Werder Bremen hat eine Stellungnahme zu einigen Vorfällen im Hoffenheimer Gästeblock veröffentlicht. Darin heißt es:

“Im Verlauf der Unruhen im Block kam es auf Seiten der Fans zum Einsatz von Stockfahnen als Schlaginstrumente (!).”

Äußerst bedauerlich ist, dass die Stellungnahme uns nicht verrät, welche Schlaginstrumente genau hier emuliert wurden. Waren es Chinabecken? Oder ein Glockenspiel? Vielleicht eine Trommel? Wobei man zum Trommeln ja eigentlich gar keine Stockfahnen – und schon gar keine Fahnenstöcke! – braucht, wenn man eine Trommel hat. Vielleicht erklang in Hoffenheim auch ein Agogô – aber, pardon, spielt das nicht als Linksverteidiger in Hamburg?

Während die musikalische Rollenverteilung im Fanblock also noch unklar ist, weiß man beim Bremer Vorstand immer ganz genau, was man zu hören kriegt. Klaus-Dieter Fischer ist nämlich nicht nur Geschäftsführer und Vorsitzender des Vereins, auch er spielt ein Schlaginstrument: die Arschgeige. Auf der hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht, und so darf man davon ausgehen, dass er keine Strafanzeige gegen das inzwischen bundesweit bekannte Hoffenheimer Stadionpersonal im Sinne hat, wenn er sagt: „Werder Bremen verurteilt die Benutzung von Pyrotechnik und die Anwendung von Gewalt. Wir sind zuversichtlich, die Schläger durch die entsprechenden Bilder identifizieren und belangen zu können”.

TeeShee

Bald kommt der Sommer, und dann habt Ihr nichts anzuziehen. Muss das sein? Nein! Es ist Zeit, sich modisch mit den coolsten Girls und Boys des Planeten gemein zu machen und gleichzeitig vom Rest der Welt abzusetzen. Die Leserinnen und Leser von verbrochenes.net haben jetzt die einmalige Möglichkeit, mit einem folgendermaßen bedruckten Gesinnungs-Shirt auf sich aufmerksam zu machen.

Kleinere Geister als die abgebildeten werden einwenden, dass Ailton doch keine Zeile Marx gelesen und Sharon kein einziges Bundesligator erzielt habe, und irgendwo stimmt das ja auch. Aber, Freunde, stellt Euch bitte folgende Fragen: Ist das wichtig? Ist es nicht viel wichtiger, dass wir, die pro-zionistischen Kommunisten aus Bremen, Gelsenkirchen, Istanbul, Hamburg, Belgrad, Zürich, Duisburg, Donezk, Altach, Campinense, Chongqing, Krefeld und Oberneuland, eine unzertrennliche und doch weit verstreute Shirtgemeinschaft bilden können?

Gedruckt wird schwarz auf ein weißes Shirt von anständiger Qualität – koste es, was es baumwolle. Pardon: Die Kosten sind abhängig von der Anzahl der Menschen, die eine eMail mit “Ja, ich will!” und der gewünschten Größe an teeshee@verbrochenes.net schicken. Alles weitere wird auf konspirativen Treffen geklärt, und wenn sie fertig sind, können die Hemden in Berlin und Bremen überreicht werden oder überall hin verschickt werden. Profit findet selbstverständlich nicht statt, und weiblich sozialisierte Menschen dürfen die von ihnen gesellschaftlich erwartete Variante wählen: Das “Girlie-Shirt”. Ja, gibts. Heißt so, kann ich auch nichts für. “Girlie”. Hm-mh.

Es ist zwar offensichtlich, aber ich spreche es gerne noch einmal aus: Wenn jemand professionelles Grafik-Design benötigt – ich kenne da jemanden!

In der aktuellen Jungle World dürfen Deniz Yücel und Gerhard Scheit ihre Meinung zum Begriff der Islamophobie kund tun. Beide tun das so, wie man es erwarten würde. Beeindruckender ist dabei Gerhard Scheit, weshalb sein Text hier ausführlich gewürdigt werden soll. Und mit ausführlich meine ich, dass ich ihn vollständig zitieren werde.

Scheit eröffnet:

Alle Zeichen der Öffentlichkeit deuten darauf hin, dass der Attentäter von Norwegen als Verkörperung des Begriffs »Islamophobie« in die Geschichte der Lügen dieser Öffentlichkeit eingehen soll.

Er benutzt hier einen inzwischen in Veröffentlichungen aller politischen Strömungen beliebten Kniff: Er unterstellt, dass die öffentliche Meinung (oder der Zeitgeist, die politische Klasse, die Medien, usw.) sich einig sei und zu einem bestimmten Thema Konsens herrsche. Und dann wird er selbst die Gegenposition einnehmen, fast alleine gegen den Rest der Welt. Man kennt das von Konservativen, die die Medien in den Händen der 68er sehen, von Sozialdemokraten, die sich von rechten Medienkartellen ignoriert oder verunglimpft sehen und natürlich von Antisemiten, die die Medien in Judenhand wähnen. Kürzlich hat Jan Fleischhauer es im Spiegel fertig gebracht, der Allgemeinheit eine Abneigung gegen Steuersenkungen zu unterstellen – so kann man sich anscheinend selbst mit der Forderung nach Steuersenkungen noch zum einsamen Rufer stilisieren, ohne ausgelacht zu werden.

Die Ironie an dieser Argumentation ist, dass sie, sobald sie veröffentlicht wird, sich damit selbst widerlegt hat. Man kann nicht etwas veröffentlichen und anschließend behaupten, alle (!) Veröffentlichungen würden das Gegenteil der eigenen Meinung vertreten. So geht es Fleischhauer, der für den Spiegel schreibt, und so geht es auch Scheit, obwohl er nur für eine kleine Wochenzeitung schreibt. Schließlich hatte er selbst nicht von “einigen” oder “vielen”, sondern von “allen Zeichen der Öffentlichkeit” gesprochen. Dass Scheit mit diesen “Zeichen der Öffentlichkeit” einen neuen Begriff einführt, muss man entschuldigen, das ist so seine Art; er will originell wirken. Das gelingt ihm umso mehr, als bei ihm die Zeichen “deuten”. Zeichen deuten aber nicht, sie zeigen, deuten muss man sie schon selber.
Beachtlich ist auch das “soll” am Ende des Satzes. Hier wird nicht einfach etwas passieren, sondern es soll passieren, jemand zieht offenbar die Fäden.

Es geht weiter:

Der Anschlag sei demnach nur die logische Konsequenz des »Feindbilds Muslim«.

Wer das behauptet? Da würde man sicher jemanden finden, aber wir müssen uns mit “allen Zeichen der Öffentlichkeit” begnügen, die nicht nur deuten, sondern offenbar relativ konkrete Aussagen machen können.

Dabei zeigen Tat und Manifest in der unsagbaren Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns, dass das Motiv purer Neid auf den Islam war.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Tat zeigt in der Grausamkeit ihres Wahns, dass das Motiv Neid auf den Islam war. Um es vorweg zu nehmen: Das gibt keinen Sinn. Man kann danach suchen, aber man wird keinen finden. Man kann nach der Aussage suchen, um Scheit dann zu widersprechen, aber selbst das bleibt unmöglich, weil der Satz keine in sich logische Aussage enthält. Die Behauptung, Neid auf den Islam sei das Motiv gewesen, ist eine derart spezielle, dass sie unmöglich allein durch das Vorhandensein von Grausamkeit und Methodik belegt werden kann.

Was er tatsächlich sagt, ist banal: Die Tat war grausam, der Täter im Wahn, sein Vorgehen methodisch. Aus keiner dieser Tatsachen kann man irgendetwas über seine Motive herauslesen, schon gar nicht eine derart steile These wie die vom Neid auf den Islam damit rechtfertigen. Aber sprachlich ist das interessant. Man kann banale Erkenntnisse schick verpacken, indem man sie in einem Satz durcheinanderwirft und in Beziehung setzt:
Tat und Manifest zeigen etwas, aber sie tun es nicht einfach, sie tun es in ihrer Grausamkeit und ihrer Methodik – nein, noch besser: in der Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns. Das ist nicht etwa ein komplizierter Sachverhalt, das ist Quatsch, prätentiös formuliert. Man beachte auch, dass es nicht nur um Neid, sondern um “puren Neid” geht. Das ist einerseits ein Tick der Antideutschen, jede Formulierung noch einmal zu verschärfen durch Wörter wie “pur”, “notwendig”, “total”, “einzig”, “alle” usw., andererseits macht es noch einmal klar, was Scheit hier für einen Quatsch behauptet: Für Breiviks irren Massenmord bietet er nicht nur den ominösen Neid auf den Islam als Motiv an, er schließt auch alle anderen Motive und Beweggründe, die hier mit reingespielt haben könnten, aus – es ist purer Neid, nicht verunreinigt durch irgendeinen anderen Gedankengang. Angesichts der Tat und ihrer Opfer ist das eine These, die ganz offensichtlich falsch ist.

