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Woanders ist auch schön.

An den „Krautreportern“ und ihren schwachen ersten Texten gab es einige Kritik. Es ist alles ein bisschen doof und ein bisschen langweilig. Es ist allerdings auch richtig, richtig peinlich. Selten etwa hat man einen so schlechten Artikel über den Nahostkonflikt gelesen wie den von Stefan Schulz. Das liegt zum einen daran, dass er gar nicht über den Nahostkonflikt schreibt, sondern über Tilo Jungs Videos. Und zum anderen daran, dass er gar keine Ahnung hat, wovon er schreibt. Das dürfte alle irritieren, die hier für besonderen Qualitätsjournalismus bezahlt haben und das Gegenteil bekommen. Der Text ist unstrukturiert, hat kein erkennbares Argument, kein Thema und ist schlecht geschrieben. Einige Beispiele:

Der rote Faden der bisher 17 Videos ist ein Fragen aufwerfender Widerspruch: Wieso führte ausgerechnet der Zionismus, die Abkehr von religiösen Lehren, zum erbitterten Kampf um religiöse Stätten?

Der Faden ist ein Widerspruch, damit müssen wir leben. Aber wer den Zionismus nur als „Abkehr von religiösen Lehren“ versteht und den Nahostkonflikt zum „Kampf um religiöse Stätten“ verkürzt, sollte sich vielleicht noch einmal an die Grundsätze der Krautreporter erinnern:

„[Wir nehmen] uns Zeit “ zum Recherchieren, Experimentieren, Diskutieren und natürlich zum Lesen. … Wir wollen es anders machen. Mit Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Über Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert.“

Stattdessen will man sich anscheinend lieber „wenig Mühen“ machen und schreibt auch so. Zum Nahostkonflikt:

„Man braucht sich daher wenig Mühen damit machen, herausfinden zu wollen, was wirklich wahr und wer wirklich schuld ist: Der Konflikt wird nicht weniger mit Worten als mit Waffen ausgetragen.“

Man braucht sich nicht mühen zu wollen, das ist wirklich wahr. Weiter geht es mit hanebüchenen Behauptungen, die teilweise vom locker palavernden Haaretz-Reporter stammen:

„Literaturjournalist Ziffer erinnert an die Briten, als die Urheber der zionistischen Idee, abseits religiöser Lehren und des Wartens auf Messias und Erlösung einen Staat für Juden zu gründen.“

Ja, da ist ein Komma zu viel, auch Tage nach der Veröffentlichung noch, und „die Briten“ sind eine britische Romanautorin, in deren Werk die Idee einer Rückkehr der Juden ins Gelobte Land vorkommt. Diese Idee ist bekanntlich das ein oder andere Jahrtausend älter; weil aber ihre Umsetzung durch die Zionisten ein bisschen später kam, glaubt Stefan Schulz jetzt, dass die Briten den Zionismus erfunden haben.

Die Versprechen der Weltkriegspartei Großbritannien an die Konfliktparteien im Nahen Osten lesen sich so:

„Thomas Edward Lawrence (später berühmt als „Lawrence of Arabia“) versprach den Arabern alle Ländereien für ihren Einsatz an Britanniens Seite gegen das Osmanische Reich. Lord Arthur Balfour nahm ihnen dann per Deklaration ein Stück für Israel wieder weg. Es folgte der erste arabische Aufstand gegen jüdische Siedlungen in Palästina.“

„Die Araber“ werden flugs dergestalt homogenisiert, dass man ihnen als Kollektiv „alle Ländereien“ versprechen kann. Welche „Ländereien“ das sein könnten, wird auch durch den Kontext nicht deutlich, es sind halt „alle“. Was „die Araber“ dann nie erhalten haben, kann ihnen Balfour trotzdem wieder wegnehmen. In der Krautreporter-Darstellung folgen diverse gewaltsame Auseinandersetzungen und die Frage nach deren Ursache. Schulzens Antwort darauf ist so falsch wie sie aufschlussreich ist:

„Aber warum? Theodor Herzl, Autor von ‚Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage‘ (1896), ersann die konkrete Idee, eine Heimat für Juden zu schaffen, um so die Diaspora, und mit ihr Vertreibung und Antisemitismus zu beenden “ allerdings in Uganda. Beim Zionistenkongress in Basel stieß er 1903 auf taube Ohren. Im Jahr darauf erlag er einem Herzleiden.“

Theodor Herzl wollte nie einen Judenstaat in Palästina errichten – das ist in der Tat mal eine Geschichte, die man so nirgendwo anders lesen kann. Natürlich hätte man das alles in wenigen Minuten überprüfen können, Wikipedia und so. Aber dann hätte die Kausalkette nicht mehr funktioniert: Warum schließlich all die Auseinandersetzungen im Nahen Osten? Weil die Juden nicht nach Uganda gegangen sind!

