Sportliches

ist gesund und macht uns HART!

Bei der Vorstellung des neuen HSV-Trainers ist es heute zum Eklat gekommen. Vorstandschef Bernd Hoffmann hatte zur Pressekonferenz geladen und dort Karl-Theodor zu Guttenberg als neuen Trainer vorgestellt. Hoffmann: “Guttenberg verfügt über das gesunde Selbstbewusstsein, das unserem Verein so lange gefehlt hat. Die Affäre, die ihn letztlich zum Rückzug aus der Politik gezwungen hat, sehen wir positiv: Herr Guttenberg ist genau der abgewichste, skrupellose Erfolgsmensch, den der HSV gebraucht hat.” Neben ihm lächelte verschmitzt der neue starke Mann beim HSV und scherzte gut gelaunt in Richtung der Journalisten: “Machen Sie ruhig was mit ‘Verteidigung’ in der Überschrift, das passt gut!”

Kritische Nachfragen nach seiner fußballerischen Kompetenz beantwortete der schnittige Star mit einem Lachen und dem geheimnisvollen Hinweis, dass er erfahren genug sei, man könne “da ruhig jeden von Brasilien bis nach Ost-Europa fragen.” Ein irritierter Reporter bat den immer aufgedrehter wirkenden HSV-Trainer daraufhin, einmal seine Brille abzunehmen, was der auch tat. In das beginnende aufgeregte Gemurmel hinein rief ein sichtlich konsternierter Bernd Hoffmann jetzt, dass die Pressekonferenz beendet sei, man bedanke sich bei allen Teilnehmern. Doch als er seine neben ihm sitzende Neuverpflichtung am Arm nehmen wollte, stieg diese auf einen Stuhl und rief, dass sich niemand mehr Sorgen machen müsse, er habe “alles im Griff! Ich habe die Erfahrung! Ich kann das! Ich habe, meine Güte, ICH HABE 150 LÄNDERSPIELE GEMACHT, ICH BIN EINE LEGENDE, ICH BIN EIN ERFOLGSTRAINER, EIN FACHMANN, ICH BIN LOTHAR MATTHÄUS!!!!!!” Dann rutschte er aus und fiel rücklings in die hinter ihm aufgestellte Werbewand.

Anschließend entschuldigte Matthäus sich beim weinenden Hoffmann für die Täuschung, aber anders sei “da jawohl nichts zu machen gewesen, in der Bundesliga. Sie werden es nicht bereuen, Herr Hoffmann!” Ob die Sektkorken in Bremen zu früh geknallt haben, wird sich noch zeigen: Hoffmann hat sich Bedenkzeit erbeten und Karl-Theodor zu Guttenberg hat aus München ausrichten lassen, dass er und seine Familie jederzeit für Lothar da seien, wenn der Hilfe brauche.

Man soll nicht auf am Boden Liegende eintreten, schon gar nicht im Fußballzusammenhang. Und doch ist der SV Werder am Samstag eingeladen, genau das zu tun. In Hamburg hatte man vor der Saison zum Isolationismus aufgerufen und behauptet, das einzige richtige Derby finde innerstädtisch gegen St Pauli statt. Das schien taktisch klug, da St Pauli von 15 Bundesliga-Spielen gegen den HSV nur das erste, 1977, hatte gewinnen können. Gegen Werder hingegen hatte der Verein aus der Imtech-Arena in den letzten Jahren nicht viel beschicken können; verständlich, dass man da die Lust am Derby verliert. Nur ist jetzt gegen den anderen Verein aus Hamburg auch wieder alles daneben gegangen.

Man muss nicht aus Bremen kommen, um den HSV für den jämmerlichsten aller Bundesliga-Vereine zu halten. Zu oft sind sie in den letzten Jahren gescheitert, zu wenig haben sie daraus gelernt. Selbst für eine richtig miese Saison, wie sie Werder gerade spielt, wäre der Hamburger Kader zu charakterlos. Ruud van Nistelrooy soll angeboten haben, einen Teil der Ablöse selbst zu zahlen und in Madrid auf ein Gehalt zu verzichten, nur um aus diesem Inferno der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Andere Hochbegabte, etwa Elia, haben für derartige Angebote noch nicht genug verdient, bereuen ihre Unterschrift beim Versagerverein heute aber ganz gewiss. Armin Veh hat angekündigt, nach Hamburg keinen Verein in Deutschland mehr zu übernehmen, und könnte nach einer Niederlage gegen Werder endlich in Rente gehen. Da erinnert man sich gern an Thomas Doll, einen unfähigen Simpel, dem die ganze Hansestadt umso ergebener zu Füßen lag, je mieser er seine Arbeit machte.

Keine Hoffnungen darf man sich darauf machen, dass in Hamburgs Fangemeinde Selbstzweifel aufkommen könnten. Mehr noch als bei allen anderen Vereinen ist hier die Selbstwahrnehmung von der Realität abgekoppelt. Ganz egal, wie erbärmlich die Mannschaft spielt, wie unfähig selbst die für den Platz zuständigen Handlanger arbeiten und wie prolldämlich sich die Fans aufführen – der HSV bleibt für sie ein ganz Großer, die längst viel interessanteren St Paulianer nur der kleine Stadtteilclub und Bremen ein kleines Fischerdorf. Die Produktion von Peinlichkeiten wird erstaunlich ausdauernd betrieben, die eigene Identitätssuche dauert an.
Eine interessante Form des ortstypischen Größenwahns ist der Versuch, Polizisten und Sportfunktionäre für Ultra-Kultur zu begeistern. Das anzuschauen ist quälender als Stromberg, insbesondere da, wo sich der selbsternannte “Leitwolf” an sein Publikum anbiedert, indem er sich von seinen Freunden und ihren absurden Ritualen distanziert.

Man kann sich allerdings sicher sein, dass die Hamburger mal wieder mit großer Sorge ins Derby gehen. Die Tabelle verschweigt das zwar, aber für den HSV wäre eine Niederlage schlimmer als für uns. Beide Derbys in vier Tagen verloren, mal wieder an der Jagd nach dem fünften Platz gescheitert, obwohl man insgeheim vor jeder Saison glaubt, dieses Mal könnte es doch vielleicht gar die Meisterschaft sein – schlechte Aussichten. Werder hingegen wird sich in ein paar Wochen ohnehin aus dem Abstiegskampf gerettet haben und optimistisch an den Neuanfang machen, während der HSV immer noch im alten Dreck hocken und mit den alten Spielern und neuem Trainer darauf hoffen wird, dass es 2012 vielleicht zwei Plätze nach oben geht. Und je frustrierender die sportliche Tristesse wird, umso verbissener werden die Dummerchen auf der Tribüne werden. Vielleicht klappt es dann endlich mit dem neuen Trainer. In diesem Sinne: Mehr Hass!

Wer als Fußballfan in Deutschland Berichte für ein Fanzine schreibt, hält sich dabei stets an gewisse Regeln, die sich eingebürgert haben. Dazu gehört ein Jargon der Beiläufigkeit, der in jeder Zeile deutlich macht, dass der Verfasser ein alter Hase ist und fast alles so oder so ähnlich schon einmal erlebt hat. Ein Beispiel:

Pünktlich zur Rückkehr des Winters brachen wir in den hohen Norden auf, wobei die zuvor befürchteten Schneechaos-Szenarien zwar Gott sei Dank ausblieben, schweinekalt wars aber trotzdem. Dies nahmen wir zum Anlass einen kleinen aufwärmenden Winterspaziergang zu unternehmen.

Das erste Schlüsselwort ist “pünktlich”, man geht hier also einer Art Pflicht nach, einer Routine. Das zweite Schlüsselwort ist “Spaziergang”. Man ging nicht erwartungsfroh zum großen Spiel, man schaute sich auch nicht die Stadt an, sondern man machte einen Spaziergang. Der war “klein” und wäre das auch gewesen, wenn er 10 Kilometer lang gewesen wäre.

Nun kommen wir zur zweiten Pflicht des Fanzine-Schreibers. Er muss sich abwertend über den Gegner äußern. Das kann am Beispiel der Stadt passieren, an ihren Bewohnern bzw. den Fans des gastgebenden Vereins oder am Verein selber. Ganz wichtig ist, dass man nicht zu emotional wird. Die Beiläufigkeit muss gewahrt werden, man lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zwar schon gar nicht von denen. Falls talentiert genug, kann der Autor jetzt auch ein bisschen Humor aufblitzen lassen. Zum Beispiel so:

So spazierten wir also frohen Mutes und mit nur äußerst geringer Polizeibegleitung durch das Bremer Viertel, das zugegebenermaßen eigentlich ein recht nettes Flair versprüht. Lag wohl daran, dass wir keine einheimischen Ultras ertragen mussten.

