Erbrochenes

…in Wort und Bild

Eigentlich verkaufen die swb den Bremern Strom. Weil der aber ziemlich teuer ist, geben sie nebenbei auch reichlich Geld für Werbung und für ein Kundenzentrum aus, in dem sich dann schöne Veranstaltungen machen lassen. Dazu gehört auch das sogenannte “Hörkino”, bei dem man zum Radiohören endlich wieder aus dem Haus gehen muss. Und während im Dezember schon das Thema “Speed-Dating” Gegenstand einer ausführlichen Reportage wird, geht es im November noch bedeutsamer zu. Da geht es um “zwei Welten, zwei Wirklichkeiten”, um “ein Wintermärchen” und die Fragen “Was ist Lüge?” und “Was ist Wahrheit?”.

Aber halt, kann denn so ein transzendentales Thema wirklich die stromverbrauchenden Massen ins Kundenzentrum ziehen, ist das nicht etwas zu philosophisch?

Nein! Denn auf die ganz großen Fragen kommen deutsche Redakteure schließlich erst bei einem Thema, das als Publikumsschlager bekannt ist. Man ahnt es bereits, es geht hier um Israel und Palästina, und darum, wie man mit ganz großen Worten erst einmal gar nichts sagt. Da wird gemutmaßt, ob “beide Völker in einer Glasglocke” leben, nicht wie echte Europäer in der echten Welt und ohne Dach. Da wird rhetorisch gefragt, ob “der Frieden überhaupt erwünscht” ist, und wir kennen die Antwort, weil wir die für das Rührstück Verantwortliche kennen. Die macht sich, wie bei diesen Anlässen üblich, mit ihrer Identität wichtig: Ruth Fruchtman möchte als “jüdische Europäerin” verstanden werden.

Zwischen zwei Welten, zwei Wirklichkeiten, kaum zwanzig Kilometer voneinander entfernt, wird die Autorin als jüdische Europäerin zerrieben. Auch deshalb ein Wintermärchen.

Wenn letztere Phrase ein ganzer Satz wäre, könnte man vielleicht erahnen, was das Wintermärchen ausmacht und ob Heine sich angesichts des äußerst schlechten Ausdrucks von Frau Fruchtman wohl im Grabe umdreht. So bleibt nur zu sehen, dass der identitäre Quatsch dem Israelkritiker so wichtig ist wie seine jüdischen Freunde – man ist entweder “gerade als Deutscher” oder “besonders als Muslim”, “ich als Frau” oder eben als jüdische Europäerin, Linkshänderin, Raucherin oder als Migrant ganz besonders befähigt und betroffen.

Was Ruthie nun erlebt hat, verrät die Ankündigung nicht einmal ansatzweise. Man kann sich aber ungefähr ausrechnen, welchen Spin sie der ganzen Story gegeben hat, wenn man weiß, dass sie die “Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost” mitgegründet hat, und nachdem man ihren offenen Brief an Lala Süskind gelesen hat. Die Frau, die sich als “freie Journalistin” und als “Autorin” ausgibt, obwohl sie zumindest im Internet kaum publizistische Spuren hinterlassen hat, kann keinen Satz geradeaus schreiben. Das hindert sie aber nicht daran, als selbsternannte Stimme der Moral die altbekannten Anwürfe gegen Israel und – damals aktuell – gegen die Jüdische Gemeinde Berlin zu artikulieren.

Schon an wenigen Beispielen aus ihrem Text lässt sich ermessen, was Fruchtman umtreibt. Dankbarer Gegner ist dabei einmal mehr der zweifellos widerliche Avigdor Lieberman:

Keine Erwähnung der Sprache des israelischen Außenministers, Avigdor Lieberman; seiner in der Öffentlichkeit geäußerten Drohung, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Knesset Abgeordnete, hinrichten zu lassen.

Nur dumm, dass der damals nicht Außenminister, sondern einfacher Abgeordneter war, und dass er seiner Hoffnung Ausdruck verliehen hat, es möge so kommen, nicht aber damit gedroht hat. Wie sollte er auch drohen, wenn jeder weiß, dass er nicht in der Position dazu ist. Übrigens ging es um Abgeordnete, die Kontakt zur Hamas haben. Wenn Fruchtman also hier einen drohenden Außenminister beschreibt, wo tatsächlich ein hetzender Abgeordneter stand, ist das mindestens ein gefälschtes Zitat.

Mehrfach scheitert Fruchtman an der Zeichensetzung:

Demnach bestreitet sie [Iris Hefets] nicht die Existenz des Staates – nach Ihrem Informationsblatt: Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ freundlicherweise zur Klärung auf den Sitzplätzen ausgelegt – einer der Punkte, der einen zum Antisemiten macht.

Dabei ist es fast lustig zu lesen, dass Fruchtman offenbar tatsächlich das Bestreiten von Israels Existenz und nicht etwa dessen Existenzrechts für problematisch und diskutabel hält. Mit solchen Leuten kann man auch über die Existenz des Mondes streiten; zumindest aber der Mondlandung.

Vielleicht ist es müßig, sich mit dem sprachlichen Unvermögen der Israelkritikerinnen auseinanderzusetzen, aber bitte, man darf das nicht ignorieren.

Es ist schade, daß Henryk Broder und Prof. Micha Brumlik, der sich auch den Ausdruck „Jüdischer Antisemit“ zu eigen macht, offenbar die jüdische Diskussionskultur in Deutschland – sehr zu deren Ungunsten – beherrschen.

Zu wessen Ungunsten? Der Juden offenbar, aber wieso schreibt sie das bloß nicht? Sie selbst lehnt den Begriff vom jüdischen Antisemitismus “kategorisch ab” und immunisiert sich so selbst. Denn sie möchte gerne alles mögliche behaupten können, ohne dafür kritisiert zu werden, in ihren Worten: “diffamiert zu werden.”

Dann schlägt sie in dieselbe Kerbe wie Iris Hefets. Mit der Erinnerung an den Holocaust muss Schluss sein. Israels Kritiker müssen den Massenmord an den Juden erst entsorgen, damit sie anschließend die Verteidigung des Staates als unnötig herausstellen können. Dabei will Fruchtman die Erinnerung noch zulassen, nur Konsequenzen sollen bitte keine gezogen werden:

Nur ist die Heilige Kuh, der Holocaustkult, etwas angekratzt. Als Jüdin befürworte ich selbstverständlich das Erinnern an den Holocaust, jedoch weder dessen Sakralisierung noch dessen Instrumentalisierung; beide sind Mißbrauch. Auch der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman warnt vor einer Sakralisierung des Holocaust.