Wer nun erwartet, vielleicht im nächsten Satz eine zumindest kurze Begründung für Scheits steile These zu lesen, wird natürlich enttäuscht. Es gibt wichtigeres.

Der Attentäter teilt diesen Neid in äußerster Steigerung mit bestimmten politischen Kräften, wie sie sich auf unmittelbar postnazistischem Grund etwa in der FPÖ zusammenfinden. Von Islamophobie ist nicht nur die Rede, um eine diesen Kräften entgegengesetzte, auf die Aufklärung sich berufende Kritik des Islam zu denunzieren. Der Begriff wurde vielmehr erfunden, um eben jenen Neid als ein ­Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen.

Zwar spricht es nicht gerade für die Postnazismus-Theorie von Scheit und seinen Konsortionalpartnern, wenn ein Norweger in Norwegen norwegische Sozialdemokraten ermordet und dabei sein Motiv mit der FPÖ teilt, aber es ist auch verständlich, dass Scheit diese Theorie als sein Kerngeschäft hier doch irgendwie bewerben will.
Viel wichtiger ist die Aussage danach: Der Begriff der Islamophobie wurde erfunden, um den Neid auf den Islam als ein Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen. Man darf sich das also so vorstellen, dass irgendwo jemand sitzt, der gemerkt hat, dass aus Antisemitismus ein Neid auf den Islam wird, und der sich ob dieser Entdeckung dann entschlossen hat, diesen Umstand zu verschleiern. Flugs hat er Stift und Zettel zur Hand genommen und den Begriff der Islamophobie erfunden, mit der er jetzt den Antifaschisten und Küchentischpsychologen Scheit denunziert und so davon abhält, die FPÖ zu Tode zu kritisieren. Wer da nun wann so vorsätzlich gehandelt hat, bleibt unklar. Dafür darf sich Scheit nun höchstpersönlich in der Opferrolle wiederfinden, und das ist ja auch was wert.

“Neid auf den Islam” – was soll das eigentlich heißen? Neid verspürt man, weil jemand anders etwas hat oder etwas ist, was man selbst gerne hätte oder wäre. Nun kann eine Person eine andere um etwas beneiden, es ist aber schlechterdings unmöglich, dass eine Person eine Religion oder eine Weltanschauung um etwas beneidet. “Ich beneide den Islam” ist eine unsinnige Formulierung. Ich kann zwar die Muslime beneiden, weil sie so eine schöne Umma haben, oder einen christlichen Freund, weil er Trost in der Religion findet, ich kann sogar einen Baum beneiden, weil der echt die Ruhe weg hat – ich kann aber nicht “den Islam” beneiden, weil ich als Person seine Eigenschaften gar nicht übernehmen könnte. Aber womöglich wird das die psychische Erkrankung des 21. Jahrhunderts: “Herr Doktor, ich wäre gerne eine Weltanschauung!”

Gerhard Scheit könnte einfach vom Neid auf die Muslime sprechen, aber das tut er nicht. Es scheint da nicht unplausibel, dass die ständige Rede von “dem Islam” als einer irgendwie homogenen Einheit, einem monolithischen Block, sich inzwischen dahingehend weiterentwickelt hat, dass “der Islam” tatsächlich als eine Art Person wahrgenommen und beschrieben wird, die dann folgerichtig auch beneidet werden kann.

Im folgenden Absatz, der aus einem einzigen Satz besteht, bleibt dann auch unklar, wer denn nun beneidet wird.

Beneidet wird nämlich, dass der Islam verwirklicht, wozu man selbst nicht imstande ist oder woran man relativ erfolgreich gehindert wird; dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist; dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.

Der erste Punkt ist genau der, den ich oben gemacht habe: Menschen und Religionen sind verschiedene Dinge, und das meiste, wozu eine Religion im Stande ist, kann ein Mensch nicht. Scheit schreibt einen absolut banalen Umstand auf, als habe er eine Riesenerkenntnis zu präsentieren. Der zweite Punkt, dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist, ist ebenfalls banal, oder falsch. Gehen wir davon aus, dass die Behauptung ist, der Islam sei gemeinschaftsbildend im politischen Sinne, und Breivik und die Postnazisten beneideten die Muslime darum. Dann ist anzumerken, dass natürlich auch das Christentum gemeinschaftsbildend wirkt, in vielerlei Hinsicht und an verschiedenen Orten vom Vatikan bis in die USA, selbstredend auch in Mitteleuropa. Wie diese Gemeinschaften keine “im politischen Sinne” sein sollen, müsste der Politikwissenschaftler Scheit – wie so vieles – schon noch ausführen, um irgendwie sinnvoll argumentieren zu können. Dass einzig der Islam in der Lage sei, gemeinschaftsbildend im politischen Sinne zu wirken, ist aber ohnehin Unsinn. Andere Religionen sind dazu in der Lage, vermutlich fast alle, und andere Ideologien sind es auch, der Nationalismus ist nur die prominenteste.

Dass man diese Basisbanalitäten referieren muss, um Scheit zu widerlegen, das ist das wirklich Ärgerliche an ihm.

Vielleicht ist es aber auch der apodiktische Stil, mit dem der größte Quatsch aufgetischt wird. Laut Scheit wird beneidet, “dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.”

Um das kurz festzuhalten: “Der (!) gläubige Muslim” ist arbeitslos und erträgt das gut. “Der gläubige Muslim” gewinnt aus seiner Arbeitslosigkeit – neben Stolz und Würde – Kampfgeist. Gegen: die abstrakte Seite des Kapitals. Allerdings muss er dafür seine Gestalt verändern. Er verwandelt sich dann in den ideellen Gesamt-Osama: das jihadistische Kollektiv. Nochmal: “Der gläubige Muslim” und das “jihadistische Kollektiv” sind ein und dasselbe, in unterschiedlicher Gestalt.
Da kann man kaum mehr etwas hinzufügen, obwohl ich eingestehen muss, dass mein Motiv für diesen Text der Neid auf Scheit ist: Er darf “zersetzten” als Konjunktiv von “zersetzen” benutzen, wo wir anderen alle “zersetzen würden” schreiben müssen, um nicht mit dem Imperfekt in Konflikt zu geraten. Dabei sehen wir aus wie Oberschüler, und Scheit steht da wie Adorno.

Es geht weiter, Satz für Satz, es lohnt sich.

So ist aber der als Hass hervortretende Neid auf den Islam letztlich nur von dessen eigenem antisemitischen Potential aus zu verstehen.

Dass Scheit die Existenz von Hass hier einräumt, wenn auch nicht explizit als Hass auf den Islam, sollte man im Hinterkopf behalten, schließlich ist der Titel des Texts “Es gibt keine Islamophobie”. Dass nun etwas “nur von XY aus zu verstehen” sei, ist eine der antideutschen Phrasen, die stets gut aussehen, aber selten halten, was sie versprechen. Was sagt Scheit uns also? Bis eben war der Neid auf den Islam noch “ein Derivat des Antisemitismus”. In Kombination mit obigem Satz lässt sich also schließen: Das Derivat des Antisemitismus ist nur von seinem antisemitischen Potential aus zu verstehen.

Handelt es sich vielleicht um eine Art Kreislauf?
Dass das Derivat des Antisemitismus auch noch ein antisemitisches Potential hat, ist beachtlich; dass es von diesem aus zu verstehen sei, immerhin tröstlich, wo es doch sonst nichts zu verstehen gibt.

Der folgende Absatz enthält nur einen Punkt am Ende, dafür gibt es zwei aufeinander folgende Doppelpunkte sowie einen Gedankenstrich – Scheit ist nicht zu stoppen, erst recht nicht von Scheit.