Man spazierte, man begutachtete großmütig die fremde Stadt, alles ist lässig, und dann kommt er, der feinsinnige Hinweis auf die einheimischen Ultras. Nachdem diese Formalität erledigt ist, kommt direkt die nächste: die Stadionkritik. Zu beachten ist vorher, dass Gästeblöcke niemals “betreten” oder in das Stadion “gegangen” wird, es wird grundsätzlich “geentert”:

Am Stadion angekommen enterten wir selbiges recht zeitig.

Natürlich auch nicht “zeitig”, das wäre weniger lässig, man geht “recht zeitig”. Während der Gästeblock nicht recht goutiert wurde, fanden die Bremer Spruchbänder mehr Beachtung. Zunächst das erste:

Zu Spielbeginn gaben die Bremer mittels Spruchband schon mal die Marschrichtung vor, indem sie uns wissen ließen dass sie sich auf Fürth, Ingolstadt und Paderborn freuen. Schön dass man realistisch bleibt! Viel Spaß auf den Trips nach Fürth oder Ingolstadt, die dann sicher mal wieder zu weit sind um anzureisen.

Gleich zwei besonders durchdachte Attacken: Einmal die diesmal besonders feine Ironie, mit der dem Gegenüber Vorfreude unterstellt wird, wo tatsächlich Angst ausgedrückt wurde. Und zum anderen der Hinweis darauf, dass die Bremer Fanszene zu manchen Auswärtsspielen nicht besonders zahlreich anreist. Solche Verweise auf die jeweiligen Schwächen der gegnerischen Fans gehören unbedingt in jeden Bericht. Umgekehrt würde man den Münchnern beispielsweise vorwerfen, dass bei ihnen zu Hause in München eine jämmerliche Atmosphäre herrscht. Hamburgern würde man die misslungenen Choreographien vorhalten, Wolfsburgern ihr Werksvereinsdasein und so weiter.

Im vorliegenden Bericht, es handelt sich um den der Schickeria München zum letzten Gastspiel in Bremen, folgt jetzt ein spannender Teil, der so tatsächlich nicht in jedem Spielbericht zu lesen ist.

Im Zuge des internationalen Holocaust-Erinnerungstages am 27. Januar gedachten wir heute Otto Beer, dem ehemaligen Jugendleiter des FC Bayern und Vertrauten unseres verehrten Präsidenten Kurt Landauer, und seinem Einsatz für den FC Bayern. Otto Beer war direkt verantwortlich für die Entwicklung der Münchner Fußballkunst und zahlreiche Erfolge unseres Vereins vor dem zweiten Weltkrieg, welche 1932 im Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft für unsere wunderbare Stadt gipfelten. Doch auch seine Verdienste um München und den FC Bayern konnten ihn nicht davor schützen, wie seine Familie Opfer der rassistischen Mordpolitik der Nationalsozialisten und des Wegsehens viel zu vieler Münchner zu werden. Otto Beer wurde von den Nazis nach der Reichskristallnacht deportiert und schließlich 1941 im KZ Kaunas ermordet. Um diesem großen Mann aus der Geschichte des FC Bayern zu gedenken, zeigten wir mehrere Spruchbänder sowie eine Fahne mit Otto Beers Konterfei und unserem alten Vereinslogo. Die Aussage dürfte klar sein: Wir wollten anhand eines anschaulichen Beispiels die Verbindung aufzeigen zwischen der Geschichte unseres großartigen Vereins und der Notwendigkeit und Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute! Vergesst niemals die Geschichte unseres Vereins, auf die wir stolz sein können! Vergesst nie Eure Menschlichkeit! Kein Fußball den Faschisten!

Abseits vom richtigen und wichtigen Anliegen, an die Morde der Deutschen zu erinnern, haben diese Passage und die Spruchbänder, auf die sie sich beziehen, einige interessante Aspekte. Da wäre zunächst die pathetische Sprache: “verehrten Präsidenten”, “Fußballkunst”, “wunderbare Stadt”, “großer Mann”. Sie erzeugt eine Atmosphäre der Erhabenheit, wo es in Wirklichkeit um millionenfaches Verrecken und Krepieren ging. Otto Beer mag ein guter Trainer gewesen sein, vielleicht auch ein guter Mensch, aber darauf kommt es nicht an: Die Nazis haben alle Juden ohne Unterschied ermordet, die Verbrecher wie die Gerechten, die Arbeiter wie die Fabrikbesitzer, die Greise wie die Säuglinge. Die Opfer des Holocaust waren keine Helden, sie waren Mordopfer. Deshalb taugt die Glorifizierung der Toten nicht, um an die Ereignisse zu erinnern, die naturgemäß ohnehin nicht von den Opfern, sondern von den Tätern vorangetrieben wurden.

Spätestens stutzig werden sollte man, wenn jemand von “Geschichte [...], auf die wir stolz sein können” spricht und damit 33-45 meint. Die Schickeria München praktiziert einen nachholenden Widerstand, der sich mit einer angeblichen “Verbindung zwischen der Geschichte [...] und der Verantwortung für antifaschistisches Engagement heute” begründet. Mit dem üblichen Antifa-Größenwahn halluzinieren sie die Notwendigkeit antifaschistischen Engagements herbei und begründen das mit der Geschichte, als ob sie Otto Beer noch retten könnten; oder als ob heute jemand von deutschen Gaskammern bedroht wäre und der Hilfe der Münchener Fußballfans bedürfte. So können Ultras die bequemste Form des Antifaschismus genießen. In München gibt es ohnehin kaum Nazis, beim FC Bayern schon gar nicht, und die Geschichte des FC Bayern lässt sich wunderbar als Ticket auf die richtige Seite der Geschichte nutzen. Da passt dann auch die Schutzheilige aller machtlosen Flugblattverteiler, Sophie Scholl, bestens ins Bild und auf den Doppelhalter. Die Geschichte von München als “Hauptstadt der Bewegung” spielt dabei keine Rolle mehr. Nun ist es verständlich, dass man sich nicht in die Traditionslinie der Nazis stellt. Dass man sich aber unbedingt identitätsstiftenderweise in eine Tradition stellen muss, mit der man in Wirklichkeit nichts zu tun hat, weil man damit heute nichts zu tun haben kann, das ist fragwürdig.

Das Selbstverständnis als antifaschistische Ultras, die bei Fußballspielen singen und dabei irgendwie auch mit dem deutschen Widerstand verwandt sein wollen, gibt einige Rätsel auf. So ist die Schickeria stolzes Mitglied vom “Alerta Network”, einem Bündnis für antifaschistische Ultras in Europa. In diesem Netzwerk ist es nicht nur völlig okay, sich für die palästinensische Sache einzusetzen, sondern auch, sich mit den antifaschistischen Genossen zu prügeln. Überhaupt, Prügeln und Feindesein ist ziemlich wichtig für die Münchener. Dabei ist für antifaschistische Gewalt kein Ziel in Sicht, auf die Militanz und ihren Chic will man trotzdem nicht verzichten. In München verteidigen sie deshalb bei Gelegenheit auch mal ein Schwimmbad dagegen, von feindlichen Fans beschwommen zu werden. Und selbst drastische Konsequenzen ihres Tuns haben nie etwas daran geändert, dass die Münchener Ultras sich stets zu den Guten rechnen.

Die eigene Mentalität wurde zuletzt per Spruchband mit “Sometimes antisocial – always antifascist” beschrieben, was aus Bremen dieses Mal umgedeutet wurde in “Sometimes antifascist – always white sausage”. Die Weißwurstmentalität räumt man in München zwar ein, aber die Bezugnahme auf das eigene Spruchband zu erkennen wird konsequent verweigert:

Die Bremer zeigten unter anderem ein kreatives und inhaltlich sinnvolles Spruchband, in dem sie uns als White Sausages
bezeichneten. Ihr könnt machen was ihr wollt und bleibt doch für immer Weißwürste! oder so wäre ja mit viele Augen zudrücken evtl. irgendwo noch so was Ähnliches wie amüsant gewesen, aber White Sausage? Wem zum Teufel fällt so was ein? Und welche Runde von Vollnerds findet so was ernsthaft bombe und lustig? Da is wohl wem der Tee nicht bekommen. Unser Beileid sei ihnen sicher, hat jedenfalls gut für Lacher und Kopfschütteln gesorgt. Armes Bremen.