Im letzten Satz wird es geradewegs grotesk: Die jüdische Fruchtman sucht sich einen Kronzeugen, den sie wiederum explizit als jüdisch ausweisen muss, damit ihre gemeinsame Position gestärkt wird. Es ist also nicht den Nicht-Juden vorbehalten, auf das Jüdischsein einiger ihrer besten Freunde zu verweisen.

Während Ruth Fruchtman politisch auch von allen guten Geistern verlassen sein mag, kann sie privat ein toller Mensch sein. Allerdings kommt man ins Zweifeln, wenn sie Sätze wie diesen über die Freundschaft sagt:

Besteht wahre Freundschaft nicht vielmehr aus sachlicher Kritik als aus einer unverbindlichen Jasagerei?

Was sind das für Menschen, für die sachliche Kritik die Kerneigenschaft von Freundschaft ist? Wie darf man sich ein Gespräch unter Freunden da vorstellen?

Man darf davon ausgehen, dass die swb einen Abend der Israelkritik veranstalten und bezahlen und eine bisher kaum gelesene ältere Dame, die gerne Journalistin wäre, damit ein Stück salonfähiger machen. Das ist, wie JP Hein richtig anmerkt, ein kleines Ärgernis. Hein weiter: “Dass der “Rundfunk Berlin-Brandenburg” ein Stück der Aktivistin Fruchtman ins Programm nimmt und sie damit zur Journalistin macht, ist ein großes Ärgernis.”

verbrochenes.net, die jüdische Stimme für Bratkartoffeln mit Speck, hat zu wenige Fans bei Facebook. Da Eure Liebe und Euer Fansein das einzige ist, was mich antreibt, bitte ich recht höflich um mehr Unterstützung.

Fandemo!

So ein massenhaftes Zusammentreffen der Fanszenen ist sehr schön, um sich davon zu überzeugen, dass die anderen Riot-Kids auch alle nette, junge und unsichere Menschen sind, nicht die gefährlichen Männerhorden, als die sie sich allzu oft darstellen. Und dann ist es natürlich schön, wenn da Leute singend und tanzend durch die Straßen ziehen, es gibt wirklich schlechtere Zeitvertreibe und unangenehmere Bewegungen.

Kritikwürdig ist das pathetische Ehren der Fans mit Stadionverbot, das inzwischen zu einem ausgewachsenen Opferkult geworden ist. “Stadionverbotler” – das ist jetzt eine eigene Kategorie – “Ihr seid unsere Brüder”. Zuweilen erinnert das an Erinnerungsveranstaltungen für gefallene Kampfgenossen und ist auch so gemeint. Vielleicht einfach mal einen Gang zurückschalten, reflektieren und sich selbst nicht ganz wichtig nehmen. Andere Leute haben nichts zu essen.

Unsere Kernforderung nach der Auflösung aller Fanorganisationen wurde erwartungsgemäß nicht erfüllt. Allerdings konnte ein beachtlicher Teilerfolg erzielt werden: Das Bündnis aktiver Fußballfans, BAFF, benennt sich ein weiteres Mal um und heißt ab November “Bündnis alter Fußballfans”. Damit wird jugendlichem Drang entsagt und die Kernkompetenz “Weisheit” wieder im Markenkern verankert. We like!

An der beginnenden Debatte über Gewalt unter Ultras könnten wir noch viel Freude haben. Schließlich gibt es da, wenn ich das richtig verstanden habe, Bestrebungen, in nötige und sinnvolle Gewalt auf der einen und unehrenhafte und doofe Gewalt auf der anderen Seite zu unterteilen. Das schreit geradezu nach einem schriftlichen Kodex, den kostenlos zu verfassen ich gern bereit wäre. Als Vorschlag möchte ich wiederum unsere Regel anbieten: Nur in Unterzahl und nur gegen echt gute Hauer – darunter geht für uns nichts. Wenn das alle so halten würden! Ha!

Nun wäre es noch möglich, sich über die oft peinlich anmutenden Minimalforderungen der Fans lustig zu machen, über den sozialdemokratischen Geist der Demo und die grundsätzliche Absurdität, die in politischen Forderungen von Fußballfans steckt. Aber lassen wir das, denn es nötigt heute schon Respekt ab, wenn überhaupt mal jemand für seine eigenen Interessen auf die Straße geht und Forderungen aufstellt. Andere Leute wollen Bäume retten.

…und was sie wirklich dabei denken.

Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsraison!
Am besten fürs Vaterland ist es, wenn wir uns nicht wieder mit denen anlegen, die regieren die Welt!

Das ist die Wiedereinführung der DDR durch die Hintertür!
Ich zahle meine Steuern nur ungern, wenn andere Menschen von ihnen profitieren.

Leistung muss sich wieder lohnen!
Mehr für mich zu fordern fände ich egoistisch und falsch, aber wenn die anderen noch weniger bekommen könnten, das wäre doch eine gute Lösung!

Man muss die Menschen vor diesen Leuten schützen!
Mit “Menschen” meine ich meine Familie, mit “diesen Leuten” alle anderen.

Ich habe eben ein traditionelles Familienbild.
Ich verdiene mehr als die meisten Deutschen und kann deshalb eine Familie ernähren. Außerdem schätze ich die Stabilität und Hingabe, die finanzielle Abhängigkeit in eine Ehe bringt.

Das ist gesamtwirtschaftlich nicht sinnvoll.
Das ist eine Umverteilung, von der ich nicht profitiere.

Zu dieser Reform gibt es keine Alternative.
Das ist eine Umverteilung, von der ich profitiere.

Ach, das bisschen WM-Patriotismus ist doch nicht politisch.
Wer meiner Meinung ist, ist nicht politisch, sondern hat einfach nur recht!

Was damals passiert ist, darf sich auf keinen Fall wiederholen.
Sechs Millionen! Sechs Millionen deutsche Frauen hat der Russe damals vergewaltigt. Ungefähr.

Wer Arbeit sucht, der findet auch welche.
In Deinem Alter war Hitler schon Postkartenzeichner!

Man muss auch über deutsches Leid sprechen können.
Es wäre doch für alle das Beste gewesen, wenn wir den Krieg gewonnen hätten.

Ich bin ein überzeugter Transatlantiker!
Am besten fürs Vaterland ist es, wenn wir uns nicht wieder mit denen anlegen, die regieren die Welt!

