Dank der grandios dämlichen Kampagne gegen eine Verpflichtung von Manuel Neuer und dem sehr bemühten Hass auf den blauen Stadtrivalen steht meine Lieblings-Ultragruppe gerade wieder im Mittelpunkt des Interesses. Deshalb schlagen hier hunderte Nutzer auf, die im Internet nach der Schickeria gesucht haben und sich dann vermutlich etwas ratlos hier auf der Homepage umgucken. Sie folgen bitte diesem Link zu meiner kürzlichen Auseinander-
setzung mit den Schickeristen. Meine große Liebe zum FC Bayern habe ich hier bekundet. Wer sich fragt, wie das eigentlich war, damals, 2007, beim Münchner Amateur-Derby, dem wird hier geholfen.
Die Jungle World übt sich diese Woche einmal mehr in Israelkritik. Die kommt immer politisch korrekt daher und versucht ganz sachlich, die großen Fehler des kleinen Landes anzuprangern. Obwohl in der Jungle World oft stramm israelsolidarische Leute wie Stefan Grigat und Thomas von der Osten-Sacken schreiben, lesen sich die Artikel, in denen es in der Hauptsache um Israel geht, stets wie aus der taz gegriffen. In der heutigen Ausgabe verkündet schon die Überschrift, wo Israel heute zu verorten ist: “Auf der schiefen Bahn”. Aber der Artikel von heute, geschrieben von einem Martin Reeh, passt zur Linie der letzten Monate.
Vor einem Jahr klagte Andreas Hartmann sein Leid mit dem jüdischen Staat:
Israel zu verstehen, fällt einem auch immer schwerer. Jüdische Siedlungen zersiedeln das Westjordanland immer weiter, und Ultraorthodoxe bekommen Wohnungen in Ostjerusalem zugewiesen, wo sie bestimmt nicht wegen der netten Nachbarschaft hinziehen.
Dass Hartmann Israel nicht versteht, ist nicht etwa Hartmanns Schuld. Er versucht es, und zwar “immer wieder”, aber es gelingt nicht. Die Juden “zersiedeln” das Land, und zwar “immer weiter”. Das Vokabular ekelt an, und die Suggestion, dass im großen Stil weitere Siedlungen gebaut würden, ist falsch.
Ultraorthodoxe ziehen nicht etwa um, sie “bekommen Wohnungen in Ostjerusalem zugewiesen”, vom Großen Zionistischen Landraubkomitee vermutlich. Hartmann hat keine Ahnung, was im Westjordanland und in Ostjerusalem passiert, es interessiert ihn auch nicht besonders, er würde es aber trotzdem gerne kritisieren.
Im Januar hat er sich dann bemüht, Antisemitismus-Vorwürfe lächerlich zu machen, indem er erst einer ungenannten, aber doch “bestimmte(n) Fraktion der sogenannten Antideutschen” implizit Rassismus vorwarf, dann die Sorge um Israel und die Angst um dessen Bürger veralberte und schließlich Tom Segev vor Vorwürfen in Schutz nahm, die niemand geäußert hatte. Gegen Antisemitismus-Vorwürfe hat Hartmann also was, ebenso wie gegen sogenannte Antideutsche, die er aber nicht benennen mag. Oder nicht benennen darf – wer weiß, was die mit ihm anstellen könnten, die haben immerhin Keulen.
Die von Segev geäußerte Sorge um die israelische Demokratie ist inzwischen ein Dauerbrenner bei Israelkritikern geworden. Ende Januar hat die Jungle aber zum Glück ein “Lebenszeichen aus der Knesset” vernommen. In seinem Artikel unternahm Stefan Vogt damals einen neuen Versuch, Israel und seine Regierung für das Scheitern des Friedensprozesses verantwortlich zu machen. Er tat das auf atemberaubende Art und Weise.
Nach der Meldung über Baraks Austritt aus der Arbeitspartei folgt ein Rückblick auf dessen Karriere:
1999 löste er Benjamin Netanjahu als Ministerpräsident ab, wurde aber Anfang 2001 von Ariel Sharon aus diesem Amt wieder verdrängt.
Das liest sich, als sei sonst nichts passiert, als sei die Abwahl Baraks vom politischen Personal auf üblichem Wege herbeigeführt worden. Aber war da nicht noch was? 1999 bis 2001?
Als im Sommer 2000 die vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton moderierten Gespräche mit der palästinensischen Führung in Camp David scheiterten, gab Barak die alleinige Schuld dafür den Palästinensern und erklärte, Israel habe keinen Partner für einen Frieden. Dass aber auch die israelische Regierung nicht zu den nötigen Schritten bereit war, zeigte sich spätestens Ende desselben Jahres. Angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen setzte Barak damals die Verhandlungen aus, die zu diesem Zeitpunkt kurz vor einer Einigung standen. Die Wahlen verlor er dennoch haushoch gegen Ariel Sharon. Unterdessen hatten die Palästinenser allerdings mit dem Beginn der zweiten Intifada dazu beigetragen, der Behauptung Baraks nachträglich den Schein der Richtigkeit zu verleihen.
Dass Arafat 2000 ohne Gegenvorschlag abgereist war, obwohl die Lösung, die Clinton hatte diktieren wollen, weithin als sehr großzügig für die Palästinenser betrachtet wurde – geschenkt. Wenn Stefan Vogt meint, die Israelis hätten von sich aus mehr bieten müssen, also “die nötigen Schritte” gehen müssen, dann müsste er formulieren, welche das sein sollten. Und er müsste deutlich machen, dass der Staat und damit der Frieden, den Clinton und Barak den Palästinensern angeboten haben, nicht gut genug gewesen wäre, weshalb die Fortführung des Krieges die richtige Entscheidung von Arafat war.
