Sportliches

ist gesund und macht uns HART!

Jürgen Klopp ist stolz, Puma zu tragen. Diese Information kann man heute dem Internet-Angebot der britischen Qualitäts-Zeitung “The Guardian” entnehmen. Warum ist er stolz darauf, Puma zu tragen, wo deren Produkte doch für kleines Geld an jeder Ecke zu haben sind? Auch darauf findet man eine Antwort im Guardian: Puma ist a partner of Borussia Dortmund. Das alles lesen wir nicht in einer Anzeige, sondern unter einem ausführlichen Bericht, der aus einem Pressegespräch in den Räumlichkeiten von Puma hervorgegangen ist. Die Firma Puma vermietet ihren bezahlten Repräsentanten Jürgen Klopp also an die Presse und lässt sich im Gegenzug versichern, dass unter dem Artikel die zitierten Informationen stehen: Jürgen Klopp is proud to wear PUMA – who are also a partner of Borussia Dortmund.

Canny Kloppo

Nun würde das Puma noch nicht viel weiterhelfen, würde Jürgen Klopp nicht grundsätzlich positiv gesehen werden. Das ist schon deshalb der Fall, weil er mit seiner Mannschaft ins Endspiel der Champions League gekommen ist. Klopp ist aber auch ein Meister der Außendarstellung. Während er Werbung für Puma macht, macht er brillante Werbung für sich selbst und Borussia Dortmund: Er macht aus dem börsennotierten Großkonzern wieder einen “Arbeiterklub“. Er vergleicht den aktuellen Champions-League-Finalisten mit seinem früheren Verein, dem damaligen Zweitligisten Mainz 05, und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: “it was the same at Mainz”. Die Journalisten bemerken das: “Klopp is canny enough to evoke these romantic roots“. Canny – gerissen, geschickt, erfahren.

Das Interview trieft vor behaupteter Emotionalität. So will Klopp sich vorgenommen haben, seinen Job in Dortmund mit weniger Herzblut als zuvor in Mainz anzugehen, allein: Es war ihm unmöglich, der Verein ist zu toll.
Beim Abschied von Shinji Kagawa, der zwei Jahre in Dortmund gespielt hatte, lagen Klopp und er sich angeblich 20 Minuten in den Armen und weinten. Die Übertreibung ist durchschaubar, trotzdem ist es eine schöne Geschichte. Wo gibt es das schon noch, dass sich zwei Menschen zum Abschied weinend in den Armen liegen? Das gibt es nur bei echter Liebe, und “Echte Liebe” ist, so ein Zufall, der Claim und damit Markenkern, den sich die Marketing-Strategen für Borussia Dortmund überlegt haben.

Damaged in the heart

Fußballkonzerne verkaufen Emotionen. Der naheliegenden Frage, wie authentisch derart fabrizierte Gefühle denn sein können, begegnet man mit der ständig wiederholten Behauptung, es handle sich um echte Liebe. Das würden die Leute natürlich nicht glauben, wenn sie es nur unter dem Vereinslogo lesen würden. Um das zu transportieren, muss man Geschichten erzählen, und das kann Klopp. Nicht genug mit den Tränen, auch die Schlaflosigkeit der Verliebten wird bemüht. Nämlich zum Abschied von Mario Götze, den einige Mitspieler nicht verarbeiten konnten: “I called six or seven players who I knew were damaged in the heart.” Und sogar die Selbstzweifel, die zurückgewiesene Verliebte spüren, kommen vor: “They thought they were not good enough (…)”.

In der Aufzählung ist es ermüdend, aber bei Klopp lesen sich die Kitschszenen alle sehr spannend. Etwa wenn er seinen Spielern nicht die Spielzüge von Barcelona zeigt, sondern nur die Fotos der ihre Tore feiernden Barca-Spieler. Emotionen! Bis zum Tod! “This is what you should always feel – until you die.” Ohne Probleme könnte der BVB-Trainer auch direkt Plakate betexten, etwa mit solchen Sätzen: “You can speak about spirit – or you can live it.”

Schweden, London, Hamburg

Es folgt eine Episode aus der schwedischen Wildnis (wirklich!), in die er mit den Mainzern zum Teambuilding gezogen war. Man muss sich hier vergegenwärtigen, dass Klopp gerade kurz vor einem Finale im neu gebauten Wembley-Stadion gegen den Hochglanzverein aus München steht. Die Champions League ist eine polierte Welt mit Flutlicht, schönen Menschen und eigener Hymne, mit Trainern in teuren Anzügen – und Klopp erzählt von Moskitos und fünf Tagen Hunger im Wald! Das ist, man muss das zugeben, ziemlich genial.

Klopp weiß natürlich um sein Talent als Entertainer und seinen Erfolg als Trainer. So kokettiert er gelassen damit, dass sich der FC Bayern damals für Jürgen Klinsmann und gegen ihn entschieden hat. Eine Fehlentscheidung, wie der Leser sich grinsend selbst denkt, so dass Klopp es nicht aussprechen muss. Dem HSV hat er abgesagt, weil den Verantwortlichen das Vertrauen in seinen Charakter fehlte. Was für Narren!

It´s the narrative, stupid!

Klopps Gegenüber vom FC Bayern, Jupp Heynckes, hat am Samstag in Sachen Emotionalität schon gut vorgelegt: Er weinte nach dem Spiel, das wohl sein letztes in der Bundesliga war. Die Tränen waren im Gegensatz zu Klopps Aussagen nicht kalkuliert, entfalten aber längst nicht deren Wirkung. Denn die Geschichten von Bayern München und Jupp Heynckes sind andere als die des BVB. Emotionalität steht hier nicht im Mittelpunkt. Klopp, der übrigens bei großer Freude und großem Ärger das gleiche verbissene Gesicht aufsetzt, formuliert das so: “We are a club, not a company, but it depends on which kind of story the neutral fan wants to hear. If he respects the story of Bayern, and how much they have won since the 1970s, he can support them. But if he wants the new story, the special story, it must be Dortmund.”

Es kommt drauf an, welche Geschichte man erzählt. Das lernt man im postmodernen Seminar oder in der Marketing-Agentur oder bei Jürgen Klopp. Dass er es in genau dem Interview ausspricht, in dem er die Geschichte erzählt, die die Leute seiner Vermutung nach hören wollen, zeigt eine entwaffnende Offenheit. Und leider hat er recht: Ein Sieg der Dortmunder wäre einfach die bessere Geschichte. Die Übersaison und das Triple der Heynckes-Bayern sind auch gut, aber letztendlich wollen wir, glaube ich, einen Bruch in der Story, ein echtes Drama. Letztendlich ist es alles Fiktion, alles eine Frage des Narrativs, weiß James Klopp, der das Duell mit den Bayern gleich ganz ins Reich des Films verlegt: “It’s like James Bond – except they are the other guy [the villain].”

Die Redaktion wünscht einen schönen Tag der Befreiung! Unsere russischen Genossinnen und Genossen feiern bekanntlich erst einen Tag später, dafür aber umso besser. Wir verweisen daher gern auf diese Veranstaltung am Donnerstag, dem Tag des Sieges, der dieses Jahr endlich zum gesetzlichen Feiertag erklärt wurde.