Ich bin für eine soziale Marktwirtschaft.
Marktwirtschaft da, wo ich mich durchsetzen kann, sozial da, wo ich es nicht kann.

Das ist nicht zu finanzieren.
Davon würde ich nicht profitieren.

Wir müssen den Gürtel enger schnallen.
Ihr müsst den Gürtel enger schnallen.

Dominik Brunner ist ein Held.
Boah, wie gerne würde ich mal einem Heranwachsenden ins Gesicht schlagen und ein letztes Mal ‘ne Ladung Testosteron und Adrenalin spüren!

Wir hatten ja früher viel weniger als Ihr heute.
Ich halte Produktivitätssteigerung für ein ungerechtes Phänomen.

Wir müssen in Bildung investieren!
Aber nicht von meinem Geld.

Wir müssen mehr Geld für Bildung ausgeben!
Ihr zahlt jetzt Studiengebühren.

Das hat es früher nicht gegeben.
Und jetzt bin ich zu alt, um mitmachen zu können :(

65 Jahre nach…
Das ist jetzt aber wirklich das letzte Mal, dass wir darüber reden! DAS. LETZTE. MAL.

In unserer Gesellschaft geht es gerecht zu.
Ich kann nicht klagen.

Jeder ist seines Glückes Schmied.
Mit der Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Wohlstands bin ich ganz zufrieden.

Ich glaube, ich werde auf meine alten Tage doch noch ein Linker.
Ich habe meinen Job verloren.

Atomkraft ist sicher.
Ich hab zwar keine Ahnung, aber die Grünen gehen mir auf den Sack.

Ich bin gegen anstrengungslosen Wohlstand!
Ich habe keine wirklichen Probleme.

Ich bin für den schlanken Staat.
Solange er mir fette Autobahnen baut.

Ich gehe arbeiten, und die machen sich auf Staatskosten ein schönes Leben!
Ich kann nicht bis 359 zählen.

Die Linkspartei muss ihre Stasi-Vergangenheit aufarbeiten.
Mit den Alt-Nazis in den Spitzen von Union und FDP hatte ich kein Problem. Und 65 Jahre nach…

Wir müssen den Terrorismus entschlossen bekämpfen.
Morgen überweisen wir 500 Millionen Euro nach Ramallah, übermorgen stürmen wir das autonome Jugendzentrum Paderborn mit dem SEK.

Ich bin stolz auf Deutschland.
Andere Länder finde ich doof, weil sie mit ihrer verbrecherischen Vergangenheit nicht so gut umgehen.

Ich bin auch für Gleichberechtigung.
Im Rahmen der gegebenen Fähigkeiten! Frauen sind eben besser am Herd und mit den Kindern.

Der Staat muss verantwortungsbewusst mit den Steuergeldern umgehen.
Ich halte es für unverzichtbar, ein paar Märchenerzähler in komischen Kostümen mit Steuergeldern zu bezahlen.

Deutschland braucht eine starke Armee.
In Frankreich hat ein Jude den Finger am Atombombenknopf und die Tschechen werden auch immer frecher.

Das ist doch blanker Linkspopulismus!
Das weicht von der reinen, wahren Lehre ab. Womöglich glauben das die Leute auch noch!

Daran ist der linke Zeitgeist schuld.
Der Einzelne ist nie schuld. Es sei denn, er ist arbeitslos. Oder linker Politiker. Oder Demonstrant.

Da ist die Politik gefordert.
Irgendwas wird man schon verbieten können.

Hier herrscht noch Recht und Ordnung.
Ich freu mich über jeden, der von einem Polizisten auf die Fresse bekommt.

Mindestlöhne würden der Wirtschaft schaden.
Ich habe keine Lust, am Strand der DomRep meiner Putzfrau zu begegnen.

Das wird man jawohl noch sagen dürfen!
Das steht seit Jahren in jeder Ausgabe jeder Zeitung jeder politischen Richtung.

h/t: Spirit of Entebbe

Hilfe bizarr?

Eben habe ich mein Ikea-Bett verkauft. Ich habe es über eBay-Kleinanzeigen für zwanzig Euro verkauft, das ist ziemlich günstig für ein Bett mit Lattenrost und Matratze in gutem Zustand. Nun war eben ein junger Mann da, der mir schon per Email mitgeteilt hatte, dass er für eine Jugendeinrichtung sammelt. Als er heute hereinkam, sagte er, dass mein Bett nun nach Tansania gehen werde. Vielleicht sagte er das, damit ich ihm die zwanzig Euro erlasse, was ich aber nicht getan habe. Trotzdem halte ich es für gut möglich, dass dieses Ikea-Bett jetzt nach Tansania geschafft wird.

Nachdem die Kritik an sinnloser Entwicklungshilfe in den letzten Jahren den Mainstream erreicht hat, frage auch ich mich jetzt, ob das nicht völliger Quatsch ist, ein Ikea-Bett nach Afrika zu verschicken, für das man hier schon zwanzig Euro bezahlt hat. In Tansania ist das BIP/Kopf bei 300 Euro, mein Bett kostet also 15% 6,7% dessen, was ein Tansaniaaninarer Bewohner von Tansania im Jahr an Geldwert produziert. Ob man mit dem Geld vielleicht etwas sinnvolleres machen könnte, vielleicht einen Zimmermann dort zwölf Betten bauen lassen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass er die Bemerkung nur des Geldes wegen gemacht hat. Schließlich sah er ziemlich vernünftig aus. Andererseits bin ich mir auch sicher, dass genau solche Dinge in der Entwicklungshilfe zumindest schon passiert sind, wenn sie nicht immer noch passieren.

eBay-Kleinanzeigen ist übrigens cool, cooler als Ikea allemal, selbst wenn man Ikea-Möbel kaufen will. Die Nützlichkeit steigt mit der Einwohnerzahl der Region, in der man wohnt.

Verbrochenes.net, das sympathische Weblog für alle Menschen, gibt es jetzt auch im Internet! Dabei kann das nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zum Großen Ganzen, das sich sicher nicht von alleine abschafft. Deshalb haben wir jahrelang am Großen Wurf gearbeitet, der uns jetzt wieder nicht gelungen ist. Stattdessen haben wir ein neues Wirtschaftssystem entwickelt. Es heißt Bondismus, weil ich eitel bin und unbedingt in die Geschichtsbücher will. Es basiert auf Enteignungen und ist deshalb geeignet, für großes Aufsehen und Jubel bei den ausgebeuteten Massen zu sorgen. Das beste am Bondismus ist allerdings, dass man ihn auf einem Bierdeckel erläutern kann. Dabei ist das nicht einmal die einzige Eigenschaft des Bondismus, die unseren zahlreichen liberalen Freunden aus dem Parteibuch spricht.

