden Verhältnissen verzweifelt und aufgibt. Ihre Geschichte ist aber auch eine des persönlichen Scheiterns.

Ich führte unzählige Gespräche mit vielen Personen, auf verschiedensten Ebenen, ich schrieb an Anträgen mit, ich verteidigte die Partei, wenn irgendein Horst wieder irgendwas Bescheuertes sagte, ich rieb mich intern und extern auf. Ich wies auf Schwachstellen hin und lieferte immer konkrete Verbesserungsvorschläge mit. Ich lebte diese Partei.

[…]

Ich habe im vergangenen Jahr fünf Monate meines Lebens, und meiner Dissertation, für das Mitgliederbegehren in der SPD geopfert. Fünf Monate für die Diss, die ich mit hart Erspartem, Scheiße wegputzen auf Starbucksklos, teils zwei Jobs gleichzeitig und einer Episode ALG 1 und der ganzen verbundenen Demütigung auf der Agentur finanzierte.

[…]

Ich stand und stehe hinter vielen Inhalten der Partei. Aber anscheinend ist das nicht gut genug. Anscheinend ist das alles nichts wert.

[…]

Dieses System von Klüngelei, wo Wahlkampfjobs nicht nach Fähigkeit, sondern nach Buddyschaft vergeben werden.

Banaszczuk hat sich redlich bemüht, in der SPD etwas zu bewegen, aber sie hat es nicht geschafft. Während andere sich die Jobs zuschieben und von der Partei gut leben können, hat sie sich im von der SPD geschaffenen Niedriglohnsektor rumgetrieben, um ihr Partei-Engagement quer zu finanzieren. Das hat eine gewisse Komik, und es macht verständlich, warum sie gerade jetzt ausgetreten ist. Es ist offensichtlich, dass sie die Partei und ihre Strukturen nicht verstanden hat. Genau das hat Sigmar Gabriel nun einer Freundin von ihr vorgeworfen, und Banaszczuk fühlte sich mitgemeint:

Diese Internetaktivisten und Internetaktivisteninnen wären ja alle Berliner Intellektuelle, die keine Ahnung von Lebensrealitäten und „richtigen“ Wahlkreisen hätten, erklärte er Kathy Meßmer, mir und nebenbei auch dem versammelten Publikum. Und da ist irgendwas in mir zerbrochen.

Da ist etwas in ihr zerbrochen, weil er recht hat. Wer in den anderthalb Jahren vor einer Bundestagswahl sein Leben einer Partei opfert und dabei nichts für sich abgreift, nichts wird, der hat etwas falsch gemacht. Und wie! Ein „wissenschaftliches Papier“ hat sie verfasst, in dem sie Bourdieu zitiert und sich dann wundert, dass Andrea Nahles ihr darauf nicht antwortet. Reminder: Andrea Nahles. Bourdieu. Das klingt platt, aber es stimmt: Banaszczuk spricht die Sprache der Partei nicht und hielt es auch nicht für nötig, sie zu lernen.

Das liegt auch an der schieren Arroganz der selbsternannten Netzaktivisten. Gabriel hat völlig recht, wenn er darauf so reagiert wie hier:

„Das Internet ist mein Lebensraum, mein Aktionsfeld, meine politische Bühne“, und sie, Kathy Meßmer, würde Sigmar Gabriel gerne einmal „an der Hand nehmen“, um es ihm zu zeigen. Gabriel quittierte das, ganz ruhig übrigens, so: „Ich würd€™ Sie gerne mitnehmen in die Welt außerhalb des Internets.“ Daraufhin Kathy Meßmer: „Oh, ich glaube, die kenn€™ ich.“ Gabriel: „Ne, ich glaube, das kennen Sie nicht. Ich habe große Zweifel, ob Sie in der Welt, die Sie zu Ihrer erklärt haben, diese Welt, über die ich rede, kennen.“

Es handelt sich um dieselbe Veranstaltung, auf der Banaszczuk das Herz gebrochen wurde, dieses Mal von der FAZ beschrieben. Die zeigt sich verwundert über die Empfindlichkeit in der Netzwelt.