Mit dem 0:3 gegen Wolfsburg dürfte der SV Werder Bremen seinen sportlichen Tiefpunkt in dieser Saison bereits erreicht haben, viel weniger geht nicht. Das heißt aber nicht, dass das allgemeine Elend, das den Verein derzeit umgibt, sich nicht ähnlich spektakulär auch an anderer Stelle zeigen kann. Die nächtliche Autobahnfahrt von Marko Arnautovic und Eljero Elia, die zu ihrer Suspendierung aus dem Kader führte, eröffnet einige Räume für Spekulationen über den Zustand des Vereins. Die Einstellung der beiden prominentesten Spieler des Kaders ist ganz offensichtlich unter aller Sau – wer nachts um drei noch durch die Gegend fährt, wenn er am nächsten Morgen trainieren soll, der schert sich wenig um jenes Training und den Verein, die Mannschaft und den Trainer, die es veranstalten.

Arnautovic und Elia interessieren sich vor allem für sich selbst, und das Ergebnis ihrer Nabelschau ist stets große Begeisterung. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches, es ist nur sehr schlecht für Werder Bremen. Denn wer so stolz auf das Leben ist, das er führt, wie Elia das gerade wieder dokumentiert hat, der muss auch keine großen Ziele mehr haben. Kann er natürlich, muss er aber nicht. Das ist, wie gesagt, nur allzu verständlich: Wer solche Autos hat, hat erstens ausgesorgt und zweitens eine Menge Spaß. Das ist aber nicht unbedingt der Stoff, aus dem der Ehrgeiz gemacht ist, der Werder Bremen in den Europapokal bringt. Dass er schon der Größte ist, denkt auch Marko Arnautovic. Das hat ihn noch nach der nächtlichen Blamage dazu verleitet, sich auf Facebook beleidigt darüber auszulassen, dass die Polizei die Sache ganz falsch darstelle. Die Problematik dabei, sich als Fußball-Profi nachts auf der Autobahn rumzutreiben, ist ihm gar nicht bewusst. Inzwischen hat sein Bruder und Manager Daniel noch einmal kräftig nachgelegt. Das nennt man dann wohl Chuzpe.

Bemerkenswert ist, was die beiden aus einer relativ kurzen guten Zeit bei Twente Enschede herausgeholt haben. Sie sind reich geworden und anscheinend sehr zufrieden mit sich. Bei Juventus und Inter sind sie gescheitert, aber bei Werder Bremen gab es neue Verträge. Ihre Leistungen hier sind bestenfalls durchwachsen, das Geld für den Verein jedenfalls nicht wert. Das könnte daran liegen, dass man hier im Gegensatz zu früheren Transfers eine andere Mentalität in den Verein gebracht hat. Vielleicht ist es so, dass für die beiden mit dem Wechsel zu Werder schon alles geregelt war. Vielleicht dachten sie, damit wäre der Weg von Diego und Klose, von Özil und Pizarro auch für sie schon vorgezeichnet. An ihrer eigenen Klasse haben die beiden sicher keine Zweifel gehabt. Wie es anders geht, kann man bei Werder ausgerechnet an dem Spieler sehen, der hier keinen Vertrag mehr hat. Kevin de Bruyne merkt man in jeder Minute an, dass sein Ziel die erste Elf beim FC Chelsea ist – so wie man Diego angemerkt hat, dass er seinem Ruf als Supertalent nach der verkorksten Zeit in Porto endlich gerecht werden wollte.

Ein Schlag ins Gesicht ist die nächtliche Prolltour seiner Spieler auch für Thomas Schaaf. Aus beiden konnte er nicht die ihrem Preis angemessene Leistung herausholen, und nun stellt sich für alle sichtbar heraus, dass die beiden daran auch nicht sonderlich hart arbeiten. Passiert ist das wohlgemerkt in der Woche, in der verschiedene Team-Building-Maßnahmen angesetzt waren und allenthalben die Ernsthaftigkeit der Situation, besonders für den Trainer und seine Zukunft, betont wurde. Während dessen Arbeit schon ihrer Erfolglosigkeit wegen in Frage steht, kommt jetzt noch die gefürchtete Disziplinlosigkeit dazu, die Führungskräfte stets schlecht aussehen lässt.

Marko Arnautovic’ Vertrag läuft 2014 aus, eine Verlängerung schien bisher schon nicht besonders klug, jetzt dürfte die letzte Chance zum Verkauf genutzt werden. Elia hat noch einen Vertrag bis 2016, da könnte Werder auf eine Wertsteigerung spekulieren. Neben den beiden Edel-Gockeln hat Werder aber noch ein anderes Problem im Kader, nämlich die mangelnde Qualität. Spieler wie Sebastian Mielitz und Assani Lukimya können froh sein, überhaupt einen Platz bei Werder Bremen bekommen zu haben. Daneben gibt es zum Glück eine Reihe von Spielern, die können und wollen. Die werden auch in der Lage sein, in den letzten Spielen der Saison die nötigen Punkte zu holen. Die große Frage ist, ob Thomas Eichin mit oder ohne Schaaf in den kommenden Jahren eine Mannschaft zusammenstellen kann, die die Qualität und die Mentalität hat, um in Bremen wieder erfolgreichen Fußball zu zeigen.

Mesut, 17

Im Kurzfilm “Mesut, 17″ kann man nicht nur den jungen Mesut Özil bei einem Hallenturnier sehen, sondern auch einen anderen für Werder-Fans wunderschönen Moment: “Gehalten von Sebastian Mielitz!” hören wir den Hallensprecher sagen, ein in der Gegenwart sehr selten gewordenes Ereignis. Wertvoll ist der Film auch als Studienmaterial für alle, die wie ich seit Jahren versuchen, sich eine Karriere als Uli-Stielike-Imitatoren aufzubauen.

Sehr geehrte Frau Scharrelmann,

vielen Dank für Ihre Einladung zu der von Ihnen “Veranstaltung gegen Rechts” genannten Podiumsdiskussion am 10. Oktober im Lagerhaus. Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir diese Veranstaltung nicht besuchen werden, im Gegenteil: Wir möchten Sie dazu auffordern, diese Veranstaltung abzusagen.

Wir fragen uns, wie ausgerechnet die SPD etwas gegen “Rechts” tun will. Der Bremer Innensenator, ein Sozialdemokrat der alten Schule, hat kürzlich erklärt, es sei “keine politische Tat, wenn jemand alkoholisiert ,Sieg Heil’ ruft.” Der rassistisch motivierte Brandanschlag in Woltmershausen ist laut Kamerad Mäurer “kein klassisches Delikt rechtsradikaler Täter” gewesen. Die Frage ist nun, Frau Scharrelmann, über welches “Rechts” Sie denn sprechen wollen, wenn Leute, die “Sieg heil!” und “Ausländer raus!” rufen und dann versuchen, mitten in Bremen ein Haus voller Menschen anzuzünden, offensichtlich nicht als rechts, nicht einmal als politisch gelten. Gibt es dann überhaupt noch Rechte in Deutschland?

Nun sind Sie nicht Herr Mäurer, Frau Scharrelmann, aber das tut hier wenig zur Sache: Schließlich sind es die Fraktionen der SPD und der Grünen, die diesen Mann im Amt halten.

Und dabei ist die Verharmlosung rechter Möchtegern-Mörder auch in diesem Fall noch nicht alles. Bremer Polizei und Innensenator setzen die spätestens seit den NSU-Morden bekannte deutsche Tradition fort, Opfer rechter Gewalt nicht nur nicht zu schützen, sondern im Anschluss auch noch zu beleidigen. So wurde der Familie aus Woltmershausen empfohlen, doch einen Eimer Wasser als Schutz gegen einen weiteren Brandanschlag bereit zu stellen – mehr wollte die Bremer Polizei für diese Menschen nicht machen. Herr Mäurer bezichtigt die Opfer in dieser Sache nun der Lüge – nachdem er den Brandanschlag zuvor auf die “schwierigen” Verhältnisse in der Nachbarschaft zurückgeführt und die rassistische Tat damit als irgendwie begründet verharmlost hatte. Nicht zum ersten Mal verteidigte Herr Mäurer das Vorgehen der Polizei, dass man ebenfalls nur als rassistisch bezeichnen kann: Statt die Täterinnen und Täter erst mal in der Zelle schmoren zu lassen, wie es bei einem versuchten Totschlag üblich ist, durften sie nach einer Blutprobe wieder gehen.