Bondismus ist Enteignung und Kapitalmacht – the best from both worlds. Im Sinne einer offenen Gesellschaft, einem Staat, der das Maul hält und individueller Freiheit wird die Gesellschaft nach unserer Machtergreifung radikal-liberal organisiert. Sozialdemokratische Umtriebe werden verboten und insbesondere das Westoderland vollständig entsozifiziert. Das war es dann aber auch mit den Eingriffen. Ansonsten regiert hier niemand mehr, außer dem Geist der Chicago-Boys.

Aber was ist mit den furchtbaren sozialen Folgen? Was mit den Besitzlosen, den Bildungsfernen und den Beamten? Wer soll für sie sorgen, wenn die libertäre Ideologie regiert und es weder Sozialstaat noch öffentlich-rechtliche Medienanstalten gibt?

Sie selbst natürlich, da sind die kommunistisch-libertären Ideologen des Bondismus sich ganz einig. Und ich verbitte mir Sozialdemokratismusvorwürfe, wenn ich sage, dass diese Menschen natürlich erst einmal in die Lage versetzt werden müssen, sich selbst zu helfen. Zu diesem Zwecke werden wir knallhart durchgreifen: Sämtlicher Privatbesitz wird enteignet. Anschließend wird alles – abzüglich einiger Annehmlichkeiten für die Revolutionäre und ihre Vordenker – vollkommen gleichmäßig auf alle Menschen verteilt. Wie das zu geschehen hat, müssen Leute ausarbeiten, die sich mit Wirtschaft und Politik auskennen, ich bin Visionär, ich habe andere Sorgen. Vermutlich sind Aktien eine gute Idee.

Jedenfalls wird der gesamte Besitz im befreiten Gebiet direkt wieder in Privatbesitz überführt. Nach diesem Neustart des gesellschaftlichen Konkurrenzkampfes kann jede mit ihrem Teil machen, was sie will. Sie kann alles verkaufen und mit dem dann frei gewordenen Kapital eine Pommesbude eröffnen oder alles versaufen und anschließend betteln gehen. Natürlich kann man auch eine Kirche neu gründen, alles ist erlaubt. Und alles macht einen Riesenspaß. Denn das größte Übel des Kapitalismus, dass man selbst meist nämlich gar kein Kapital hat, ist beseitigt.

Nun, wenden die Abiturienten ein, ist doch aber ohne den Sozialstaat und das ganze Gemurkse bald wieder großes Elend angesagt. Hunderttausende unfähige Ex-Privilegierte werden ihr Startkapital längst mit skurrilen Geschäftsideen, die selbst im Bondismus/Kapitalismus zum Scheitern verurteilt sind, durchgebracht haben und schließlich auf den Straßen für Kriminalität ungekannten Ausmaßes sorgen. Und sowieso, die nächste Krise kommt bestimmt, das bringt das freie Wirtschaften so mit sich. Das ist richtig, aber es gibt eine Lösung. Bondismus bedeutet zyklisches Handeln, und Handeln bedeutet stetiges Enteignen. Nach einem stets gleichen Intervall, mir schweben da aktuell etwa 20 Jahre vor, wird erneut totalenteignet. So werden die gesellschaftlichen Besitzverhältnisse wieder gleichgemacht. Wohlgemerkt gleichgemacht, nicht “auf null gesetzt”, wie die reaktionäre Propaganda behaupten wird. Denn schließlich ist der gesamte gesellschaftlich gemachte Reichtum immer noch da, er kann auch weiter genutzt werden, nur die abstrakten Besitzverhältnisse sind wieder andere.

Aber was wird in den Jahren vor der Enteignung passieren? Wer strengt sich noch an, wenn bald sowieso wieder alles enteignet und dem nutzlosen Pöbel gegeben wird? Spannende Frage, finde ich auch! Wahrscheinlich ist, dass die Welt in den Jahren vor der Enteignung zu einem grotesken Konsumfest wird, in dem alles verbraucht und wenig produziert wird. Es werden wilde Jahre, es wird aufregend, und es wird etwas ganz Neues. Nach der Enteignung dagegen wird es an vielen Dingen mangeln, es wird gearbeitet werden wie nach einem Krieg und es wird Vollbeschäftigung geben und eine ungeheure wirtschaftliche Dynamik, einen Fortschrittsschub, eine rasante Jagd in die Zukunft.

Bondismus ist insofern permanente Revolution. Privateigentum wird auf die Spitze getrieben und gleichzeitig de facto abgeschafft. Individuelle Freiheit ist garantiert. Und Krieg gibt es auch, mit dem imperialistischen Ausland natürlich. Die Bewohner der befreiten Republik werden gerne für den Großen Verteidigungskrieg zahlen, wenn die Konterrevolution sie zurückenteignen will.

Für den Anfang würde es reichen, einmal die reichsten Zehntausend zu enteignen. Natürlich nicht im Sinne der DKP, die die wichtigsten Unternehmen gerne von Leuten verwalten lassen würde, die genauso unfähig und erfolglos sind wie sie selbst. Nein, man muss die herrschende Klasse enteignen und das ganze Zeug direkt in den Privatbesitz aller Menschen überführen.

Gestern wollte ich bereits eine Partei gründen, mir wurde beim Amt aber mitgeteilt, dass unsere Bewegung schon erstmal einen Wikipedia-Eintrag haben müsse, bevor Finanzamt oder der Verfassungsschutz da irgendwie tätig werden könnten. Ich habe also eine PR-Agentur damit beauftragt, erst einmal für eine umfassende öffentliche Darstellung der bondistischen Bewegung und ihrer Ziele zu sorgen. Anschließend geht es dann richtig los. Mit Luftballons, Kugelschreibern und Schlüsselbändern. Ich zähl auf Euch.