Dabei ist es ja wirklich bitter, wenn man alles besser weiß und dann merken muss, dass das aber niemanden interessiert. Wieso die Leute, die aus unerfindlichen Gründen so stolz auf ihre Internet-Nutzung sind, in der SPD nichts werden, könnten Banaszczuk und Konsorten in ihrem Bourdieu nachlesen. Aber vom eigenen Habitus will die gute Frau nicht reden, nur von dem der anderen Sozialdemokraten. Die FAZ hilft nach:

Als „Netzaktivistinnen“ gehören die beiden Frauen in der Tat einem speziellen Milieu an, in dem nämlich so getan wird, als ob Aktivitäten im Netz noch von einer ganz anderen Qualität, ja, Dignität wären, die nur ihnen zugänglich ist, mutiger, redlicher, authentischer und transparenter als jede andere.

Und vorher:

Muss man gleich aus einer Partei aus- und einen Entrüstungssturm lostreten, weil deren Vorsitzender zu einer Mitstreiterin gesagt hat, sie, die Mitstreiterin, habe nur Ahnung von der Welt, in der sie sich bewege? Milieuzuschreibung ist doch ein ganz normaler Vorgang.

Das Ding ist: Milieuzuschreibung macht nur Spaß, wenn man andere auf ihr Milieu reduzieren kann, nicht wenn es einem selbst passiert. Deshalb reden Sozialpädagogen und -demokraten so gerne über die Unterschicht; deshalb treten Leute in die SPD ein, um den verstaubten Politikern zu zeigen, wie Politik gehen müsste. Die Partei nimmt solche Leute gerne mit, und sie hat mit Willy Brandt die perfekte Figur geschaffen, um sie weiterhin anzuziehen. So zitiert Frau Banaszczuk noch in ihrem Austrittstext den Großen Vorsitzenden von Seite 1 des Parteibuchs: „Die Sozialdemokratie muss sich als Volkspartei ständig erneuern. Nur so kann sie sich als bewegende Kraft bewähren.“ Wer solche Allgemeinplätze als Aufforderung zum Handeln versteht, ist allerdings selber schuld.

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PS: Ich werde mich in den nächsten Tagen bemühen, diese Sätze in meine Alltagskommunikation einzuflechten:

Ich kann das alles in meinem Wertesystem nicht weiter tragen.

Der letzte Tropfen, der das Fass voll Frust und Resignation und Verzweiflung und “ ja, auch “ Verletzung zum Überlaufen brachte, war…

Ich wies auf Schwachstellen hin und lieferte immer konkrete Verbesserungsvorschläge mit.

All die kleinen und großen Steine, die mir und anderen auf verschiedensten Ebenen und Gliederungen in den Weg gelegt wurde, […] steckte ich weg.

Ich trat einst in die Partei ein, weil ich Ideale hatte

Steile These

Die Empörung über die Überwachungsmaßnahmen der NSA spiegelt die tiefe Sehnsucht derjenigen, die sie äußern, nach jemandem, der ihnen zuhört. Besonders ausgeprägt ist die Empörung in den sozialen Netzwerken und bei denen, die sich als „Netzgemeinde“ verstehen, ihre Internetnutzung also als identitätsbildende Maßnahme sehen. In diesen Medien wird massenhaft Text produziert, der niemanden interessiert – erst recht nicht diejenigen, die politische Entscheidungen fällen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Nachricht, die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika überwache die Telefone der Deutschen, elektrisierend besonders auf die Intensiv-Nutzer dieser Medien wirkt. Auf einmal ist da jemand, der zuhört, der sich interessiert, der seine Schlüsse aus dem Gesagten zieht und in der Lage ist, wirklich bedeutende Schritte in der wirklichen Welt zu unternehmen. Das ist für die immer machtlosen und oft gründlich vereinzelten Menschen von 2013 eine tolle Perspektive: Auf einmal befindet sich der deutsche Normalverbraucher mitten im Weltgeschehen.

Denselben Gedanken hat sich die Satire-Seite „Der Postillon“ zunutze gemacht und die NSA als neue Gottheit beschrieben: Allmächtig, zuhörend, unergründlich. Die ausschließlich medial vermittelte Geschichte vom NSA-Skandal füllt gleich mehrere Leerstellen, spirituelle ebenso wie soziale. Persönliche Bedeutung bekommen die Empörten dabei auch, indem sie ihre Überlegenheit dokumentieren. Sie sind Angela Merkel moralisch überlegen, weil die stets abgewiegelt hat. Sie sind den Amerikanern politisch überlegen, weil die das friedliche und vertrauensvolle Zusammenleben der Völker – ein altes Anliegen der Deutschen – sabotieren. Und sie sind denen in der Disziplin „Demokratie“ überlegen, die andere Sorgen haben als die Aktivitäten ausländischer Geheimdienste. Gäbe es die NSA nicht, die Deutschen würden sie erfinden.