Die Mus­lime stellen für den Antisemiten des Abendlands nämlich eine einzige große narzisstische Kränkung dar, wie sie keine andere der von ihm sonst noch verachteten und physisch bedrohten Gruppen von Immigranten bereithält: Er sieht sich durch sie herausgefordert, das Abendland als das »konkrete«, das »schaffende Kapital« nicht vor »fremden Rassen« als der einbrechenden Natur oder was auch immer zu verteidigen (darum ist der oft als Alternative zur »Islamophobie« vorgeschlagene Begriff »antimuslimischer Rassismus« irreführend), sondern vor der wachsenden Macht einer religiösen Gemeinschaft, die gleichermaßen beargwöhnt wie beneidet wird, weil sie ganz ohne eigenes »schaffendes Kapital«, oder anders gesagt: ohne europäische Werte triumphieren kann – und der man, wegen ihres ausgeprägt judenfeindlichen Charakters, beim besten Willen nicht zu unterstellen vermag, dass sie ein Instrument des »raffenden Kapitals«, der Weltverschwörung des Judentums, sei.

Um das wieder zu entzerren: Der Antisemit des Abendlandes will das schaffende Kapital gegen die Muslime verteidigen, die ihrerseits ganz ohne schaffendes Kapital auskommen.
Wer argwöhnt, Scheit werfe hier zusammenhanglos ein paar Phrasen-Bruchstücke aus dem antikapitalistischen Fundus in die Islam-Runde, hat recht. Aber auch davor ist es interessant: “Die Muslime stellen (…) eine einzige große narzisstische Kränkung dar”. Es ist nicht etwa so, dass sie den Antisemiten kränken würde, nein, sie selbst stellen eine Kränkung dar. Vielleicht muss man in der Lage sein, seinen Namen zu tanzen, um zu wissen, wie ein Mensch eine Kränkung darstellt.

Dass Scheit das, was er zitierend “schaffendes Kapital” nennt, “anders gesagt” auch als “europäische Werte” bezeichnen kann, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er längst seine eigene, ganz private Sprache spricht und schreibt. (Genau genommen gehört auch noch “das Abendland” in diese Reihe: “das Abendland als (…) das »schaffende Kapital«”, es ist halt alles irgendwie dasselbe.)

Wenn das auch alles gar keinen Sinn gibt, so kann man immerhin zwei weitere Häkchen auf der Liste antideutscher Phrasen machen: Die narzisstische Kränkung und das konkrete (Kapital) haben ihren Auftritt gehabt, wobei letzteres in diesem Fall auch für Martin Heidegger einspringen muss, der verblüffenderweise keine Rolle in Scheits Text spielt.

Beim Attentäter von Norwegen hat dieser Neid sich offenkundig ins psychopathische Extrem gesteigert – wobei deutlich wird, dass es bei ihm genau die nichtstaatliche Gewalt selber ist, die ihn so sehr fasziniert, als das, was die Antisemiten des Abendlands der Zivilisation opfern und ans Gewaltmonopol abgeben mussten, damit das Kapitalverhältnis überhaupt durchgesetzt werden konnte. Der Jihad schafft, was man selbst nicht mehr vermag: terroristische Rackets zu formieren. Und so verkleidete sich dieser Führer, der keine Masse mehr hinter sich vereinen kann, mit den seltsamsten Phantasie-Uniformen.

Es ist keine analytische Meisterleistung, Anders Breivik einen psychopathischen Extremismus zu attestieren. Und einer Privatperson, die gerade 70 Menschen hingemetzelt hat, eine gewisse Faszination mit “nichtstaatlicher Gewalt” nachzusagen, ist auch nicht der ganz große Wurf. Es bleibt die implizite Behauptung, nichtstaatliche Gewalt sei ein Vorrecht der Muslime oder so etwas wie ein konstituierendes Phänomen muslimischer Gesellschaften. Denn auch wenn hier jetzt vom Jihad die Rede ist, sollte es doch der Neid auf “den Islam” sein, der Breivik ganz allein antrieb. So wirft Scheit Begriffe durcheinander, mit dem Ergebnis, dass Islam und Jihad scheinbar dasselbe werden.
Der Jihad ist hier auf einmal Subjekt und schafft es, Rackets zu formieren. Nicht Menschen formen terroristische Banden, der Jihad tut es. Wiederum haben wir hier Menschen auf der einen Seite, die etwas nicht schaffen, und eine Ideologie auf der anderen, die etwas schafft. Das ist schlicht unsinnig. Und führt zu einer einfachen Frage: Warum vermögen die europäischen Antisemiten es nicht, terroristische Banden zu bilden, wo das doch laut Scheit ihr tiefer Wunsch ist? Was hindert sie, aber nicht die Jihadisten?

Mit dieser pathologischen Intensivierung des postnazistischen Charakters hängt zusammen, dass er als Antisemit für Israel Partei ergreift, oder besser gesagt: für die Projektion, die er für Israel ausgibt, eine Art Tempelritter-Ordensgemeinschaft.

Auf einmal wird aus einem Norweger, der mit Deutschland und Österreich nichts zu tun hat, ein postnazistischer Charakter. Dabei war die Postnazismus-Theorie mal darauf ausgelegt, den Begriff des “Antideutschen” dadurch zu begründen, dass hierzulande ein besonderes Bewusstsein herrsche, eben der Postnazismus, der den deutschen Nationalismus von dem anderer Länder unterscheide. Diese Theorie hat seit Jahren mit der Realität zu kämpfen, und wieviel sie noch taugt, könnte man an anderer Stelle diskutieren. Dass mit Scheit einer ihrer Vertreter ohne weiteren Kommentar einem Norweger unterstellt, er weise einen postnazistischen Charakter auf, illustriert die Probleme bereits ganz gut.

Dazu ist es nötig, eine absolute Trennung zwischen Israelis und den Juden in der Diaspora vorzunehmen: Während Breivik in Europa »kein Judenproblem« mehr erspäht, womit er post festum die Shoah bejaht, möchte er für die USA, wo er dieses »Problem« hervorhebt, auch heute den Lösungsversuch Hitlers nicht ausgeschlossen wissen. So sucht er Deckbilder für jene Juden, die seinem israelischen Ritterorden nicht entsprechen, um sie in alter antisemitischer Weise als »Kulturmarxisten« zu verfolgen, und konzen­triert sich hier wohl nicht zufällig auf die Frankfurter Schule, die schon immer als Inbegriff der »Verjudung« galt.

Nun fragen wir uns alle: Was ist denn bitte ein Deckbild? Google verweist uns an die Dachdecker, aber näher kommen wir der Sache über Wikipedia bei Adorno: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ Nun braucht aber ein Antisemit, der offenherzig vom Judenproblem der USA redet, offenkundig kein Deckbild, weil für ihn der Antisemitismus nicht verpönt ist. Und auch wenn der Ausdruck “Kulturmarxist” das Deckbild wäre, würde Scheits Satz mal wieder keinen Sinn geben: “So sucht er Deckbilder für jene Juden,(…) um sie (…) als ‘Kulturmarxisten’ zu verfolgen.” Es müsste heißen: “Er benutzt den Ausdruck “Kulturmarxist” als Deckbild, um sie zu verfolgen.” Wobei der Begriff “verfolgen” hier wiederum falsch ist, weil Breivik zwar antisemitische Texte verfasst, aber keine Juden, sondern Sozialdemokraten verfolgt hat.

Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern.

Die Schlüsselwörter hier sind “wie auch sonst”. Während Gerhard Scheit sich wenigstens die Mühe gemacht hat, Breiviks Antisemitismus zum Thema zu machen und nun in dieser Richtung – wenn auch nicht schlüssig – weiter argumentieren könnte, dass bei Breivik, also “hier”, keine Rede von Islamophobie sein dürfe, so hat er doch über alle anderen möglichen Zusammenhänge, in denen man den Begriff benutzen könnte, kein Wort verloren. Er ignoriert diesen blinden Fleck und dekretiert einfach, dass “auch sonst” niemand von Islamophobie reden könne, nirgends.

Aber auch ohne das wäre sein Satz offenkundiger Blödsinn: Man kann mit allerlei guten oder schlechten Absichten von Islamophobie sprechen, ohne dass das sinnvoll sein muss, zum Beispiel auf naive Art, ganz ungebildet oder auch ganz elaboriert. Die Möglichkeiten sind buchstäblich endlos. Man kann ihn natürlich auch in genau der Absicht benutzen, die Scheit grundsätzlich unterstellt, aber Scheit will nicht einfach sagen, dass er den Begriff unsinnig oder gefährlich findet, er kann nicht benennen, wer ihn in welcher falschen Absicht benutzt und warum man ihn am besten gar nicht benutzen sollte – er kann nur die radikalste und gleichzeitig allgemeinste Variante wählen und sagen: Jeder, der davon spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Offensichtlicher kann man kaum die Unwahrheit sagen.