So lange die grüne und die sozialdemokratische Fraktion diesen Mann und seine Polizei damit beauftragen, für die Sicherheit der Menschen in Bremen zu sorgen, sollten Sie zumindest den Anstand besitzen, auf die Ausrichtung von “Veranstaltungen gegen Rechts” zu verzichten, Frau Scharrelmann.

Nun haben Sie sich, und das ist politisch sicher ganz clever, ein anderes Thema als den rassistischen Anschlag in Pusdorf für Ihre Veranstaltung ausgesucht. Sie fragen jetzt: “Wie verhindern, dass Neonazis die Bremer Fanszene unterwandern.” Wir würden gerne unterstellen, dass das gut gemeint ist, in erster Linie ist es allerdings blanker Unsinn: Die Bremer Fanszene besteht entgegen Ihrer offenkundigen Annahme nicht aus naiven Idioten, die von einer klandestinen “Unterwanderung” durch perfide Nazi-Kader bedroht sind. Im Gegenteil, die Fanszene und insbesondere die Ultraszene tun seit Jahren, worüber Sie jetzt reden wollen.

Von einer Fanszene, die selbst Subjekt antifaschistischer Arbeit ist, ist im Einladungstext aber nichts zu lesen. Stattdessen wollen Sie diskutieren, “wie die Politik die Vereine bei ihrer Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung unterstützen kann”. Sehen wir mal ab davon, dass der maßgebliche Verein in dieser Stadt eine millionenschwere Firma ist und kein kleines, selbstorganisiertes Projekt mit dem Ziel, Sport zu treiben – auch sonst hat die Fragestellung mit der Realität nichts zu tun. Schon bevor der SV Werder nach dem Angriff auf antifaschistische Fans im Ostkurvensaal aufgewacht ist, haben zwei Ultragruppen mit dem angefangen, worüber Sie jetzt diskutieren lassen wollen – genau deswegen sind sie angegriffen worden. Und Ihr bescheuerter Justizapparat hat es auch nach Jahren nicht hingekriegt, die Neonazis für ihr Treiben angemessen zu belangen. Stattdessen liefen die stadtbekannten Neonazis wie die Könige durch das Bremer Amtsgericht und konnten ungehindert weitere Drohungen aussprechen. Sie wissen, dass ihnen vom sozialdemokratischen Establishment in Bremen keine Gefahr droht.

Das Gute ist: Im Stadion von Werder Bremen können Nazis sich schon lange nicht mehr erlauben, was sie sich im Amtsgericht von Mäurer, Picard und Co erlauben. Denn im Stadion ist couragierten Leuten genau das gelungen, worüber Sozialdemokraten jetzt großspurig diskutieren wollen: Während vor zehn Jahren rassistische und homophobe Gesänge bei jedem Spiel im Weserstadion zu hören waren, muss heute mit Gegenwind rechnen, wer sowas anstimmt. Das haben die Fans selbst gemacht, und dafür brauchten sie keine Podiumsdiskussionen im Lagerhaus bei Bier für 2,80€.

Aber ja, es ist nicht das Ding der SPD, wirklich etwas zu machen, sie sitzt lieber im Parlament und redet schön. (Natürlich nicht, wenn Mäurers Bande gerade das Demonstrationsrecht der Nazis schützt. Dann werden alle Genossinnen und Genossen, die etwas mehr Mumm haben als die Sozen und sich nicht nur für’s Foto in die erste Reihe stellen, von der Polizei mit Pfeffer eingedeckt und ein paar Auserwählte ins Krankenhaus geprügelt – Anwerbeversuch vom Geheimdienst inklusive.) Da kommt die antifaschistische Attitüde leicht rüber; die ein, zwei Rechten plus die CDUler stecken Sie locker in die Tasche, und von echten Nazis aufs Maul kriegen eh immer nur die anderen. Aber es wäre schon blöd, wenn die Parlamentsnazis mehr würden, nicht wahr? Was liegt also näher, als die Nazis beim “Stimmenfang” aufzuhalten, “Rechter Stimmenfang am Stadion” soll die Veranstaltung heißen. Die Ironie: Ihre Veranstaltung ist nichts anderes als blassrosa Stimmenfang. Es ist die blanke Heuchelei, sich jetzt, pünktlich nach Ende der Ostkurvensaal-Prozesse, an dieses Thema zu hängen. Und Sie entlarven sich und ihre Ignoranz dabei selbst: Es wurde “ein linkes Fanprojekt von Neonazis angegriffen und bedroht”? Nein, es wurde kein linkes Fanprojekt angegriffen, die antifaschistische Ultragruppe Racaille Verte wurde angegriffen und bedroht, in den Räumen des Fan-Projekt Bremen e.V.. Und dieser Überfall liegt bald sechs Jahre zurück, was sie beredt verschweigen.

Während wir ein gewisses Verständnis für Ihr politisches Geltungsbedürfnis haben, empfinden wir Ihr offensichtlich umfassendes Desinteresse an den tatsächlichen Umständen als Beleidigung für alle, die sich in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Fußball gegen Nazis engagiert haben. Ein weiteres Beispiel für Ihre Ignoranz ist, dass niemand aus der Fanszene aufs Podium geladen ist. Und nein, Thomas Hafke ist zwar vom Fan-Projekt, hat auch mit Fans zu tun, ist aber ein von Ihnen bezahlter Sozialarbeiter.

Ronny Blaschke hat sicher einiges zum Thema zu berichten. Allein, wenn die Damen und Herren aus den Regierungsfraktionen auch nur das geringste Interesse daran hätten, hätten sie das schon vor einem knappen Jahr hören können, als Racaille Verte den guten Mann zu einer Lesung eingeladen hatte. Auch damals gab es eine Diskussion im Anschluss, wenn auch ohne als solche erkennbare SPD-Mitglieder und die Polizei. Das haben die Fans selbst gemacht, egalitär und bei Bier für nen Euro.

Wenn Sie und Ihre Partei, Frau Scharrelmann, nun tatsächlich Interesse daran haben sollten, “welche Hilfen die Opfer von rechter Gewalt und Diskriminierung brauchen”, haben wir einen Vorschlag: Sprechen Sie doch einfach mit ihnen statt über sie. Und wenn Sie etwas “gegen Rassismus und Diskriminierung” tun wollen, dann suchen Sie sich doch einen neuen Innensenator oder eine neue Innensenatorin. Der oder die kann sich dann vielleicht auch ernsthaft mit den Problemen auseinandersetzen, die Vereine wie der KSV Vatan haben.