Hier ist wieder die Ironie zu beachten, mit der eingeleitet wird. Die grundsätzliche Überlegenheit der Münchener zeigt sich dann erneut in Lachern, Kopfschütteln und Mitleid. Ach, die Bremer, schreiben was auf Englisch! Weil er inzwischen in bornierter Selbstverliebtheit ertrunken ist, merkt der Autor auch nicht, wie die eigene Selbstdarstellung schließlich zur Karikatur wird. Auf die Erinnerung an den Holocaust folgt nämlich die ernst gemeinte Aufforderung an die Bremer, nicht mehr mit bestimmten Menschen zu tanzen. Nach dem Spruchband für Otto Beer ging es so weiter:

Wir hingegen teilten den Bremern mit, dass die neu aufkeimende Achse des Nordens Bremen-Hannover-Braunschweig irgendwie lächerlich ist. Zur Erläuterung: Hannoveraner (BN99) besuchten letztens eine Techno-Party von Infamous Youth und anderen Bremer Ultras, zu denen sie seit jeher ein mehr als angespanntes Verhältnis pflegen oder um es deutlich zu sagen: eigentlich sind Hannover und Bremen Erzfeinde! Erst beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften gelang es den Hannoveranern die Fahne einer Bremer Gruppe zu entwenden. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, reisten zu dieser Party die Hannoveraner und einige Braunschweiger (UB01), ebenfalls seit jeher erbitterte Erzfeinde (?), auch noch im selben Zug an!

Ein ungeheurer Vorgang, wenn man als echter Ultra auch echter Hassprediger ist. Ultraideologie heißt schließlich immer noch, dass man genau den Leuten, mit denen man am meisten gemein hat, auf die Fresse hauen muss.

Unsere Auffassung von Ultrà sieht in diesem Punkt mal grundlegend anders aus…oder anders formuliert: bevor wir zusammen mit den Blauen nach Nürnberg auf ein Konzert fahren, schneiden wir uns lieber im Absinth-Rausch die Ohren ab!

Das fasst die Idiotie, die Ultra ausmacht, ganz gut zusammen. Schließlich versuchen die Leute, die sowas sagen, es auch ernst zu meinen. Natürlich ist es großer Quatsch und am Ende sind ihnen doch ihre Ohren wichtiger als ihr Abgrenzungsbedürfnis, aber es ist doch das Ideal, genau so zu sein. Weil man dem Ideal aber nicht nahekommen kann, weil einen nie jemand vor die oben genannte Wahl stellt, muss man die eigene Besonderheit mit Verbalradikalismus und absurden Gewaltausbrüchen dokumentieren.

Da in Bremen ein Ultra-Gesetz, wie es den Münchenern vorschwebt, gebrochen wurde, gibt es auch eine Anklage und die Forderung nach Rechtfertigung.

Die zur Legitimation dieser Geschichte vorgebrachte Argumentation war dann ernsthaft, die Techno-Party sei eine “politische Veranstaltung” gewesen und habe ja mit Fußball nix zu tun gehabt. Da haben wir als explizit politische Ultrasgruppe lieber mal nachgefragt ob es ihre Art von Politik-machen ist, mit fußballerischen ERZFEINDEN fröhlich zu Technobeats durchs Discolicht zu hüpfen…

Die Rechtfertigung wird abgelehnt, denn für Tanzen sieht der große Ultrakodex keine Ausnahmen von der Regel vor. Für die Blockade von Naziaufmärschen erteilen die Ultra-Ayatollahs Genehmigungen, wie wir später lesen können. Für eine Tanzveranstaltung mit Soli-Charakter gilt das aber noch nicht. Wo die Grenze gezogen wird, entscheidet die “explizit politische Ultrasgruppe” je nach Eigenbedarf. Zum Beispiel war es völlig okay, am Rande des BAFF-Kongresses in Bremen mit Bremer Ultras, darunter die Redaktion dieses Telemediums, zu feiern. Natürlich könnte man einwenden, dass es anlässlich des BAFF-Kongresses okay ist, mit anderen Menschen Bier zu trinken. Aber darf man dann das Abendprogramm mitmachen? Gibt es ein Privatleben und ein Ultraleben?

Man kann angesichts dieser hirnrissigen Fragestellungen zu dem Ergebnis kommen, dass die Kontaktsperren und mit ihnen jedes Hass-Theater lächerlich sind und abgeschafft gehören. In München sieht man das anders und doziert weiter über das Verhältnis von Fußball zu Linkssein:

Uns ist der linke Hintergrund der Veranstaltung wohl bekannt. Linkes Engagement is prima! Jede Gruppe mehr, die das so sieht, ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Wenn es extreme Fußballfans gibt, die sich auch politisch links positionieren und ohne ihr Fan-sein aufzugeben politisch agieren absolut Daumen hoch! Nur kann man ne musikalische Veranstaltung wohl kaum als “große politische Aktion” hinstellen, die irgendwas rechtfertigt. Für nen echten Fußballfan schon gar ned das Vergessen bzw. Aufgeben aller Werte, Gepflogenheiten und Rivalitäten aus der Fußballwelt.

Während völlig offen bleibt, was “links” ist, wird immerhin deutlich, was ein “echter Fußballfan” ist und was “alle” seine Werte und Gepflogenheiten zu sein haben. Nämlich, man muss sich das in Erinnerung rufen: Mit bestimmten Menschen nicht dieselbe Abendveranstaltung zu besuchen.

Noch dazu wenn man politisch so standhaft und straight ist, dass man mit rechten Bremern und Essenern kleinlaut in einer Kurve steht ohne sich je wirklich davon distanziert zu haben und so radikal, dass man sich unlängst von ner handvoll dahergelaufener Dorfnazis mit “mehreren hundert” Gutmenschen aus ner Sporthalle vertreiben lässt.

Wenn man das ironische Statement zurückdreht, will der Autor vermutlich sagen, dass man in München doch so “standhaft und straight” ist, dass die Schickeria nicht mit Rechten in einer Kurve steht. Das ist natürlich haltloser Quatsch, ebenso wie die missglückte Unterstellung, die Bremer Ultras hätten sich von – ja von was eigentlich? – nicht ausreichend distanziert. Und wenn die Bremer eine Veranstaltung verlassen, bei der Nazis von den Ordnern geschützt werden, anstatt sich ehrenhaft mit allen zu prügeln, dann ist das der Schickeria in Ferndiagnose nicht radikal genug. Denn dort ist Gewalt noch ein hohes Gut, und wenn sich Heranwachsende nicht mit Dorfnazis und Security-Ogern prügeln wollen, dann ist das kein “ernstzunehmendes Engagement”:

Dürfte sich also doch eher um kuschelige Polit-Folklore zum Wohlfühlen handeln als um ernstzunehmendes Engagement.

Dementgegen steht der Antifaschismus ohne Faschisten, den die Bayern so gekonnt zelebrieren. Deren Feinde stehen nicht in der Kurve, sondern sind seit siebzig Jahren tot und dementsprechend pflegeleicht.

Deshalb haben sie dort genug Zeit, um allgemeingültige Regeln für andere Leute aufzustellen. Die Polit-Folklore hat Anführungsstriche bekommen und der Hahn kräht in Richtung Norden, dass wir alle exkommuniziert sind aus der Familie der Fußballfans:

Wenn sowohl die einen als auch die anderen in die Stadt XY fahren und dort nen Naziaufmarsch blockieren und ansonsten jeder seiner Wege geht, kräht danach kein Hahn. Aber wenn man in der Hauptsache Ultras beim Fußball ist, macht man reine “Polit-Folklore” als Bremer Ultra nicht in Hannover und als Hannoveraner Ultra nicht in Bremen oder Braunschweig. Und schon gar nicht zusammen. Sonst hat man mit FUSSBALLFANS nix mehr zu tun! E basta!

Jetzt lebt es sich doch ganz ungeniert, wenn man endlich aus dem Kreis der Sportfreunde und Menschenfeinde ausgeschlossen ist. Doch so leicht kommt man dem Großinquisitor mit kleinem Herzen nicht davon. Schließlich schadet das gemeinsame Tanzen der gemeinsamen Sache:

Die Leute sollten sich vielleicht mal überlegen, dass sie damit auch jegliches ernsthaftes politisches Engagement innerhalb der
Fußballwelt und der mit ihr verbundenen Subkultur diskreditieren, einfach weil sie von anderen Fans nicht mehr ernst genommen werden können. Wir Ultras sind in erster Linie FANS und als solche irrationale Fanatiker unserer Städte und Vereine. Linke Ultrasgruppen sind also Fußballfanatiker mit linker politischer Einstellung, keine in irgendner Form (auch) fußballaffinen Politaktivisten. Eine eigentlich selbstverständliche Grundkonstante des Movimento Ultras, die bedauerlicherweise bei einigen anscheinend in Vergessenheit geraten ist.