Der wirklich atemberaubende Teil von Vogts Stück ist aber, wie er dem Terrorkrieg der Palästinenser kaltschnäuzig attestiert, Baraks Schlussfolgerung nach Camp David “nachträglich den Schein der Richtigkeit” verliehen zu haben. Das ist alles, was Vogt zur Intifada und ihrer Rolle im Zusammenbruch der Verhandlungen zu sagen hat. Dabei hatte der Mob in Ramallah schon im Oktober angedeutet, wie die nächsten Monate würden aussehen können. Kurz vor dem Gipfel von Taba starb Ofir Rahum. Vogt behauptet zwar, dass Barak schon 2000 die Verhandlungen ausgesetzt habe, in Wahrheit wurde sowohl im Dezember als auch im Januar 2001 weiter verhandelt. Man wundert sich, wenn ein Journalist über Baraks Zeit als Ministerpräsident schreibt und den Gipfel von Taba offenbar vergessen hat.
Dass mit den Menschen, die die brutalen Morde von Ramallah begangen haben, und denen, die sich dann in Tel Aviv und Jerusalem in die Luft gesprengt haben, ein Frieden zu machen gewesen wäre, wenn Barak nur gewollt hätte, ist eine infame Behauptung. Darüber hinaus spielt die Intifada bei Vogt keine Rolle und sollte im politischen Prozess wohl am besten ignoriert werden. Denn nicht, dass der vermeintliche Partner dazu übergegangen war, eine größtmögliche Zahl an Juden in die Luft zu sprengen, war für das Ende der Friedensbewegung in Israel verantwortlich. Nein, es war die “These”, die Barak aufgemacht hatte:
Mit der These vom »fehlenden Partner« verbreitete sich Lähmung und Apathie unter Linken und Liberalen.
Was also jeder sehen kann, nämlich dass es am Ende von Oslo keinen Frieden, sondern einen Krieg gegeben hat, und dass die israelische Wählerschaft ihre Schlüsse daraus gezogen hat, das spielt für Vogt keine Rolle. Bei ihm gibt es nur die Verhandlungen irgendwo im luftleeren Raum, keine tatsächlichen Ereignisse, aus denen die “Linken und Liberalen” vielleicht ihre Konsequenzen gezogen haben könnten. Tatsächlich hat sich der ehrenwerte Versuch, einen Frieden durch gegenseitige Zugeständnisse und eine Aufteilung des Landes herbeizuführen, als gescheitert herausgestellt. Tausende sind dabei gestorben. Deshalb sind die einzigen, die euphorisch einen neuen Versuch fordern, Ausländer, die nicht Gefahr laufen, beim nächsten Ausbruch der Gewalt in einem Bus in Jerusalem sitzen zu müssen.
In der Debatte um Ägyptens Revolution durfte kürzlich Thomas Schmidinger in der Jungle schreiben. Er schrieb beeindruckende Sätze. Beeindruckend nicht, dass sie jemand geschrieben hat, sondern dass sie es bis in die Zeitung geschafft haben. Zum Beispiel dieser:
Wer von der heterogenen Protestbewegung Ägyptens erwartet, dass sie auf ihren Demonstrationen antisemitische Äußerungen verhindert, hat leider von der dortigen Realität keine Ahnung.
Als ob diejenigen, die auf die Rolle von Antisemitismus in dieser Revolution aufmerksam machen, naive Idioten wären, doziert Experte Schmidinger daher. Natürlich richtet sich sein Statement nicht gegen Ahnungslose, sondern gegen Kritiker, die ihm seine schöne Revolution madig machen wollen. Er schlägt damit in dieselbe Kerbe wie vormals Hartmann, der denselben Gedanken lächerlich zu machen suchte mit seinem Satz “Und Israel wird es bald übel an den Kragen gehen.” Wer uns so beschwört, Antisemitismus endlich als Normalzustand hinzunehmen, wie Schmidinger das tut, hat natürlich auch zu Israel eine Meinung:
Wenn die israelische Regierung wenigstens bereit wäre, endlich den Ausbau der Siedlungen im Westjordanland zu stoppen, um einer fairen Zweistaatenlösung nicht noch mehr Hindernisse in den Weg zu stellen, wäre dies ein Signal in die richtige Richtung. Ägypten hat derzeit keinerlei Interesse an einem Krieg mit Israel.
Das alte Friedensabkommen reicht also nicht, Schmidinger stellt für die Ägypter schon einmal Nachforderungen: Wenn Israel nur im Westjordanland weniger Wohnungen bauen würde, dann wäre den Menschen in Kairo schon viel wohler. Das ist zwar Quatsch, aber immerhin Quatsch, bei dem Israel schlecht wegkommt. Ägyptens fehlendes Interesse an einem Krieg mit Israel hängt, das muss man hier anmerken, nicht von Friedensgesten, sondern von der israelischen Luftwaffe ab.
Die Frage ist, ob man die Jungle World braucht, um zu erfahren, dass (Neo-)Liberalismus und jüdische Siedlungen die Probleme unserer Zeit sind, oder ob man das vielleicht woanders noch schwungvoller nachlesen kann.
Nachdem wir also seit einigen Wochen auch aus der Jungle wissen, dass Israel am Scheitern des Friedensprozesses schuld ist, dass Antisemitismus ganz normal ist und wer sich darüber aufregt, keine Ahnung hat, und dass Ägypten zum Krieg berechtigt ist, solange Juden in Judäa und Samaria Kinder kriegen – nachdem wir all das wissen, wird heute gleich die ganze israelische Gesellschaft in all ihrem Elend dargestellt. Wir wissen bereits, dass das Volk sich von bösartigen Politikern den wunderbaren Friedensprozess hat ausreden lassen. Wir wissen auch, dass die Linken, also die Guten, nichts mehr zu melden haben.