Mit freundlichen Grüßen,

die Redaktion

Darauf hat die fussballinteressierte Oeffentlichkeit gewartet: Philipp Köster, der sich paradoxerweise gleichzeitig Chefredakteur eines Magazins fuer Fussballkultur und Sportjournalist des Jahres 2010 nennen lassen darf, geht auf Spurensuche. Wer sich an Kösters Volten gegen die tatsaechlich manchmal ziemlich nervigen Ultras erinnert, hat es schon geahnt: Es wird zuenftig, ein klein bisschen ironisch und vor allem unglaublich erhaben und souveraen – das ist der sprachliche Duktus, an den man sich bei Autoren, die ihren Lebensunterhalt mit der Inszenierung von Fussballkultur verdienen, laengst gewoehnt hat. Weil man im Tagesgeschaeft der Print- und Onlinemedien um eine griffige Schlagzeile gar nicht herumkommt, erklaeren schon die beiden fettgedruckten Saetzchen sofort, worum es geht: Das Gay-Interview, der Scoop des fluter-magazins, sieht aus wie ein Fake. Was sich hinter diesem zugegebenermassen ziemlich eindrucksvollen Denglisch verbirgt, erklaert uns der gebuertige Schwabe in zwoelf bissigen Absaetzen:

Dem vermeintlich echten Interview fehlt unter Umstaenden die Authentizitaet, das wichtigste Gut journalistischer Arbeit. Moeglich ist das durchaus, und das waere ziemlich unschoen, nicht nur, weil es journalistisch nicht gerade integer waere, sondern auch, weil es die Meinung all derer mit zusaetzlicher Munition beliefern wuerde, die das Thema “Homosexualitaet und Profifussball” ins Reich der Urban Legends verlegen – was genau genommen heisst, dass es gar keines ist. Zum Glueck gibt es die detektivische Spuernase Köster, die keine Muehen gescheut hat, das Interview von vorne bis hinten zu analysieren.

Da waeren zunaechst einmal die W-Fragen, deren Beantwortung der ueberforderte 11 Freunde-Leser dankenswerterweise abgenommen bekommt. Das Setting fuer den Scoop ist, ganz klar, eine Spur zu dramatisch, und der Interviewer ist gerade mal 25 Jahre alt und damit ganze fuenfzehn juenger als der designierte Sherlock (und im Uebrigen damit ziemlich genau so alt wie Köster es war, als die 11 Freunde das Licht der publizistischen Oeffentlichkeit erblickten). Was ebenfalls nicht passt: natuerlich ist der gefakte Fussballer ein echter Star – wie jeder Fussballer, der von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern interviewed wird, so wie etwa Christian Streich oder jeder andere Bundesliga-Trainer, dessen Statements man samstag abends im Aktuellen Sport-Studio zu hoeren bekommt.

In Zeiten religioeser Zwistigkeiten wird ein derart gesettetes Interview ziemlich schnell unkoscher, was in diesem Fall nichts anderes heisst, als dass es auf jahrelanger Recherche beruht und nicht in der 11 Freunde erscheint. Dass Kösters eigenes Heftchen zur Zeit mit Aufmachern wie Gassi gehen mit Lumpi und Bello um Leser buhlt und vom historischen Sieg Libanons ueber Iran – realpolitisch sieht es ein wenig anders aus – zu berichten weiss, geschenkt: Der Chefredakteur hat gerade ein groesseres Ganzes im Blick. Das Interview mit dem grossen schwulen Incognito-Sportler bestuende ausnahmslos aus Klischees und strotze vor eklatanten Widerspruechen, sowas ist man von Fussballern gar nicht gewohnt, elaborieren doch die Mainstream-Heteros in 11 Freunde, kicker und Sport-Bild zumeist ueber die ethischen Implikationen der Genom-Forschung und die geopolitischen Dimensionen des Drohnen-Kriegs in Pakistan. Weil sich die vermutlich ohnehin inexistente Schwuchtel dann auch gar nicht entscheiden kann, wovor sie mehr Angst hat, vorm enthemmten Mob in den Stadien oder vor den Medien (als sei das ein Widerspruch) – Köster ist da gluecklicherweise wunderbar exakt – und darueber hinaus auch noch erst reflektiert spricht, um dann das uebliche Fussballerlatein zu dreschen, also genau das tut, womit die 11 Freunde seit Jahren ihr Geld verdienen, muss die Story einen Haken haben.

Ob es diesen oder irgendeinen anderen schwulen Fussballer ueberhaupt gibt, spielt genau genommen laengst keine Rolle mehr. Wer eins und eins zusammenzaehlen kann, weiss, dass die Inexistenz eines solchen eigentlich ziemlich unrealistisch ist. Ronny Blaschke hat schon vor einigen Jahren ein Buch ueber Marcus Urban veroeffentlicht, einen Fussballer, der sich erst nach seiner Karriere oeffentlich zu seiner sexuellen Orientierung geaeussert hat und das von sovielen Klischees und unangenehmen Situationen erzaehlt, dass einem Angst und Bange werden kann. Nur, die oeffentliche Debatte hat eine Erwartungshaltung erzeugt, der vermutlich niemand mehr gerecht wird: Wortgewandt und nicht klischeeschwul – was auch immer das heisst, bei Heteros ist es auf jeden Fall in Ordnung – muesste dieser grosse Unbekannte sein, bitte auch kein Bankdruecker bei einem Mittelklasseclub oder gar Abstiegskandidaten – bloss kein ganz normaler Mensch. Weil es so jemanden nicht gibt und – darueber hat man irgendwie noch nie nachzudenken versucht – mancher Fussballer eventuell auch einfach lieber wegen seiner beruflichen Leistungen als durch seine sexuelle Orientierung in der Oeffentlichkeit stehen moechte, bleibt die Suche nach der Spinne in der Bananenkiste erfolglos. Vielleicht recherchieren die elf Freunde aber auch schon seit mehr als zwei Jahren und praesentieren uns bald ihr eigenes Exklusiv-Interview mit einem garantierten schwulen Sportler, der auch noch sein Gesicht und seinen Namen oben drauflegen wuerde – Transparenz ist unerlaesslich. Köster koennte sich vermutlich ueber eine ziemlich gut verkaufte Auflage freuen.

Einem der gescheiteren Politiker der letzten Dekaden bleibt es da, ein passendes Schlusswort zu liefern:

There are known knowns. These are things we know that we know. There are known unknowns. That is to say, there are things that we know we don’t know. But there are also unknown unknowns. There are things we don’t know we don’t know.

Fast ein Wochenende ist die fuenfzigste Bundesliga-Saison nun alt, und wer vergessen hatte, was in diesem halben Jahrhundert bisher so passiert ist, konnte sich zur Eroeffnung des ersten Spieltags am Freitag nochmal in einem Video-Zusammenschnitt informieren, was man alles verpasst hat – zum Beispiel Martin Luther King und John F Kennedy, die ehemaligen Mittelstuermer des SV Werder. Der Zweite der ewigen Tabelle ist bekanntermassen auch das Team, dem diese Redaktion in unterschiedlicher Intensitaet die Treue haelt, und erwartungsgemaess eroeffnete Gruen-Weiss die Saison mit einer Auswaertsniederlage beim Vorjahresmeister. Wieviele Rueckschluesse man auf die nun folgenden 33 Spieltage (Pokalspiele brauchen uns ja nicht mehr zu interessieren, zumal der glorreiche RWE in diesem Wettbewerb ebenfalls die Segel gestrichen hat) ziehen kann, ist zumindest einmal fragwuerdig: Ja, die Abwehr sah nicht sonderlich gut aus, aber sie wird auch nicht die ganze Saison lang gegen Robert Lewandowski und Marco Reus verteidigen muessen. Und das Unwort der Saison duerfte dieses Jahr Bundesligadino heissen, ein Begriff, der hoffentlich nach dem vierunddreissigsten Spieltag obsolet geworden ist, weil es kein Subjekt mehr gibt, auf das diese Bezeichnung passt.

