Sportliches

ist gesund und macht uns HART!

Ueber die Existenz eines jenseitigen – und darueber hinaus womoeglich auch noch allmaechtigen – Gottes braucht man mit diesem Autoren nicht zu streiten, denn er haelt auch im Jahr 2011 noch ein bisschen etwas auf Marx und die mit ihm assoziierte politische Stroemung. Wer das nicht wahrhaben mag, sollte die Maer vom barmherzigen Schoepfer spaetestens beim Blick auf die Verteilung von Fussballweltmeisterschaftstiteln ablegen: Nicht nur, dass Argentinien, Zufluchtsort etlicher Nazis nach 1945, zweimal, einmal gar per Gottes Hand, den Cup geschenkt bekam, die Bundesrepublik durfte ganze drei Male zuschlagen: Der erste Sieg war keine zehn Jahre nach Kriegsende faellig (wer war noch gleich Henry Morgenthau?), zum zweiten Mal beinahe zwanzig Jahre spaeter mit einer Mannschaft, aus der einige Mitglieder heute einen nicht unerheblichen Teil der deutschen Fussball-Aristokratie stellen. Und sorry, aber sympathisch ist jemand mit dem Spitznamen Kaiser nun wirklich nicht. Als sei die Welt mit den Spaetfolgen der Abwicklung der DDR im Jahre des Herrn 1990 nicht gestraft genug gewesen, gab es obendrein noch einen Stolpersieg im Finale – na, ueber wen wohl? – fuer die DFB-Auswahl.

Parteiisch und unfair, wie wir verbitterten Anti-Deutschen (diese Begrifflichkeit ist im Wortsinne zu verstehen: Wir von Verbrochenes sind gegen Deutschland, mit realen oder fiktiven politischen Stroemungen haben wir schon alleine aufgrund mangelnden Intellekts nichts zu tun) es nun einmal sind, lassen wir den gewonnenen EM-Titel – der Entscheidungsmodus des Golden Goal ist sowieso aeusserst fragwuerdig, zumal, wenn Oliver Bierhoff eines erzielt – links liegen, muessen aber konstatieren, dass es 2006 und 2010 A.D. mitunter ganz schoen knapp wurde fuer Schlands Nummer vier. Genauso hoch koennten die Deutschen im kommenden Jahr dann allerdings auch den Counter fuer gewonnene Europameisterschaften schrauben, was einer schweren Katastrophe gleichkaeme, deren apokalyptische Ausmasse sich vorzustellen nur muehsam ertragbar ist: Der Konsumguetermarkt wuerde – diesmal mit offenem Ende – vor Schland-Artikeln ueberquellen, die Strassen waeren ueberall dort, wo keine Geisteswissenschaften studierenden supercoolen Antifas nachts Capture the Flag spielten, ein Hort des schwarz-rot-geil beflaggten Wahnsinns, der taegliche Gang zur S-Bahnstation bei dem Gedanken an wangenbemalte Deutschlaenderinnen und die kommenden Bildschlagzeilen der naechsten Wochen mit Spiessrutenlauf noch vorsichtig umschrieben.

Das Frustrierendste ist, dass unsereins die Argumente auszugehen drohen. Klar, man kann immer noch die Nazi-Karte zu spielen, aber das muesste langsam selbst der englischen Yellow Press zu bloede werden. Als die Nati 2002 Saudi-Arabien 8-0 abfertigte, da gab es sie noch, die Blitzkrieganspielungen: Deutsche Panzer rollten wieder, hiess es damals in der internationalen Sportpresse – was man damals nicht ahnte, war die etwa zehn Jahre spaeter bestaetigte Richtigkeit dieser Aussage in einem ganz anderen Sinn, denn das saudische Koenigshaus hatte sich ja tatsaechlich welche bestellt, wenn auch nicht zum Fussballspielen (in der Tuerkei bedient man sich dieses Bildes immer noch sehr gerne, wie sich nach der Heimniederlage in der EM-Quali feststellen liess). Die Spieler mit den am exotischsten anmutenden Namen 1990 beziehungsweise sechs Jahre spaeter hiessen noch Pierre Littbarski oder Mehmet Scholl, doch kann der selbsternannte Integrationsweltmeister im Jahre eins nach Sarrazin auf Cacau, Gündogan, Khedira und den in Polen geborenen Vorzeigekoelner Podolski zurueckgreifen. Wie verhaertet es in diesem Land trotz alldem immer noch denkt, faellt allerdings nur noch den aufmerksamen Zuschauern auf: Als Mesut Özil – noch so einer – gestern abend in der 30. Minute sehenswert zum 1-0 gegen Belgien einnetzte, entlockte das dem ZDF-Reporter Oliver Schmidt einen anerkennenden Kommentar:

 

“Özil macht das was er fuer seine Freunde in der Heimat machen kann”

 

An welche Freunde aus welcher Heimat der ehemalige Jugendspieler von Rot-Weiss Essen (weshalb sonst sollte er so gut Fussball spielen koennen?) – geboren ist Özil in Gelsenkirchen, er ist deutscher Staatsbuerger – beim Treffer gedacht hat, wird vermutlich Schmidts Geheimnis bleiben. Ungleich klarer ist jedoch, dass man auf der spielerischen Ebene nur noch schwerlich gegen die deutsche Elf argumentieren kann, denn kloppte sich die Mannschaft von Berti Vogts noch mit einem so genannten echten Vorstopper und Strafraumstuermern der Marke Kuntz und Bierhoff zum Titel in England, wird der Rekord-Europameister in Polen und der Ukraine mit einer Mannschaft aufspielen, die zum Besten gehoert, was der kleinste Kontinent fussballerisch zu bieten hat: Der notorische Liebling dieses Autors, die Englaender, werden wie immer keine Rolle spielen, Frankreich und Italien sind irgendwie auch nichts mehr. Blieben realistischerweise die Niederlande und Spanien – wir falten besser schonmal jetzt die Haende und beten zum nichtexistenten Fussballgott. Oder nehmen prophylaktisch einen Urlaub in Angriff.