INTERNATIONALER MILITÄRSCHLAG gegen Syrien! Nur 23 Prozent der Deutschen sind dafür! Und Manni Güllner von Forsa ist der einzige, der sie fragt. Von den 23 Prozent wiederum finden auch nur zwei Drittel, dass ihr VATERLAND sich am ersehnten SCHLAG gegen das REGIME des IRREN DIKTATORS beteiligen sollte. Ob das andere Drittel der Befragten aus Mitgliedern und Angehörigen der Bundeswehr besteht, ist nicht überliefert. Anyway: Von den weltweiten Befürwortern eines MILITÄRSCHLAGS sind offenbar knappe 0 Prozent dazu bereit, selbst mit der Waffe in der Hand nach Damaskus zu ziehen, um dort freie Wahlen zu ermöglichen. Aber da gibt’s ja Leute für. Die kann man schicken. Und wie viel Spaß das macht! AUSSENPOLITIK! Da kann man sich einklinken in die ganz großen Dinger: Einhunderttausend Tote! IRAN! Wer da eine Meinung hat, dreht am großen Rad. Es geht um: die Zukunft der Welt. FLÄCHENBRAND nicht ausgeschlossen. Außenpolitische DEBATTEN sind, mal sagen, der Eskapismus des studierten Kleinbürgers. Schickt man die TOMAHAWKS oder REICHT DAS NICHT? Und kommt das nicht alles VIEL ZU SPÄT? Was meinen denn SIE dazu? Sagen Sie schon, heute ZÄHLT IHRE STIMME DOPPELT!

Bei all den moralischen und sozialen Aspekten geht es im Leben natürlich auch um Rekorde. Wenn ich irgendwann sterbe, und das werden wir schliesslich alle, will ich was geleistet haben. Ich will was geschafft haben. Deswegen bin ich auch so hyperaktiv. Ständig habe ich diesen inneren Drang, etwas Neues zu erschaffen und noch mehr zu arbeiten – schnell, schnell, schnell. Ich will der Nachwelt etwas hinterlassen, dass sie an mich erinnert. Meine Vorbilder in dieser Hinsicht sind Menschen wie Galileo, Platon, Einstein, Mandela, Achilles oder Columbus. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich möchte nicht die Welt erobern oder so, aber diese Personen haben schlichtweg eine Vision gehabt und ließen sich von niemandem davon abbringen. Das waren ganz normale Typen wie wir. Ich meine, jeder von uns könnte der nächste Bill Gates sein, der irgendwo in der Garage seiner Eltern etwas erfindet, das in zehn Jahren die Welt verändern wird. Einstein chillte damals auch mit seienn Streber-Kumpels und grübelte über irgendwelche Theorien nach. Wir sitzen halt im Cafe, rauchen Wasserpfeife und überlegen, wie wir noch mehr Platten verkaufen können. Wo liegt der Unterschied? Es gibt keinen.

 

– Ferchichi, Anis Mohammed / Amend, Lars: „Bushido“, München 2008. S. 397f.

Wenn ich mal in die Klapse komme, möchte ich mir das Zimmer mit Jakob Augstein teilen. Derzeit sieht es so aus, als würde er vor mir da landen, aber vielleicht bin ich ja auch bald so weit. Wenn Jakob und ich dann um 22 Uhr das Licht ausmachen, hör ich ihn leise zischeln*: „Totstellen wird auf Dauer nicht genügen! Sie behandeln uns wie einen Feind. WIR SIND EIN ZIEL!!!!!!“ Und dann dreht er sich um und klopft leise gegen die Wand, während er sagt: „Wer noch nicht überzeugt ist…der möge erklären! Erklären!“

Als auch auf dem Flur das Licht ausgeht, seufzt er und ich verstehe vom Folgenden nur: „…IM DUNKEL DER FDP…“. Wenn ich ihn auffordere, etwas ruhiger zu sein, schimpft er mich einen „Verbündeten dritter Güte.“ Und als ich sage, dass es mir nur um ein paar Stunden Schlaf geht, sonst nichts, da rastet er aus: „Es ist viel schlimmer! Es geht um Kontrolle! Sie kennen unsere Vergangenheit! SIE KRIECHEN IN UNSEREN KOPF! Sie streben die totale Kontrolle an – über jeden einzelnen von uns.“ So geht das die ganze Nacht, ein Hauptsatz nach dem anderen.