Im Zuge der Umbauarbeiten im Weserstadion kommt es zu größeren Veränderungen als bisher angenommen. Erstmals soll in der Bundesliga das sogenannte “Kabinenmodell” eingeführt werden. Dabei haben sich die Verantwortlichen von Werder Bremen etwas in einer ganz anderen Branche abgeguckt: Ähnlich den in Pornokinos installierten Kabinen sollen nun auch Fußballfans in den Genuss eines ganz privaten Vergnügens kommen. Die Kabinen sind gut 1,20m breit und bieten durch Plexiglasscheiben einen komfortablen Blick auf das Spiel. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, soll das Weserstadion das erste vollständig durchkabinierte Stadion der Welt sein, mit gut 32.000 Einzelkabinen auf allen vier Tribünen.

Ein ehemaliger Erotik-Unternehmer berät den Verein in der Sache und erläutert das Prinzip: “Die Kabine hat den großen Vorteil, dass man ganz alleine ist und in Ruhe das Spiel sehen kann. Alles, was beim Fußball früher unangenehm war, fällt jetzt weg, und das Live-Erlebnis bleibt erhalten.” Der Verein reagiert mit dem Umbau auf Wünsche seiner Fans und auch der Polizei. Viele Fans hatten sich erst kürzlich wieder über Bierbecherwürfe beschwert. Durch gewöhnliche Baumaßnahmen war diese Gefahr nicht zu bannen, so dass die unerträgliche Sicherheitssituation kreative Lösungen verlangte. “Wir können es unseren Fans, gerade den Älteren, nicht länger zumuten, sich in der Nähe von biertrinkenden anderen Fans ein Fußballspiel anzusehen. So ein biertrinkender Fußballfan, und so sehen das auch unsere Fans, der ist ja eine niemals richtig zu beherrschende Gefahr” sagt der Sicherheitsbeauftragte von Werder Bremen.

Ähnlich war es mit der immer noch üblichen Unsitte, anderen Fans die Sicht zu versperren. Wie eine Untersuchung durch den Fanbeauftragten ergab, konnte man in 5% des Stadions oftmals weniger als 92% des Spielgeschehens verfolgen, weil etwa Fahnen geschwenkt wurden oder Menschen wahnhaft auf und ab hüpften. “Das hat wirklich eine bedrohliche Dimension, dieses Hüpfen”, sagt eine Betroffene. Aber auch dafür soll im Weserstadion Platz sein, findet der Fanbeauftragte: “Werder ist ein Verein für alle Menschen, und hier sollen sich auch alle ausleben können.” Das neue Kabinenmodell sorgt jetzt dafür, dass jeder auf seinen 1,2 Quadratmetern so Fan sein kann, wie er das gerne will. Sogar laut singen ist jetzt möglich, ohne andere Fans zu stören: Die Kabinen sind schalldicht. Das heißt aber nicht, dass keine Kommunikation mehr möglich wäre. Denn über ein Lautsprechersystem kann der Verein weiterhin tolle Musik und wertvolle Produkthinweise an seine Gäste weitergeben.

Ein Herzenswunsch der ganz treuen Fans, der Ultras, wurde ebenfalls erfüllt: In zehn mit spezieller Belüftung ausgestatteten Kabinen ist jetzt das Abbrennen von Pyrotechnik möglich. Die Sichtfenster der Kabinen sind im ganzen Stadion so ausgestattet, dass man nur in einer Richtung hindurch schauen kann. So kann in der Kabine das ein oder andere Bengalo gezündet werden, ohne dass andere Fans durch das Licht geblendet werden. “Mit dem neuen Kabinensystem kann der Ultrafan von heute sich richtig ausleben” sagt stolz der Vorsitzende des Dachverbands der Bremer Fanclubs, “das war uns wichtig.” Auch die den Ultras so wichtige Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern, ist nun endlich wieder gegeben. Der Sicherheitschef: “Wir erlauben jetzt sogar wieder Spruchbänder, in denen der Gegner beleidigt wird. Die Ultras wollten das gern, und durch die baulichen Gegebenheiten haben wir dafür gesorgt, dass es auch kein Problem mehr ist.”

Auf Wunsch kann die Scheibe, durch die der Zuschauer das teilweise doch bis zu zwanzig Meter entfernte Spielfeld sieht, auch durch einen modernen Bildschirm ersetzt werden. So sind Werders Fans immer direkt auf Ballhöhe, können Wiederholungen sehen und bei Nichtgefallen des Spiels auch einfach ein anderes gucken. Überhaupt haben die Fans jetzt viel mehr Freiheiten. Sie können in ihrer Kabine machen, was sie wollen. Dauerkabinenbesitzer können sich ihr Domizil auch individuell gestalten und zwischen drei verschiedenen Designs wählen. Mit dem Zusatzpaket “Sound” können die ganz traditionsbewussten Fans sich auch Fangesänge über kleine Lautsprecher einspielen lassen. Diese Gesänge waren vorausschauend schon in der letzten Saison aufgezeichnet worden, um ein echtes Stadionfeeling möglich zu machen. Zahlende Kunden können zwischen den Kanälen “Bremen”, “Italien”, “England” und “Türkei” wählen, welche Atmosphäre in ihrer Kabine herrschen soll.

Finanziert wird die neue Regelung vor allem über die Eintrittspreise. “Ein besseres Produkt darf auch mehr kosten” ist der Gedanke, der hinter der Modernisierung steht. Kurz wurde erwogen, doch noch einen Namenssponsor für das Stadion ins Boot zu holen, das scheiterte aber an den meist frivolen Namen, die die in Frage kommenden Masturbationskino-Unternehmen im Sinne hatten. Werder Bremen ist ein Premiumprodukt und will diesen Ruf auch nicht gefährden. Dabei hofft man auf einen Export der eigenen Idee, Werder hält ein Patent an dem neuen Kabinensystem. “Wir werden in Zukunft darauf drängen, dass in Bremen durchgesetzte Sicherheitsstandards auch in anderen Stadien Wirklichkeit werden” heißt es aus dem Werder-Vorstand.

Die Polizei begrüßt das neue Konzept zwar, hat aber auch einige Bedenken. “Die Kabinen stellen leider nicht sicher, dass es keine Gewalt mehr gibt. Neue Formen sind möglich, Autoaggressivität bis hin zum Selbstmord ist insbesondere bei Niederlagen vorstellbar. Oder Gewalt gegen Dinge, also gegen die Kabine selbst, etwa mit Aufklebern oder Schlüsseln” heißt es in einer Pressemitteilung der Bremer Polizei. Gegen letztere fordern die Polizisten strengere Durchsuchungen der Fans bei der Anreise, außerdem haben die Beamten bereits eine Kameraüberwachung in allen Kabinen durchgesetzt. “Unter dem Strich”, so schließt die Presseerklärung deshalb wohlwollend, “ist das Kabinensystem ein erster kleiner Schritt in eine sicherere Zukunft des Fußballs.”