Nachdem er und sein Interview-Partner, ein israelischer Blogger, genau das ausgiebig betrauert haben und ihrer Hoffnung auf eine neue linke Bewegung Ausdruck verliehen haben, erwähnt Martin Reeh in seinem Artikel einige Beispiele für die “schiefe Bahn”, auf der Israel sich laut Überschrift bewegt.
Im Februar beschloss die Knesset ein Gesetz, das Nichtregierungsorganisationen (NGO) zukünftig verpflichtet, vierteljährlich ihre ausländische Finanzierung offenzulegen. Weitergehende Regelungen, etwa ein parlamentarisches Untersuchungskomitee für Menschenrechtsgruppen, scheiterten zunächst. Kritikern aus den Regierungsparteien, die diese Pläne mit der Kommunistenverfolgung unter McCarthy verglichen hatten, bescheinigte Außenminister Avigdor Lieberman, sie beabsichtigten, die »Interessen des nationalen Lagers in Israel zu opfern«. Liebermans Partei Yisrael Beitenu kündigte bereits weitere Verschärfungen für Ende des Jahres an.
Um hinten anzufangen: Natürlich kann eine Partei keine Verschärfungen ankündigen, sie kann höchstens Gesetzesinitiativen ankündigen, die dann erfolgreich sein können – oder eben nicht.
Was der Zusatz “zunächst” bedeuten soll, ist klar: Zwar ist das Gesetzesvorhaben gescheitert, aber das zu vermelden ist zu langweilig. Wen interessiert ein gescheitertes Gesetzvorhaben zu NGOs aus Israel? Nur die, die daraus den Untergang der israelischen Demokratie konstruieren wollen. Dass die Regierung es selbst hat scheitern lassen und das Gesetz damit nicht nur “zunächst”, sondern endgültig tot ist, passt da nicht ins Bild.
Eine gewisse Ignoranz braucht man auch, um aus einer linken Perspektive ein Gesetz zu kritisieren, das private Organisationen verpflichtet, ihre Finanzierung teilweise offenzulegen. Dabei ist Reeh zu echter Kritik gar nicht in der Lage, er erwähnt das Gesetz nur und setzt es in den Kontext des Untergangs der Demokratie.
Dabei ist Transparenz ein wichtiger Faktor in einer Demokratie; es hilft zu wissen, wer für die Verbreitung welcher Meinung bezahlt hat. In diesem besonderen Fall ist es zusätzlich so, dass viele NGOs Positionen vertreten, die sich gegen die Meinung der überwältigenden Mehrheit der Israelis und der Regierung wenden. Das wäre an sich noch nichts Besonderes, wenn nicht einige von ihnen aus dem Ausland, indirekt auch von ausländischen Regierungen, finanziert werden würden. Man muss sich keine Illusionen über demokratische Prozesse machen, um zu wissen, dass es problematisch ist, wenn Regierungen anderer Staaten verdeckt versuchen, darauf Einfluss zu nehmen.
Augenfällig wird das, wenn beispielsweise eine norwegische Regierungspartei sich dafür einsetzt, dass die Nato im Krieg zwischen Gaza und Israel militärisch Partei nehmen soll. Wenn eine Regierung, deren Mitglieder Militärschläge gegen Israel befürworten, möglicherweise politische Gruppen in Israel finanziert, dann sollen die Israelis das in Zukunft wissen dürfen. Das ist ein vernünftiges Gesetz, das diese Finanzierung nicht verbietet, sondern sie nur transparent gestaltet.
Reeh geht dann auf einen tatsächlichen Fall von Rassismus in Eilat ein, in dem ein Bürgermeister gegen afrikanische Flüchtlinge gehetzt hat. Ein zweifellos ekelhafter Fall, dem Wesen nach auch kein Einzelfall, nur rechtfertigt auch das nicht die Überschrift und den Grundtenor des Artikels.
Eine weitere Aufzählung von kleinen Meldungen, die dem Blog des Interviewten entstammen, hält ebenfalls nicht, was die Überschrift versprochen hat. Einem antizionistischen Journalisten wird von einem rechten Politiker gesagt, dass er das Land verlassen solle. Ein Immigrant hat Probleme mit den Ämtern. Ein religiöser Funktionär möchte, dass im jüdischen Viertel nur Juden wohnen, und kann sich damit offenbar nicht durchsetzen.
Die Aufzählung ebenso wie das Blog, aus dem sie kommt, funktioniert nur, wenn der Leser vorher schon weiß, dass es um eine zerfallende Demokratie gehen soll. Dann funktioniert die Suggestion, es handle sich hier um Meldungen, die das Land charakterisieren und ein stimmiges Gesamtbild formen könnten. Deshalb ist es ein Hohn, wenn der Autor über den Blogger schreibt:
Shaltiel vermeidet jegliche politische Wertung.
Das Blog heißt “Slippery Slope” und steht unter dem Untertitel “Notes from a Crumbling Democracy”, und genau das ist die politische Wertung, mit der die Kurznachrichten versehen werden.