Auch die Ereignisse von 1948 werden packend geschildert:

„Am selben Tag im Mai 1948, an dem die Briten die Region verließen, bombardierte Ägypten Israel. Rund 600.000 Einwanderer lebten damals in Israel, nicht einmal ein Zehntel der heutigen Zahl jüdischer Bürger des Landes. Dies ist der Ursprung der inzwischen historisch und politisch orientierungslosen Konflikte.“


Orientierungslose Konflikte
gibt es wohl nur in Palästina, historisch und politisch orientierungslose Journalisten gibt es beim Krautreporter. Der Krieg des gerade gegründeten Israels gegen nicht weniger als fünf arabische Staaten wird hier als „Bombardierung“ durch Ägypten beschrieben. Und was „dies“ im letzten Satz bedeutet, was also „der Ursprung“ sein soll, bleibt völlig unklar. Fest steht nur, dass er nun ins Jahr 1948 verlegt wird, wie praktisch! Oder sind die „600.000 Einwanderer“ vielleicht das Grundübel Palästinas? Man weiß es nicht.

Ein weiteres Beispiel für die schlampige Schreibe: „Dadurch ist Israel, damit behauptet sich das Land, die einzige Demokratie in der Region.“ Damit behauptet sich das Land?

Ebenso wenig Sinn ergeben hier das Zitat und dessen Einrahmung: „Max Blumenthal ist gänzlich desillusioniert: ‚Dein Land, Deutschland, versorgt Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten.'“ Hatte Max Blumenthal zu einem früheren Zeitpunkt das Gegenteil geglaubt, oder warum deutet das ausgerechnet auf eine Desillusionierung?

Derselbe Blumenthal behauptete in einem der Videos, der israelische Ministerpräsident Netanjahu sei Atheist, was sich binnen Sekunden widerlegen lässt. Netanjahu 2011 bei den UN: „And with God’s help, we’ll find the common ground of peace.“

In Israel glauben scheinbar selbst die Atheisten an Gott.

Cut

Louis C.K. hat gerade einen Emmy gewonnen für die Folge „So Did the Fat Lady“ seiner somewhat autobiographischen Serie „Louie“. Die letzte Szene der Folge, für die es nun in der Kategorie „Outstanding Writing for a Comedy Series“ einen Preis gab, geht sieben Minuten ohne einen einzigen Schnitt und ist nicht nur deshalb sehr bemerkenswert. Wer kann, schaut die ganze Folge, die gut 20 Minuten lang geht und auch ohne den Rest der Staffel funktioniert.

In der Kategorie „Outstanding Directing for a Drama Series“ hat Cary Fukunaga mit einer Folge von „True Detective“ gewonnen. In der Folge „Who Goes There“ gibt es ebenfalls eine lange Szene ohne Schnitt, fast sechs Minuten, die für einiges Aufsehen sorgten. Wer „True Detective“ noch nicht gesehen hat und das nachholen will, sollte diese Szene nicht vorwegnehmen. Ist aber geil – im Gegensatz zum Ende der Staffel, die meines Erachtens nach fünf von acht Folgen deutlich nachließ.

Berlin ist ein Freizeitpark. Und für Linke bietet er ein paar ganz, ganz feine Attraktionen. Schon in einer Woche geht zum Beispiel der tolle Kongress mit dem kecken Namen „Marx is‘ Muss“ los. Die werbetexterisierte Linke wirbt für dieses spannende Event unter anderem mit lesenswerten Flyern, von denen einer den Weg zu mir gefunden hat.