Was hier als Irrweg geschildet wird, ist in Wirklichkeit genau das Richtige. Man muss politisches Engagement bei denen diskreditieren, gegen die es ohnehin gerichtet ist. Die autoritären Männergruppen, die rechtsoffenen Alkoholiker, die alteingesessenen Platzhirsche und die Nazis sowieso – sie alle sollten wissen, dass ernsthaftes politisches Engagement sich auch gegen ihre Bräuche richtet und mit dem traditionellen, von reaktionären Münchenern verteidigten Verständnis von Fansein nicht vereinbar ist.

Der verzweifelte Versuch, eine Trennlinie zwischen linken Fans und fußballaffinen Linken zu ziehen, kann nicht erfolgreich sein. Der Geist ist aus der Flasche, Politik und Reflexion sind in der Ultrawelt angekommen. Wenn jetzt aus der Südkurve gerufen wird, dass man das alles nicht so gemeint habe und jetzt gefälligst alle wieder Fußballfans sein sollen, rennt die Schickeria längst der Entwicklung hinterher. “Zurück zum Fussball” soll es für die Ultras gehen. Kein Zufall, dass sie sich dabei einer Sprache bedient, die aus einem ZDF-Bericht über die Love Parade in den Neunzigern entnommen sein könnte: “Zu Beats stampfen”.

Abseits dieser grundsätzlichen Probleme gibt es für den Fanzineschreiber schlussendlich noch zwei Pflichtübungen zu absolvieren. Zunächst muss man sich des Sieges in einer körperlichen Auseinandersetzung rühmen, falls keine stattgefunden hat geht das auch im Konjunktiv.

Nach dem Spiel wurden wir dann von drei netten Herrschaften und einer Dame in blauen Leibchen erneut völlig unstressig und locker zum Bahnhof zurück begleitet und 15 oder 20 Bremer Spinner (O-Ton des Deeskalations-Teams hehe) mussten in der eigenen Stadt noch die Beine in die Hand nehmen.

Und schließlich gilt es noch, sich verwundert über die örtlichen Gepflogenheiten zu zeigen. Das kann anhand der Gastronomie, des Nahverkehrs und vieler anderer Gegebenheiten passieren. Hauptsache, es passiert etwas Ungewöhnliches und man kommentiert das dann im Hinblick auf den Ort: “Na, das ist aber komisch hier!”

Absolutes Tageshighlight war allerdings ein Schild in der Bremer Innenstadt, auf dem uns bildlich mitgeteilt wurde, dass zwischen 20 Uhr und 8 Uhr die Benutzung von Schusswaffen, Messern und Baseballschlägern untersagt sei. Wir haben Tränen gelacht, hier ist die Welt echt noch in Ordnung. Morden bitte nur vor 20 Uhr!

Ob das Schild tatsächlich nicht verstanden wurde oder für die bessere Belachbarkeit absichtlich falsch gelesen wurde, bleibt offen. Bei Ultras sind Waffen immerhin verboten – abgesehen von Flaschen und Leuchtspur.

* Der Spielbericht erschien im “skb-online”, einem Newsletter der Schickeria München

Gestern abend beim Einschlafen habe ich wie immer über den SV Werder nachgedacht, und wie immer hatte ich einen genialen Einfall, der alle Probleme des besten Vereins der Welt lösen wird: Thomas Schaaf darf Urlaub machen, mindestens ein halbes Jahr. Die Maßnahme beginnt sofort. Als Ersatz wird ein gestandener Bundesliga-Trainer verpflichtet, das dürfte so schwer nicht werden, auch wenn Friedhelm Funkel und Jörg Berger gleichermaßen verhindert sind. Unter dem neuen Trainer wird das beschädigte Spielermaterial wieder flott gemacht, neue Besen kehren gut, die Rückrunde wird mit unansehnlichem aber solidem Arbeitsfußball ohne größere Probleme zuende gespielt. Thomas Schaaf, der zweifellos beste Trainer, den Werder Bremen haben kann, erholt sich derweil mehrere Monate lang, unter anderem auf einer Kreuzfahrt und einer Safari. Er schießt einen Löwen, liest ein Buch, verbringt Zeit mit seiner Familie und schaut hier und da ein Fußballspiel, aber keines von Werder Bremen. Vielleicht darf er auch selbst entscheiden, was er in der Zeit macht, mal sehen.

Mitreden müsste der Trainer auch bei der Festlegung der Länge seiner Auszeit. Zwar können echte Fans fast alles auf der Welt auch von außen und ohne wichtige Informationen sehr gut beurteilen, das macht sie aus, aber in diesem Falle würde ich mir Rat holen wollen. Vielleicht reicht ein halbes Jahr nicht, vielleicht sollte Schaaf bis zur nächsten Winterpause oder gar bis Sommer 2012 Pause machen. Spätestens dann aber muss er Werder Bremen wieder übernehmen. Die Mannschaft müsste bis zu Schaafs Rückkehr, egal wann die erfolgt, in jedem Fall schon deutlich verändert worden sein. Eine deutliche Veränderung ist nicht nur in der Anzahl der Spieler zu messen, sondern auch in der Auswahl derjenigen, die gehen und vor allem derjenigen, die da kommen sollen. Mit der neuen Mannschaft könnte Thomas dann konzentriert arbeiten, und wir alle warten geduldig darauf, dass sich der Erfolg wieder einstellt.

Warum das jetzt hilft? Weil sich nichts mehr tut, weil die Phrasen immer dieselben sind und selbst ein erfolgreicher Rückrundenauftakt daran nichts ändern kann. Mannschaft und Trainer ergeben keinen guten Fußball mehr. Die Mannschaft kann man aber auf die Schnelle nicht austauschen. Den Trainer sollte man nicht austauschen, weil er der beste Mann für Werder Bremen ist. Deshalb muss eine kreative Lösung her, die die aktuellen Probleme löst und gleichzeitig eine langfristige Perspektive bietet. Ob bei der unvermeidbaren Trennung schon verkündet werden sollte, dass Schaaf zurückkehren wird, ist schwer zu sagen. Vermutlich ist es besser, die Öffentlichkeit im Dunklen darüber zu lassen und auch dem Interims-Trainer trotz kurzen Vertrags falsche Hoffnungen auf einen längeren Verbleib zu machen. Damit es dann 2012 auch heißen kann: “Meistertrainer Möhlmann gefeuert – Schaaf zurück!”

Seit der letzten Testspiel-Niederlage gegen einen türkischen Durchschnittsverein, bei dem angeblich “mindestens zwei Akteure Übergewicht” hatten, und von denen ein Spieler, vermutlich normalgewichtig, sich nach dem Spiel “überrascht, wie schlecht Werder ist”, zeigte, ist in den Medien und unter den Werder-Fans die Endzeitstimmung angebrochen.

Besonders die Kreiszeitung, die sonst stets auf Vereinslinie war und auch in der Hinrunde immer, wie alle Fans, die stete Hoffnung auf Besserung hatte, zeigt sich nun schockiert. Den Spielbericht auf werder.de bezeichnet ein mutiger Redakteur geradeheraus als “Blödsinn”, was in Bremen geradezu revolutionären Charakter hat. Fraglich ist auch, ob peinliche Selbstentlarvungen wie die von Co-Trainer Matthias Hönerbach vor einem Jahr den Weg in die Medien gefunden hätten. „Du kleine Wurst, bei uns im Hotel ist noch ein Posten als Kellner frei, du Idiot“, soll der jetzt zum türkischen Schiedsrichter gesagt haben. Viel armseliger kann man sich nicht aufspielen. Ein kleiner Co-Trainer, Weisungsempfänger und Hütchenaufsteller, der sein Selbstwertgefühl daraus bezieht, dass immerhin noch andere Leute ihm das Essen bringen müssen, und der ernsthaft daran glaubt, dass er deshalb etwas Besseres wäre. Während wir uns vor Jahren noch Sorgen darum machen mussten, dass Werder zu beliebt werden könnte, wendet man sich nun angeekelt ab.

Sportlich war dem Vernehmen nach alles katastrophal, also wirklich noch schlechter als vorher. Dass es nicht besser werden würde, damit war zu rechnen, zumal nach Almeidas verständlichem Abgang. Dass wir aber noch vor dem ersten Spiel den Abstiegskampf entern, das ist beachtlich. Leider war das neue Elend bisher nicht im Fernsehen zu betrachten, weshalb man sich auf die Pressestimmen verlassen muss, aber die sind wie oben beschrieben außergewöhnlich deutlich in ihrer Alarmstimmung. Was bedeutet sie nun, die bevorstehende Apokalypse, und wie soll man damit umgehen?

