In Bremen gibt es eine lebhafte Naziszene, die personell eng mit den Bremer Hooligans verbunden ist. Mit der Entwicklung mitten in die Gesellschaft, die der Fußball genommen hat, sind die Hooligans allerdings auch in Bremen weitgehend von der Bildfläche verschwunden. Man muss die Gesichter schon kennen, um einige von ihnen vor dem Stadion zu erkennen, im Stadion selbst treten sie gar nicht mehr in Erscheinung. Stattdessen prügelt man sich heutzutage meist bei abgemachten Sportlertreffen in Feld, Wald und Wiese, jedenfalls abseits vom Stadion.
So treten die Hools nur noch selten in die Öffentlichkeit, und wenn sie das tun, dann meist in ihrer Eigenschaft als Nazis. Das zunehmende Engagement der Ultragruppen in Bremen vor allem gegen Rassismus und Nazis ist ihnen natürlich unangenehm, und so wurde die Stimmung zunehmend feindseliger, vor zwei Jahren gipfelte das in einem Überfall auf die Party von Racaille Verte, eine der beiden Ultragruppen in Bremen. Danach wurde es wieder weitgehend ruhig.
Soweit die Vorgeschichte. Jetzt haben sich bekennende Bremer Nazis auf ihrer Website kurz zu Wort gemeldet. Dass es sich dabei zumindest um Leute handelt, die mit den Hooligans eng verbunden sind, dürfte klar sein. Inwiefern hinter fn-bremen.org dieselben Leute stehen, die auch als Hooligans aktiv sind, weiß ich nicht. Entstanden ist nun ein denkwürdiges Dokument rechtsradikalen Wahns.
Mit linksextremen Choreographien, Flugblättern und Aufklebern missbrauchen sie [die Ultras] den Sport als Plattform für ihre menschenverachtende und verbrecherische Lügen-Propaganda, zur Denunzierung und Brandmarkung von Andersdenkenden.
Natürlich haben Nazis nie etwas dagegen gehabt, beim Fußball neue Anhänger für ihre Polit-Aktivitäten zu gewinnen. Auch ist Nationalismus beim Fußball ganz “normal”, im Gegensatz zu den Aktivitäten gegen (deutschen) Nationalismus, die dann wieder böse politisch sind, beziehungsweise einfach “Lügen”. Mit dieser Einstellung stehen sie allerdings mitten in der Gesellschaft, denn vom normalen Stadionbesucher bis zum deutschen Allesfahrer ist man sich einig: Diese Linken nerven und lenken vom Sport ab.
Die selbsternannten „autonomen“ Fußballfans, sind ein fester Bestandteil des Systems und von diesem finanziell und existenziell abhängig. Und anders herum gilt dasselbe. Woche für Woche schmeißen sie den Bonzen von Werder und Co Unsummen in den Rachen, machen jede Lächerlichkeit mit, unterstützen Werder-Projekte und sorgen so für die rein profit-orientierte Kommerzialisierung des Sports.
Offenbar sind die “Freien Nationalisten” nicht finanziell und existenziell “vom System” abhängig, sie säen Obst und schlachten noch selbst. Sie arbeiten nicht bei Betrieben, die Geld von Banken leihen, und sie fahren nicht auf den Straßen, die die BRD gebaut hat. Oder wie?
Begeistert wird der ein oder andere selbsterklärte Linksradikale aber aufnehmen, dass “das System” von ihm abhängig ist. Da werden alle Allmachtsphantasien wahr, die in der Realität so oft enttäuscht werden. Ein paar Jugendliche bewegen “Unsummen” und leben nicht etwa nur in diesen Zuständen, sondern sorgen erst für sie. Man fühlt sich ein wenig an die Mär erinnert, nach der Hitler eine Marionette des Kapitals gewesen sei, nur andersrum und ohne Machtergreifung.
Wir sprechen uns ganz deutlich und konsequent gegen diese perversen Zustände aus; wir wollen unseren Sport erhalten – in ehrlicher und reiner Form.