Das Programm ist bunt, sprechen werden unter anderem Christine Buchholz (DIE LINKE), Christina Kaindl (DIE LINKE), Kerstin Köditz (DIE LINKE), Bernd Riexinger (DIE LINKE), Janine Wissler (DIE LINKE) und Thomas Sablowski von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bei den Themen fällt sofort der Klassiker auf, man will auch in diesem Jahr „Marx neu entdecken“ – weil der Mann sich halt immer wieder vor seinen Anhängern versteckt. Neben dieser Entdeckungsreise werden weitere wichtige Themen besprochen. Beim „Kampf um Europa“ geht es um Fragen wie diese: „Rückt Osteuropa nach rechts?“ (Hint: Das muss man differenziert betrachten!) „Ist die Euro-Krise vorbei?“ (Hint: Krise is immer!) „Was steckt hinter den Afrika-Einsätzen der Bundeswehr?“ (Hint: Das Kapital).

Während hier einerseits knallhart aufgedeckt und andererseits analytisch abgewogen wird, geht es in den „Strategien für die Linke“ praxisnäher zu: „Verankern, verbreiten, verbinden“ will zum Beispiel der Verwaltungsversicherungsverständige Bernd Riexinger. Dazu die großen Fragen unserer Zeit: „Wäre Marx ein Blogger?“ „Sexismus, Rassismus, Klassismus?“ Und zwischendrin gibt es „Bewegungsforscher“, die unvermeidliche „Nahostexpertin“ und ganz viele „Menschen“. Von denen kann man nie genug haben. Darum gibt es auch geballte Handlungsanweisungen an die Leser: „Bleib auf dem Laufenden“, „Verfolg alle Kongress-Updates“ und „Twittere mit uns“, „Bestelle ein Plakat und häng es im Unicafé, am schwarzen Brett im Betrieb oder in der Mensa deiner Schule auf“, „Verlinke uns auf Facebook und erzähl deinen Freundinnen und Freunden vom Kongress – it´s time to organize!“ Tu es! Tu es!

Wer weder von der inhaltlichen Tiefe noch von der Aussicht, Teil einer Bewegung zu sein, überzeugt werden kann, muss spätestens vor der Textkunst der Veranstalter kapitulieren: „Auch dieses Jahr wird es ihn wieder geben: den beliebten Seminartag …“, „Der Kongress beginnt gleich mit einem besonderen Highlight: einem Gewerkschafter-Seminartag …“, „Der Kongress beginnt mit einem speziellen Angebot: dem Seminartag“, „Neu im Programm … Aus aktuellem Anlass: 6 zusätzliche Veranstaltungen zur Krise in der Ukraine“, „Früh buchen lohnt sich“. Ist das was? Das ist doch was. Und wem das nicht reicht, der findet auf der Website noch weitere tolle Angebote: „Ein echtes Highlight wartet am Sonntag. … Dietmar Dath spricht auf dem MARXISMUSS Kongress über: ‚Sozialistische-feministische Science Fiction'“

Wer dieses Jahr nicht dabei sein kann, hat also allen Grund, traurig zu sein. Aber im nächsten Jahr geht es sicher weiter, dann auch mit der Podiumsdiskussion zum Thema „Angebote, Highlights, Jetzt & Neu: Was die parteinahe Bewegungslinke mit dem Media-Markt gemeinsam hat“.

Auf arte ist heute die sehenswerte amerikanische Dokumentation „The House I Live In“ gelaufen, ab jetzt kann man sie sieben Tage lang online ansehen. Der Film porträtiert den amerikanischen „war on drugs“ und die dahinterstehende Hysterie.
Auch die rassistische Dimension der Drogenkriminalisierung wird thematisiert: Die Drogengesetze wurden, so der Film, immer wieder auf bestimmte Minderheiten zugeschnitten, am offensichtlichsten wird das bei den harten Strafen für Crack im Vergleich zu (normalem) Kokain und angesichts der Massen von Schwarzen, die für Drogendelikte lange Haftstrafen absitzen. Allerdings sind inzwischen auch Weiße in großer Zahl Opfer der Drogenpolitik geworden, sodass der „war on drugs“ immer mehr als „war on poor people“ erscheint. Im Film macht David Simon, Schöpfer der großartigen Serie „The Wire“, einen seltsamen Holocaust-Vergleich. Das ist ein bisschen ärgerlich, nimmt dem Film aber nicht seine Wirkung. Die Frage, warum Drogennutzer derart hart bekämpft werden, ist schließlich eine weit reichende, an der sich vielleicht einige Erkenntnisse über moderne Gesellschaften entwickeln lassen. Fast nebenbei liefert Eugene Jareckis Film, wie so viele gute Dokumentationen, eine Reihe interessanter kleiner Porträts.