Die Redaktion ist tief in sich gegangen und hat die Situation jetzt für sich angenommen wie ein Bundesligaspieler einen Zweikampf. Nach Jahren des Erfolgs, der, auch wenn das heute schon vergessen wird, tatsächlich bis zum Anfang dieser Saison in Genua konstant anhielt, verspüren wir eine Lust an der Niederlage, eine Sehnsucht nach der Apokalypse, nach dem Zusammenbruch. verbrochenes.net ist bereit, emotional Teil der Misere zu werden. Wir sind bereit, schwere Niederlagen einzustecken. Wir sind bereit, ein hart erkämpftes Unentschieden zu bejubeln, wenn es denn nur einen Punkt bringt, einen Punkt, den wir im Kampf gegen den Abstieg bitter benötigen. Wir sind bereit, Freitag abends auf eine Niederlage von Köln oder Nürnberg zu hoffen. Wir sind bereit, einen Anschlusstreffer zu bejubeln, wie wir seit Jahren kein viertes, fünftes oder sechstes Tor bejubelt haben. Und wir sind bereit, den Klassenerhalt zu bejubeln, wie wir keinen Derby- und keinen Finalsieg bejubelt haben.

Die Lust an der Apokalypse rührt vom Unbehagen am Bestehenden, und wir wissen das. Wir sind deshalb bereit, das Bestehende hinweggefegt zu sehen. Schaaf, Allofs, Frings, und alle anderen mit ihnen können verschwinden im Strudel des Niedergangs, im existenziellen Kampf um den Ball und die Zukunft. Wenn alles vorbei ist, ist alles neu, und wenn alles neu ist, ist alles besser. Arroganz und Dekadenz sind eingezogen bei den Herrschenden; Langeweile, Verweichlichung und Gleichgültigkeit bei ihren Anhängern. Dem wird diese Rückserie ein Ende machen, so oder so.

Oder eben auch nicht. Bis zur Testspielkatastrophe war ich davon ausgegangen, dass das schon alles auf Platz 10 enden wird, und vielleicht kommt es doch so. Wenn Pizarro wieder regelmäßig dabei ist und Mertesacker seine Normalform wiederfindet, dann wird alles schon wieder viel besser werden. Dagegen spricht, dass die Dinge nie so bleiben, wie sie sind, sondern sich immer in irgendeine Richtung bewegen. Weit bergauf kann es nicht gehen, dafür ist die Mannschaft zu schlecht. Also geht es bergab. Und das ist auch gut so. Siehe oben, ich freue mich drauf.

Jahresrückblicke riechen immer ein bisschen nach Johannes B. Kerner oder der Bild am Sonntag. Ganz altersmilde schauen das Land und seine Medien auf die letzten Monate, Naturkatastrophen stehen neben Promi-Hochzeiten und Bestechungsskandale neben Sportereignissen. Die Welt hat wieder einmal ihren Lauf genommen, und die Konservative hat vorher gewusst, dass sie das tun würde. Deshalb sind die Jahresrückblicke meist so langweilig. Noch die aufregendsten Ereignisse werden heruntergebrochen auf ihre eine Gemeinsamkeit; darauf nämlich, dass sie schon vorbei sind. So ist es heute eigentlich alles egal, was damals passiert ist, und auf die Auswirkungen der ganzen Geschichte auf die Zukunft, und auf das, was was die Ereignisse über unsere Gegenwart auszusagen vermögen, darauf kommt es jetzt gar nicht mehr so an. Denn jetzt ist Weihnachten, jetzt ist auch mal gut.

Aber Jahresrückblicke haben auch ihren Reiz. Ganz besonders natürlich für den Redakteur, der mit wenig Aufwand einige Seiten oder Stunden seines Mediums füllen kann. Das kann sogar viel Freude machen, wenn man in einem Text über viele verschiedene Ereignisse palavern kann. Aber selbstverständlich kommt es für ein jugendliches Medium wie verbrochenes.net nicht in Frage, einen einfachen Jahresrückblick aufzulegen. Weil das Problem hinlänglich bekannt ist, gibt es auch einige anerkannte Lösungen. Aufregend und lustig kann eine Jahresvorschau auf das kommende Jahr sein, da ist Platz für Phantasie. Immer gern genommen sind auch Listen, Top oder Flop, die besten oder die lustigsten oder die skurrilsten Ereignisse oder Lieder oder Pannen des letzten Jahres. Man muss da kreativ sein, um wahrgenommen zu werden. “Der etwas andere Jahresrückblick” erreicht 94.000 Treffer bei Google, und wieviele von den “etwas anderen” sich gleichen, kann man sich ausmalen.

Umso stolzer ist die Redaktion, einen ganz neuen Blick auf das Jahr anbieten zu können. Als progressive Humanisten sehen wir die Welt mit Spannung und einer gewissen Erwartungshaltung. Wir, jugendlich und stürmisch, fordern die Welt heraus, uns etwas Ungesehenes zu zeigen. Postexistenzialistisch fragen wir: Kann die Sonne nicht einmal auf etwas Neues scheinen? Kann sie? Geht vielleicht doch etwas über die alten Fragen und die alten Antworten? Daran wollen wir das vergangene Jahr messen. Wir wollen sehen, was es zu bieten hatte. Wir wollen bewerten. Wir wollen benoten.

Hier ist es: Das Zeugnis für 2010.

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Sport: Mangelhaft

Es hatte alles so gut angefangen. 2010 ließ den SV Werder durch die Rückrunde spurten, dass es eine Freude war. Am Achten Mai befreite der SVW alle Hamburger von der Angst vor einer neuen Saison im Europapokal und eroberte sich selbst einen Platz in der Champions League, die Quali-Spiele sollten nur noch Formsache sein. Es war ein Rausch, diese Rückrunde. Aber das ist ja nichts Besonderes. In der Rückschau ist es überraschend, dass 2010 in Sport noch die Note 5 erhalten konnte, obwohl es diese wunderbaren Monate im Frühjahr gab.

Etwas Besonderes soll eine WM sein, und 2010 hatte eine zu bieten. Aber was wir dann zu sehen bekamen, war unterirdisch. Gerade für ehrgeizige Fußballfans, die eigentlich soviele Spiele wie möglich sehen wollten, war es schwer zu ertragen. Nahezu alle Spiele waren langweilig, langsam, einschläfernd, frustrierend und öde. In den ersten Gruppenspielen wollten grundsätzlich alle unentschieden spielen. In den letzten Gruppenspielen wollten einige, konnten aber immer noch nicht. Tore sind trotzdem irgendwie gefallen, ich kann mich aber nicht mehr an sie erinnern. Ausnahmen gab es zwei: Einmal die Spanier, die zwar keine Freude, aber immerhin Klasse zeigten. Und dann, ausgerechnet, die Deutschen, die für etwa 90% der guten Spiele zuständig waren und mit einer sympathischen Mannschaft auftraten. Ihr Fanclub war dafür unerträglich wie immer. An der WM war eigentlich alles scheiße, und sie hat dafür gesorgt, dass ich mich auf große Turniere nicht mehr so freue wie früher. Sie haben ihren Zauber verloren.

Für das Elend, dass der SV Werder nach der WM in die Welt gebracht hat und sicher noch eine ganze Weile fortsetzen wird, ist hier nicht genügend Platz. Und 2010 kann auch gar nicht so viel dafür. Es war jetzt halt soweit, und 2011 wird kaum erfolgreicher, nicht in dieser Saison und auch nicht in der nächsten. Leider hat 2010 jetzt keine Zeit mehr, um uns wenigstens von ein paar der Versager zu befreien, es wird keine Entlassungen und Verkäufe mehr geben. Also sehen wir uns im neuen Jahr wieder, Torsten Frings, Klaus Allofs, Aaron Hunt. Bringt Eure Freunde mit.

Hier wird qualifiziert über die Zukunft spekuliert.


Deutsch: Sehr gut

In Deutsch war das vergangene Jahr sehr gut. Alle Deutschen müssen arbeiten, während der Rest Europas mit Arbeitslosigkeit und Rezession zu kämpfen hat. Die Deutschen haben eine Regierung, über die sie morgens beim Zeitunglesen sehr gut schimpfen können. Deutschland liebt seine Fußballmannschaft. In beiden Wintern war und ist es kalt und verschneit wie in Stalingrad. Hitler ist immer noch tot und “Wetten daß…” wird jetzt noch sicherer. Kinderschänder begehen massenweise Selbstmord, und letzte Woche gab es schon den zweiten guten “Tatort” in fünf Jahren. Bayern München, Deutschlands Vorzeigeclub, hat ganz Europa überrannt, bis ihnen die Italiener in den Rücken gefallen sind. Diese Saison werden lauffreudige junge deutsche Männer mit reichlich Neonazis in der Anhängerschaft Deutscher Meister, es wäre dem Führer eine Freude gewesen.