 

Vor Anstoss jeder der bisher 7 Partien, die stattfanden, oblag es einem Spieler der Heimmannschaft, ein Grusswort an die Fans im Stadion zu richten. Dort durften die Zuschauer – wenn das Ganze nicht in einem gellenden Pfeifkonzert unterging, wie etwa am Samstag in Frankfurt, wo die Eintracht ihre Saison vor einer leeren Nordwestkurve eroeffnete – erfahren, dass sich die DFL und die sie konstituierenden Vereine, wer haette es gedacht, klar gegen Rassismus und Diskriminierung stellen und auch von Pyrotechnik und Fan-Randalen nichts halten. Derlei Bekenntnisse wurden in vielen Stadien von Sprechchoeren flankiert, in denen der DFB als Fussballmafia bezeichnet wurde. Man kennt solch trotzige Reaktionen sonst zum Beispiel fuer den Fall, dass ein hochrangiger Politiker ein Fussballspiel besucht: Die Pfiffe der Fans, von denen sicherlich eine Menge ganz brave Wahlbuerger sind, sind ihm oder ihr sicher, aendern tut sich durch diese spontane Unmutsbekundung natuerlich ueberhaupt nichts. Doch es ist genau dieser trotzige Ton, den organisierte Fanbewegungen in den deutschen Stadien auch in diesem Jahr wieder anschlagen, wenn es um ihre eigenen Belange geht.

 

Das ist auch gar nicht so unverstaendlich, hat doch die DFL ihren Dialog ueber die Verwendung von Feuerwerkskoerpern in den Kurven unilateraler gestaltet als die Bush-Administration die Debatte um den Irak-Krieg. Eine Diskussionsbasis ist nicht (mehr) vorhanden, soviel haben mittlerweile alle Beteiligten verstanden, weshalb sich jeder Fernsehkommentator ein paar Standardsaetze ueber “Dinge, die wir im Stadion nicht sehen wollen” zurecht gelegt hat und die meisten Vereinsoffiziellen mittlerweile fein zwischen Fans und Stoerenfrieden zu differenzieren wissen. In den Fankurven sieht das noch ein wenig anders aus, denn zumindest in der ersten Liga befinden sich die Befuerworter dessen, was sie selbst eine aktive Fankultur nennen, in der numerischen Unterzahl gegenueber den Normalos und Konsumenten, die das Gros der Besucher eines Bundesligaspiels ausmachen. Diese scheren sich im Normalfall weder um polizeiliche Repression, geklaute Zaunfahnen, Spruchbaender, Derbytreffpunkte und Drittortauseinandersetzungen, weshalb die Ernsthaftigkeit, mit denen vor allem die hiesigen Ultragruppierungen immer wieder auf unterschiedlichste Belange aufmerksam machen, bei ihnen vor allem auf Unverstaendnis stoesst.

 

Dabei koennte alles so einfach sein, denn eigentlich moechten die Ultras gar nicht soviel – die meisten ihrer Forderungen passen auf ein paar Meter beschrifteter Tapetenrolle. Je nach Vereinszugehoerigkeit, Organisationsgrad, politischer Orientierung und Machtfuelle innerhalb des eigenen Vereins werden diese Forderungen artikuliert, dass es ueberall dieselben seien, waere eine unzulaessige Vereinfachung, so zu tun, als laegen zwischen den Gruppen geradewegs Welten, waere allerdings genauso falsch. Die medialen Mittel moegen differieren, denn manchmal erreicht uns die Ultra-Botschaft in Form eines Instruktionsvideos oder eines Indianerhaeuptlingzitats, manchmal in Form gegenderter Texte von erstaunlicher Laenge oder in tiefschuerfenden Ausfuehrungen, die Medienkritik und Selbstvergewisserung zusammenzubringen versuchen. Man taete Gruppen wie den Deviants von Preussen Muenster, der Infamous Youth vom SV Werder und all den anderen Zusammenschluessen, die etwas gegen so manche Haesslichkeiten des Stadionalltags unternehmen, auch Unrecht, schmisse man sie alle in denselben Topf. Auch im Jahr 2012 finden sich in vielen deutschen Stadien zum Teil gar nicht so unerhebliche und im Notfall mit der groesseren Muskelkraft ausgestattete Holzkoepfe, die sich das Faustrecht zu Nutze machen zu wissen, das mussten zuletzt einige Ultras von Alemannia Aachen erfahren.

 

Aber das Problem der Ultras und ihrer Suborganisationen ist tiefliegender als ein paar Spruchbaender, Karikaturen und Absichtserklaerungen es vermuten lassen: Sie kaempfen gegen einen gesellschaftlichen Prozess, den die meisten von ihnen entweder partout nicht als solchen begreifen wollen oder derart vereinfachen, dass am Ende wenig Erbauliches herauskommt. Man koennte sich auch an dieser Stelle das Leben sehr leicht machen und entweder die x-te Solidaritaetserklaerung abgeben oder mit dem Bashing beginnen. Letzteres faellt, falls gewuenscht, nicht gerade schwer, es genuegt ein Blick auf die oben verlinkten Artikel um zu erkennen, dass die Analyse der Lage in den meisten Faellen immer noch auf ein simples us versus them hinauslaeuft: Die Bonzen vom DFB, die natuerlich sichtbar sattgegessen sind, pressen den echten Fans die Luft zum Atmen aus dem Koerper. Waere es allerdings so einfach, wuerde ein anderer Fussball also tatsaechlich von einer 99 zu 1-Mehrheit gefordert, wie wir das in einem ziemlich analogen Fall zuletzt von der Occupy-Bewegung gehoert haben, warum ist er dann nicht laengst zur Realitaet geworden?

 

Eine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage uebersteigt vermutlich sowohl den Rahmen eines Blogbeitrags als auch die Kompetenzen dieses Autors, aber zumindest eine Naeherung laesst sich versuchen: Wenn man versucht, Melancholie und Pathos zu vermeiden, kann man vom deutschen Nachkriegsfussball schwerlich etwas anderes als eine Erfolgsgeschichte erzaehlen: Steigende Zuschauerzahlen, Einnahmen und vermutlich auch eine deutliche Verbesserung der sportlichen Qualitaet praegen das Bild im fuenfzigsten Jahr der Liga. In der FAZ bestaetigte Michael Horeni diese Einschaetzung mit einer interessanten Beobachtung, die man auch als Fingerzeig in Richtung all derer lesen kann, die vom Millionengeschaeft und den davon profitierenden Bonzen fabulieren:

 

Und trotz aller Veränderungen und dem Sturm der Globalisierung – die mittelständischen Fußball-Unternehmen haben sich auch wirtschaftlich als weitaus robuster erwiesen als ihre Kollegen aus dem Dax. Alle sechzehn Klubs der ersten Bundesligasaison spielen noch heute in den drei Profiligen, trotz aller Skandale um gekaufte Spiele, Spieler und Schiedsrichter. Von den damals sechzehn größten deutschen Unternehmen sind jedenfalls einige wie Gutehoffnungshütte, Farbwerke Hoechst, Gelsenkirchener Bergwerk oder Badische Anilin längst vom Markt oder den Kurszetteln verschwunden.