Die lakonische Aneinanderreihung von Meldungen erzeugt eine Unmittelbarkeit, die analytische Artikel kaum erzielen könnten. Eigentlich will Shaltiel die gesellschaftliche Mitte erreichen, Wähler der Arbeitspartei oder von Kadima, »Leute, die sich selbst als vernünftig und normal betrachten«. »Vielleicht«, so hofft er, »kann der Blog sie zum Nachdenken über das, was hier passiert, bewegen.«
Reeh irrt sich: Nicht die Unmittelbarkeit ist es, mit der das Blog funktioniert, sondern die Illusion, dass diese Nachrichten zusammen mehr aussagen, als sie jede für sich aussagen. In Shaltiels Äußerungen zeigt sich die übliche Arroganz der Linken, die das Große Böse durchschaut haben und darunter leiden, dass die bürgerliche Mitte nicht versteht, “was hier passiert”. Shaltiel, dessen publizistische Tätigkeit sich offenbar auf das Sammeln von Links zu Nachrichtenseiten beschränkt, philosophiert weiter:
“Wenn man aus dem Zentrum der israelischen Politik gedrängt wird, wird man sich bewusst, wer man ist.”
Was auch immer das heißen soll. Die eigene Wichtigkeit übertreiben einige linke Israelis damit, dass sie sich mit ihrer Angst vor dem Staat brüsten.
In der Linken überlegten manche, ob sie nicht aus Israel auswandern sollten, sagt er. Das Phänomen ist nicht unbedingt neu, wohl aber die Begründung, warum man auswandern will: Früher ging man aus Protest gegen den Umgang mit den Palästinensern, heute gäbe es die Sorge, dass man selbst zum Opfer staatlicher Maßnahmen werden könnte.
Die Flucht der Israelis wurde auch schon in der taz behauptet, geflissentlich die Tatsache ignorierend, dass die meisten Israelis nach Berlin und New York kommen, nicht weil sie dort weniger Angst vor der Polizei haben müssen, sondern weil die Partys dort besser und die Jobs besser bezahlt sind.
Auch in Deutschland gibt es Menschen, die das Ende der Demokratie beklagen. Vorratsdatenspeicherung, Laufzeitverlängerung, Krisenpaket, ignorierte Volksentscheide, Korruption, Anti-Extremismus-Programme, Netzsperren – kein politisches Vorhaben, das nicht von der Gegenseite angegriffen würde. In den skurrileren Fällen sehen dann einige die Demokratie in Gefahr, andere sehen in den sich anschließenden Debatten das Wesen der Demokratie. Nur stehen anderswo als in Israel nicht die ausländischen Journalisten Schlange, um jeden linken Gesellschaftskritiker zu interviewen und sein Porträt einer verkommenen Gesellschaft zu übernehmen. Im Gegenteil: Wer in Deutschland die Demokratie retten will, darf sich des Spotts aus der Jungle World sicher sein. Und der Niedergang der Sozialdemokraten wird links von ihnen nicht beklagt, sondern journalistisch begleitet. Wer sich an die Angstzustände der Hamburger und Berliner Bohéme erinnert, als 2002 ein konservativer Bayer Kanzler zu werden drohte, der hat bereits eine Ahnung davon, wie das Klagen eines linken Tel Avivers über seine konservative Regierung einzuordnen ist. Aber nur in vermeintlichen Schurkenstaaten wie Israel wird so jemand als “regierungskritisch” eingeordnet, obwohl in Israel wie in jeder anderen westlichen Demokratie fast jeder irgendwie “regierungskritisch” ist. Die Linken kritisieren, ganz egal wer gerade wie regiert, den Abbau von Bürgerrechten und die Ungerechtigkeit; die Rechten kritisieren, ganz egal wer gerade wie regiert, den Zerfall der traditionellen Werte und die Ungerechtigkeit. Wer durch eine westliche Großstadt geht und dort länger als fünf Minuten braucht, um jemanden zu finden, der ihm ausführlich darlegen kann, warum dort alles den Bach runtergeht, muss taub oder blind sein.
Ohnehin ist Demokratie nichts, was von Linken und Linksradikalen hierzulande hochgehalten wird, auch in der Jungle World nicht. Nur wenn es um Israel geht, dann wird irgendeine imaginäre perfekte Demokratie als Maßstab angelegt und jeder Makel, den die real existierende hat, herausgestellt. Das ist albern, und mit der Überzeugung, mit der das geschieht, ist es auch dümmlich. Dabei gibt es aus Israel genug zu berichten, auch Negatives. Es gibt Rassismus, Polizeigewalt, Korruption, Armut, religiöse Irre, sogar Gentrification – viele kleine Geschichten, die für sich interessant sind. Aber für die kleinen Geschichten interessiert sich niemand, wenn man aus ihnen keine große konstruieren kann – wie etwa das Zerfallen der Demokratie.
Menschen, die Länderspielpausen mögen, mögen auch:
Fußpilz
Werkzeug verleihen
Verständnisvolle Polizisten
Wenn nach dem Shamponieren das warme Wasser alle ist
Hamburger Sportvereine
Drehspieß nach Döner-Art
Preisverleihungen
Handball-Weltmeisterschaften
Eva Braun
Die fünfte Staffel “Lost”
Schuhe kaufen
Sternburg Bier
Fahrkartenkontrollen
Enddarm-Operationen
Auch im zehnten Jahr nach den Anschlägen vom 11. September bleibt völlig unklar, wer sie ausgeführt hat. Die offizielle Variante kann nicht stimmen, weil sie nicht stimmen kann. 2000 Jahre lang ist kein einziges Hochhaus eingestürzt, nur weil ein Flugzeug hineingeflogen ist. Aber jetzt auf einmal geht das, jedenfalls wollen sie uns das glauben machen. Das Pentagon hingegen ist nicht eingestürzt, obwohl angeblich ein ganz ähnliches Flugzeug hineingeflogen ist. Die offiziellen Erklärungen sind so abenteuerlich, dass man ihnen unmöglich glauben kann. Wer steckte also hinter den Anschlägen?