Letztendlich fällt eine Bewertung der Leistungen in Deutsch aber schwer, denn was ist schon deutsch? Gewöhnlich immer das, was der grob links oder antideutsch gesonnene Autor nicht mag, aber das hat sich als wenig tragfähiges Konzept herausgestellt. Vor allem, da wir nun im Winter ganz heimelig werden und uns fragen, ob Deutsch nicht auch unsere Sprache ist, Teil unseres gemeinsamen kulturellen Erbes, das uns mit Papa, Oma und Adolf Eichmann verbindet. Man sollte da nicht so streng sein.

Nun schreibt man in Deutsch gerne auch mal Texte, genau wie in einem Blog – eine erschreckende Gemeinsamkeit. Und da war es hier nicht weit her, wir wollen das umstandslos einräumen. Da haben wir eine 6 verdient. Andererseits war es draußen auch schön, besonders, als es noch schön war.

Biologie: Ungenügend

Keine Vogelgrippe, keine Epidemie, eigentlich gar keine neue Krankheit. Kein besonderes Artensterben, kein Wal in der Elbe, nur ein schöner Haiangriff vor Ägypten. Was es aber gab: Schleichenden Völkermord. An den Palästinensern sowieso, aber auch an den Deutschen. Keiner von uns hat dieses Jahr eine neue Deutsche oder einen neuen Deutschen gemacht, und Ihr habt auch keine gemacht. Der erste Sex passiert Jugendlichen heute erst ein Jahr später als noch vor ein paar Jahren. Und ohne Ficken gibts kein Vaterland mehr. Aber das begreifen die nicht. Die nicht, ne. Biologie ist eine schwierige Sache, wer schonmal ein Brathähnchen gemacht hat weiß das. Und 2010 hat uns diesbezüglich nicht weitergebracht. Bei 12 Grad Minus fällt “das Leben” schwerer, und es ist ja schon im Frühling nicht einfach gewesen. Hat viel mit Biochemie zu tun, steckste nicht drin.

Werte und Normen: Befriedigend

Werte und Normen sieht man heute ja eher kritisch, Wertkritik und Kritik an der Xyz-normativität waren auch 2010 wieder sehr beliebt. verbrochenes.net, die kritischen Glücksforscher aus Westdeutschland, haben allerdings verwundert feststellen können, dass Kritiker der Normativitäten und der Werte 32% weniger glücklich sind als Fans von Werder Bremen. Im Spätherbst sanken diese Werte etwas, eine Blitzstichprobe ergab aber, dass das nichts mit den Freuden der Kritik zu tun gehabt hatte.

Erstes Ergebnis unserer Beobachtungen war heftige Lektüre der Schriften rechter Kulturkritiker und Gründung mehrerer Familien (Mannfraukind). Das hat geholfen, bringt uns aber schließlich die gleichen Probleme, nur von der anderen Seite betrachtet: Die Welt ist in einem miserablen Zustand, und was uns so zum Spielen zur Verfügung steht, hilft nicht weiter. Wenn jetzt die antiliberale Front aufgebaut werden soll, sind wir gern dabei.


Musik: Ausreichend

Musik hilft schon längst nicht mehr weiter. Da es aber bisher keine Beschwerden gegeben hat, scheint dieser Industriezweig weiterhin zu funktionieren. Begeisterungsfähigkeit ist der entscheidende Faktor, und die muss ohnehin auf Kundenseite erzeugt werden, da kann die Musik ja nichts dafür.

Mathematik: Gut

2010 gab es sehr viele Zahlen, weil die Finanzkrise offenbar am besten in Zahlen transportiert werden kann. Bemerkenswert sind dabei vor allem die (bemerkenswert) großen Zahlen, die besonders medial präsentiert einen Heideneindruck machen konnten. Manche waren so groß, dass man über sie hätte nachdenken müssen, um sie zu verstehen. Die Redaktion hat das stets vermieden, weil das nur Ärger bedeuten würde. Aber immerhin soll hier auch nicht die Redaktion, sondern das Jahr benotet werden. Es hatte auch sehr viele andere Zahlen zu bieten.

Öl im Golf von Mexiko: Sehr viel.

Menschen, die für die FDP stimmen würden, wenn sie jetzt könnten: Wenige.

Besuche in Afghanistan vom großen Mann: Sieben. Davon mit seiner Frau: Einer.

Wölfe in Ostdeutschland: Mehrere.

Sonnentage in Israel: Viele.

Mathe heißt, dass man mit den Zahlen jetzt noch etwas macht. Ein Beispiel:

Sonnentage in Israel geteilt durch Wölfe in Ostdeutschland: Mittelgroße Zahl.

2010 hat nun manchmal so tolle Sachen wie Griechische Staatsausgaben geteilt durch Deutsche Steuereinnahmen. Das hat uns gut gefallen, und deshalb gibt es die Note 2!

Politik: Ungenügend.

Die alten Fragen, die alten Antworten, die gleichen langweiligen Parteien, das alte Gezeter über immer dasselbe, die völlige Bewegungslosigkeit von allem – 2010 war furchtbar. Politik hat nicht stattgefunden, man täte gut daran, auch die trotzdem generierten Meldungen darüber zu ignorieren und ein Buch zu lesen. Wikileaks, wenn ich das schon höre. Nur unverbesserliche Langweiler wenden sich heute noch der Politik zu, coole Leute sind bestenfalls Soziologinnen oder Soldatinnen.

Und eins noch, wo wir dabei sind: Wenn noch einer mehr von Euch scheiß Sozialarbeiter wird, kotz ich. Ehrlich.

Das war das letzte, was es hier zu irgendwelchen politischen Themen zu lesen gegeben hat. Für immer. Ich schwöre.

Kunst: Ausreichend

2010 hatte gute und schlechte Kunst zu bieten. Schon lange wollte ich hier einen umfassenden Überblick über gute Filme und Serien geben, heute tue ich es wieder nicht.

2010 ist “Lost” zuende gegangen, zum Glück. Nachdem es fünf Staffeln lang von sehr hohem Niveau ausgehend bergab gegangen war, war das Ende wieder erträglich und gleichzeitig so unbefriedigend, wie man das seit Jahren erwarten musste.

2010 hatte auch eine fünfte Staffel “Dexter” zu bieten, die eine ehemals großartige Serie ebenfalls endgültig in die Grütze gefahren hat. Dafür gesorgt hat man mit strunzdummen Subplots mit hirnlosen Nebencharakteren. Auch ohne diese Fehler hätte die Serie eine Verjüngung gebraucht, ein neues Setting für ein paar Folgen, einen neuen Ansatz.

2010 ging auch “Mad Men” weiter, eine nahezu perfekt umgesetzte Serie, die Ihr gesehen haben solltet. Die vierte Staffel war sicher nicht die beste, aber das macht nichts.

An der Filmfront gibt es nicht viel zu vermelden – das Internet hat meine Konzentrationsfähigkeit ruiniert und ich kann nur noch Serien gucken. Als ich dachte, dass ich für “Inception” mal ins Kino gehen müsste, hatte ich mich geirrt. Nicht. Gucken. Boah.

Buchkunst gab es auch, ich würde da Jonathan Franzen empfehlen, aber weil Ihr ja alle “Die Korrekturen” noch nicht gelesen habt, lest doch erstmal das. Für “Freiheit” bekommt 2010 die befriedigende Note, das hat Spaß gemacht.

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Das ist ja alles schön und gut, aber wann gibts denn mal wieder richtige Beiträge auf verbrochenes.net? Nicht nur dieses selbstbezogene belanglose Gelaber? Eine gute Frage, auf die folgende Antworten möglich sind:

1. Wenn Joinsen vom Einsatz auf der Bohrinsel zurück ist.

2. Wenn die Jerusalemer Straßenbahn ihren Dienst aufnimmt.

3. Wenn wir genug Geld und Freizeit haben.

4. Wenn ich mich für ein neues Thema begeistern kann.

5. Wenn Ihr nett fragt.

Zuletzt möchte ich noch meine Mama grüßen. Und den Preis für den skurrilsten Ort der Welt vergeben: Er geht an das “Guesthouse Jenin”, ein von einem neokolonialistischen Regime aus der deutschen Linken besetztes Haus, das mitten in Jenin steht, einer ehemaligen Hochburg des islamischen Terrors, und von der deutschen Regierung finanziert wird. Wie gesagt, wenn Ihr nett fragt…

Wenn eine Party, die nur einmal im Jahr stattfindet, ihr tausendstes Jubiläum feiert, dann hat das etwas zu bedeuten. Nur die wenigsten schaffen es, so zeitgemäß zu feiern und dabei dem eigenen Stil stets so treu zu bleiben wie die Bremer Jugendbewegung “Infamous Youth”. Wenn die Genossinnen und Genossen gerade nicht zusammen durch die Straßen rennen, nehmen sie harte Drogen oder singen Lieder beim Sportsport. Diese unvergleichliche Kombination von Freizeitaktivitäten hat sich als Erfolgsrezept erwiesen und alle konkurrierenden Jugendkulturen in der Hansestadt Bremen zu Tode gefeiert.