Es gibt keine Islamophobie.

Auch darüber lässt sich streiten, insbesondere eben im Zusammenhang mit Breivik. Henryk Broder, der im übrigen von denjenigen, die sich stets vor Kühnheit zitternd “Islamkritiker” nennen, heftig verteidigt wird, wurde in Breiviks Manifest mit der Auffassung zitiert, Europas Ethos werde perfekt ausgedrückt durch eine vergewaltigte Frau, die “darüber räsonierte, dass es besser wäre, sich nicht zu wehren, wenn man mit dem Leben davon kommen will.” Nun braucht es für einen Ethos, der das Ertragen einer Vergewaltigung gegenüber dem Riskieren des eigenen Todes bevorzugt, zunächst einmal einen Vergewaltiger, sonst wäre das ganze Bild sinnlos. Das ist in diesem Fall der Islam. Und was anderes als eine irrationale, wahnhafte Angst, eine Phobie also, ist die Vorstellung, Europa werde vom Islam vergewaltigt und habe Angst vor dem Tod? Man muss also nicht so ganz weit ausholen, um eine mögliche Verwendung für den Begriff der Islamophobie zu finden.

Scheit weiter:

Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind.

Das stimmt ausnahmsweise. Und auch wenn Scheit das hier formal nur den Antisemiten zuschreibt, darf man anmerken: Für oder gegen den Islam zu sein ist für jeden einzelnen Menschen ein ziemlich größenwahnsinniges Unternehmen. Der Islam ist Realität, wie andere Religionen auch, es wird nicht helfen, “dagegen” zu sein.

Und was bleibt, ist der Kampf gegen den Antisemitismus. Er schließt umso mehr die radikale Kritik des Islam ein, als dessen politische Theologie von den Antisemiten anderer Religionen und Parteien beneidet wird.

Fight on, Gerhard. Fight on. Mich würde nur interessieren, wie dieser Kampf im Idealfall abläuft. Schreiben Scheit und Genossen noch mehr Artikel, die niemand lesen kann? Und wird der Islam weniger attraktiv für seine autoritären, antisemitischen, frauenfeindlichen und tendenziell faschistischen Anhänger, wenn durch die “radikale Kritik” ans Licht kommt, dass er im Kern autoritär, antisemitisch, frauenfeindlich und tendenziell faschistisch ist?

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Nachtrag: Ich musste oben zwei Sätze durchstreichen, weil mir da ein in diesem Zusammenhang natürlich peinlicher Fehler unterlaufen war. Selbstverständlich können Zeichen auf etwas hindeuten. Sei es drum.

Eine Firma kann nur erfolgreich sein, wenn sie expandiert. Das ist egal, weil wir leider keine Firma haben. Eine andere Geschichte ist diese: Zwei unserer Autoren fotografieren seit einiger Zeit mehr als dass sie ihre durchaus vorhandenen Gedanken in blogbaren Texten zusammentragen. Da auch das manchmal ganz schön anzusehen ist, muss dafür ein Raum her. Und siehe da, es ist noch Platz im Internet, und den nehmen wir uns. Mit einem Klick auf diesen Link könnt ihr euch dort einmal umschauen, und wenn es euch gefällt, macht am besten gleich ein Lesezeichen oder abonniert den Feed. Wer glaubt, eh schon zu viele Blogs zu lesen, kann sich einfach einbilden, dass es ja kein neues Blog ist, indem er oder sie wie gewohnt zu verbrochenes.net kommt und dann rechts auf das entsprechende Banner klickt.

In einem tragikomischen Interview in der SZ beklagt heute ein Martin Forberg, der als Journalist vorgestellt wird und im Internet bisher doch nur als Aktivist aufgetreten ist, die Behandlung durch die israelischen Sicherheitsbehörden.

Wir wollten zunächst einmal den palästinensischen Alltag kennenlernen. Die Idee hinter der Aktion war, auf die Probleme der Menschen in den besetzten palästinensischen Gebieten hinzuweisen. Vor allem auf die mangelnde Bewegungsfreiheit.

Das ist interessant: Forberg und Konsorten wollen auf etwas hinweisen, was sie selbst erst noch kennenlernen müssen. Sie haben also keine Ahnung, wie es in den palästinensischen Gebieten zugeht, wollen aber genau darauf aufmerksam machen. Eine beachtliche Anmaßung, wie man sie bei Leuten, die sich für die Guten halten, öfter findet.

Die Überschrift, die der Interviewer gewählt hat, ist “Es war eng und heiß in der Zelle”. Wer hätte das gedacht, in Israel im Juli, heiß? Eine Zelle, eng? Forberg beschreibt sein Eingesperrtsein als “eine unangenehme Situation.” Tatsächlich? Gefängnis, unangenehm? Und dann: “Der Ton war vorwiegend rau.” Polizei, rauer Ton? Man kann es kaum glauben. Dabei ging dieses ganze Martyrium sogar über vier Stunden lang, bis die Leute von der israelischen Staatsmacht, die anzuklagen sie ja angereist waren, in ein anderes Domizil gebracht wurden:

Das Gebäude war heller und größer, auch der Ton der Beamten wurde deutlich freundlicher. Wir waren in Vierbettzimmern untergebracht, in der Mitte ein Tisch. Die Zellentüren waren von neun bis 21 Uhr geöffnet. Es gab Duschen und etwas zu Essen, wir wurden von Ärzten betreut. Außerdem wurde uns in einem Vortrag erklärt, wir sollten das Gebäude nicht als Gefängnis begreifen, sondern als “unser Haus für die nächsten Stunden oder Tage”.

Der Horror! Denn:

Hier fand aber durchaus eine subtilere Kontrolle statt. Zur Mittagszeit besuchten uns zwei Vertreterinnen der deutschen Botschaft.

Frechheit! Ob diese Sätze überhaupt zusammenhängen oder ob die subtilere Kontrolle etwas anderes meint, bleibt offen. Subtil zeigte sich nun also die hässliche Fratze des Faschismus, und “geschmeidig”:

Allerdings wurden Einzelgespräche vorgeschrieben, Gruppengespräche verhindert. Auch der Austausch mit unseren Kolleginnen, die wir anschließend wiedertrafen, wurde geschmeidig abgeblockt.

Dabei wollte der Mann doch nur nach Palästina, und man hat ihn nicht gelassen. Hat man nicht?

Einige hätten nur nach Israel reisen können, andere auch in die Westbank. Bei mir war die Bedingung, dass ich mich nicht in “Unruhebereichen” aufhalten dürfe. Ich habe dies abgelehnt.

Kurz übersetzt: Man hat ihm zu verstehen gegeben, dass er hinreisen könne, wo er wolle, solange er keinen Ärger mache, und er hat das dann abgelehnt. Da fragt dann selbst der hartgesottene Grenzer ungläubig nach:

Als ich erwähnte, das ich es für legitim hielte an gewaltfreien Demonstrationen teilzunehmen, war die Angelegenheit für die Gesprächspartner ohnehin erledigt. Sie haben allerdings noch zweimal nachgefragt.

“Erledigt” heißt in diesem Fall “nicht erledigt”. Weiter mit kruder Logik:

Natürlich hat Israel, wie jeder andere Staat, das Recht, zu bestimmen, wer einreist und wer nicht. Aber der einzige Weg nach Palästina führt eben über Israel. Und wenn dieser Transitkanal dichtgemacht wird, dann ist das ein Problem, auf das man hinweisen muss.

Hier beklagt Forberg ein Problem, dass er und seine Freunde selbst erst verursacht haben. Denn wer nicht großspurig ankündigt, dass er kommt, um zu demonstrieren, der kann ganz einfach in die Westbank reisen. Dass der Transitkanal dichtgemacht wird, war in diesem Fall also eine Reaktion auf die Aktivisten selbst, die es sich dann wiederum zur edlen Aufgabe machen, auf diese Reaktion hinzuweisen.

Mir bleibt auf die tatsächliche Situation hinzuweisen, wie sie im Dezember war und sich nach Nachrichtenlage offenbar nicht geändert hat: Aus Jerusalem erreicht man Jenin, Nablus, Ramallah oder Hebron mit Bussen und Sammeltaxis ganz einfach, und das in der Regel ohne jede Kontrolle. Die Checkpoints sind seltener geworden, und an denen, die noch besetzt sind, werden nur stichprobenartige Kontrollen gemacht. Das heißt, dass Israel den Personenverkehr in die Gebiete kaum kontrolliert. Das ändert sich erst, wenn man zurückkommt, also nach Israel einreist und dabei eine Linie passiert, die nach allgemeiner Überzeugung eine internationale Grenze werden soll.

