Eigentlich verkaufen die swb den Bremern Strom. Weil der aber ziemlich teuer ist, geben sie nebenbei auch reichlich Geld für Werbung und für ein Kundenzentrum aus, in dem sich dann schöne Veranstaltungen machen lassen. Dazu gehört auch das sogenannte “Hörkino”, bei dem man zum Radiohören endlich wieder aus dem Haus gehen muss. Und während im Dezember schon das Thema “Speed-Dating” Gegenstand einer ausführlichen Reportage wird, geht es im November noch bedeutsamer zu. Da geht es um “zwei Welten, zwei Wirklichkeiten”, um “ein Wintermärchen” und die Fragen “Was ist Lüge?” und “Was ist Wahrheit?”.
Aber halt, kann denn so ein transzendentales Thema wirklich die stromverbrauchenden Massen ins Kundenzentrum ziehen, ist das nicht etwas zu philosophisch?
Nein! Denn auf die ganz großen Fragen kommen deutsche Redakteure schließlich erst bei einem Thema, das als Publikumsschlager bekannt ist. Man ahnt es bereits, es geht hier um Israel und Palästina, und darum, wie man mit ganz großen Worten erst einmal gar nichts sagt. Da wird gemutmaßt, ob “beide Völker in einer Glasglocke” leben, nicht wie echte Europäer in der echten Welt und ohne Dach. Da wird rhetorisch gefragt, ob “der Frieden überhaupt erwünscht” ist, und wir kennen die Antwort, weil wir die für das Rührstück Verantwortliche kennen. Die macht sich, wie bei diesen Anlässen üblich, mit ihrer Identität wichtig: Ruth Fruchtman möchte als “jüdische Europäerin” verstanden werden.
Zwischen zwei Welten, zwei Wirklichkeiten, kaum zwanzig Kilometer voneinander entfernt, wird die Autorin als jüdische Europäerin zerrieben. Auch deshalb ein Wintermärchen.
Wenn letztere Phrase ein ganzer Satz wäre, könnte man vielleicht erahnen, was das Wintermärchen ausmacht und ob Heine sich angesichts des äußerst schlechten Ausdrucks von Frau Fruchtman wohl im Grabe umdreht. So bleibt nur zu sehen, dass der identitäre Quatsch dem Israelkritiker so wichtig ist wie seine jüdischen Freunde – man ist entweder “gerade als Deutscher” oder “besonders als Muslim”, “ich als Frau” oder eben als jüdische Europäerin, Linkshänderin, Raucherin oder als Migrant ganz besonders befähigt und betroffen.
Was Ruthie nun erlebt hat, verrät die Ankündigung nicht einmal ansatzweise. Man kann sich aber ungefähr ausrechnen, welchen Spin sie der ganzen Story gegeben hat, wenn man weiß, dass sie die “Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost” mitgegründet hat, und nachdem man ihren offenen Brief an Lala Süskind gelesen hat. Die Frau, die sich als “freie Journalistin” und als “Autorin” ausgibt, obwohl sie zumindest im Internet kaum publizistische Spuren hinterlassen hat, kann keinen Satz geradeaus schreiben. Das hindert sie aber nicht daran, als selbsternannte Stimme der Moral die altbekannten Anwürfe gegen Israel und – damals aktuell – gegen die Jüdische Gemeinde Berlin zu artikulieren.
Schon an wenigen Beispielen aus ihrem Text lässt sich ermessen, was Fruchtman umtreibt. Dankbarer Gegner ist dabei einmal mehr der zweifellos widerliche Avigdor Lieberman:
Keine Erwähnung der Sprache des israelischen Außenministers, Avigdor Lieberman; seiner in der Öffentlichkeit geäußerten Drohung, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Knesset Abgeordnete, hinrichten zu lassen.