Eine Rezension in der FAZ gibt es hier, den Film wie schon erwähnt hier.

Und der Trailer:

Wenn ich mal in die Klapse komme, möchte ich mir das Zimmer mit Jakob Augstein teilen. Derzeit sieht es so aus, als würde er vor mir da landen, aber vielleicht bin ich ja auch bald so weit. Wenn Jakob und ich dann um 22 Uhr das Licht ausmachen, hör ich ihn leise zischeln*: „Totstellen wird auf Dauer nicht genügen! Sie behandeln uns wie einen Feind. WIR SIND EIN ZIEL!!!!!!“ Und dann dreht er sich um und klopft leise gegen die Wand, während er sagt: „Wer noch nicht überzeugt ist…der möge erklären! Erklären!“

Als auch auf dem Flur das Licht ausgeht, seufzt er und ich verstehe vom Folgenden nur: „…IM DUNKEL DER FDP…“. Wenn ich ihn auffordere, etwas ruhiger zu sein, schimpft er mich einen „Verbündeten dritter Güte.“ Und als ich sage, dass es mir nur um ein paar Stunden Schlaf geht, sonst nichts, da rastet er aus: „Es ist viel schlimmer! Es geht um Kontrolle! Sie kennen unsere Vergangenheit! SIE KRIECHEN IN UNSEREN KOPF! Sie streben die totale Kontrolle an – über jeden einzelnen von uns.“ So geht das die ganze Nacht, ein Hauptsatz nach dem anderen.

Tagsüber ist es nicht besser, da raunt er auf dem Flur den Mitpatienten kryptisches Zeug zu: „Es geht um die Informationen, die nicht in unser Weltbild passen!“ Und, ehrlich verängstigt: „Warum schweigt die Kanzlerin?“ Später, nach mehreren Stunden nachdenklicher Ruhe, weiß er schon weiter: „Düstere Antwort! Düstere Antwort! Protest ist sinnlos, sinnlos, ja: gefährlich!“ Aber in aller Düsternis kann mein Freund Jakob seine Zuversicht bewahren. Ab und zu, an sonnigen Tagen, lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und bemerkt mit wissender Miene: „Die Mauer konnte zum Einsturz gebracht werden.“ Ich sage dann: „Das stimmt, Jakob. Ja, das stimmt.“

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*Als Quelle für Titel und Text diente die aktuelle Kolumne von Jakob Augstein bei Spiegel Online.

Make no mistake: irony tyrannizes us.

Irony and cynicism were just what the U.S. hypocrisy of the fifties and sixties called for. That€™s what made the early postmodernists great artists. The great thing about irony is that it splits things apart, gets up above them so we can see the flaws and hypocrisies and duplicates. The virtuous always triumph? Ward Cleaver is the prototypical fifties father? „Sure.€ Sarcasm, parody, absurdism and irony are great ways to strip off stuff€™s mask and show the unpleasant reality behind it. The problem is that once the rules of art are debunked, and once the unpleasant realities the irony diagnoses are revealed and diagnosed, „then€ what do we do?

Irony€™s useful for debunking illusions, but most of the illusion-debunking in the U.S. has now been done and redone. Once everybody knows that equality of opportunity is bunk and Mike Brady€™s bunk and Just Say No is bunk, now what do we do? All we seem to want to do is keep ridiculing the stuff. Postmodern irony and cynicism€™s become an end in itself, a measure of hip sophistication and literary savvy. Few artists dare to try to talk about ways of working toward redeeming what€™s wrong, because they€™ll look sentimental and naive to all the weary ironists. Irony€™s gone from liberating to enslaving. There€™s some great essay somewhere that has a line about irony being the song of the prisoner who€™s come to love his cage.

The problem is that, however misprised it€™s been, what€™s been passed down from the postmodern heyday is sarcasm, cynicism, a manic ennui, suspicion of all authority, suspicion of all constraints on conduct, and a terrible penchant for ironic diagnosis of unpleasantness instead of an ambition not just to diagnose and ridicule but to redeem. You€™ve got to understand that this stuff has permeated the culture. It€™s become our language; we€™re so in it we don€™t even see that it€™s one perspective, one among many possible ways of seeing. Postmodern irony€™s become our environment.