Die Ultra-Gruppe Infamous Youth geht heute abend nicht zum Champions League Spiel, weil Werder die Preise massiv erhöht hat. Weil ich auch lange mit mir gerungen habe, ob ich zu einem der Spiele hingehe, dokumentiere ich hier gern ihre Begründung. 100 Euro kosteten mich die drei Karten für Enschede, Tottenham und Inter, und es sind die billigsten nicht-ermäßigten Karten, die man kaufen kann. Sie liegen auf der Baustelle der Ostkurve und sind unüberdacht. Ich habe ein paar Sätze zum Thema im Fanszene-Forum geschrieben. Die Wanderers Bremen, eine weitere Bremer Fangruppe, bleibt ebenfalls heute draußen.

Und wie ich jetzt erst sehe: Das UltrA-Team Bremen hat sich der Erklärung von IY angeschlossen.

Stellungnahme zum Boykott der CL-Heimspiele

Mit diesem Schreiben möchten wir den einstweiligen Boykott aller Champions-League-Heimspiele bekannt machen. Angesichts der unerträglichen Preispolitik des Vorstandes bleibt uns keine Alternative zu diesem schweren Schritt, da es nicht mehr allen Mitgliedern bzw. Personen aus unserem Umfeld möglich ist, die Kosten für diese Spiele zu stemmen. Somit ist nun auch unsere Gruppe von einer Entwicklung erreicht worden, die die Dauerkarteninhaber_innen auf den Sitzplätzen bereits im Mai zu spüren bekommen haben und einen Teil des Stammpublikums dazu veranlasst hat, zukünftig auf ihr Saisonabo zu verzichten.

Wir sprechen uns entschieden gegen die astronomischen Preiserhöhungen aus. Der Besuch des Weser-Stadions muss weiterhin auch für weniger zahlungskräftige Menschen möglich sein. Die Preispolitik zeigt auf eindrucksvolle Weise, was “Soziale Verantwortung” für den Vorstand bedeutet. Hierbei geht es ihm nicht um die Identifikation mit und das Handeln nach entsprechenden Werten, sondern vielmehr um den Aufbau eines Images, das durch symbolische Akte aufrecht gehalten wird und ansonsten in entscheidenden Fragen bedeutungslos bleibt.
Denn was nützen Vorträge an Schulen, wenn die Spiele des SV Werder Bremen zu Ereignissen verkommen, die sich Schüler_innen nicht mehr leisten können? Wie überaus selbstgerecht muss ein Vorstand sein, der meint, seine Fangemeinschaft auf einen “Ethik-Kodex” einschwören zu können und gleichzeitig Entwicklungen in Gang setzt, die sozial schwächer gestellte Fans um einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens bringen? Sollen Schlagwörter wie “Werder-Familie” und “Engagement gegen Diskriminierung” nicht zu hohlen Floskeln verkommen, bedarf es einer deutlichen Korrektur der Preispolitik.

Abgesehen von dieser Hauptthematik erhielten wir zudem in der letzen Woche von Seiten des Vorstandes die Ankündigung, dass die seit Einführung der Sitzplatzpflicht bei Europacupspielen etablierte Praxis aller Supportwilligen, sich in einem Teil der Ost einzufinden und zu stehen, in Zukunft behindert werden soll. Der Ordnungsdienst soll diesbezüglich eine spezielle Anweisung erhalten haben, bei den kommenden CL-Spielen in Bereichen der Ostkurve verstärkt und strenger auf gültige Karten für den jeweiligen Platz zu kontrollieren als in vergangenen Spielzeiten. Anstatt endlich ein Konzept zu entwickeln, dass die Zuteilung zusammenhängender Plätze für größere Fangruppen, die während der Spiele zusammenstehen möchten, möglich macht, soll nun scheinbar gegenteilig gehandelt und dafür gesorgt werden, dass jede_r Besucher_in den jeweils zugeteilten Platz aufsucht. Wenn dies zur Praxis wird, wäre ein organisierter Support durch aktive Fans quasi unmöglich oder zumindest stark eingeschränkt. Außerdem zeigt sich, wie gering die Bereitschaft des Vorstandes ist, die speziellen Bedingungen in der Ostkurve und die Bedürfnisse der Fans zu verstehen und zu berücksichtigen. Diese Nachricht bestärkte uns in der Ansicht, dass ein Verzicht auf die Champions-League-Heimspiele bis auf weiteres unumgänglich ist.

Wir hoffen, bald einen Weg zu finden, der uns ein gemeinsames Auftreten als Gruppe bei diesen Spielen wieder möglich macht.

Infamous Youth & Ultra Team Bremen , September 2010

Man muss das auch mal andersherum sehen. Am Ende jedes Maschinengewehrs, das zufällig vorbeifahrende Menschen zerfetzt, da steht doch auch ein Mensch. Einer, der eine Entscheidung gefällt hat und dann danach gehandelt hat. Zweifellos ist es ein böser Mensch; aber derlei Zuschreibungen sind gemeinsam mit dem Gedanken, dass Menschen selbst entscheiden, was sie tun oder lassen, verloren gegangen. Heute ist jeder wahlweise von seinen Genen, seinem Hirn, seiner Geschichte oder der seiner Eltern, seiner Religion oder seiner Kultur, den Produktionsverhältnissen oder – noch besser – von seinem Gewissen in Haft genommen worden. Was Menschen so tun, tun sie, weil sie gar nicht anders können.

Palästinenser morden eben, weil die Besatzung so furchtbar ist, und dann ist es auch kein Mord, sondern eine Verzweiflungstat. Oder ein Torpedieren von Friedensverhandlungen. Man betrachtet das nur noch im Kontext und nicht mehr für sich: Jemand stoppt mit seinem Gewehr ein Auto, erschießt die vier Insaßen und fährt weiter. “Eine Tragödie”, sagt Obama dazu, als ob das Ereignis unausweichlich gewesen wäre. Die Umstände sind eben so, die Leute sind eben so, heißt das. Keine autonome Entscheidung der Täter und ihrer Auftraggeber wird anerkannt und kritisiert.