Und, hey: Es ist doch nur Fussball. So lange Schalke 04 nicht Bundesligameister wird. God forgive.

verbrochenes.net, das Event-Magazin für Mitteleuropa und umzu, präsentiert Euch zwei neue Veranstaltungen der Extraklasse, die Ihr nicht verpassen solltet.

Erstens:

Demonstration gegen rechte Gewalt in Bremen. Alles über den Anlass für diese Demo habt Ihr hier längst erfahren. Den ganzen Aufruf findet Ihr hier. Die Demo fängt um 17 Uhr am Ostkurvensaal an und endet vor dem Amtsgericht. Jetzt, wo Justiz und Politik deutlich gemacht haben, dass sie nicht bereit sind, antifaschistische Fans vor der Gewalt der Nazis zu schützen, ist jede Solidaritätsbekundung für die Opfer eine willkommene Unterstützung. Und gerade wenn Gerichtssprecher und andere Arschlöcher verkünden, prügelnde Faschos seien nicht ihr Problem, sondern das der linken Jugendlichen, ist die Restgesellschaft aufgerufen, zusammen mit den Opfern auf die Straße zu gehen. Also los, Mittwoch 17 Uhr, Ostkurvensaal. Alle jetzt, echt mal.

Ich selbst kann leider nicht, ich mach da gerade Urlaub.

Zweitens:

Über Duisburger wird berichtet, sie wären Untermenschen unterbelichtet. Für mich ist sowas Rassismus wie jeder andere auch! Nun, eine schmissige Einleitung ist immer gut, aber die hier beworbene Veranstaltung hat das eigentlich gar nicht nötig. Denn am fünften Oktober führt der famose Alex Feuerherdt durch ein interessantes Programm, in dem es um Antisemitismus in der Linken im allgemeinen und in der Duisburger Linkspartei im besonderen geht. Insofern man also in der Nähe wohnt oder mal was ganz Neues erleben will, ist man in Duisburg bestimmt gut aufgehoben.

Bremen, die kleine Großstadt in Norddeutschland. Schön gelegen am Fluss, überschaubare Stadtteile und Nachbarschaften, ein überraschend guter Fußballverein. Und hier passiert folgendes: Es hat sich eine gewalttättige Auseinandersetzung zugetragen. Das Ereignis ist inzwischen viereinhalb Jahre her, aber bekanntlich mahlen die Mühlen der Justiz langsam. Noch langsamer, wenn die Stadt, die die Mühlen bezahlt, so gut wie pleite ist. Und insbesondere dann, wenn der Schauplatz des Vorfalls eine Party mit über 100 Gästen war. Die müssen alle erstmal befragt werden, und dann bestehen sie auch noch darauf, alle vor Gericht gehört zu werden.

Das Verfahren beginnt also endlich, wenn auch ohne den Staatsanwalt. Der ist zwar angeblich der beste der Stadt und wurde deshalb für dieses komplizierte Verfahren eingesetzt, aber er ist im Urlaub, angeblich für drei Wochen. Gut, dann wird er halt vertreten, von einem unerfahrenen Kollegen. Das ist nur angemessen, denn immerhin findet der Prozess auch nicht wie ursprünglich geplant vor dem Land-, sondern vor dem Amtsgericht statt. Die aufgrund von Zeugenaussagen vorgeladenen sieben Tatverdächtigen haben ihre Anwälte aber schon gebucht, jeder einen, und da es hochspezialisierte Anwälte sind, behalten sie diese auch. Und sie machen in ihrem Sinne gute Arbeit: Sie sagen: “Wenn ihr 60 Zeugen hören wollt, laden wir 100 ein.” Das imponiert freilich dem Richter, den dieses ganze Riesenverfahren ohnehin nur stresst, er schlägt eine einfache Lösung vor: Die ganzen Zeugen können zu Hause bleiben, die Täter sagen, dass sie Täter sind und zahlen jeweils Geldstrafen. Diejenigen, über die die Akten nichts sagen, dürfen sich noch einmal bewähren. Die to-be-Geständigen grinsen, und der Staatsanwalt ist auch einverstanden. Immerhin hat er ja nicht viereinhalb Jahre auf diesen Prozess hingearbeitet, sondern der Kollege, der sich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Also: Subjektive Wichtigkeit des Riesenverfahrens für die Opfer hin oder her – die Beteiligten des Verfahrens einigen sich auf den Deal.

Was ist eine Provinzposse?

Etwas voreilig, liebe Kandidatin. Ganz so einfach ist es nicht. Es handelte sich hier nicht um eine einfache Schlägerei zwischen trinkfreudigen Friesen. Das machen schon die simplen Zahlen klar: Obwohl den über 100 Gästen der Party, die die antirassistische Fangruppierung Racaille Verte in jener Januarnacht ausrichtete, nur ungefähr 20 Angreifer gegenüberstanden, sind am Ende um die 40 junge Fans verletzt, einer davon so schwer, dass er einige Tage im Krankenhaus verbringen muss. Und so liegt es nicht etwa an der Geltungssucht der Opfer, dass sie alle aussagen wollen, sondern daran, dass sie Angst haben. Angst vor der Rache der Täter. Bei ihnen handelt es sich nämlich um rechtsradikale Hooligans, erprobt im Faustkampf und gefestigt in ihrer Ideologie. Doch all das beziehen Gericht und Staatsanwaltschaft nicht in ihre Erwägungen ein. Für sie ist viel mehr entscheidend, dass das Verfahren so lange gedauert hat. Und das ist für die Angeklagten, von deren Unschuld sie von Rechts wegen ausgehen, nun wirklich eine Zumutung. Denen muss man entgegenkommen, und das drückt sich in Zahlen so aus: 30% gehen nochmal ab von den Strafen, die alle unterhalb von 90 Tagessätzen liegen – der Grenze, ab der eine solche Strafe im polizeilichen Führungszeugnis auftaucht.