Bei der SZ muss man sich fragen lassen, warum eigentlich der Interviewer emotionaler bei der Sache zu sein scheint als der etwas naive Palästina-Aktivist, warum der wiederum als Journalist vorgestellt wird und warum man ein solches Interview überhaupt komplett veröffentlicht, anstatt es zu einem Zehnzeiler zu verarbeiten.

Wie die Israelsolidarität, wie man sagt, auf den Hund kommt und die Kreise, die früher mal antiamerikanische Ressentiments in der deutschen Linken kritisiert haben, als Oberkritiker des amerikanischen Präsidenten auftreten, das kann man exemplarisch bei der Gruppe Monaco aus München nachlesen.

Eine wahrscheinlich als sehr elaboriert empfundene Prosa im Einleitungsabsatz lässt sich so zusammenfassen: “Die (deutschen) Menschen mögen keine Überraschungen, trotzdem sind sie für die Anerkennung eines Palästinenserstaates durch die UN!”

Das ist hanebüchener Quatsch in drei Teilen: Erstens hat das eine so überhaupt gar nichts mit dem anderen zu tun, dass es mir ins Lachen gefallen ist. Zweitens ist das mit den Überraschungen Geschwätz über Banalitäten, unter jeder Kritik. Drittens stimmt das mit der Staatsgründung nicht: In Deutschland haben wahrscheinlich weniger Menschen eine Meinung über den neuesten palästinensischen Diplomatie-Move als über die SG Wattenscheid 09. Wer etwas anderes behauptet, müsste es belegen oder zumindest Indizien anbieten, die darauf hindeuten. Ein allgemeines Unbehagen am Judenstaat kann man gewiss konstatieren, eine selbstverständliche Zustimmung zu hier kaum diskutierten diplomatischen Manövern bedeutet das noch lange nicht.

Weiter behauptet die Gruppe Monaco:

“Dass Barack Obama sich neuerdings, abgesehen von einigen Gebietsaustauschen, positiv auf die Grenzen von 1967 bezieht, kann ebenfalls nur als Aufforderung zur Kapitulation vor der neuen palästinensischen Einheitsfront aus Hamas und Fatah verstanden werden. Denn auch wenn Netanjahu immer nur damit zitiert wird, dass Israel ohne die Golanhöhen nicht zu verteidigen sei, hält es keine Zeitung für notwendig, auch nur einmal die Frage zu stellen, ob er nicht Recht haben könnte. Alles, was die israelische Regierung sagt, wird, ohne das geringste Zögern, als „Kriegspropaganda“ denunziert.”

Um hinten anzufangen: Natürlich findet man außerhalb durchgeknallter linker und rechter Kreise niemanden, der alles (!), was die israelische Regierung sagt, Kriegspropaganda nennt. Über dramatisierende Formulierungen wie “ohne das geringste Zögern” muss man fast lachen, wenn sie nur da stehen, um das inhaltliche Desaster zu überdecken. Das hat indes schon zwei Sätze vorher angefangen: Der Golan wird in München verteidigt, und zwar gegen Barack Obama. Dass der, als er von den Grenzen von 67 mit ausgehandelten Gebietsaustauschen sprach, natürlich von den Grenzen zwischen Israel und Palästina sprach, nicht etwa von denen mit Syrien, muss man wissen, bevor man kluge Belehrungen an den amerikanischen Präsidenten ins Internet stellt. Dann wüsste man auch, dass es mitnichten um die Golanhöhen geht, wenn derzeit von Grenzen die Rede ist.

Kaum noch ins Gewicht fällt bei diesem Quatsch die Tatsache, dass die Grenzen von 67 schon lange die Grundlage aller Verhandlungen sind und die Gebietsaustausche, die dafür sorgen würden, dass der Großteil der jüdischen Siedlungen an Israel fiele, ein entscheidendes Element sind und keine Nebensache. Darüber hinaus ist das, was Obama vorgeschlagen hat, keineswegs eine Kapitulation – schon gar nicht vor einer “palästinensischen Einheitsfront”, weil eine solche gar nicht existiert, im Gegenteil. Die Zwei-Staaten-Lösung ist die beste Lösung für Israel, genau genommen ist es die einzige, weil nur sie einen demokratischen Judenstaat sichern kann. Die Zwei-Staaten-Lösung als Ziel zu formulieren ist insofern eine Selbstverständlichkeit für Freunde Israels. Dass sie in absehbarer Zeit nicht funktionieren kann bzw. keinen Frieden bringen wird, weil die Palästinenser sie nicht wollen, ist klar, und auch das spricht gegen die Gruppe Monaco: Sie stellt die Forderung nach etwas, was Fatah und Hamas mehr oder weniger explizit NICHT wollen, als Kapitulation vor denselben dar.

Neben diesem offenkundigen Unsinn sind es die prätentiösen Formulierungen, die den Text so ärgerlich machen. Da ist dann die Rede von “der nur als zweites Seeräuberkommando zu bezeichnenden Free-Gaza-Flotilla”. Ach ja, ist da tatsächlich keine andere Bezeichnung möglich? Warum nicht? Hier werden Begriffe beliebig benutzt, ungeachtet ihrer Bedeutung. Die Behauptung, dass etwas “nur so zu bezeichnen” ist, heißt jetzt nicht mehr, dass man etwas nur so und nicht anders bezeichnen kann, sondern nur, dass der Autor diese seine Formulierung wirklich schmissig findet. Das ist Sprachzerstörung, und die ist ärgerlich.

Im letzten Absatz wird es dann nochmal interessant:

Wenn die Palästinenser im September von der UN einen Staat zugesichert bekommen, könnte dieser widerliche Antisemit und Holocaustleugner tatsächlich insofern Recht haben, als dass die Vernichtung der Juden auf israelischem Boden gelingen kann. Wenn das passiert, dürfte das den durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer noch unter Umständen betroffen machen, ihn aber ebenso wenig wie Barack Obama und die UN überraschen. Was Samanda und Rebecca vom Astrokanal dazu sagen würden, ist uns allerdings nicht bekannt.

Die Vernichtung der Juden kann also gelingen, wenn die UN auf dem Papier einen palästinensischen Staat anerkennen? Das ist grotesker Alarmismus, über dessen Gründe man nur spekulieren kann. Eine iranische Atombombe wäre eine existentielle Bedrohung für Israel, die arabischen Terrorgruppen sind es nicht.
“Die Vernichtung der Juden”, die hier beschrieen wird, soll dann also Barack Obama nicht einmal überraschen. Man muss das noch einmal ausbuchstabieren: Laut der Gruppe Monaco rechnet der amerikanische Präsident insgeheim mit einem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Israels. Das geht leider nicht als Polemik durch, das ist fortgeschrittener Wahnsinn. Aber schön zu sehen, dass man sich an der Rede vom “durchschnittlichen deutschen Sekundärtugendenbesitzer” – das muss ungefähr so etwas wie Hitlers Reinkarnation sein – so berauscht, dass man sie gleich noch einmal bringt. Was es über die Autoren aussagt, wenn sie nach der Abhandlung über einen nahenden Massenmord einen schalen Witz über Wahrsagerinnen vom Astrokanal machen, darf sich jeder selbst denken.

Herzlich willkommen bei verbrochenes.net, dem Magazin für versteckte Nacktheit und soziale Kälte. Wir beschäftigen uns heute mit verschiedenen Phänomenen und over-usen den entscheidenen Vorteil von Blogs: Da kann man reinschreiben, was man will.

Bei Spiegel Online kann man heute was fürs Ego tun und folgende Frage endlich mal klären: “Wissen Sie mehr als amerikanische Schulkinder? Machen Sie den Test.” Das erinnert an den Einstellungs-Test beim Spiegel, auch dort kann man nur arbeiten, wenn man mehr weiß als ein Schulkind. Tough! Aufhänger des Artikels ist natürlich die absolute Ahnungslosigkeit von amerikanischen Schulkindern inklusive dem wichtigen Hinweis, dass die deutsche Jugend die Nase vorn hat: “In zwei von drei Kompetenzfeldern schlugen deutsche 15-Jährige die amerikanischen Altersgenossen deutlich.” Im Kompetenzfelde unbesiegt, es gibt Hoffnung.