Und dann die Phrasen, hinter denen die schreckliche Wirklichkeit verschwindet: Man verurteilt die Tat. Aufs Schärfste. Ein Anschlag. Und dann kommt der Kontext hinterher, damit man die Tat auch verstehen kann. Dabei führt das alles dazu, dass man die Tat eben überhaupt nicht mehr verstehen kann, sie wird völlig ungreifbar: Eine Straße, nachts, ein Auto mit Menschen, ein anonymer Täter, der mit einem Maschinengewehr vier Fremde einfach umschießt, er schießt aus einem fahrenden Auto und Washington ist weit weg.

Guido Westerwelle lässt sein “aufs Schärfste” ins Englische so übersetzen: “in the strongest possible terms.” Mit den stärksten möglichen Ausdrücken also. Dabei bleiben diese dann aus: Er behauptet eine scharfe Verurteilung und unterlässt sie genau dadurch. Die stärksten möglichen Ausdrücke und Begriffe bleiben in der Schublade. Die Tat an sich nicht wahrzunehmen, sondern nur ihren Kontext, führt schließlich dazu, dass ein brutaler vierfacher Mord gemeinsam mit der Ankündigung von Bautätigkeiten abgeheftet wird.

Die Unfähigkeit, moralische Urteile zu fällen, also zum Beispiel einen Mord als einen Mord zu verurteilen, ist auch die Triebfeder der häufigen Nazivergleiche. Wie soll man Menschen klar machen, dass es dezidiert böse Menschen und Taten gibt, wenn nicht mit dem Hinweis auf Nationalsozialismus, Massenmord und millionenfaches beabsichtigtes Leiden? Dabei spielt es gar keine Rolle, ob es tatsächlich um schlimme Menschen und Taten geht oder ob es sich um Projektionen handelt. Auch Antisemiten sehen das Böse am Werk, deshalb ist ihnen der Nazivergleich so nah.

Es ist der Postmoderne geschuldet, dass nicht nur moralische Begriffe verschwinden, sondern auch eine objektive Beschreibung der Realität an sich für unmöglich gehalten wird. Wäre es common sense, dass ein Mord ein Mord ist und sonst gar nichts, dann wäre auch die Wahrnehmung des Nahostkonflikts eine andere, da man dann das Verhalten der Konfliktparteien objektiv bewerten würde. Da aber eine objektive Bewertung von postmodernen Beobachtern ganz explizit ausgeschlossen wird, ist ein Mord kein Mord mehr, sondern ein politisches Manöver wie viele andere auch.

Überhaupt, die Friedensgespräche: Wie sie enden werden, kann man bei den Nahost-Experten nachlesen. Wie sie begonnen haben, steht schon fest: Mit vier Toten.

Zum selben Thema:
The fine art of gernalism

Wenn in Deutschland über den Nahostkonflikt berichtet wird, muss es immer so aussehen, als sei man unparteiisch. Letztlich sind dann aber doch immer die Israelis schuld. tagesschau.de zeigt schon im Anlesetext, wie es geht:

Nach dem Anschlag auf jüdische Siedler im Westjordanland hat der israelische Siedlerrat das vorzeitige Ende des Baustopps angekündigt. Ursprünglich sollte bis Ende September im Westjordanland nicht gebaut werden. Die Ankündigung dürfte die Friedensgespräche in Washington erheblich belasten.

Es ist nicht die Ermordung von vier Israelis, die die Friedensgespräche belasten, sondern die Ankündigung, Häuser zu bauen. Und da es ein jüdischer Rat ist, der dies beschlossen hat, handelt es sich dabei natürlich nicht um eine politische Entscheidung, sondern um ein perfides Manöver: “Der Rat der jüdischen Siedler im Westjordanland nutzt den Anschlag bei Hebron auf seine Weise.”

Nur wer den Text bis zum Ende liest, über eine Audioabspielmöglichkeit hinaus, könnte sich eventuell ein realistisches Bild von der Lage machen. Man könnte dort lesen, dass die palästinensischen Unterhändler abziehen wollen, wenn wieder gebaut wird – und sich fragen, wieso Israel nach dem Terroranschlag von Hebron weiter verhandeln möchte. Man könnte sich den einzigartig langmütigen Apell von Schimon Peres auf der Zunge zergehen lassen: “Die Terroristen werden keinen Erfolg haben. Sie sind eine Katastrophe für ihr eigenes Volk und eine Gefahr für unser Volk. Wir werden nicht mit Terroristen Verhandlungen führen, sondern mit denjenigen, die den Terror ablehnen.” Dann würde man sich sicher fragen, wie da wohl die Chancen stehen, solche Gesprächspartner zu finden.

Das alles ist natürlich nicht nötig, wenn die Erklärungen weiter oben nur allzu gut zu dem passte, was man schon immer wusste.

Vor einigen Monaten brachte die taz einen antisemitischen Text von Iris Hefets, in dem die Autorin sich über das Gedenken an den Holocaust lustig machte. Anschließend gab es eine kurze Debatte, dann die groteske Verweigerung einer Debatte durch die Chefredakteurin der taz, Ines Pohl, und schließlich entschied die taz, dem Hass auf Israel eine Serie zu widmen.

Außerhalb dieser Serie beschäftigt die Zeitung eine antisemitische Bloggerin, die Studentin Kübra Yücel. Auf deren Konto geht der bisher heftigste rassistische und antisemitische Ausfall der Zeitung. Yücel präsentierte dummdreist die These, dass “die ethnische Herkunft von ‘weißen’ Israeliten” die Ursache der Probleme im Nahen Osten sei. Ironischerweise benennt sie das Problem als “rassistische Politik Israels”, nachdem sie sich gerade selbst explizit als Rassistin geoutet hat. Und während man noch fassungslos darauf guckt, was diese Zeitung alles veröffentlichen mag, legt alle paar Tage ein weiterer Kommentator nach. Heute ist es der Redakteur Stefan Reinecke.

Um gleich klarzumachen, dass es bei der Serie zur Israelkritik nicht darum geht, was tatsächlich im Nahen Osten passiert, also zum Beispiel um Israel, trägt sie den Titel “Unser Israel”. Da kann natürlich jeder ungeachtet der Fakten einfach was von seiner Oma erzählen, und so ähnlich kommt es dann auch. Der Autor, nicht ganz untalentiert, führt seine Tante in der Rolle der guten Deutschen ins Feld. Die gute Dame war ängstlich, versuchte, nichts falsch zu machen, und ihre Erkenntnisse passten in einen Satz. Die Tante, die hier für die Deutschen steht, war also herzensgut und dumm. Reinecke, Fuchs der er ist, ist dagegen schlau. Zwar bewundert er seine Tante für ihre “geradlinige Erkenntnis”, lehnt diese aber gleichweg ab. Schließlich meinte seine Tante, sie hätte kein Recht, über Israel zu urteilen. Reinecke dagegen will nicht nur das Recht haben, er sieht sich sogar in der Pflicht. Nur warum?