Tagsüber ist es nicht besser, da raunt er auf dem Flur den Mitpatienten kryptisches Zeug zu: „Es geht um die Informationen, die nicht in unser Weltbild passen!“ Und, ehrlich verängstigt: „Warum schweigt die Kanzlerin?“ Später, nach mehreren Stunden nachdenklicher Ruhe, weiß er schon weiter: „Düstere Antwort! Düstere Antwort! Protest ist sinnlos, sinnlos, ja: gefährlich!“ Aber in aller Düsternis kann mein Freund Jakob seine Zuversicht bewahren. Ab und zu, an sonnigen Tagen, lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und bemerkt mit wissender Miene: „Die Mauer konnte zum Einsturz gebracht werden.“ Ich sage dann: „Das stimmt, Jakob. Ja, das stimmt.“

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*Als Quelle für Titel und Text diente die aktuelle Kolumne von Jakob Augstein bei Spiegel Online.

Suchen SIE gerade einen Job? Dann schauen Sie sich doch mal bei REWE um! Dort kann man beruflich machen, was man ohnehin am liebsten macht: Den ganzen Tag an der Theke stehen. An der Frische-Theke!
Klingt langweilig? Ist es auch, deshalb muss Rewe dafür jetzt Werbung machen. So wird die Fleischereifachverkäuferin zur „Ernährungsverbesserin“. Moment mal, „Ernährungsverbesserin“? Ja. Und wem das nicht aufregend genug ist, der kann sich bei Rewe sicher noch für viele andere interessante Stellen bewerben: Als Metzgin, Verkäufin, Türstehin, Kassierin und vielleicht sogar als Werbetextin.


Ach so, ICH bin hier der Idiot.
Das hatte sich ja schon lange angedeutet.

Internet contrarianism

Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen und wird dafür wahrscheinlich bestraft werden. So weit, so einfach. In Politik und Medien ist man sich einig, dass das alles sehr bedauerlich ist. Was soll man sonst auch sagen? Die Sache ist eindeutig, und nur Hoeneß‘ Prominenz macht sie zur Meldung. Sie ist allerdings so eindeutig, dass es sich schon wieder lohnt, nach einem Gegenstandpunkt zu suchen. Das garantiert im Internet Aufmerksamkeit und kann ruhig auch um den Preis inhaltlicher Unzulänglichkeiten geschehen. So wird Hoeneß vom gewöhnlichen Steuerhinterzieher zum Objekt einer nationalen Verfolgungsjagd.

Einen Versuch in diese Richtung hat Gideon Böss von der Welt gestartet: „Osama bin Laden kann froh sein, dass er nur das World Trade Center in die Luft sprengte und nicht als deutscher Staatsbürger Gelder in der Schweiz versteckte. Was Steuerflucht angeht, kennt Deutschland nämlich keine Gnade.“

Nanu, wurde Hoeneß bereits erschossen? Wie sieht das aus, wenn „Deutschland“ 2013 „keine Gnade“ kennt? So: „Irgendein SPDler aus Bayern (…) nannte Steuerhinterziehung ‚die schlimmste Form asozialen Verhaltens‘. Das ist eine Ansage, schlimmer geht es nicht.“ Nein, wirklich nicht. Der arme Hoeneß!