David Foster Wallace: E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction , Review of Contemporary Fiction. 13:2. 1993 (PDF)

Jeder Blick nach außen und auf andere ist einer in den den Spiegel. Weil das kein erfreulicher Anblick ist, sagen alle: „Das bin nicht ich.“ Wo die Menschen schon zu Lebzeiten so gleich gemacht werden, wie sie es sonst nur vor dem Tode sind, täuscht der falsche Selbstbehauptungswille ihnen vor, sie würden einander immer fremder. Ans Trugbild ihrer Andersartigkeit klammern sie sich, weil sie das Schicksal der Massen weder abwenden noch teilen wollen. Trost finden sie bei begabten und weniger begabten Modedenkern. Dem Publikum und vor allem sich selber reden sie ein, Fremdheit gehöre zu den ersten oder letzten Dingen. Weil sie fremd und anders wären, würden Leute verfolgt, die doch in Wahrheit auf das Allgemeinmenschliche reduziert sind, auf den Hunger und die Sorge um das Dach über dem Kopf. Feindschaft gegen Ausländer, die nicht ausländisch, sondern nur elend sind, ist Feindschaft gegen alle ohne Unterschied.

Wolfgang Pohrt: Abschied ohne Tränen. In: Derselbe: Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand. Berlin, 1993.

Internet contrarianism

Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen und wird dafür wahrscheinlich bestraft werden. So weit, so einfach. In Politik und Medien ist man sich einig, dass das alles sehr bedauerlich ist. Was soll man sonst auch sagen? Die Sache ist eindeutig, und nur Hoeneß‘ Prominenz macht sie zur Meldung. Sie ist allerdings so eindeutig, dass es sich schon wieder lohnt, nach einem Gegenstandpunkt zu suchen. Das garantiert im Internet Aufmerksamkeit und kann ruhig auch um den Preis inhaltlicher Unzulänglichkeiten geschehen. So wird Hoeneß vom gewöhnlichen Steuerhinterzieher zum Objekt einer nationalen Verfolgungsjagd.

Einen Versuch in diese Richtung hat Gideon Böss von der Welt gestartet: „Osama bin Laden kann froh sein, dass er nur das World Trade Center in die Luft sprengte und nicht als deutscher Staatsbürger Gelder in der Schweiz versteckte. Was Steuerflucht angeht, kennt Deutschland nämlich keine Gnade.“

Nanu, wurde Hoeneß bereits erschossen? Wie sieht das aus, wenn „Deutschland“ 2013 „keine Gnade“ kennt? So: „Irgendein SPDler aus Bayern (…) nannte Steuerhinterziehung ‚die schlimmste Form asozialen Verhaltens‘. Das ist eine Ansage, schlimmer geht es nicht.“ Nein, wirklich nicht. Der arme Hoeneß!

Böss selbst stellt die großen Fragen: „Was in der deutschen Steuerdebatte völlig fehlt, ist das Interesse am „Warum“. (…) Könnte es vielleicht Gründe geben, weswegen jemand das Risiko eingeht, sein Geld im Ausland zu verstecken, anstatt es ganz normal dem Finanzamt zu melden?“ Ja, warum hinterzieht jemand Steuern? Warum ist mehr Geld in der eigenen Tasche besser als weniger? An der Frage, die jedes Kind, das das erste Mal Taschengeld erhalten hat, beantworten kann, scheitert der Weltkolumnist: „Keine Ahnung, was die genauen Gründe für Leute wie Uli Hoeneß sind, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu schaffen (…)“

Eine Ahnung hat er da aber schon geäußert: „Ist womöglich das Steuersystem nicht so gerecht, wie es sein sollte?“ Hat der Uli also sein Geld in der Schweiz versteckt, um ein Gerechtigkeitsdefizit auszugleichen? Und heißt das dann, dass er oder Böss oder sonst irgendwer eine plausible Idee davon hat, was eine gerechte Verteilung von Wohlstand ist? Was hier kurz davor ist, ausgesprochen zu werden, ist die Tatsache, dass Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft überhaupt kein Kriterium für die Verteilung von Gütern ist. Sie ist einfach nicht vorgesehen und erscheint in den Debatten bestenfalls als ihre eigene Karikatur, als die soziale Gerechtigkeit – als ob es auch eine andere geben könnte. Statt einer gerechten Verteilung wird von denen, denen es nützt, oft eine Art naturwüchsiger Verteilung behauptet, die allerdings durch Umverteilung gefährdet sein soll. Die wiederum ist dann, weil ja die alte Verteilung die richtige war, Diebstahl: „Für die Linke ist Sozialneid ohnehin das Fundament für alles weitere und die Grünen schielen ebenfalls auf das Geld der Reichen, weil sie ja auch gerne umverteilen. Ist dann natürlich ärgerlich, wenn das Geld weg ist, ehe man es den Leuten stehlen kann.“

