Musikalisches

Lalalala la!

So oder so ähnlich heißt die beste Party des Jahres, die an diesem Freitag, dem 07.10., im Pier2 in Bremen stattfindet. Dort trifft sich der unbewaffnete Arm der europäischen Ultra-Bewegung und zeigt, dass man nicht viel mehr als Turnschuhe und Techno braucht, um einen guten Abend zu haben. Für mehr Freude in Bremen als Michael Oenning sorgen dann Menschen, die hanne & lore, das taktmodul oder einfach Philipp heißen. Da will man natürlich dabei sein, und verbrochenes.net würde zwei Freikarten verlosen, wenn es sich nicht um eine Soliparty handeln würde, deren Erlöse zu einhundertundzehn Prozent in die Verbesserung der real existierenden Misere gesteckt werden. Gut angelegte acht oder zehn oder neunundneunzig Euro also. Aber, Freundinnen und Freunde, tut mir einen Gefallen: Passt auf Euch auf.

Facebook

Wenn eine Party, die nur einmal im Jahr stattfindet, ihr tausendstes Jubiläum feiert, dann hat das etwas zu bedeuten. Nur die wenigsten schaffen es, so zeitgemäß zu feiern und dabei dem eigenen Stil stets so treu zu bleiben wie die Bremer Jugendbewegung “Infamous Youth”. Wenn die Genossinnen und Genossen gerade nicht zusammen durch die Straßen rennen, nehmen sie harte Drogen oder singen Lieder beim Sportsport. Diese unvergleichliche Kombination von Freizeitaktivitäten hat sich als Erfolgsrezept erwiesen und alle konkurrierenden Jugendkulturen in der Hansestadt Bremen zu Tode gefeiert.

Nachdem es in Bremen jetzt nur noch Ultras gibt, alle Punker, Sprayer, Emos, Jusos und Kommunisten sich in den SV Werder verliebt haben und sich ULTRAS hinter die Ohren haben tätowieren lassen, greift die Fußball-Jugend den letzten Feind an: Das Christentum muss sterben, damit wir feiern können. Deshalb kommt das intellektuelle Drogenproletariat am 25.12. erneut im Zucker-Club zusammen, um sich bei sehr guter und sehr schlechter Musik sehr wohl zu fühlen. Ziel der Feier ist es, dass nächstes Jahr im Sommer wieder weniger gedacht und mehr gelacht wird. Wir wollen uns alle besser fühlen.

Und Ihr seid eingeladen.

Aber natürlich gibt es einen Haken. Mit den Erlösen werden nicht nur Repressionsopfer unterstützt, sondern auch linke Projekte. Wer das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, sollte am Einlass darauf bestehen, dass sein Geld nur für Menschen verwendet wird, die wegen hedonistischer Betätigung vom Staat verfolgt werden.

Menschen wie diese:

Natürlich gibt es auch einen richtigen Ankündigungstext und ein Lineup, das man bei lauschiger Weihnachtsmusik hier nachlesen kann. Zu beachten ist, dass bei weitem nicht alle Errungenschaften der Zivilisation im Laufe des Abends aufgegeben werden:

wir wollen, dass sich alle auf unseren partys wohlfühlen, deshalb haben wir keinen bock auf sexismus, rassismus, faschismus, antisemitismus, nationalismus und mackerscheisse!

♥ infamous youth:: escalate with us!

Der Berliner Rapper Oliver Harris, dessen Nachname schon in der ersten Ermangelung von Kreativität sein Künstlerpseudonym wurde, hat einen Musiktrack über Deutschland und diese ganze Scheisse gemacht:

Harris Nur ein Augenblick

Wer nun erwartet, von einem, der einmal den selbst ernannten Berlin fickt euch in den Arsch-Style repräsentierte und von Gras, Becks und Zärtlichkeit träumte – was nicht viel, aber immerhin mehr als der ganz normale deutsche Mief ist – würde man auch nur ein schlechtes Wort über dieses, über sein Land hören, der hat sich getäuscht. Harris macht lieber gleich von Anfang an klar, wer sein Zielpublikum ist:

Du bist jung, schwarze Haare, braune Augen, dunkle Haut

Menschen mit Migrationshintergrund, die über einen anderen Phänotyp verfügen, brauchen also gar nicht erst hinhören, wenn der gebürtige Kreuzberger etwas über Integrationswillen und dieses Deutschland erzählt. Getragen von einem düsteren, unheilvollen Beat kriegen alle, die es ertragen können, nun fast 5 Minuten lang feinste Ideologie von jemandem ins Gehör gedrückt, der dafür auch von irgendeinem CSU-Kreisverband bezahlt worden sein könnte. Während Harris sich – wie bedeutungsvoll – seinen Weg durch eine Fanmeile bahnt, umringt von hunderten Feierdeutschen und den obligatorischen Migrantenkids mit schwarz-rot-gold auf den Wangen, kommt er direkt zum Punkt: Dir gefällts hier nicht? Dann zieh doch einfach wieder dahin, wo du herkommst!

Wieso wohnst du in diesem Land / über zehn Jahre / vielleicht länger / und sprichst trotzdem nicht die deutsche Sprache? / Du sagst Deutsche sind scheisse / deutsche Frauen sind Dreck / Tu Deutschland bitte einen Gefallen und zieh weg / Dieses Land braucht keine Menschen, die hier nicht sein wollen

Falls doch noch Orientierungsprobleme bei den Auszuweisenden auftauchen, Harris hat die Antwort direkt, denn er zeigt den Deutschlandhassern gerne auch den Weg zum Airport (und, wer sich ein bisschen mit Berliner Musik um die Jahrtausendwende auskennt, wird vielleicht denken: Vielleicht beendet Taktlo$$ dort dann wenigstens den Höhenflug von Harris.), denn der Volkskörper, zu dessen sich geborgen fühlendem Teil Harris selbst genauso geworden ist wie sein Hamburger Kollege Samy Deluxe, der braucht so einen Menschenschlag nicht: Unproduktiv, integrationsunwillig, ja, am Besten noch kriminell – aber bitte nicht hier.

Wie problemlos solch ideologischer Beton angerührt werden kann, wenn man nur lange genug die Schleuder dreht, das sieht man an derlei Beispielen am Allerbesten: Ein paar Fussball-WMs und Integrationsdebatten in Talkshows reichen vollkommen aus, und wenn dann noch ein  Ausländer endlich mal das sagt, was sowieso schon fast alle denken, ist die Szenerie perfekt: Mit ein bisschen Fähigkeit zur theatralischen Inszenierung kriegt man noch die bescheuertesten Meinungen im gesamtgesellschaftlichen Diskurs platziert, und wer eignet sich da besser als jemand, der so aussieht, als wäre er gar nicht das, was er ist – nämlich ein Deutscher? Es ist, als hätte sich Kristina Schröder in der jüngst von ihr angestoßenen Pseudodebatte um Deutschenfeindlichkeit Schützenhilfe erbeten, und Harris griff sofort zu Stift und Papier – Gras und Becks erstmal zur Seite, denn jetzt wirds ernst, wird er sich gedacht haben – um Zeilen wie diese aufzuschreiben:

Du kannst aber hier nicht leben / und alles schlecht reden / und denken dass man dann auch noch nett ist zu dir / vor allem wenn du die Deutschen nicht respektierst

Man bekommt den Eindruck, der zu sich selbst gekommene Harris steigere sich hier langsam in einen Rausch, denn wie anders ist es zu erklären, dass er unter völliger Missachtung des ohnehin nur sehr rudimentär vorhandenen Reimschemas dann auch noch zu folgender Feststellung gelangt – der Ekelschauer ist jedem Zuhörer, der sein kritisches Bewusstsein noch nicht völlig verabschiedet hat, sicher:

Ich weiss es klingt verrückt / ich bin stolz, Deutscher zu sein / bin Patriot und hab ne gute Portion Nationalbewusstsein>

Hätte ein böswilliger Zyniker bessere Figuren schaffen können als jene, die in den letzten Monaten zur Ehrenrettung des deutschen Nationalgefühls herangezogen wurden? Libanesen mit übergroßen Schland-Fahnen mitten in Neukölln, Jogi Löw und jetzt eben Harris. Vorbei sind die Zeiten, wo immerhin noch gut gemeinte, wenn auch nutzlose Musik ala Adriano produziert wurde, denn Nazis gibts hier eh nicht (mehr). Und falls doch, liebe Opfer rassistischer Gewalt: Es ist nur ein Augenblick. Wirklich.