Was ist ein Justizirrtum?

Nein, die folgenden Fakten werden zeigen, dass auch das nicht die gesuchte Frage ist. Es ist nämlich nicht so, dass die Informationslage undurchsichtig wäre und deshalb ein Irrtum zustande kommen könnte. Dass ein Gericht sich nicht auf den Antifa-Seiten über ihre Klientel informiert scheint normal. Aber wenn die Angeklagten vor Gericht auftreten wie Mafiabosse, ihre Freunde sich vermummen und selbst nach mehrfachen Beschwerden der Betroffenen Unterstützerinnen und Unterstützer der Opfer filmen und fotografieren sowie Medienvertreter beleidigen können, läuft etwas falsch. Es kann nicht angehen, dass Polizisten und Gerichtsdiener sagen: “Vielleicht wäre doch das Landgericht der bessere Ort gewesen.”

Und der Staatsanwalt sollte sich vielleicht schon informieren, gegen wen er vorgeht. Er sollte die Anklage führen, Partei ergreifen, im Sinne der Sicherheit der Bürger des Staates, dessen Anwalt er ist. Das ist genau die Rolle, die dem Staat in Sonntagsreden stets zugeschrieben wird. Vor allem, wenn es gegen Neonazis geht. Gerade junge Menschen werden bei Events wie der Nacht der Jugend für ihr Engagement gegen Diskriminierung gelobt und erhalten Preise. Das bringt materiell meistens nicht so richtig viel, aber die Aussage ist: Ideel steht dieser Staat hinter euch, wir passen auf euch auf. Und genau so biederte sich auch die Staatsanwaltschaft bei den betroffenen Fans an, versuchte ihnen zu verdeutlichen, dass sie in diesem Fall für Gerechtigkeit sorgen würde und dafür, dass sich ein derartiger Vorfall nicht wiederholen würde. Die älteren Hauer, allesamt bekannte Neonazis, sollten endlich mal in den Bau wandern, während die jüngeren einen Schuss vor den Bug kriegen sollten, der ihnen weh tut. Die Fans nahmen dafür in Kauf, sich den Neonazis zu stellen und im Vorfeld des Prozesses immer wieder bedroht zu werden. Auch dies hätten Gericht und Staatsanwaltschaft wissen können und sollen, und spätestens im Gerichtssaal hätten sie es merken müssen.

Der vorliegene Deal bewirkt aber genau das Gegenteil der erhofften Klärung: Die Neonazis wissen jetzt genau, was sie ein Überfall auf junge Linke kostet: Ein paar tausend Euro, die sie leicht aufbringen. Für die entsprechenden Adressaten ist im wörtlichen Sinne gesorgt: Die Justiz hat sie mit ihrem sorgfältigen Apparat an die Nazianwälte gebracht, die sicher Kopierer besitzen. Racheakte sind vorprogrammiert.

Was ist Justizversagen?

Nein, auch das ist nicht die Frage, lieber Kandidat. Wenn nämlich all das sehenden Auges geschieht, ist das mehr als Versagen. Vor allem das Gericht vertritt sehr selbstbewusst einen Standpunkt, der kritisiert werden muss. Die Wortwahl der Beteiligten offenbart ihre Entscheidung, sich falsch zu positionieren: Neonazis werden immer wieder als rechtsgerichtet bezeichnet, als hätte hier eine Gruppe CDUler ihrer Wut auf Grüne Ausdruck verliehen. Der Gerichtssprecher tut so, als stünden sich hier zwei gleichwertige Konfliktparteien gegenüber, indem er sich dafür lobt, kein weiteres Öl ins Feuer gießen zu wollen. Man könnte fast glauben, die Ultras würden auf einer Woge der Begeisterung anfangen, Neonazis zu vermöbeln, wenn die ihre gerechte Strafe bekommen! Der stellvertretende Staatsanwalt schiebt indirekt den Opfern den Verlauf des Verfahrens in die Schuhe, indem er sich in Erinnerung ruft, wie lange sie brauchten, um sich zu Aussagen durchzuringen. Simple Arithmetik ignoriert er einfach: Natürlich machen die dreieinhalb Monate, die die Zeugen brauchten, nicht wirklich den Kohl fett. Am schwersten wiegt aber die Behauptung, es handele sich hier um szeneinterne Streitigkeiten. In Bremen gibt es eben nicht eine Fanszene, sondern mehrere, die nebeneinander und größtenteils unabhängig voneinander existieren: klassische Kuttenfanclubs im Oberrang, teils “unpolitische”, teils progressive Ultras im Unterrang, (Nazi-)Hools auf dem Acker. Das weiß eigentlich auch jeder, nur der Gerichtsprecher behauptet in staatsragendem Ton das Gegenteil und übernimmt dabei fast das Wort der Verteidigung von einem quasi innerfamiliären Konflikt. An dieser Stelle hätte es vielleicht geholfen, wenn vor dem Prozess nicht nur ein anerkannter Experte, sondern auch der Verein, zu dem sich ja in der Tat Angreifer wie Opfer zugehörig fühlen, eindeutig geäußert hätte. Vielleicht, denn es kommt doch der Eindruck auf, dass hier sehr wohl bewusst gehandelt wurde: Der Urlaub, die Wahl des Gerichts, der offenbar vorbereitete Deal, die dummen Begründungen.

Ich möchte lösen. Die Frage lautet: Was ist ein Justizskandal?