Nachdem es in Bremen jetzt nur noch Ultras gibt, alle Punker, Sprayer, Emos, Jusos und Kommunisten sich in den SV Werder verliebt haben und sich ULTRAS hinter die Ohren haben tätowieren lassen, greift die Fußball-Jugend den letzten Feind an: Das Christentum muss sterben, damit wir feiern können. Deshalb kommt das intellektuelle Drogenproletariat am 25.12. erneut im Zucker-Club zusammen, um sich bei sehr guter und sehr schlechter Musik sehr wohl zu fühlen. Ziel der Feier ist es, dass nächstes Jahr im Sommer wieder weniger gedacht und mehr gelacht wird. Wir wollen uns alle besser fühlen.

Und Ihr seid eingeladen.

Aber natürlich gibt es einen Haken. Mit den Erlösen werden nicht nur Repressionsopfer unterstützt, sondern auch linke Projekte. Wer das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, sollte am Einlass darauf bestehen, dass sein Geld nur für Menschen verwendet wird, die wegen hedonistischer Betätigung vom Staat verfolgt werden.

Menschen wie diese:

Natürlich gibt es auch einen richtigen Ankündigungstext und ein Lineup, das man bei lauschiger Weihnachtsmusik hier nachlesen kann. Zu beachten ist, dass bei weitem nicht alle Errungenschaften der Zivilisation im Laufe des Abends aufgegeben werden:

wir wollen, dass sich alle auf unseren partys wohlfühlen, deshalb haben wir keinen bock auf sexismus, rassismus, faschismus, antisemitismus, nationalismus und mackerscheisse!

♥ infamous youth:: escalate with us!

Felix Magath im ZEIT-Dossier

Ausschnitt:

Als Felix Magath im Mai 2009 mit dem VfL Wolfsburg deutscher Meister wurde, hatte er jeden Spieler an die Grenzen getrieben. Einmal bestellte Magath einen Spieler, der auf dem Platz nichts von seinen Fähigkeiten gezeigt hatte, in die Trainerkabine. Der Spieler stand vor ihm und wartete, aber Magath rührte sich nicht. Er schaute die ganze Zeit auf seine Tasse mit grünem Tee und schwieg. Der Spieler war erleichtert, dass ein Fernseher lief, so konnte sein Blick in eine Ecke flüchten. Nach endlosen Minuten des Schweigens lief der Spieler verstört davon.

Neben den beeindruckenden Passagen zum Menschen und Trainer Felix Magath ist außerdem bemerkenswert, dass Magath auf Schalke einen praktisch unkündbaren Job besitzt:

»Wir könnten ihn nicht so einfach entlassen, auch wenn wir wollten. Wir müssten ihm dann den restlichen Vertrag auszahlen, im schlimmsten Fall 15 Millionen Euro. Dann wären wir finanziell am Ende. Wir müssten uns etwas einfallen lassen. Oder hoffen, dass er von alleine geht.« Das sagen mehrere [Schalker] Funktionäre (…) schon im Oktober, als sich die große Krise um Magath erst andeutet.

Was Magath dazu sagt:

Hat schon jemand in Schalke Ihre Entlassung gefordert?

»Nein, niemand. Das wäre für den Club auch schwierig. Anschließend.«

Werder Bremen hat viele Probleme, das weiß seit ein paar Stunden jeder. Dabei ist diese Niederlage zu verkraften, ein schlechter Saisonstart auch, sogar das Ausscheiden in der Champions League ist in dieser Gruppe durchaus keine Schande. Aber Werder Bremen hat ganz andere Probleme, und die fangen nicht auf dem Fußballplatz an, sondern bei Klaus Allofs und Thomas Schaaf. Augenfällig wurde das, als man den Spielern im September nur das halbe Gehalt überwies – eine lächerliche Aktion, die deutlich Zeugnis über die eigene Überheblichkeit ablegt. Es zeigt sich die Hilflosigkeit der Vereinsführung, wenn sie bessere Leistungen über das Zurückhalten vertraglich vereinbarter Zahlungen zu erpressen versucht.

Ähnlich bedenklich waren die letzten Interviews, die Allofs und Schaaf gegeben haben. Allofs sah sich und seine Leistung durch den Erfolg vom FSV Mainz gefährdet und merkte an, dass man das, was Mainz jetzt macht, schon seit zehn Jahren mache. Allofs ist ein verbitterter Mann, für den Erfolg nicht mehr das große Ziel, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Wenn er sich dann aber nicht einstellt, ist Werders Vorstandsvorsitzender beleidigt. Seine Haltung, die früher mal Souveränität und Gelassenheit vermittelt hat, hat sich in Richtung Arroganz verändert. Da nimmt es nicht Wunder, wenn er in Zeiten des Misserfolgs schlecht aussieht.

Bei Thomas Schaaf fällt noch mehr als bei Allofs die völlige Unfähigkeit auf, Kritik zu ertragen. Das Bremer Umfeld, in dem Journalismus nur als Abschreiben der vorgefertigten Häppchen auf werder.de vorkommt, hat unseren Trainer zu einem Mann gemacht, der sich vor niemandem rechtfertigen muss. Und obwohl es eigentlich müßig ist, über einzelne sportliche Entscheidungen zu streiten, muss man den Fall Silvestre hier hervorheben. Mikael Silvestre spielt unterirdisch schlecht, soviel ist unstrittig. Allerdings darf man das laut Schaaf nicht aussprechen. Schon vor zwei Wochen sagte Schaaf, dass ihm Silvestre von außen zu schlecht bewertet würde. Damit hat er die Gelegenheit verpasst, sich für den Spieler und seine Aufstellung zu rechtfertigen, sich zu erklären und die Fans, die sich die Slapstick-Auftritte jede Woche angucken müssen, mit ins Boot zu holen. Das aber hat Schaaf nicht nötig, er ist unantastbar. Ob er Silvestres rufschädigende Leistungen tatsächlich nicht so schlecht findet oder ob er aus Prinzip für den vom kicker schlechtestbewerteten Spieler der Liga Partei nimmt, bleibt rätselhaft. Fest steht, dass Schaaf das Pfeifkonzert, mit dem Silvestre gegen Nürnberg vom Platz geschickt wurde, selbst zu verantworten hat. Man kann die Leute nicht für dumm verkaufen, und wenn man nur einen miesen Spieler für die Position zu bieten hat, dann sollte man durchblicken lassen, dass man selbst das auch nicht so cool findet. Stattdessen hat Schaaf die Fans massiv angegriffen, nach dem Motto “Zahlen und Fresse halten”. Heute, weit weg vom Bremer Publikum, durfte der nervöse Franzose wieder ran und spielte dann wie immer.

Welche Folgen Allofs’ Unsicherheit schon jetzt hat, kann man an einem von der Bild-Zeitung berichteten Vorfall ablesen. Marko Arnautovic soll nach seiner Auswechslung gegen Nürnberg, nach der er Sandro Wagner den Handschlag verweigert hatte und vom Manager darauf angesprochen worden war, zu Allofs sarkastisch gesagt haben, er könne ihm ja das ganze Gehalt streichen und an seine Familie verteilen.
Es ist nur folgerichtig, dass Allofs den Respekt der Spieler verliert, wenn er deren Gehalt zurückbehält und jeder weiß, dass er das nicht darf. Gleichzeitig kann man in Arnautovic beleidigter Reaktion auch dessen eigene Mentalitätsprobleme erkennen. Er ist ein 21jähriger Neuzugang, der mit Pizarro und Almeida im Sturm starke Konkurrenz hat und dafür relativ viel Einsatzzeit bekommt, die er schon seit Wochen kaum mehr gewinnbringend nutzen kann. Trotzdem ist er bei einer Auswechslung beleidigt und fühlt sich schlecht behandelt. So wird es nichts werden, dabei wäre ein bisschen Demut in Verbindung mit seinem Talent und einem Vertrag bei Werder Bremen ein sicheres Ticket nach ziemlich weit oben. Wenn er das nicht nutzen will, dann ist das ein Problem für ihn und für den Verein.