Er ist ein Deutschnationaler. Er benutzt dieselben Wörter und dieselbe Argumentation, die man so schon hunderte Male von denen gehört hat, die ihr Deutschsein nicht mehr mit den Verbrechen der Deutschen beschmutzt sehen wollen. “65 Jahre nach Kriegsende” sind es jetzt schließlich, und Stefan Reinecke ist nicht nur Deutscher, er ist gleich “Deutscher 2010″. Und überhaupt, die Deutschen, sie sind “in einem Schuld-Sühne-Komplex” gefangen, noch. Dass die NS-Vergangenheit historisiert wird und ferner rückt, ist “keine Gefahr, [...] sondern eine Chance”. Er beklagt eine gefühlte “Freundespflicht gegenüber Israel”.

Nicht Martin Walser, nicht die Junge Freiheit, keine Burschenschaft und kein Gast bei Opas Fünfundneunzigstem redet so, sondern ein Redakteur der sich links verstehenden taz. Wie kann das sein, wie kommt dieses originär rechte Gerede in eine linke Zeitung, was will der Redakteur?

Wenn die deutsche Geschichte so entsorgt wird, dann geht es im nächsten Schritt stets gegen die Juden. Der Parlamentskorrespondent der taz ist ein Antisemit, der sich erst selbst einen Berechtigungsschein ausstellen muss, bevor er loslegen kann. Er meint, er könne “gelassen und nüchtern” gegen Israel sein, womit er sich von denen absetzen will, die nicht gelassen sind, sondern ganz unlinks und untazig verkrampft. Mit einer ist-doch-alles-selbstverständlich-Haltung wirft er die altbekannten Lügen noch einmal neu auf: Apartheid, Araber als Bürger zweiter Klasse, blabla. “Man kann das nicht ignorieren, auch nicht aus vermeintlich guten Gründen” schwallt er daher und unterstellt denen, die an Israel nichts auszusetzen haben, sie würden die bösen Taten der Juden ignorieren. Das will er abstellen, stattdessen sollen die Deutschen endlich erwachen.

Vom Nahen Osten kann und will der Kommentator keine Ahnung haben, weil das nicht sein Thema ist – sein Thema ist seine Tante, ihr Judenknacks und Deutschlands Heilung davon. Also phantasiert er, Netanjahu und sein Außenminister Lieberman würde man ohne Scheu “rassistische Demagogen” nennen, wenn sie denn in Moldau oder Österreich regieren würden und nicht in Israel. Abgesehen davon, dass er sie damit gerade selbst so genannt hat, hat er natürlich recht: Die beiden sind jüdische Politiker, natürlich würden der “Kreuzberger Kinder-Stürmer” (Broder) und seine Kameraden sie als Demagogen beschimpfen, schließlich ist das ein bekanntes antisemitisches Ressentiment.
Dass Österreich und Moldawien nicht von Feinden umgeben sind, die immer wieder Krieg gegen sie angefangen haben und das auch für die Zukunft ankündigen – geschenkt. Schließlich kann man davon ausgehen, dass Lieberman und Netanjahu sowieso einfach jemand anders unterdrücken würden, wenn mal keine Araber da wären. Die autochthonen Österreicher unter der Fuchtel der rassistischen jüdischen Politiker, und “keiner hätte Scheu” das auch mal auszusprechen – so sehen deutschnationale feuchte Träume aus.

Eine “streng zionistisch erzogene Freundin” lässt der vermutlich streng deutsch erzogene Reinecke raunen, das Land verwandle sich in eine Diktatur. Das findet er selbst nicht haltlos und unsinnig, sondern “übertrieben” und redet dann, ganz nüchtern und gelassen, über “furchterregende Kampagnen gegen NGOs”. Gut zu wissen, was ein taz-Redakteur, der über Selbstmordattentate und Vernichtungsdrohungen kein Wort verliert, dann tatsächlich furchterregend findet: Gesetzesinitiativen, die von NGOs verlangen, ihre Finanzen transparenter zu gestalten.

Etwas bizarr wird das Geseier, wenn er “die Libertären, Weltoffenen” lobt, die Israel verlassen, weil der Judenstaat so furchtbar geworden ist. Die gehen natürlich, wohin denn sonst, nach Berlin. Und erfreuen sich an der libertären BRD, wo es kaum Steuer und noch weniger Staat gibt. Genau.

Das Beste kommt zum Schluss: Genüsslich Nüchtern und gelassen prophezeit der Autor den Untergang des jüdischen Staates. “Auszehrung und Ermüdung” werden die Juden heimsuchen, wenn sie ihr nationales Projekt nicht aufgeben und ihren Küstenstreifen zum nächsten Araberstaat umfunktionieren lassen, damit der taz-Fuchs zufrieden ist. Für ihn ist Israel keineswegs die sichere Heimstatt der Juden, kein Zufluchtsort für Millionen aus aller Welt, schon gar kein wirtschaftliches, kulturelles und religiöses Zentrum – für ihn ist Israel ein “Flugzeugträger der USA”, die wiederum sind ohnehin “im Abstieg” und so soll es bald auch mit Israel zuende sein.

Zuletzt hat Reinecke noch einen Wunsch an seine Landsleute und Volksgenossen.

In Israel deutet viel darauf hin, dass die systematische Unterdrückung auf die Dauer die eigene, offene Gesellschaft zerstört. Die Generation meiner Tante konnte das nicht sagen. Wir sollten es, ohne Hochmut und mit viel Selbstdistanz. Das können wir von uns verlangen.

Ein großes Opfer, dass das deutsche Volk von sich selbst verlangen kann, in der Tat: Israelkritik als letzte heroische Tat in einer postheroischen Gesellschaft.

Schon im Titel steckte die Feinderklärung ganz verschmitzt: “Feigheit vor dem Freund”. Und am Ende ist klar, was die taz nun fordert: Die Deutschen sollen den Juden gegenüber nicht mehr so feige sein. In Verbindung mit der Drohung, dass ihr Staat untergehen wird, wenn sie sich nicht endlich bessern, weckt diese Forderung genau die Erinnerungen, deren Ende Reinecke eingangs so vehement gefordert hat.

Kein Zufall.

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