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben 8000 Mark gewonnen! Herr Güldner von den Grünen hätte es übrigens auch fast geschafft, er hat nur das Prinzip dieser Sendung nicht verstanden.

Werder Bremen hat eine Stellungnahme zu einigen Vorfällen im Hoffenheimer Gästeblock veröffentlicht. Darin heißt es:

“Im Verlauf der Unruhen im Block kam es auf Seiten der Fans zum Einsatz von Stockfahnen als Schlaginstrumente (!).”

Äußerst bedauerlich ist, dass die Stellungnahme uns nicht verrät, welche Schlaginstrumente genau hier emuliert wurden. Waren es Chinabecken? Oder ein Glockenspiel? Vielleicht eine Trommel? Wobei man zum Trommeln ja eigentlich gar keine Stockfahnen – und schon gar keine Fahnenstöcke! – braucht, wenn man eine Trommel hat. Vielleicht erklang in Hoffenheim auch ein Agogô – aber, pardon, spielt das nicht als Linksverteidiger in Hamburg?

Während die musikalische Rollenverteilung im Fanblock also noch unklar ist, weiß man beim Bremer Vorstand immer ganz genau, was man zu hören kriegt. Klaus-Dieter Fischer ist nämlich nicht nur Geschäftsführer und Vorsitzender des Vereins, auch er spielt ein Schlaginstrument: die Arschgeige. Auf der hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht, und so darf man davon ausgehen, dass er keine Strafanzeige gegen das inzwischen bundesweit bekannte Hoffenheimer Stadionpersonal im Sinne hat, wenn er sagt: „Werder Bremen verurteilt die Benutzung von Pyrotechnik und die Anwendung von Gewalt. Wir sind zuversichtlich, die Schläger durch die entsprechenden Bilder identifizieren und belangen zu können”.

verbrochenes.net ruft zur Wahl von Wilko Zicht in die Bremer Bürgerschaft auf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits werden wir dafür von den undurchsichtigen, sehr wohlhabenden Kreisen bezahlt, die hinter der Kandidatur von Wilko stehen. Andererseits ist Wilko einer der besten Menschen, die der Redaktion bis heute bekannt geworden sind. So ergibt sich ein Gesamtbild, das nur einen Schluss und eine Handlungsanweisung an alle Bremer zulässt: Wilko Zicht muss mit allen fünf Stimmen gewählt werden.

“Dieser Zicht”, wie er bei Werder zuweilen liebevoll genannt wird, vertritt durchweg vernünftige Positionen. Deretwegen könnte man ihn wählen, muss man aber nicht. Man muss ihn wählen, erstens weil ihm der wunderbare Arbeitsplatz, der die Bürgerschaft sicher ist, von Herzen zu gönnen ist, und zweitens, weil unbedingt ein richtiger Fußballfan in die Volksvertretung gewählt werden muss. Und drittens, weil Wilko der einzige ist, der groß, stark und entschlossen genug ist, um einem möglichen NPD-Vertreter eine kräftige Ohrfeige zu verpassen.

Da man als Wähler ein gewisses Erpressungspotential gegenüber wiederwahlorientierten Abgeordneten hat, können wir schon jetzt Forderungen für die Zukunft aufstellen. Konkret wäre da der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Hamburg, sowie der Austritt aus der BRD. Die Verstaatlichung des Weserstadions, eine Werder-Steuer, Verbot von HSV-Fanartikeln, all das ließe sich mit einer absoluten Mehrheit für Wilko Zicht vielleicht irgendwann bewerkstelligen. Denn machen wir uns keine Illusionen: Ein Sitz für Wilko mag vorerst reichen, in der Zukunft allerdings sollte dieser Zicht schon in Fraktionsstärke einziehen. Bis dahin sollten wir ihn alle für seine weitsichtige Entscheidung, für die Grünen anzutreten, loben. Die boomende Bürgerpartei ist das perfekte Vehikel für die aktuelle Kampagne.

Um die dahinsiechende Bremer Demokratie zu übernehmen, braucht es nur wenige Wähler, die fünffach das Kreuz an der richtigen Stelle machen. Die ist in diesem Fall auf Liste 3, Platz 28.

ACHTUNG: Wer nicht wählen geht, unterstützt dabei statistisch gesehen die Landung von Außerirdischen, die unsere Gehirne auslöffeln und Florian Silbereisen zum König machen wollen. Es ist deshalb unbedingt nötig, dass Ihr alle zur Wahl geht. Wer fünf Freunde mit ins Wahllokal bringt, bekommt dort Stempel ins neue Bonusheft und darf nächstes Mal einen Abgeordneten für ein Jahr mit nach Hause nehmen. Na, wenn das nichts ist!

Wichtige Fragen:

Ist es wahr, dass Wilko Zicht in seiner Freizeit gerne Katzenbabies aus brennenden Bäumen rettet?

- Ja, das ist wahr, er macht aber keine große Sache draus.

Wird Wilko als Kriegssenator Hamburg den Krieg erklären?

- Nein, denn die Hamburger haben uns längst den Krieg erklärt. Wir werden uns allerdings wehren, wie es unser Recht ist.

Unterstützt Klaus-Dieter Fischer die Kandidatur von Wilko Zicht?

- Nein, das hat ihm seine Frau verboten.

Kann ich auch andere Politiker oder Parteien wählen?

- Nein. Wilko Zicht ist der einzige Politiker.

Sind die Grünen nicht ziemlich uncool?

- Pass mal auf, Du Klapskalli, jetzt auf die Grünen zu schimpfen, nur weil die gerade im Aufwind sind, macht Dich nicht zum kritisch und unabhängig denkenden Supertypen, sondern entlarvt Deine Profilneurose. Kapiert?