 

Sieht man naemlich von den Branchen-Riesen ab, ist der Fussball noch immer eine mittelstaendische Angelegenheit. Es mag sein, dass Grossunternehmen wie Volkswagen oder Bayer den Etat mancher Vereine finanzieren, und ja, es gibt Faelle von unterschiedlich stark ausgepraegtem Maezenatentum, aber Maenner mit einer gut gefuellten Brieftasche haben auch den Aufstieg von Vereinen wie Rot-Weiss Essen in die Wege geleitet, sind also mitnichten eine neue Entwicklung. Die Bundesliga als weltweit vermarktungsfaehiges Produkt ist ein Phaenomen der letzten zwanzig Jahre, einer Zeit, in der sich viele Vereine neue Stadien gebaut haben, in denen TV-Rechte einen immer wesentlicheren Teil der prognostizierten Einnahmen der Liga ausmachten und in der eine amorphe Masse von neuen Stadionbesuchern entstanden ist. Wer vom Fussball als Sport des kleinen Mannes redet – lustigerweise tun es gerne die, die selbst einen akademischen Abschluss anstreben oder bereits erreicht haben und ganz sicher nicht zu den unteren 10 Prozent gehoeren – und mit dieser Formulierung auf dessen Kontostand abzielt, verliert die Funktionsmechanismen des Vergnuegungsangebots innert einer kapitalistischen Gesellschaft aus den Augen: Es richtet sich immer an einen wie auch immer umgrenzten Markt und muss notwendigerweise auf Profitmaximierung zielen, um sich selbst zu erhalten oder im besten Fall auch noch zu wachsen. Kritik an der Art und Weise, wie eben diese erreicht wird, formulieren vor allem sich selbst als aktiv verstehende Fans: Verkaufte Stadionnamen geraten dann genauso ins Visier wie Trikots, die nicht in Vereinsfarben gehalten sind.

 

Die positiven Effekte dieser Wachstumsprozesse aber nimmt man – verstaendlicherweise – gern mit: Bessere Spieler, unterhaltsamerer Sport, groessere Aufmerksamkeit, unter Umstaenden auch mehr Erfolg. Wer sich nun als Bewahrer altehrwuerdiger Traditionen und mithin als moralischen Sieger versteht, muss aber auch mit augenfaelligen Widerspruechlichkeiten leben: Stefan Kuntz, Vereinsverantwortlicher beim letztjaehrigen Absteiger aus Kaiserslautern, hat darauf in der letzten Saison aufmerksam gemacht. Die Pfaelzer absolvierten eine katastrophale Spielzeit, die mit einem der verdientesten Abstiege der letzten Dekade belohnt wurde, und waehrenddessen machten ihre Fans ein paar Mal durch das Abbrennen von Feuerwerkskoerpern auf sich aufmerksam. Sichtlich erzuernt erklaerte Kuntz in einem Interview, es seien ja eben diese Leute, die sich als Sachwalter von Fritz Walters Erbe verstuenden, obwohl in dessen aktiver Zeit das verbotene Abbrennen von Feuerwerk ueberhaupt nicht stattgefunden habe. In eine aehnliche Richtung gehend koennte man auch fragen, ob Max Morlock – oder irgendeine andere Spielerlegende bei einem anderen Verein – tatsaechlich auf den Erhalt oder gar die Umbenennung eines Stadionnamens gepocht haette, wenn gleichzeitig die Moeglichkeit bestanden haette, die Rechte an selbigem an den Meistbietenden zu verkaufen, um damit vielleicht noch einen oder zwei Transfers mehr zu ermoeglichen.

 

Die unzufriedenen Fans und Ultras sind letztlich also ein Ergebnis des Prozesses, den sie zu bekaempfen vorgeben: Entstanden sind sie naemlich, zumindest in Deutschland, nie vor der grossen Expansion des nationalen Fussballs, sondern irgendwann mittendrin. Die aeltesten noch nennenswerten Gruppen datieren sich auf die Mitte der 90er Jahre, viele sind erst im 21. Jahrhundert gegruendet worden. Sie formulieren ihre Wuensche nach einem anderen Fussball also nicht aus der Perspektive einer realen Erfahrung des Vergangenen, sondern aus einer Geschichte darueber, wie es einmal gewesen sein soll. Wie die englischen Maschinenstuermer im fruehen 19. Jahrhundert macht ihre Kritik ueberhaupt nur dann Sinn, ist ihre Wut erst verstehbar, wenn man sie als Reaktion auf bereits Geschehenes versteht. So, wie man eine Maschine nicht kaputtmachen kann, bevor sie gebaut wurde, so braucht man auch nicht gegen “Kommerzialisierung” zu kaempfen, ohne dass sie stattgefunden hat. Dass man sich dabei, manchmal in bester Böhse Onkelz-Manier, als Vertreter einer verschworenen Minderheit inszeniert, mag ein enormes Satisfaktionspotenzial haben, schuetzt aber nicht vor inneren Widerspruechen. Den kleinen Mann jedenfalls, fuer den so viele Organisationen in der Menschheitsgeschichte schon vorgegeben haben, zu kaempfen, wird das alles vermutlich nicht sonderlich stoeren. Er schaltet auch naechstes Wochenende wieder den Fernseher ein, mancher aus Faulheit oder zu grosser Distanz zum Austragungsort, ein anderer, weil er sich die Karten nicht mehr leisten kann oder will, oder weil er seit 4 Jahren auf der Warteliste seines Vereins steht.

 

Und die Maschine, sie rattert weiter.

Vorgestern trafen sich die deutschen Innenminister, um über das vermeintlich vorhandene Gewaltproblem im Fußball zu reden. Anschließend luden “Pro Fans” und “Unsere Kurve” zur Pressekonferenz in einem Hotel nebenan, in der Hoffnung, auch ihre Standpunkte in den Medien unterbringen zu können.

Die Konferenz selbst hatte die für Innenminister üblichen Ergebnisse: härtere Strafen, mehr Überwachung und die Androhung von noch härteren Strafen und noch mehr Überwachung. Interessant war dann die spärlich besuchte Folgeveranstaltung der Fanorganisationen, und spannend ist auch der Blick auf den gesamten Vorgang, der einiges über politische Prozesse zu Tage fördert.

So ließ der Präsident des FC Köln, der irreführend Spinner heißt, obwohl er keiner ist, keinen Zweifel daran, dass ihn vor allem die 200.000 Euro Strafe stören, die der FC für eine Menge schwarzen Rauch in der Kölner Fankurve zahlen musste. Angenehmerweise macht sich außer den Kaspern von TV und Zeitung keiner mehr die Mühe, auf die Gefahr durch Pyrotechnik zu verweisen, auf Frauen und Kinder und das ganze Elend. Da allein die Zahl der bei Polizeieinsätzen verletzten Menschen die der Pyro-Opfer um ein Vielfaches übersteigen dürfte, wäre das ohnehin ein peinliches Unterfangen. Nun beklagt der Spinner aber nicht die Pyrotechnik, sondern die Strafe dafür. Das führt allerdings nicht dazu, dass er sich in dem Verband, dessen Mitglied er und sein Verein sind, für die Abschaffung der Strafe einsetzen würde. Stattdessen fordert er von den Fans, damit aufzuhören.

Denn die Frage, wie mit Pyrotechnik umzugehen ist, ist längst entschieden worden: Sie soll aus den Stadien verbannt werden. Bemerkenswert ist, dass diese Entscheidung allein von autoritären Politikern und Funktionären getroffen wurde. Und ganz besonders bemerkenswert ist die Begründung und Rechtfertigung – ganz ohne geht es nicht. Die Begründung für das Verbot ist das Verbot selbst: Das ist halt so!

Dabei ist das natürlich nicht so, weil es halt so ist, sondern weil Leute entschieden haben, dass es so sein soll. Pyrotechnik ist in Deutschland bekanntlich nicht verboten, sondern zu diversen Anlässen üblich. Wie man sie sicher in Stadien einsetzen kann, war schon Gegenstand vieler Diskussionen, an denen auch der DFB beteiligt war. Dass es geht, ist relativ unstrittig. Eine vernünftige Regelung zu finden, hat der Verband allerdings letztes Jahr nach den genannten Gesprächen mit Fans plötzlich abgelehnt und gleichzeitig beschlossen, die Gesprächspartner von eben zu den Feinden von gleich zu erklären. Seitdem hat sich die Geschichte so fortgesetzt, dass inzwischen 17 Minister sich darüber unterhalten, wie man Menschen daran hindern kann, Feuerwerke anzuzünden, und die Massenmedien in Düsseldorfer Kleinfamilien den schlimmsten Feind der öffentlichen Ordnung entdeckt haben.