Irritiert habe ich zur Kenntnis genommen, dass der Test, in dem ich doch die Yankee-Gören übertreffen wollte, mit einer ganz anderen, gar konträren Zeile überschrieben ist: “Wie amerikanisch sind Sie?” Überhaupt nicht, das ist es ja! Der Test ist dann so lausig aus dem Amerikanischen übersetzt, dass schon in der ersten Frage von “kolonialen Frauen” die Rede ist, mit denen wahrscheinlich Amerikanerinnen vor dem Unabhängigkeitskrieg gemeint sind, aber das muss man sich dann schon herleiten. Ein innovativer Vorschlag: die Bildungsmisere in den USA mit der kolonialen Vergangenheit begründen und den Briten die Schuld geben. Ich würds tun. Noch bin ich aber kein Amerikaner, jedenfalls nicht auf dem Papier, aber das wird sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (~2%) ab dem 15. Juli ändern, wenn erneut Green Cards verlost werden. Bis zur Staatsbürgerschaft ist es dann nicht mehr weit, erstmal muss ein Job als Tellerwäscher her. Wobei ich befürchte, dass an diese karriereträchtigen Jobs als Tellerwäscher in den USA kaum noch ein Rankommen ist, logisch.

In other news: Die skurrilen Verschwörungsspinner von der Band “Die Bandbreite” sind mächtig angepisst. Das liegt daran, dass sie ihre Kunst bei den nationalen Sozialisten von der DKP nicht zeigen dürfen. Komplizierte Geschichte, die man hier genauer nachlesen kann. Interessant ist das deshalb, weil man über die Dokumentation im Reflexion-Blog einen Einblick in die Untiefen linker Befindlichkeiten bekommt, in denen Ressentiments gegen die USA und Israel sich noch offener zeigen als im Rest der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es menschlich interessant, wie beleidigt die beiden erfolglosen Musiker jetzt sind und wie verbittert sie sich über die Kritik an ihnen beschweren. Glückwunsch an Reflexion, ich habe sehr gelacht.

Einen eigenen Blog-Eintrag wäre sicherlich die Veranstaltung mit Jonathan Spyer wert, die gestern abend stattgefunden hat und die die bisher beste in einer von SPME und dem Mideast Freedom Forum Berlin Reihe war. In der Reihe war vorher Bassam Tibi da gewesen, der leider vor allem über sich selbst geredet hat. Und dann gab es eine groteske Veranstaltung mit Ralf Fücks und Yaacov Lozowick, in der Fücks immer aggressiver wurde, das Publikum äußerst unangenehm anging und schließlich bekannte, er sei Anhänger der Ein-Staaten-Lösung für den Nahost-Konflikt, auch wenn die “utopisch” sei. Man kann sich das alles hier im Video angucken, muss man aber nicht, jedenfalls nicht, wenn man mit Yaacov Lozowicks Argumentation bereits vertraut ist. Nun jedenfalls war Jonathan Spyer da, der sehr professionell und gut informiert über Syrien sprach. Spyer stellt fest, dass mit Tunesien und Ägypten bisher zwei Machthaber, aber noch kein Regime im “Arabischen Frühling” gestürzt wurden, und dass, wenn Assad sich im Amt hält, das strategische Ergebnis bisher eine Stärkung der antiwestlichen Achse um den Iran ist, eine Schwächung des Westens, der Mubarak verloren hat, und eine allgemeine Destabilisierung des Nahen Ostens. Dass Assad sich wird halten können, ist wahrscheinlich. Einen Teil von Spyers Analyse konnte man schon im April im Guardian lesen.

Interessant ist hier der Fokus auf strategische Fragen, Sicherheits- und Interessenpolitik. Während sich die irgendwie israelsolidarische Szene, ob antideutsch apostrophiert oder nicht, hierzulande vor allem auf eine mehr oder weniger taugliche Ideologiekritik verlegt, gerät in den Hintergrund, dass man mit Ideologie allein in den internationalen Beziehungen wenig erklären kann.
(Hier sollte sich eigentlich ein weiterer Text anschließen, den habe ich jetzt aber in den nächsten Blogpost verlegt.)

Nachdem Millionen Menschen in Deutschland nicht an EHEC gestorben sind, atmet das Land tief durch und erwartet die nächste Katastrophe. verbrochenes.net hat verschiedene Vorschläge.

BANGzin

Durch fehlerhaftes Benzin explodieren immer wieder Autos auf der Straße, es gibt bereits in den ersten beiden Tagen mehr als 70 Tote. Durch Zufall erwischt es erst nur ausländische Autos, weshalb das Ereignis zunächst vorsichtig positiv bewertet wird. Als bald darauf reihenweise Stuttgarter Edel-Autos in Flammen aufgehen, dreht sich die Stimmung. Guido Westerwelle will sich offiziell bei der OPEC beschweren, aber da geht keiner ans Telefon. Es gibt einen Run auf Bio-Benzin, während es überall im Land zu weiteren Explosionen kommt; die Quelle und die Abnehmertankstellen des fehlerhaften Sprits sind nicht ausfindig zu machen. Als sich herausstellt, dass das Problem nur bei Geschwindigkeiten unter 120km/h auftritt, glauben viele, das Gröbste überstanden zu haben. Als nach zehn Tagen aber die 1000er-Marke bei Todesfällen überschritten wird, entschließt sich das Verbraucherschutzministerium zu drastischen Maßnahmen: Es empfiehlt allen Deutschen, vorerst nicht mehr Auto zu fahren. Die Bevölkerung reagiert erleichtert ob dieser Hilfestellung, verbrochenes.net und die FDP sprechen hingegen von “Panikmache”. In Friedrichshain brennt ein Geländewagen. Als die befreite Nation schließlich auf glänzenden Fahrrädern unterwegs Richtung Kommunismus ist, wird sie von einer neuen Bedrohung jäh gestoppt.

Polen macht mobil

An einem schönen Sommermorgen erblicken zwei unschuldige deutsche Touristen auf der polnischen Seite der Oder mehrere junge Männer auf Pferden. Nur sieben Kilometer entfernt werfen möglicherweise unter Alkoholeinfluss stehende Polen Böller in den Fluss. Gleichzeitig ist der Radioempfang in Berlin zeitweise gestört. Obwohl ein Zusammenhang zu den Grenzzwischenfällen weder bewiesen noch vorstellbar ist, wird man in Deutschland unruhig. In Görlitz bauen Beschäftigungslose am größten Zaun der Welt. Überall im Land kommt es zu Hamsterkäufen, sogar Gurken gehen gut. Eine große Zeitung fragt besorgt: “Schon wieder?” KT zu Guttenberg wird von der Landsmannschaft Schlesien wieder zum Verteidigungsminister ernannt und erstürmt mit seinen Getreuen den Bendlerblock. Es gibt keine Gegenwehr. Als ersten Amtsakt verkündet zu Guttenberg die Allgemeine Helmpflicht. Bis tatsächlich alle Deutschen mit den besonders sicheren Kopfbedeckungen ausgestattet werden können, vergehen fünf Wochen. Die polnische Offensive bleibt weiter aus, die CSU reklamiert diesen Erfolg für sich und ihren Minister. Bauernverbände machen Druck auf die Regierung und fordern eine “Versöhnungsoffensive”, da die neue Spargelerntezeit naht. Schließlich geht ein Anruf aus Warschau bei Angela Merkel ein, in dem Polen Deutschland offiziell den Krieg erklärt. Der Anruf stellt sich aber schnell als Scherz heraus. Der BDI ruft die Bürger dazu auf, ihr Leben einfach weiterzuleben und sich keineswegs einzuschränken. Zu Weihnachten soll die Helmpflicht überprüft werden, sie soll aber aus pragmatischen Gründen mindestens bis Silvester beibehalten werden.

Nanopartikel

Als im Sommer zwei Rentnerinnen in Rostock und Garmisch sterben, reagieren die Medien verunsichert. Was war geschehen? Nach drei Wochen Recherche hat “Der Spiegel” das Geheimnis gelüftet. Neben einem Bild vom Führer finden sich auf dem Titel des Blatts drei kleine Punkte, und die Überschrift fragt: “Erst Hitler. Jetzt Nanopartikel. Warum trifft es immer die Deutschen?” Fortan sieht sich die ganze 80plus-Generation durch Nanopartikel bedroht. Seitenlang wird in allen Medien erklärt, was Nanopartikel eigentlich sind, nur in der Redaktion von verbrochenes.net kratzt man sich unentwegt ratlos am Kopf, während die letzten Kriegskinder im gesamten Bundesgebiet fallen wie die Fliegen. “Nanograd” wird zum schmissigen Titel für das Ereignis, das die Rentenkassen alle sieben Sekunden um einen lieben Menschen entlastet. Keinen Tag zu früh wird Sprühsahne als Ursache ausgemacht – ein Produkt, dass es nach dem Tod seiner gesamten Käuferschicht nun nicht mehr geben wird. Die verbliebenen Nanopartikel werden einzeln eingesammelt und zu Raumschiffen verbaut.