Verraten tut sich der Unsinn hier am deutlichsten im schönen Wort “erhalten”. Als ob es einst einen “reinen” Fußball gegeben hätte, der irgendwie ausserhalb des Kapitalismus existiert hätte. “Ehrlich” kann hier getrost als “deutsch” übersetzt werden.
Aus diesem Grunde werden wir – in Zusammenarbeit mit befreundeten Fußballgruppen - in den nächsten Wochen und Monaten verschiedene Aktionen gegen die fortschreitende Politisierung und Kommerzialisierung des Fußballs im und vor dem Weserstadion veranstalten. Denn: Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik!
Weil Politik Politik ist und Fußball Fußball, gehen wir jetzt mal zum Stadion und machen da politische Aktionen. Okay. Nun wird es aber auch abseits von der Kritik dieses Schwachsinns interessant.
Was haben die vor? Für Nazis ist es unmöglich, im direkten Fußballumfeld politisch aktiv zu werden. Flyer oder Plakate würden direkt von der bürgerlichen Antinazifront, allen voran aus Werder und der Polizei, verboten, die Aktivisten eingesammelt. Und selbst wenn das nicht so wäre, könnten die Nazis beim durchschnittlichen Stadionbesucher nicht landen. Das liegt nicht an ihren Inhalten, die sind wie gesagt teilweise zustimmungsfähig, sondern an dem Label “Nazi”, das sie sich selbst gegeben haben. Denn: Anständige Deutsche sind keine Nazis.
So bleiben nur wenige andere Möglichkeiten für die angekündigten “Aktionen”. Die wahrscheinlichste ist Gewalt gegen die Adressaten ihrer Anklagen, gegen Ultras. Das wäre nichts Neues, aber das liegt daran, dass Hooligans eben nicht viel anderes können. Wahrscheinlich haben wir es hier also mit einer Drohung zu tun, die sich als leere herausstellen kann oder eben nicht.
Selbstverständlich ist nicht nur der Fußball von diesen Zuständen betroffen; in jeder anderen Sportart, von der Kreisliga bis zu den internationalen Top-Ligen, wurden die olympischen, ehrvollen Attribute durch den undurchschaubaren und habgierigen Kommerz ersetzt.
Deshalb habe ich auch nur in der Kreisklasse gespielt. Da ist es noch so richtig olympisch und “ehrvoll”, auch wenn das gar kein Wort ist.
Wir wollen, dass unsere Jungs von Werder wieder ehrlichen Fußball spielen, wir wollen, dass der deutsche Nachwuchs – junge engagierte Talente aus Bremen – gefördert wird und endlich der Sport wieder im Vordergrund steht.
“Kinder statt Inder” nennt man das bei der CDU, oder eben Schmidt statt Özil. Die wiederholte Erwähnung von “Ehrlichkeit” bleibt irgendwie hängen. Es bedeutet hier, dass etwas mit Geld nichts zu tun haben darf und, dass man nichts für sich selbst tun darf. Sondern nur für “die Sache”, die natürlich im Endeffekt immer die deutsche ist.
Gegen die Politisierung und Kommerzialisierung des Fußballs –
Fördert den deutschen Sport!!!
So endet der Aufruf und wirft die Frage auf, was denn “der deutsche Sport” ist. Vorgeschlagen wurden bisher: Kegeln, Kartoffelweitwurf und: Panzerfahren nach Osten und zu Fuß wiederkommen.
Schnell ist man derzeit überall in der Szene mit Scherzen über diesen Nazitext bei der Hand. Dabei könnten sich so einige Sätze auch in Flyern aus der Ultraszene finden, andere wiederum bei deren Kritikern. Und das obwohl sie sich doch alle von Nazis immer so überzeugend distanzieren. Wenn die Veröffentlichung nun dazu taugt, dass einige mal über ihre eigene antikapitalistische Einstellung und deren Parallelen zur Nazi-Denke reflektieren, dann war es doch für etwas gut.
Im Hintergrund bleibt die Gefahr einer gut organisierten Bremer Naziszene, die niemand ausser den betroffenen Opfern tatsächlich wahrnimmt. Wenn die nun ihre Drohung wahr macht, so wird sie das natürlich nicht wie angekündigt am oder im Weserstadion tun, sondern unbemerkt im Umfeld.

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