Natürlich war kein Innenminister zur Fan-PK gekommen, dafür wurde die Bräsigkeit ihrer Denke vom Vertreter von Darmstadt 98 vorgeführt. Der heißt Tom Eilers, war früher Torwart und ist Sport-Manager bei den Darmstädtern. Dass er die Fan-Vertreter ungefragt duzte, war schon kein Versehen, sondern Haltung. Eilers meint, dass in einer vernünftigen Regelung erlaubte Pyrotechnik tendenziell sowieso nicht mehr benutzt werden würde, weil dann der Reiz des Verbotenen fehlen würde, und dass z.B. auch Blockfahnen deutlich weniger zum Einsatz kommen würden, bräuchte man sie nicht mehr zum verdeckten Zünden von Pyrotechnik. Aber natürlich käme es ihm nie in den Sinn, sich dementsprechend für eine Legalisierung und die seiner Theorie nach daraus folgende friedliche Abschaffung einzusetzen. Stattdessen macht er sich, wie ausnahmslos alle zur Konferenz angereisten Vereinsvertreter, zum Komplizen von autoritärer Law-&-Order-Politik, die den Raum für Diskussionen genau da einrichtet, wo alle Entscheidungen schon gefallen sind: Pyro müsst ihr euch abschminken, das ist nun so, und ihr werdet ja sehen, was die Innenminister machen – machen müssen! – wenn noch mal irgendwo eine Fackel hochgehalten wird.

Demgegenüber sitzen nun die Fanvertreter, die vor Jahren Politik und Demokratie als ihre Spielwiese entdeckt haben (auch yours truly ist als Besucher zahlreicher Fankongresse vermerkt), und die mit dem unter der Annahme eines demokratischen Gemeinwesens selbstverständlichen Wunsch an die Sache herangegangen sind, sich zusammenzusetzen und eine vernünftige Regelung zu finden, und die nun recht barsch die Grenzen der Mitbestimmung aufgezeigt bekommen.
Die intransparente Entscheidungsfindung führte hier schon recht unmittelbar zu Verschwörungstheorien, nach denen die Abschaffung der Stehplätze eigentlich schon beschlossen sein soll. Wolfgang Niersbach, der Verschwörungstheorien selbst nicht ganz abgeneigt ist – »80 Prozent der amerikanischen Presse sind in jüdischer Hand« -, nährt solche Überlegungen mit seiner etwas linkisch präsentierten Attitüde, nach der auch der DFB völlig machtlos sei und sich nur bemühe, “die Politik” nicht zu auch für ihn persönlich schlimmen Maßnahmen hinzureißen.

Nichts Neues, kennt man alles schon, na klar, Demokratie ist kein Ponyhof. (FC-Spinner sagte tatsächlich, irgendwas sei “kein Ponyhof”. Recht hat er.) Was die Kameraden aber allesamt vollkommen vergessen haben, ist, dass sie in diesem Falle diejenigen sind, die was wollen, nämlich den Status quo verändern, in dem wie seit Jahrzehnten Pyro zum Fußball gehört. Da sie den Dialog abgebrochen haben und immer wieder erklären, dass sie für einen Kompromiss nicht zu haben sind, müssen sie sich nun etwas Neues einfallen lassen. Dass ihre Lösung am Ende – im Gegensatz zu Pyrotechnik – ganz entschieden illegal sein könnte, sagen sie heute noch nicht. Denn wer will schon auf einer Pressekonferenz verkünden, dass er in Bälde Prügeltrupps mit Pfefferspray und Schlagstöcken in voll besetzte Fanblöcke mit Frauen und Kindern zu schicken gedenkt? Diese Drohung schwingt nur mit, wenn die Fans gefragt werden, was sie denn glauben, wie es denn weiterginge, wenn es denn so weiterginge.

Wäre es früher besser gewesen, ließen sich diese Prozesse wohl passend unter den Begriff der “Postdemokratie” fassen. Und ginge es um mehr als um das Recht, eine Fackel in einem Fußball-Stadion hochzuhalten, könnte man sich auch ausführlicher darüber ärgern.

“Wachsam nach hinten, vorne die Chancen nutzen” – Fussball ist eine einfache Geschichte, wenn man haushoher Favorit ist, das weiss auch der Kapitaen der deutschen Fussball-Nationalmannschaft. Fussballinteressierte erkennen die tatsaechliche Botschaft von derartigen Aussagen sowieso, es ist das uebliche Gerede des Favoriten: Man fragt sich fast, ob Lahm, dem man neben ausserordentlichen fussballerischen Faehigkeiten auch ein gewisses Talent in Public Relations zugestehen muss, bei der Aussprache dieser einstudierten Saetze ein bisschen schmunzeln musste. Genau genommen ist es naemlich nicht einmal realistisch, dass die Deutschen in der Defensive allzu viele Anlaesse bekommen werden, ihre Wachsamkeit unter Beweis zu stellen: Alles andere als ein deutlicher Sieg von Jogis Spiessbuergertruppe ist kaum zu erwarten.

 

Womit wir beim Problem waeren: Die deutsche Nationalmannschaft ist gut, sie ist sogar – fuer eine Fussball-Nationalmannschaft – sehr gut. Besser als so ziemlich jede Mannschaft, die bei der diesjaehrigen Europameisterschaft sonst noch antritt. Fuer jemanden, der ueber Siege der Nati eher nicht so erfreut ist, ein sehr unschoener Umstand. Neun Punkte aus drei Spielen in einer Gruppe, die im Vorfeld einhellig als die schwerste ausgemacht wurde, unverdient davon war keiner. Und was sich sonst noch so im Turnier befindet, laesst das Schlimmste vermuten: Spanien wirkt nicht so dominant wie 2010, Frankreich konnte nicht ueberzeugen und England, machen wir es kurz, wird auch dieses Jahr garantiert keine Rolle spielen, es sei an die vergangene Weltmeisterschaft erinnert.

 

Es kommt aber noch schlimmer, denn die von besagtem Philipp aufs Feld gefuehrte Mannschaft gibt nicht nur geringen Anlass zur Hoffnung, sie wuerde sich allzu bald aus dem Turnier verabschieden, sondern bietet obendrauf auch wenig Angriffsflaeche fuer die Paradedisziplin der bundesdeutschen Postlinken, die moralisierende Polemik. Man muss schon einen ins Pathologische tendierenden Hass auf alles Deutsche hegen oder ueber eine sehr gestoerte Wahrnehmung verfuegen, um die Spieler der Nationalmannschaft ernsthaft unsympathischer zu finden als diejenigen, die in den Dressen anderer Nationen auflaufen. Waehrend Lahm schon darauf hinwies, dass Homophobie im Fussball ein vernachlaessigtes Thema ist, bevor sich manch politisch aktive Fan- oder Ultrasgruppe der Thematik annahm, aeusserte sich Antonio Cassano zu demselben Thema in eine anderslautende Richtung. Zum Vergleich: Die groesste Entgleisung der Deutschen nimmt sich dagegen ziemlich mau aus: Fuer einen Skandal taugte Flicks duemmliche Stahlhelm-Aussage wirklich nicht, hier einen Querverweis auf das optische Erscheinungsbild der Reichswehr oder ihrer Nachfolgeorganisation erkennen zu wollen, wirkt gelinde gesagt arg konstruiert. Dass Fussballtrainer und Manager eben hauptberuflich Fussballmannschaften koordinieren und weder gelernte Politiker und auch nicht immer Akademiker sind, darf nicht vergessen werden, und Jogi Löw macht allemal eine bessere Figur als Oleg Blochyn.