Nur dumm, dass der damals nicht Außenminister, sondern einfacher Abgeordneter war, und dass er seiner Hoffnung Ausdruck verliehen hat, es möge so kommen, nicht aber damit gedroht hat. Wie sollte er auch drohen, wenn jeder weiß, dass er nicht in der Position dazu ist. Übrigens ging es um Abgeordnete, die Kontakt zur Hamas haben. Wenn Fruchtman also hier einen drohenden Außenminister beschreibt, wo tatsächlich ein hetzender Abgeordneter stand, ist das mindestens ein gefälschtes Zitat.
Mehrfach scheitert Fruchtman an der Zeichensetzung:
Demnach bestreitet sie [Iris Hefets] nicht die Existenz des Staates – nach Ihrem Informationsblatt: Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ freundlicherweise zur Klärung auf den Sitzplätzen ausgelegt – einer der Punkte, der einen zum Antisemiten macht.
Dabei ist es fast lustig zu lesen, dass Fruchtman offenbar tatsächlich das Bestreiten von Israels Existenz und nicht etwa dessen Existenzrechts für problematisch und diskutabel hält. Mit solchen Leuten kann man auch über die Existenz des Mondes streiten; zumindest aber der Mondlandung.
Vielleicht ist es müßig, sich mit dem sprachlichen Unvermögen der Israelkritikerinnen auseinanderzusetzen, aber bitte, man darf das nicht ignorieren.
Es ist schade, daß Henryk Broder und Prof. Micha Brumlik, der sich auch den Ausdruck „Jüdischer Antisemit“ zu eigen macht, offenbar die jüdische Diskussionskultur in Deutschland – sehr zu deren Ungunsten – beherrschen.
Zu wessen Ungunsten? Der Juden offenbar, aber wieso schreibt sie das bloß nicht? Sie selbst lehnt den Begriff vom jüdischen Antisemitismus “kategorisch ab” und immunisiert sich so selbst. Denn sie möchte gerne alles mögliche behaupten können, ohne dafür kritisiert zu werden, in ihren Worten: “diffamiert zu werden.”
Dann schlägt sie in dieselbe Kerbe wie Iris Hefets. Mit der Erinnerung an den Holocaust muss Schluss sein. Israels Kritiker müssen den Massenmord an den Juden erst entsorgen, damit sie anschließend die Verteidigung des Staates als unnötig herausstellen können. Dabei will Fruchtman die Erinnerung noch zulassen, nur Konsequenzen sollen bitte keine gezogen werden:
Nur ist die Heilige Kuh, der Holocaustkult, etwas angekratzt. Als Jüdin befürworte ich selbstverständlich das Erinnern an den Holocaust, jedoch weder dessen Sakralisierung noch dessen Instrumentalisierung; beide sind Mißbrauch. Auch der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman warnt vor einer Sakralisierung des Holocaust.
Im letzten Satz wird es geradewegs grotesk: Die jüdische Fruchtman sucht sich einen Kronzeugen, den sie wiederum explizit als jüdisch ausweisen muss, damit ihre gemeinsame Position gestärkt wird. Es ist also nicht den Nicht-Juden vorbehalten, auf das Jüdischsein einiger ihrer besten Freunde zu verweisen.
Während Ruth Fruchtman politisch auch von allen guten Geistern verlassen sein mag, kann sie privat ein toller Mensch sein. Allerdings kommt man ins Zweifeln, wenn sie Sätze wie diesen über die Freundschaft sagt:
Besteht wahre Freundschaft nicht vielmehr aus sachlicher Kritik als aus einer unverbindlichen Jasagerei?
Was sind das für Menschen, für die sachliche Kritik die Kerneigenschaft von Freundschaft ist? Wie darf man sich ein Gespräch unter Freunden da vorstellen?
Man darf davon ausgehen, dass die swb einen Abend der Israelkritik veranstalten und bezahlen und eine bisher kaum gelesene ältere Dame, die gerne Journalistin wäre, damit ein Stück salonfähiger machen. Das ist, wie JP Hein richtig anmerkt, ein kleines Ärgernis. Hein weiter: “Dass der “Rundfunk Berlin-Brandenburg” ein Stück der Aktivistin Fruchtman ins Programm nimmt und sie damit zur Journalistin macht, ist ein großes Ärgernis.”




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