Die US-Regierung? Sie sollen alles fingiert haben, damit sie in den Irak und in Afghanistan einmarschieren können. Herzlichen Glückwunsch, möchte man da rufen, das wäre ja wirklich der dümmste Plan, von dem ich je gehört habe. Genau so gut könnte man eine Bank überfallen, um sich von dem Geld einen Tank voll Gülle zu kaufen und darin zu baden. Dafür waren Dick Cheney, immerhin der “Fürst der Finsternis”, und seine sinistre Runde dann doch zu clever.
Die Juden? Unmöglich. Ein Volk, das einen Großteil seiner internen Konflikte durch Hupen löst und für eine einfache Straßenbahntrasse mehr als fünf Jahre braucht, kann kaum hinter dem größten Terroranschlag der Weltgeschichte stecken. Mit Flugzeugen auch noch. Und ist Israel hinterher im Irak einmarschiert? Eben.
Außerirdische kommen nicht in Frage. Alle bisher gelandeten Exemplare sitzen in amerikanischen Militär-Einrichtungen ein. FACT!
Die gängigen Erklärungen sind also allesamt unglaubwürdig. Um die wirklichen Drahtzieher zu finden, muss man sich überlegen, wer tatsächlich von den Anschlägen profitiert hat. CUI BONO?
Wer hat finanziell von den Anschlägen profitiert? Wer hat Ansehen und Bedeutung gewonnen? Wer konnte ganze Karrieren auf die mörderischen Anschläge bauen? Wer hat die Anschläge oft zum eigenen Lebensinhalt gemacht und bezieht sein Selbstwertgefühl aus der Beschäftigung mit ihnen? Kurz: Wer sind die größten Profiteure des 11. September und damit die Top-Verdächtigen für seine Planung?
Die Truther-Bewegung. Filme wie “Loose Change” und “Zeitgeist”, zahllose Bücher und Zeitungsartikel haben den ein oder anderen Millionär gemacht und für Verlage viel Geld eingespielt. Viel wichtiger als das Geld könnte aber die Aufmerksamkeit sein, die ungezählte Internet-Nerds, Versager und orientierungslose Halbgebildete durch ihre Theorien zu den Anschlägen erhalten haben. Schwer vorstellbar, dass diejenigen, die behaupten, die wahren Hintergründe der Geschehnisse zu kennen, tatsächlich keine Ahnung haben. In Wirklichkeit wissen sie sehr wohl, wer dahintersteckt: sie selbst.
EVIDENCE:
Nahezu jeder Truther verfügt über einen Computer. Einen Computer, auf dem man durchaus einen Flugsimulator installieren könnte, um sich auf eine Terror-Tat vorzubereiten. Das ist noch kein Beweis, aber ein deutliches Indiz.
Viele Truther hielten sich am Morgen des 11. September in den USA auf. Andere in Europa, auch zum Beispiel in Hamburg, wo selbst nach offizieller Lesart die Attentäter sich lange Zeit aufgehalten haben sollen. Zufall? Wohl kaum.
Kaum eine Bewegung der letzten 20 Jahre hasst die USA so sehr, wie es die Truther tun, obwohl die Konkurrenz in dieser Beziehung nicht von Pappe ist. Neben den finanziellen und sozialen Vorteilen, die die Truther zu erwarten hatten, hatten sie also auch ein handfestes ideologisches Motiv.
Oft wird von Anhängern der offiziellen Theorie angeführt, dass es sich um eine gigantische Verschwörung handeln müsste, weil extrem viele Leute eingeweiht gewesen sein und anschließend geschwiegen haben müssten. Wer aber hat genug Leute, die eine im Wortsinne “verschworene” Gemeinschaft bilden? Genug Leute, um wie in Shanksville oder am Pentagon ein ganzes Flugzeug wegzuräumen, bevor die Behörden da sind? Genug Leute, um mit Nagelfeilen die tragenden Elemente des World Trade Centers anzusägen? Nur die Truther.
Und wer hat dank Internet und dem Niedergang der staatlichen Schulen die Möglichkeiten, um die Welt 10 Jahre lang von der Wahrheit abzulenken und mit den abstrusesten Theorien zu beschäftigen? Wer hat die Medienmacht, um das ganz subtil und klandestin durchzuziehen?
Wem es jetzt noch nicht wie Schuppen von den Augen fällt, dem kann ich auch nicht helfen. Ich fordere eine offizielle Untersuchung, die die Alibis der führenden 9/11-Verschwörungstheoretiker überprüft. Ich kenne jedenfalls niemanden, der beweisen kann, dass Bröckers, Wisnewski und Alex Jones nicht knietief mit drin stecken.
Übrigens, dieses Bild ist eine Fälschung. Das Flugzeug ist nur reinmontiert.
…wenn sich nur die CDU seiner annehmen würde!
Weil es in Japan ein Erdbeben gegeben hat, werden jetzt in Deutschland Reaktoren abgeschaltet. Dazu will man mal drei Monate nachdenken, was sich denn jetzt für die Nutzung der Atomkraft hierzulande verändert hat. Die Antwort ist augenfällig: gar nichts. Jedenfalls, wenn man von den Faktoren ausgeht, die tatsächlich in eine Analyse der Vor- und Nachteile der Technologie eingehen müssen. Nicht in der Sache hat sich etwas geändert, sondern in der stets undurchsichtigen Gefühlslage des Volkes. Zwei Wochen vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist Deutschland mal wieder in kollektive Apokalypse-Lust verfallen. Alle fiebern an den Livetickern, wie weit die verschiedenen Kernschmelzen wohl so sind.