Juergen Elsaesser wird einmal sagen koennen, er habe sie alle gehabt. Gemeint ist nicht sein libidinöses, sondern sein journalistisches Engagement: Neues Deutschland, konkret, junge Welt, Freitag, Bahamas und Jungle World – bei einem Streifzug durch die linke Publizistik der letzten fuenfzehn Jahre wird man immer wieder bei dem unvermeidlichen Pforzheimer landen. Die ideologischen und auch inhaltlichen Stunts, die er dabei vollfuehrt hat, moegen abenteuerlich anmuten, doch in Wahrheit hat sich Elsaesser nie veraendert: In der Zeit seiner Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund hatte er sich das analytische Ruestzeug erworben, dessen dogmatische Methodik sein Weltbild fortan praegen sollte: Hinter der Reaktion – das war einmal der (vermeintlich wiederkehrende) Faschismus, heute sind es die USA – steckt das Kapital. Und die letzte Trutzburg im Kampf gegen – ja, was eigentlich? – stellt nach dem Untergang des realsoziliaistischen Blocks nunmal der souveraene Nationalstaat dar. Dass eine derartige Position, konsequent weitergedacht, letztlich auch eine Anerkennung der machtpolitischen Interessen Deutschlands impliziert, so weit war Elsaesser nach dem Mauerfall nicht, noch nicht.

Er, nicht etwa Marlene Dietrich, erfand lieber den Slogan “Nie wieder Deutschland” und schrieb so lange im antideutschen Publikationsflaggschiff Bahamas, wie man dort das Wort antikapitalistisch noch nicht abwertend gebrauchte. Weil “eine Linke ohne Antimilitarismus undenkbar” sei – die Sowjetunion also keine Kriege gegen Afghanistan oder Finnland gefuehrt, die KPD keine Putschversuche gestartet, die RAF keine Menschen erschossen habe – verabschiedete sich Elsässer 2002 aus den Redaktionen der bellizistischen konkret und jungle world, fand beim Neuen Deutschland und auch bei der Islamischen Zeitung zwischenzeitlich dankbare Abnehmer fuer seine journalistischen Arbeiten und widmete sich – bis heute – dem Betrieb eines eigenen Blogs. Als haette die Welt darauf gewartet, traegt es einen ebenso verheißungsvollen wie phantasielosen Namen: Juergen Elsaesser spricht. Und dieser Sprecher moechte nicht nur eine Menge Daten-, sondern auch einiges an Papiermuell in die Verwertungsmaschinerie einspeisen, deshalb startet der Mitbegründer der Volksinitiative seine publizistische Gegenaufklaerung neuerdings zusätzlich mit einem Printmedium namens Compact.

Als einer, der in einem Interview mit Gerhard Wisnewski offenherzig zugibt, “bei allen Zeitungsprojekten der Linken angeeckt” – vulgo: rausgeflogen – zu sein, laesst man sich eben “den Mund nicht verbieten”. Das ist im Sinne der geltenden Presse- und Publikationsfreiheit auch wuenschenswert, zumal dann, wenn sich der Verfasser durch das Geaeusserte selbst blamiert. Und auf Derartiges braucht man nicht lange zu warten: Weil die Reichweite seiner Kritik der politischen Oekonomie mittlerweile nicht mehr ueber eine zwanghafte Obsession bezueglich geheimdienstlicher Machenschaften hinausgeht und beim militaerisch-industriellen Komplex, also Halliburton und Lockheed Martin, stehenbleibt, kann Compact auch “demokratische Linke und demokratische Rechte im offenen Dialog” zusammenbringen. Das Resultat von derlei Experimenten sind Titelstories wie “Das besetzte Land” und “Die Oeko-Diktatur kommt”, stilecht wahlweise mit Renate Künast im Soldatenoutfit oder Angela Merkel mit demütigem Blick auf Barack Obama.

Mindestens genauso beachtenswert ist das mittlerweile zum Grossteil mit Werbung fuer Compact ueberladene Blog. Hier lassen sich interessante Einblicke in die Psyche eines Mannes gewinnen, der seine Orientierung irgendwo zwischen 9/11 und dem Beginn der Operation Iraqi Freedom verloren hat. Ein politischer Kompass, der nur links und rechts kennt, kann solche Figuren nicht mehr sinnvoll verorten: Mahmoud Ahmadinejads Wahlsieg 2009 begiesst Elsaesser “ganz unislamisch” mit einem “Slivovitz”, hinter der Strauss-Kahn-Affaere stecken neben “finanzkapitalistischen Interessen”, das sind die “Yankee-Banker”, auch “hartgesottene Feministinnen”, die “Hass auf Maenner” verbreiten. Der Anschlag auf den iranischen Praesidenten fand zwar nur vermeintlich statt, aber wenn er sich ereignet hat, kommen nur “Dschundallah, Volksmudschahedin und der iranische Ableger der kurdischen PKK” in Frage – und, wer hätte es gedacht, sie alle werden “von US-Geheimdiensten finanziert”. Weil, wer “keine antiamerikanischen Reflexe hat, hirntot” ist, geht es, wenn einer wie Elsaesser digital spricht, immer auch um die USA, “Weltsheriff” der Staatengemeinschaft und Triebfeder der Globalisierung, des ultimativen Feindes eines jeden Nationalstaats.

Und wenn einer gegen die Amis ist, dann ist die halbe Miete schonmal eingefahren: Darum heisst “Libyen verteidigen JETZT Gaddafi unterstuetzen” (sic!), da ist “Freiheit fuer Ratko Mladic” das Motto der Stunde und auch als am 4. Mai 2011 selbst islamistische Organisationen den Tod bin Ladins bestaetigt hatten, konnte man auf dem Blog noch von “zwei anderen Hypothesen” lesen: Entweder, der Chef von Al-Qaeda sei “schon vor Jahren liquidiert” worden, belegt mit dem laengst widerrufenen Statement eines franzoesischen – na, was wohl? – Geheimdienstlers. Oder aber: Ussama “lebt immer noch, und zwar mit neuen Papieren in einem CIA-Beach Ressort am Indischen Ozean”, der wahrgewordene “wohlverdiente[r] Ruhestand” eines “bewaehrten Agenten”. So verrueckt, wie das alles klingt, ist es aber gar nicht. Ob er da beispielsweise schon ahnte, dass sein einstiger Kollege und konkret-Herausgeber Hermann Gremliza im aktuellen Editorial des Blattes bin Ladins Tod zwar als Tatsache anerkennen, gleichwohl aber ebenso behaupten wuerde, bin Ladin sei ‘einst einem Laboratorium der CIA entwichen’?

Elsaesser ist weder ein pathologischer Fall, noch ist es der erste seiner Art, denn auch andere Journalisten sind seit 9/11 in die Ecke der Verschwoerungstheoretiker gekippt. Aus der Not, dass man bei halbwegs serioesen Zeitschriften und Zeitungen keine Artikel mehr platziert kriegt, sobald man eine gewisse inhaltliche Absurditaetsgrenze ueberschritten hat, haben schon einige vor ihm eine Tugend gemacht, Matthias Broeckers beispielsweise. Der ehemalige Leiter des taz-Kulturressorts schreibt naemlich nicht nur ueber die vielfaeltigen Nutzungsmoeglichkeiten von Marihuana, sondern hat auch mehrere Buecher ueber 9/11-Komplottstories vorgelegt, die sich gut verkauft haben. Broeckers, Wisnewski, Andreas von Buelow, jetzt eben auch Juergen Elsaesser – Deutschland hat seine eigenen Versionen von Alex Jones hervorgebracht, dem Macher von Loose Change und schaetzungsweise zweihundertdreiundneunzig weiteren Filmen ueber den inside job.