Böss selbst stellt die großen Fragen: „Was in der deutschen Steuerdebatte völlig fehlt, ist das Interesse am „Warum“. (…) Könnte es vielleicht Gründe geben, weswegen jemand das Risiko eingeht, sein Geld im Ausland zu verstecken, anstatt es ganz normal dem Finanzamt zu melden?“ Ja, warum hinterzieht jemand Steuern? Warum ist mehr Geld in der eigenen Tasche besser als weniger? An der Frage, die jedes Kind, das das erste Mal Taschengeld erhalten hat, beantworten kann, scheitert der Weltkolumnist: „Keine Ahnung, was die genauen Gründe für Leute wie Uli Hoeneß sind, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu schaffen (…)“

Eine Ahnung hat er da aber schon geäußert: „Ist womöglich das Steuersystem nicht so gerecht, wie es sein sollte?“ Hat der Uli also sein Geld in der Schweiz versteckt, um ein Gerechtigkeitsdefizit auszugleichen? Und heißt das dann, dass er oder Böss oder sonst irgendwer eine plausible Idee davon hat, was eine gerechte Verteilung von Wohlstand ist? Was hier kurz davor ist, ausgesprochen zu werden, ist die Tatsache, dass Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft überhaupt kein Kriterium für die Verteilung von Gütern ist. Sie ist einfach nicht vorgesehen und erscheint in den Debatten bestenfalls als ihre eigene Karikatur, als die soziale Gerechtigkeit – als ob es auch eine andere geben könnte. Statt einer gerechten Verteilung wird von denen, denen es nützt, oft eine Art naturwüchsiger Verteilung behauptet, die allerdings durch Umverteilung gefährdet sein soll. Die wiederum ist dann, weil ja die alte Verteilung die richtige war, Diebstahl: „Für die Linke ist Sozialneid ohnehin das Fundament für alles weitere und die Grünen schielen ebenfalls auf das Geld der Reichen, weil sie ja auch gerne umverteilen. Ist dann natürlich ärgerlich, wenn das Geld weg ist, ehe man es den Leuten stehlen kann.“

Dabei ist natürlich diejenige Verteilung eine rein fiktive, die ohne staatliche Eingriffe zustande käme, weil das ganze System ohne den Staat gar nicht denkbar ist. Und schließlich wäre auch jede andere Verteilung eine gesellschaftlich vermittelte, gemachte. Sonst würden Weltjournalisten von Buchstaben leben müssen, während die VW-Arbeiter ab und zu ein neues Auto mit nach Hause nehmen könnten.

Gegen wen die sind, die für reiche Steuerhinterzieher in die Bresche springen, erfahren wir bei Böss auch, wenn er über den namenlosen SPD-Mann spottet: „Da kann man als Fußball-Hooligan Innenstädte zertrümmern, als Mutter das eigene Kind verwahrlosen lassen oder als Stalker anderen das Leben zur Hölle machen, alles kein Vergleich.“ Und am Schlimmsten: „der Schwarzarbeiter, der für erheblich höhere Steuerausfälle verantwortlich ist“. Wer kennt ihn nicht, den Anstreicher, der auf seinen Millionen sitzt und über Ulis Spielgeld lacht? So gewinnt Böss im deutschen Volkssport gegen die Bayern-SPD: Er weiß noch besser als jene, wo die unschädlich zu machenden Asozialen sitzen.

Der Geist ist schwach

Wo Böss „Deutschland“ am Werke sieht, ist es bei seinem Kollegen Richard Herzinger etwas spezifischer der „deutsche Volksgeist“, der Hoeneß ans Leder will. Da sind angeblich „die Gemüter der Republik bis zu Weißglut erregt“, Herzinger beschwört gar eine „ungeheure moralingesättigte Empörungswelle, die wegen Hoeneß über das Land hinwegbraust“. Wo er all das entdeckt haben will, bleibt sein Geheimnis. Der Mann schreibt zwar im Internet, verzichtet in diesem Artikel aber auf Links, und Zitate gibt es auch keine. Dafür steht das Wort „Staatsverbrechen“ in Anführungszeichen, eine Google-Suche führt aber auch hier nur zu Herzinger zurück. Der hat sich offensichtlich einen schönen Strohmann gebaut, und die Hysterie, die er bei anderen behauptet, findet sich vor allem bei ihm selbst.