Dabei ist natürlich diejenige Verteilung eine rein fiktive, die ohne staatliche Eingriffe zustande käme, weil das ganze System ohne den Staat gar nicht denkbar ist. Und schließlich wäre auch jede andere Verteilung eine gesellschaftlich vermittelte, gemachte. Sonst würden Weltjournalisten von Buchstaben leben müssen, während die VW-Arbeiter ab und zu ein neues Auto mit nach Hause nehmen könnten.

Gegen wen die sind, die für reiche Steuerhinterzieher in die Bresche springen, erfahren wir bei Böss auch, wenn er über den namenlosen SPD-Mann spottet: „Da kann man als Fußball-Hooligan Innenstädte zertrümmern, als Mutter das eigene Kind verwahrlosen lassen oder als Stalker anderen das Leben zur Hölle machen, alles kein Vergleich.“ Und am Schlimmsten: „der Schwarzarbeiter, der für erheblich höhere Steuerausfälle verantwortlich ist“. Wer kennt ihn nicht, den Anstreicher, der auf seinen Millionen sitzt und über Ulis Spielgeld lacht? So gewinnt Böss im deutschen Volkssport gegen die Bayern-SPD: Er weiß noch besser als jene, wo die unschädlich zu machenden Asozialen sitzen.

Der Geist ist schwach

Wo Böss „Deutschland“ am Werke sieht, ist es bei seinem Kollegen Richard Herzinger etwas spezifischer der „deutsche Volksgeist“, der Hoeneß ans Leder will. Da sind angeblich „die Gemüter der Republik bis zu Weißglut erregt“, Herzinger beschwört gar eine „ungeheure moralingesättigte Empörungswelle, die wegen Hoeneß über das Land hinwegbraust“. Wo er all das entdeckt haben will, bleibt sein Geheimnis. Der Mann schreibt zwar im Internet, verzichtet in diesem Artikel aber auf Links, und Zitate gibt es auch keine. Dafür steht das Wort „Staatsverbrechen“ in Anführungszeichen, eine Google-Suche führt aber auch hier nur zu Herzinger zurück. Der hat sich offensichtlich einen schönen Strohmann gebaut, und die Hysterie, die er bei anderen behauptet, findet sich vor allem bei ihm selbst.

Die „kollektive deutsche Volksseele“ wird im Weiteren beschworen, sie soll sich gegen den armen Wurstmann gewendet haben. Derweil glauben 37% der Deutschen, Hoeneß werde vorverurteilt. In der Zeit wurde die vermeintliche Hysterie bereits thematisiert. Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Für Herzinger, Springers Hauptstadtschreiber, sind aber nicht einmal die Medien die eigentlichen Träger der Debatte, er sieht hier die „tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung“ durchscheinen. Wenn nun schon 37% eine Vorverurteilung beklagen, stellt sich die Frage, was wohl die „Volksmeinung“ konstituiert. Ob Herzinger jemanden kennt, der ernsthaft die von ihm beschriebene „teils schäumende, teils kumpelhaft schmollende Vorwurfshaltung“ an den Tag legt? Ob ich auf der Straße jemanden finden würde, der tatsächlich zu echten Emotionen bei diesem Thema in der Lage ist? Wo mag sie sein, „die ganze Republik“, die „wegen Hoeneß´ illegalen Extratouren so voll und ganz aus allen moralischen Wolken fällt“?