Das Blog “Teilnahmebedingungen” kommentierte:
Es ist in Zusammenhang mit dem Katastrophenporno, der durch die Wohnzimmer flimmert, nicht nur hanebüchen, diesen für die Mobilmachung der Demonstrant_innen zu benutzen, sondern auch schlichtweg widerlich, denn wieviel mehr Hohn könnte man den Menschen im Katastrophengebiet jetzt entgegenschleudern, als noch im Moment ihres Unglücks nur das eigene Schicksal vor sich herzutragen, das heute nicht minder gut oder schlecht aussieht als noch vor einer Woche.
Bei der Aussicht, dass Menschen verstrahlt werden könnten, wurden alle ganz kirre. Dass kurz zuvor gerade tausende zu Tode gekommen waren, war da schnell vergessen. Dass bei einem Erdbeben Dinge kaputt gehen, geriet zur bahnbrechenden Erkenntnis. Und obwohl es hier keine Erdbeben gibt, nahm die Anti-Atom-Bewegung die nukleare Katastrophe, die übrigens bis heute noch nicht passiert ist, schon vor einigen Tagen zum Anlass, ihr prinzipiell richtiges Ziel auf die ihr eigene abstoßende Art zu verfolgen. Bei den Grünen dürften sofort die Sektkorken geknallt haben, schließlich würde sich der Fukushima-Effekt am 27. März ziemlich konkret in Wählerstimmen messen lassen. In Baden-Württemberg stehen vier Kernkraftwerke, Biblis in Südhessen ist gleich um die Ecke. Und desto länger und schlimmer es in Japan brodelt, desto wichtiger wird das Thema bei den Landtagswahlen werden.
Nur dumm für die Grünen, dass Angela Merkel das auch weiß und ihnen an Cleverness weit überlegen ist. Die Kanzlerin hat umgehend dekretiert, dass Biblis A und Neckarwestheim sofort heruntergefahren werden. Außerdem soll drei Monate, und damit bis nach den nächsten vier Landtagswahlen (Sachsen-Anhalt und Bremen sind auch noch dran), heftig darüber nachgedacht werden, wie es denn weitergehen soll mit der Atomkraft. Man sollte nicht erwarten, dass dabei irgendetwas herauskommt. Die Grünen haben damals einen Ausstieg beschlossen, der nie passiert ist, und genau so kann es die jetzige Regierung auch machen. Damit sind alle zufrieden, denn der Strom fließt, Geld wird verdient und der Ausstieg bleibt trotzdem in Sicht. Wenn dann in den nächsten zehn Jahren nichts dazwischen kommt, kann man immer noch wieder ein paar Jahre Laufzeit drauflegen. Und wäre es nicht auch besser, sicherer und umweltfreundlicher, man baute neue Atomkraftwerke anstatt die alten weiter zu benutzen? So gibt es immer einen Weg zum Konsens.
Einen Konsens herzustellen vermögen nur wenige so gut wie Angela Merkel. Mit ihr kann sich die CDU bald als Ausstiegspartei gerieren, wie sie es mit der Rede von der “Brückentechnologie” bereits angedeutet hat. Ab sofort ist es vollkommen okay, gegen Atomkraft zu sein und die CDU zu wählen. Das wird einige grüne Veteranen auf die Palme bringen, lässt aber auf eine bitter notwendige Entspannung der nationalen Diskussion hoffen. Die Parolen der professionell gemanagten Anti-Atom-Kampagnen laufen meist auf eine Heimatschutz-Argumentation hinaus, wie “Atomkraft schadet dem Ländle”. Dieses Geblöke würde seinen kritischen, linken Beiklang verlieren, wenn die ganze Volksbewegung endlich da landet, wo sie hingehört: in Deutschlands christlicher Volkspartei.
Ich habe mir etwas ganz Neues einfallen lassen. Bin untergetaucht. Terrorismus. Aber nicht so radikal. Mehr sozialdemokratisch. Sozialdemokratischer Terrorismus will nicht immer gleich Revolution machen. Er will die Lebensumstände der Menschen verbessern. Und, wenn das gerade nicht geht, dann will er angehört werden. Ins Gespräch kommen, auf sich aufmerksam machen. Wozu ein Flugzeug nach Mogadischu entführen und die Freilassung irgendwelcher Verwirrten fordern, wenn man auch den Bürgermeister von Wuppertal entführen und eine Erhöhung des Arbeitslosengelds II fordern kann? Ich rechne mir da ganz gute Chancen aus. Kaufhausbrand nicht als Konsumkritik, auch nicht als Kriegserklärung, sondern als Druckmittel für mehr Kindergartenplätze in Prenzlauer Berg.
Eine Revolution ist sehr anstrengend. Hinterher hat man den ganzen Laden am Hals, und die ganzen Arschlöcher. Da lasse ich mich gar nicht erst drauf ein. Aber die ungerechte Gesellschaft, die macht mir schon zu schaffen. Da muss man was tun, praktisch werden. Und jetzt wird ja auch die Vorratsdatenspeicherung neu verhandelt. Da habe ich mir überlegt, ein paar Telefonzellen abzufackeln. Fordern will ich eine maximal viermonatige Speicherung der Verbindungsdaten. Das wäre eine vernünftige Lösung, das habe ich auch schon ins Internet geschrieben, aber mein Vorschlag hat nicht recht Eindruck gemacht bei der Regierung. Das wird sich jetzt ändern.