 

Nicht einmal die deutschen Problemfans sorgen bei dieser EM fuer nennenswertes Aufsehen: Mit Strassenschlachten und rassistisch konnotierten Rufen machten Fans anderer Nationen auf sich aufmerksam. Eine critical mass von den allerfiesesten deutschen Holzkoepfen scheint die Oder-Neiße-Grenze auf jeden Fall nicht passiert zu haben, oder, etwas pessimistischer formuliert, sie macht nicht auf sich aufmerksam. Auch das war schon einmal anders.

 

Und trotzdem: Diese Mannschaft darf nicht Europameister werden. Denn, auch wenn diese Einschaetzung mittlerweile zu einer Trivialitaet verkommen ist, beim Fussball geht es um mehr als das mit dem Auge zu erfassende Geschehen. Es ist, wie alle Zeitvertreibe, die emotionale Involvierung mit dem voelligen Fehlen von Moeglichkeiten zur direkten Einflussnahme verbinden, eine genauso echte wie eigentlich dumme Herzensangelegenheit. Weil das sportliche Ereignis – ein Wettkampf zwischen 22 Menschen – ohne seine irgendwie geartete Interpretation durch andere nichts ist, ein blosses Spiel. Klar, es geht um viel Geld, aber es geht auch um die Geschichten, die man mit dem Fussball erzaehlen kann. Die diejenigen, die irgendwie doch ganz zufrieden mit dem modus vivendi hierzulande sind, mit dem Fussball erzaehlen. Und dafuer wuerde ein EM-Titel einen mehr als passablen Handlungsrahmen abgeben.

 

Da waere die Erzaehlung von der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in diesem Land. Waehrend im Feuilleton im Gefolge der Sarrazin-Debatte ueber die marktwirtschaftliche Verwertbarkeit von tuerkischen Gemueseverkaeufern gestritten wird, beweihraeuchert man sich ein paar Seiten vor- oder nachher ob der Tatsache, dass auf den Trikots der A-Mannschaft 20 Jahre nach der Wende auch Namen wie Özil, Khedira und Boateng stehen. Und in diese Erzaehlung vom weltoffenen Nabel Europas im 21. Jahrhundert wuerde ein EM-Titel aehnlich gut passen, wie das Wunder von Bern im gleichnamigen Kinofilm als Wegmarke fuer das Ende einer sehr kurzen Nachkriegszeit ausgemacht wird.

 

Um dieses Bild der deutschen Gesellschaft zu verifizieren, benoetigt man notwendigerweise auch immer der Blick auf die anderen, im deutschen Fall ist es – wie koennte es anders sein – einer von oben. Das gilt in der Politik wie im Sport: Die blasierte Arroganz, mit der Mehmet Scholl und Olli Kahn als Experten im Gefolge der Kommentatoren die Spiele von Löws Mannschaft fuer das oeffentlich-rechtliche Fernsehen kommentieren, passt sich nahtlos den nahezu einhelligen Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen in den TV-Nachrichten an: Waehrend die eiserne Kanzlerin hart in der Euro-Frage bleibt, erspielt sich Jogis Elf den Titel. Die humoristischen Anspielungen auf diese Gleichzeitigkeit von kulturellem und politischem Grossevent besorgt dann spaetestens Waldis EM-Club, wen schert es da schon, dass diePleitegriechen, die da morgen auf dem Feld stehen, dem hiesigen Fiskus im Zuge ihrer beruflichen Anstellung bei deutschen Vereinen vermutlich mehr Steuergelder abgedrueckt haben als manche kleine Gemeinde.

 

Es gibt auch, wenn man so will, die Erzaehlung von einer veraenderten politisch-aesthetischen Erfahrung. Sie beginnt wohl schon 2006, als der offensichtlich vorhandene Markt bzw seine Teilnehmer mit jeder Art von industriell gefertigtem Schrott – schwarz-rot-goldene Gummibaerchen und Autofaehnchen – bedient wurde. Seitdem muss, wer durch eine ganz normale deutsche Wohnsiedlung zur Turnierzeit geht, meist ziemlich lieblos in die staedtische Architektur integrierte Devotionalien ertragen, und derlei Ornamentik, muss man umformulieren, ist Verbrechen. Und der phonetischen Belastung durch Hupkonzerte im Anschluss an die aeusserst zahlreichen Siege der Nationalelf entkommt man ohnehin nicht, denn in Deutschland, dem Land, dessen Gott des Sports Michael Schumacher heisst, hat jeder ein Auto.

 

Man muss gar kein uebellauniger Linksautonomer sein, um das nervig zu finden, und im Uebrigen kann man diesen Halunken neuerdings eh den Neukoellner Passdeutschen und Kioskbesitzer entgegenhalten, der seine gepachtete Parzelle grosszuegig in den Farben des Vormaerz schmueckt. Der vom Boulevard zum Steinewerfer aufgewerteten Fahnendiebe These, dass ein Autofaehnchen Nationalismus produziere, wuerde Marx, auf den man sich in diesen Kreisen ueblicherweise irgendwie, irgendwann immer beziehen zu koennen hofft, wohl sowieso nicht mitgehen wollen. Weil aber das Abreissen von Fahnen genauso wenig eine schwere Straftat wie ein politischer Akt ist, ist das Problem auch mit zwei sauberen Kiezen pro Grossstadt nicht wirklich geklaert. Und so versackt von der eigentlich notwendigen linken Kritik vieles in einem blossen Habitus des Dagegenseins, einem rein symbolhaften Protest, der sich eher an Sid Vicious als an Karl Marx orientiert: Die Inszenierung der eigenen Haltung ist wichtiger als die mit dieser Haltung verbundene Ueberzeugung. Im Jahr 2012 kann man also die Nazi-Anspielungen ruhig wieder der englischen Yellow Press ueberlassen, die das eh besser kann als Egotronic.

 

Und wir warten. Auf Mario Balotelli.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laut einer leider etwas knappen dpa-Meldung wird der DFB für das Verhalten der deutschen Fans in der Ukraine bestraft werden:

Grund sind das “ungebührliche Verhalten von Fans” und das Zünden von Feuerwerkskörpern in der letzten Vorrundenpartie der DFB-Elf gegen Dänemark in Lviv, hieß es in einer Erklärung. Deutsche Fans hätten “unangemessene Fahnen und Symbole” gezeigt und “unangemessene Lieder” angestimmt.

Bei den “unangemessenen Fahnen und Symbolen” dürfte es sich um diese Fahne handeln, die den Wahlspruch der deutschen Kaiser, “Gott mit uns”, zeigt. Gott im Gepäck hatten nach eigener Ansicht auch die deutschen Wehrmachtsoldaten, die den Spruch auf ihren Gürtelschnallen trugen.

Im Zweiten Weltkrieg war der Spielort Lviv, deutsch Lemberg, 1941 an die Deutschen gefallen, die dort anschließend, Gott mit ihnen, eine halbe Million Menschen umbrachten:

Insgesamt wurden in Lemberg und der Lemberger Umgebung während der Zeit des Nationalsozialismus ca. 540.000 Menschen in Konzentrations- und Gefangenenlagern umgebracht, davon 400.000 Juden, darunter fast alle jüdischen Stadtbewohner (ca. 130.000). Die restlichen 140.000 waren russische Gefangene.

Welche Lieder der deutschen Fans als “unangemessen” erkannt wurden, lässt sich bisher leider nicht herausfinden. Vielleicht alle?

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