Die „kollektive deutsche Volksseele“ wird im Weiteren beschworen, sie soll sich gegen den armen Wurstmann gewendet haben. Derweil glauben 37% der Deutschen, Hoeneß werde vorverurteilt. In der Zeit wurde die vermeintliche Hysterie bereits thematisiert. Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Für Herzinger, Springers Hauptstadtschreiber, sind aber nicht einmal die Medien die eigentlichen Träger der Debatte, er sieht hier die „tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung“ durchscheinen. Wenn nun schon 37% eine Vorverurteilung beklagen, stellt sich die Frage, was wohl die „Volksmeinung“ konstituiert. Ob Herzinger jemanden kennt, der ernsthaft die von ihm beschriebene „teils schäumende, teils kumpelhaft schmollende Vorwurfshaltung“ an den Tag legt? Ob ich auf der Straße jemanden finden würde, der tatsächlich zu echten Emotionen bei diesem Thema in der Lage ist? Wo mag sie sein, „die ganze Republik“, die „wegen Hoeneß´ illegalen Extratouren so voll und ganz aus allen moralischen Wolken fällt“?

In Wirklichkeit ist alles halb so wild und hat mit Hoeneß nichts zu tun. Das erwähnte Ressentiment gegen die Spekulanten ist ein im Stillen gehegtes – selbst bei den „Blockupy“-Protesten gegen die Frankfurter Banken achten die verdrucksten Linken erstens peinlich genau auf ihre Wortwahl, zweitens haben derlei randständige Proteste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Volksgeist nichts zu tun. Dass der existiert, ist keine Frage. Herzinger irrt sich allerdings, wenn er meint, er würde sich gegen den schwerreichen Präsidenten des FC Bayern wenden. Wenn der deutsche Volksgeist sich tatsächlich regt, geht es gegen Leute, die sich nicht wehren können: Asylanten, Obdachlose, Asoziale. Deshalb muss sich keiner Sorgen um die Banker machen, um die Roma aber schon. Deshalb wurden hier Türken und Griechen erschossen, aber bis heute keine Regierung gestürzt. Und vor Fabrikbesitzern werfen sich die Deutschen sowieso jederzeit ehrfürchtig auf den Boden.

Extra time

Inzwischen hat Jörn Schulz in der Jungle World einen Kommentar geschrieben, der Böss erwähnt, (und nun auch online ist). Und Herzinger hat noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass Hoeneß immer noch nicht vom Mob erschlagen wurde, erfordert anscheinend eine Erklärung, und Herzinger findet sie: „Indem sich Steuersünder Uli Hoeneß in einem Interview Erleichterung von seiner Seelenpein verschafft, ist der Weg zurück ins empfindsame Herz der Deutschen frei.“ Um die Sätze, die er meint, so wachsweich und inhaltsleer in einem gut getimeten Interview zu formulieren, brauchen andere eine PR-Agentur, Hoeneß nicht. Es braucht aber schon einen echten Germanisten, um bei Hoeneß – „obwohl selbst Katholik“ – eine „Reue im Sinne Martin Luthers“ auszumachen. Natürlich kennen auch die Katholiken Reue, Gewissensprüfung und Beichte. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten kann sich nicht aufhalten, wer solche Zwischenüberschriften dichtet: „Der Kapitalist muss vor dem Volk zu Kreuze kriechen“. Das ist so weit weg von der gesellschaftlichen Realität, dass man sich schon anderswo nach Herzingers Motiven umsehen muss. Seit es keine Kommunisten mehr gibt, seit es also keine „Freie Welt“ mehr gibt, weil ihr ihr Gegenstück abhanden gekommen ist, muss der Kapitalismus vielleicht von anderer Seite bedroht werden. Aber das ist Spekulation. Ein paar Grundsätze, die auch Herzinger beim politischen Schreiben beachten sollte, kann man hier nachlesen.

Interessant ist, abseits von der Causa Hoeneß, wie Herzinger in einem anderen Blogeintrag seine Idealvorstellung von Gesellschaft formuliert:

Der Werbeslogan einer Bank lautet: „Unterm Strich zähle ich€. Das könnte als Motto einer Bürgergesellschaft gelten, in der sich autonome Individuen in ihre persönliche Lebensgestaltung von möglichst niemandem mehr hineinreden lassen wollen. Dass der Einzelne seinen Lebensweg individuell ausgestaltet und die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Räume schaffen, um diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen, gilt dieser Bürgergesellschaft als Ideal.

Das hat bezeichnenderweise viel mehr mit einer kommunistischen Utopie zu tun als mit jeder jemals existenten Marktwirtschaft.

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Besser als mit seinem gedankenlosen Blogeintrag kommt Gideon Böss übrigens hier weg, und lesenswert ist das auch noch.

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