Ein Mentalitätsproblem hat auch Aaron Hunt. Nachdem er in der 33. Minute des achten Spieltags gegen den SC Freiburg doch tatsächlich mal ein Tor erzielen konnte und den ruhmreichen SV Werder so in der Blitztabelle auf Platz 11 befördert hatte, sah er den Moment für seine Abrechnung gekommen und drehte völlig durch: Er zeigte einmal rundum auf alle Zuschauer und legte dann den Finger auf die Lippen. Wie offenbar viele bei Werder fühlt er sich von den handzahmen Fans schlecht behandelt. Das kann er auch so machen, es ist nur etwas peinlich. Was ihn aber als ganz kleines Licht enttarnt, ist der Zeitpunkt seiner Geste. Größere Geister als Aaron Hunt einer ist spielen erst einmal eine gute Saison, oder sie jubeln nach dem Siegtreffer im Derby oder im Pokalspiel oder zumindest überhaupt nach einem Siegtreffer. Aaron Hunts Anspruch ist aber viel niedriger. Er sieht es als große Leistung an, ein Tor gegen Freiburg zu schießen, als offensiver Mittelfeldspieler noch dazu. Das zeigt, was in Zukunft noch von ihm zu erwarten ist: wenig. Womit wir bei der Qualitätsfrage wären.

Ich habe es so wenig kommen sehen wie Allofs und Schaaf, aber seit einigen Wochen muss man feststellen, dass wir Özils Abgang nicht verkraftet haben. Natürlich musste man ihn verkaufen, da gibt es keine Diskussion. Aber der Glaube, es werde schon wie immer gutgehen, war falsch. Das liegt daran, dass Aaron Hunt und Marko Marin nicht die Qualität und nicht die Einstellung haben, die ihre großen Vorgänger hatten. Bei beiden sah es gut aus, als Diego oder Özil neben ihnen spielten, aber jetzt geht es nicht mehr gut. Sie sind Durchschnitt und gehören nach Hannover oder Bochum. Hunt, den man auch heute noch mit über die Hände gezogenem Trikot spielen sieht, wie ein ängstlicher E-Jugendlicher also, kann die Regie nicht übernehmen. Marin hingegen versucht es noch nicht einmal. Sein zwanghaftes Dribbling ist für jeden Gegner leicht zu durchschauen, und sonderlich gut ist es auch nicht. Marin verliert fast jeden Ball. Das wäre okay, wenn er in den anderen Fällen wenigstens gefährlich werden würde. Es wäre aber auch dann noch problematisch, weil er das Kombinationsspiel verhindert, weil er Werder langsam macht und weil die Gegenangriffe uns immer wieder Gegentore einbringen. Marin kann ein interessanter Teil der Mannschaft sein, gewiss, aber er ist eine Kuriosität und keine tragende Säule.

So spielte Claudio Pizarro zuletzt häufig im Mittelfeld, beziehungsweise ließ sich immer öfter in dasselbe zurückfallen. Allein diese Tatsache zeigt die Misere in Werders Mittelfeld. Wo nun der beste Stürmer aushelfen muss – der im übrigen 32 ist und somit mehr und mehr zum Strafraumstürmer werden sollte als zum Mittelfeldarbeiter – liegen Werders größte Probleme. Wenn man nach vorne nichts Kreatives zustande bringt, sind ständige Konter vorprogrammiert. Werder macht aus seinem Ballbesitz nichts, und das ist das Problem.

Hinten haben wir mit Prödl einen weiteren durchschnittlichen Spieler auf entscheidender Position. Er spielt ordentlich, aber nicht gut. Endgültig demontiert hat ihn Schaaf, als er ihn nach Wochen auf der Innenverteidigerposition gegen Enschede plötzlich auf die rechte Seite degradierte, um ihn durch den dort völlig neuen Torsten Frings zu ersetzen. Prödl sollte irgendwann Stammspieler anstelle Naldos oder Mertesackers werden, jetzt hatte er seine Chance, und seit Enschede kann man ihn als gescheitert betrachten.

Muss man über Silvestre noch reden? Es ist unglaublich, einfach unglaublich.

Einer der wenigen Lichtblicke ist Wesley, der vielleicht sogar in der Lage wäre, die Mittelfeldmisere zu lindern, aber vorerst noch als Außenverteidiger verwendet wird. Von ihm abgesehen fällt es schwer, sich eine Lösung für das Mittelfeld vorzustellen. Ein Transfer wie der von Diego gelingt nicht alle Tage, und bei Marin und Hunt ist es wie erwähnt Zeit, alle Hoffnungen fahren zu lassen.

Das gilt auch für den Europapokal. Alle drei Gegner sind Werder überlegen, sogar Twente, die vor allem körperlich ganz anders zur Sache gehen können als Werder. Nicht einmal die Europa League werden wir erreichen können, und haben so finanziell zwar gut verdient, es hätte aber auch noch viel mehr sein können. Und dann stellt sich automatisch die Frage nach der nächsten Saison, schon jetzt. Mertesacker wird gehen, selbst wenn diese Saison wider Erwarten doch noch gut ausgeht. Frings und Pizarro werden älter und spätestens in der nächsten Saison dann auch deutlich schlechter. Wer bleibt da noch? Wesley und Arnautovic haben zumindest das Zeug zum Star, aber dafür müsste sich einiges in der Mannschaft ändern. Prödl kann nicht der Mertesacker-Ersatz sein, er ist nicht gut genug. Somit besteht dringender Handlungsbedarf auf verschiedenen Positionen. Ob Allofs dabei erfolgreich sein wird, darf man gespannt erwarten. Allzu viel Geld dürfte nicht da sein, schließlich waren Wesley und Arnautovic nicht billig, und außer Mertesacker wird es wohl keinen lukrativen Verkauf geben.

Das ist aber auch alles nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Vereinsführung wieder zurück auf den Boden der Tatsachen kommt; dass sie selbstkritisch ist, dass sie ihre stinkende Selbstgerechtigkeit ablegt und für eine andere Stimmung im Verein sorgt. Dabei wäre ein Ende der Publikumsbeschimpfungen hilfreich, ebenso wie ein anderer Umgang mit den Spielern. Man hat sich eine weinerliche Gruppe von Jungprofis herangezogen, die sich zu wenig mit sich selbst und zu viel mit den anderen beschäftigt. Das kommt nicht von ungefähr, sondern ist gängige Praxis im ganzen Verein. Und das muss aufhören.

verbrochenes.net, die jüdische Stimme für Bratkartoffeln mit Speck, hat zu wenige Fans bei Facebook. Da Eure Liebe und Euer Fansein das einzige ist, was mich antreibt, bitte ich recht höflich um mehr Unterstützung.

Fandemo!

So ein massenhaftes Zusammentreffen der Fanszenen ist sehr schön, um sich davon zu überzeugen, dass die anderen Riot-Kids auch alle nette, junge und unsichere Menschen sind, nicht die gefährlichen Männerhorden, als die sie sich allzu oft darstellen. Und dann ist es natürlich schön, wenn da Leute singend und tanzend durch die Straßen ziehen, es gibt wirklich schlechtere Zeitvertreibe und unangenehmere Bewegungen.

Kritikwürdig ist das pathetische Ehren der Fans mit Stadionverbot, das inzwischen zu einem ausgewachsenen Opferkult geworden ist. “Stadionverbotler” – das ist jetzt eine eigene Kategorie – “Ihr seid unsere Brüder”. Zuweilen erinnert das an Erinnerungsveranstaltungen für gefallene Kampfgenossen und ist auch so gemeint. Vielleicht einfach mal einen Gang zurückschalten, reflektieren und sich selbst nicht ganz wichtig nehmen. Andere Leute haben nichts zu essen.

Unsere Kernforderung nach der Auflösung aller Fanorganisationen wurde erwartungsgemäß nicht erfüllt. Allerdings konnte ein beachtlicher Teilerfolg erzielt werden: Das Bündnis aktiver Fußballfans, BAFF, benennt sich ein weiteres Mal um und heißt ab November “Bündnis alter Fußballfans”. Damit wird jugendlichem Drang entsagt und die Kernkompetenz “Weisheit” wieder im Markenkern verankert. We like!

An der beginnenden Debatte über Gewalt unter Ultras könnten wir noch viel Freude haben. Schließlich gibt es da, wenn ich das richtig verstanden habe, Bestrebungen, in nötige und sinnvolle Gewalt auf der einen und unehrenhafte und doofe Gewalt auf der anderen Seite zu unterteilen. Das schreit geradezu nach einem schriftlichen Kodex, den kostenlos zu verfassen ich gern bereit wäre. Als Vorschlag möchte ich wiederum unsere Regel anbieten: Nur in Unterzahl und nur gegen echt gute Hauer – darunter geht für uns nichts. Wenn das alle so halten würden! Ha!

Nun wäre es noch möglich, sich über die oft peinlich anmutenden Minimalforderungen der Fans lustig zu machen, über den sozialdemokratischen Geist der Demo und die grundsätzliche Absurdität, die in politischen Forderungen von Fußballfans steckt. Aber lassen wir das, denn es nötigt heute schon Respekt ab, wenn überhaupt mal jemand für seine eigenen Interessen auf die Straße geht und Forderungen aufstellt. Andere Leute wollen Bäume retten.

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