In Wirklichkeit ist alles halb so wild und hat mit Hoeneß nichts zu tun. Das erwähnte Ressentiment gegen die Spekulanten ist ein im Stillen gehegtes – selbst bei den „Blockupy“-Protesten gegen die Frankfurter Banken achten die verdrucksten Linken erstens peinlich genau auf ihre Wortwahl, zweitens haben derlei randständige Proteste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Volksgeist nichts zu tun. Dass der existiert, ist keine Frage. Herzinger irrt sich allerdings, wenn er meint, er würde sich gegen den schwerreichen Präsidenten des FC Bayern wenden. Wenn der deutsche Volksgeist sich tatsächlich regt, geht es gegen Leute, die sich nicht wehren können: Asylanten, Obdachlose, Asoziale. Deshalb muss sich keiner Sorgen um die Banker machen, um die Roma aber schon. Deshalb wurden hier Türken und Griechen erschossen, aber bis heute keine Regierung gestürzt. Und vor Fabrikbesitzern werfen sich die Deutschen sowieso jederzeit ehrfürchtig auf den Boden.

Extra time

Inzwischen hat Jörn Schulz in der Jungle World einen Kommentar geschrieben, der Böss erwähnt, (und nun auch online ist). Und Herzinger hat noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass Hoeneß immer noch nicht vom Mob erschlagen wurde, erfordert anscheinend eine Erklärung, und Herzinger findet sie: „Indem sich Steuersünder Uli Hoeneß in einem Interview Erleichterung von seiner Seelenpein verschafft, ist der Weg zurück ins empfindsame Herz der Deutschen frei.“ Um die Sätze, die er meint, so wachsweich und inhaltsleer in einem gut getimeten Interview zu formulieren, brauchen andere eine PR-Agentur, Hoeneß nicht. Es braucht aber schon einen echten Germanisten, um bei Hoeneß – „obwohl selbst Katholik“ – eine „Reue im Sinne Martin Luthers“ auszumachen. Natürlich kennen auch die Katholiken Reue, Gewissensprüfung und Beichte. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten kann sich nicht aufhalten, wer solche Zwischenüberschriften dichtet: „Der Kapitalist muss vor dem Volk zu Kreuze kriechen“. Das ist so weit weg von der gesellschaftlichen Realität, dass man sich schon anderswo nach Herzingers Motiven umsehen muss. Seit es keine Kommunisten mehr gibt, seit es also keine „Freie Welt“ mehr gibt, weil ihr ihr Gegenstück abhanden gekommen ist, muss der Kapitalismus vielleicht von anderer Seite bedroht werden. Aber das ist Spekulation. Ein paar Grundsätze, die auch Herzinger beim politischen Schreiben beachten sollte, kann man hier nachlesen.

Interessant ist, abseits von der Causa Hoeneß, wie Herzinger in einem anderen Blogeintrag seine Idealvorstellung von Gesellschaft formuliert:

Der Werbeslogan einer Bank lautet: „Unterm Strich zähle ich€. Das könnte als Motto einer Bürgergesellschaft gelten, in der sich autonome Individuen in ihre persönliche Lebensgestaltung von möglichst niemandem mehr hineinreden lassen wollen. Dass der Einzelne seinen Lebensweg individuell ausgestaltet und die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Räume schaffen, um diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen, gilt dieser Bürgergesellschaft als Ideal.

Das hat bezeichnenderweise viel mehr mit einer kommunistischen Utopie zu tun als mit jeder jemals existenten Marktwirtschaft.

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Besser als mit seinem gedankenlosen Blogeintrag kommt Gideon Böss übrigens hier weg, und lesenswert ist das auch noch.

1.
Gestern habe ich mich im Internet gestritten. I do that sometimes. Die Geschichte dahinter finde ich ziemlich bizarr.

2.
Wie hier bereits zuvor erwähnt schreibe ich eine Kolumne für das Fußball-Magazin Transparent. Die neueste ist auch online verfügbar.

3.
Ganze Bücher voll schreibt Frank Schirrmacher und gilt deshalb als einer der führenden deutschen Intellektuellen. Auf welchem Niveau sich dieses Denken und Schreiben abspielt, hat Joachim Rohloff einmal dargestellt.

4.
Am 13. März liest der Autor Markus Flohr im Ostkurvensaal aus seinem Buch „Wo samstags immer Sonntag ist“ mit Episoden aus Israel. Vom selben Autor auch erhältlich:

„Australien. Wo im Sommer Winter ist.“

„England. Wo man „Bier“ mit zwei E schreibt.“

„Nachts. Wenn die Sonne woanders ist.“

Und natürlich der große Sammelband: „Woanders ist es anders. Alteritätserfahrungen im Vergleich.“

5. Natürlich: Musik.

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