Ich möchte jede hier im Verlauf der Saison geäußerte Kritik am SV Werder Bremen oder dessen Angestellten zurücknehmen. Das gilt insbesondere für Thomas Schaaf und Klaus Allofs. Ich bekenne, dass jedes schlechte Wort eine Anmaßung war, die mir nicht zustand und niemals zustehen wird. Ich beantrage nun die Wiederaufnahme in den Kreis der seligen Werder-Fans, also in die große Werder-Familie. Ich glaube ab sofort fest an eine erfolgreiche nächste Saison. Sollte sie nicht so erfolgreich sein wie die anderen seit 2004, glaube ich schon jetzt, dass es an den sportlich Verantwortlichen nicht gelegen hat, sondern dass diese im Gegenteil noch größere Misserfolge verhindert und das Optimale aus den Möglichkeiten des SV Werder gemacht haben.

Weiter glaube ich an das große Potential jedes einzelnen Spielers und warte geduldig darauf, dass es ausgeschöpft wird. Falls hier der Eindruck entstanden sein sollte, dass die Fähigkeiten beispielsweise unseres offensiven Mittelfelds nicht prinzipiell gigantisch sind, möchte ich mich dafür entschuldigen. Ich habe mich selbst zu wichtig genommen und unangemessene Hetzschriften verfasst. Damit werde ich sofort aufhören und hoffe, dass meine Reue mich zurück in die große Familie kommen lässt.

Ich möchte Thomas Schaaf zu meinem Vorbild machen. Nie wieder werde ich ihn als den “Irren von Bremen” bezeichnen oder mir öffentlich oder nichtöffentlich respektlose Gedanken über seinen Geisteszustand machen. Ich werde ab jetzt täglich mehrere eigens dafür aufgezeichnete Jubelbeiträge der örtlichen TV-Anstalten ansehen, in denen Thomas Schaaf als der Held gewürdigt wird, der er für diese Stadt ist und bleibt und bleibt und bleibt.

Zur Selbstreinigung werde ich drei Wochen fasten. Ich werde in dieser Zeit darüber nachdenken, was mich dazu getrieben hat, so schlecht über das große Ganze zu sprechen, das Werder Bremen ist. Ich werde alle bösen Gedanken exorzieren und mich wieder dem Licht zuwenden. Ich bin den Streit leid. Ich möchte mich ausruhen im warmen Schoße der großen Gemeinschaft.

In meiner Garage steht eine schwarze Betonwand, die mit unzähligen Eisenstreben noch verstärkt ist. Und nach einem Spiel wie beispielsweise dem 0:3 in Köln nehme ich dann den Hammer und versuche, die Wand kaputtzuklopfen. Mach‘ ich natürlich nicht, und diese Wand habe ich auch nicht.

Und – um im Bild zu bleiben – dann macht man sich die Gedanken: Warum geht diese Wand nicht kaputt, sondern nur der Hammer? Und warum steht diese Wand überhaupt da?

Nur dass dann keine Betonwand in der Garage steht, sondern – auch im übertragenen Sinn – ein bunt bemaltes Plakat, über das man sich freuen kann, das aber noch längst nicht fertig ist, auf dem Fragen stehen, die man als nächstes angehen möchte.

Wie sieht es in unserer Gesellschaft aus?

Stellen Sie sich vor, sie müssten fünf Tafeln nebeneinander gleichzeitig bemalen, und die Farbe tropft. Sie rennen nur hin und her und werden nicht fertig. Sind aber zwei Felder trocken, haben sie automatisch mehr Zeit, sich auf die anderen zu konzentrieren und die intensiver zu bearbeiten. So ist das auch im Fußball.

Wenn man sich Gedanken darüber macht, warum der SV Werder so mies da steht, sollte man diese Zeilen im Hinterkopf haben. Gesagt hat diese, nun ja, bedenklichen Dinge unser heiß geliebter Trainer, Thomas Schaaf. Das war im März, und seitdem hat Werder es wieder zu einer durchschnittlichen Bundesliga-Mannschaft gebracht. Alle Spieler geben alles, und das reicht dann für ein paar Unentschieden. Gegen Wolfsburg konnte man sehen, wie groß der Abstand von Werders Personal zu Klasse-Leuten ist, von denen Wolfsburg ein paar mehr im Kader hat. Gerade im Mittelfeld ließ sich die Entwicklung der letzten Jahre nachvollziehen, Diego und Marin im direkten Vergleich, da wurde das ganze Elend greifbar.

Fast hätte ich geschrieben “das ganze Elend dieser Saison”, aber es lässt sich langsam abschätzen, dass die nächste nicht viel besser werden wird. Zunächst einmal ist die Abstiegsgefahr zwei Spieltage vor Schluss konkreter denn je geworden. Gegen Dortmund und in Kaiserslautern kann man verlieren, das ist nicht einmal sonderlich unwahrscheinlich. Frankfurt spielt zunächst zu Hause gegen Köln, so könnte selbst Christoph Daum, der gerade dabei ist, seine Karriere in Deutschland unfreiwillig zu beenden, mal einen Sieg holen. Gladbach spielt zu Hause gegen Freiburg, auch das ist machbar, und dann werden wir einen spannenden letzten Spieltag erleben. Warten wir das ab, wahrscheinlich wird es am Ende doch irgendwie reichen, selbst eine Relegation gegen Bochum oder Fürth wäre ja ziemlich machbar. Lustig wäre, wenn uns der HSV mit einem Sieg gegen Gladbach rettet, aber danach sieht es nicht aus. Überhaupt, meine Zukunftsprognose für den HSV macht mir deutlich mehr Freude als die für Werder.