In einer politischen Wirklichkeit, in der das Individuum gerne bereit ist, die Komplexitaet globaler Zusammenhaenge auf das Wirken einiger weniger Entscheidungstraeger zu reduzieren, ist das ein guter Absatzmarkt – eine schnelle Mark, Elsaessers Lieblingswaehrung, ist da gewiss. Und wenn sich 2011 die Anschlaege zum zehnten Mal jaehren, was ist da naheliegender, als die crackpot-Theorien nochmal aufzuwaermen? So eine Moeglichkeit laesst ein findiger Geschaeftsmann nicht aus und so hat die Compact-Redaktion sich entschlossen, in Leipzig am 10.9. diesen Jahres eine Konferenz abzuhalten, die “einige der bestinformierten Kritiker der offiziellen Version” zusammenbringen wird. Fuer 45 Euro, Compact-Abonnenten bekommen natuerlich Prozente, ist man dabei, geladen wird in das “Globana Trade Center”, und man kann sich die verlegenen Scherze, die auf der Konferenz darueber gemacht werden duerften, bereits lebhaft vorstellen. Das Podium ist bereits mit einer deutschen creme de la creme selbst ernannter kritischer Journalisten besetzt: der Chef des notorischen antiamerikanischen Portals infokrieg.tv ist genauso dabei wie zwei Compact-Mitarbeiter – einer davon ist Elsaesser selbst – und ein Hoerbuch-Autor, der wohlgemerkt mit fiktionaler vertonter Literatur sein Geld verdient. Man kann also eine lebhafte und kontroverse Debatte erwarten.

 

 

 

(Alle in Anfuehrungszeichen markierten Textteile, mit Ausnahme des konkret-Zitats, stammen von Juergen Elsaesser selbst, aus Interviews, Blogeintraegen und Artikeln.)

Als David Villa in der 69. Minute des Champions League-Finals gestern das 3-1 erzielte, musste ich kurz danach an jemand ganz anderes denken: An Roberto Carlos. Dessen Freistoss-Tor bei der Weltmeisterschaft 1998, jahrelang als eins der spektakulaersten Tore der Fussballgeschichte gehandelt, wirkt im Vergleich zu Villas gefuehlvollem Heber beinahe antiquiert und brachial – so spielt man doch heute keinen Fussball mehr, oder? Barcas Gegner gestern war vermutlich niemand Geringeres als die zweitbeste Mannschaft der Welt, und trotzdem hatte sie zu keinem Zeitpunkt eine Chance zu gewinnen, nicht bis zum 1-0, und auch nicht in den 20 Spielminuten, in denen das Spiel durch einen Treffer Wayne Rooneys zwischenzeitlich wieder ausgeglichen wurde. Die Szenerie in Wembley wirkte ein bisschen wie die Spiele Roger Federers in seiner absoluten Hochphase: Gewiss, in den weissen Trikots spielte der nunmehr alleinige englische Rekordmeister auf, eine Mannschaft, die in der Saison und in der Champions League ihren groessten englischen Rivalen, Chelsea, beinahe muehelos in die Schranken verwiesen hatte – aber das ManU seinen Gegner besiegen koennte, das schien so unrealistisch wie eine Wimbledon-Finalniederlage des Schweizers zwischen 2003 und 2007.

Als ich in die Grundschule ging, wurde auf dem Schulhof gerne ein Spiel namens Schweinchen gespielt. Ein Kind musste in die Mitte, in einem Kreis drumherum standen ungefaehr vier oder fuenf andere und spielten sich den Ball zu – der Einzelne hatte die mit viel Laufaufwand verbundene Aufgabe, den Ball irgendwo abzufangen. Seinen Unterhaltungswert bezog das Ganze dabei aus dem zahlenmaessigen Ungleichverhaeltnis zwischen verteidigendem und ballfuehrendem Team – aber gestern hatte man den Eindruck, Barcelona spielt Schweinchen mit Manchester United – und das bei gleichgrosser Spieleranzahl. Fast schon putzig wirkte es, wie oft die Regie von Sat1 die Statistik ueber die abgegebenen Paesse und das Ballbesitz-Verhaeltnis der beiden Mannschaften einspielte – dabei konnte man, ohne in seinem Leben zehn Fussballspiele gesehen zu haben, die Deutlichkeit der Ueberlegenheit des spanischen Meisters erkennen. Obwohl der Autor dogmatischer Atheist ist, kommt auch er bei der Beschreibung dieses Spielstils nicht umhin, die religioese Sphaere zumindest zu streifen: Diese 90 Minuten in Wembley gestern waren tatsaechlich magisch und zauberhaft, wie von einem anderen Stern. Totale Dominanz ala FC Bayern, das waere ein Sprachverbrechen am Spielstil von Messi, Pedro und Xavi. Wie sich die Spieler dieser Mannschaft ueber den Rasen bewegen, das hat nichts mit dominieren – mithin also beherrschen – zu tun, es ist weniger ein Spiel mit dem Gegner (dass manchmal auch arrogante Zuege tragen kann, wenn eine Mannschaft deutlich ueberlegen ist), als vielmehr ein Spiel an ihm vorbei. Wie sich die Offensive von Barcelona am Strafraum den Ball zuspielte, das erinnerte bisweilen mehr an Handball – eine scheinbar nicht zu unterbrechende Pass-Stafette folgte der naechsten – und einige der besten Verteidiger der Welt wie Vidic und Ferdinand schauten insgesamt nur hilflos dabei zu.

Fussball ist in den letzten Jahren zu einem zunehmend aesthetisch ansprechenderen Sport geworden, zumindest an der Weltspitze, immer mehr aber auch in den nationalen Ligen Englands, Spaniens oder Deutschlands. Mit einer hierzulande so gerne als rustikal bezeichneten Spielweise alleine – graetschen, beissen, rennen – holt man auf internationaler Ebene und auch im jeweils nationalen Meisterschaftskampf keinen Blumentopf mehr. Dieses Jahr wurde die Bundesliga-Saison nicht nur von der juengsten Mannschaft der Liga, sondern auch von ihrer technisch staerksten gewonnen. Ein Ticket fuer ein Champions League-Spiel der Oberklasse kostet gerne 55 Euro, in guten Kategorien noch mehr und auf dem Schwarzmarkt wurden gestern vermutlich astronomische Summen verlangt. Es ist richtig, dass das ausserhalb der finanziellen Moeglichkeiten einkommensschwacher Bevoelkerungsschichten liegt – aber es ist genauso logisch. Weil Fussball so viel besser geworden ist, soviel interessanter, ansehnlicher und schoener – deshalb interessieren sich auch mehr Leute fuer einen Stadionbesuch, und das wiederum treibt die Eintrittskartenpreise in die Hoehe. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sind in dieser Saison nochmals angestiegen – vermutlich auch deshalb, weil die abgelaufene Saison sicherlich die meisten guten Fussballspiele der letzten fuenfzehn Jahre beinhaltete. In einer Welt, in der die Kulturbetriebe vor allem mit der bestaendigen Wiederkaeuerei ewig gleicher Motive und Stories langweilen, liefern der Spitzensport und vor allem seine prononciertesten Professionellen ein Surrogat fuer das aesthetische Beduerfnis, das Musik, Film und Prosa oft nicht mehr zu stillen in der Lage sind. Lionel Messis Ballbehandlung sorgt da mitunter fuer mehr Entzueckung als das neueste Album von Phil Collins, kann mehr Magie verspruehen als Dan Browns Fliessbandthriller und Joanne K. Rowlings Zauberschueler zusammen.

Auf diesem Hoechstleistungsniveau noch einmal besonders herauszustechen, ist normalerweise etwas, dass Sportlern in Einzelsportarten vorbehalten ist – Roger Federer war im Tennissport fuer etliche Jahre so jemand, Miguel Indurain, der die Tour de France lange vor Dopingskandalen  im Radsport fuenfmal in Folge gewann, ein anderer. Der FC Barcelona hat diese Einzigartigkeit in ein ganzes Team inkorporiert: Josep Guardiola trainiert wahrscheinlich die beste Fussballmannschaft aller Zeiten. Ist das nicht irgendwie auch ein bisschen langweilig? Ja, vielleicht schon. Aber Langeweile kann auch etwas Beruhigendes haben: Vor dem Uruguay-Freundschaftsspiel aeusserte sich der Trainer der schwarz-rot-geilsten aller Fussballtruppen, Joachim Löw, dass Deutschland wieder die Fussball-Nummer 1 in Europa werden sollte. Der Grossteil der spanischen Nationalmannschaft spielt beim FC Barcelona. Und der Rest bei Real Madrid,  der einzigen Mannschaft, die ueberhaupt in der Lage war, die Rot-Blauen in dieser Saison in einem wichtigen Spiel zu schlagen. Jogi soll weitertraeumen. Das gehoert im Fussball naemlich auch dazu.

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