In Oldenburg gibt es ein “autonomes Aktions- und Kommunikationszentrum”, in dem sich die örtliche Szene trifft. Weil Autonomie aber einen Haufen Geld kostet, gibt es dort heute abend Techno für die zahlende Feierjugend. Auf diesem Wege treten die tollsten Leute in autonomen Zentren auf. Wie hier nachzulesen ist, kommt mit “DerDeltarocker” ein echter Humanist in den linken Laden.

Der DJ hört auf den Namen „Delta­ro­cker“ und ge­hört zu einer Par­ty­trup­pe na­mens „Terz AG“. Die fei­er­ten 2008 im ört­li­chen Bor­dell und ver­spra­chen neben „dre­cki­gen Beats“ auch „saf­ti­ge Aus­bli­cke“: „ein­tritt frei – fi­cken kost was“, hieß es auf dem Flyer.

“Eintritt frei – ficken kost was”. So sieht zwar kein gutes Leben aus, aber wohl das, was man in Oldenburg unter einer guten Party versteht. Warum solche Leute dann später in einem autonomen Zentrum auftreten dürfen, ist offen: Entweder interessiert es einfach niemanden oder man braucht das Geld. Oder in Oldenburg schätzt auch die linke Szene ein bisschen Prostitution, der “saftigen Ausblicke” wegen.

Dabei lohnt es sich, den netten Deltarocker näher kennenzulernen. Martin Wassermann vom Reflexion-Blog hat ein Gespräch veröffentlicht, das er auf Facebook offenbar mit dem Musiker geführt hat. Auf nervige Fragen hin fragt der Gesprächspartner zurück, ob Wassermann wohl Hartz IV beziehe, er meint das als Beleidigung. Neben dieser Verachtung für arme Leute, die ihn geradezu für einen Auftritt in einem linken Zentrum prädestiniert, hat er aber auch noch interessante Informationen über die deutsche Geschichte – was hatten unsere Großeltern es schwer! – zu bieten. Nichts anderes als der alte Naziklassiker, die Bombardierung Dresdens, liegt ihm am Herzen. Die war nämlich “reiner hass und revanche seitens der engländer und nur gegen die zivil-bevölkerung gerichtet obwohl der krieg schon längst gewonnen war”.

Der antifaschistische Krieg gegen Hitler-Deutschland wird umgelogen zum “reinen Hass der Engländer”; das kommt direkt aus Goebbels Repertoire, jedes Jahr wieder neu vorgetragen von Nazis und ihren Kameraden. Und offenbar von deutschen DJs aus der Mitte der linken Klub-Gesellschaft. Da schließt sich in privater Diskussion der Kreis zum öffentlichen Puff-Auftritt.

Reflexion fasst zusammen:

Die po­li­ti­schen Aus­sa­gen wer­den nicht auf der Tanz­flä­che, dafür aber an­ders­wo ge­trof­fen. Der „Delta­ro­cker“ ist da keine Aus­nah­me. Un­po­li­ti­sche Elek­tro-​Mu­cke als DJ; Ge­schichts­re­vi­sio­nis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus im Pri­vat­le­ben.
Daran schien sich in der Ver­gan­gen­heit nie­mand zu stö­ren. Viel­leicht hat sich aber auch kei­ner der fei­ern­den Dorf­men­schen die Mühe ge­ge­ben, dem „Delta­ro­cker“ ein­fach mal rich­tig zu­zu­hö­ren.

Am 29. Oktober spielt Bonaparte übrigens in der Spedition. Die Tickets kosten jedenfalls unter 20€.

Sun

Eisenpimmel ist easily die beste Band der Welt und war das auch schon, bevor sie ihr erstes Musikvideo fertiggestellt hatte. Nun ist auch noch ein Video da, und das einzige, was daran zu bedauern ist, ist dass Michael Jackson es nicht mehr sehen kann. Thriller war eine Sache, aber “Füße hoch, Fernsehn an, Arschlecken” ist nochmal eine ganz andere. Wenn Eisenpimmel singen, halten Sozialstaatsdebatteure und Altpunker gleichermaßen die Fresse. Döp döp döp! Döp döp döp!

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