Was kommt nächstes Jahr? Der Kader ist mieser, als wir die letzten Wochen hoffen durften. Das kann besser werden, aber viel Anlass zur Hoffnung gibt es nicht. Der letzte richtig gute Einkauf war – ich weiß es nicht. Pizarro gar? Allofs wird viel Glück und Geschick brauchen, wenn Werder nächstes Jahr um die ersten fünf Plätze mitspielen soll. Mit Marin, Wagner, Prödl und Konsorten als zentralen Leistungsträgern werden wir jedenfalls nie wieder Champions League, soviel steht fest. Aber zurück zum Anfang: Thomas Schaaf ist offenkundig total urlaubsreif geschossen. Ich hatte schon im Januar, also vor dem oben verlinkten irren Interview, Urlaub für den Mann gefordert. Jetzt endlich hat er es auch begriffen und sagt Sätze wie diesen:

Das schließt aber doch nicht aus, vielleicht mal etwas anderes zu machen, vielleicht sogar mal eine Pause einzulegen, abzuschalten und dann wieder neu einzugreifen.

In den Interviews anlässlich seines 50. Geburtstags deutet Schaaf mehrfach eine gewisse Amtsmüdigkeit an:

Und dieser Arbeit, diesem Beruf kann man bei einem anderen Verein genauso nachgehen.

Außerdem bin ich in dem glücklichen Zustand sagen zu können, dass es uns privat trotzdem gut gehen würde, wenn ich zwei, drei Jahre mal nicht als Trainer arbeiten würde.

Ich hätte sicherlich mehr verdienen können. Vielleicht bin ich so geeicht. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

Wenn man das so liest, gerade im Kontext mit den leicht irren Aussagen aus dem März, scheint Schaafs Abschied innerhalb der nächsten zwei Jahre relativ wahrscheinlich. Das Ende der erfolgreichen Jahre dürfte diese Tendenz verstärken, man ist in Bremen nicht mehr mit weniger zufrieden. Nur wie soll das dann alles weitergehen? Das Schöne am Fußball ist, dass man das nie vorher weiß, siehe Dortmund, und dass man den ganzen Tag darüber spekulieren kann, das ist der Luxus der Zuschauerrolle. Ich prophezeie also ein knappes Saisonende und eine mindestens durchwachsene nächste Saison. Aber mittelfristig, und darum ging es mir, geht das mit Schaaf unweigerlich vorbei. Und es wäre schön, wenn man das im Verein im Blick hätte, damit man nicht im nächsten Februar versucht, bei Jörg Berger anzurufen, das sähe gar nicht gut aus.

Es sind schockierende Meldungen, die uns so oft in den Medien erreichen. Vor gut drei Jahren zum Beispiel diese:

News vom 20.02.08

Mike Hanke erneut Papa

Mike Hanke ist in der Nacht vom 20. Februar erneut Vater geworden. Der kleine Bruder für Schwesterchen Janatha-Fay soll Jayron-Cain heißen. Um 1.44 Uhr erblickte er das Licht der Welt, Mutter und Kind sind wohlauf.

Das muss man erstmal verarbeiten. Klar ist: Mike Hanke hat es nie leicht gehabt. Er hat eine Rasenallergie und leidet nach jedem Spiel unter Pusteln und Hautreizungen. Nun perpetuiert sich das Elend in Gestalt seiner Kinder, die es mindestens so schwer haben werden wie ihr Vater. So wie Vater Mike zum Tabellenletzten wechseln musste, so werden Janatha-Fay oder Jayron-Cain vielleicht einmal bei Schlecker landen. Das Wichtigste ist jetzt, dass die beiden eine gute Ausbildung erhalten. Mike weiß das aber auch.

Mit Spott ist es vielleicht nicht getan. Vielleicht muss man da mal was planen, für die Kinder. Oder mal die gesellschaftlichen Umstände kritisieren, unter denen Kinder ihre Namen erhalten. Aber wem würde das helfen? Die Wahrheit ist: Janatha und Jayron zahlen den Preis der Freiheit. Nicht ihrer Freiheit, im Gegenteil, der Freiheit ihrer Eltern. Im selben Akt wird deutlich, dass J-Fay und J-Cain selbst unfrei sind: Andere Menschen entscheiden über ihre Identität. Da hilft nichts. So ist der Mensch, so ist der Mike.

In den “Prenzlauer Berg Nachrichten”, einem Berliner Blog mit irgendwie kommerziellem Anspruch, wird heute das “Alois S.” beworben. Der Beitrag über die Bar, in der man alle Werder-Spiele im Fernsehen sehen kann, ist offensichtlich als Reklame zu verstehen.

Dem Autor ist offenbar nicht einmal bekannt, dass man in der Bundesliga auch Auswärtsspiele hat und es deshalb wenig bringen würde, wenn er “jede Woche” nach Bremen fahren würde. Mit solchen Fehlern könnte man leben, wenn er sein Loblied nicht auf so einen furchtbaren Laden wie das Alois S. singen würde.

Wie im Beitrag beschrieben ist es dort üblich, lange vor Spielbeginn Plätze für Leute zu reservieren, die vielleicht noch kommen. Es hilft also wenig, früh zu kommen, weil die zehn Leute, die um drei schon da sind, sämtliche Plätze irgendwie reserviert haben. Das könnte man noch okay finden, wenn nicht freudig auch für die reserviert würde, die dann am Ende gar nicht oder erst gegen fünf kommen.