Ich will da auch gar nicht unbedingt so gemäßigt bleiben. Man könnte schon auch mal jemanden erschießen, aber da muss dann auch richtig was rausspringen. Ich will kein Richter sein, also Rache-Akte oder blindes Töten gibt es bei mir nicht. Aber für eine richtige soziale Steuerreform, wenn das möglich wäre, dann muss vielleicht auch mal ein korrupter Christdemokrat dran glauben. Also wenn man jetzt zum Beispiel den Steuersatz für mittlere und niedrige Einkommen von 1500 bis 2900 Euro kräftig senken könnte, das wäre doch ein toller Erfolg. Bin aber auch an weniger radikalen Dingern dran, zum Beispiel die Fahrkartenpreise. Ich denke, dass da durch höhere Zuschüsse vom Staat Preissenkungen von bis zu zehn Prozent möglich sind. Jetzt überlege ich noch, wie ich das deutlich machen kann. Gewalt gegen Schaffner halte ich legitim, zweifle aber an der Effektivität. Vielleicht doch besser Scheiben einschmeißen.
Ich habe auch über die Gründung einer Gruppe nachgedacht, das aber verworfen. Gibt doch nur Streit. Jetzt mit den Lokführern weiß ich schon alleine nicht, was ich davon halten soll. Streik ist eine Sache, besser wäre aber doch eine richtige Sozialdemokratie, in der man das alles einvernehmlich mit den Arbeitgebern mal besprechen kann. Denn eigentlich, eigentlich sitzen wir doch alle im selben Boot. Das müssen die jetzt mal begreifen.
Wahrscheinlich, weil sie an einer bestimmten Zeitabfolge festhält – erst der Terrorakt, dann die Reaktion des Staates, schließlich die Berichterstattung der Medien. Demgegenüber definiere ich Terrorismus nicht nur als die terroristische Tat selbst. Neben den (Selbst-)Stilisierungen der Akteure wird das Phänomen durch strafrechtliche, politische und mediale Diskurse konstituiert. Dieses Verständnis von Terrorismus geht davon aus, dass das, was als Reaktion, als Maßnahme auf vorangegangene Terrorakte erscheint, maßgeblich daran beteiligt ist, den Terrorismus hervorzubringen.
Gerade den letzten Satz kann man ruhig öfter lesen, er wird mit der Zeit noch besser. Fragt sich nur, wer oder was bloß die “vorangegangenen Terrorakte” hervorgebracht hat – das Huhn oder das Ei?
Es sind schockierende Meldungen, die uns so oft in den Medien erreichen. Vor gut drei Jahren zum Beispiel diese:
Mike Hanke erneut Papa
Mike Hanke ist in der Nacht vom 20. Februar erneut Vater geworden. Der kleine Bruder für Schwesterchen Janatha-Fay soll Jayron-Cain heißen. Um 1.44 Uhr erblickte er das Licht der Welt, Mutter und Kind sind wohlauf.
Das muss man erstmal verarbeiten. Klar ist: Mike Hanke hat es nie leicht gehabt. Er hat eine Rasenallergie und leidet nach jedem Spiel unter Pusteln und Hautreizungen. Nun perpetuiert sich das Elend in Gestalt seiner Kinder, die es mindestens so schwer haben werden wie ihr Vater. So wie Vater Mike zum Tabellenletzten wechseln musste, so werden Janatha-Fay oder Jayron-Cain vielleicht einmal bei Schlecker landen. Das Wichtigste ist jetzt, dass die beiden eine gute Ausbildung erhalten. Mike weiß das aber auch.
Mit Spott ist es vielleicht nicht getan. Vielleicht muss man da mal was planen, für die Kinder. Oder mal die gesellschaftlichen Umstände kritisieren, unter denen Kinder ihre Namen erhalten. Aber wem würde das helfen? Die Wahrheit ist: Janatha und Jayron zahlen den Preis der Freiheit. Nicht ihrer Freiheit, im Gegenteil, der Freiheit ihrer Eltern. Im selben Akt wird deutlich, dass J-Fay und J-Cain selbst unfrei sind: Andere Menschen entscheiden über ihre Identität. Da hilft nichts. So ist der Mensch, so ist der Mike.
In den “Prenzlauer Berg Nachrichten”, einem Berliner Blog mit irgendwie kommerziellem Anspruch, wird heute das “Alois S.” beworben. Der Beitrag über die Bar, in der man alle Werder-Spiele im Fernsehen sehen kann, ist offensichtlich als Reklame zu verstehen.
Dem Autor ist offenbar nicht einmal bekannt, dass man in der Bundesliga auch Auswärtsspiele hat und es deshalb wenig bringen würde, wenn er “jede Woche” nach Bremen fahren würde. Mit solchen Fehlern könnte man leben, wenn er sein Loblied nicht auf so einen furchtbaren Laden wie das Alois S. singen würde.
Wie im Beitrag beschrieben ist es dort üblich, lange vor Spielbeginn Plätze für Leute zu reservieren, die vielleicht noch kommen. Es hilft also wenig, früh zu kommen, weil die zehn Leute, die um drei schon da sind, sämtliche Plätze irgendwie reserviert haben. Das könnte man noch okay finden, wenn nicht freudig auch für die reserviert würde, die dann am Ende gar nicht oder erst gegen fünf kommen.
Dabei kann man Personal erleben, das selbst in Mitte noch als besonders unfreundlich durchgehen würde. Wer hier gefragt wird, ob er noch etwas möchte, bekommt dabei deutlich signalisiert, dass es nicht um ein Bedürfnis des Kunden, sondern um dessen Pflicht, gefälligst Umsatz zu machen, geht. Dass Gastronomie keine Wohlfahrtsveranstaltung ist, weiß jeder. Der Job eines Kellners ist nur eigentlich, das den Kunden nicht ständig spüren zu lassen.