Dabei kann man Personal erleben, das selbst in Mitte noch als besonders unfreundlich durchgehen würde. Wer hier gefragt wird, ob er noch etwas möchte, bekommt dabei deutlich signalisiert, dass es nicht um ein Bedürfnis des Kunden, sondern um dessen Pflicht, gefälligst Umsatz zu machen, geht. Dass Gastronomie keine Wohlfahrtsveranstaltung ist, weiß jeder. Der Job eines Kellners ist nur eigentlich, das den Kunden nicht ständig spüren zu lassen.
Mein persönliches Highlight mit dem Personal im Alois S. war, als der Kellner uns nach draußen hinterherkam, weil er zwanzig Cent zu wenig berechnet hatte. Da belästigt man seine Kunden doch gerne noch einmal, bei solchen Summen. Wenn die Kellner nicht zu solcher Hochform auflaufen, muss man an der Theke schon damit zufrieden sein, wenn die Bedienung eine Minute, nachdem sie jemanden bemerkt hat, endlich ihr Gespräch unterbricht, um dem Kunden klar zu machen, dass sie sich gestört fühlt und der Job ohne ihn viel angenehmer wäre.

Diese miese Atmosphäre ließe sich kaum noch verschlechtern, wenn da nicht der Fischmob Berlin wäre. Dieser Fanclub besingt sich selbst als “arrogant”. Das wäre lustig, wenn es nicht stimmen würde. Ihre Arroganz gründet sich in erster Linie darauf, dass sie sehr gut fernsehen und Bier trinken können. Direkt vor der Leinwand plaziert muss man sie den ganzen Nachmittag über sehen und dabei spüren, wie geil man sich als Fan und Stammgast vorkommen kann. Der Laden gehört ihnen, denken sie. Das äußert sich zum Beispiel so, dass sie gerne vor dem Spiel so vor der Leinwand stehen, dass fünf andere Leute, die drei Meter vor ihnen sitzen und ganz offensichtlich das laufende Zweitligaspiel verfolgt haben, nichts mehr sehen können. Wer einen Witz macht, lacht selbst am lautesten, und man müsste nicht einmal zuhören, um zu erfahren, dass diese Menschen sich und ihr samstägliches Tun für unfassbar geil halten. Nur warum?

Wenn sich jemand auf einen der freien Plätze setzt, die der Fischmob für sich beansprucht, kommt sofort der Hinweis: “Also die gehören eigentlich zum Fischmob, ist auch mit Lothar so abgesprochen…” Mit Lothar, dem Chef, hat man sich arrangiert. Die Sonderstellung, von der sie denken, sie hätten sie verdient, weil sie besonders cool sind, bezahlen sie mit ihrer Bierrechnung. Der Fischmob ist immer da und trinkt viel, weil Trinken bei ihnen wichtig ist. So und nicht anders kommt man zu reservierten Plätzen.

Wer also Ultras oder andere Fans im Stadion für arrogant hält, weil sie sich auf ihr Fan-Dasein etwas einbilden, der würde sich wundern, wenn er einmal Fans vor dem Fernseher erleben würde. Man kann sich auf viel weniger viel mehr einbilden. Besonders keck kommt sich die Belegschaft im Alois S. vor, wenn es Anstoß gibt. Dann ruft einer vorne “Gib den Ball her” bzw. “Mach den Ball rein” und der Rest des Lokals ruft zurück “Aber flott”. Wer das pfiffig findet, ist dumm, und wer das aufregend findet, war noch nie im Stadion.

Nun könnte das Alois S. vielleicht außerhalb der Spieltage ein netter Ort sein. Ist es aber nicht: Das Essen ist auch schlecht. Aber dafür teuer.

Werder Bremen spielt schon seit Monaten konstant schlecht, und es sieht nicht so aus, als ob Thomas Schaaf irgendeine Idee hätte, die das ändern könnte. Stattdessen wird von Klaus Allofs verkündet, die Verantwortung liege zu 100% bei den Spielern, was ein Hohn ist, wenn es diejenigen sagen, die die tatsächliche sportliche Verantwortung tragen. Schaaf ändert nichts, sondern benimmt sich auch so, als sei er dafür nicht verantwortlich. Dabei fehlt es nicht einmal an Einsatz bei den Spielern, sie wollen alle, sie können aber im Moment nicht besser. Da wird es nicht helfen, wenn man sie weiter allein verantwortlich macht und im Training anpöbelt.

Jeder kann sehen, dass die Spieler selbst völlig fertig und überfordert mit der Situation sind. Da ist keiner dabei, jedenfalls auf dem Platz nicht, der das locker nimmt und diszipliniert werden müsste. Aaron Hunt sieht wirklich bedenklich aus, ich hoffe, der ist nicht zuviel allein. Arnautovic ist längst vom arroganten CL-Gewinner zum völlig verunsicherten 21jährigen mutiert, was vielleicht einige befriedigt, aber unsere 6,5-Millionen-Investition nicht gerade im Wert steigen lässt. Marin spielt Fehlpässe, die ohne Psychologie gar nicht mehr erklärt werden können. Sandro Wagner, ein etwas ungelenker Spieler und offenbar recht simpler Charakter, wird immer wieder Ziel von Schaafs Verbalattacken, zwischendrin wurde er zu den Amateuren degradiert, wo er sich bei Trainer Wolter bedankte, denn er “brauche das Vertrauen des Trainers”. Bald danach war er wieder im Kader und wurde in Hamburg auch eingewechselt, dafür musste Denni Avdic das ganze Spiel auf der Bank bleiben. Avdic, von dessen Qualitäten wir wenig wissen, dürfte sich längst fühlen wie im Irrenhaus. Es ist völlig klar, dass das, was alle Medien übereinstimmend über Schaaf und das Training berichten, diese Probleme nicht lösen, sondern verschlimmern wird.

Schaaf denkt, dass die Spieler schuld sind, deshalb schreit er sie an. Aber er ist selber schuld.

Werder hatte immer einen überragenden Zehner in den letzten Jahren. Jetzt haben sie keinen mehr und jeder, wirklich jeder, kann sehen, dass das ein großes Problem ist. Allofs und Schaaf leugnen es bis heute, weil sie sonst ihre eigene Verantwortung nicht mehr wegwischen könnten. Wenn sie es wenigstens zugeben und jetzt die Parole, es trotzdem irgendwie zu schaffen, ausgeben würden, könnte man weiter auf sie vertrauen. Aber durch diesen massiven Realitätsverlust werden die Probleme weiter liegen bleiben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Personen, die lange Jahre erfolgreich waren, sich für unfehlbar halten und deshalb aufhören, ihre Fehler zu korrigieren.