Mein persönliches Highlight mit dem Personal im Alois S. war, als der Kellner uns nach draußen hinterherkam, weil er zwanzig Cent zu wenig berechnet hatte. Da belästigt man seine Kunden doch gerne noch einmal, bei solchen Summen. Wenn die Kellner nicht zu solcher Hochform auflaufen, muss man an der Theke schon damit zufrieden sein, wenn die Bedienung eine Minute, nachdem sie jemanden bemerkt hat, endlich ihr Gespräch unterbricht, um dem Kunden klar zu machen, dass sie sich gestört fühlt und der Job ohne ihn viel angenehmer wäre.
Diese miese Atmosphäre ließe sich kaum noch verschlechtern, wenn da nicht der Fischmob Berlin wäre. Dieser Fanclub besingt sich selbst als “arrogant”. Das wäre lustig, wenn es nicht stimmen würde. Ihre Arroganz gründet sich in erster Linie darauf, dass sie sehr gut fernsehen und Bier trinken können. Direkt vor der Leinwand plaziert muss man sie den ganzen Nachmittag über sehen und dabei spüren, wie geil man sich als Fan und Stammgast vorkommen kann. Der Laden gehört ihnen, denken sie. Das äußert sich zum Beispiel so, dass sie gerne vor dem Spiel so vor der Leinwand stehen, dass fünf andere Leute, die drei Meter vor ihnen sitzen und ganz offensichtlich das laufende Zweitligaspiel verfolgt haben, nichts mehr sehen können. Wer einen Witz macht, lacht selbst am lautesten, und man müsste nicht einmal zuhören, um zu erfahren, dass diese Menschen sich und ihr samstägliches Tun für unfassbar geil halten. Nur warum?
Wenn sich jemand auf einen der freien Plätze setzt, die der Fischmob für sich beansprucht, kommt sofort der Hinweis: “Also die gehören eigentlich zum Fischmob, ist auch mit Lothar so abgesprochen…” Mit Lothar, dem Chef, hat man sich arrangiert. Die Sonderstellung, von der sie denken, sie hätten sie verdient, weil sie besonders cool sind, bezahlen sie mit ihrer Bierrechnung. Der Fischmob ist immer da und trinkt viel, weil Trinken bei ihnen wichtig ist. So und nicht anders kommt man zu reservierten Plätzen.
Wer also Ultras oder andere Fans im Stadion für arrogant hält, weil sie sich auf ihr Fan-Dasein etwas einbilden, der würde sich wundern, wenn er einmal Fans vor dem Fernseher erleben würde. Man kann sich auf viel weniger viel mehr einbilden. Besonders keck kommt sich die Belegschaft im Alois S. vor, wenn es Anstoß gibt. Dann ruft einer vorne “Gib den Ball her” bzw. “Mach den Ball rein” und der Rest des Lokals ruft zurück “Aber flott”. Wer das pfiffig findet, ist dumm, und wer das aufregend findet, war noch nie im Stadion.
Nun könnte das Alois S. vielleicht außerhalb der Spieltage ein netter Ort sein. Ist es aber nicht: Das Essen ist auch schlecht. Aber dafür teuer.
Es geht hier um Salat. Und um richtiges Essen. Und um Leute, die diese blöden Nurfleischistrichtigesessen-Witze leid sind. Mich zum Beispiel. Und es geht um Freunde. Man findet keine Freunde mit Salat. Man findet Freunde mit Blattgold, dem wundervollen Produkt, das ich hier gerade bewerbe. Ihr müsst es kaufen. Damit Ihr Freunde findet, Freunde und Freundinnen. Blattgold macht Menschen glücklich. Alle? Nein. Nur Folgende: Mütter, Väter, Kinder, Sportler, Angestellte, Astronauten, Doktoranden, Werber, Berliner, Spargelstecher, Vegetarier, Metzger, Jäger, Sammler, Feministen, Inder, Kinder, Blogger, Schuhverkäufer, Kommunisten, Malermeister, Stewardessen, Vera am Mittag, Islamisten, Staatsanwälte, Verteidigungsminister, Antiimperialisten, Sozialdemokraten, Sänger, Fernsehmoderatoren, Publizisten, Hippies, Yuppies, Pausenbrotschmierer und gelegentliche Passanten. Was mit dem Rest der Menschheit los ist, weiß ich nicht. Sie kaufen Blattgold nicht weil es sie glücklich macht, sondern weil es sie schön macht. Das ist legitim, finde ich.
Blattgold macht glücklich und schön, aber nicht reich. Bis jetzt. Das muss sich ändern. Wenn einer reich wird, müssen andere ihn bezahlt haben. In diesem Fall kommt Euch die etwas unangenehmere Rolle in dieser Transaktion zu. Das macht aber nichts, denn Ihr bekommt etwas dafür. Blattgold. War klar. Blattgold wird verkauft vom Haus der feinen Kost und ist das beste Salatdressing, das man bekommen kann, ohne bei Adam zum Abendessen eingeladen zu sein. Adam stellt jede Flasche Blattgold selbst her und behauptet, das Ergebnis schmecke nicht nur mit Salat, sondern mit Fleisch, Brot, Nudeln und diesem anderen da. Komm nicht drauf. Jedenfalls ist es lecker und wer für sich selbst kein Geld ausgeben will findet in Blattgold ein schönes Geschenk. Auf Wunsch auch ein sehr schönes und sehr teures Geschenk: Blattgold gibt es auch mit – Blattgold. Echtem jetzt. Das sieht geil aus. Echt. Und wenn Ihr wie ich gerade den Link zum Haus der feinen Kost weiterreichen könntet, wäre das eine gute Sache. Gibts natürlich auch bei Facebook.




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