Zu den Fehlern gehören die Taktikspielereien, die Schaaf irgendwann angefangen und in dieser Saison dann durchgezogen hat. Die Raute ist abgeschafft. Solange es sie gab, wusste immerhin jeder Spieler, was er wo zu tun hatte. Jetzt hat Schaaf ein Chaos angerichtet und die allgemeine Verunsicherung, die zu den vielen Slapstick-Gegentoren führt, ist eine Konsequenz daraus. Nicht dass ein Systemwechsel grundsätzlich schlecht gewesen wäre, Schaaf hat ihn nur einfach nicht hinbekommen. Jetzt ist die Chance, eine Mannschaft sich einspielen zu lassen, längst dahin. Jetzt müsste er Impulse setzen, etwas verändern, damit der Klassenerhalt geschafft wird.

Fehler macht er auch bei der Aufstellung. Ich weiß selbst, dass sich eh jeder für den besten Trainer hält und man über sowas genauso wie über Geschmack streiten kann. Aber: Mickael Silvestre immer wieder aufzustellen ist eine einfach inakzeptable Entscheidung. In der Hinrunde gab es mehrere Spiele, in denen Silvestre bei jedem Ballkontakt einen peinlichen Fehler gemacht hat, das war unerträglich. Schaaf hat stoisch an ihm festgehalten. Jetzt ist Silvestre immer noch jederzeit für ein Gegentor gut, er spielt weiter, auch wenn die Alternativen gesund sind. Dominik Schmidt wurde derweil genüsslich der Presse vorgeführt, weil sein Berater zuviel Geld gefordert hatte. Das kann man natürlich machen, es ist nur der Atmosphäre nicht sonderlich zuträglich.

Im Mittelfeld fehlt ein Gestalter, Hunt bringt es nicht und Marin ist bestenfalls ein Stürmer. Das sind alles Probleme, die man sich in der Personalplanung selbst eingebrockt hat, ebenso wie der Mangel im Sturm, nachdem Almeida verkauft wurde. Mit Pizarros Ausfällen war zu rechnen, jetzt schießt keiner mehr Tore. Das geht auf Allofs ebenso wie auf Schaaf. Dabei habe ich auch gedacht, dass man Almeida besser jetzt für Geld abgibt, als ihn zu behalten. Die Realität hat nur leider bewiesen, dass Klaus und ich uns geirrt haben, weshalb es einfach unglaublich ist, dass der sich jetzt vor die Presse stellt und die Schuld für alles den verbliebenen Spielern aufbürdet, um sich selbst schadlos zu halten.

Es gibt wenige Gründe, gegen Leverkusen eine bessere Leistung als zuletzt zu erwarten. Gekämpft wurde schon, das hat aber nicht gereicht. Werder erspielt so gut wie gar keine Torchancen, das letzte herausgespielte Tor war das 1:0 gegen Hoffenheim. Gleichzeitig haben die Konkurrenten am letzten Wochenende gezeigt, was sie können. Stuttgart hat in Leverkusen zwei Tore geschossen und war dem Sieg zeitweise näher als der Gegner, Mönchengladbach hat Schalke an die Wand gekämpft, einen Rückstand aufgeholt und gewonnen. Für Wolfsburg hat Diego ein Weltklassespiel gemacht und selbst Kaiserslautern hat beim 0:3 in Hannover gezeigt, dass sie im Moment besser drauf sind als Werder Bremen. Köln hat seine drei letzten Heimspiele gewonnen, am Wochenende gepunktet und spielt stellenweise richtigen Fußball. Einzig Frankfurt kommt uns ein bisschen entgegen, wirkt dabei aber auch torgefährlicher als Werder. Dass Werder keine Torchancen hat, ist kein neues Phänomen in diesen Wochen, das war schon in der Hinrunde so, beispielsweise bei dem Heimdesaster gegen Kaiserslautern.

Einfacher als in Hamburg wird es nicht mehr werden, Punkte zu holen. Leverkusen ist die zweitbeste Auswärtsmannschaft der Liga und hat acht von elf Auswärtsspielen gewonnen. Selbst wenn Werder auf einmal zu alter Stärke zurückfinden würde, stünden die Chancen, das Spiel zu verlieren, noch sehr gut.
Werder.de verbreitet bis dahin Zuversicht, indem sie die Rückkehr der Verletzten in Aussicht stellen. Die Hoffnung ruht also auf Spielern, die bestenfalls am Mittwoch oder Donnerstag vor dem Spiel wieder in Mannschaftstraining einsteigen können. Der Wichtigste ist da Wesley, dem man tatsächlich zutrauen kann, die Mittelfeldmisere dergestalt zu lindern, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Zu Pizarro muss man nichts mehr sagen; wenn er wieder dauerhaft verletzt sein sollte, sieht es düster aus.

Aber selbst wenn Werder mit Schaaf den Klassenerhalt schafft, woran ich nicht glaube, bleiben die Probleme mit seiner Mentalität, seiner vermeintlichen Unfehlbarkeit, mit Klaus Allofs, mit der ganzen verkorksten Saison und dem Nichteingestehen der eigenen Verantwortung. In vier Wochen ist alles Spekulieren ohnehin überflüssig. Denn dann gelten in Bremen dieselben Regeln wie anderswo: Wenn Schaaf die nächsten Spiele verliert, wird er gehen. Wenn er sie gewinnt, hat er genug Kredit, um mit Werder abzusteigen.

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